Besonderheiten im Text der Heiligen Schrift – Gebahnte Wege
derek – mesillah

Christian Briem

© CSV, online seit: 16.01.2006, aktualisiert: 29.09.2016

Leitverse: Psalm 84

Der folgende Vers aus Psalm 84 ist sicher den meisten Kindern Gottes wohlbekannt:

Ps 84,5: Glückselig der Mensch, dessen Stärke in dir ist, in deren Herzen gebahnte Wege sind.

Der erste Teil dieses Psalms (Ps 84,1-4) redet von den Wohnungen Gottes. Er zeigt die Glückseligkeit derer, die dort weilen und wohnen dürfen. Ab Vers 5 stellt der Psalmdichter die Glückseligkeit vor, die darin liegt, dass es Wege dorthin gibt, und deswegen spricht er nun wiederholt vom Gehen. Das ist die Weise Gottes: Zuerst weist Er auf das glückselige Ziel hin und erst dann auf den Weg, der dorthin führt.

Prophetisch haben wir in diesem Psalm die Sprache des treuen jüdischen Überrestes, der lange Zeit durch die Gefangenschaft in fremdem Land des Vorrechts beraubt war, in den Vorhöfen des HERRN zu weilen. Er sehnt sich nach dem Haus seines Gottes, und alles in ihm ruft laut nach dem lebendigen Gott. Für diesen Überrest haben die „gebahnten Wege“ eine besondere Bedeutung, wie wir noch sehen werden.

Doch zuerst wollen wir uns mit der übertragenen Bedeutung beschäftigen, die in diesen Worten für uns liegt. Auch wir haben Wohnungen vor uns, die vielen Wohnungen des Vaterhauses, und wir befinden uns auf dem Weg dorthin (Joh 14). Was bedeutet dann aber dieser Ausdruck „in deren Herzen gebahnte Wege sind“? Ich selbst habe lange geglaubt, dass damit ein bestimmter Herzenszustand gemeint ist, der Gott wohlgefällt – ein Herzenszustand, der dadurch gekennzeichnet ist, dass wir in unserem Inneren Gott keinen Widerstand gegen Seinen Willen und Seine Führungen entgegensetzen und bereit sind, auf Seinen Wegen zu gehen. Insofern würden wir gebahnte Wege in unserem Herzen haben. Doch das scheint der Sinn dieses Ausdrucks nicht zu sein.

Wenn wir nämlich das in Psalm 84 verwendete Wort für „gebahnter Weg“ genauer untersuchen, ist festzustellen, dass im Hebräischen nicht das normale Wort für „Weg“ (heb. derek) steht. Dieses sehr häufig gebrauchte Wort bezeichnet im buchstäblichen wie im übertragenen Sinn einen Weg, eine Straße, einen Pfad. Das erste Mal kommt es in 1. Mose 3,24 vor: „Weg zum Baum des Lebens“. Auch im übertragenen Sinn beschreibt es einen Weg, z.B. den „Weg der Sünder“ in Psalm 1 oder den „Weg des HERRN“ in Psalm 27. Aber in Psalm 84 begegnet uns ein anderes Wort, das relativ selten vorkommt: mesillah. Es bezeichnet eine „Hauptstraße“, einen aufgeschütteten, gebahnten Weg. Diese Bedeutung wird aus Hiob 19 deutlich: „Sie bahnten ihren Weg (oder: schütteten ihre Straße auf) wider mich“ (Hiob 19,12). Auch das Vorkommen dieses Wortes in Jesaja ist aufschlussreich: „An jenem Tage wird eine Straße (oder: ein hoher, aufgeworfener Weg) sein von Ägypten nach Assyrien“ (Jes 19,23; vgl. auch Jes 40,3; 49,11; 62,10). In 1. Chronika 26,16.18 wird mit mesillah ein Aufgang an der Westseite des Tempels beschrieben.

Aus alledem wird ersichtlich, dass der Verfasser des 84. Psalms die „aufgeschütteten Straßen“, das heißt die Wallfahrtsstraßen nach Jerusalem, im Sinn hat: auf ihnen zum Heiligtum des HERRN hinaufzugehen, war der sehnliche Wunsch dieser gläubigen Menschen. Und so preist er die glückselig, die diese Straßen in ihrem Herzen hatten, die von dem Verlangen beseelt waren, wieder zum Heiligtum Gottes in Jerusalem hinaufzugehen.

Erfüllt auch unser Herz solch ein Wunsch? Wir haben heute das weit größere Vorrecht, im Namen des Herrn Jesus versammelt zu sein und Ihn persönlich zu erleben. Nehmen wir dieses Vorrecht mit glücklichem Herzen wahr? Oder beschämen uns die im Exil weilenden Israeliten, die die aufgeschütteten Straßen zum Heiligtum Gottes so treu im Herzen trugen? Und wenn wir gar an unser endgültiges „Hinaufgehen“ in den Himmel selbst denken, ist die Hoffnung auf die Wiederkunft Christi unsere beständige Freude? Sind wir uns bewusst, direkt auf dem Weg zu Ihm zu sein, zu dem, der uns so unaussprechlich liebt? In der Tat, dann sind wir wahrhaft glückselig zu nennen!

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Aus Ermunterung und Ermahnung
Dieser Artikel und viele andere sind auch erschienen in dem Buch Antworten auf Fragen zu biblischen Themen
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