Der Prophet Micha (2)
Kapitel 2

Henry Allen Ironside

© SoundWords, online seit: 05.09.2021, aktualisiert: 05.09.2021

Ist der HERR ungeduldig? Oder sind dem Geist des HERRN Schranken gesetzt?

Gott will, dass die, die Er in eine Bundesbeziehung mit sich gebracht hat, Überwinder sind. Sind sie es nicht, dann liegt der Fehler bei ihnen, nicht bei Ihm. Gott hat überfließende Quellen für den Gläubigen, aus denen dieser schöpfen kann. Doch wo Unglaube und Ungehorsam herrschen, muss es zwangsläufig zu einer geistlichen Lähmung kommen.

Das hatte sich im Fall Israels schon oft gezeigt, und nie mehr als damals, als Micha mit der Botschaft des HERRN zu ihnen gesandt wurde. Ihr Seelenzustand war zu dieser Zeit erbärmlich niedrig; folglich war ihr Verständnis für göttliche Dinge so abgestumpft, dass sie die Fähigkeit verloren hatten, zu unterscheiden, was von Gott kam und was von Menschen.

So ist es immer, wenn Menschen nicht gehorsam gegenüber der offenbarten Wahrheit sind: Sie verlieren die Fähigkeit, Wahrheit von Irrtum zu unterscheiden, und tun dann unter dem verhärtendem Einfluss des „Betrugs der Sünde“ [vgl. Heb 3,13] womöglich die abscheulichsten Dinge, während sie seelenruhig verkündigen, dies sei zur Ehre Gottes. Und sie sind tief betrübt, wenn ihre hohen Ansprüche nicht anerkannt und beachtet werden.

Verse 1-5

Mich 2,1-5: 1 Wehe denen, die Unheil ersinnen und Böses vorbereiten auf ihren Lagern! Beim Morgenlicht führen sie es aus, weil es in der Macht ihrer Hand steht. 2 Und sie begehren Felder und rauben sie, und Häuser und nehmen sie weg; und sie verüben Gewalttat an dem Mann und seinem Haus, an dem Menschen und seinem Erbteil. 3 Darum, so spricht der HERR: Siehe, ich ersinne ein Unglück gegen dieses Geschlecht, aus dem ihr eure Hälse nicht ziehen und unter dem ihr nicht aufrecht gehen werdet; denn es ist eine böse Zeit. 4 An jenem Tag wird man einen Spruch über euch anheben und ein Klagelied anstimmen. „Es ist geschehen!“, wird man sagen. Wir sind ganz und gar verwüstet: Das Erbteil meines Volkes vertauscht er; wie entzieht er es mir! Dem Abtrünnigen verteilt er unsere Felder. 5 Darum wirst du niemand haben, der in der Versammlung des HERRN die Mess-Schnur wirft, um ein Los zu bestimmen.

In diesem zweiten Kapitel begründet Gott, warum Er das Böse gegen das ganze Geschlecht Israel geplant hat: weil Ungerechtigkeit unter dem Volk vorherrscht (wie in den Versen 1 und 2 beschrieben). Da sie in ihrem Umgang miteinander seine gerechten Ansprüche ignoriert haben, kann Er ihnen nur das zumessen, was sie selbst ihren Mitmenschen zugemessen hatten (vgl. Mt 7,2). Deshalb lässt Er sie wissen, dass Er Unheil über sie bringen würde, vor dem auch kein Hochmut sie bewahren würde. Sie würden schweren Zeiten entgegengehen (Mich 2,3). Klagelieder und Trauer sollten auf ihre unbekümmerten Lieder folgen. Ihre Felder sollten unter Fremden aufgeteilt werden, und sie würden niemand haben, „der in der Versammlung des HERRN die Mess-Schnur wirft, um ein Los zu bestimmen“ – d.h., es würde keiner von Israel übrigbleiben, der befugt wäre, das Land aufzuteilen und abzumessen und die Grenzsteine entsprechend zu setzen.

Verse 6.7

Mich 2,6.7: 6 „Weissagt nicht!“, weissagen sie. Weissagt man nicht jenen, so wird die Schmach nicht weichen. 7 Du, Haus Jakob genannt, ist der HERR ungeduldig? Oder sind dies seine Taten? Sind meine Worte nicht gütig gegen den, der aufrichtig wandelt?

Diese Aussicht ist unerträglich und deshalb rufen sie: „Weissage nicht!“ So wie viele heutzutage wollten sie damals die Boten zum Schweigen bringen und die Botschaft nicht beachten. Doch Gott sagt: „Sie {die Boten} sollen weissagen.“ Seine Diener durften also nicht ungestraft abgewiesen werden. Doch weil das Volk das Wort gehört und es abgelehnt hat, sagt der HERR andererseits: „Diesen sollen sie nicht weissagen, damit die Schmach sie nicht ereile“ (V. 6; Übersetzung nach der englischen Authorized Version).[1]

Denn das Gericht war nun beschlossen und muss kommen. Dennoch stellt Gott die Frage: „Du, Haus Jakob genannt, ist der HERR ungeduldig? Oder sind dies seine Taten? Sind meine Worte nicht gütig gegen den, der aufrichtig wandelt?“ Zweifellos hätte Er Buße anerkannt, wenn sie sich in einem von ihnen gezeigt hätte, und sich ungeachtet des drohenden Verderbens zu ihren Gunsten eingesetzt.

Dieses Wort tröstet und ermutigt jeden, der in diesen letzten Tagen der Geschichte der Kirche ein Ohr hat, um zu hören, was Gott in seinem Wort sagt. Nichts kann den kommenden Untergang der hochmütigen Christenheit jetzt noch abwenden, und nichts kann ebenso wenig die gefallene Versammlung Gottes aufrichten. Aber wo auch immer ein Einzelner treu ist oder wo einige wenige versuchen, in aller Schwachheit das Wort Gottes zu beherzigen, gibt es Segen, und der Herr anerkennt alle, die Er anerkennen kann, weil sie zu den Seinen gehören.

Gottes Worte sind immer „gütig gegen den, der aufrichtig wandelt“. Geistliche Dinge müssen „geistlich beurteilt“ werden [1Kor 2,14], und deshalb findet nur der, der aufrichtig und gottesfürchtig ist, wahren Gewinn und Segen im Wort Gottes. Doch wer sich darin übt, wird bemerken, dass er im Wort alles findet, was er auf dem Glaubensweg braucht. Wenn er sich von der Wahrheit ernährt, wird ein Umstand nie so schwierig und erprobend, eine Krise nie so schwer sein, dass der Mensch Gottes nicht zu jedem guten Werk gerüstet wäre [vgl. 2Tim 3,16.17]. Die Heilige Schrift und die Erleuchtung durch den Heiligen Geist ist alles, was wir in der Not brauchen.

Verse 8-10

Mich 2,8-10: 8 Aber noch unlängst lehnte sich mein Volk als Feind auf: Vom Oberkleid zieht ihr den Mantel denen ab, die sorglos vorübergehen, vom Kampf abgewandt sind; 9 die Frauen meines Volkes vertreibt ihr aus dem Haus ihrer Wonne, von ihren Kindern nehmt ihr meinen Schmuck für immer. 10 Macht euch auf und zieht hin! Denn dieses Land ist der Ruheort nicht, um der Verunreinigung willen, die Verderben bringt, und zwar gewaltiges Verderben.

Doch wenn die, die bekennen, Gottes Volk zu sein, sich „als Feind auflehnen“ und sich weigern, auf das Wort des HERRN zu hören (wie in den Versen 8 und 9), dann werden die anderen aufgerufen, sich von allem abzusondern, was unrein und unheilig ist: „Macht euch auf und zieht hin! Denn dieses Land ist der Ruheort nicht, um der Verunreinigung willen.“ Weiterhin Gemeinschaft zu pflegen mit dem, was Gottes Gedanken entgegensteht, führt ins Verderben. Wir sind aufgerufen: „Kaufe Wahrheit und verkaufe sie nicht“ (Spr 23,23).

Vers 11

Mich 2,11: Wenn ein Mann da ist, der dem Wind nachgeht und betrügerisch lügt: „Ich will dir weissagen von Wein und von starkem Getränk“, der wird ein Prophet dieses Volkes sein.

In Israel war jeder falsche Prophet mehr willkommen als ein von Gott gesandter Bote. Ein betrügerischer Lügenredner, der „die Gnade unseres Gottes in Ausschweifung verkehrt“ (Jud 4), wäre für sie in ihrem gefallenen Zustand ein passender Prophet gewesen.

Verse 12.13

Sie verachteten also den Hirten Israels und folgten seinen Wegen nicht. Daher wurden sie verworfen. Doch Gottes Zorn brennt nicht ewig; denn die Botschaft in Kapitel 2 schließt mit einer kostbaren Verheißung:

Mich 2,12.13: 12 Sammeln werde ich dich, Jakob, ganz sammeln; versammeln, ja, versammeln werde ich den Überrest Israels. Ich werde ihn zusammenbringen wie die Schafe von Bozra, wie eine Herde inmitten ihrer Weide; sie werden lärmen vor Menge der Menschen. 13 Der Durchbrecher zieht herauf vor ihnen her; sie brechen durch und ziehen durchs Tor und gehen durch es hinaus; und ihr König zieht vor ihnen her und der HERR an ihrer Spitze.

Nach dieser Verheißung werden sie an einem kommenden Tag wiederhergestellt und gesegnet werden. Gott selbst bringt die verlorenen Schafe Jakobs zusammen, indem Er den Überrest wieder sammelt und die Schafe als Herde miteinander in seinem Hof zusammenführt. Wenn sich Mauern vor ihnen erheben, um ihnen die Rückkehr ins Land ihrer Ruhe zu versperren, sendet Er seinen Durchbrecher[2], der einen Weg für seine Erlösten öffnet und sie im Triumph zurückführt in Immanuels Land[3]: „Und ihr König zieht vor ihnen her und der HERR an ihrer Spitze.“

Was für ein glückliches Ende, wenn all ihre Züchtigung vollendet ist und sie nach dem Weg nach Zion fragen!


Originaltitel: „Notes on the Prophecy of Micah“
aus Notes on the Minor Prophets, 1909
Quelle: http://www.plymouthbrethren.org/article/4846

Übersetzung: Christa Kern

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Anmerkungen

[1] Die Übersetzung der englischen Authorized-King-James-Bibel ist hier sehr verwirrend. Vers 6 sollte nach namhaften Gelehrten lauten: „Weissagt nicht!, [sagen sie, aber] sie werden weissagen; diesen werden sie nicht weissagen, damit die Schmach sie nicht ereile.“

[2] Eigentlich: „Mauerbrecher“.

[3] Anm. d. Red.: Ironside bezieht sich hier wahrscheinlich auf „Immanuel’s Land“, ein Lied von Anne Ross Cousin aus dem Jahr 1857, das seitdem bis heute in englischsprachigen Brüderversammlungen bekannt ist und gesungen wird.

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