Was ist Bekehrung? (2)
Was Bekehrung nicht ist

Charles Henry Mackintosh

© SoundWords, online seit: 04.09.2016, aktualisiert: 03.12.2016

Religiös werden?

Lasst uns jetzt, nachdem wir die Notwendigkeit der Bekehrung bewiesen haben, untersuchen, was die Bekehrung ist. Es ist für uns wirklich wichtig, in göttlicher Weise hierüber unterrichtet zu sein. Zahlreiche Irrtümer herrschen in Bezug auf diesen Gegenstand, und vieles Verkehrte ist schon darüber geredet und geschrieben worden. Gerade wegen der unermesslichen Wichtigkeit dieses Themas ist es das stete Bestreben des großen Feindes der Seelen gewesen, den Menschen auf alle mögliche Weise in Irrtümer zu verwickeln. Wenn es ihm nicht gelingt, den Menschen in Bezug auf die Bekehrung völlig gleichgültig und sorglos zu machen, dann sucht er seine Augen zu verblenden und den wahren Charakter der Bekehrung vor ihm zu verbergen. Wenn zum Beispiel jemand durch das eine oder andere Mittel zu einem Gefühl der völligen Eitelkeit und Unzulänglichkeit der weltlichen Vergnügungen erwacht und die dringende Notwendigkeit einer Änderung seines Lebens erkennt, so wird der Erzbetrüger einen solchen gewöhnlich zu überreden suchen, religiös zu werden, sich mit Ordnungen, Satzungen und Zeremonien zu beschäftigen, Bälle, Theater, Konzerte, Trunk und Spiel aufzugeben, kurz, jeder Art weltlicher Vergnügungssucht zu entsagen und sich zu bestreben, ein frommes, ehrbares Leben zu führen, die Vorschriften der Religion eifrig zu beachten, die Bibel zu lesen, Gebete aufzusagen, Almosen zu geben und für die Unterstützung der großen religiösen und mildtätigen Institutionen des Landes zu spenden.

Aber das ist nicht wahre Bekehrung. Dies alles kann jemand tun und dennoch völlig unbekehrt sein. Ein religiöser Eiferer, dessen ganzes Leben in Wachen, Fasten, Gebeten, Kasteiungen und guten Werken besteht, kann durchaus unbekehrt und ebenso weit vom Reich Gottes entfernt sein wie der gedankenlose, leichtsinnige Lebemann, der in Saus und Braus dahinlebt. Ohne Zweifel sind diese beiden Charaktere weit voneinander verschieden, der Unterschied könnte vielleicht nicht größer sein. Aber dennoch sind beide unbekehrt, beide stehen außerhalb des gesegneten Kreises der Erlösten Gottes, beide befinden sich noch in ihren Sünden. Wohl ist der eine mit „bösen Werken“ beschäftigt, während sich der andere in „toten Werken“ abmüht; aber beide sind ohne Christus, sie sind nicht errettet, sondern befinden sich beide auf dem Weg zu einem hoffnungslosen, ewigen Elend. Der eine wie der andere wird, wenn er nicht in Wahrheit umkehrt, sein Teil in dem See finden, der mit Feuer und Schwefel brennt.

Wechsel der Religion?

Auch ist Bekehrung nicht der Übergang von einem religiösen System zu einem anderen. Jemand mag sich von dem Judentum dem Heidentum, dem Islam oder dem Romanismus trennen und zum Protestantismus übertreten und dennoch völlig unbekehrt sein. Ohne Zweifel ist es, vom gesellschaftlichen und sittlichen Standpunkt aus betrachtet, viel besser, ein Protestant zu sein als ein Mohammedaner; aber dennoch stehen beide von Natur auf dem gleichen Boden, sie sind beide unbekehrt. Von beiden kann gesagt werden, dass sie, wenn sie sich nicht bekehren, nicht in das Reich Gottes eingehen können. Bekehrung ist nicht die Verbindung mit einem religiösen System, mag dies auch noch so orthodox sein. Jemand mag Mitglied der respektabelsten christlichen Gemeinschaft der Christenheit und trotzdem ein unbekehrter, unerretteter Mensch auf dem Weg in sein ewiges Verderben sein.

Ein Glaubensbekenntnis?

Das gilt auch von den theologischen Glaubensbekenntnissen. Jemand mag alle die sogenannten Glaubensartikel auswendig kennen, er mag sich zu der Lehre Luthers, Calvins, Wesleys oder irgendeines anderen Menschen bekennen und dennoch unbekehrt, tot in Sünden und Übertretungen und auf dem Weg zu dem Ort sein, den aufgrund der schrecklichen, ewigen Dunkelheit niemals ein einziger Strahl der Hoffnung erreichen wird.

Welchen Nutzen hat ein religiöses System oder ein theologisches Glaubensbekenntnis für einen Menschen, der keine Spur des göttlichen Lebens besitzt? Systeme und Bekenntnisse können weder lebendig machen noch erretten noch ewiges Leben mitteilen. Man kann sich jahraus, jahrein abmühen in allerlei christlichen Werken und dennoch da enden, wo man angefangen hat in der trostlosen Eintönigkeit der toten Werke. Welchen Wert hat dies alles? Was ist das Ende von all diesem Mühen ohne Ruhe und Rast? Es ist der Tod und eine finstere, schreckliche Ewigkeit. Was ist das alles wert? Wo führt das alles hin? Was ist das Ende von all dem? Tod! Ja, und was dann? Das ist die Frage. Möge Gott schenken, dass das Gewicht und der Ernst dieser Frage mehr und vor allen Dingen richtig verstanden würde. Doch leider ist es so, dass das Christentum selbst, in seiner vollen Ausprägung, als bloßes religiöses Glaubenssystem angenommen werden.

Prediger des Evangeliums und doch verloren?

Es ist sogar möglich, dass ein Mensch mit den herrlichen Ratschlüssen der Gnade Gottes bekannt ist, mit der Errettung durch Glauben, der Rechtfertigung ohne Werke; dass er bekennt, an diese Dinge zu glauben und sich ihrer zu erfreuen, ja dass er selbst durch Wort und Schrift die christlichen Lehren verteidigt und ein beredter Prediger des Evangeliums ist. All das mag zutreffen und trotzdem kann die Person völlig unbekehrt, in den Vergehungen und Sünden tot und verhärtet sein. Sie kann sich selbst mit ihrer Vertrautheit mit den wertvollen Grundprinzipien der reinen Wahrheit täuschen und zerstören, die aber niemals tiefer als bis auf die Ebene des Verstandes gelangt sind, niemals ihr Gewissen erreicht, ihr Herz berührt und ihre Seele bekehrt haben.

Das ist der entsetzlichste Fall von allen. Nichts kann schrecklicher, furchtbarer sein als der Zustand eines Mannes, der vorgibt, das Evangelium Gottes zu glauben, sich daran zu erfreuen, ja, es sogar predigt und alle großen kennzeichnenden Wahrheiten der Christenheit lehrt und doch völlig unbekehrt, unerlöst und auf seinem Weg in eine Ewigkeit unsagbarer Qualen ist – Qualen, die unweigerlich durch die Erinnerung daran, dass er einst zu glauben vorgab und es sogar unternahm, die herrlichsten Nachrichten zu predigen, die jemals ein sterbliches Ohr erreichten, bis zum Höchstmaß intensiviert werden.

Lieber Leser, wer immer du auch seiest, wir bitten dich inständig, dass du deine volle Aufmerksamkeit auf diese Dinge richten mögest. Ruhe nicht für eine Stunde, bis du dir deiner ehrlichen und unverkennbaren Bekehrung zu Gott sicher bist.

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Originaltitel: „Was ist Bekehrung?“
aus Botschafter des Heils in Christo, 1880, S. 210–219
Ergänzungen nach dem Original „Conversion: What is it?“ aus Miscellaneous Writings, Bd. 3

Übersetzung: Philipp-Richard Schulz

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