Das Geheimnis (1)
Seit Anbeginn der Welt verborgen – dem Paulus offenbart

Edward Dennett

© SoundWords, online seit: 10.01.2007, aktualisiert: 16.01.2018

Leitverse: Epheser 3

Paulus’ Auftrag als Heidenapostel und als Verkünder eines Geheimnisses

Paulus’ Amt umfasste zwei Ziele. Er bringt sie in den Versen Epheser 3,8 und 9 zum Ausdruck, wo er kurz und klar die Natur seines Auftrags als Apostel oder Evangelist darlegt.

Erstens war ihm die Gnade gegeben, dass er gesandt worden war, um den Heiden den unausforschlichen Reichtum Christi zu verkündigen. Die Betonung liegt hier auf der Tatsache, dass es die Heiden waren, denen zu predigen er besonders beauftragt war. Die Verkündigung oder das Enthüllen des Reichtums von Gottes Gnade in Christus Jesus selbst war Paulus nicht speziell anvertraut worden. Andere waren vor ihm ausgesandt worden, diese kostbaren Wahrheiten zu predigen, aber ihre Anstrengungen galten hauptsächlich, wenn nicht ausschließlich, den Juden. Eine reichere und vollere Darstellung dieses unausforschlichen Reichtums war sicherlich in Paulus’ Amt enthalten; aber ansonsten lag die Besonderheit der Gnade, die ihm gegeben war, darin, dass er auserwählt war, diesen Reichtum den Heiden zu predigen.

Der zweite Bereich des Auftrags des Apostels ist ausgedrückt durch die Worte: „… und für alle ans Licht zu bringen, was die Gemeinschaft des Geheimnisses sei“ [so Luther 1912 und entsprechend King James vgl. Luther 1984: „ans Licht zu bringen, wie Gott seinen geheimen Ratschluss ausführt“, und Elberfelder: „ans Licht zu bringen, was die Verwaltung des Geheimnisses sei“].

Hier gibt es, so wie ich es verstehe, einen beabsichtigten Kontrast zwischen dem „alle“ hier und dem „Heiden“ des vorangehenden Verses. Juden wie Heiden verdankten Paulus’ Amt die Nachricht und Kenntnis eines „Geheimnisses“, das durch ihn enthüllt wurde und das für alle sichtbar zu machen er besonders beauftragt worden war. Ich werde mich nun nicht mit dem ersteren, sondern mit diesem letzteren Bereich seines Auftrags beschäftigen.

Unkenntnis des Geheimnisses auch nach der Reformation

Vielen wird es als kühne oder gar unbedachte Behauptung erscheinen, dass für eine überwältigende Mehrheit von Christen – Studierte und Laien – diese Seite des Auftrags des Apostels bis zu dieser Stunde ohne Wirkung geblieben ist. Während die Reformation (so großartig und segensreich dieses Werk Gottes auch war, für das wir gar nicht dankbar genug sein können), viel von dem „unausforschlichen Reichtum Christi“ wieder ans Licht brachte, der mit dem Rost des päpstlichen Irrtums völlig verkrustet war, ließ sie doch diese Seite der Wahrheit gänzlich in Finsternis; und in Gottes unergründlicher Weisheit blieb es zu einem späteren Tag einem „schwachen Volk“ vorbehalten, den lang vergrabenen Schatz aus dem Wort auszugraben. Als Souverän bei der Ausschüttung seiner Gnade gefällt es Gott, in dem Moment, auf die Weise und in dem Maße, das Ihm beliebt, wieder zu beleben oder wiederherzustellen. Wenn Menschen – weil sie Gott oder seine Wahrheit nicht in ihrem Wissen bewahren wollten – von Ihm in einen verdorbenen Geisteszustand dahingegeben wurden und für einige Zeit die Früchte ihres Handelns ernten und erleiden mussten, ist Er keineswegs verpflichtet, bei ihnen das Wissen und die Wertschätzung der Wahrheiten, die sie verwirkt haben, wiederherzustellen. Wenn es Ihm in dem liebenden Mitleid und der Gnade seines gütigen Herzens gefällt, dies zu einem gewissen Grad zu tun, wählt Er seine eigene Zeit und seine eigenen Werkzeuge; Letztere für gewöhnlich „das Schwache der Welt“ (1Kor 1,27), „irdene Gefäße, damit die überschwängliche Kraft von Gott sei“ (2Kor 4,7).

Es ist keine Herabsetzung der Reformation, zu sagen, dass sie nur einen Teil der lange verloren gewesenen Wahrheiten des Wortes zurückbrachte. Es war reine souveräne Gnade, die die Menschen so weit in die Wahrheit hineinführte, wie sie damals gingen; genauso wie es reine souveräne Gnade ist, die in dieser späteren Zeit durch andere Werkzeuge die Gedanken zahlreicher Kinder Gottes zu anderen Wahrheiten im Wort geführt hat, die damals noch nicht erkannt wurden. Die Untersuchung des Themas vor uns wird ausreichend deutlich machen, dass wir es mit einem Stoff zu tun haben, in Bezug auf den völlige Finsternis vorherrscht, sowohl in den Schriften der Reformatoren als auch in denen aller folgenden Theologen.

Richtigstellung einer Fehlübersetzung

Der erste Punkt, den wir uns anschauen müssen, betrifft die Kommentare zu der erwähnten Textpassage.

Wenn der Leser Zugang zu dem kleinen Handbuch Textual Criticism hat, das von Bagsters (S. 56) veröffentlicht wurde, wird er sehen, dass die Kommentare einmütig in dieser Textstelle das Wort „Austeilung“ oder „Verwaltung“ (oikonomia) enthalten statt „Gemeinschaft“ (koinonia)[1], und ebenso wird er „Austeilung“ [dispensation] in den Übersetzungen von Alford, Boothroyd, Ellicott, Davidson und Darby finden; „Verwalteramt“ [stewardship] bei Green; „Verwaltung“ [administration] bei Kelly. „Für alle ans Licht zu bringen, was die Verwaltung/Austeilung des Geheimnisses sei“ ist also die Sprache des Apostels und des Heiligen Geistes, und es wird unsere Aufgabe, diese Worte zu erwägen und ihre Bedeutung zu erforschen.

Auf den ersten Blick wird es vielen erscheinen, als ob diese Änderung die Verständlichkeit des Textes eher verringert als erhöht, und vermutlich war es genau dieser Eindruck, der ursprünglich jemanden, der größeres Zutrauen zu seinem eigenen Verständnis hatte, als dass er von einem Sinn für die unantastbare Heiligkeit Gottes durchdrungen gewesen wäre, dazu trieb, die Ersetzung vorzunehmen.

Herkunft und Bedeutung des Begriffs „Verwaltung/Austeilung“

Für viele Leser mag die Wahrheit von der Verwaltung/Austeilung fremd genug sein, um einige erklärende Worte weder als unpassend noch unwillkommen erscheinen zu lassen.

Das Wort vor uns, oikonomia …, das auch in Epheser 3,2 vorkommt und dort als „Austeilung“ übersetzt ist [dispensation bei King James; bei Luther „Amt“: „Ihr habt ja gehört, welches Amt die Gnade Gottes mir für euch gegeben hat“; bei Elberfelder: „Ihr habt doch wohl von der Verwaltung der Gnade Gottes gehört, die mir im Hinblick auf euch gegeben ist.“], ist ein zusammengesetztes Wort, das aus zwei Wörtern gebildet ist, welche „Haus“ bzw. „Gesetz“ bedeuten, so dass es „Hausgesetz“ heißen würde, wenn man es wörtlich übersetzen wollte. seine offensichtliche und hauptsächliche Bedeutung wäre: das Gesetz, die Regeln, die Vorschriften oder Verwaltung eines Haushaltes.

Das Wort selbst ist unseren Ohren und Zungen wohl vertraut … in einer eingedeutschten Form: „Ökonomie“. Dieser Begriff (in solchen Ausdrücken wie „politische Ökonomie“ korrekt verwendet) wird im derzeitigen Sprachgebrauch hauptsächlich im Sinne von „Vorsicht bei Ausgaben oder bei der Verteilung von Mitteln oder Materialien“ benutzt. Zweifellos ist das ein Teil, wenngleich längst nicht alles von dem, was zur eigentlichen Haushaltsregelung dazugehört.

In der heiligen Schrift finden wir oikonomia übersetzt als „Verwaltung“ (Lk 16,2-4); das verwandte Wort oikonomos (wörtlich: ein „Ökonom“) ist übersetzt als „Verwalter“ (Lk 12,42; 16,1.3.8) und in 1. Korinther 4,1.2, Titus 1,7 und 1. Petrus 4,10 heißt es „Verwalter“ (King James und Elberfelder) bzw. „Haushalter“ (bei Luther). In Galater 4,2 lautet die Übersetzung bei King James „governors“, bei Luther „Pfleger“ und bei Elberfelder „Verwalter“. In Römer 16,23 wird Erastus bei King James „chamberlain“ [= Kammerherr], bei Luther „Stadtkämmerer“ und bei Elberfelder „Schatzmeister“ genannt. In 1. Korinther 9,17; Epheser 1,10 und Kolosser 1,25 steht wie in dem Kapitel, das wir besprechen, „Verwaltung“ [so King James und Elberfelder; „Amt“ bzw. „(Ratschluss) ausführen“ bzw. wieder „Amt“ bei Luther].[2]

So wie es in diesen Passagen und in dem Ausdruck„Wahrheit von der Verwaltung“ verwendet wird, sieht dieses Wort die Welt als großen Haushalt oder als zu verwaltende Ländereien, worin Gott die Verwaltung oder Verteilung übernimmt, und zwar nach Regeln, die Er selbst erlassen hat. In die Ordnung dieses Haushalts führt Er von Zeit zu Zeit Veränderungen ein, und es ist folglich nötig, diese zu verstehen, um sein Wort verständlich auszulegen und um klug unter Ihm zu handeln.

Gottes Verwaltung am Beispiel der Haushaltsführung anschaulich gemacht

Nehmen wir einmal an, dass es in einer Stadt zwei Haushalte gibt, die nach sehr unterschiedlichen Prinzipien geführt werden: Der eine ist der Haushalt eines frommen Mannes von normalen und ordentlichen Gewohnheiten, der seinem Haus in Gottesfurcht vorsteht und alles als unter seinem Auge und für Ihn regelt. Der andere ist der Haushalt eines gottlosen, verschwenderischen Mannes, in dem alles wie Kraut und Rüben durcheinanderliegt. Stellen wir uns dann eine Hausangestellte vor, die von dem zweiten in den ersten Haushalt wechselt und in ihrer neuen Stellung ihr Verhalten nach der Ordnung oder Unordnung, mit der sie aus ihrer alten Stellung vertraut ist, fortführt. Wir können sofort erkennen, was für eine Quelle des Durcheinanders sie in der Familie wäre. Um eine getreue und nutzbringende Dienerin in dem frommen Haushalt zu werden, muss sie sich zuerst mit seiner Ordnung, oder „Ökonomie“, vertraut machen und sich dann daran anpassen. Obwohl es gewisse allgemeine Pflichten gibt, die gleichermaßen alle Haushalte betreffen, werden sich die Einzelheiten selbst in wohlgeordneten Familien notwendigerweise mit den veränderlichen Umständen – der Stellung im Leben, der Beschäftigung usw. – der Bewohner ändern, so dass eine Dienerin immer ihr Handeln so, wie es in jedem Einzelfall erforderlich ist, verändern oder anpassen muss. Selbst eine Veränderung in den Verhältnissen ein- und desselben Haushalts macht manchmal eine Veränderung seiner Führung nötig und verlangt deshalb nach einer entsprechenden Veränderung im Verhalten seiner Dienerschaft.

Jetzt ist es sicherlich ebenso klar und logisch, dass – wenn Gott von Zeit zu Zeit Änderungen an der Weltordnung, also an der Art und Weise, wie Er sich um die Welt kümmert und wie Er ihre Angelegenheiten verwaltet, vorgenommen hat – dann die Natur dieser Änderungen von seinen Dienern studiert und verstanden werden muss und sie demgemäß handeln müssen, wenn sie nützliche Diener sein wollen, die vernünftig an seinen Plänen mitarbeiten. In eine Verwaltung die Anweisungen oder das vorgeschriebene Verhalten einer anderen mitzunehmen, muss Verwirrung und Unordnung mit sich bringen, ob es sich nun um die Auslegung diesbezüglicher Schriftstellen handelt oder um die Vorschriften für individuelle oder gemeinschaftliche Handlungen unter der jeweiligen Verwaltung. Daher auch die Notwendigkeit, wie der Apostel schreibt (2Tim 2,15), „das Wort der Wahrheit recht zu verwalten“. Dies zu vernachlässigen, war immer und muss immer eine Quelle unaussprechlicher Verwirrung sein; kurz: des Löwenanteils der Verwirrung, die wir um uns herum sehen.

Vorläufer der jetzigen Verwaltung

Als die Menschheit, von Satan verführt, die verbotene Frucht mit der Aussicht darauf, wie Gott zu sein, probierte und das begehrte Wissen um Gut und Böse – das Gewissen – erwarb, ließ Gott sie eine Zeitlang die Früchte dieses Erwerbs schmecken, indem Er sie (mit Ausnahme einiger Einzelpersonen, um die Er sich kümmerte) sich selbst überließ. Das Ergebnis wird im ersten Kapitel des Römerbriefs schmerzlich ausgeführt.

In einem bestimmten Zeitraum in der Weltgeschichte nahm Er eine besondere Familie auf, Israel, entwickelte sie zu einem Volk und führte – zumindest soweit es sie betraf – eine Änderung in seine Weltherrschaft ein, indem Er sie unter die Verwaltung des Gesetzes stellte. Diese Verwaltung endete am Kreuz; und anschließend wurde eine gründliche und universelle Änderung eingeführt, die die Verwaltung, unter der wir uns jetzt befinden, einrichtete. In unserer Textpassage wird sie „die Verwaltung des Geheimnisses“ genannt, und in Vers 2 wird sie als „Verwaltung der Gnade Gottes“ bezeichnet.

„Für alle die Verwaltung ans Licht zu bringen“ oder, in anderen Worten, der von Gott ernannte Lehrer für die Natur und Ordnung der gegenwärtigen Zeit zu sein – so wie Mose es zur Zeit der Verwaltung des Gesetzes war –, das ist das besondere Merkmal an Paulus’ Amt, wodurch es sich von dem der anderen Apostel unterschied.

Wenn es sich also erweist, dass die Mehrheit der Christen – weit davon entfernt, zu erkennen, „was die Verwaltung des Geheimnisses ist“ – sie nicht einmal mitbekommen hat und als natürliche Konsequenz das Christentum völlig missverstanden hat, indem sie Bestandteile einer anderen Verwaltung in das Christentum übernommen und so Juden- und Christentum zu einem unaussprechlichen Wirrwarr vermengt hat, dann ist das sicher ein Grund für tiefe Demütigung vor Gott und für eine ernsthafte, von Gebet begleitete Anstrengung, mit Gottes Hilfe diese wichtige und vernachlässigte Lehre wiederzuerlangen.

Das Geheimnis wurde Paulus offenbart; davor war es unbekannt

Der Leser möge zuallererst zur Kenntnis nehmen, dass Paulus erklärt, die Wahrheit, um die es geht, „durch Offenbarung“ (Eph 3,3) erhalten zu haben. Nun bedeutet das Wort „Offenbarung“ so viel wie „Enthüllung“ oder „Aufdeckung“ und wird in der Schrift verwendet, um eine Mitteilung Gottes von einer vorher unbekannten Wahrheit zu bezeichnen oder von einer Wahrheit, die bis dahin unter dem Schleier des Geheimen verdeckt lag. Da der Apostel erklärt, die Wahrheit, von der er in diesem Kapitel spricht, trage den Charakter einer „Offenbarung“, sollte uns diese Tatsache allein schon darauf vorbereiten, dass wir in seiner Lehre etwas entdecken werden, dem wir an keiner vorherigen Stelle in Gottes Wort begegnen konnten.

Als Nächstes nehme der Leser zur Kenntnis, dass Paulus es als „Geheimnis“ bezeichnet und wiederholt und betont darauf besteht, dass es völlig verborgen war, bis es ihm zur Verkündigung gegeben wurde. So heißt es in den Versen Epheser 3,3.5, dass ihm das Geheimnis von Gott durch Offenbarung kundgetan wurde, das zu früheren Zeiten den Menschenkindern nicht so kundgemacht wurde, wie es jetzt offenbart ist; und in Epheser 3,9 heißt es: „das Geheimnis, das von Ewigkeit her in Gott verborgen war“. Er könnte kaum eine deutlichere Sprache sprechen. Ein Geheimnis, das in früheren Zeitaltern den Menschen nicht kundgetan wurde, sondern von Ewigkeit her in Gott verborgen war, wird nun dem Apostel durch Offenbarung kundgetan. Gestehen wir für den Moment zu, dass das „wie es jetzt offenbart ist“ in Vers 5, wenn es allein gestanden hätte, die Auslegung hätte tragen können, dass es zuvor nicht in gleicher Klarheit oder Fülle offenbart worden war. Doch Vers 9 schließt jede Zweideutigkeit gründlich aus, denn keine Sprache könnte eindeutiger sein als die, die hier verwendet wird.

Auch ist es nicht nur hier, dass der Apostel dies niederschreibt. Es scheint, dass der Heilige Geist vorausgesehen hat, dass diese Wahrheit fallen gelassen werden würde und dass folglich besondere Deutlichkeit in seiner Lehre vonnöten sein würde, damit sie in späteren Tagen wiedererlangt werden könnte, und darum hat Er achtgegeben, das benötigte Licht mit überreichlicher Kraft zu liefern, und so findet man diese Lehre noch einmal in Römer 16,25[3], wo der Apostel von der„Offenbarung des Geheimnisses“ spricht, „das ewige Zeiten hindurch verschwiegen war, jetzt aber offenbart ist“, und in Kolosser 1,26 steht: „das Geheimnis, das verborgen war seit ewigen Zeiten und Geschlechtern, nun aber ist es offenbart in seinen Heiligen“.

Unter dem Risiko scheinbar unnötiger Wiederholung muss ich dringend darauf bestehen, dass wir unsere Aufmerksamkeit hierauf lenken, und möchte den Leser auffordern, die Sprache des Geistes gut zu bedenken und darauf zu achten, mit welch vielfältigen Ausdrucksformen Er sich bemüht hat, jede Herumkrittelei auszuschließen und die Aufmerksamkeit auf diese Wahrheit zu lenken. Anderen Zeitaltern (oder Geschlechtern) wurde sie nicht bekannt gegeben, vor den Zeitaltern und Generationen wurde sie verborgen – seit Anbeginn der Welt verborgen, in Gott verborgen, geheim gehalten, seit die Welt begann. Ich weiß von keiner Wahrheit innerhalb des gesamten Wortes, deren Bezeugung ausdrücklicher und unverwechselbarer ist, und ich vertraue darauf, dass der Leser bereit ist, angesichts solcher Bezeugung diese Wahrheit für gesichert zu erachten: Was auch immer „das Geheimnis“ sein mag, es war bis zu den Tagen des Paulus völlig unbekannt.

Wenn der Leser sich an dieser Stelle nun ganz dem Wort gebeugt hat, wird er sofort erkennen, dass eine Suche nach der Enthüllung dieses Geheimnisses auf den Seiten des Alten Testaments ein hoffnungsloses und irreführendes Unterfangen sein muss. Wenn irgendjemand sich einbildet, er könnte dort finden, wovon der Heilige Geist so ausdrücklich erklärt, dass es verborgen war – ein unenthülltes Geheimnis –, als diese Bücher geschrieben wurden, dann folgt er zwangsläufig einem Irrlicht, das ihn in den Morast der Fehldeutung und Verwirrung lockt. Möge der Leser diesen Punkt im Gedächtnis behalten; er wird uns wieder begegnen, wenn wir unsere Untersuchung eine weitere Stufe vorangetrieben haben und als Nächstes das Thema des „Geheimnisses“ selbst erforschen.

Nächster Teil

 

Anmerkungen

[1] „Austeilung“ steht bei Alford, Griesbach, Lachman, Scholtz, Tischendorf, Tregelles, Wordsworth, Bloomfield, Burton, Webster und Wilkinson, sowie auch in allen Unzialmanuskripten, die diesen Textabschnitt enthalten. [Anm. d. Übers.: Unzialschrift = aus Großbuchstaben bestehende Schriftart, entstanden durch Abrundung der Buchstaben der römischen Kapitalschrift; wurde im 3.–8. Jahrhundert verwendet.]

[2] Anm. d. Ü.: Ich werde im Folgenden einheitlich das Wort „Verwaltung“ verwenden, da es die gewünschte Bedeutung im Deutschen am besten erfasst.

[3] Im Zusammenhang mit diesem Text sollte bemerkt werden, dass eine Fehlübersetzung im folgenden Vers [„durch die Schriften der Propheten“, so Luther und King-James] die englischen [und deutschen] Leser irreführen könnte, indem sie sie zu der zweifellos von vielen getroffenen Annahme verleitet, die alttestamentlichen Propheten wären gemeint. Dem ist aber nicht so. Die korrekte Wiedergabe dieses Textes muss lauten: „… jetzt aber offenbart und durch prophetische Schriften (nämlich seine eigenen) … an alle Nationen bekannt gemacht worden ist“ [so Elberfelder].


Originaltitel: „The Mystery“
ausThe Christian’s Friend and Instructor,  Bd. 3, 1876

Übersetzung: S. Bauer


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