Liebe zu Christus
Hohelied 5,9; 1,13; Johannes 11,18

Frederick Albert Hughes

© SoundWords, online seit: 29.12.2006, aktualisiert: 29.09.2018

Leitverse: Hohelied 5,9; 1,13; Johannes 11,18

Hld 5,9: Was ist dein Geliebter vor einem anderen Geliebten, du Schönste unter den Frauen? Was ist dein Geliebter vor einem anderen Geliebten, dass du uns also beschwörst?

Hld 1,13: Mein Geliebter ist mir ein Bündel Myrrhe, das zwischen meinen Brüsten ruht.

Joh 11,18: Betanien aber war nahe bei Jerusalem, etwa fünfzehn Stadien {eine Entfernung von etwa 40 Minuten} weit;

Ich möchte das Augenmerk auf das Vorrecht lenken, in unserer Liebe zum abwesenden Christus Hingabe zeigen zu können, und ich möchte zeigen, welchen Weg der Heilige Geist wählt, damit in der gereiften Zuneigung seiner Jünger dem Herrn Jesus Raum geschaffen wird.

Ich beziehe mich vor allem auf diesen Vers im Johannesevangelium, der uns berichtet, dass Betanien knapp drei Kilometer von Jerusalem entfernt lag. „Betanien aber war nahe bei Jerusalem, etwa fünfzehn Stadien weit“ (Joh 11,18). Betanien ist ein wunderbarer Ort in der Bibel. Es ist ein Ort des Segens für diejenigen, die Christus lieben; der Ort, wo Er den Schatten des Todes von denen wegnahm, die um den Verlust von Lazarus trauerten; der Ort, wo sie Ihm ein Abendessen bereiteten als Antwort ihrer Liebe. Geschwister, das war noch nicht einmal drei Kilometer von Jerusalem entfernt, wo Er gehasst wurde!

Ich möchte diesen Punkt ganz besonders deutlich machen. An jenem bevorrechtigten Ort, wo Er die Nacht verbringen konnte, umgeben von der gereiften Liebe seiner Jünger; dort unter dem Schatten der „Stadt der … Bosheiten“; nahe der Stadt Jerusalem, wo Er leiden würde. Er würde dort vertrieben, verachtet, verschmäht, angespuckt, verleugnet werden  Er, der Christus Gottes! Und keine drei Kilometer davon entfernt war ein Ort, wo Er in Liebe willkommen war und Ihm Raum gemacht wurde. Darf ich die geistliche Belehrung davon einmal auf die heutige Situation anwenden? Auch wir befinden uns unter dem Schatten einer Welt, die unseren Erlöser hasst; wir befinden uns in der Nähe eines Systems, das die abscheulichsten Dinge über den vollkommenen Christus sagt! Wir befinden uns ganz in der Nähe derer, die sich nicht scheuen, den Charakter des herrlichen Sohnes Gottes, unseres Erlösers, in den Schmutz zu ziehen! Was für ein wunderbares Vorrecht für die Heiligen Gottes, Ihm in ihren Herzen Platz zu machen unter dem Schatten dessen, das seinen Namen auslöschen würde, wenn es könnte!

Dieses kostbare Betanien, dieser Ort, an den Er uns gerade jetzt im Geiste führen möchte  während wir seine Wiederkunft erwarten, möchte Er uns „bis nach Betanien“ (Lk 24,50) führen, wobei die Ausdrucksweise darauf deutet, dass es etwas jenseits von Betanien gibt, was auch tatsächlich der Fall ist! Aber Er möchte uns bis nach Betanien führen, und indem Er uns dorthin führt, möchte Er uns den Triumph seines Todes, seiner Auferstehung und seiner glorreichen Himmelfahrt erleben lassen! Er möchte unsere Herzen in freudige Erregung versetzen mit jener kostbaren Liebe, die Ihn durch alles hindurchtrug  diesen glorreichen Mann, der litt und auferstand und hinauffuhr in den Himmel zur Rechten Gottes.

Darf ich mein Herz und eure Herzen herausfordern? Gibt es in deiner Liebe zu Christus ein Betanien? Wer ist dein „Geliebter vor allen anderen Geliebten“? Welch eine Vertrautheit zeigt sich in diesem vorbildvollen Kapitel! Nur aus der Nähe inniger, vertrauter Liebe heraus hätte jemand seine heilige Person so beschreiben können, wie die Frau im Hohelied es tut! Ach, liebe Geschwister, je näher wir Jesus sind, desto verständiger und liebevoller wird unsere Erkenntnis und unsere Wertschätzung sein, wenn wir Rechenschaft ablegen sollen, wer Er ist: unser „Geliebter vor allen anderen“! Die Menschen degradieren Ihn in ihren Gedanken und Worten zu einem rein menschlichen Anführer, und die Herausforderung lautet: Was hat unser Geliebter allen anderen voraus? Lasst uns unsere Herzen erforschen, und wenn wir die Antwort der Braut im Hohelied betrachten, sehen wir, dass sie bei seinem Haupt beginnt  gediegenes Gold. Und ihre Beschreibung geht bis zu seinen heiligen Füßen hinunter  und achten wir darauf: Da ist keine Veränderung in der Heiligkeit und Herrlichkeit seiner Person! Sein Haupt ist aus feinstem Gold! Wenn wir an Nebukadnezars Bild denken, da war der Kopf aus Gold, aber auf dem Weg nach unten verschlechterten sich die Materialien bis hin zu den Füßen aus Eisen und Ton. Alles in dieser Welt verschlechtert sich, so großartig sein Anfang auch sein mag. Aber in unserem Geliebten, dem Heiligen, Herrlichen, gibt es nichts als uneingeschränkte, glänzende Herrlichkeit von Kopf bis Fuß. Jeder Zug und jede Eigenschaft an Ihm zeichnet sich durch absolute Beständigkeit aus und alles das in strahlender Herrlichkeit! „Was hat dein Geliebter allen anderen Geliebten voraus?“  „Mein Geliebter ist mir ein Büschel Myrrhe“ (Hld 1,13).

[Anm. d. Red.: W.J. Ouweneel schreibt hierzu:

Die Myrrhe war ein Saft, der aus einer Baumrinde tropfte. Das geschah nicht von selbst; dazu musste der Baum angeschnitten werden. Das ist das erste Kennzeichen der Myrrhe: dem Baum mussten Wunden zugefügt werden, bevor der Saft zum Vorschein kam. Zweitens: Die Myrrhe war bitter im Geschmack. Drittens: Wenn die Myrrhe ins Feuer kam, stieg daraus ein Wohlgeruch empor. Gibt es ein Gewürz, das deutlicher von den Leiden des Herrn Jesus spricht? Er wurde geschlagen, und Jerusalem wird sagen: „Doch um unserer Übertretungen willen war Er verwundet, um unserer Missetaten willen zerschlagen.“ Was ist daraus zum Vorschein gekommen, als der Herr Jesus so von Gott selbst geschlagen wurde und Gott sagte: „Schwert, erwache wider meinen Hirten und wider den Mann, der mein Genosse ist“ (Sach 13,7)? Die Bitterkeit der Myrrhe, der bitteren Kräuter, die beim Passah gegessen wurden. Doch als die Myrrhe in das Feuer kam, das Gott über den Herrn Jesus brachte, da kam der wohlriechende Geruch hervor, von dem Epheser 5 spricht: Der Herr Jesus hat sich hingegeben als „Darbringung und Schlachtopfer, Gott zu einem duftenden Wohlgeruch“ (Eph 5,2). Welch ein wunderbarer Herr! Doch es geht hier nicht allein darum, dass Er gestorben ist, sondern dass die Braut selbst so ihren Heiland auf dem Herzen trägt. Sie sagt hier: „Mein Geliebter ist mir ein Bündel Myrrhe.“ Im Morgenland hatten die Frauen manchmal die Gewohnheit, getrocknete Myrrhe in ein Säckchen zu tun und zwischen den Brüsten zu tragen, um sich mit dem herrlichen Geruch der Myrrhe zu umgeben. Welch ein schönes Bild ist das: „… das zwischen meinen Brüsten ruht.“ Wenn sie {die Braut = der gläubige Überrest in der Zukunft in Jerusalem} in der großen Drangsal ist, dann wird sie erfahren, dass alles Nacht um sie herum ist. Doch Gott hat gesagt, dass Er in der Finsternis ein großes Licht aufgehen lassen wird (Jes 9,1; 60,1.2). In Maleachi finden wir sie in dieser Nacht, wo sie Ausschau hält nach der Sonne der Gerechtigkeit, bis sie am Horizont erscheint. Aber solange es Nacht ist, trägt sie einen leidenden und sterbenden Christus zwischen ihren Brüsten. Welch ein wunderbarer Platz. In Hosea sagt Gott, als dasselbe Jerusalem Ihm noch untreu war und den Götzen nachging: „Damit sie ihre Hurerei von ihrem Angesicht wegtue und ihren Ehebruch zwischen ihren Brüsten hinweg“ (Hos 2,2). Doch hier sehen wir, dass sie an demselben Platz, dort, wo ihr Herz ist, nun die Erinnerung an ihren leidenden und sterbenden Herrn trägt; so wie Paulus sagt, dass Christus durch den Glauben in ihren Herzen wohnt (Eph 3,17). Ist das so? Haben wir den Herrn Jesus nur kennengelernt als Denjenigen, durch den wir erlöst sind, oder hat Er in unseren Herzen Wohnung gemacht? Sind wir allezeit erfüllt mit dem, was Er für Gott ist als der Leidende und Sterbende auf dem Kreuz? Tragen wir Ihn so in der Nacht, in der auch wir sind und von der Paulus gesagt hat: „Die Nacht ist weit vorgerückt, und der Tag ist nahe“ (Röm 13,12)?“ (Das Buch der Lieder, S.65)]

Wie sehr schätzen wir die leidende Liebe Christi? „Ein Büschel Myrrhe.“ Myrrhe spricht vom Leiden. „Deine Kleider sind lauter Myrrhe, Aloe und Kassia“ (Ps 45,8). Wie das Evangelium des Matthäus berichtet, zogen die Soldaten, nachdem sie Ihn verspottet hatten, Ihm den Purpurmantel aus, in dem sie Ihn verspottet hatten, zogen Ihm dann seine eigenen Kleider wieder an und „führten ihn ab, um ihn zu kreuzigen“. Wenn wir hinter unserem heiligen Heiland hergegangen wären, als Er zum Kreuz ging, hätten wir den Geruch von Myrrhe, Aloe und Kassia wahrgenommen! Der Wohlgeruch Christi, wie Er zum Kreuz ging! Die leidende Liebe Jesu, die Bitterkeit des Todes und über allem der Duft von Weihrauch, der zu Gott emporstieg! Wie Er vorwärtsgeht: „Nicht mein Wille, sondern Dein Wille geschehe.“ [Anm. der Red.: Der Weihrauch stellt in der Typologie der Schrift das dar, was im Leben des Herrn Jesus speziell für Gott  zu seiner besonderen Freude  war.] Im Gehorsam gegenüber dem Willen seines Vaters und in Liebe zu Ihm wurde alles vollbracht. In Liebe gab Er sich selbst, für die Gemeinde als Ganzes und für jeden Einzelnen von uns; denn  nicht wahr  wir können alle sagen: „Der Sohn Gottes, der mich geliebt, und sich selbst für mich hingegeben hat“ (Eph 5,2). Ich erinnere mich an einen lieben alten Bruder, der zu sagen pflegte, dass er diesen Vers zu Beginn seines Lebens als Christ folgendermaßen zitierte: „Der Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat.“ Später lernte er, ihn wie folgt zu zitieren: „Der Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat.“ Es ist die Kostbarkeit seiner Person, die das Herz freudig erschauern lässt.

Was hat dein Geliebter für dich allen anderen Geliebten voraus?

„Unsere Schwester ist klein und hat noch keine Brüste“, sagt die Schrift (Hld 8,8), (und man würde sich wünschen, dies mit heiliger Feinfühligkeit zu behandeln!) Da ist keine gereifte Liebe zu dem Geliebten! [Anm. der Red.: Das ist die Bedeutung von „Brüsten“ in der Typologie der Schrift, wenn es um Reife geht.] Ach, wie schade! Wie oft könnte dies von den Kindern Gottes niedergeschrieben werden! Es ist keine Liebe als Antwort auf Christus gereift! „Was sollen wir mit unsere Schwester tun, wenn man um sie werben wird? Ist sie eine Mauer, so wollen wir ein silbernes Bollwerk darauf bauen. Ist sie eine Tür, so wollen wir sie sichern mit Zedernbohlen.“

Was auch immer die Auslegung dieses Verses sein mag, [Anm. der Red.: Die Auslegung des Hoheliedes bezieht sich nicht auf die Gemeinde, sondern auf Jerusalem (im erweiterten Bereich Juda) (im Bild von Sulamith) und die zehn Stämme (die kleine Schwester), beide Töchter einer Mutter (Israel). Dennoch lassen sich die allgemeinen Grundsätze auch auf Gläubige heute anwenden.], lasst ihn uns folgendermaßen auf uns anwenden: Wenn unsere Liebe nicht zu Christus hin gereift ist und unsere Tür der Welt offen steht, wird uns die Betrachtung seiner erlösenden Liebe, seiner heiligen Leiden und der einzigartigen Größe seiner Person in antwortender Liebe zu Ihm halten. „Silber“ [Anm. der Red.: Silber ist in der Typologie der Schrift ein Bild von der Erlösung (siehe z.B. 4Mo 3,44-51, 2Mo 30,11-16)] und „Zedernholz“ [Anm. der Red.: Die Zeder als der höchste Baum im Nahen Osten steht für einzigartige Größe (siehe z.B. 1Kön 5,13)].

Die Frau in Lukas 7  eine Person, über die man sich freuen kann, auch wenn sie eine Sünderin war  kam angezogen von dem Wissen, dass Jesus dort war! Kein anderer hatte ihre Zuneigung, es war Jesus, den sie wollte. Sie kam und stand zu seinen Füßen. Ihr werdet feststellen, dass in diesem kurzen Abschnitt seine heiligen Füße siebenmal erwähnt werden! Oh, die Vollkommenheit von Jesu Gang! Die Kostbarkeit von Jesu Bewegungen in dieser Szene! Es gibt nicht seinesgleichen; niemand ist wie Er! In seinem heiligen Gang zeigte sich stets die tiefe, tiefe Liebe seines Herzens; schön waren auf den Bergen diese kostbaren Füße Christi, die die frohe Botschaft des Friedens brachten (Jes 52,7)! Schätzen wir die Füße Jesu wert genug?

Wenn man das Lukasevangelium durchgeht, wird man finden, dass Jesu Füße uns zunehmend die Größe seiner Person lehren. Hier gibt es eine Frau, die zu seinen Füßen steht; in Lukas 10 gibt es eine Frau, die zu seinen Füßen sitzt und seinen Worten lauscht. Wo immer wir von Maria von Betanien lesen, sitzt sie stets zu Jesu Füßen. Und in Lukas 17,16 gibt es einen Mann, der auf seinem Angesicht Jesus zu Füßen liegt, und er betet an! Je tiefer wir uns vor der Herrlichkeit seiner Person neigen, desto größer ist Er in unserer Sicht. Zu seinen Füßen stehen, zu seinen Füßen sitzen; auf unserem Gesicht zu seinen Füßen liegen  anbeten! Das Herz geht über, wenn die Größe und Herrlichkeit der Kostbarkeit Christi die Sicht füllen! Dann können wir, jeder von uns, wirklich aus ganzem Herzen sagen: „Mein Geliebter ist auserkoren unter vielen Tausenden … ja, alles an ihm ist lieblich. So ist mein Geliebter, ja mein Freund ist so.“

Möge es immer mehr so sein, bis Er kommt.


Gekürzte Notizen einer Predigt  März/April 1969

Übersetzung: S. Bauer


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