Der Brief des Paulus an die Kolosser (2)
Kapitel 2

Stanley Bruce Anstey

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Der geistliche Kampf  (V. 1-3) – Fortsetzung

Vers 1

Paulus wusste, dass sich die Gläubigen in dieser Gegend in einer gefährlichen Lage befanden, und wollte, dass sie erfuhren, dass er um sie besorgt war:

Kol 2,1: Denn ich will, dass ihr wisst, welch großen Kampf ich habe um euch und die in Laodizea und so viele mein Angesicht im Fleisch nicht gesehen haben, …

Dass er hier „Laodizea“ und später „Hierapolis“ erwähnt (Kol 4,13), macht deutlich, dass auch diese benachbarten Versammlungen in Bedrängnis waren. Es zeigt, dass der Feind sich unablässig bemüht. Wenn die Irrlehrer bei den Kolossern kein Gehör finden konnten, würden sie es in Laodizea oder in Hierapolis versuchen.

Verse 2.3

Es war Paulus’ großes Verlangen, …

Kol 2,2.3: 2 dass ihre Herzen getröstet werden, vereinigt in Liebe und zu allem Reichtum der vollen Gewissheit des Verständnisses, zur Erkenntnis des Geheimnisses Gottes, 3 in dem verborgen sind alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis.

„In Liebe vereinigt“ zu sein bedeutete, dass „ihre Herzen“ im Herrn getröstet waren. Die „volle Gewissheit des Verständnisses“ des Geheimnisses zu haben bedeutete, dass ihr Geist, ihr Denken in der Wahrheit unterwiesen war. Dies würde sie gegen die Irreführung des Feindes wappnen. Wenn es so um die Kolosser stünde, wäre es für den Feind schwierig, in der Gemeinde Fuß zu fassen. Die „volle Gewissheit“, auf die Paulus sich hier bezieht, war nicht die Gewissheit, dass ihre Seelen errettet waren; das wussten sie bereits. Sie sollten die volle Gewissheit haben, dass ihnen in dem Geheimnis „alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis“ gegeben worden waren. Diese Gewissheit würde sie davon befreien, die Wahrheit woanders zu suchen, außerhalb dieses Geheimnisses. Paulus betete also sehnlichst darum, dass sie sich in einem guten geistlichen Zustand befanden, damit sie aus der Wahrheit Nutzen ziehen konnten.

In Anlehnung an Israels Auszug aus Ägypten nach Kanaan sind „die Schätze der Weisheit und der Erkenntnis“, von denen Paulus hier spricht, das Gegenbild des verheißenen Erbes (Besitzes) Israels im Land Kanaan (vgl. Eph 1,3).

Hindernisse bei der Verwirklichung der Wahrheit des Geheimnisses (V. 4-19)

Paulus hat zuerst davon gesprochen, wie wichtig es ist, das Geheimnis zu verstehen und mit den Geschwistern gemeinsam in Liebe den Weg des Glaubens zu gehen. Auf diese Weise würde die Wahrheit des Geheimnisses in die Praxis umgesetzt werden. Nun warnt er vor der Gefahr, sich von diesem Ziel ablenken zu lassen. Im zweiten Kapitel deckt er die verschiedenen Tricks und Fallstricke auf, die der Teufel anwendet, um die Gläubigen von der Einfalt gegenüber Christus abzuwenden [vgl. 2Kor 11,3]. Er zeigt auch, dass Christus die Antwort ist auf alles, was der Feind einführt, um die Gläubigen zu umgarnen.

Vier geistliche Gefahren

Paulus befasst sich nun mit vier bedeutenden geistlichen Gefahren, die einen Menschen von der Wahrheit des Geheimnisses abbringen, wenn er nicht wachsam ist:

  • „überredende Worte“ der Beredsamkeit (Kol 2,4-7)
  • philosophischer Rationalismus (Kol 2,8-15)
  • jüdischer Ritualismus (Kol 2,16.17)
  • Mystizismus [Aberglaube] (Kol 2,18.19)

Auch wenn diese Irrtümer unterschiedlicher Natur sind, so beziehen sie sich auf dieselbe Gruppe von Lehrern, die dabei waren, die Gläubigen mit ihren falschen Lehren zu verderben. Hamilton Smith kommentiert:

Es ist bemerkenswert, dass keine dieser üblen Dinge die große Unmoral der Welt darstellen, sondern eher Sachen, die den Intellekt bzw. die religiöse Seite der menschlichen Natur ansprechen. Gerade deshalb stellen sie eine ganz besondere Gefahr für Christen dar.[1]

Diese Reihe von geistlichen Fallstricken soll uns daran erinnern, dass wir die Macht und die Täuschung des Teufels nicht unterschätzen dürfen.

Noch einmal zur Typologie der Einnahme des Landes Kanaan durch Israel: Wenn Kolosser 1,15-22 einen Blick auf den Obersten des Heeres des HERRN wirft und Kolosser 2,2.3 auf das Erbe Kanaans, dann gibt uns Kolosser 2,4-19 – der Abschnitt, den wir jetzt betrachten wollen – einen Blick auf die Feinde im Land. Die Kanaaniter stehen für die verschiedenen Arten geistlicher Bosheit, denen der Gläubige „in den himmlischen Örtern“ (dem Bereich des geistlichen Lebens, Eph 6,12) begegnet. Wenn wir diese vier Dinge betrachten, dann sehen wir, dass die Absicht des Feindes unserer Seelen in dem einen Satz zusammengefasst werden kann: „Und nicht nach Christus“ (Kol 2,8). Das ABC des Teufels lautet also: „Anything But Christ [Alles außer Christus].“

Es ist bezeichnend, dass Paulus jede dieser vier Warnungen mit den Worten beginnt: „Damit niemand …“ (Kol 2,4), „Dass nicht jemand …“ (Kol 2,8), „So richte euch nun niemand …“ (Kol 2,16) und „Niemand bringe euch …“ (Kol 2,18). Das zeigt uns: Der Teufel benutzt nicht nur seine Engel und die Elemente der Welt, um sein böses Werk zu tun, sondern auch Menschen. Es ist auch bezeichnend, dass er zwar diese Mittel einsetzt, aber nichts, was „nach Christus“ ist; diese Dinge passen nicht zu seinem bösen Vorhaben (Kol 2,8). Auf jedes dieser vier Dinge, die der Feind durch gerissene und geschickte Menschen einführen will, nennt Paulus nachfolgend ein geeignetes Gegenmittel, das die Gläubigen vor diesen Verführungen bewahrt, wenn sie es beachten. Wie bereits erwähnt, besteht die Antwort auf all diese Einflüsse darin, zu wissen, was wir in Christus haben, und darin zu wandeln. Das ist unser Schutz und Schild.

1. Verführerische Worte der Beredsamkeit (V. 4.5)

Vers 4

Das Erste, was diese Irrlehrer kennzeichnete, war eine großartige Zurschaustellung menschlicher Beredsamkeit. Paulus sagt:

Kol 2,4: Dies sage ich aber, damit niemand euch verführe durch überredende Worte.

Beredsamkeit ist die Kunst, mit Sprache Gefühle zu wecken. Die Griechen waren von Beredsamkeit besonders beeindruckt (Apg 12,21.22). Beredsamkeit an sich ist nicht unbedingt schlecht (Apg 18,24). Die Gefahr besteht darin, dass man sie mit der Absicht einsetzt, eigene irreführende Ansichten und ketzerische Ziele durchzusetzen und die Menschen „abzuziehen hinter sich her“ (Apg 20,30). Paulus warnte die Römer vor ebendieser Gefahr, indem er sagte, dass Männer mit Hintergedanken „durch süße Worte und schöne Reden die Herzen der Arglosen verführen“ (Röm 16,18). Unbefestigte Seelen lassen sich durch hochtrabende Worte, die geistlich zu sein scheinen, oft beeinflussen und meinen, Redegewandtheit sei geistlich. Ein Beispiel dafür sind heute die christlichen Sekten. Ihre bösen Lehren sind gewöhnlich in ein schönes Äußeres aus wohlklingenden Worten verpackt. Diejenigen, die diese Art von „listig ersonnenem Irrtum“ (Eph 4,14) lehren, haben oft ein anziehendes Auftreten, und auch das kann trügerisch sein. „Hymenäus“ (= „Hochzeitslied“) und Philetus (= „Geliebter“) sind Beispiele dafür (2Tim 2,17). Die Bedeutung ihrer Namen lässt vermuten, dass diese Männer nett und liebenswert waren – doch in Wirklichkeit zerstörten sie mit ihren Irrlehren den Glauben einiger (2Tim 2,18)! Henry Edward Hayhoe (1881–1962) sagte treffend: „Nimm dich in Acht vor netten Männern; wertschätze treue Männer.“

Vers 5

Kol 2,5: Denn wenn ich auch dem Fleisch nach abwesend bin, so bin ich doch im Geist bei euch, mich freuend und sehend eure Ordnung und die Festigkeit eures Glaubens an Christus.

Paulus freute sich, dass die Kolosser an der Wahrheit festhielten. Dies erkannte er daran, dass er ihre „Ordnung“ und die „Festigkeit“ ihres „Glaubens an Christus“ sah – der Beweis, dass die Kolosser die Irrlehren nicht übernommen hatten. Dennoch standen sie in der Gefahr, ihnen zu erliegen, und das war dem Apostel ein Anlass zur Sorge.

Das Heilmittel (V. 6.7)

Verse 6.7

Wie bereits erwähnt, nennt Paulus für jeden Fallstrick, den der Feind den Gläubigen in den Weg legt, ein geeignetes Gegenmittel, das der jeweiligen Verführung entgegenwirkt. Sein Heilmittel gegen die überredenden Worte derer, die sie mit fremden Lehren weglocken wollten, war:

Kol 2,6.7: 6 Wie ihr nun den Christus Jesus, den Herrn, empfangen habt, so wandelt in ihm, 7 gewurzelt und auferbaut in ihm und befestigt in dem Glauben, so wie ihr gelehrt worden seid, überströmend darin mit Danksagung.

Sie sollten also bei dem bleiben, was sie kannten und „gelehrt“ worden waren, und darin „wandeln“. So „wie“ sie begonnen hatten, so sollten sie fortfahren. Anstatt sich nach neuen Wahrheiten umzusehen, sollten sie in der Wahrheit, die sie empfangen hatten, „gewurzelt und auferbaut“ und darin „befestigt“ sein. [Im Griechischen ist] „gewurzelt“ die Vergangenheitsform, aber „auferbaut“ die Gegenwartsform. Paulus wollte also, dass sie in dem, was ihnen gegeben worden war, auferbaut wurden. Sie sollten sich von niemand davon abbringen lassen, ganz gleich, wie überzeugend seine Rede war (vgl. Gal 1,8.9). Sie mussten verstehen, dass ihnen alle Schätze der Weisheit in dem Geheimnis gegeben worden waren; es gab keine höhere Wahrheit mehr, die sie hätten empfangen können. Diese Wahrheit reicht aus, um unsere Herzen und unseren Sinn zu füllen und zufriedenzustellen und in uns „überströmende Danksagung“ hervorzurufen.

2. Philosophischer Rationalismus (V. 8-10)

Vers 8

Das zweite gefährliche Kennzeichen dieser Irrlehrer war der philosophische Rationalismus, d.h., sie zogen für göttliche Dinge die menschliche Vernunft heran. Philosophie bedeutet „Liebe zur Erkenntnis“. Es ist nicht falsch, nach Erkenntnis zu streben; Paulus betete in Kolosser 1,9, dass sie „mit Erkenntnis“ erfüllt wurden. Die Gefahr besteht darin, Erkenntnis unabhängig von den Offenbarungen zu suchen, die Gott durch die Apostel und Propheten des Neuen Testaments gegeben hat. Das ist genau das, was diese Irrlehrer taten: Sie versuchten, dem Evangelium die Philosophie hinzuzufügen, aber das war nur das Wirken des menschlichen Geistes in den Dingen Gottes. Infolgedessen wichen sie mit vielen falschen Lehren von der Wahrheit ab. Deshalb warnte Paulus die Kolosser:

Kol 2,8: Gebt acht, dass nicht jemand da sei, der euch als Beute wegführt durch die Philosophie und durch eitlen Betrug, nach der Überlieferung der Menschen, nach den Elementen der Welt, und nicht nach Christus.

Wie Paulus hier betont, besteht die traurige Folge dieser Lehre darin, dass die Gläubigen letztlich von Christus abbewegt werden.

Paulus entlarvt diese philosophische Lehre als „eitlen[2] Betrug“, weil sie dem Stolz des Menschen Vorschub leistet. Da sie dem Verstand des Menschen entspringt, berücksichtigen derartige menschliche Überlegungen nicht, dass der Mensch im Fleisch unter dem Gericht Gottes am Kreuz sein Ende gefunden hat, so wie es das Evangelium tut, das Paulus verkündigte (Röm 6,6; 8,3). Diese rein menschliche Art und Weise der Belehrung macht etwas aus dem Menschen im Fleisch. Sie sieht im Menschen etwas Gutes und versucht, das Fleisch zu veredeln; und so dient es in betrügerischer Weise der Eitelkeit des Menschen. Deshalb wird diese philosophische Lehre auch „eitler Betrug“ genannt.

Dass Christen bei den unbekehrten griechischen Philosophen nach Wissen über die Dinge des Lebens suchen, zeigt deutlich, dass sie nicht verstehen, dass „der natürliche Mensch nicht annimmt, was des Geistes Gottes ist, denn es ist ihm Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt wird“ (1Kor 2,14). Einfach gesagt: Diese weltlichen Philosophen können dem Christen nicht die Wahrheit geben, weil sie sie nicht haben! Das Beste, was sie anbieten können, ist nur die menschliche Vernunft. Sie maßen sich vielleicht an, höhere geistliche Erkenntnis zu besitzen, aber in Wahrheit sind das nur die „Elemente der Welt“. Die „Griechen suchen nach Weisheit“ (1Kor 1,22), aber diese Weisheit ist „die Weisheit dieses Zeitlaufs“ (1Kor 2,6). Außerdem ist ein Großteil ihrer weltlichen Weisheit mit Unsicherheit behaftet: Jede neue Generation von Philosophen widerspricht normalerweise der vorangegangenen Generation, so dass der nach Weisheit Suchende keine wahre Hoffnung hat, auf der seine Seele ruhen kann. Wenn wir uns auf die Philosophie und die Weisheit der Menschen einlassen, werden wir bald davon erfüllt sein, und Christus wird außen vor bleiben.

Verse 9.10

Im Gegensatz dazu wohnt in Christus „die ganze Fülle der Gottheit wahrhaftig“:

Kol 2,9.10: 9 Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig; 10 und ihr seid vollendet in ihm, der das Haupt jedes Fürstentums und jeder Gewalt ist; …

In dem erhöhten Christus ist alles vorhanden, was wir jemals brauchen oder begehren könnten. Wenn wir „Weisheit“ suchen, haben wir sie in Ihm (1Kor 1,30) und in dem Geheimnis (Kol 2,3). Wir müssen uns nicht an weltliche Philosophen wenden, um Erleuchtung zu finden. Daher sagt Paulus, dass die Gläubigen „in ihm vollendet“ sind. Was unsere Stellung vor Gott und unser Teil in Christus betrifft, so gibt es einfach nichts, was dem hinzugefügt werden könnte.[3]

Falls jemand von den Kolossern glaubte, dass Engel wirklich etwas Besonderes waren und bewundert werden sollten (wie diese Lehrer es propagierten), so musste er verstehen, dass Christus der Schöpfer all dieser Wesen ist (Ps 104,4), und als Schöpfer ist Er „das Haupt aller Fürstentümer und Gewalten“. Das beweist, dass Er ihnen unvergleichlich überlegen ist. In Wirklichkeit ist die Stellung dieser Engelwesen vor Gott sogar niedriger als die eines Christen! Als Söhne Gottes in der neuen Schöpfungsordnung befinden wir uns in einer Stellung, die weit höher ist als die der Engel. Weil Gott uns „mitsitzen lässt in den himmlischen Örtern in Christus Jesus“, sind wir „über jedes Fürstentum und jede Gewalt und Kraft und Herrschaft“ gestellt (Eph 2,6; 1,21). Die Engel sind in Wirklichkeit unsere Diener, die Gott beauftragt, uns in verschiedenen Lebenssituationen zu helfen (Heb 1,14). Es wird nicht gesagt, dass wir in diesen Wesen vollendet sind; wir sind in Christus vollendet. Außerdem sind wir als Glieder des Leibes Christi durch den Heiligen Geist, der in uns wohnt, in besonderer Weise mit Christus als dem Haupt verbunden – doch die Engel haben diese Verbindung mit Christus nicht.[4]

Das Heilmittel (V. 11-15)

Verse 11.12

Das Heilmittel für all diese menschlichen Überlegungen und Spekulationen in den Dingen Gottes ist, die Bedeutung des Todes und der Auferstehung Christi zu verstehen. Paulus führt dies hier an, indem er sagt:

Kol 2,11.12: 11 … in dem ihr auch beschnitten worden seid mit einer nicht mit Händen geschehenen Beschneidung, in dem Ausziehen des Leibes des Fleisches, in der Beschneidung des Christus, 12 mit ihm begraben in der Taufe, in dem ihr auch mitauferweckt worden seid durch den Glauben an die wirksame Kraft Gottes, der ihn aus den Toten auferweckt hat.

Da die philosophischen Gedanken falsch sind und die Person und das Werk Christi herabwürdigen, ist es offensichtlich, dass diese Gedanken vom Menschen im Fleisch ausgehen, d.h. von der ganzen Lebensordnung nach der Art der gefallenen sündigen Natur des Menschen. Gott hat den Menschen im Fleisch (den Paulus „den Leib des Fleisches“ nennt) durch den Tod Christi (den er als „Beschneidung des Christus“ bezeichnet) verurteilt und als wertlos beiseitegesetzt. Daher hat Gott im Tod Christi alles gerichtet, was mit dem Menschen im Fleisch zu tun hat – von seinen schändlichsten Sünden bis hin zu seinen philosophischen Überlegungen der sogenannten höheren Erkenntnis. Somit hat der Tod Christi das richterliche Ende des Menschen im Fleisch vor Gott besiegelt (Röm 6,6; 8,3). Der Tod des Herrn hat nicht nur die Frucht der gefallenen sündigen Natur (die Sünden des Gläubigen) beseitigt, sondern er hat auch die eigentliche Wurzel, die diese Sünden hervorbrachte, verurteilt und vor Gott alles weggetan.

Darüber hinaus sind die Christen durch ihre Identifikation mit dem Tod Christi „beschnitten worden mit einer nicht mit Händen geschehenen Beschneidung“. Damit sind sie vor Gott von jeder Verbindung, die sie einst mit dem Fleisch hatten, richterlich getrennt. Der Gläubige wird auch als „mit Christus begraben“ gesehen, wie es in der „Taufe“ zum Ausdruck kommt. Darüber hinaus wird er als „in ihm mitauferweckt“ gesehen. Wir werden in Christus also mit einer ganz neuen Ordnung des Lebens identifiziert.

Wie bereits erwähnt, verwendet Paulus in diesem Abschnitt die Wörter „Beschneidung“ und „Leib“ in einem symbolischen Sinn. Das Wort „Leib“ bezeichnet in diesem Abschnitt das gesamte System des Lebens nach dem Fleisch. Man könnte auch sagen: „Die Summe [body] der wissenschaftlichen Erkenntnis“ oder „die Summe [body] der medizinischen Erkenntnis“ usw. John Alfred Trench (1839–1922) erklärt das folgendermaßen:

„Der Leib der Sünde“ ist sein ganzes System und seine Wirkung, Wucht, so wie wir sagen: der gesamte Lauf [body] eines Flusses. [...] Es ist das ganze System und die Gesamtheit davon.[5]

J.N. Darby sagt:

Er [Paulus] nimmt die Gesamtheit und das System der Sünde im Menschen als einen Leib, der durch den Tod zunichtegemacht wurde.[6]

Edward Dennett sagt etwas Ähnliches:

Man kann wohl sagen, dass „der Leib der Sünde“ die Gesamtheit der Sünde in ihrer beherrschenden Energie ist.[7]

Paulus spricht hier also nicht vom menschlichen Körper.

Die praktische Schlussfolgerung aus dem Tod und der Auferstehung Christi, die auf die Gläubigen angewandt wird: Die Christen sind (was ihre Natur betrifft) mit dem Fleisch fertig. Ihre „Taufe“ bringt dies zum Ausdruck (Kol 2,12). Daher lehnen sie alles ab, was mit dem Fleisch zu tun hat, und leben nun für Gott, völlig abgetrennt von der alten Ordnung des Lebens. Übertragen auf die Situation, mit der die Kolosser konfrontiert waren: Sie sollten das ganze System der rationalistischen Lehren, das die Irrlehrer aufgestellt hatten, ablehnen, weil es vom Fleisch war – und alles, was mit dem Fleisch zu tun hat, muss aus dem Leben des Gläubigen weichen.

Verse 13-15

Paulus geht nun zu dem über, was durch den Tod und die Auferstehung Christi in uns und für uns vollbracht worden ist. Er sagt:

Kol 2,13-15: 13 Und euch, als ihr tot wart in den Vergehungen und der Vorhaut eures Fleisches, hat er mitlebendig gemacht mit ihm, indem er uns alle Vergehungen vergeben hat; 14 als er ausgetilgt hat die uns entgegen stehende Handschrift in Satzungen, die gegen uns war, hat er sie auch aus der Mitte weggenommen, indem er sie an das Kreuz nagelte; 15 als er die Fürstentümer und die Gewalten ausgezogen hatte, stellte er sie öffentlich zur Schau, indem er durch dasselbe über sie einen Triumph hielt.

Wie bereits erwähnt, ist der Gläubige mit Christus „lebendig gemacht“ worden in einer neuen Lebenssphäre, in der er für Gott lebt (vgl. Eph 2,5). Vers 13a bezieht sich auf gläubige Heiden. Dies zeigen die Wörter „ihr“ und „euer“, denn die Kolosser waren eine Gemeinschaft bekehrter Heiden. Vers 14 bezieht sich hingegen auf gläubige Juden; dies wird durch das Wort „uns“ ausgedrückt. Paulus spricht zu seinen Landsleuten und schließt sich selbst mit ein.[8] Paulus legt den Schwerpunkt auf drei besondere Dinge, die sich aus dem Tod und der Auferstehung Christi ergeben:

  • In Bezug auf die Gläubigen: Das Werk Christi am Kreuz hat die Grundlage für ihre ewige Vergebung gelegt. Deshalb sagt Paulus: „indem er uns[9] alle Vergehungen vergeben hat“. Das zu wissen, reinigt das Gewissen von Schuld und schenkt dem Gläubigen Freude. Paulus erwähnt dies, um zu zeigen, dass sich in dieser neuen Lebenssphäre mit dem auferstandenen Christus die Frage nach den Sünden des Gläubigen nie mehr stellt – sie ist auf ewig geklärt.

  • In Bezug auf die gesetzlichen Satzungen im Judentum, denen Israel verpflichtet war, sagt Paulus: „Als er ausgetilgt hat die uns entgegenstehende Handschrift in Satzungen, die gegen uns war, hat er sie auch aus der Mitte weggenommen.“ Mit „uns“ sind hier wiederum die jüdischen Gläubigen gemeint, denn die Handschrift der Satzungen war nie gegen die Heiden gerichtet. Sie hatten sich nie unter die rechtlichen Verpflichtungen des alten Bundes gestellt. In den Tagen Moses legten die Israeliten ihre „Handschrift“ (sozusagen ihre Unterschrift) unter die Verpflichtungen des Gesetzes, indem sie bekräftigten: „Alle Worte, die der HERR geredet hat, wollen wir tun“ (2Mo 24,3). Mit dem Blut eines Opfers bestätigte Mose, dass Israel sich diesem gesetzlichen Bund verpflichtet hatte, und damit waren sie daran gebunden (Heb 9,18-21). Die Geschichte zeigt, dass sie das Gesetz leider in jeder Hinsicht übertraten (Apg 7,53). Daher standen diese Satzungen ihnen in einem anklagenden Sinn „entgegen“.

    Durch sein vollendetes Werk am Kreuz hat Christus jedoch nicht nur den Fluch des gebrochenen Gesetzes auf sich genommen (Jes 53,8b; Gal 3,13; Ps 88), sondern sein Tod hat auch die gesetzlichen Verpflichtungen des Gesetzes aufgehoben, denen Israel sich unterworfen hatte. Das bedeutet nicht, dass das Gesetz abgeschafft worden wäre; es gilt noch immer für das Volk Israel und für die ungläubigen Sünder (1Tim 1,8-10). Das Gesetz ist nicht tot und aufgehoben; es ist der Gläubige, der tot und verschwunden ist – indem er mit dem Tod Christi identifiziert ist (Röm 6,2-8). Der Gläubige, der an den Herrn Jesus Christus glaubt, ist „dem Gesetz getötet worden“ (Röm 7,4-6), und auf einen toten Menschen kann das Gesetz nicht angewendet werden (Röm 7,1). Daher ist das gesamte gesetzliche System für jeden Juden, der an Christus glaubt, außer Kraft gesetzt. Der Tod Christi hat die Verpflichtung (nicht das Gesetz, sondern die „uns entgegenstehende Handschrift in Satzungen“) „aus der Mitte weggenommen“. Paulus, der ein gläubiger Jude ist, verwendet hier das Wort „wir“, um aufzuzeigen, wovon er und seine gläubigen Landsleute befreit wurden. Er fügt hinzu: „indem er sie [die Handschrift] an das Kreuz nagelte“. Das bezieht sich auf die Anklage, die gegen die Juden stand, weil sie das Gesetz nicht gehalten hatten. Das Gesetz wurde aufgehoben, und diese Tatsache wurde öffentlich verkündet. Damit wird auf den römischen Brauch angespielt, dass man eine Aufschrift mit den Vergehen eines Verbrechers an sein Kreuz nagelte, damit jeder wissen sollte, welches Delikt er begangen hatte (vgl. Joh 19,19-22).

  • In Bezug auf unsere geistlichen Feinde sagt Paulus: „als er die Fürstentümer und die Gewalten ausgezogen {d.h. völlig entwaffnet hatte} hatte“. Dies bezieht sich darauf, dass die gefallenen Engelwesen (die sich gegen Christus erhoben hatten) endgültig und vollkommen besiegt sind. Sie hatten versucht, den Herrn davon abzuhalten, den Willen seines Vaters zu tun, indem Er ans Kreuz ging und den Kelch des Gerichtes trank. Er überwand diese Mächte des Bösen durch schlichten Gehorsam (Joh 18,11; 19,17). Nachdem Christus am Kreuz (Kol 2,15) und im Grab (Heb 2,14) einen klaren Sieg über sie errungen hat, ist Er nun erhoben über diese geistlichen Feinde. Obwohl sie bereits besiegt sind, befinden sich diese bösen Handlanger Satans noch nicht in der Hölle. Gegenwärtig stellen sie sich den Heiligen entgegen, die in der Gemeinschaft mit Gott in der neuen Lebenssphäre leben, in die sie durch die Auferweckung und die Lebendigmachung mit Christus eingeführt worden sind. Diese Feinde bekämpfen die Freiheit der Gläubigen und ihre Freude, dass sie Anteil in Christus in den himmlischen Örtern haben. Aber weil der Herr die Macht der Feinde gebrochen hat, sind wir nun mit der „Waffenrüstung Gottes“ versorgt, damit wir in ununterbrochener Gemeinschaft mit Gott leben können (Eph 6,10-18).

3. Jüdischer Ritualismus (V. 16.17)

Verse 16.17

Die dritte Gefahr, die den geistlichen Fortschritt der Kolosser bedrohte, war der jüdische Ritualismus. Paulus sagt:

Kol 2,16.17: 16 So richte euch nun niemand wegen Speise oder wegen Trank oder hinsichtlich eines Festes oder Neumondes oder von Sabbaten, 17 die ein Schatten der zukünftigen Dinge sind, der Körper aber ist des Christus.

Diese Irrlehrer hatten wahrscheinlich einen jüdischen Hintergrund, vertraten jedoch abweichende Lehren. Die Judenchristen waren von den Satzungen des Gesetzes, denen sie einst verpflichtet waren, befreit, weil sie „mit Christus gestorben“ waren (Röm 6,8; 7,4). Deshalb sollten sie sich von niemand wieder unter diese gesetzlichen Satzungen stellen lassen. Der Tod Christi hatte für sie alle Verbindungen mit diesem gesetzlichen System beendet. Paulus benutzt das Wort „richten“ hier im Zusammenhang mit denen, die die Gläubigen kritisierten, die ihre Freiheit in Christus verstanden hatten. Die Kolosser sollten sich also nicht beirren lassen von der Kritik jener, die sich nicht vom Judentum losgesagt hatten (Gal 5,1).

Paulus erwähnt dann noch einige spezielle Wörter: „Speise“, „Trank“, „Fest“, „Neumond“ und „Sabbat“. Mit diesen Begriffen wollte er zu verstehen geben, dass die Kolosser nicht nur von dem Gesetz der Zehn Gebote befreit waren, sondern auch von den zeremoniellen Gesetzen, Satzungen und Ritualen, die das Judentum als System kennzeichnen. Jene Dinge waren „ein Schatten der zukünftigen Dinge“, die in Christus gekommen sind. In alttestamentlichen Zeiten leuchtete das Licht Gottes auf Ihn, und all die Formen und Zeremonien in der levitischen Ordnung, wie man sich Gott nahen konnte, waren nur Schatten, die Er vorauswarf. Nun aber, da Christus gekommen ist, sind diese Formen und Schatten der wahren Substanz gewichen. Paulus weist darauf hin, indem er hinzufügt: „Der Körper aber ist des Christus.“ Damit bezieht er sich weder auf den physischen Leib Christi noch auf den geistlichen Leib Christi, dessen Glieder die Gläubigen sind. Vielmehr verwendet er das Wort „Körper“, um darauf hinzuweisen, dass Christus die Substanz ist, die diesen Schatten wirft. F.B. Hole sagt:

Aber der Körper – d.h. die Substanz – ist Christus.[10]

Übrigens wird das Wort „Körper (Leib)“ in diesem Brief auf sechs verschiedene Weisen verwendet:

  • für den geistlichen Leib Christi (Kol 1,18.24; 2,19; 3,15)
  • für den physischen Leib des Herrn (Kol 1,22)
  • für den verherrlichten Leib des Herrn (Kol 2,10)
  • für das System des Fleisches als ein von Gott gerichtetes Gebilde (Kol 2,11)
  • für die Substanz Christi in alttestamentlicher Zeit, die einen Schatten der kommenden guten Dinge wirft (Kol 2,17)
  • für die Leiber der Gläubigen (Kol 2,23)

Da diese Vorbilder und Schatten der echten Substanz in Christus gewichen sind, hat das jüdische System mit seinen Formen und Ritualen seinen Zweck, auf Christus hinzuweisen, erfüllt. Zu lehren, dass Christen sich Gott nahen sollten durch äußere Formen und Rituale wie im Judentum, bedeutet, die Wahrheit zu leugnen, die im Tod und in der Auferstehung Christi ans Licht gekommen ist. Das ist etwas, was Christen seit Jahrhunderten falsch verstehen. Anstatt dass sie die Dinge des Judentums als in Christus erfüllt und im christlichen Gottesdienst als überflüssig betrachten, richten die meisten christlichen Gruppen ihren Gottesdienst nach jüdischem Vorbild ein und vermischen die Grundsätze und Praktiken des Judentums mit denen des Christentums. Das Ergebnis ist eine Mischung aus beidem. Doch das hat Gott für den christlichen Gottesdienst nie beabsichtigt.

Die Kirchen in der Christenheit übersehen die einfache Lehre der Schrift, die zeigt, dass die Stiftshütte ein Bild des wahren Heiligtums ist, zu dem die Christen jetzt durch den Geist Zugang haben (Heb 9,8.9.23.24). Stattdessen verwenden sie die alttestamentliche Stiftshütte und den Tempel als Blaupause für ihre Kirchen. Sie übernehmen für ihre Gotteshäuser und Gottesdienste viele Dinge geradezu aus der jüdischen Ordnung, z.B.:

  • Sie nutzen regelrechte Tempel und Kathedralen als Gotteshäuser.
  • Ein besonderer Stand von Männern amtiert im Namen der Gemeinde (der Klerus).
  • Man verwendet [und überbetont] Musikinstrumente, um den Gottesdienst zu unterstützen.
  • Ein Chor tritt auf.
  • Die „Geistlichen“ und die Chormitglieder [in Amerika] tragen besondere Gewänder.
  • Man praktiziert die Abgabe des Zehnten.
  • Man beachtet heilige Tage und religiöse Feste usw.

Viele dieser jüdischen Dinge wurden zwar etwas abgeändert, damit sie in einen christlichen Kontext passen, doch sie tragen immer noch die typischen Kennzeichen des Judentums. Da diese Mischung aus jüdischen und christlichen Grundsätzen und Praktiken das christliche Zeugnis durchdrungen hat und schon so lange praktiziert wird, wird sie von den Massen als Gottes Ideal betrachtet. Sie wird von aufrichtigen (aber irregeleiteten) Christen standhaft verteidigt und hochgehalten. Die Vermischung dieser beiden unterschiedlichen Ordnungen hat jedoch die jeweiligen Besonderheiten zerstört, und was aus der Vermischung hervorgeht, ist weder jüdisch noch christlich.

Das Heilmittel

In Kolosser 2,16 und 17 stellt Paulus das Heilmittel dafür vor: Die Kolosser sollten sich von niemand einreden lassen, sie müssten die jüdische Ordnung, Gott zu nahen, in ihre christliche Anbetung einbeziehen. Unabhängig davon, in welcher Form das Judentum auch verpackt sein mag – ob es sich um echtes Judentum in den Synagogen oder um die quasijüdische Vermischung in den Kirchen der Christenheit handelt –, das Judentum hat keinen Platz im Christentum. Wenn man an dieser äußeren Ordnung, Gott zu nahen, festhält, besteht die Gefahr, dass die geistliche Wahrnehmungsfähigkeit des Christen „abstumpft“ und sein Wachstum und sein Fortschritt behindert wird. Das Ergebnis: Der Gläubige bleibt ein [geistliches] „Baby“. Dies war der Fall bei denen, an die der Hebräerbrief geschrieben wurde (Heb 5,11-14).

4. Mystizismus (V. 18.19)

Das vierte Kennzeichen der Irrlehrer war der Mystizismus. Wir definieren Mystizismus in diesem Zusammenhang als eine Lehre, die angeblich verborgene und geheime Botschaften beinhaltet, die den, der sie verstand, zu (angeblich) höherem Wissen und mehr Geistlichkeit führte. Diese Art der Lehre zielte darauf ab, die Gläubigen mit phantasievollen und neuartigen Ideen zu beeindrucken, die den Anschein erweckten, dass sie wirklich geistlich wären. Aber in Wirklichkeit brachte das die Gläubigen dazu, sich in ihren geistlichen Bedürfnissen von Christus abzuwenden, und hinderte sie an ihrem geistlichen Fortschritt.

Vers 18

Deshalb warnte Paulus die Kolosser:

Kol 2,18: Niemand bringe euch um den Kampfpreis, der seinen eigenen Willen tut in Demut und Anbetung der Engel, indem er auf Dinge eingeht, die er nicht gesehen hat, grundlos aufgebläht von dem Sinn seines Fleisches …

In diesen Versen spricht Paulus besonders die Anmaßung an, höhere geistliche Erkenntnis zu besitzen – also etwas, was das überstieg, was die Apostel den Gläubigen überliefert hatten. Da die ganze Wahrheit durch die Verkündigung des Geheimnisses bereits offenbart worden war (Kol 2,3), waren die Behauptungen dieser Lehrer falsch.

Um den Kolossern zu helfen, diese Lehrer als die zu durchschauen, die sie wirklich waren, deckt Paulus die Art und Weise auf, wie sie versuchten, die Aufmerksamkeit ihrer Zuhörer zu gewinnen: Unter dem Deckmantel der „Demut“ erweckten sie den Eindruck, sie wären wahre Diener Gottes. Demut ist eine christliche Tugend, die alle Gläubigen auszeichnen sollte. Der Feind weiß das und lässt seine Handlanger eine schöne Show daraus machen – aber bei diesen Männern war das nicht mehr als nur eine Scheindemut. Leider kommt vorgetäuschte Demut bei Christen im Allgemeinen gut an. Wenn Irrlehrer ihre Gedanken mit hochtrabenden geistlichen Phrasen vortragen und zugleich ein scheinbar heiliges und demütiges Leben führen, fallen unbefestigte Gläubige oft darauf herein.

Die falsche Demut dieser Mystiker schloss auch die „Anbetung der Engel“ ein. Doch durch diese Praxis stellten sie sich selbst bloß. Da diese Geschöpfe, die nicht gefallen sind, nicht sündigen und nur den Willen Gottes tun, ist Gottes Absicht in dieser Frage klar: Gläubige sollen es ablehnen, Engel anzubeten (vgl. Off 22,8.9). Diese Mystiker taten also etwas, was Gott eindeutig nicht gutheißt. Sie mischten sich in unsichtbare Dinge ein, von denen sie nichts wussten, und ihre Ideen und Gedanken waren reine Einbildung und Spekulation. Darüber hinaus leugnen sie mit ihrer selbstgewählten Demut und ihrer Anbetung von Engeln die neue Schöpfungsordnung, die aus dem Tod und der Auferstehung Christi resultiert. Wie bereits erwähnt, gibt es jetzt unter der Hauptschaft Christi ein neues Menschengeschlecht, dessen Stellung der der Engel überlegen ist. Die Menschen sind im Christentum also nicht mehr untergeordnete Wesen. Daher ist es für Christen völlig unangebracht, diesen untergeordneten Geschöpfen Gehorsam zu leisten. Wenn die Engel den Christen untergeordnet sind, warum sollten Christen sie dann anbeten?

Das charakteristische Merkmal mystischer Lehren sind zweifellos die vagen und nebulösen Ausdrücke, mit denen die Gedanken präsentiert werden. Wer von einer solchen Lehre beeindruckt ist, sieht diese vagen Äußerungen gewöhnlich als tiefe Wahrheit an. Doch Paulus sagt, dass die neuartigen Ideen in Wirklichkeit „von dem Sinn ihres Fleisches“ stammen, das „aufgebläht“ ist. Hinter ihrer scheinbaren Demut steckte also geistlicher Stolz! Wie in der Einleitung erwähnt, wird ein Mensch von diesen Dingen angezogen, weil er sich dadurch auszeichnen kann, dass er in [scheinbar] göttlichen Dingen ein Wissen besitzt, das andere nicht haben. Er kann seine Freunde mit seinen hochtrabenden Gedanken beeindrucken, und das nährt seinen Stolz.

Vers 19

Kol 2,19: … und nicht festhaltend das Haupt, aus dem der ganze Leib, durch die Gelenke und Bänder unterstützt und zusammengefügt, das Wachstum Gottes wächst.

Das Ergebnis dieser pseudogeistlichen Fassade: Viele Christen lassen sich leider von diesen „Neuheiten“ ablenken und hören auf, „das Haupt festzuhalten“. Das heißt, sie hören auf, auf Christus, ihr Haupt, zu schauen, um sich von Ihm leiten und geistlich nähren zu lassen, und beschäftigen sich mit Dingen, die sie in Wirklichkeit von Ihm abziehen. Jede wahre Führung und jede geistliche Nahrung kommt von Christus, und wir sollen dafür auf Ihn schauen, aber wir empfangen sie durch die „Gelenke und Bänder“ des Leibes, d.h. durch die Glieder, die Er gebraucht, um uns die Wahrheit zu vermitteln (Eph 4,16). Geistliche Nahrung kommt nicht von den Gliedern des Leibes, sondern vom Herrn durch die Glieder des Leibes. Als Glieder sind wir notwendigerweise voneinander abhängig, wenn unsere geistlichen Bedürfnisse gestillt werden sollen. Das Ergebnis dieses Dienstes ist, dass die Gläubigen praktisch in Liebe „zusammengefügt“ sind und dass sie gemeinsam „das Wachstum Gottes“ wachsen. Das Ziel allen Dienstes ist, dass die Gläubigen in der Weise wachsen, wie es Gott gefällt. Wir wollen nicht nur in der Lehre und in der Erkenntnis wachsen, so wichtig das auch ist, sondern wir wollen ein Wachstum wachsen, das von Gott kommt. Das ist wahre geistliche Reife.

Das Heilmittel

Das einfache und deutliche Wort des Paulus an die Kolosser lautete: Sie sollten sich von niemand in diese mystische Richtung drängen lassen, denn das würde sie „um den Kampfpreis bringen“, den sie dafür erhalten würden, dass sie treu an der Wahrheit festgehalten hatten (Kol 2,18). Wenn die Kolosser sich von dieser mystischen Lehre verführen ließen und darauf hereinfielen, würde ihre geistliche Entwicklung behindert werden. Paulus’ Schlussfolgerung: Da diese Lehre nicht von Gott stammte und sie nur behindern würde, sollten sie sich von „niemand“ überreden lassen, sich mit so einer Lehre zu befassen. Wenn sie das Haupt festhielten, hatten sie alles, was sie brauchten.

Die Identifikation des Gläubigen mit Christus in seinem Tod und seiner Auferstehung (Kol 2,20–3,11)

Wir kommen nun zum praktischen Teil des Briefes. Er enthält die Ermahnungen, die auf der Wahrheit beruhen, dass wir als Gläubige mit Christus gestorben und auferstanden sind. Wenn die Gläubigen diese bedeutsame Wahrheit praktisch anwenden, dann werden sie nicht nur vor den vier Gefahren bewahrt, die in Kapitel 2 erwähnt werden, sondern dann wird in den Gläubigen auch der Charakter Christi dargestellt – was dann wiederum eine Antwort ist auf den Aspekt des Geheimnisses, wie er im Kolosserbrief lautet: „Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“ (Kol 1,27).

Ziehen wir noch einmal die Typologie der Wüstenwanderung Israels nach Kanaan heran: Die Wahrheit, die uns in diesem Abschnitt begegnet, entspricht der Überquerung des Jordan durch Israel (Jos 3–4). Der Jordan ist ein Sinnbild für den Tod Christi. Wenn Israel das Flussbett betritt, dann sehen wir darin die Tatsache, dass der Gläubige mit Christus gestorben ist, und wenn Israel das Flussbett verlässt und in das Land Kanaan einzieht, dann entspricht das dem, dass der Gläubige mit Christus auferstanden ist. Damals nahmen die Kinder Israel zwölf Steine aus dem Flussbett und legten sie zum Gedenken an das Ufer im Land Kanaan. Dies ist ein Sinnbild dafür, dass der Gläubige auferstanden ist und „in Christus“ in den himmlischen Örtern mitsitzt (Eph 2,6).

Die praktischen Auswirkungen des Gestorbenseins mit Christus (V. 20-23)

Verse 20-23

Paulus spricht zunächst über die praktischen Auswirkungen davon, dass der Gläubige mit Christus gestorben ist:

Kol 2,20-23: 20 Wenn ihr mit Christus den Elementen der Welt gestorben seid, was unterwerft ihr euch Satzungen, als lebtet ihr noch in der Welt? 21 Berühre nicht, koste nicht, betaste nicht! 22 (Dinge, die alle zur Zerstörung durch den Gebrauch bestimmt sind), nach den Geboten und Lehren der Menschen 23 (die zwar einen Schein von Weisheit haben, in eigenwilligem Gottesdienst und in Demut und im Nichtverschonen des Leibes, und nicht in einer gewissen Ehre), zur Befriedigung des Fleisches.

Wenn die Gläubigen den „Elementen der Welt“ mit Christus „gestorben“ sind, warum sollten sie sich dann allerlei Satzungen einer weltlichen Religion unterwerfen, die entweder von Menschen erfunden oder dem Judentum entlehnt ist? Der Gläubige ist nicht nur für die schlimmeren Auswüchse des Fleisches tot, sondern auch für die weltliche Religion. Die Christen haben dies im Allgemeinen nicht verstanden und irrigerweise viele fleischliche Vorschriften und Bräuche in ihre Gottesdienste übernommen. W. Kelly sagt:

Das ist ja immer der große Irrtum der Christenheit gewesen, dass sie gemeint hat, zu Satzungen zurückkehren zu sollen.[11][12]

Die Tatsache, dass diese Irrlehrer die Gläubigen ermutigt hatten, sich mit fleischlichen Satzungen einer irdischen Religion zu beschäftigen, bewies, dass sie etwas verkündeten, was nicht Teil des wahren biblischen Christentums war. Um den Kolossern zu helfen, dies klarer zu sehen, zeigt Paulus auf, wie töricht es ist, geistliche Fortschritte durch fleischliche Vorschriften und asketische Praktiken zu erreichen (indem man den Körper züchtigt, um ihn davon abzuhalten, den Begierden des Fleisches zu gehorchen). Er führt ein Beispiel an für die Regeln und Satzungen, die mit vielen dieser Verordnungen einhergehen: „Berühre nicht, koste nicht, betaste nicht!“ All das sind menschliche Vorschriften, die er „Gebote und Lehren von Menschen“ nennt. Mit ihnen versuchen irregeleitete religiöse Menschen vergeblich, das Fleisch zu bändigen und ein höheres geistliches Leben zu erlangen. Eine Religion, die daraus besteht, dass man Vorschriften und äußerlichen Ritualen vertraut, mag einen Menschen ansprechen, der „in der Welt lebt“, aber sie ist völlig unpassend für den Gläubigen, der die Wahrheit erkannt hat, dass er mit Christus gestorben ist. Die Identifikation mit dem Tod Christi hat ihn von all dem getrennt. In einer Klammer erklärt Paulus, dass diese Dinge ganz und gar nicht geistlich, sondern fleischlich sind und „alle zur Zerstörung durch den Gebrauch bestimmt sind“.

Wie bereits erwähnt, enthält eine asketische Lebensweise dem Körper bestimmte Dinge vor (Nahrung, Schlaf, natürliche Annehmlichkeiten usw.), um den menschlichen Geist zu läutern und die Begierde zu beherrschen. Doch in Wirklichkeit befriedigt man damit nur das Fleisch und meint, man hätte etwas Lobenswertes getan. Die stolze, gefallene Natur findet eine gewisse Befriedigung darin, zu versuchen, den Leib zu zügeln; der Mensch kann stolz sein auf das sein, was er gelitten hat. In einer weiteren Klammer folgt die Erklärung von Paulus: Diese Dinge „haben zwar einen Schein von Weisheit, in eigenwilligem Gottesdienst und in Demut und im Nichtverschonen des Leibes, und nicht in einer gewissen Ehre“. Nach der Klammer sagt er, dass alle diese Praktiken jedoch nur „zur Befriedigung des Fleisches“ dienen. Trotz dieses Anscheins von Pseudogeistlichkeit haben Tausende von Mönchen schon den Nachweis erbracht, dass diese Dinge die Lust des Fleisches nicht kontrollieren können. Sie haben ihren Körper ausgehungert, geschlagen, vor Gott viele ernste Gelübde abgelegt usw., aber keine noch so große Willenskraft und kein körperliches Leiden ändert den fleischlichen [carnal] Sinn des Fleisches [flesh]. Dies lehrte der Herr den Nikodemus, indem Er sagte: „Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch“ (Joh 3,6). Das heißt, das Fleisch ändert sich im Menschen nicht, egal, wie viele Hilfsmittel eingesetzt werden, um seine Neigungen zu ändern. Nach all diesen Versuchen, das Fleisch zu verbessern, bleibt es das gleiche alte Fleisch, das es immer war.

In Kolosser 2,20-23 beschreibt Paulus nicht einen Menschen, der danach trachtet, tot zu sein. Dies ist etwas, was die Schrift nicht lehrt, doch leider streben viele wohlmeinende Gläubige so einen Zustand an. Sie sagen vielleicht: „Wir müssen uns selbst sterben, damit Christus in uns leben kann.“ Die Wahrheit ist, dass der Christ „mit Christus gestorben“ ist (Kol 2,20). Er ist auch „der Sünde gestorben“ (Röm 6,2) und „dem Gesetz gestorben“ (Röm 7,4). All dies ist eine Folge seiner Identifikation mit dem Tod Christi. Es geht also nicht darum, durch asketische Praktiken den Tod mit Christus zu erreichen, sondern darum, die Kraft des Geistes zu haben, um aus der Tatsache heraus zu handeln, dass wir mit Ihm gestorben sind. Dies wird in Römer 6 bis 8 ausführlich behandelt.


Übersetzt aus The Epistle of Paul to the Colossians. The Mystery – „Christ in You The Hope of Glory“
Hamer Bay, Kanada (Christian Truth Publishing) 2018
E-Book, Juli 2018 (Version 3.2)

Übersetzung: Stephan Isenberg

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Anmerkungen

[1] H. Smith, Der Brief an die Kolosser, „Die Seelenübungen des Apostels (Kap. 2,1-3)“. Online auf: www.bibelkommentare.de.

[2] Anm. d. Red.: „Eitel“ könnte auch übersetzt werden mit: „nichtig, bedeutungslos“.

[3] Kolosser 1,19 bezieht sich auf die Fülle der Gottheit, die in Christus wohnte, als Er als Mensch auf der Erde war. In Kolosser 2,9 bezieht sich die Fülle der Gottheit dagegen auf den verherrlichten Menschen in der Höhe.

[4] Beachte: Kolosser 2,10 bezieht sich auf die auserwählten Engel in ihren unterschiedlichen Funktionen, während sich Kolosser 2,15 auf die verschiedenen Klassen der gefallenen Engel bezieht.

[5] J.A. Trench, „Romans 7:24,25“ in Truth for Believers, Bd. 2, London (Central Bible Truth Depot) ca. 1920, S. 83.

[6] J.N. Darby, Betrachtung über Römer. Synopsis, Römer 6“. Online auf: www.bibelkommentare.de.

[7] E. Dennett, The Christian’s Friend and Instructor, Jg. 23, 1896, S. 182.

[8] Dies ist in den Schriften des Paulus nicht unüblich (vgl. Eph 1,12.13; 2,1-3.17 usw.).

[9] Das „uns“ bezieht sich hier sowohl auf Juden als auch auf Heiden.

[10] F.B. Hole, Grundzüge des Neuen Testaments, Bd. 4: Galaterbrief – Philemonbrief, Hückeswagen (CSV) 1998, „Kolosser 2“, S. 166.

[11] W. Kelly, Bemerkungen über den Brief an die Kolosser, Hückeswagen (CSV) 1981, „Kapitel 3,1-11“, S. 102.

[12] Beachte: Im biblischen Christentum gibt es nur zwei Verordnungen: die Taufe und das Abendmahl. Die Taufe wird nur ein Mal im Leben eines Menschen vollzogen, und das Brechen des Brotes beim Abendmahl soll wöchentlich geschehen, Apg 20,7).


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