Dispensationalistische oder bundestheologische Sicht? (4)
Hesekiel 34–39

Willem Johannes Ouweneel

© SoundWords, online seit: 10.09.2005, aktualisiert: 15.05.2017

Anmerkung der Redaktion
Innerhalb dieses Artikels werden für die theologischen Denkrichtungen Abkürzungen benutzt. So bedeutet:
D: Anhänger des Dispensationalismus
B: Anhänger der Bundestheologie
Um innerhalb dieser beiden Gruppen noch zwischen extremen und gemäßigten zu unterscheiden, wird manchmal noch ein E für extrem oder ein G für gemäßigt davor gestellt.

Leitverse: Hesekiel 34–39

Dies (Hesekiel 34–39) ist ein langer Abschnitt aus dem Buch Hesekiel, und wir können dann auch nur einige Hauptlinien aufzeigen.

Hesekiel 34

Der Gedanke dieses Abschnittes ist, dass Israel lange Zeit falsche Hirten gehabt hat, die sich nicht um das Volk bekümmert haben oder es sogar selbst verschlungen haben. Deswegen nimmt Gott selbst sich der Sache seines Volkes an:

  1. Er bringt sein Volk zusammen aus allen Ländern, in die sie verstreut gewesen sind (Hes 34,13).
  2. Er stellt einen Hirten über sie an, der sie weiden soll: seinen Knecht „David“; der soll Fürst sein in ihrer Mitte (Hes 34,23).
  3. Er schließt einen „Bund des Friedens“ mit seinem Volk (Hes 34,25).
  4. Israel wird hergestellt und gesegnet in seinem eigenen Land (Hes 34,13-29).

Wie soll man das nun auf die Kirche zupassen, wie EB das will? Dann muss man doch konsequent aufzeigen, wie diese Kirche erst durch falsche Hirten geleitet wurde, bevor Gott sich ihrer annahm. Oder ist die Kirche in ihrem schlechten Zustand mit ihren falschen Hirten das buchstäbliche Israel und ist sie in ihrem neuen Zustand als das geistliche Israel unter den wahren David gestellt? Wie will man diesen hermeneutischen Sprung verantworten? Das buchstäbliche Israel wird noch stets durch falsche Hirten geleitet. Hat die Prophezeiung da überhaupt keine Bedeutung mehr für sie? Hat sie nur noch Bedeutung für die Kirche?

Aber dann vergisst man, dass Hesekiel 34 nicht in Apostelgeschichte 2 in Erfüllung gegangen ist oder wann auch immer in der Kirchengeschichte, sondern dass ihre Erfüllung nicht anders als sonst in der Prophetie nur in Zusammenhang mit der Wiederkunft des Messias und der Festigung seines Reiches verstanden werden kann (siehe die folgenden Kapitel). Dann erst werden die Feinde Israels vernichtet (s. Hes 35; 38; 39!), dann erst brechen Friede und Gerechtigkeit auf der Erde an. Nun, welches „Israel“ ist es, über das der wiedergekommene David bald seine Königsherrschaft ausübt? Die Kirche der Endzeit? Die eine oder andere Kirche, die sich selbst das geistliche Israel nennt? Oder dasselbe Israel, das einmal durch Gott verstoßen wurde, aber über das Er sich noch erbarmen wird (Jes 54,1-8; Hes 16, vor allen Dingen Hes 16,53-63; Hos 2)?

Hesekiel 36

Der eben genannte Punkt ist sehr wichtig. Gott wird sich einmal erbarmen über dasselbe irdische Volk Israel, über das Er erzürnt gewesen ist. Er bringt dasselbe Volk zurück, dass Er auch vertrieben hat. Er stellt es in demselben Land wieder her, woraus Er es in die Gefangenschaft geführt hatte. Dasselbe Volk, das so oft von Gott abgewichen ist und so viele Sünden auf sich geladen hat, wird in Hesekiel 36 gereinigt und geläutert. Nicht die neutestamentliche Kirche ist dasselbe Volk, sondern das heutige Volk Israel ist dasselbe Volk, das so lange Gottes züchtigende Hand empfunden hat, aber bald durch denselben Gott wiederhergestellt werden wird. Das heutige Volk Israel ist dasselbe Volk, wie das Volk, das Gott einmal aus dem verheißenen Land vertrieben hat und dass Er bald wieder in dem verheißenen Land wiederherstellen wird. Kapitel 36 spricht über die Rückkehr des alten Volkes Gottes, über seine Wiederherstellung auf den alten Bergen von Israel (Hes 36,8), über die Wiederherstellung der alten Städte (Hes 36,10.33-38), über das Abwenden der Schmach und Schande, die so viele Völker so viele Jahrhunderte lang über Israel ausgebreitet haben (Hes 36,15). Dasselbe Volk, das wegen seiner Sünden in die Gefangenschaft gehen musste (Hes 36,19), wird wegen des heiligen Namens Gottes aus der Gefangenschaft zurückgebracht werden in das verheißene Land (Hes 36,22-24). Sie werden von ihren Sünden gereinigt werden und wieder durch Gott als sein Volk angenommen werden (Hes 36,25-29.33).

Hesekiel 37

Die Verse in Hesekiel 37,1-14 sind für unser Thema sehr wichtig, weil dieser Abschnitt sehen lässt, wie es bei der Wiederherstellung Israels zwei Phasen geben wird. Der Prophet sieht ein Tal von dürren Knochen. Auf Befehl Gottes fügen diese sich zusammen, verbinden sich mit Sehnen, werden mit Haut überzogen; aber Geist ist noch nicht in ihnen (Hes 37,7). Das ist die erste Phase der Wiederherstellung: die Gebeine sehen aus wie Menschen, aber ohne Geist, ohne Leben. Aber dann, auf einen neuen Befehl Gottes, wird der Geist (Wind, Geist) über diese Leichen wehen, wodurch Geist in sie kommt, so dass sie wieder lebendig werden und auf ihren Füßen stehen (Hes 37,9). Das ist die zweite Phase der Wiederherstellung. Bei der Auslegung (Hes 37,12-14) sieht man, was die Bedeutung ist: Bei der ersten Phase der Wiederherstellung wird das Volk als solches aus seinen Gräbern zum Vorschein gerufen und zurückgebracht in das Land Israel. Aber erst in der zweiten Phase kommt der Geist Gottes über das Volk, sodass es geistlich wiederbelebt wird. Das ist die Bekehrung und Reinigung des Volkes (Hes 36,27; 39,29), nachdem alles in dem verheißenen Land angekommen ist; erst die nationale Wiederherstellung, dann die geistliche Wiederherstellung. Das will nicht sagen, dass es mit allen Israeliten so gehen wird. Wenn ich die Prophetien gut lese, gibt es eine nationale Wiederherstellung im Land und erst kurz vor und in der großen Drangsal wird in dem Land ein Überrest geformt, mit dem die geistliche Wiederherstellung beginnt. Aber nicht alle Juden kehren schon vor der Wiederkunft des Messias in das Land zurück. Darum werden viele Israeliten erst nach der Wiederkunft diese Wiederherstellung in den Ländern erleben, in denen sie noch bleiben, und so bekehrt und gereinigt zurückkehren in das verheißene Land (vgl. Hes 20,33-44).

Im zweiten Teil von Kapitel 37 finden wir die deutlichste Passage in den prophetischen Büchern über die Wiedervereinigung von Juda und Ephraim, die zwei und die zehn Stämme. Gott kündigt an, dass Er sie allein aus den Ländern, wohin Er sie verstreut hatte, zurückbringen wird in ihr eigenes Land. Da werden sie wieder zu einem Volk gemacht werden, das alte Volk von den zwölf Stämmen, und auch ein Königreich mit einem König: „mein Knecht David“. Sie werden gereinigt sein von ihren Sünden und der Herr wird mit ihnen einen ewigen Bund schließen. Sein Heiligtum wird wieder in ihrer Mitte erbaut werden (siehe ausführlich Hes 40–44).

Auch hier also dieselbe Botschaft. Gott sagt also nicht voraus in vager Form, dass in der Zukunft das eine oder andere Bundesvolk bestehen soll, das alle gereinigten Sünder umfasst. Da würde man dann die Kirche der neuen Haushaltung sehen können. Aber nein, Er hat es mit seinem alten Volk zu tun, das Er selbst zerstreut hat, aber das Er einmal wieder zurückbringt und wieder vereinigt. Gott hat es auch nicht zu tun mit einem Volk, das Er seinen neuen Tempel nennt – so wie Paulus uns zeigt, dass die Gemeinde der Tempel Gottes ist –, nein, der Herr spricht über einen Tempel, den Er inmitten seines Volkes bauen wird. Dies ist auch nicht ein Tempel in dem gegenwärtigen, sondern in dem zukünftigen Zeitalter. Es ist in Sacharja 14 das „Haus des Herrn“ (Hes 37,20), wohin die Völker jedes Jahr hochziehen werden, um sich vor dem Herrn nieder zu beugen (Hes 37,16), und das, nachdem der Herr wiedergekommen ist aus dem Himmel (Hes 37,3-5) und sein Friedensreich aufgerichtet hat (Hes 37,9). Dann wird der Spross (der Messias) „an seiner Stelle aufsprossen und er wird den Tempel des Herrn bauen. Ja, er wird den Tempel des Herrn bauen und er wird mit Majestät bekleidet sein und als Herrscher sitzen auf seinem Thron; und er wird Priester sein auf seinen Thron. … Die ferne sind, werden kommen, um an dem Tempel des Herrn zu bauen“ (Sach 6,2.15).

Hesekiel 38 und 39

Der volle Segen des Friedensreiches (s. Hes 40–48) kann erst anbrechen, wenn die Endzeit-Weltmacht, die gegen Israel ankämpft, vernichtet ist. Sie wird hier angedeutet mit dem Namen „Gog, in dem Land Magog, der Großfürst von Mesech und Tubal“ (Hes 38,2), „ferne in dem Norden“ (Hes 38,6), aber es geht um dieselbe Macht, „ wovon“ (sagt Er) „ich in früheren Tagen gesprochen habe durch den Dienst meiner Knechte, dem Propheten von Israel, die in jenen Tagen jahrelang prophezeit haben, dass ich dich gegen sie auftreten lassen werde“ (Hes 38,17). Das wird wahrscheinlich dieselbe Macht sein, die Jesaja andeutet mit dem Namen „Assur“.

Auch hier finden wir nicht, wie EB es gewöhnlich beschreibt, eine vage Beschreibung über eine Weltmacht, die die Kirche jahrhundertelang bedrängt, aber schlussendlich vernichtet werden soll. Im Gegenteil, die Prophezeiung ist wieder sehr spezifisch. Israel wird hier beschrieben als ein Volk, „das aus dem Gebiet von vielen Völkern zusammengebracht ist auf den Bergen Israels, die zu einer bleibenden Wüste geworden waren, aber es ist aus den Völkern hinausgeführt; alle wohnen in Ruhe“ (Hes 38,8); es geht um „eine Nation, die aus dem Gebiet der Völker zusammengebracht ist, die Hab und Gut erworben hat, die auf dem Nabel der Erde wohnt“ (Hes 38,2); ausdrücklich geht es um das Volk, das der Herr wegen seiner Sünden in die Gefangenschaft hat wegführen lassen, aber dem Er Vergebung schenken wird und in dem alten verheißenen Land wiederherstellen wird vor den Augen aller Völker (Hes 39,23-29).

Auch hier fragt D wieder: Wie kann man diese Prophezeiung anders anwenden als auf das Israel der Endzeit? „Selbst“ unter den Anhängern von EB wird doch niemand diese Prophezeiung als erfüllt ansehen durch die Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft. In jedem Fall, viele Völker ziehen hier zugleich gegen das in seinem Land wiederhergestellte Israel hinauf (Hes 38,3.5.13.15), und sie werden auch in diesem Land vernichtet, auf den „Bergen Israels“ (Hes 38,21; 39,2-4), durch den Herrn selbst, der zur selben Zeit seinen Geist über das Haus Israel ausgießt (Hes 39,29). Das kann nur auf die Endzeit Bezug haben.

D kann sich nicht vorstellen, wie man diese Prophezeiung erfüllt sehen will in der neutestamentlichen Kirche. Das wegen seiner Sünden vertriebene Volk empfängt Vergebung und wird wiederhergestellt in seinem eigenen Land. Wie will man das auf die Kirche anwenden? Ist diese Prophezeiung erfüllt in der Handvoll Juden, die zu der Kirche zugetreten ist? Ist dies das vertriebene Volk, das in sein Land zurückgebracht wurde? Und wie steht es dann mit der Masse des jüdischen Volkes, an dem dieser Segen bisher vorbeigegangen ist? Werden sie einmal in Massen der Kirche beitreten? Aber ist das dann die (nicht einfach geistliche, sondern auch) nationale Wiederherstellung von Israel in seinem eigenen Land? Oder müssen wir Israel vorhalten, dass sie die Verheißung der Wiederherstellung in ihrem Land bloß geistlich auffassen dürfen? Wie soll Israel, das so viele Jahrhunderte auf diese Verheißungen vertraut hat und ausgeschaut hat nach dem Tag, an dem Gott sein Wort wahrmachen wird und sie wiederherstellen wird in ihrem Land, das jemals von uns annehmen können oder sogar noch aus der Schrift „lesen“ können? Wie können messiasgläubige Heiden selbst dieses überhaupt annehmen? Gottes Gnadengaben bezüglich seiner Berufung dieses Volkes sind unbereubar (Röm 11,29). Dass Gott in der heutigen Haushaltung seinen „ewigen Ratschluss“ mit der Kirche durchführt (Eph 3,9-11), ist ein Höhepunkt in all seinen Heilswegen – aber es lässt die alten Verheißungen Israels vollkommen unverletzt. Diese werden bald erfüllt bei einem neuen Höhepunkt: dem messianischen Friedensreich.

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Übersetzt aus Israel en de Kerk, 1991

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