Das Johannesevangelium (11)
Johannes 11

William Kelly

© SoundWords, online seit: 12.03.2002, aktualisiert: 03.10.2016

Leitverse: Johannes 11

Der Herr war verworfen, verworfen in seinen Worten, verworfen in seinen Werken. Beide waren vollkommen, aber der Mensch fühlte, dass ihm durch beide Gott nahe gebracht wurde; und als Feind Gottes speichert er immer mehr Hass gegen seinen Sohn, sein Bild, an.

Aber die Gnade Gottes ruht immer noch auf dem schuldigen Menschen und möchte ein neues, volles und endgültiges Zeugnis für Jesus geben. Und hier fangen wir mit dem an, was am meisten für unser Evangelium charakteristisch ist: Seine göttliche Sohnschaft wird in Auferstehungskraft offenbart. Alles ist jetzt öffentlich; alles geschieht nahe bei oder in Jerusalem. Der Ratschluss Gottes herrscht hier wie anderswo. Alle Evangelisten berichten das Zeugnis für seine messianische Herrlichkeit, das zweite dieser drei Zeugnisse. Aber keiner tut es mit solch einer Fülle von Einzelheiten wie Matthäus, dessen hauptsächlichste Aufgabe es war, Ihn als den Sohn Davids entsprechend der Weissagung zu zeigen, der jetzt verworfen war und der in Macht und Herrlichkeit wiederkommen würde. Die Aufgabe des Johannes war es vor allem, Ihn als den Sohn Gottes herauszustellen. Und das tut der Heilige Geist, indem Er uns in diesem Evangelium die Auferstehung des Lazarus berichtet. Christus ist in der Auferstehung der lebenspendende Geist als Gegensatz zu Adam; aber Er ist in Ewigkeit der Sohn, und der Sohn macht lebendig, wen Er will, vor dem Tod nicht weniger als nach der Auferstehung; und dies wird hier mit aller Fülle von Einzelheiten, wie es zu diesem Fall passt, gezeigt.

Verse 1-3

Joh 11,1-3: Es war aber ein Gewisser krank, Lazarus von Bethanien, aus dem Dorfe der Maria und ihrer Schwester Martha (Maria war es, die den Herrn mit Salbe salbte und seine Füße mit ihren Haaren abtrocknete; deren Bruder Lazarus war krank). Da sandten die Schwestern zu ihm und ließen ihm sagen: Herr, siehe, der, den du lieb hast, ist krank.

So leitet Johannes den Bericht ein. Wir werden sofort mitten in alles hineingestellt, was hiermit zu tun hat, in den Haushalt, wohin Er sich von den sterilen, aber schuldigen Gruppen von Jerusalem zurückzuziehen pflegte. Wer hätte nicht von der Frau gehört, die den Herrn mit Salbe salbte und seine Füße mit ihren Haaren abtrocknete? Wo irgend dieses Evangelium gepredigt wurde in der ganzen Welt, wurde auch von diesem geredet, zu ihrem Gedächtnis. Aber ihr Name war bis jetzt ungenannt geblieben. Es war die Aufgabe des Johannes, zu erwähnen, was so eng die Person des Herrn berührte. Johannes nennt andere, wo er seinen eigenen Namen auslässt. Es war Maria, und sie sendet mit ihrer Schwester eine Botschaft an den Herrn, indem sie auf die Bereitschaft seiner Liebe rechneten. Sie wurden nicht enttäuscht. Seine Liebe überstieg all ihr Denken, so wie seine Herrlichkeit ihren Glauben überstieg, so wirklich dieser auch sein mochte. Aber ihr Glaube wurde auf die Probe gestellt, wie das immer der Fall ist.

Verse 4-10

Joh 11,4-10: Als aber Jesus es hörte, sprach er: Diese Krankheit ist nicht zum Tode, sondern um der Herrlichkeit Gottes willen, auf dass der Sohn Gottes durch sie verherrlicht werde. Jesus aber liebte die Martha und ihre Schwester und den Lazarus. Als er nun hörte, dass er krank sei, blieb er noch zwei Tage an dem Orte, wo er war. Danach spricht er dann zu den Jüngern: Lasst uns wieder nach Judäa gehen. Die Jünger sagen zu ihm; Rabbi, eben suchten die Juden, dich zu steinigen, und wiederum gehst du dahin? Jesus antwortete: Sind der Stunden des Tages nicht zwölf? Wenn jemand am Tage wandelt, stößt er nicht an, weil er das Licht dieser Welt sieht; wenn aber jemand in der Nacht wandelt, stößt er an, weil das Licht nicht in ihm ist.

Der erste Anschein ist immer in dieser Welt gegen das Gute und Heilige und Wahre. Diejenigen, die einen schwachen Punkt an dem suchen, was gottgemäß ist, können leicht für ihre eigene Bosheit eine Entschuldigung finden. Und der moralische Zielpunkt Gottes, wie bei seinem Wort, prüft jede Seele, die damit in Kontakt kommt. So kannte der Herr hier von Anfang an das Ende, als Er sagte: Diese Krankheit ist nicht zum Tode; aber wer von den Menschen leicht bei der Hand ist, am Anfang ein Urteil abzugeben, gibt unvermeidbar ein falsches Urteil. Was würde der geurteilt haben, der Ihn sagen hörte: „Lazarus, komm heraus!“, und den Toten aus der Begräbnishöhle herauskommen sah?

Die Auferstehung offenbart mehr als alles andere die herrliche Macht Gottes. Sie packt den Menschen – und soll ihn packen –, der zu gut weiß, was Krankheit ist und wie hoffnungslos der Tod ihn von all seinen Tätigkeiten trennt. Die Krankheit des Lazarus sollte, gerade weil sie zum Tod führte, eine passende Gelegenheit für die Herrlichkeit und Verherrlichung Gottes bieten; und hierdurch sollte auch wieder sein Sohn verherrlicht werden.

Da sind die, die Freude an dem haben, was sie „die Herrschaft des Gesetzes“ nennen; aber was ist das Gefühl solcher Gedanken oder Worte, wenn es in Berührung mit der Auferstehung gebracht wird? Beweist nicht die Auferweckung von den Toten die Erhabenheit der Macht Gottes über das, was ein Gesetz ist, wenn dem sündigen Menschen hier unten ein unveränderliches Los, das Gesetz des Todes, auferlegt ist? Denn gewiss ist der Tod nicht die Ursache der Auferstehung; aber der Sohn ist derjenige, der die Macht des Lebens ausübt. Er macht lebendig, wen Er will, denn Er ist Gott, aber als der Gesandte, der abhängige und gehorsame Knecht, denn Er ist Mensch. So war Jesus hier in dieser Welt. Und dies wurde im vollen Maß kurze Zeit, bevor Er sein Leben für die Schafe ließ, kundgemacht.

Aber der Mensch ist ein armseliger Richter göttlicher Liebe, und sogar die Heiligen lernen das nur durch den Glauben. Jesus möchte, dass wir seiner Liebe vertrauen. Denn dies ist die Liebe, nicht dass wir Ihn geliebt haben, sondern dass Er uns geliebt hat und es bewiesen hat, indem Er als Sühnung für uns starb. Wie sagt sogar hier der Evangelist so bedeutsam, dass Jesus Martha und ihre Schwester und Lazarus liebte, noch bevor er erwähnt, dass Jesus zwei Tage an dem Ort blieb, nachdem Er die Nachricht bekommen hatte. Wenn schon ein Mensch mit Heilungskraft einen anderen Menschen, der krank war, liebte, wie bald würde er den Patienten geheilt haben! Und Jesus hatte zur gleichen Zeit schon seine Heilungskraft bewiesen. Gleichgültig, wie groß die Entfernung war oder wie wenig der Leidende darüber wusste – warum sollte Er nicht zugunsten des Lazarus das Wort aussprechen? Liebte Er den Obersten von Kapernaum und dessen Sohn, liebte Er den heidnischen Hauptmann und dessen Knecht mehr als Lazarus? Sicher und gewiss nichts dergleichen; sondern es geschah um der Herrlichkeit Gottes willen, auf dass der Sohn Gottes durch sie verherrlicht werden könnte. Darum wurde die Krankheit nicht aufgehalten, sondern es wurde ihr freier Lauf gelassen.

Der Herr war im Begriff, den toten Lazarus aufzuerwecken; und dies, wenn es nicht den Anschein eines Gesetzes hatte, sondern eher durch Gnade die Ausnahme eines Menschen vom Gesetz des Todes war. Wie wahr gereichte das Ergebnis zur Verherrlichung Gottes! Das war nicht die Art, wie der Mensch gewirkt hätte. Er hätte sofort geholfen, wenn er konnte. Aber Er, der Gott war und der liebte wie kein Mensch jemals, blieb zwei Tage dort, wo Er war, und Er sagte dann ruhig zu den Jüngern: „Lasst uns wieder nach Judäa gehen.“ Sie wundern sich. Kannte Er nicht viel besser als sie den mörderischen Hass der Juden? Hatte Er ihre wiederholten Versuche, Ihn zu steinigen, vergessen ? Warum denn schlug Er vor, wieder dorthin zu gehen? Er war hier, um den Willen seines Vaters zu tun, und hier war ein Werk, das Er zu seiner Verherrlichung tun konnte. Sein Auge war gewiss immer einfältig, und sein Leib war voller Licht.

„Jesus antwortete: Sind der Stunden des Tages nicht zwölf? Wenn jemand am Tage wandelt, stößt er nicht an, weil er das Licht dieser Welt sieht; wenn aber jemand in der Nacht wandelt, stößt er an, weil das Licht nicht in ihm ist.“ Wenn es der Wille des Vaters war, war Tag; und wie Jesus nicht nur von dem lebendigen Vater ausgesandt war, sondern seinetwegen lebte, so ist Er für den Jünger das Licht und die Speise und der Lebensinhalt. Das erkannte Wort Gottes und sein erkannter Wille sind das Licht des Tages; ohne diese zu sein, bedeutet, in der Nacht zu wandeln und an der sicheren Konsequenz anzustoßen. Wenn Christus vor uns ist, wird das Licht in uns sein, und wir werden nicht stolpern. Mögen wir doch immer sein Wort beachten!

Der Herr wollte die Herzen der Seinen üben. So wie sein Verweilen an dem gleichen Ort über zwei Tage hin nicht der Impuls menschlichen Fühlens war, so war sein Hingehen an den Ort tödlichen Hasses dem Licht entsprechend, in dem Er wandelte und lebte. Er hatte mehr zu sagen, was sie zu erwägen hatten. Er verharrt in Abhängigkeit, Er wartet auf den Willen seines Vaters. Wenn dies klar ist, entscheiden sich dadurch sofort seine Verhaltensweisen.

Verse 11-16

Joh 11,11-16: Dies sprach er, und danach sagt er zu ihnen: Lazarus, unser Freund, ist eingeschlafen; aber ich gehe hin, auf dass ich ihn aufwecke. Da sprachen die Jünger zu ihm: Herr, wenn er eingeschlafen ist, so wird er geheilt werden. Jesus aber hatte von seinem Tode gesprochen; sie aber meinten, er rede von der Ruhe des Schlafes. Dann nun sagte ihnen Jesus gerade heraus: Lazarus ist gestorben; und ich bin froh um euretwillen, dass ich nicht dort war, auf dass ihr glaubet; aber lasst uns zu ihm gehen. Da sprach Thomas, der Zwilling genannt ist, zu den Mitjüngern: Lasst auch uns gehen, auf dass wir mit ihm sterben.

Der Herr fängt an zu offenbaren, was Er zu tun vorhat; aber sie waren zu schwerfällig, dass sie auf der einen Seite nicht an den Tod dachten und auf der anderen Seite nicht an seine Auferstehungskraft. Die Verhinderung des Todes, die Heilung der Krankheit, steht weit hinter dem Triumph über den Tod zurück. Die Jünger sollten durch das Erlebnis der Auferstehung gestärkt werden, bevor Er am Kreuz starb und wieder auferstand.

Es ist wichtig zu beachten, dass hier wie anderswo von dem Schlaf des Leibes die Rede ist. Das ist das passende Wort des Glaubens für den Tod: Wie finster ist der Unglaube, der es, wie einige es tun, dahin verdreht, dass die Seele verstofflicht wird! Er, der die Wahrheit ist, redet darüber, wie die Sache wirklich ist. Er wusste, dass Er im Begriff war, Lazarus aufzuwecken. Aber der Herr, der den Glauben prüft, kommt der Schwachheit seiner Jünger entgegen und klärt die Schwierigkeit auf. Er sagt ihnen klar und deutlich: „Lazarus ist gestorben“, und Er bringt seine Freude darüber zum Ausdruck, dass Er nicht dort war (d.h. um bloß zu heilen), und zwar um ihretwillen, auf dass sie glauben könnten, wenn sie mehr seine Kraft, lebendig zu machen und von den Toten aufzuerwecken, erkannten. Trübsinnig kann Thomas nur sehen, dass Er in den Tod hineinrennt, wenn Er vorschlägt, nach Judäa zu gehen. Aber seine Liebe zu dem Herrn drängt ihn zu sagen: „Lasst auch uns gehen, auf dass wir mit ihm sterben.“ Wie armselig waren die Gedanken eines Jüngers, wo sogar seine Liebe für den Meister echt war, der wirklich im Begriff war, in freiwilliger Gnade für sie – ja für ihre Sünden – zu sterben, damit sie in Ewigkeit leben könnten, gerechtfertigt von allen Dingen; aber dieser Meister wollte, bevor Er als Opfer starb, beweisen, dass Er nicht nur leben konnte, sondern auch den Toten Leben geben konnte, wenn Er wollte, allerdings im Gehorsam gegenüber seinem Vater und in der Gemeinschaft mit Ihm! So ist unser Heiland.

Verse 17-29

Joh 11,17-29: Als nun Jesus kam, fand er ihn schon vier Tage in der Gruft liegen. Bethanien aber war nahe bei Jerusalem, etwa fünfzehn Stadien weit] und viele von den Juden waren zu Martha und Maria gekommen, auf dass sie dieselben über ihren Bruder trösteten. Martha nun, als sie hörte, dass Jesus komme, ging ihm entgegen. Maria aber saß im Hause. Da sprach Martha zu Jesu: Herr, wenn du hier gewesen wärest, so wäre mein Bruder nicht gestorben; auch jetzt weiß ich, dass, was irgend du von Gott bitten magst, Gott dir geben wird. Jesus spricht zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen. Martha spricht zu ihm: Ich weiß, dass er auferstehen wird in der Auferstehung am letzten Tage. Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er gestorben ist; und jeder, der da lebt und an mich glaubt, wird nicht sterben in Ewigkeit. Glaubst du dies? Sie spricht zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der, in die Welt kommen soll. Und als sie dies gesagt hatte, ging sie hin und rief ihre Schwester Maria heimlich und sagte: Der Lehrer ist da und ruft dich. Als Jene es hörte, steht sie schnell auf und geht zu ihm.

Der Zwischenraum zwischen Tod und Begräbnis wird sorgfältig mitgeteilt, ebenso die Nähe des Ortes von Jerusalem und die vielen Juden, die sich zu der Zeit in der Nähe von Martha und Maria aufhielten, um diese in ihrer Trauer zu trösten. Gott ordnete alles für ein klares Zeugnis für seinen Sohn. Aeschylus drückte (Eum. 647) nur das allgemeine Denken des Heiden aus, denn er selbst war ein religiöser Heide, dass der einmal tote Mensch keine Auferstehung hat. Was hatte Gott für solche, die an Jesus glauben? Was hatte Jesus? Was ist Er, wenn nicht die Auferstehung und das Leben? Es ging nicht nur um den letzten Tag. Jesus war damals als der Besieger des Todes und der Besieger Satans anwesend.

Maria, eilig, wie immer, wenn sie hörte, dass Jesus kam, ging Ihm entgegen, während Maria mit einem tieferen Empfinden des Todes im Haus zurückblieb. Aber sie war wenigstens ebenso bereit, zu Ihm zu gehen, als sie dazu aufgefordert wurde. In der Zwischenzeit wartet sie, wie der Herr wohl wusste und akzeptierte. Als Martha den Herrn erreichte, bekannte sie seine Macht, den Tod durch seine Gegenwart verhindert haben zu können. Sie anerkennt Ihn als den Messias; und im Hinblick darauf ist sie sogar jetzt noch zuversichtlich, dass, was immer Er von Gott „bitten“ mag, es Ihm gegeben werden wird. Ohne Zweifel meinte sie dies aus einen starken Ausdrück ihres Glaubens. Aber um diesen Irrtum zu verbessern, um eine unvergleichlich vollere Erkenntnis zu geben, kam der Herr jetzt zur Auferweckung des Lazarus. Deshalb wendet sie auf den Herrn Worte an, die weit unter seiner wirklichen Beziehung zum Vater liegen: o{sa a]n aijthvsh/ to;n Qeovn. Wenn sie ejpwthvsh/ to;n patevra gesagt hätte, wäre das passender gewesen. Es ist in Ordnung, aijtevw für uns zu gebrauchen, denn uns ziemt der Platz eines Bittenden oder Bittstellers; aber das Wort von vertrauterem Bitten ejrwtavw ist für Ihn angebracht. Dies jedoch musste sie lernen, wenn sie eine gläubige Frau war.

Als Jesus Martha erzählt, dass ihr Bruder wieder auferstehen wird, antwortet sie sofort: „Ich weiß, dass er auferstehen wird in der Auferstehung am letzten Tage.“ Aber der Herr war nicht hier, um schon bekannte Wahrheiten zu lehren, sondern um das darzulegen, was unbekannt war, und zwar zur Verherrlichung seiner eigenen Person. Deshalb sagte Jesus zu Martha: „Ich bin die Auferstehung und das Leben“; und Er sagte es in dieser Reihenfolge, die genau auf den vorliegenden Fall angewandt werden kann, wo Lazarus gestorben und begraben war. Er ist die Auferstehung nicht weniger als das Leben, und zwar in der Fülle der Macht. „Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er gestorben ist; und jeder, der da lebt und an mich glaubt, wird nicht sterben in Ewigkeit. Glaubst du dies?“ Es ist die Erhabenheit des Lebens in Christus über alle Hindernisse hinweg, die sich bei seinem Kommen offenbaren soll. Wir werden zwar nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden, in einem Nu, in einem Augenblick, bei der letzten Posaune; und die Toten werden auferweckt werden unverweslich, und wir werden verwandelt werden. So werden bei der Wiederkunft des Herrn die Toten in Christus zuerst auferstehen; danach werden wir, die Lebenden, die übrigbleiben, ohne durch den Tod hindurchzumüssen, zugleich mit ihnen entrückt werden in Wolken dem Herrn entgegen in die Luft; und wir werden also allezeit bei dem Herrn sein. So wird Er sich als die Auferstehung und das Leben beweisen: die Auferstehung, weil die toten Gläubigen sofort auferstehen und seiner Stimme gehorchen; das Leben, weil jeder, der lebt und an Ihn glaubt, zur gleichen Zeit die Sterblichkeit aus dem Leben entfernt hat.

Dies beweist Martha. Auf die Frage des Herrn „Glaubst du das?“ kann sie nur die vage Antwort geben: Ja, Herr, ich habe geglaubt und glaube (pepivsteuka), dass du der Christus, der Sohn Gottes, bist, der in die Welt kommen sollte; ein Wort, das ohne Zweifel Wahrheit enthält, aber keine wirkliche Antwort auf die Frage ist. Sie fühlte das Unbehagen, das sogar Heilige überfällt, wenn sie etwas hören, was über ihre Erkenntnis hinausgeht; und sie dachte an ihre Schwester, die unvergleichlich besser und mehr verstehen würde als sie; und so eilte sie davon, ohne stehen zu bleiben, um zu lernen, und ruft die Schwester, und zwar heimlich, indem sie sagt: „Der Lehrer ist da und ruft dich.“ Als Maria das hörte, stand sie schnell auf und kam. Wie süßt war dieser Ruf für ihr Herz!

Da war nicht die geringste Eile in den Bewegungen unseres Herrn. In der Tat können wir eher seine Ruhe bemerken, die Er in der Gegenwart der einen Schwester an den Tag legt, die es so eilig hatte, zu kommen, bevor sie gerufen wurde, und der anderen Schwester, als diese gerufen wurde. Jesus bleibt derselbe, ein Mensch, aber in der ruhigen Würde des Sohnes Gottes.

Verse 30-32

Joh 11,30-32: Jesus aber war noch nicht in das Dorf gekommen, sondern war an dem Orte, wo Martha ihm begegnet war. Als nun die Juden, die bei ihr im Hause waren und sie trösteten, sahen, dass Maria schnell aufstand und hinausging, folgten sie ihr, indem sie sagten: Sie geht zur Gruft, auf dass sie daselbst weine. Als nun Maria dahin kam, wo Jesus war, und ihn sah, fiel sie ihm zu Füßen und sprach zu ihm: Herr, wenn du hier gewesen wärest, so wäre mein Bruder nicht gestorben.

Es war jedoch nicht so. Aber es war die Gnade Christi, dass Er dort Maria begegnen wollte, die bald ein strahlendes Hervorbrechen der Herrlichkeit Gottes in ihrem geliebten Herrn schauen sollte. Wie waren diejenigen Jesus fremd, die sie vergeblich in der Gegenwart des Todes trösten wollten!

Nicht dass Maria über dem Druck des Todes stand, mehr als andere. Sie wiederholt, was Martha gesagt hatte; aber diese Wiederholung stand unter einem anderen Geist. Aber wenn sie in Ihm bis jetzt nur die Kraft zu erhalten sah, wenn sie lernen musste, dass Er die Auferstehung und das Leben ist, so fiel sie Ihm doch wenigstens zu Füßen, was Martha nicht tat; und der Herr wird, wenn Er auch nichts sagt, doch bald mit der Tat und mit Wahrheit antworten. Aber das Bewusstsein göttlicher Herrlichkeit, die noch dazu im Begriff war, sich in aller Gegenwart als dem Tod überlegen zu erweisen, tat den Gefühlen seines Herzens keinen Abbruch. Im Gegenteil, der nächste Vers lässt uns wissen, wie tief die Empfindungen unseres hochgelobten Herrn in diesem Augenblick waren:

Verse 33-37

Joh 11,33-37: Als nun Jesus sie weinen sah, und die Juden weinen, die mit ihr gekommen waren, seufzte er tief im Geist und erschütterte sich und sprach: Wo habt ihr ihn hingelegt? Sie sagen zu ihm: Herr, komm und sieh! Jesus vergoss Tränen. Da sprachen die Juden: Siehe, wie lieb hat er ihn gehabt! Etliche aber von ihnen sagten: Konnte dieser, der die Augen des Blinden auftat, nicht machen, dass auch dieser nicht gestorben wäre?

Das Wort, das mit „tief im Geiste seufzen“ übersetzt wird, taucht anderswo, wie z.B. in Matthäus 9,30 und Markus 1,43 für einen strengen oder eindringlichen Befehl auf oder im Zorn wie in Markus 14,5. Hier ist es eher das innere Empfinden und nicht der Ausdruck desselben, und es kommt viel mehr in diesem Zusammenhang dem Seufzen nahe, so wie bei Lucian (Nec. 20). Das bedeutet die starke und womöglich entrüstete Empfindung, die der Herr hatte angesichts der Macht des Todes über die Juden, aber auch über Maria, die der Feind noch ausübte. Dies wird weiter durch den folgenden Satz erhärtet und auch durch Vers 38. Sein zartes Mitleid kommt eher in seinem Weinen (Joh 11,35) zum Ausdruck, nachdem Er gefragt hatte, wo sie Lazarus hingelegt hätten, und nachdem Er aufgefordert war, näher zu treten und zu sehen. Sein zorniges Gefühl bei der Macht Satans durch die Sünde beeinträchtigte nicht im Geringsten sein tiefempfundenes Mitleid; und was wir hier sehen, ist nur das Gegenstück dazu, dass Er immer unser Leiden trug und unsere Schmerzen auf sich lud, was das erste Evangelium aus Jesaja 53,4 entnimmt. Niemals war es bloß Macht oder nur Mitempfinden, sondern es war so, dass sich sein Geist in jedem Fall, den Er heilte, einließ und dass Er die Last von allem, was den sündenbeladenen Menschen bedrängte, vor Gott auf seinem Herzen trug. Hier war es die noch schwerere Wucht des Todes in der Familie, die Er liebhatte.

Aber wir können feststellen, dass im Fall unseres Herrn sein Kummer, so groß er auch war, von Ihm beherrscht wurde. „Er erschütterte sich.“ Der Kummer gewann nicht die Oberhand, wie unsere Gefühle es so leicht bei uns tun. Jedes Gefühl bei Christus war vollkommen in seiner Art, seinem Umfang und seiner Zeit. Sein Seufzen, seine Erschütterung, sein Weinen – was war das nicht in Gottes Augen! Wie kostbar sollte es uns doch sein! Sogar die Juden konnten nicht umhin zu sagen: „Siehe, wie lieb hat er ihn gehabt!“ Was hätten sie gedacht, wenn sie gewusst hätten, dass Er dabei war, den Toten aufzuerwecken? Wenn sie sich an seine Macht nicht erinnerten, war es nur das nutzlose Bedauern, dass Er, der die Augen des Blinden auftat, den Tod im Fall von Lazarus nicht verhindert hatte. Sie irrten sich vollständig bei dieser Krankheit, denn sie waren der Herrlichkeit Gottes gegenüber ebenso verblendet wie in Bezug auf die Tatsache, dass der Sohn Gottes dadurch verherrlicht werden sollte. Der Glaube an die Herrlichkeit seiner Person allein deutet und schätzt die Tiefe seiner Liebe in ihrem vollen Ausmaß richtig ein. „Jesus vergoss Tränen.“ Was für einen Unterschied zeigen diese Worte dem, der nichts als einen Menschen sieht, und dem, der weiß, dass Er der mächtige Gott, der eingeborene Sohn, ist! Sogar der Ungläubige konnte in diesem Fall nichts anderes, als seine Liebe anzuerkennen; aber wie unendlich wird diese Liebe durch seine göttliche Würde und durch das Bewusstsein gesteigert, dass Er dabei war, in der Macht des göttlichen Lebens über den Tod zu handeln!

Jetzt ist es von größter Bedeutung für uns, dass wir, ohne zu zweifeln, glauben und wissen, dass Jesus ganz so ist, wie Er sich an diesem Tag in Bezug auf Lazarus zeigte, und dass Er für die Seinen noch viel mehr bereit hat und dass Er das jedem von uns bei seiner Wiederkunft beweisen wird. Denn da ist jetzt auch die Frucht der Qual seiner Seele und die Macht seiner Auferstehung nach dem vollsten Gericht über die Sünde am Kreuz vorhanden. Deshalb kann seine ganze Liebe und Macht ungehindert zu unseren Gunsten wirken, wie sie sicherlich zur Ehre Gottes wirkt, damit der Sohn Gottes dadurch verherrlicht werde. Was die Menschen dann schauten, war nur ein Zeugnis, so wahrhaft göttlich es auch war; aber bei seinem Kommen wird die Wahrheit ganz in Macht erstrahlen. Jetzt ist es Zeit, zu glauben und die Wahrheit inmitten eines verdrehten und verkehrten Geschlechtes zu bekennen. Mögen wir in Demut fähig sein, als Lichter in der Welt zu scheinen, die das Wort des Lebens hochhalten!

Verse 38-44

Joh 11,38-44: Jesus nun, wiederum tief in sich selbst seufzend, kommt zur Gruft. Es war aber eine Höhle, und ein Stein lag darauf. Jesus spricht; Nehmet den Stein weg. Die Schwester des Verstorbenen. Martha, spricht zu ihm: Herr, er riecht schon, denn er ist vier Tage hier. Jesus spricht zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt, wenn du glauben würdest, so würdest du die Herrlichkeit Gottes sehen? Sie nahmen nun den Stein weg. Jesus aber hob die Augen empor und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. Ich aber wusste, dass du mich allezeit erhörst; doch um der Volksmenge willen, die umhersteht, habe ich es gesagt, auf dass sie glauben, dass du mich gesandt hast. Und als er dies gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! Und der Verstorbene kam heraus, an Füßen und Händen mit Grabtüchern gebunden, und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch umbunden. Jesus spracht zu ihnen: Löset ihn auf und lasst ihn gehen.

Es war nicht mehr die Zeit für Worte. Jesus vergegenwärtigte sich wiederum die Macht, die Gottes Herrlichkeit von den Menschen fernhielt, und Er kam zu der Höhle, auf die ein Stein gelegt war, was als Gruft diente. Dort wagte es der Unglaube der Martha (was wagt er nicht?), sich dem Wort des Herrn, den Stein zu entfernen, zu widersetzen: Er, damit alles geklärt würde; sie, weil seine Worte ihre Eile enttäuschten, wenn sie überhaupt irgendetwas erwartete. Aber wenn Martha sich nicht über die erniedrigenden Wirkungen des Todes erheben konnte, was sie aus den anderen herausstellen würde, so wollte Jesus doch nicht verbergen, was zu Gott in seiner Gnade gegenüber den Menschen passte. Wie schnell ist das Wort des Herrn in der Gegenwart der traurigen Umstände menschlichen Verderbens vergessen! Der Glaube gibt dem Wort Beachtung und lässt den Segen zur rechten Zeit heranreifen. Lasst uns Jesus zuhören! Er ist schon erhört. Er weiß im Voraus, dass Er das hat, was Er erbittet. Er ist jetzt, wie immer, erhört. Es ging nicht weniger um den Vater als um den Sohn, und es wurde gesagt, damit die, die es hörten, glauben könnten, dass der Vater Ihn gesandt hat.

Daraufhin kommt das Wort der Macht: „Lazarus, komm heraus!“ Er hatte zu dem Vater gebetet, Er war immer vor allem auf seine Ehre bedacht, und Er vergaß niemals den Ort, an den Er selbst als ein Mensch herabgekommen war. Aber Er war der Sohn, Er konnte lebendig machen, wen Er wollte, und so tut Er es. Doch sogar in der Majestät dieser göttlichen Offenbarung mischt Er nachher wie auch vorher etwas hinein, was die Aufmerksamkeit der Menschen erregte, damit sie nicht ungläubig, sondern gläubig sein könnten. Was für eine Schwierigkeit bestand da bei dem Stein? Für Ihn selbst brauchte Er nichts zu entfernen. Es war um ihretwillen. Seht, der Mensch in der Ekelhaftigkeit des Todes, bevor er auferweckt wurde! Und was bedeutete also jetzt für Ihn das Binden der Grabtücher oder des Schweißtuches? Die Gnade des Herrn wollte ihnen durch beides nur die bessere Bestätigung dessen bieten, was Er gewirkt hatte. Er hätte Lazarus ebenso leicht davon befreien können, wie Er dafür hätte sorgen können, dass der Stein verschwand; Er hätte alles bewirken können, ohne mit lauter Stimme zu rufen. Aber Er, der wollte, dass wir der Macht seines Wortes vertrauen sollten, wollte uns das Verderben zeigen, das dem Lebendigmachen vorausgeht, und die Knechtschaft, die jetzt damit verbunden sein kann. Freiheit ist ebenso nötig wie Leben; aber es ist unnatürlich, dass einer, der lebendig gemacht ist, weiter gebunden ist.

So machtvoll das Werk ist, dass Lazarus so lebendig gemacht wird, so sehen wir doch hier wie anderswo, wie abhängig der Mensch von der Gnade ist. Die Sünde macht ihn zum Sklaven Satans, so wenig er das auch vermutet. Sein Wille richtet sich gegen Gott; in seiner Güte oder in seinem Gericht, in seinem Wort oder in seinem Werk; und je größer die Gnade, desto weniger möchte er das, was so seinen Gedanken entgegengesetzt ist und so seinen Stolz demütigt. Wenn viele beeindruckt waren und glaubten, so gingen doch einige in ihrer Boshaftigkeit zu dem Feind mit dieser Information.

Verse 45-54

Joh 11,45-54: Viele nun von den Juden, die zu Maria gekommen waren und sahen, was er getan hatte, glaubten an ihn. Etliche aber von ihnen gingen hin zu den Pharisäern und sagten ihnen, was Jesus getan hatte. Da versammelten die Hohenpriester und die Pharisäer ein Synedrium und sprachen: Was tun wir? Denn dieser Mensch tut viele Zeichen. Wenn wir ihn also lassen, werden alle an ihn glauben, und die Römer werden kommen und sowohl unseren Ort als auch unsere Nation wegnehmen. Ein Gewisser aber aus ihnen, Kajaphas, der jenes Jahr Hoherpriester war, sprach zu ihnen: Ihr wisset nichts und überleget auch nicht, dass es euch nützlich ist, dass ein Mensch für das Volk sterbe und nicht die ganze Nation umkomme. Dies aber sagte er nicht aus sich selbst, sondern da er jenes Jahr Hoherpriester war, weissagte er, dass Jesus für die Nation sterben sollte; und nicht für die Nation allein, sondern auf dass er auch die zerstreuten Kinder Gottes in eins versammelte. Von jenem Tage an ratschlagten sie nun, auf dass sie ihn töteten. Jesus nun wandelte nicht mehr frei öffentlich unter den Juden, sondern ging von dannen hinweg in die Gegend nahe bei der Wüste, in eine Stadt, genannt Ephraim; und daselbst verweilte er mit den Jüngern.

Die Hohenpriester und die Pharisäer stehen sofort in Alarmbereitschaft, sie versammeln ein Synedrium. Sie wundern sich über ihre eigene Tatenlosigkeit angesichts der vielen Zeichen, die Jesus getan hatte; sie fürchten, dass Er, wenn Er in Ruhe gelassen wird, allgemein anerkannt werden wird und dass dadurch die Römer herausgefordert werden, sie zu vernichten, Kirche und Staat auszulöschen, wie die Menschen heute sagen. Wie ist es erschütternd zu sehen, dass die Macht Satans die am meisten blendet, die im Eifer für Gott nach dem Fleisch den höchsten Platz einnehmen! Es war ihre verzweifelt böse Absicht, Ihn zum Tode zu bringen, eine ebenso verzweifelt ausgeführter Plan, der Ihn zum Kreuz führte, an dem Er der Anziehungspunkt für die Menschen jeder Klasse, jeder Nation und jeder moralischen Verfassung werden sollte; und es war insbesondere ihre Schuld, wenn auch nicht ihre allein, die ihnen den Zorn des „Königs“ einbrachte, der seine Heere aussandte, jene Mörder umbrachte und ihre Stadt in Brand steckte. Alles gerechte Blut kam über sie, und ihr Haus ist wüst gelassen bis zu diesem Tag, und dies auch wiederum durch die gefürchtete Hand der Römer, die sie vorgaben, durch den Tod Jesus zu versühnen. Das ist der Weg und das Ende des Unglaubens.

Doch es ist sehr ernst, zu sehen, dass Gott am Ende die verhärtet, die so lange sich selbst gegen die Wahrheit verhärtet haben. So sendet Gott ihnen später einen wirksame Kraft des Irrwahns, dass sie der Lüge glauben, damit alle gerichtet werden, die der Wahrheit nicht geglaubt, sondern Wohlgefallen gefunden haben an der Ungerechtigkeit; und dies ist höchst gerecht, weil sie nicht die Liebe der Wahrheit aufgenommen haben, damit sie gerettet werden könnten. Er redete durch Balak gegen dessen Willen, um sein Volk zu segnen, obwohl Balaam von Balak angefordert war, um sie zu verfluchen, und obwohl er später nicht nur durch seine korrupten Listen, sondern auch zu seinem eigenen Verderben bewies, wie wenig ihm selbst die Weissagungen wert waren. Er selbst redet jetzt durch Kajaphas, dessen Hohenpriestertum in jenem Jahr seinen Worten das mehr offizielle Gewicht verliehen. Nicht dass es die gewöhnliche Ordnung war, dass der Hohepriester so verschlagen war. Aber so wurde alles total in Verwirrung gebracht, als der Sohn Gottes hierher kam; am allermeisten aber, als Er im Begriff war zu sterben. Kein Wunder, dass Gott, der so lange geschwiegen hatte, durch den Hohenpriester jenes Jahres sprechen wollte. Er ist souverän. Er kann die Bösen genauso gut gebrauchen wie die Guten: die einen von Herzen, die anderen gegen ihren eigenen Willen, und wenn ihr Wille dabei an der Arbeit ist, ist dieser Wille ebenso böse wie sie selbst.

So war es, als Kajaphas sagte: „Ihr wisset nichts, und überleget auch nicht, dass es euch nützlich ist, dass ein Mensch für das Volk sterbe und nicht die ganze Nation umkomme.“ Gott hatte keinen Platz in seinen Gedanken, sondern sein eigenes Ich ohne Gewissen. Der Evangelist kommentiert dieses, dass er es nicht aus sich selbst heraus gesagt habe, sondern da er in jenem Jahr Hoherpriester war, habe er geweissagt, dass Jesus im Begriff sei, für das Volk zu sterben, und nicht nur für das Volk allein, sondern dass Er auch die zerstreuten Kinder Gottes in eins versammeln solle. Im Herzen des Kajaphas war es ein gewissenloses Empfinden; in der Absicht des Geistes war es nicht nur höchst heilig, sondern es drückte die Grundlage der Gerechtigkeit Gottes in Christus aus. Auf seinen Tod gründet sich die zukünftige Hoffnung Israels und das gegenwärtige Versammeln der zerstreuten Kinder Gottes, der Versammlung. Von jenem Tag an wurden gemeinsame Maßnahmen ergriffen, um den Tod unseres Herrn durchzuführen, Der sich in die nördliche Wüste von Judäa zurückzog und dort eine Weile mit den Jüngern in der Stadt namens Ephraim blieb. Die Stunde war im Kommen.

Verse 55-57

Joh 11,55-57: Es war aber nahe das Passah der Juden, und viele gingen aus dem Lande hinauf nach Jerusalem vor dem Passah, auf dass sie sich reinigten. Sie suchten nun Jesus und sprachen, im Tempel stehend, untereinander: Was dünkt euch? dass er nicht zu dem Fest kommen wird? Es hatten aber die Hohenpriester und die Pharisäer Befehl gegeben, dass, wenn jemand wisse, wo er sei, er es anzeigen solle, damit sie ihn griffen.

So naht die abschließende Szene; und Jesus geht in Zurückgezogenheit seinem Dienst nach während dieses kurzen Zeitraums vor dem Passahfest, das so bald in seinem Tod seine Erfüllung finden sollte. Sie gingen hinauf, um sich vor dem Fest zu reinigen, was den Anlass dazu gibt, dass sie Ihn suchten und Vermutungen darüber anstellten, warum Er nicht kam. Denn es war befohlen worden, sie darüber zu unterrichten, wo Er sei, damit man Ihn ergreifen könne. Bis jetzt ahnten sie, Freunde oder Feinde, wenig, dass sich unter den auserwählten Zwölfen einer finden würde, um den Ort zu sagen, wohin der Herr sich zurückgezogen hatte; aber Er wusste alles, was Ihm geschehen sollte. Wie weit ist der Mensch davon entfernt, zu ahnen, dass es alles eine Frage zwischen Satan und Gott ist und dass, wenn das Böse die Oberhand zu gewinnen scheint, doch das Gute jetzt schon für das Auge des Glaubens triumphiert, so wie es beim Gericht über das Böse für Jedes Auge bald sichtbar werden wird.

Aber wenn der Herr sich von den Machenschaften der Menschen, die sich in ihrer Feindschaft gegen Ihn aufgrund ihrer falschen Anmaßung, für Gott zu empfinden und zu handeln, verhärtet hatten, zurückzog, so hatte Er seinen eigenen Tod am Kreuz zur Ehre Gottes immer vor Augen. Es sollte nicht in einem Winkel geschehen und auch nicht auf eine bloße geheime Information hin. Es musste bei jenem Fest und bei keinem anderen geschehen, bei dem herannahenden Passahfest, wo all die religiösen Führer, die Ältesten, die Höhenpriester und Schriftgelehrten ganz und gar beteiligt sein sollten; wo die ganze Nation außer dem kleinen Überrest, der glaubte, ihre geblendete Rolle spielen sollte; wo sie alle Ihn den Heiden überliefern sollten, um Ihn zu verspotten, zu martern und zu kreuzigen. O, wie wenig dachte irgendeiner von ihnen daran, dass Er in all dieser Schuld und diesem Unglauben ihrerseits der Sohn Gottes war und dass der Sohn des Menschen gekommen war, nicht um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele zu geben! Dann sollte Er bald, aber in vorher bemessener, vorausgesagter Zeit in Auferstehungskraft wieder erscheinen, die das Erlebnis bei Lazarus unvergleichlich übersteigen würde; von da an konnte Er geistlich wirken in allen, die glauben, die mit Ihm lebendig gemacht sind und die mit auferweckt sind und die Gott mitsitzen lässt in den himmlischen Örtern in Ihm (wie ein anderer Apostel uns gelehrt hat), vor dem strahlenden Augenblick seines Kommens für uns, wo wir alle verwandelt werden werden.

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