Das Johannesevangelium (19)
Johannes 19

William Kelly

© SoundWords, online seit: 16.05.2003, aktualisiert: 15.05.2017

Leitverse: Johannes 19

Hartherzigkeit und Schmähung nahmen ihren Lauf, denn seine Stunde war gekommen. Pilatus nahm Jesus, den Herrn der Herrlichkeit, und ließ Ihn geißeln; die Soldaten behandelten ihren sanften Gefangenen mit gefühllosem Spott, der natürlich ist bei solchen gegenüber einem, der keinen Widerstand geleistet hat; doch wir müssen auf die Juden schauen, um den äußersten und unerbittlichsten Hass zu sehen.

Verse 1-6

Joh 19,1-6: Dann nahm nun Pilatus Jesus und ließ ihn geißeln. Und die Kriegsknechte flochten eine Krone aus Dornen und setzten sie auf sein Haupt und warfen ihm ein Purpurkleid um; und sie kamen zu ihm und sagten: Sei gegrüßt, König der Juden! und sie gaben ihm Backenstreiche. Und Pilatus ging wieder hinaus und spricht zu ihnen: Siehe, ich führe ihn zu euch heraus, auf dass ihr wisset, dass ich keinerlei Schuld an ihm finde. Jesus nun ging hinaus, die Dornenkrone und das Purpurkleid tragend. Und er spricht zu ihnen: Siehe, der Mensch! Als ihn nun die Hohenpriester und die Diener sahen, schrien sie und sagten: Kreuzige, kreuzige ihn! Pilatus spricht zu ihnen: Nehmet ihr ihn hin und kreuziget ihn, denn ich finde keine Schuld an ihm.

Der Römer sah durch die Niederträchtigkeit des Volkes hindurch und durch die List und tödliche Bosheit der religiösen Führer; und er scheint zu der ungerechten Politik der Geißelung des Herrn Zuflucht genommen haben, der die erlaubte, wenn auch nicht vorgeschriebene Verspottung der Soldaten als ein Mittel, um die Juden zu befriedigen und Jesus gehen zu lassen. Im Gegensatz zu Wahrheit und Gerechtigkeit wollte er ihren Gefühlen gegen Jesus entgegenkommen, aber er wollte einen unschuldigen Menschen retten, wenn möglich ohne Schaden seiner selbst. So ist der Mensch in Autorität hier unten – wenigstens wo es um Christus geht oder sogar um die, die Christus angehören. Es war der Ort des Gerichts, aber Bosheit war da; und es war der Ort der Gerechtigkeit, aber es herrschte Ungerechtigkeit. Da war nicht ein Funke Gewissen in dem Richter ebenso wie in den Anklägern oder in der Menge, die jetzt ganz hingerissen war. Da war der Mensch, von Satan getäuscht; und Gott hatte in keinem ihrer Gedanken Platz. Pilatus hoffte wahrscheinlich, dass der Anblick des ergebenen Erduldens von solch grausigem Spott und der Geißelung vielleicht die Menge und ihre Führer zum Mitleid bewegen würde, während die augenscheinliche Nichtigkeit der königlichen Ansprüche Jesu natürlicherweise ihre Verachtung erwecken würde. Und so hoffte er auf beide Weisen seinen eigenen Wunsch in Erfüllung zu bringen, den Gefangenen entlassen zu können, bei dem er eingestandenermaßen keinerlei Schuld nachweisen konnte. Aber nein! Alles muss in seinen wirklichen Farben hervorkommen, Priester und Volk, Gelehrte und Ungelehrte, Bürger und Soldaten, Richter und Gefangener. Es war die Stunde und die Macht der Finsternis. Aber wenn der Mensch und wenn Satan da war, so war Gott moralisch dabei, sie durch den Einen zu richten, den sie falsch verurteilten.

Doch in jener verblendeten und verhärteten Schar leuchtet der Römer, so ungerecht er auch war, noch hervor im Verhältnis zu den Juden mit all ihren Ränken; und als die Schwierigkeit entstand, den Schuldlosen von ihrem Willen, der sich auf Vernichtung gerichtet hatte, zu befreien, sehen wir, wie ein Mensch ohne seinen eigenen Willen von der unantastbaren Würde dessen beeindruckt wird, der von seiner Gnade abhängig zu sein schien. Anderswo lesen wir in der Tat von dem Traum seiner Frau, die zu ihm sandte, um ihn auf dem Richterstuhl zu warnen; aber hier ist es seine Person mit seinem Schweigen und seinen Worten zugleich, die das Verlangen vergrößerte, ihn seinen skrupellosen und mörderischen Gegnern zu entreißen, die Pilatus schon immer verachtet hatte, aber die ihm niemals so verachtenswert erschienen wie jetzt.

Jedoch war die Anstrengung des Pilatus vergeblich. „Siehe, der Mensch“ hatte weder Mitleid zur Folge noch die beabsichtigte Verachtung, um die Menge von ihrer grausamen Absicht abzulenken, sondern ihre Wut wurde nur noch vergrößert, indem sie nach dem Tod des Herrn schrien. In den Wegen Gottes wird Er der Ungerechtigkeit nicht erlauben, so zu blühen, am wenigsten da, wo es um Christus geht. Der ungerechte Richter mochte den Herrn missbrauchen und beleidigen in der Hoffnung, die Juden so weit gütig zu stimmen oder sie von einem Ziel abzubringen, vor dem sich sogar sein finsterer und gefühlloser Geist als ein nutzloses Verbrechen sträubte. Aber Gott, der die schreckliche Ungerechtigkeit von ihnen allen verabscheute, lässt sie durch Satan in die Folgen ihres großen Unglaubens und ihres gewöhnlichen bösen Zustandes einfangen – denn sie waren für jede Warnung taub und waren blind für das vollste Zeugnis moralischer Güte und göttlicher Herrlichkeit und vollkommener Gnade in dem heiligen Dulder vor ihnen. So wie der Richter seine Unschuld bestätigte und doch ihm zuliebe nichts riskieren wollte, so überantworteten sie sich alle und verurteilten sich selbst zu ihrem eigenen Verderben, indem sie sich an dem kostbaren Eckstein und an dem sicheren Fundament als einem Stein, den die Bauleute verworfen haben.

Verse 6-12

Joh 19,6-12: Als ihn nun die Hohenpriester und die Diener sahen, schrien sie und sagten: Kreuzige, kreuzige ihn! Pilatus spricht zu ihnen: Nehmet ihr ihn hin und kreuziget ihn, denn ich finde keine Schuld an ihm. Die Juden antworteten ihm: Wir haben ein Gesetz, und nach [unserem] Gesetz muss er sterben, weil er sich selbst zu Gottes Sohn gemacht hat. Als nun Pilatus dieses Wort hörte, fürchtete er sich noch mehr; und er ging wieder hinein in das Prätorium und spricht zu Jesu: Wo bist du her? Jesus aber gab ihm keine Antwort. Da spricht Pilatus zu ihm: Redest du nicht mit mir? Weißt du nicht, dass ich Gewalt habe, dich loszugeben, und Gewalt habe, dich zu kreuzigen? Jesus antwortete: Du hättest keinerlei Gewalt wider mich, wenn sie dir nicht von oben gegeben wäre; darum hat der, welcher mich dir überliefert hat, größere Sünde. Von da an suchte Pilatus ihn loszugeben. Die Juden aber schrien und sagten: Wenn du diesen losgibst, bist du des Kaisers Freund nicht; jeder, der sich selbst zum König macht, spricht wider den Kaiser.

Da das, was sie dem Herrn zur Last legten, sich als nicht für die weltlichen Mächte als feindlich erwies, griffen seine Ankläger zu einem noch ernsteren Ruf, Er solle sterben, weil Er sich selbst zum Sohn Gottes gemacht habe. Und Pilatus fürchtete sich noch umso mehr, aber er war nicht mehr bereit, sich ihrem Plan anzuschließen, obwohl er ein Heide war und sie die Gotteslästerer der Hoffnung Israels, des Heiligen Gottes, waren! Ja, Er geht dahin, zu sterben, aber nicht aufgrund der Lügen, die einige falsch gegen Ihn schworen, sondern wegen der Wahrheit Gottes, der hauptsächlichen Wahrheit für den Menschen, wegen des Gegenstandes des Glaubens und der einen Quelle des ewigen Lebens. Er hat sich selbst entäußert, und Er erniedrigte sich selbst; aber Er war Sohn Gottes und ist es von Ewigkeit zu Ewigkeit. Es ist nicht sicherer, dass der Mensch ein Sünder ist, der für Gott tot ist, als dass Jesus sein Sohn ist; und ewiges Leben ist in Ihm allein, doch ist es für jede Seele da, die an Ihn glaubt. „Wer glaubt, hat ewiges Leben.“ Es ist in keinem anderen das Heil außer in Jesus, denn auch kein anderer Name ist unter dem Himmel, der unter den Menschen gegeben ist, in welchem wir errettet werden müssen. Aber diejenigen, die Ihn am meisten begrüßt haben sollten und die am meisten seine Herrlichkeit hervorgehoben haben sollten, fürchteten sich nicht zu sagen: Nach unserem Gesetz muss Er sterben, weil Er sich selbst zu Gottes Sohn gemacht hat. Oh, wie wirklich, wie finster ist die Macht Satans, als die Juden Ihn so kühn lästerten und der heidnische Statthalter sich vor ihn „fürchtete“!

Furcht ist jedoch nicht Glaube; und in Pilatus war die Furcht nicht mehr als eine unbestimmte Angst vor dem geheimnisvollen Mann, den er im Verhör hatte, und ein starkes Empfinden dafür, dass die Feindschaft gegen Ihn keinerlei Ursache hatte außer ihrer zügellosen Begierde. So geht er wiederum in das Prätorium hinein und fragt: Woher bist du? Durch die Tatsache, dass er keine Antwort bekam, gekränkt, rühmt er sich seiner Autorität, um Ihn freizulassen oder zu kreuzigen. Der Herr antwortet nicht auf die eine Frage, die kein besseres Motiv als Neugierde hatte, die mit der Furcht Gottes oder seiner Liebe nichts zu tun hat; aber Er antwortete auf die zweite Frage in solcher Art, wie sie seiner Person würdig war, in der Fülle von Gnade und Wahrheit. Es war wirklich die Zeit gekommen, dass der Sohn des Menschen verherrlicht werden sollte und dass Gott in Ihm verherrlicht werden sollte. Was bedeutete die Autorität eines römischen Statthalters ohne den Willen Gottes, der sie sanktionieren musste? Seine Wege, seine Natur mussten erfüllt werden; die Worte waren jetzt gerade dabei, in ihren tiefsten Absichten erfüllt zu werden zu seiner eigenen Ehre in Ewigkeit; und Jesus beugte sich absolut unter alles.

Doch heiligt das Erfüllen göttlicher Ratschlüsse in Christus nicht den Willen des Menschen, der Ihn ausstieß und tötete; und Gott ist gerecht, indem dass Er das Übel richtet. „Darum hat der, welcher mich dir überliefert hat, größere Sünde.“ Der Heide war böse, die Juden waren noch böser; wenn Pontius Pilatus unverzeihlich ungerecht war, wie viel schrecklicher war die Stellung von Kajaphas oder Judas Iskariot und von all denen, die sie an jenem Tag vertraten! Wenn Gott seinen Sohn in unendlicher Gnade sandte, unterließ er es nicht, angemessene Beweise dafür zu bringen, wer und was Er war, um allen die Möglichkeit zu nehmen, sich zu entschuldigen dafür, dass sie Ihn nicht hörten und aufnahmen, nicht nur die, die Gottes äußere Autorität in dieser Welt innehatten, sondern noch mehr die, die seine lebendigen Weissagungen besaßen, die von seinem Sohn zeugten, der der Mittelpunkt und der Gegenstand von diesen allen war. Waren sie nicht Zeugen solcher Werke und Worte und Wege, wie sie niemals auf Erden bekannt gewesen waren, was angemessen die Schuld derer bemisst, die nach solcher Gnade einen an Herrlichen verwarfen?

Verse 12-15

Joh 19,12-15: Von da an suchte Pilatus ihn loszugeben. Die Juden aber schrien und sagten: Wenn du diesen losgibst, bist du des Kaisers Freund nicht; jeder, der sich selbst zum König macht, spricht wider den Kaiser. Als nun Pilatus diese Worte hörte, führte er Jesus hinaus und setzte sich auf den Richterstuhl an einen Ort, genannt Steinpflaster, auf hebräisch aber Gabbatha. Es war aber Rüsttag des Passah; es war um die sechste Stunde. Und er spricht zu den Juden: Siehe, euer König! Sie aber schrien: Hinweg, hinweg! kreuzige ihn! Pilatus spricht zu ihnen: Euren König soll ich kreuzigen? Die Hohenpriester antworteten: Wir haben keinen König, als nur den Kaiser.

Wie machtlos ist der Kampf, das Richtige zu tun, wo man die Welt liebt, wo die eigene Sünde nicht gerichtet ist und wo die Gnade unbekannt ist. Die Juden sahen durch Pilatus, wie er sie durchschaute. Wie schrecklich ist es, wenn man nicht Christus zum ewigen Leben hat. Pilatus zog die Freundschaft der Welt dem Sohn Gottes vor, so wie die Juden keine Schönheit in Ihm sahen, dass sie seiner begehrt hätten; und beide Teile spielten ihre Rolle bei seiner Kreuzigung. Pilatus mag suchen, Jesus freizulassen, mag hineingehen und hinausgehen, mag mit Jesus reden, mag die Juden verachten. Aber das letzte Wort von gotteslästerlichem Unglauben geht über ihre Lippen und schließt den Mund von Pilatus, der nicht im Verhältnis zu dem Kaiser hinter den Juden zurückstehen will. Alles ist jetzt vorbei. Der Fürst der Welt kommt, und wenn er auch nichts in Christus hat, so stirbt Christus als von den Menschen, als von Gott verlassen, als der Gerechte für unsere Sünden. Niemals gab es solchen Hass und solche Ungerechtigkeit wie hier auf der Seite der Welt gegenüber Ihm; niemals gab es solch Liebe und Gerechtigkeit wie hier auf der Seite Gottes gegenüber der Welt durch Ihn.

Das Christus verwerfende Wort war gefallen. Ihre Verbindung zu den Römern war eine Lüge, ihre irre Schuld, die deutlich das Ziel hatte, den Messias und Gott selbst und all ihren Glauben und all ihre Hoffnung loszuwerden. Die Juden verabscheuten die Unterwerfung gegenüber dem Kaiser; sie anerkannten weder sein Recht noch ihre eigene Sünde, die zu dieser Oberherrschaft geführt hatte. Aber sie verabscheuten den Messias noch mehr, nicht ihre Idee, sondern die Wirklichkeit entsprechend Gott. Sie hatten keinen Gedanken und kein Gefühl, kein Wort, keinen Weg und keine Absicht mit Jesus gemein; und das deshalb, weil Er den Menschen in vollkommener Abhängigkeit und Gehorsam gegenüber Gott offenbarte. Und ihr Wille, zusammen mit einem schlechten Gewissen, verwarf beides. Deshalb war das Kreuz für sie am meisten abstoßend. „Wir haben aus dem Gesetz gehört, dass der Christus bleibe in Ewigkeit, und wie sagst du, dass der Sohn des Menschen erhöht werden müsse?“ Doch sagte das Gesetz deutlich genug, dass der Messias von den Menschen verworfen werden sollte, besonders von den Juden, und dass Er den Fluchtod sterben sollte, die schreckliche Sünde des Menschen und doch Gottes versühnendes Opfer für die Sünde.

Aber der Wille, den Satan beherrschte, um einen gegenwärtigen Zweck in der Befriedigung der Lüste und Leidenschaften des Menschen des Menschen zu dienen, verblendete sie gegen sein Wort und gegen ihre selbstmörderische Bosheit; denn schon bald sollten sie ihre Rebellion gegenüber dem Kaiser unter Beweis stellen, und die Römer würden kommen und ihr Land und ihre Nation hinwegnehmen, aber nicht bevor sie Jerusalem mit dem Schauspiel ihres eigenen Strafgerichtes erfüllt hätten, bis es keinen Platz für noch mehr Kreuze gab und das Holz fehlte, um solche zu machen; so bei Josephus zu lesen.

Verse 16-22

Joh 19,16-22: Dann nun überlieferte er ihn denselben, auf dass er gekreuzigt würde. Sie aber nahmen Jesus hin und führten ihn fort. Und sein Kreuz tragend, ging er hinaus nach der Stätte, genannt Schädelstätte, die auf hebräisch Golgatha heißt, wo sie ihn kreuzigten, und zwei andere mit ihm, auf dieser und auf jener Seite, Jesus aber in der Mitte. Pilatus schrieb aber auch eine Überschrift und setzte sie auf das Kreuz. Es war aber geschrieben: Jesus, der Nazaräer, der König der Juden. Diese Überschrift nun lasen viele von den Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt; und es war geschrieben auf hebräisch, griechisch und lateinisch. Die Hohenpriester der Juden sagten nun zu Pilatus: Schreibe nicht: Der König der Juden, sondern dass jener gesagt hat: Ich bin König der Juden. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben.

Der Glaube allein bewahrt vor der Macht und den Tücken des Teufels. Pilatus und die Juden waren in ihren Gedanken und Wünschen völlig entgegengesetzt; aber Gott war weder in den Gedanken der einen Seite noch in denen der anderen Seite. Sie verfolgten alle ihren eigenen Weg, aber sie irrten alle; und jetzt beweisen sie sich als offene Feinde der Gerechtigkeit und der Gnade, als solche, die nicht in der Lage sind, die klarsten Wege, Zeichen und Beweise Gottes zu erkennen, der in Liebe den Menschen nahekommt, egal, wie weit Er sich herablassen muss. Das Kreuz Christi macht alles und jeden offenbar. Pilatus überlieferte unter dem Druck von Furcht für seine eigenen weltlichen Interessen Jesus ihrer Bosheit, obwohl er wusste, dass Er unschuldig war; und Er, sein Kreuz tragend, ging hinaus nach der Stätte, genannt Schädelstätte, Golgatha, auf lateinisch Calvaria. Dort wurde Er mit besonderer Schmach gekreuzigt. Er hatte auch einen Räuber an jeder Seite, so wie ein Räuber ihm vorgezogen worden war. Doch Gott sorgte dafür, dass sogar da bei der Aufschrift an dem Kreuz ein passendes Zeugnis gegeben wurde, welches Motiv auch immer Pilatus dafür gehabt haben mochte; der verachtete Mann von Nazareth war der Messias. Wo waren die Juden, wenn Er ihr König war? Die verbohrtesten Gegner des wahren Gottes, die blind seine schrecklichen Weissagungen über ihren Unglauben und ihre Bosheit unter einem selbstgefälligen Eifer für seinen Namen und sein Gesetzt erfüllten. Dort stand sein Anspruch, und viele lasen es, denn die Stätte war nahe bei der Stadt, und die Aufschrift war nicht nur in der offiziellen und in der feinen Sprache gehalten, sondern auch in der Sprache der Juden. Und allen Anstrengungen der Hohenpriester zum Trotz blieb die Aufschrift an das Kreuz geheftet, wie es der hartnäckige und verärgerte Statthalter angeordnet hatte.

Aber die Geringsten spielten bei dem Kreuz ebenso wie die Höchsten eine Rolle; Männer, die mit Waffen umgingen, nicht weniger als die Diener des Heiligtums; und jede Klasse, jeder Mensch zeigte dort, was jeder in selbstsüchtiger Gleichgültigkeit gegenüber der Gnade und Herrlichkeit des Sohnes Gottes war, der es duldete, dass Er selbst unter die Gesetzlosen gerechnet wurde.

Verse 23.24

Joh 19,23.24: Die Kriegsknechte nun nahmen, als sie Jesus gekreuzigt hatten, seine Kleider (und machten vier Teile, einem jeden Kriegsknecht einen Teil) und den Leibrock. Der Leibrock aber war ohne Naht, von oben an durchweg gewebt. Da sprachen sie zueinander: lasst uns ihn nicht zerreißen, sondern um ihn losen, wessen er sein soll; auf dass die Schrift erfüllt würde, welche spricht: „Sie haben meine Kleider unter sich verteilt, und über mein Gewand haben sie das Los geworfen“. Die Kriegsknechte nun haben dies getan.

Die Soldaten, die die Aufgabe der Exekution halten, dachten wenig über ihre jämmerlichen Nebeneinkünfte nach. Aber Gottes Auge war wie je zuvor über seinem Sohn, und Er hatte dafür gesorgt, dass dies in seinem Wort vermerkt wurde. Denn in einem der klarsten messianischen Psalmen (Ps 22) steht tausend Jahre vorher die genaue Voraussage geschrieben, wie die Soldaten sich die Kleider des Heilandes aneigneten, und zwar in einer solchen Art, die sich unmissverständlich auf Ihn bezieht. Er ist der Gegenstand der Schrift, wenn auch der Unglaube das nicht sieht und sich dagegenstemmt, weil seine Person ebenso unbekannt ist wie unsere eigene Notwendigkeit der göttlichen Gnade am Kreuz. Mit was für einem Interesse betrachtete der Heilige Geist, wie wir es sollten, jede Einzelheit seines Leidens und des Verhaltens der Menschen zu jener Stunde. Gott hielt Ihn nicht für weniger würdig, weil Er zum Gegenstand solcher Schmähungen wurde. Diese Dinge vorher kundzutun, war von größter Bedeutung. Die Exaktheit von dem, was erwähnt wird, ist ein Zeugnis für die genaue Echtheit der Weissagung. Er ist der offenbarte wie auch der verworfene Messias. Aufgrund seiner Herrlichkeit stand es Ihm zu, Einzelheiten zu nennen, die auch für die Tiefe seiner Gnade in der Erniedrigung Zeugnis ablegen, damit Gott und der Mensch voll hervorleuchten und die Worte des Psalmisten sich als sein Wort vor den Augen jeden Leugners erweisen.

Aber Glaube und Liebe vereinten um den sterbenden Heiland einige Menschen von sehr verschiedener Art:

Verse 25-27

Joh 19,25-27: Es standen aber bei dem Kreuz Jesus seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, des Kleopas Frau, und Maria Magdalene. Als nun Jesus die Mutter sah, und den Jünger, welchen er liebte, dabeistehen, spricht er zu seiner Mutter: Weib siehe dein Sohn! Dann spricht er zu dem Jünger: Siehe deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm der Jünger sie zu sich .

Das waren welche von den Frauen, die ihm in seinem Dienst nachgefolgt waren und die Ihm im Leben gedient hatten. Da standen sie nun bei seiner Verwerfung am Kreuz, wo der Herr zeigt, wie wenig Askese an die Wahrheit heranreicht. Er hatte sich in das Werk versenkt, für das Er von dem Vater gesandt war; kein Honig war in das Opfer vermischt und auch kein Sauerteig; Salz fehlte nirgendwo und auch nicht die Salbung des Heiligen Geistes. Es war alles in der weihenden Macht des Wortes und Geistes Gottes und zur Ehre Gottes geschehen. Aber da waren auch vollkommene menschliche Empfindungen, wenn auch das Werk, das Er in Gemeinschaft mit dem Vater übernommen hatte, Herz, Lippen und Hände mit einem höheren Ziel zur Ehre Gottes erfüllt hatte. Doch heben ewige Interessen, wenn man sie so verfolgt, die Natur oder ihre verwandtschaftlichen Beziehungen nach Gottes Willen nicht auf noch entehren sie diese. Und der Herr macht dies dadurch deutlich, dass Er in der ernstesten und rührendsten Weise Johannes seiner Mutter als Sohn und Maria Johannes als Mutter zuführt: ein liebevolles Vertrauen, das von der Stunde an geehrt wurde. Wie herrlich ist es für den Lieblingsjünger, sich daran zu erinnern und es zu erzählen! Und wie stark ist der Gegensatz sowohl zum Aberglauben als auch zur Askese! Und was für ein Zeugnis ist es in allem für seine eigene vollständige Überlegenheit bei überwältigenden äußeren Umständen!

Verse 28-30

Joh 19,28-30: Danach, da Jesus wusste, dass alles schon vollbracht war, spricht er, auf dass die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet! Es stand nun daselbst ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und brachten ihn an seinen Mund. Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! Und er neigte das Haupt und übergab den Geist.

Er sorgt nicht nur in jenem erhabenen Augenblick für alle, die Er zurückgelassen hat, in menschlicher Liebe, sondern er denkt auch im Geist an die Schrift und an noch nicht erfüllte Weissagungen. Ohne Zweifel kommt darin die qualvolle physische Anstrengung zum Ausdruck von all dem, was Geist und Herz und Leib bis dahin erduldet hatten; aber seine letzte Bitte ist nicht nur mit seinem Bedürfnis verbunden, sondern auch mit seinem ungebrochenen Eifer für das Wort, damit es nur an nichts mangele, um es zu ehren. Jedes Wort, das durch den Mund Gottes geht, muss erfüllt werden. Und hatte Er nicht von dem Messias gesagt: „Meine Zunge klebt an meinem Gaumen“, und: „In meinem Durst tränkten sie mich Essig“? Dann, nachdem der Heiland getrunken hatte, sagte Er: „Es ist vollbracht“, wie anderswo sein unermessliches Leiden zum Ausdruck kommt.

Von niemand anders wird es gesagt oder konnte es gesagt werden, dass er den Geist übergab, was etwas ganz anderes ist als das „Verscheiden“ von Markus und Lukas, das von unseren Übersetzern mit dem Ersteren verwechselt worden ist. Verscheiden könnte sich nur auf den Tod irgendeines Menschen beziehen, denn der gelobte Herr war ebenso wahr Mensch wie irgendein anderer; aber den Geist übergeben, wie Johannes sagt, drückt seine göttliche Herrlichkeit aus, wenn Er auch ein sterbender Mensch war. Er war der Eine, der das Recht hatte, sein Leben niederzulegen und es wiederzunehmen. So drückt Matthäus aus, wer der sterbende Messias war, indem er sagt: „Er gab den Geist auf.“ Es kann keine Worte geben, die für Lukas charakteristischer sind als diese: „Vater, in deine Hände übergebe ich meinen Geist.“ Und für Johannes gibt es keine charakteristischeren Worte als: „Es ist vollbracht.“ Er war Mensch, wenn er auch Gott, wenn er auch Mensch war; beides in einer Person.

Der Leser wird bemerken, wie vollkommen der Bericht über den Tod des Herrn zu dem allgemeinen Charakter und der besonderen Linie des Evangeliums des Johannes und keines anderen passt. Hier ist Jesus der bewusste Sohn, die göttliche Person, die alles gemacht hat, aber die Fleisch wurde, um nicht nur ewiges Leben zu geben, sondern um als Sühne für unsere Sünden zu sterben. Und hier deshalb, hier allein, sagte Er: „Es ist vollbracht“, und Er neigte das Haupt und übergab den Geist. Da sind, wie wir sehen werden, Zeugen, aber sie sind von Gott, nicht von den Menschen oder von der Schöpfung, und sie nehmen ihren Ausgang aus seiner eigenen Person. Keine Finsternis wird erwähnt, kein Schreien, dass sein Gott Ihn verlassen habe, kein Zerreißen des Vorhanges, kein Erdbeben, kein Bekenntnis des Hauptmanns; all das, was dazu dient, den verworfenen Messias zu verkünden (Mt 27). So ist es bei Markus 15 in der Hauptsache, mit Ausnahme des Erdbebens, der Knecht, der Sohn Gottes, der gehorsam ist bis zum Tod. Lukas 23 fügt das Zeugnis für seine Gnade bei dem gekreuzigten Räuber, seine Erstlingsfrucht im Paradies, und das Bekenntnis des Hauptmanns für „Jesus, den Gerechten“ hinzu, nachdem Er seinen Geist in die Hände seines Vaters übergeben hatte. Es war Johannes vorgehalten, den Tod dessen dazustellen, der Gott nicht weniger sicher als Mensch war und der als solcher starb.

Der Schöpfer in Menschengestalt, der von der Erde erhöht war, konnte im Sterben für die Sünde zur Ehre Gottes sagen: Es ist vollbracht. Das Wort, das unendliche Werk war geschehen, um die Sünde durch sein Opfer hinwegzutun. Davon hängt nicht nur der Segen für jede Seele ab, sie durch den Glauben gerechtfertigt werden soll, sondern auch der Segen des neuen Himmels und der neuen Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt. „Es ist vollbracht“ – im Griechischen ein Wort! Doch was für ein Wort hat jemals so viel beinhaltet!

Aber kein Heide konnte verblendeter und verhärteter sein als Gottes eigenes Volk, das gegen Jesus in einer ungläubigen Religiosität ohne wahre Furcht Gottes Partei ergriff und das infolgedessen nicht sah, dass sie nur in ihrer schuldigen Verwerfung seines und ihres Messias sein Wort erfüllten.

Verse 31-37

Joh 19,31-37: Die Juden nun baten den Pilatus, damit die Leiber nicht am Sabbath am Kreuze blieben, weil es Rüsttag war (denn der Tag jenes Sabbaths war groß), dass ihre Beine gebrochen und sie abgenommen werden möchten. Da kamen die Kriegsknechte und brachen die Beine des ersten und des anderen, der mit ihm gekreuzigt war. Als sie aber zu Jesu kamen und sahen, dass er schon gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht, sondern einer der Kriegsknechte durchbohrte mit einem Speer seine Seite, und alsbald kam Blut und Wasser heraus. Und der es gesehen hat, hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahrhaftig; und er weiß, dass er sagt, was wahr ist, auf dass auch ihr glaubet. Denn dies geschah, auf dass die Schrift erfüllt würde: „Kein Bein von ihm wird zerbrochen werden.“ Und wiederum sagt eine andere Schrift: „Sie werden den anschauen, welchen sie durchstochen haben.“

Der Geist Gottes hatte in dem Gesetz, in den Psalmen und den Propheten Christus vor sich, und zwar in seinem Leiden, das Ihm widerfahren sollte, ebenso wie auch in den Herrlichkeiten, die darauf folgen. Aber der fleischliche Sinn neigt dazu, da er von Leiden zurückschreckt, das Zeugnis zu übersehen und zu übergehen; besonders, wenn das Leiden die Wirkung und der Beweis des bösen Zustandes des Menschen ist, denn das ist von allen am unerträglichsten. So war der Jude sehr schwerfällig dabei, zu sehen, was ihn verdammte und ihn moralisch auf die Stufe jedes anderen Sünders herabsetzte; und da er die vollsten Beweise und Christi eigene Gegenwart und göttliche Gnade und Wahrheit und das Evangelium am Ende verwarf, wurde er gerichtlich verhärtet, als der Zorn bis zum Äußersten über ihn kam. Christus allein ist der Schlüssel für das Passahlamm, und Christus ist der Hauptgegenstand in den Psalmen. Keine geistreiche Überlegungen der Skeptiker oder sogar Theologen können die Wahrheit auslöschen, aber sie zeigen ihren eigenen Unglauben. Und sicherlich würde das Herz, wenn es durch die Gnade zurechtgebracht würde, das Verlangen haben, dass das, was die Wahrheit ist, wahr sei, anstatt sich im Ungehorsam an dem Wort zu stoßen oder es in Gleichgültigkeit beiseitezuschieben. Deshalb ist es vergeblich, wenn die Rosenmüllers und ähnliche zweifeln oder ihr Missfallen an dem Bild und der Anspielung eingestehen. Für den Glauben ist es Speise und Kraft und Freude; denn wenn Gottes Wort mit seiner Freude an Christus erfüllt ist, der sich hingibt, um zu sterben, so bringt er auch in jeder Form im Voraus zum Ausdruck, dass gerade die Tatsachen seines Sühnetodes, der große Stein des Anstoßes, das am meisten unerschütterliche Zeugnis für die Wahrheit und seine Herrlichkeit abgeben, wenn sie so zur Schande des Menschen und zur ewigen Verachtung hier unten in Niedrigkeit geoffenbart sind.

Wie wunderbar begegnen sich am Kreuz Christi die stolze Feindschaft des Juden, die gesetzlose Hand der Heiden, der bestimmte Ratschluss und das Vorherwissen Gottes, und zwar in vollkommener Gnade gegenüber dem schuldigsten der Juden und der Heiden. Denn aus Christi durchbohrter Seite kam Blut und Wasser. Und Johannes war mit der Aufgabe, die der sterbende Heiland ihm hinsichtlich Maria anvertraut hatte, nicht so beschäftigt, dass er diesen Anblick nicht bemerkte. In der entschiedensten Form lässt er uns wissen, dass das, was wir sahen und bezeugen, keine bloße vorübergehende Tatsache war, sondern dass es für sie Seele etwas Gegenwärtiges und etwas von bleibendem Interesse und bleibender Wichtigkeit ist. In seinem ersten Brief (1Joh 5,6) charakterisiert er den Herrn dementsprechend. „Dieser ist es, der gekommen ist durch das Wasser und Blut, Jesus, der Christus, nicht durch das Wasser allein, sondern durch das Wasser und das Blut. Und der Geist ist es, der da zeugt, weil der Geist die Wahrheit ist.“ Moralische Reinigung, so notwendig und kostbar sie auch ist, ist nicht genug; es muss auch die Versöhnung der Sünden geben; und beide finden sich durch den Glauben in dem Tod Christi und nicht anders oder anderswo. In dem Evangelium ist die Reihenfolge Blut und Wasser; so wie die Dinge auf uns in dem Brief angewandt werden, ist es das Wasser und das Blut, und der Geist als ein persönlich gegebener folgt. Nichts als der Tod kommt dem Menschen von Adam her: Christus, der zweite Mensch, der für die Sünde und für die Sünder starb, ist gleicherweise die Quelle der Reinigung und der Versöhnung für den Gläubigen, der beides braucht und der vor Gott ohne beides tot ist.

Denn wenn Er auch der Sohn Gottes mit dem Leben in sich ist, so steht Er doch allein da, bis Er stirbt; und sterbend bringt Er viel Frucht. Er macht lebendig, Er reinigt und versöhnt; und der Heilige Geist, der uns als Folge davon gegeben ist, führt uns in die Wichtigkeit seines Sterbens und des Segens, der daraus strömt, ein. Denn an seinem Kreuz ist das Gericht von Gott über das Fleisch ausgesprochen und ausgeführt worden, aber zu unseren Gunsten, weil das Gericht Ihn traf, der ein Sündopfer war.

Kein Wunder also, dass Johannes inspiriert war, die Tatsache zu erwähnen, die nicht weniger wunderbar in sich selbst ist als auch in ihren Folgen, die jetzt dem Gläubigen kundgetan sind. Die Erlösung musste für den Heiland passend und würdig sein. Wenn Er ewig war, so war auch sie ewig; wenn das göttliche Gericht auf solch ein Opfer fiel, so war es so, dass, wenn sie an Ihn glaubten, sie nicht in das Gericht kommen sollten, sondern das ewige Leben haben würden, da ihnen alle Sünden vergeben würden und sie für das Erbteil der Heiligen in dem Licht würdig gemacht würden. Das ist der verkündete Stand jedes wahren Christen, aber die Ursache davon ist Christus, der alles in allen ist. Glaubensbekenntnisse und theologische Systeme schwächen die Freude daran und hemmen sie; aber all dies und mehr, als was man hier auseinanderlegen kann, wird dem Glauben klar und eindeutig in der Schrift offenbart, wie es sich wirklich für die Herrlichkeit Christi in seiner Person ziemt.

Von daher kommt die Sorgfalt, mit der das Wort Gottes zitiert wird und gezeigt wird, dass es sich genau erfüllt. „Denn dies geschah, auf dass die Schrift erfüllt würde: Kein Bein von ihm soll zerbrochen werden. Und wiederum sagt eine andere Schriftstelle: Sie werden den anscheuen, welchen sie durchstochen haben.“ Die natürlichen Verhältnisse der Kreuzigung, insbesondere da es Freitag war und da jener Freitag der Vorabend des Sabbat in der Passahwoche war, hätten nach einem Brechen der Beine als Gnadenakt verlangt. Und so geschah es auch in der Tat mit den beiden Übeltätern. Aber Jesus, der sich in dem vorhergehenden Kapitel als der willige Gefangene gezeigt hatte, war jetzt das willige Opfer; das wurde darin deutlich, dass Er so und dann starb, wie Er starb. Denn das überraschte nicht nur die Juden und die Soldaten, sondern auch Pilatus, wie wir anderswo erfahren. Und es machte das Brechen der Beine in seinem Fall unnötig. Aber es kennzeichnete das besondere Lamm Gottes, den Gerechten, dessen ganze Gebeine Jehova bewahrt und von denen Er nicht eins zerbrechen lässt.

Doch gerade diese Ausnahme führte zweifelsohne zu der Tat der Soldaten, deren Speer nicht die Übeltäter durchbohrte, sondern allein den Leib des toten Herrn, wobei sie nicht ahnten, dass das so sein musste, weil Gott es durch seinen Propheten vorhergesagt hatte. Alles war angeordnet und abgemessen; sogar diese kleinen Unterschiede wurden vorher offenbart; doch die Menschen und Satan nahmen sich frei ihre Feindschaft gegen den Sohn Gottes heraus. Und angesichts solcher Liebe und solchen Lichtes verbinden die Menschen ihre Unwissenheit mit ihren Versuchen, der Wahrheit zugunsten der Finsternis zu entgehen. Aber wir brauchen hier nicht bei so etwas zu verweilen. Derselbe Geist umgab auch das Kreuz.

Deine Liebe, die die Menschen so traurig auf die Probe stellten,
Erwies sich stärker als das Grab;
Und der Speer, der deine Seite durchbohrte,
brachte das rettende Blut hervor.

Verse 38-42

Joh 19,38-42: Nach diesem aber bat Joseph von Arimathia, der ein Jünger Jesu war, aber aus Furcht vor den Juden ein verborgener, den Pilatus, dass er den Leib Jesu abnehmen dürfe. Und Pilatus erlaubte es. Er kam nun und nahm den Leib Jesu ab. Es kam aber auch Nikodemus, der zuerst bei Nacht zu Jesu gekommen war, und brachte eine Mischung von Myrrhe und Aloe, bei hundert Pfund. Sie nahmen nun den Leib Jesu und wickelten ihn in leinene Tücher mit den Spezereien, wie es bei den Juden Sitte ist, zum Begräbnis zuzubereiten. Es war aber an dem Orte, wo er gekreuzigt wurde, ein Garten, und in dem Garten eine neue Gruft, in welche noch nie jemand gelegt worden war. Dorthin nun, wegen des Rüsttags der Juden, weil die Gruft nahe war, legten sie Jesus.

Gott gebraucht eine gefährliche Zeit, um seine verborgenen Jünger hervorzurufen. Joseph von Arimathia kann in Zukunft kein verborgener Jünger mehr sein. Er war ein reicher Mann (Mt 27) und ein ehrbarer Ratsherr (Mk 15); aber Wohlstand und Stellung machten das Bekenntnis für Christus nur noch um so schwerer. Die Furcht vor den Juden hatte bis dahin bei ihm vorgeherrscht. Der Tod Jesu, der anderen Furcht einflößte, machte Joseph mutig. Er hatte wirklich in den Ratschluss und in den Handel der Juden nicht eingewilligt. Jetzt geht er zu Pilatus und bittet um den Leib Jesu. Auch war er nicht allein: Nikodemus, den wir schon länger kennen, der aber am Anfang, was seinen moralischen Mut betrifft, eine wenig glückliche Figur abgab, wenn er auch später es wagte, gegenüber den hochmütigen und doch ungerechten Pharisäern Einwände zu machen, beteiligt sich an dem letzten Liebesdienst mit einer reichlichen Gabe an Myrrhe und Aloe. Das Kreuz Christi, das für den Unglauben so anstößig ist, stärkt und offenbart seinen Glauben; und die beiden, die so durch Gnade zunehmen, tun den Dienst, den die Zwölf nicht taten. Sie nehmen den Leib Jesu und binden ihn in leinene Tücher mit Spezereien, wie es bei den Juden Sitte war, zum Begräbnis zuzubereiten. Ägypten hatte seinen Brauch der Einbalsamierung; so hatten es in einer gewissen Weise auch die Juden in der Hoffnung auf die Auferstehung der Gerechten. Keine Weissagung wird hier zitiert, aber wer kann die Worte Jesajas vergessen: Man hat sein Grab bei Gesetzlosen bestimmt, aber bei einem Reichen ist Er gewesen in seinem Tod? Man hatte Ihm sein Grab bei den Gesetzlosen zugedacht, und Er war in seinem Tod mit einem Reichen vereint, d.h., nachdem er getötet worden war: eine seltsame Verbindung, doch ist sie wahr in Ihm, und wer könnte sich darüber wundern in Anbetracht dessen, das Er kein Übel getan hat und dass kein Unrecht in seinem Mund war. Und jetzt sehen wir im Garten des Joseph eine neue Gruft, in der noch nie jemand gelegen hatte. So hatte Gott der Ehre nach für den Leib seines Sohnes und in eifriger Weisheit für die Wahrheit gesorgt. Das Grab war in den Felsen gehauen (wie die anderen Evangelisten uns sagen). Dahinein wurde der Herr schon einmal gelegt, wobei noch das große Beerdigungszeremoniell folgen würde, wenn der Sabbat vorüber war. So wenig ahnten die Jünger, was die Herrlichkeit des Vaters vorhatte, wenn auch der Herr das so oft klar offenbart hatte, bis die Auferstehung zu ihrer vorausgesagten Zeit zur Tatsache wurde.

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