Dispensationalistische oder bundestheologische Sicht? (2)
5. Mose 28–30

Willem Johannes Ouweneel

© SoundWords, online seit: 02.07.2005, aktualisiert: 22.01.2018

Anmerkung der Redaktion
Innerhalb dieses Artikels werden für die theologischen Denkrichtungen Abkürzungen benutzt. So bedeutet:
D: Anhänger des Dispensationalismus
B: Anhänger der Bundestheologie
Um innerhalb dieser beiden Gruppen noch zwischen extremen und gemäßigten zu unterscheiden, wird manchmal noch ein E für extrem oder ein G für gemäßigt davor gestellt.

Leitverse: 5. Mose 28–30

Die Teschuwa (Bekehrung/Rückkehr)

In der jüdischen Zukunftserwartung spielt die sogenannte Teschuwa eine große Rolle. Dieses Wort bedeutet sowohl „Bekehrung“ in dem Sinn einer geistlichen Wiederherstellung als auch „Rückkehr“ in dem Sinn einer nationalen Wiederherstellung. Dieses Thema kommt in der Schrift zuerst vor in 3. Mose 26,40-42 und noch deutlicher und ausführlicher in 5. Mose 28–30. Hier schildert Mose zuerst in Kapitel 28 die Segnungen, die Gott seinem Volk schenken wird, wenn sie seine Gebote halten, und die Flüche, die über sie kommen werden, wenn sie von Ihm abfallen. Nach der Bundeserneuerung in Kapitel 29 wiederholt Mose den Fluch, der über das abgefallene Volk kommen soll. Ein wichtiges Element in diesem Fluch ist, dass Israel aus seinem Land verstoßen und unter alle Völker zerstreut werden soll (5Mo 28,64).

Aber danach geschieht in 5. Mose 30 etwas sehr Interessantes: Wenn Israel unter die Völker verstreut sein wird und sich dort zu Gott bekehrt und sich von Herzen unter seine Gebote stellt, dann wird Gott sich über sie erbarmen und sie wieder zusammenbringen aus allen Völkern, unter die Er sie verstreut haben wird. Er wird sie zurückbringen nach dem Land ihrer Väter und sie dort segnen. Er wird ihre Herzen und die Herzen ihrer Kinder „beschneiden“, sodass sie den Herrn von Herzen lieb haben, und Er wird sie mit Wohltaten überladen.

Was bedeutet nun eine derartige Verheißung? Als Auslegung gibt es, soweit ich sehen kann, drei Möglichkeiten:

  1. Man fasst die Prophezeiung wörtlich auf und sieht sie als schon erfüllt an. In diesem Fall sieht man in die Prophezeiung als vollständig erfüllt an durch die Rückkehr Judas aus der babylonischen Gefangenschaft.

  2. Man fasst die Prophezeiung übertragen auf und meint, dass sie dabei ist, in Erfüllung zu gehen, und zwar in der Gemeinde der gegenwärtigen Haushaltung, und dass sie voll in Erfüllung gehen wird in der zukünftigen Haushaltung des neuen Himmels und der neuen Erde.

  3. Man fasst die Prophezeiung buchstäblich auf und sieht sie – abgesehen von einer Vor-Erfüllung bei der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft – als noch unerfüllt; die Erfüllung wartet in diesem Fall noch auf die Endzeit, wenn das messiasgläubige Israel in dem verheißenen Land wiederhergestellt sein wird.

Welche Auslegung?

Ist es möglich, eine Wahl zwischen diesen drei Auslegungen zu machen? Dafür wollen will uns das nun Stückchen für Stückchen näher anschauen:

  1. In der Tat hat Gott gegen Ende der babylonischen Gefangenschaft einen Überrest zubereitet, der sich zu Ihm bekehrt hat. Dieser Überrest ist auch in der Tat zurückgeführt worden nach dem verheißenen Land. Allerdings: Die Segnungen, die in 5. Mose 30 beschrieben wurden, hat Israel dann wirklich nur in sehr beschränktem Maß genossen. Sie waren und blieben Sklaven von heidnischen Fürsten, die über sie herrschen (Neh 9,36.37). Und nach einigen Jahrhunderten wurde das Volk wieder aufs Neue in die Gefangenschaft getrieben, und zwar nachdem die Römer Stadt und Land verwüstet hatten (vgl. 5Mo 28,49-57). Die neue Gefangenschaft entspricht viel mehr der Beschreibung von 5. Mose 28,64 (vgl. 5Mo 30,3b.4), in dem Sinn, dass Israel während dieser Gefangenschaft nicht nur in „ein“ Land (Babylonien), sondern in „alle“ Länder als Gefangene verstreut wurden. Kann man dann wohl sagen, dass 5. Mose 30 heute für Israel keine Bedeutung mehr hat? Wenn sie sich nun in den Ländern ihrer Gefangenschaft zuhauf aufs Neue bekehren würden, sollte diese Verheißung dann ihre Gültigkeit verloren haben? Die Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft war höchstens ein Vorschuss (wie sehr es auch in sich selbst ein großes Werk des Herrn war!); hat ein bekehrtes Israel dann kein „Recht“ darauf, dass 5. Mose 30,5-10 noch einmal in vollem Maße in Erfüllung geht?

  2. Normalerweise wird EB dem unter (1) Angeführten wohl zustimmen. Aber sie werden sagen, darum muss 5. Mose 30 noch nicht bei dem buchstäblichen Volk Israel in Erfüllung gehen: „Die Heilsverheißung richtet sich wohl an das Volk, aber in diesem Volk ist die Kirche, und diese ist Erbe der Verheißung in dem vollen Sinn des Wortes. […] Auch die Verheißung von äußerlichen Segnungen findet, in einem höheren Sinn, ihre vollkommene Erfüllung im neuen Himmel und der neuen Erde, die die durch Christus Erlösten erben sollen; daran geht eine anfängliche Erfüllung vorab in allen äußerlichen Segnungen, die heute an die Gemeinde geschenkt sind, sowohl in der Vermehrung ihrer Anzahl (vgl. 5Mo 30,6) als auch auf andere Weise“ (J. Ridderbos, Korte Verklaring op 5. Mo. 30,1-10).

    Das ist deutliche EB-Sprache. Die wichtigste Grundannahme, von der hier ausgegangen wird, ist: In Israel ist die Kirche enthalten, das meint: In dem natürlichen Israel befindet sich das „wahre“ (das heißt messiasgläubige) Israel, das ist die Kirche des Alten Testaments. Diese Kirche umfasst in der gegenwärtigen Haushaltung auch alle messiasgläubigen Heiden, aber ist noch immer das „wahre Israel“. Die Prophezeiung richtet sich einfach an dieses „wahre Israel“, das heißt die Kirche.

Für den, der EB anhängt, klingt das völlig annehmbar, und auch die Auslegung von 5. Mose 30, die aus diesen Grundannahmen hervorgeht, klingt ganz akzeptabel. Aber wer nicht innerhalb des EB-Denkrahmens denkt, für den sieht das ganz anders aus. Ich habe schon angeführt, wie D demgegenüber die Kirche ansieht, und man wird dann auch begreifen, dass die Kirchenanschauung von D eine total andere Sicht auf 5. Mose 30 erzwingt. Aber selbst wenn man mal die D- oder B-Kirchenansicht in den Hintergrund schiebt, kann man, was 5. Mose 30 betrifft, doch nicht über einige wichtige Punkte hinweggehen:

  1. Ein Kernpunkt dieses Abschnitts ist gerade die Teschuwa, nun aufgefasst in dem Sinn von „Rückkehr“. Gott hat sein Volk aus dem verheißenen Land vertrieben in andere Länder. Derselbe Gott wird auch dasselbe (inzwischen bekehrte) Volk aus den Ländern, in die es vertrieben ist, zurückbringen in das Land. Dasselbe Volk, das zerstreut ist, wird wieder zurückgebracht. Natürlich nicht dieselben Personen – es liegen Jahrhunderte zwischen der Vertreibung und der Rückkehr –, aber doch dasselbe Volk Israel. Momentan ist Israel noch immer verstreut unter den Völkern, zeitgleich besteht auf der Erde die Gemeinde, die aus 99% Heiden besteht. Welcher Trost geht von diesem Abschnitt aus, wenn die Juden in der Gefangenschaft glauben müssen, dass ihre Verheißungen einmal in Erfüllung gehen in einer Gesellschaft, die zu 99% aus Heiden besteht? Selbst wenn sich heutzutage ein Jude zu Christus bekehrt und er zu dem Gemeindeleib von Christus beigefügt wird, empfängt er wohl die Beschneidung seines Herzens (5Mo 30,6), aber nicht die Segnungen des Landes.

  2. Genauso unübersehbar ist darum, dass es notwendigerweise um dasselbe Land geht: „… das Land, das eure Väter besessen haben“ (5Mo 30,5). Wenn das Volk verstoßen ist aus seinem Land, zurückverlangt nach dem Land und die Verheißung empfängt, dass es wiederhergestellt werden wird in diesem Land, dann geht es nicht an, das Land zu vergeistlichen in der Gemeinde oder auf die neue Erde zu schieben.

  3. Glaubt man, dass 5. Mose 28–29 wörtlich in Erfüllung gegangen sind? Natürlich; wir sehen es vor unseren Augen, dass Israel verstreut ist unter die Völker. Aber mit welchem hermeneutischen Trick erklären wir den ersten Teil der Prophezeiung für buchstäblich erfüllt und beweisen, dass der zweite Teil geistlich erfüllt werden soll? Mit welchem schriftgemäßen Recht lassen wir die Flüche für Israel und eignet sich die Kirche selbst die Verheißungen und Segnungen an? Hier geht es nicht bloß darum, ob wir die Prophezeiungen buchstäblich oder geistlich erklären müssen. Hier wird ohne irgend eine innerliche Konsistenz einfach ein Teil buchstäblich und ein Teil geistlich ausgelegt. Die Begründung, dass dieses zusammenhängt mit dem Übergang von der alten zu der neuen Haushaltung funktioniert hier nicht: Noch im Jahre 70 n.Chr. geht der Fluch von 5. Mose 28–29 wieder einmal buchstäblich in Erfüllung. Inzwischen ist dann die geistliche Erfüllung der Segensverheißung von 5. Mose 30 laut EB schon lange in Gang gekommen!

  4. Ist es möglich, in der Diskussion zwischen B und D zusammen festzustellen, dass die Auslegungsmethoden (1) und (2) eine unbefriedigende Methode anbieten? Gerade die historisch- grammatische Methode wird unter „Land“ und „Volk“ in 5. Mose 28–30 stets dasselbe verstehen. Sicher, es ist ein abgefallenes Volk, das zerstreut wird und ein bekehrtes Volk, das zurückgebracht wird; aber es geht dann doch in beiden Fällen um dasselbe Volk Israel und um Zerstreuung aus und Rückkehr nach dem selben Land Israel.

Besondere Kennzeichen der Teschuwa

Doch wenn D nur 5. Mose 28–30 hat, ist das eine ziemlich schmale Basis für seinen Glauben an eine zukünftige geistliche und nationale Wiederherstellung Israels in seinem Land. Wir werden uns nun verschiedene spätere Prophezeiungen anschauen, und dann werden wir sehen, wie laut D die Prophezeiungen betreffs der Teschuwa dort einige Kennzeichen haben, die unmissverständlich auf die Endzeit hinweisen:

  1. Die Wiedervereinigung der zwei und der zehn Stämme
    Eine derartige herrliche Rückkehr sowohl von Juda als auch von Ephraim und ihre triumphale Wiedervereinigung in dem gelobten Land (unter dem Messias! Hes 37) ist noch immer nicht in Erfüllung gegangen. Man kann hier unmöglich an die Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft denken. Auslegung (1) funktioniert hier überhaupt nicht, und Auslegung (2) hat hier deutlich mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Wenn man die Prophezeiung in der neutestamentlichen Gemeinde erfüllt sieht, bzw. auf der neuen Erde, was ist dann die geistliche Bedeutung von einer Wiedervereinigung der zwei und der zehn Stämme Israels? Man kann hier unmöglich die Vereinigung von Juden und Heiden in einer Kirche sehen wollen. Wie kann die Vereinigung von Israel mit den messiasgläubigen Heiden etwas zu tun haben mit Gottes Verheißungen betreffs der Wiedervereinigung von zwei seit langer Zeit getrennten Gruppen innerhalb des Volkes Israel? Wenn hermeneutische Kriterien noch irgendetwas bedeuten, dann sind hier die Grenzen deutlich überschritten.

  2. Ein zweites eschatologisches Kennzeichen der Prophetie ist, dass die ihre Erfüllung oft direkt verbunden wird mit der Wiederkunft des Messias und der Festigung seines Friedensreiches. Auch geschieht dies in den Prophezeiungen mit einem „doppelten Boden“: Es gibt dann eine erste Erfüllung, die zur Zeit des Propheten selbst stattfindet oder kurz danach bei der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft, und es gibt eine zweite endgültige Erfüllung, die bei der Wiederkunft des Messias stattfindet. Auch hier kann EB laut D keine konsequente „geistliche“ Auslegung geben. Denn es ist ja so, dass die erste Erfüllung stets buchstäblich aufgefasst werden muss und die zweite Erfüllung – die doch nichts anderes als ein Verlängerungsstück und eine Ausbreitung der ersten ist – wieder vergeistlicht wird. Und selbst diese Vergeistlichung geschieht wieder inkonsequent. Denn es ist ja so, dass die Wiederkunft des Messias wohl wörtlich aufgefasst wird, aber was ringsum mit Israel und seinen Feinden geschieht, wird wieder vergeistlicht. Selbst die Wiederkunft des Messias wird noch teilweise vergeistlicht: Wohl ein buchstäbliches Niederkommen aus dem Himmel, also „mit den Wolken des Himmels“, in Gesellschaft von buchstäblichen Engeln, aber dass seine Füße auf dem Ölberg stehen werden und dass Er triumphal in die Stadt Jerusalem einziehen wird, das muss dann wieder vergeistlicht werden. D erfährt dieses als ziemlich willkürlich, sicher solange wie keine scharfen, annehmbaren hermeneutischen Kriterien dafür geboten werden. Aber wenn die Ergebnisse des EB-Denkens so willkürlich aussehen, müssen dann die Grundannahmen nicht einmal unter die Lupe genommen werden? Im folgenden Abschnitt werden wir diese Punkte noch näher untersuchen, dadurch dass wir einige Prophezeiungen näher anschauen.

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Übersetzt aus Israel en de Kerk, 1991

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