Das Johannesevangelium (10)
Johannes 10

William Kelly

© SoundWords, online seit: 03.05.2001, aktualisiert: 03.01.2018

Leitverse: Johannes 10

Der Herr fährt fort, die Folgen seiner Verwerfung trotz seiner Würde in verschiedenen Formen darzustellen. Es ist die Offenbarung seiner Gnade an den und für die Schafe (von seiner Erniedrigung als Mensch und Knecht sogar bis dahin, dass Er sein Leben in all seiner ureigenen Hervorragendste ablegt) und die Offenbarung seiner Herrlichkeit als eins mit dem Vater. Die leuchtende Seite der Wahrheit kommt ins Blickfeld.

Verse 1-6

Joh 10,1-6: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer nicht durch die Tür in den Hof der Schafe eingeht, sondern anderswo hinübersteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber. Wer aber durch die Tür eingeht, ist Hirte der Schafe. Diesem tut der Türhüter auf, und die Schafe hören seine Stimme, und er ruft seine eigenen Schafe mit Namen und führt sie heraus. Wenn er seine eigenen Schafe alle herausgebracht hat, geht er vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm, weil sie seine Stimme kennen. Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme der Fremden nicht kennen. Dieses Gleichnis {eig. diese sinnbildliche Rede} sprach Jesus zu ihnen; sie aber verstanden nicht, was es war, das er zu ihnen redete.

Die Art der Rede ist sinnbildlich. Sie weicht so weit von der gewöhnlichen Sprache ab, aber sie zeigt ein Bild, das dem Gesetz, den Psalmen und den Propheten sehr vertraut ist (1Mo 49; Ps 80; Jes 40; Hes 34; Sach 11 u. 13). Die Anwendung auf Hirten der Kirche ist lächerlich unangebracht, sowohl örtlich als auch zeitlich gesehen. Es ist der Hirte Israels im Gegensatz zu denen, die für sich in Anspruch nahmen, das alte Gottesvolk zu leiten. Sogar Er, wenn Er auch eine göttliche Person war, trat in der angekündigten Art ein. Anderen, die keine Kompetenz hatten, fehlte nicht weniger Titel oder Auftrag. Der Same der Frau, der Sohn der Jungfrau, der Same Abrahams, der Sohn Davids, der mächtige Gott, der Vater des zukünftigen Zeitalters, der aus Bethlehem kam, von alters her, von Ewigkeit her, und der doch nach 69 von Daniels 70 Wochen verstoßen werden sollte, der gerechte Knecht, der unendlich erniedrigt wurde, um über alles erhöht zu werden – was kam nicht zusammen, um auf Ihn zu weisen und jeden Rivalen auszuschließen? Ja, der verworfene Christus ist Er, der durch die Tür eingegangen ist, der Hirte der Schafe – keiner außer Ihm.

Alle anderen gedachten, auf einem anderen Weg hineinzukommen. Theudas mochte sich rühmen, jemand zu sein, Judas von Galiläa zog Leute hinter sich her. Pharisäer lieben die ersten Plätze, und Lehrer des Gesetzes legen den Menschen schwere Lasten auf. Aber die Schafe, die von Gott gelehrt sind, hören seine Stimme und nicht ihre; sogar wo es dem Geist in seiner Bemühung um Gottes Ehre gefiel, die Aufgabe des Türhüters zu übernehmen, der Ihm allein die Tür öffnete, wie wir aus dem Anfang bei Simeon und Hanna und allen sehen, die auf die Erlösung in Jerusalem warteten. Die anderen – Kleine oder Große, Ordentliche oder Revolutionäre, hatten kein Recht auf die Schafe; sie waren um nichts besser als Diebe oder Räuber, wenn sie, wie sie es taten, die Schafe verlangten, die sein waren. Er allein ist der Hirte, und die Schafe hören seine Stimme. Sie sind sein Eigen, und Er nennt sie mit Namen. Wer könnte und würde das tun außer Ihm. Er kennt sie und liebt sie und lässt sie fühlen, dass Er Interesse an ihnen hat, so wie Gott allein fühlen konnte. Und Er hat solches Recht auf sie, wie Gott allein es hatte und gab.

Weiterhin ist es so, dass Christus hineingegangen ist, aber Er führt heraus. Das Judentum vorgeht. Das Israel Gottes folgt Ihm nach außen. Es ging jetzt nicht darum, die Ausgestoßenen von Israel oder die Verstreuten von Juda in das Land zurückzuführen; das muss auf spätere Zeiten warten. Jetzt ruft Er seine eigenen Schafe mit Namen und führt sie heraus. „Wenn er seine eigenen Schafe alle herausgebracht hat“ – denn wenn das der Grundsatz seines Handelns jetzt war, so sollte es noch die notwendige Wirkung seines Todes am Kreuz sein –, geht Er vor ihnen her, und die Schafe folgen Ihm, weil sie seine Stimme hören. Es ist die Weisheit Gottes für die Einfältigen.

Kostbares Wort Gottes, das Hören seiner Stimme! Es gehört zu seiner Person, es ist die Frucht seiner Gnade, es ist ihr wahrer und bester Schutz. „Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme der Fremden nicht kennen.“ Der „Fremde“ hat nichts mit ihnen zu tun; jedoch könnte er danach streben – was haben sie mit ihm zu tun? Ihre Weisheit ist es, Jesus zu folgen, dem sie gehören, dessen Stimme sie hören und kennen. Wie einfach, wenn wir bloß einfältig wären! Wie ehrt es den Sohn! Dies gefällt auch dem Vater am meisten. Durch den Glauben werden wir gehalten, nicht dadurch, dass wir Schatten von Zweifelsucht oder Aberglauben durchschauen, wenn dies auch für einige eine Pflicht oder ein Ruf der Liebe für andere sein mag, sondern dadurch, dass wir der Wahrheit anhangen. Doch solche Worte sind für die Menschen der Vernunft oder der Tradition kraftlos. Denn sie suchen ihre eigene Ehre. Sie geben oder empfangen sie von einander. Jesus kam im Namen des Vaters, und Ihn nehmen sie nicht an. Sie gestehen, dass sie Ihm fremd sind; sie leugnen, dass irgendeiner seine Stimme kennen kann. Wenn sie sie selbst gehört hätten, würden sie nicht zweifeln, dass man sie kennen kann. Sie ziehen einen Fremden vor und folgen ihm. Die Abergläubigen erheben ihre Kirche; wenn es Gottes Kirche wäre, würde sie solche Erhöhung auf Kosten Christi ablehnen. Der zweifelsüchtige Anteil erhöht den Menschen, wie er ist. Aber beide Gruppen stimmen darin überein, dass sie die Stimme des Hirten nicht kennen. So ist es jetzt, und so war es damals.

„Dieses Gleichnis sprach Jesus zu ihnen; sie aber verstanden nicht, was es war, das er zu ihnen redete.“ Seine Rede ist wie Er selbst: Wenn Er geachtet wird, wird sie es auch; wenn man nicht an Ihn glaubt, wird sie auch nicht verstanden. Er ist das Licht und die Wahrheit. Alles, was Er sagt, hängt zum Verständnis vom Glauben an Ihn ab. Und deshalb wird in 1. Johannes 2 gesagt, dass selbst die Kindlein der Familie Gottes alle Dinge kennen. Wenn sie Christus kennen, haben sie eine Salbung von dem Heiligen. Nicht durch Lernen oder Logik, nicht durch Gefühl, Enthusiasmus oder Frömmelei, sondern durch den Besitz Christi lehnen sie Irrtümer ab, die unzählige Lehrer der Religion zu Fall gebracht haben. Sie werden so strahlend und frisch, einfältig und sicher erhalten, weil sie von Ihm abhängig sind. Diejenigen, die sich selbst für weise halten, wagen es, sich selbst zu beurteilen, und sie gehen in ihrer ungläubigen Anmaßung zugrunde. Seine Stimme zu hören, ist der demütigste Ort in der Welt, doch er hat die Macht und Weisheit Gottes auf seiner Seite. Was sie von Anfang an hörten, bleibt in ihnen, aber für den Fremden haben sie kein Ohr oder Herz. Sie sind mit Christi Stimme zufrieden. Sie kennen die Wahrheit in Ihm und wissen, dass keine Lüge aus der Wahrheit ist. Sie freuen sich über jede Hilfe, die sie an seine Worte erinnert und diese ihrer Seele wieder nahe bringt. Sie misstrauen der Stimme eines Fremden, und sie fliehen vor ihm. Sie tun recht daran: Gott möchte, dass wir keine andere Stimme achten.

Verse 7-10

Joh 10,7-10: Jesus sprach nun wiederum zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ich bin die Tür der Schafe. Alle, die irgend vor mir gekommen, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe hörten nicht auf sie. Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich eingeht, so wird er errettet werden und wird ein- und ausgehen und Weide finden. Der Dieb kommt nur, um zu stehlen und zu schlachten und zu verderben. Ich bin gekommen, auf dass sie Leben haben und es in Überfluss {and.: und Überfluss} haben.

In dem vorhergehenden Vergleich spricht der Herr von sich selbst allgemein als Hirte der Schafe, und zwar um sie zur Geltung zu bringen, wobei Er das Haupt ist, dem sie folgen. Jetzt gebraucht Er ein anderes Bild von sich in ganz direkter Art und mit nicht weniger ernster Betonung: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ich bin die Tür der Schafe.“ Da ist nichts mit der vorhergehenden Beziehung vermischt. Es geht jetzt nicht um die Schafhürde. In die war Er mit allen Beweisen, die Gott für den Menschen für passend hielt, hineingetreten – das waren persönliche, moralische, dienstliche, auf Wundern beruhende und prophetische Beweise; aber der fleischliche Sinn ist in seinem Unglauben unbesiegbar; und da das im Grunde Feindschaft gegen Gott ist, ist er möglicherweise weniger seiner Gnade, die er nicht versteht, aber erahnt, unterworfen als seinem Gesetz, von dem das Gewissen fühlt, dass es richtig und gerecht ist. Wie süß ist es, wenn man niedergebeugt und in dem Gefühl der Sünde gegen Gott zerbrochen ist, die Stimme Jesu zu hören: „Ich bin die Tür der Schafe“, nicht die Tür der Hürde, sondern die Tür derer, die Gott gehören und die sich nach seiner Erkenntnis und der Befreiung vom Ich sehnen. „Alle, die irgend … gekommen, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe hörten nicht auf sie.“ Sie waren nicht gesandt, sondern kamen ohne Berechtigung; sie suchten ihren eigenen Vorteil, nicht den Jesu Christi und deshalb auch nicht den anderer. Wie konnten sie als Verdorbene und Verruchte den Schafen nützen oder der Verherrlichung Gottes? Ihnen wurde nicht geöffnet, und wenn der Feind zu täuschen vermochte, so hörten die Schafe doch nicht auf ihre Worte; sie wurden zwar versucht, aber sie blieben bewahrt.

Aber da war noch etwas ganz anderes. „Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich eingeht, so wird er errettet werden und wird ein- und ausgehen und Weide finden.“ Wie durchdringend und doch vollkommen einfach ist die Fülle der Gnade, die in seinen Worten zum Ausdruck kommt! Da ist nicht mehr die enge Einfriedung, sondern im Grunde kann jeder eintreten; und wenn jemand durch Christus eingegangen ist, gibt es Errettung, Freiheit und Nahrung – den sicheren, freien und reichen Segen des Christentums. Alles dreht sich um seine herrliche Person. Die Gnade, die das Heil jedem und allen anbietet, ist erschienen. Als das Gesetz ein Volk von den Verkehrtheiten einer rebellischen und götzendienerischen Rasse abschloss, als es die unterwies, die es beachteten, können wir daran sehen, warum die Weisheit Gottes ein einzelnes Volk für dieses große moralische Experiment auswählte. „Aber als die Fülle der Zeit gekommen war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einem Weibe, geboren unter Gesetz, auf dass er die, welche unter Gesetz waren, loskaufte, auf dass wir (die Schafe der Hürde) die Sohnschaft empfingen. Weil ihr aber Söhne seid (die Heiden, die an das Evangelium glauben), so hat Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen gesandt, der da ruft: Abba, Vater!“ (Gal 4). Die Gabe war zu kostbar, der Segen war zu wirksam, um in den engen Grenzen Israels eingeschlossen zu werden, besonders, da das Licht die allumfassende Finsternis ringsum offenbar machte.

Wer auch immer durch Christus eingegangen ist, wird errettet werden, er wird ein- und ausgehen und alles das finden, was er braucht. Gott, der seines eigenen Sohnes nicht geschont hat, sondern Ihn für uns alle hingegeben hat: Wie wird Er uns mit Ihm nicht auch alles schenken? Das Gesetz verdammte den Sünder, legte ihn in Ketten und sprach das Todesurteil über ihn. Der Unwandelbare wandelt alles für den Gläubigen, mag er sein, wer er will. Dies ist Gnade und Wahrheit – und beide sind durch und in Christus, dem Herrn geworden. Was für ein Heiland! Wie ist es Gottes würdig, der Ihn, seinen eingeborenen Sohn in die Welt sandte, dass wir durch Ihn leben sollten.

Ohne Christus ist Sünde und Elend. So ist die Welt; und von der ganzen Welt gibt es keinen Teil, der so trügerisch, so selbstsüchtig und so verhängnisvoll für sich und alle, die davon beherrscht werden, ist wie die religiöse Welt und ihre Führer, die Führer der Ungläubigkeit jetzt und die Führer des Aberglaubens. Hier ist das Zeugnis Christi, das Zeugnis dessen, der die Wahrheit ist: „Der Dieb kommt nur, um zu stehlen und zu schlachten und zu verderben.“ Kein Geschöpf kann sich über sein Niveau erheben; was kann dann also das Geschöpf tun, das durch und durch voll unveränderlicher Bosheit und Selbstsucht steckt? Es kann unbegrenzt sinken; es ist aber nicht möglich, dass es sich über sich selbst erhebt. Der Hass der Welt mag tödlicher werden, ihre Finsternis mag undurchdringlicher werden; doch keine Gedanken oder Gefühle, keine Hilfsmittel oder Verordnungen können ihre Natur ändern. Aber die Behauptung, von Gott zu sein, wenn man es nicht ist, kann in die Tiefen der Habsucht und Grausamkeit stürzen und tut es auch. Dies ist umso zerstörender, als der falsche Anspruch an seinen Namen jeden Weg gewöhnlichen menschlichen Mitleids abschneidet; und die Wirklichkeit von dem, was von Gott ist, ruft in dem Unwirklichen den Entschluss hervor, das, was das eigene Sein verdammt, loszuwerden.

Wie segensvoll ist der Gegensatz dazu, Christus! „Ich bin gekommen, auf dass sie Leben haben und es im Überfluss haben.“ Er war das Leben, und das Leben war in Ihm, nicht nur Licht, sondern auch Leben. Alles außerhalb von Ihm lag in Finsternis und Tod. Er war nicht nur von dem Vater gesandt, sondern Er kam, und Er kam, auf dass die Schafe Leben haben könnten; und Er wollte es im Überfluss geben, wie es am meisten zu seiner persönlichen Herrlichkeit und zu seinem Werk passte – einem Werk, das Er hier immer vor Augen hatte. Deshalb hauchte Er erst nach der Auferstehung in die Jünger. Wie der HERR Adam anhauchte und der Mensch eine lebendige Seele wurde, etwas ganz anderes als irgendetwas Lebendiges auf Erden – so hauchte Er, der gleichzeitig der auferstandene Mensch und der wahrhaftige Gott war, ein besseres Leben in die, die an Ihn glaubten. Es war das ewige Leben, und das, nachdem jede Frage von Sünde von Gesetz zugunsten des Glaubens aufgrund seines Todes gelöst worden war.

Der Herr stellt sich als Nächstes in dem schönen Charakter des guten Hirten dar; ein sehr bewegender und ausdrucksstarker Beweis seiner sich erniedrigenden Liebe, wenn wir bedenken, wer Er ist und was wir sind.

Verse 11-13

Joh 10,11-13: Ich bin der gute Hirte; der gute Hirte lässt {eig. setzt ein; legt dar; so auch V. 15.17.18.} sein Leben für die Schafe. Der Mietling aber und der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht eigen sind, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht; und der Wolf raubt sie und zerstreut [die Schafe. Der Mietling aber flieht,] weil er ein Mietling ist und sich um die Schafe nicht kümmert {o. ihm an den Schafen nichts liegt}.

Hierin ist die Liebe; nicht dass wir Ihn geliebt haben, sondern dass Er uns geliebt hat und als Sühnung für unsere Sünden starb. Das Opfern des Lebens für andere wäre in jedem Fall der vollste Liebesbeweis gewesen: wie viel mehr bei Ihm, dem die Schafe gehörten, der von alters her verheißen war als der, der in der Kraft des HERRN, in der Majestät des Namens des HERRN seines Gottes stehen und weiden sollte! Größe und Erhabenheit bis zu den Enden der Erde ist etwas Geringes verglichen damit, dass der gute Hirte sein Leben für die Schafe lässt. Es ist derselbe Messias; aber wie unendlich größer ist das Zeugnis für seine Liebe sichtbar in dem, dass Er so stirbt, als darin, dass Er in Ewigkeit so herrlich herrscht, wenn das auch für Ihn und die Verherrlichung Gottes noch so angebracht und passend ist und wenn es auch noch so viel Segen für den Menschen beinhaltet, wenn das Reich kommt!

Eine andere Phase menschlicher Anmaßung in göttlichen Dingen wird als Nächstes sichtbar, nicht Diebe und Räuber wie vorher, sondern der „Mietling“, der Mann, der sich ohne höheres Motiv als seinen eigenen Gewinn und seine eigene Gier mit den Schafen befasst: „Die hungrigen Schafe schauen auf und werden nicht geweidet“, wie einer unserer großen Dichter nicht mit Unrecht sang. Hier beschreibt dann der Herr zum ersten Mal nicht ihre Prüfungen, sondern den Charakter dessen, der sich das anmaßt, was nicht ihm, sondern Christus zusteht. Und so verlässt er sie offen in der Stunde der Gefahr. Er „sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht“. Es ist der Feind, mit welchen Mitteln er auch immer arbeiten mag. Dann folgt die Gefahr, der sie ausgesetzt sind, und der Schaden, der ihnen zugefügt wird: „Der Wolf raubt sie und zerstreut die Schafe, weil er ein Mietling ist und sich um die Schafe nicht kümmert.“ So wie die göttliche Liebe in dem Ratschluss Gottes und seinem Willen wirkte, so auch im Tode Christi; auch gibt es nichts Gutes oder Annehmbares, wo die Liebe nicht das Motiv ist. Sie ist die wahre und einzig richtige Quelle des Dienstes; wie es der Herr dem Diener mitteilte, nachdem dieser wieder voll hergestellt und zurechtgebracht war, nach seiner Verleugnung: „Weide meine Lämmer – meine Schafe.“ Nicht dass Er nicht die herrlichste Belohnung bereithält, um den Diener zu ermutigen, der schon auf dem Pfad Christi ist und der dazu neigt, durch seine Schwierigkeiten aus der Bahn geworfen zu werden; aber die Liebe allein wird als das anerkannt, was ihn zwingt, zu dienen. Christus war die Vollkommenheit sich selbst aufopfernder Liebe; und es ist Satan, der als der Wolf das ergreift und zerstreut, was Ihm so kostbar ist, was durch die Ichbezogenheit solcher Menschen geschieht, die die Schafe in ihrer größten Gefahr allein lassen, denn der Mietling kümmert sich nicht um die Schafe. Der Charakter des Menschen und Satans ist ebenso deutlich wie der Christi, der in den nächsten Versen sich aus anderen Merkmalen herausschält. Ihm lag Ichbezogenheit völlig fern; es gab bei Ihm nur Liebe.

Verse 14.15

Joh 10,14.15: Ich bin der gute Hirte; und ich kenne die Meinen {o. was mein ist} und bin gekannt von den Meinen, gleichwie der Vater mich kennt und ich den Vater kenne; und ich lasse mein Leben für die Schafe.

Hier wird seine Güte in dem gegenseitigen Kennen von Hirten und Schafen gezeigt, und zwar – herrlich, das zu sagen! – nach dem Muster des Kennens von Vater und Sohn. Es ist ein Kennen nach göttlicher Art, das in seiner Abwesenheit ebenso stimmt wie in seiner Gegenwart. Es war nicht solch schützende Fürsorge, wie der Messias sie an seinem Volk ausüben könnte und würde, so zärtlich diese auch ist; denn Er wird auch seine Herde weiden wie ein Hirte, Er wird die Lämmer sammeln in seinen Armen und sie an seiner Brust tragen und die Jungtiere sanft leiten. Aber es hatte nie solche klare Innigkeit gegeben wie die zwischen Ihm hier auf Erden und seinem Vater; und nach diesem Muster und nach keinem anderen sollte es zwischen Ihm in der Höhe und den Schafen hier unten sein. Dieses gegenseitige Kennen verschwindet fast ganz in der A.V. [Authorized Version; engl. Bibelübersetzung], und zwar durch den unglückseligen Punkt zwischen den Versen 14 und 15 und durch die daraus folgende falsche Übersetzung des ersten Abschnittes von Vers 15.

Der Herr kehrt zu der Tatsache zurück, dass Er sein Leben für die Schafe lässt. Auch können wir uns darüber nicht wundern; denn so wie Er keinen größeren Beweis für seine Liebe liefern konnte, gibt es auch nichts, was für unsere Seelen so ermutigend und gleichzeitig demütigend ist, nichts, was Gott so verherrlicht, und nichts, was ein solcher Mittelpunkt für den Segen des Universums ist. Bei diesem Punkt jedoch ist es die Liebe des guten Hirten zu den Schafen.

Vers 16

Joh 10,16: Und ich habe andere Schafe, die nicht aus diesem Hofe sind; auch diese muss ich bringen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde, ein Hirte sein {o. werden}.

Hier kann der Herr deutlich zum ersten Mal von anderen Zielen seiner Liebe sprechen. Er mochte als Diener der Beschneidung für die verlorenen Schafe des Hauses Israel gekommen sein. Aber seine Liebe konnte nicht so begrenzt werden, wenn sein Tod die Schleusen öffnet. Die Erwähnung seines Todes führt Ihn dazu, von dem zu sprechen, was ganz außerhalb des Bereiches Israels lag. „Und ich habe andere Schafe, die nicht aus diesem Hofe sind“ – nicht aus dem jüdischen Volk innerhalb ihrer Begrenzung von Gesetz und Verordnung –, „auch diese muss ich bringen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde, ein Hirte sein.“ Es ist nicht, wie in der englischen Bibel und anderen, die der Vulgata folgen, die Rede von „einem Hof“, sondern von „einer Herde“. Gott anerkennt nicht so etwas wie einen Hof jetzt. Das ist ausschließlich jüdisch; und der Gedanke schmuggelte sich unter Christen durch das Verjüdischen der Kirchen ein, während die Wahrheit über die Kirche, wenn man sie betrachtet, solch einen Gedanken oder solch ein Wort, auf die Kirche angewandt, unmöglich macht. Die Wahrheit ist, wie wir gehört haben, dass der Herr all die Seinen zusammenbringen wird, dass Er vor ihnen hergeht und dass die Schafe Ihm folgen. So ging es aus dem jüdischen Hof heraus. Aber Er hatte noch andere Schafe, die nicht aus dem Hof waren. „Auch diese muss ich bringen, und sie werden meine Stimme hören.“ Das waren die Menschen aus den Heiden heraus; die Gläubigen dort hören seine Stimme, und sie glauben dem Evangelium. Aber sie bilden keine neue Einfriedung, die durch das Gesetz eingeschlossen wird, wie der Hof Israels. Die Freiheit Christi ist das Wesen des Christentums, nicht nur Leben und Vergebung, sondern Freiheit und Nahrung. Denn wenn Christus alles ist, was kann ihnen dann mangeln? Die jüdischen Schafe sind herausgeführt worden, die heidnischen Schafe werden gesammelt, und beide zusammen bilden eine Herde, ebenso sicher, wie es nur einen Hirten gibt.

Eine Ursache, die so viel wie irgendetwas dazu beigetragen hat, die Heiligen für die Aufnahme der Wahrheit abzustumpfen, ist die Tatsache, dass es so viele Einfriedungen der Benennungen gibt, in denen sie sich befinden. Scheint es hart, wenn man sagt, dass solch ein Zustand der Dinge, der seit der Reformation von Reformern und anderen Männern von besonderer Energie aufgebaut worden ist, unberechtigt ist? Aber was sagt die Schrift, unser einziger Maßstab? „Eine Herde, ein Hirte.“ Wie traurig, dass man Personen findet, die so viel Vorurteile haben, dass sie lehren: „Viele Höfe, aber eine Herde!“ Aber das dient eher dazu, das Wort Gottes zu verdrehen als auszulegen, denn das Wort lässt keinen Hof jetzt zu, und Geist und Buchstabe widerlegen den Einwand.

Ein anderes Element, das mächtig zugunsten „eines Hofes“ gewirkt hat, ist die schädliche Vermischung der Kirche mit Israel, Zion etc., die sich nicht nur durch die allgemeine Theologie zieht, sondern sogar durch die Rubriken der A.V. und die deshalb ständig vor aller Augen ist. Wenn wir uns deshalb jetzt so mit dem Volk Gottes identifizieren, dass wir alles, was von ihnen im Alten Testament gesagt wird, als unser gegenwärtiges Teil zu deuten scheinen, braucht man sich nicht zu wundern, dass dies zu einem ähnlichen Ergebnis im Neuen Testament tendiert.

Verse 17.18

Joh 10,17.18: Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, auf dass ich es wiedernehme. Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selbst. Ich habe Gewalt, es zu lassen, und habe Gewalt, es wiederzunehmen. Dieses Gebot habe ich von meinem Vater empfangen.

Aber der Tod Christi hat in Bezug auf seinen Vater einen Aspekt der tiefsten Freude und des Wohlgefallens, abgesehen davon, dass er die Grundlage der Erlösung und des Christentums ist. „Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, auf dass ich es wiedernehme. Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selbst. Ich habe Gewalt, es zu lassen, und habe Gewalt, es wiederzunehmen. Dieses Gebot habe ich von meinem Vater empfangen.“ Der Herr fügt hier nicht „für die Schafe“ hinzu, und wir sollten auch seinen Tod nicht auf uns beschränken. Er lässt uns den Wert sehen, den die Tatsache, dass Er sein Leben lässt, in sich selbst hat. Es war ein neues Motiv für die Liebe des Vaters; und kein Wunder, wenn sie nur wie die unerforschliche Tiefe wäre, zu der seine eigene Ergebenheit sich herabneigen konnte. Aber in der Tat weiß keiner außer dem Vater, was Er an Liebe darin fand und an Vertrauen zu Ihm, an Selbstaufgabe und moralischer Hervorragendheit in jeder Beziehung, was gekrönt wurde von der persönlichen Würde in Ihm, der in unaussprechlich naher Gemeinschaft mit dem Vater selbst stand und der sich so herabließ zu sterben. Deshalb konnte es nicht anders sein, als dass der Sohn sein Leben wiedernehmen würde, nicht jetzt in Verbindung mit der Erde und als Mensch, um dort zu leben, sondern als von den Toten Auferstandener und so als die Macht und das Bild des Christentums.

In dieser tiefen Erniedrigung, zu der der Herr sich in Gnaden herabließ, muss man sich sehr in Acht nehmen, dass man sich davor hütet, den geringsten Verdacht aufkommen zu lassen, der seine Herrlichkeit als der Sohn und als der Gott abschwächen könnte. Es ist nicht so, wie bei Matthäus (wo Er als der verworfene Messias gesehen wird, als der Sohn des Menschen, nicht bloß als das bestimmte Haupt aller Nationen und Völker und Sprachen, sondern als Befehlshaber der heiligen Engel, seiner Engel): Er brauchte nur seinen Vater zu bitten, der Ihm mehr als zwölf Legionen Engel senden konnte. Und was hätten alle römischen Legionen gegen diese himmlischen Wege vermocht, die so mächtig an Stärke sind und die sein Wort tun? Aber wie konnte dann, so fügt Er hinzu, die Schrift erfüllt werden, dass dies so geschehen musste?

Obwohl Er eine göttliche Person war, so war Er doch gekommen, um zu sterben; als das ewige Leben, das bei dem Vater war, bevor es weder Mensch noch Erde gab, hatte Er sich herabgelassen, Mensch zu werden, um so sein Leben lassen zu können und es wiederzunehmen. Aber hier spricht Er nicht mehr in demütiger Liebe als bewusster Gott. „Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selbst. Ich habe Gewalt, es zu lassen, und habe Gewalt es wiederzunehmen. Dieses Gebot habe ich von meinem Vater empfangen.“ Auf der einen Seite legt Er ruhig das Recht und die Macht dar, dass Er sein Leben lassen und es wiedernehmen kann. Wie niemand als der Schöpfer das Letztere vermochte, so ist ebenso auch kein Geschöpf berechtigt, das Erstere zu tun. Niemand außer Gott hat das Recht und die Macht, beides zu tun; und das Wort wurde, ohne natürlich aufzuhören, göttlich zu sein (was selbstverständlich nicht geschehen konnte), Fleisch, damit Er so sterben und auferstehen könnte. Auf der anderen Seite bleibt Er sogar hierbei, was man gerechterweise für die bestimmt persönlichste aller Taten halten konnte, der gehorsame Mensch, der nur den Willen des Vaters tun wollte. Er war gekommen, um den Willen des Vaters zu tun. Das ist Vollkommenheit, und sie findet sich in Jesus allein. Wir tun wohl daran, Ihn mit dem Vater, der Ihn gegeben hat, anzubeten. Er ist es wert.

Diese wunderbaren Worte waren sogar damals bei den Juden nicht ohne Wirkung. Die vorher unbekannte Liebe, die Niedrigkeit eines Knechtes, die Würde eines bewusst Göttlichen, all das wirkte in einigen Gewissen, während andere zu tieferem Hass hingerissen wurden. So ist es in einer Welt sündiger Menschen, und so muss es dort sein, wo Gott und Satan beide in dem augenblicklichen Kampf von Gut und Böse am Werke sind.

Verse 19-21

Joh 10,19-21: Es entstand wiederum ein Zwiespalt unter den Juden dieser Worte wegen. Viele aber von ihnen sagten: Er hat einen Dämon und ist von Sinnen; was höret ihr hin? Andere sagten: Diese Reden sind nicht die eines Besessenen; kann etwa ein Dämon der Blinden Augen auftun?

Je größer die Gnade und je tiefer die Wahrheit ist, desto weniger achtet der natürliche Sinn Christus. Er ist wirklich der Prüfstein jeder Seele, die sein Wort hört. Aber wenn einige das, was unendlich über den Menschen hinausragte, einem Dämon zuschrieben und dem irren Gerede, das aus solch einer Besessenheit folgt, so gab es auch andere, die fühlten, wie weit die Worte von denen eines Besessenen entfernt waren, und die sich der göttlichen Macht beugten, die sie versiegelte. Die Worte und die Werke hatten für ihr Gewissen ein anderes Wesen und eine andere Bedeutung.

Verse 22-30

Joh 10,22-30: Es war aber das Fest der Tempelweihe in Jerusalem; [und] es war Winter. Und Jesus wandelte in dem Tempel, in der Säulenhalle Salomons. Da umringten ihn die Juden und sprachen zu ihm: Bis wann hältst du unsere Seele hin? Wenn du der Christus bist, so sage es uns frei heraus. Jesus antwortete ihnen: Ich habe es euch gesagt, und ihr glaubet nicht. Die Werke, die ich in dem Namen meines Vaters tue, diese zeugen von mir; aber ihr glaubet nicht, denn ihr seid nicht von meinen Schafen, wie ich euch gesagt habe. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie gehen nicht verloren ewiglich, und niemand wird sie aus meiner Hand rauben. Mein Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer als alles, {O. alle} und niemand kann sie aus der Hand meines Vaters rauben. Ich und der Vater sind eins.

Viele von uns sind mit der Anstrengung vertraut, Tradition und menschliche Autorität in göttlichen Dingen durch solch einen Absatz wie den Anfang von Vers 22 zu stützen. Aber das ist wirklich unzulänglich. Denn hier erfahren wir nichts über die Teilnahme unseres Herrn an irgendwelchen Zeremonien der Menschen, welcher Gestalt auch immer sie sein mochten, sondern wir erfahren etwas darüber, dass Er damals in Jerusalem war und dass es Winter war und Er in der Halle Salomos wandelte, als die Juden Ihn umringten und anhielten, indem sie zu Ihm sprachen: „Bis wann (oder wie lange) hältst du unsere Seele hin (oder lässt du sie im Ungewissen)“? Ihr Unglaube war böse und schuldhaft, und deshalb zogen die Juden nicht eine solche Folgerung aus seiner Gegenwart dort und dann. Sie fühlten sich unbehaglich trotz ihrer Opposition Ihm gegenüber. „Wenn du der Christus bist, so sage es uns frei heraus.“ Aber die Schicksalsstunde war da, und die Macht der Finsternis war da; und das Licht war im Begriff, nach seiner vollen Offenbarung in ihrer Mitte von ihnen zu weichen. „Jesus antwortete ihnen: Ich habe es euch gesagt, und ihr glaubet nicht.“ Man denke nur an seine Worte, wie sie in Johannes 5,6 und 8 berichtet werden. Es konnte kein klareres und reicheres Zeugnis geben. Aber das Zeugnis hält nicht immer an. Es wird frei, voll und geduldig gegeben, und es kann dann von denen abgewandt werden, die es verwerfen, zu denen hin, die es hören. So pflegt Gott zu handeln, und so antwortet der Herr bei dieser Gelegenheit: „Ich habe es euch gesagt, und ihr glaubet nicht.“

Aber da gab es mehr als Worte, so wahrhaft göttlich diese auch waren, Worte der Gnade und Wahrheit hinsichtlich seiner Person. Da gab es Werke mit ähnlichem Charakter; und die Juden waren gewöhnt, auf ein Zeichen zu warten. Wenn sie ernsthaft forschten, könnten sie Zeichen sehen, die der Mensch nicht zählen oder schützen konnte. „Die Werke, die ich in dem Namen meines Vaters tue, diese zeugen von mir.“ Was konnte solche Härte in einem Herzen erklären? „Aber ihr glaubet nicht, denn ihr seid nicht von meinen Schafen.“ Eine ernste Lösung einer Schwierigkeit, eines Widerstandes gegen die Wahrheit, einer Verwerfung Christi, die heute so wahr ist wie je zuvor.

Die Menschen trauen auf sich selbst, auf ihre eigenen Empfindungen und auf ihre eigenen Beurteilungen. Haben sie diese niemals getäuscht? Sind sie immer vor Gott wahr gewesen? Was ist es doch für eine selbstmörderische Torheit, nicht sich selbst zu misstrauen und nicht auf Gott zu schauen, zu Ihm zu schreien, Ihn zu fragen, was sein Weg, seine Wahrheit, sein Sohn ist! Aber nein, das würde bedeuten, dass man glaubt und gerettet wird; und sie wollen nicht. Sie sind zu stolz. Sie wollen sich nicht dem Wort beugen, das sie als Sünder festnagelt, selbst wenn es ihnen die Botschaft von der Vergebung der Sünden mit Hilfe des Glaubens sendet. Sie fühlen, dass solche Gnade von Seiten Gottes größte Schuld und völligen Ruin auf ihrer Seite voraussetzt, und dieses anzuerkennen sind sie zu hart und zu stolz. Sie glauben nicht; sie gehören nicht zu den Schafen des Heilands. Verbrecher und Heiden mögen vielleicht einen Heiland brauchen; aber nicht anständige, moralische, religiöse Menschen wie sie! Sie glauben nicht und wollen nicht glauben. Und sie gehen verloren – nicht weil sie zu große Sünder für Christus sind, sondern weil sie Christus als den Heiland ablehnen und ihr Verderben als Sünder ableugnen. Sie ziehen es vor, so weiterzuleben, wie sie sind, wie die große Masse der Menschen: Sie denken, Gott sei zu barmherzig; und sie hoffen, dass sie sich eines Tages bessern werden, wenn sie jetzt nicht in Ordnung sind. So gehen sie verloren. Das ist der Weg und das Ende manches Ungläubigen jetzt, wie damals bei den Juden.

Wie werden denn Christi Schafe gekennzeichnet? Wir brauchen nicht zu zögern, die Antwort zu empfangen, denn hier ist sein eigener Bericht darüber. „Meine Schafe hören meine Stimme“: eine Eigenschaft, die unvergleichlich besser ist als dies oder jenes oder alles ohne die Stimme zu tun. Es ist der Gehorsam des Glaubens, der heilige Anfang aller heiligen Ausgänge. Ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen; und dies ist die gegenwärtige Kennzeichnung derer, die aus dem Glauben sind: Sie hören die Stimme Christi und sind wirklich demütig und doch auch fest. Es ist nicht Selbstverteidigung oder die Vergesslichkeit gegenüber ihrer eigenen Sündigkeit und seiner Herrlichkeit. Es ist so, dass man einfach seine Gnade und die eigene Not anerkennt. Und so allein werden Seelen durch Christus zur Ehre Gottes gesegnet.

Dies ist jedoch nicht ihr einziges Vorrecht. „Und ich kenne sie“, sagt der Heiland. Es wird hier nicht gesagt, dass sie Christus kennen, so wahr dies auch durch die Gnade ist. Aber Er kennt sie, Er kennt all ihre Gedanken und Empfindungen, ihre Worte und Taten, ihre Gefahren und Schwierigkeiten, ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Er kennt sie, kurz gesagt, vollkommen und in vollkommener Liebe. Wie unendlich ist die Gnade und der Segen! Was für eine Hilfsquelle und was für eine Freude!

Aber da ist mehr. Die Schafe hören nicht nur Christi Stimme, sondern – sagt Er – „sie folgen mir“. Denn der Glaube ist lebendig und praktisch, oder er ist weniger als wertlos. Und so wie es Christus zukommt, dass die Seinen Ihm folgen, so haben sie es nötig, da sie ja unzähligen Feinden, sichtbaren und unsichtbaren, ausgesetzt sind. Es ist ihre Sicherheit, durch was für Umstände auch immer sie hindurchmüssen: Christus, der die Schafe führt, kann nicht versagen. Und so wie Er sie kennt, so folgen sie Ihm. So bewahrt Er sie auf dem Weg, der Er selbst ist.

„Und ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie gehen nicht verloren ewiglich, und niemand wird sie aus meiner Hand rauben.“ So garantiert ihnen der Herr sein eigenes Leben, nicht das Leben Adams, der den Tod brachte und starb und all seinen Nachkommen das traurige Erbe hinterließ; dagegen macht der zweite Mensch und letzte Adam, da Er Sohn Gottes ist, lebendig, welchen Er will, und Er macht lebendig mit dem ewigen Leben und für das ewige Leben. Wird denn gesagt, dass die Schafe schwach sind? Ohne Frage; aber hier schließt Er Furcht und Angst für alle, die an Ihn glauben, aus, denn Er fügt sofort hinzu, dass „sie nicht verlorengehen werden ewiglich“. Keine innere Schwäche wird deshalb für einen Augenblick ihre Sicherheit in Gefahr bringen. Auch wird feindliche Macht oder List sie nicht aufs Spiel setzen, denn „niemand wird sie aus meiner Hand rauben“.

Konnte die Liebe noch größere Ziele sichern? Seine Liebe wollte ihnen die Gewissheit seiner eigenen tiefsten Freude verleihen, die Liebe seines Vaters ebenso sicher wie seine eigene Liebe; und so schließt Er seine Rede damit ab. „Mein Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus der Hand meines Vaters rauben. Ich und der Vater sind eins.“ Hier erheben wir uns zu jener Höhe heiliger Liebe und unendlicher Macht, von der niemand reden konnte außer dem Sohn; und Er spricht von den Geheimnissen der Gottheit mit der innigen Vertrautheit, die dem Eingeborenen, der im Schoß des Vaters ist, eigen ist. Er bedurfte nicht, dass jemand Zeugnis gebe von dem Menschen, denn Er wusste, was im Menschen ist, da Er selbst Gott war; und Er wusste aus dem gleichen Grund, was in Gott war. Himmel und Erde machten keinen Unterschied, auch nicht Zeit oder Ewigkeit. Kein Geschöpf ist vor Ihm unsichtbar, sondern alle Dinge sind bloß und offenbar vor seinen Augen, und mit diesem haben wir zu tun. Und Er erklärt, dass der Vater, der die Gabe gegeben hat, allem Widerstand leistet, was mit Schaden drohen kann. Und so wie Er sie Christus gegeben hat, so ist Er größer als alles, und niemand kann sie aus seiner Hand rauben. In der Tat sind der Sohn und der Vater eins, nicht eine Person (dies wird durch ἐσμεν und auch von jeder anderen Schriftstelle, die sich darauf bezieht, widerlegt), sondern eine Sache, eine göttliche Natur oder ein göttliches Wesen (wie andere Schriftstellen gleicherweise beweisen). Der Niedrigste der Menschen, der Hirte der Schafe, Er ist der Sohn des Vaters, wahrhaftiger Gott und ewiges Leben. Und Er und der Vater sind nicht mehr wahr in göttlichem Wesen eins als in der Gemeinschaft göttlicher Liebe für die Schafe.

So nahm der Herr göttliche Herrlichkeit für sich in Anspruch. Er ließ sie als seine Herrlichkeit nicht weniger als die des Vaters durchblicken, wenn Er auch den Platz des Menschen in der Erniedrigung der Liebe angenommen hatte, um die Werke des Teufels zu zerstören und schuldige Sünder, die seine Stimme hören, von der Knechtschaft der Sünde und Gottes sehr gerechtem Gericht zu befreien. Dies erregte wieder den mörderischen Hass seiner Zuhörer.

Verse 31-33

Joh 10,31-33: Da hoben die Juden wiederum Steine auf, auf dass sie ihn steinigten. Jesus antwortete ihnen: Viele gute Werke habe ich euch von meinem Vater gezeigt; für welches Werk unter denselben steiniget ihr mich? Die Juden antworteten ihm: Wegen eines guten Werkes steinigen wir dich nicht, sondern wegen Lästerung, und weil du, der du ein Mensch bist, dich selbst zu Gott machst.

Ach, wie groß ist doch der Wille und das Selbstvertrauen des Menschen! Sie hatten recht, wenn sie sagten, dass Jesus ein Mensch war; sie irrten sich nicht, wenn sie verstanden, dass Er für sich beanspruchte, Gott zu sein. Aber es war die Einflüsterung Satans, der an dem Unglauben des Menschen für alles, was über seine Sinne und seinen Verstand hinausging, wirkte, dass Er, der Gott war, sich nicht in Liebe zu den Menschen und zur göttlichen Verherrlichung herablassen würde, Mensch zu werden, um die Erlösung zu vollbringen. War es unglaublich, dass Gott sich so tief für diese sehr wertvollen Ziele herabneigen würde? Und hatte nicht Jesus angemessene Beweise seiner Herrlichkeit und seiner Beziehung zu dem Vater in Macht und Güte und Wahrheit gegeben? Ein Leben von unbekannter Reinheit, von Abhängigkeit von Gott ohne Beispiel, von aktiver unermüdlicher Güte, von umso mehr überraschender Erniedrigung und Leiden, weil sie in offenbarer Erfüllung eines Auftrages von unbegrenzter Macht im Zeugnis für den Vater erfolgten, und das in der Erfüllung der ganzen Kette von Bildern und Weissagungen der Schrift. All das verbindet sich, um die Beschuldigungen der Abgötterei von Seiten der alten Schlange, des Lügners und des Vaters der Lüge, zurückzuweisen; die große Lüge desselben ist es, Gott davon zu vertreiben, der Gegenstand des Glaubens und Dienstes und der Anbetung des Menschen zu sein, wobei er falsche Ziele setzt oder gar kein Ziel außer dem Ich, was, so wenig es auch vermutet wird, wirklich Satans Dienst ist.

Es gibt deshalb nichts, was Satan so erregt, als dass Gott so in und durch den Herrn Jesus dargestellt wird, der seine eigene vollkommene Güte und die Feindschaft des Menschen offenbart und keine Macht zu Hilfe nimmt, um sich vor Beleidigung und Unrecht zu retten. „Zuvor aber muss er vieles leiden und verworfen werden von diesem Geschlecht“ – einem Geschlecht, das noch moralisch fortfährt und fortfahren wird, bis Er in Herrlichkeit, um zu richten, wiederkommen wird. Sie nahmen deshalb Steine, um Ihn zu steinigen; denn Satan ist ein Mörder ebenso wie ein Lügner. Und es gibt nichts, was so viel Gewalttätigkeit, ja sogar den Tod erregt als die Wahrheit, die die Menschen verdammt, die sich an die Religion hängen. Für ihre geblendeten und aufgebrachten Sinne war es für Ihn Gotteslästerung, zu sagen, dass Er denen, die Ihm folgten, ewiges Leben gebe, das über die Schwachheit oder die Macht des Geschöpfes hinausgehe – eine Gotteslästerung, zu sagen, dass Er und der Vater eins seien; wohingegen es die Wahrheit ist, die so lebensnotwendig ist, dass keiner, der sie verwirft, gerettet werden kann. Seine Worte waren ebenso gut wie seine Werke und sogar für den Menschen noch gewichtiger; dagegen war beides von dem Vater. Er, den Gott gesandt hat, wie Johannes bezeugte, redete die Worte Gottes. Sie waren es, die Gott lästerten, indem sie leugneten, dass Er Gott sei, der sich in seiner Gnade für sie herabließ, Mensch zu werden.

Verse 34-36

Joh 10,34-36: Jesus antwortete ihnen: Steht nicht in eurem Gesetz geschrieben: „Ich habe gesagt: Ihr seid Götter?“ {Ps 82,6}. Wenn er jene Götter nannte, zu welchen das Wort Gottes geschah (und die Schrift kann nicht aufgelöst werden), saget ihr von dem, welchen der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat: Du lästerst, weil ich sagte: Ich bin Gottes Sohn? 

Aber Er begegnete ihnen auf ihrer eigenen Basis mit einem starken Argument, das seine persönliche Herrlichkeit unberührt ließ. So schließt Er sehr folgerichtig vom Kleineren auf das Größere; denn jeder Jude wusste, dass ihre inspirierten Bücher, wie z.B. Psalm 82, Richter Elohim (Götter) nennt, da sie von Gott beauftragt und Ihm verantwortlich sind, in seinem Namen zu richten. Wenn solch ein Titel für einen bloßen Beamten in der Schrift (und deren Autorität ist unauflöslich) gebraucht werden konnte, wie unvernünftig ist es dann, den der Gotteslästerung zu bezichtigen, den der Vater abgesondert hat[1] und in die Welt gesandt hat, weil dieser sagte, dass Er Gottes Sohn sei! Er behauptet oder beweist ihnen nicht, was Er ist, sondern Er überführt sie einfach ihrer Verkehrtheit auf dem Boden ihres Gesetzes. Sie hatten nicht die geringste Entschuldigung, während sie das strenge Bewahren des Gesetzes als etwas, was göttliche Autorität hatte, forderten. Wenn Gott die Richter mit seinem Namen nannte, weil sie seine Vertreter waren, wie viel mehr stand der Name dem zu, der einen so einmaligen Platz einnahm?

Verse 37.38

Joh 10,37.38: Wenn ich nicht die Werke meines Vaters tue, so glaubet mir nicht; wenn ich sie aber tue, so glaubet den Werken, wenn ihr auch mir nicht glaubet, auf dass ihr erkennet und glaubet, dass der Vater in mir ist und ich in ihm.

Die unwiderstehliche Kraft dieses Appells konnte nicht geleugnet werden. Der Charakter der Werke gab nicht nur für die göttliche Macht Zeugnis, sondern ein Zeugnis in der Fülle der Liebe. So mochten sie denken von Ihm, was sie wollten – die Werke waren unverkennbar, damit sie lernen sollten und die Einheit von Vater und Sohn erkennen sollten. Nicht dass Er die Würde seiner Person oder die Wahrheit seiner Worte abschwächt; aber Er setzt sich für sie ein, Er wirkte an ihren Gewissen, und zwar durch diese Werke, die ebenso die Macht wie auch die Gnade Gottes bezeugten und ebenso die Herrlichkeit dessen offenbar machten, der sie wirkte. Aber der Eigenwille hält stand gegen alle Beweise.

Verse 39-42

Joh 10,39-42: Da suchten sie wiederum ihn zu greifen, und er entging ihrer Hand. Und er ging wieder weg jenseits des Jordan an den Ort, wo Johannes zuerst taufte, und er blieb daselbst. Und viele kamen zu ihm und sagten: Johannes tat zwar kein Zeichen; alles aber, was Johannes von diesem gesagt hat, war wahr. Und viele glaubten daselbst an ihn.

Es war also nicht so, dass ihr Unglaube unvollständig war, sondern seine Zeit war noch nicht gekommen. Der Herr zieht sich deshalb bis zu dem von Gott bestimmten Zeitpunkt zurück, und Er begibt sich in der Zwischenzeit an den Ort, wo Johannes zuerst gewirkt hatte. Er blieb dort, wo die Gnade manche Seele gewann, die in Ihm die Wahrheit des Zeugnisses von Johannes erkannte.

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Anmerkungen

[1] Man tut gut daran, zu beachten, dass der Herr seine Heiligung in Johannes 17,19 verkündet als der, der jetzt im Himmel abgesondert ist, der beispielhafte Mensch in Herrlichkeit. Und Er ist jetzt von dem Vater für seinen Auftrag in die Welt gesandt worden. Das ist etwas ganz anderes als die Anwendung des Wortes auf uns, die wir Sünder und sogar tot in Sünden waren. Im Fall des Heiligen vollendet sich die Heiligung zu ihrer reinen und abstrakten Form des Absonderns.


Hinweis der Redaktion:

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