Der Brief des Paulus an die Kolosser (0)
Einleitung

Stanley Bruce Anstey

© SoundWords, online seit: 10.06.2022

Einleitung

Der Anlass für den Brief

Der Anlass für den Brief an die Kolosser war, dass eine Reihe von Irrlehren aufgekommen waren. Sie stammten aus der griechischen Philosophie, dem heterodoxen Judentum und dem Mystizismus. Diese Irrtümer waren der Anfang dessen, was später als Gnostizismus bekannt werden sollte. Gnostizismus bedeutet „höheres Wissen“ und beschreibt treffend, was bestimmte Lehrer fälschlicherweise zu besitzen behaupteten. Diese falschen Lehren machten der frühen Kirche in verschiedenen Gegenden zu schaffen. Einer dieser Orte war Kolossä.

Diese Lehren versuchten, die Existenz Gottes, die Schöpfung, den Ursprung des Bösen usw. unabhängig von der göttlichen Offenbarung der Heiligen Schrift zu erklären. Sie behaupteten, eine höhere Offenbarung zu haben als die, die die Apostel der Kirche überliefert hatten (Jud 3). Der schlimmste Irrtum: Sie leugneten die Gottheit und die wahre Menschheit Christi. Diese Lästerung barg die Gefahr, dass die Gläubigen von der Wahrheit der Person und des Werkes Christi abgezogen wurden, und musste widerlegt werden.

Wie im Philipperbrief, so bemühte sich Paulus auch in diesem Brief eher darum, vorausschauend zu handeln, als nur zu reagieren, so wie er es in den Briefen an die Korinther und die Galater getan hatte. Er wollte also eher vorbeugen als korrigieren. Die Kolosser hatten diese Lehre noch nicht übernommen, standen aber in der Gefahr, ihr zu erliegen. Deshalb warnt Paulus sie vor dem Charakter dieses Übels und bekämpft es, indem er auf der Wahrheit der Person Christi und des Werkes Christi besteht.

Die heutige Anwendung des Briefes

Auch wenn der Gnostizismus heute keine so große Bedrohung für die Kirche darstellt wie in den ersten Jahrhunderten, so hat dieser Brief dennoch einen wichtigen Platz im Kanon der Heiligen Schrift. Wenn wir ihn heutzutage auf uns anwenden, dann weist er unsere Neigung zurück, bei der Auslegung der Heiligen Schrift unsere eigene Phantasie zu benutzen. Jemand, der einmal auf diese Weise versucht worden war, sagte: „Man kann zwischen den Zeilen der Schrift oft mehr finden als auf den Zeilen der Schrift!“

Es erübrigt sich, zu sagen, dass es gefährlich ist, über Gottes inspiriertes Wort zu spekulieren. Wenn wir unsere Vorstellungskraft in göttlichen Dingen auf diese Weise gebrauchen, dann ist das so, als hätte ein Israelit über den Altar Gottes den „Meißel geschwungen“, um etwas einzumeißeln, was er sich selbst ausgedacht hatte (2Mo 20,25). Das war streng verboten. Da die Auslegungsgrundsätze nicht klar festgelegt sind, wenn wir unsere Phantasie auf diese Weise auf die Heilige Schrift anwenden, ist es nicht schwierig, Gottes Wort fast alles sagen zu lassen, was wir wollen! Die große Gefahr dabei ist, über das hinauszugehen, was Gott offenbart hat, und in Irrtum zu geraten. Jede derartige Manipulation des Wortes Gottes kann als mystische Lehre eingestuft werden.

Der Hauptunterschied zwischen dem Mystizismus der Gnosis und dem versteckten Mystizismus von heute: Die Gnostiker machten ihre falschen Aussagen und Lehren unabhängig von der göttlichen Offenbarung der Heiligen Schrift; die Mystik, mit der wir heute konfrontiert sind, beruft sich dagegen auf das Wort Gottes, um ihre phantasievollen Vorstellungen und Auslegungen zu stützen.

Leider liegt mystischer Lehre meist geistlicher Stolz zugrunde, wie Paulus in diesem Brief sagt: „aufgebläht von dem Sinn seines Fleisches“ (Kol 2,18). Jemand lässt sich auf diese Art von Gedanken ein, weil es ihn auszeichnet: Denn was göttliche Erkenntnis betrifft,  so hat er etwas, was andere nicht haben. Er kann seine Freunde mit seinen hochtrabenden Worten beeindrucken, was zu seinem Stolz beiträgt. Mit der Zeit nimmt seine Vorliebe seinen Verstand in Beschlag – nämlich nach Hinweisen auf die seiner Meinung nach verborgenen Bedeutungen der Heiligen Schrift zu suchen; und bald wird diese Neigung zu seinem einzigen Ziel. Er reißt einen Satz der Heiligen Schrift aus dem Zusammenhang und legt ihn so aus, dass er etwas bedeutet, worauf normalerweise niemand jemals käme – es sei denn, der Mystiker enthüllt es. Wenn diese Gedanken mit einer hochtrabenden, geistlichen Sprache vorgestellt werden und der Mystiker nach außen hin ein heiliges Leben führt, können unbefestigte Gläubige davon eingenommen werden und glauben, dass es sich wirklich um etwas Besonderes handelt. Daraus entsteht bei manchen Eingeweihten die Meinung, sie hätten einen „Insiderweg zur höheren Wahrheit“. Zweifellos ist das vorherrschende Merkmal der mystischen Lehre die ungenaue und schwammige Ausdrucksweise, wie die Gedanken präsentiert werden. Wer von so einer Ausdrucksweise beeindruckt ist, gibt diese unklaren, verschwommenen Vorstellungen als tiefe Wahrheit aus.

Zwei große Gefahren in der Christenheit

Der Mystizismus ist eine von zwei großen Gefahren im christlichen Bekenntnis: „zurückzuweichen“ (Heb 10,39) von dem, was offenbart worden ist, und „weiterzugehen“ (2Joh 9) oder über das hinauszugehen, was offenbart worden ist. Das eine ist Abfall und das andere ist Mystizismus. Der Hebräerbrief befasst sich mit dem Abfall und der Kolosserbrief mit dem Mystizismus. Das Heilmittel des Apostels gegen diese mystischen Verirrungen bestand darin, den Blick der Kolosser auf Christus im Himmel zu richten. Das sollte ihnen dabei helfen, dass ihnen wieder bewusst wurde, dass sie dort mit Ihm vereint sind. Dieses Empfinden hatten sie in gewissem Maße verloren, oder sie standen in der Gefahr, es zu verlieren, weil in die Gemeinde Vorstellungen über göttliche Themen eingedrungen waren, die nur auf Vermutungen beruhten.

Das Geheimnis

Zweifellos tadelt der Kolosserbrief Christen, die sich auf mystische und philosophische Lehren einlassen. Aber es gibt noch einen wichtigeren Zweck, warum dieser Brief in unseren Bibeln steht: Er ist einer von nur zwei Briefen, die die Wahrheit des „Geheimnisses“ enthüllen – die höchste aller Wahrheiten. Das Geheimnis wird in Römer 16,25; 1. Korinther 2,7; 4,1 und 1. Timotheus 3,9 erwähnt, aber erst im Epheserbrief und im Kolosserbrief wird es entfaltet.

Man könnte annehmen, dass Paulus mit dem Wort Geheimnis hier etwas Mysteriöses und Schwerverständliches meint. Aber das ist nicht so. Er spricht von einem „Geheimnis“, das „in Gott verborgen“ war und den Heiligen „von den Zeitaltern her“ verborgen war (Kol 1,26); jetzt aber wurde es durch besondere Offenbarungen bekanntgemacht, die den Aposteln – und insbesondere dem Apostel Paulus – gegeben wurden (Röm 16,25; Eph 3,4.5.9; Kol 1,26). W. Kelly sagt:

[Das Geheimnis] bedeutet nicht etwas, was man nicht verstehen kann, sondern etwas, was man erst wissen konnte, nachdem Gott es mitgeteilt hatte.

Das Geheimnis [mystery] bedeutet das, was geheim gehalten wurde, nicht das, was man nicht verstehen konnte (das stellen sich Menschen unter einem Geheimnis [mystery] vor). Ein Geheimnis ist vielmehr ein nicht enthülltes Geheimnis [secret] – ein Geheimnis, das im Alten Testament noch nicht enthüllt war, aber im Neuen Testament vollständig offenbart wird.[1]

Das Geheimnis ist Gottes krönendes Juwel, das die göttliche Offenbarung der Wahrheit vollendet (Kol 1,25). Da „alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis“ im Geheimnis enthalten sind, gibt es nichts mehr zu offenbaren (Kol 2,2.3)! Paulus betont diese Tatsache, um den Kolossern zu zeigen, dass ihnen die gesamte Wahrheit offenbart worden war. Daher brauchten sie über das, was Gott im Geheimnis offenbart hatte, nicht hinauszugehen, um nach mehr Wahrheit zu suchen. Doch genau dazu forderten die Mystiker die Gläubigen auf.

Das Geheimnis offenbart Gottes großen Vorsatz, seinen Sohn in der zukünftigen Welt (dem Tausendjährigen Reich) in zwei Sphären zu verherrlichen: im Himmel und auf der Erde. Und zwar tut Er dies durch ein besonders geformtes Gefäß des Zeugnisses: durch die Kirche [die Versammlung], die der Leib und die Braut Christi ist (Eph 1,8-10). Die Wahrheit, die im Geheimnis offenbart wird, ist weder die heilige und herrliche Person Christi noch sein Leben als Mensch, als Er vollkommen gehorsam in dieser Welt wandelte; auch nicht sein Tod und seine Auferstehung und seine Wiederkunft, um sein Reich aufzurichten, in dem Er über die Welt herrschen wird. Darüber hatte bereits das Alte Testament gesprochen, und daher waren diese Dinge denen, die mit diesen Schriften vertraut waren, bekannt. Das Alte Testament sagt eindeutig einen jüdischen Messias voraus, der über die ganze Erde herrschen wird und unter dem Israel und die heidnischen Völker sich freuen werden.

Aber das Geheimnis offenbart noch mehr: Wenn Christus regieren wird, wird Er eine himmlische Ergänzung an seiner Seite haben: die Kirche, seinen Leib, seine Braut. Gott wird sich dieses besonderen Gefäßes bedienen, um an diesem kommenden Tag der Offenbarung die Herrlichkeit Christi zu mehren (Off 21,9–22,5). Darüber hinaus offenbart das Geheimnis, dass Christus nicht nur über die Erde herrschen wird, sondern über das ganze Universum (Himmel und Erde); alles wird unter der Verwaltung Christi und der Kirche stehen.

Das Verhältnis des Kolosserbriefs zum Epheserbrief

Die Briefe an die Epheser und die Kolosser ähneln sich in ihren Eigentümlichkeiten und könnten daher als „zusammengehörige“ Briefe bezeichnet werden. Jemand hat darauf hingewiesen, dass von den 155 Versen im Epheserbrief nicht weniger als 54 Verse denen im Kolosserbrief ähneln! Der Apostel schrieb beide Briefe von Rom aus, während er dort gefangen gehalten wurde, und schickte beide Briefe bei derselben Gelegenheit (zusammen mit dem Brief an Philemon) durch denselben Boten, Tychikus (Eph 6,21.22). Bei der Übergabe des Kolosserbriefs wird noch Onesimus erwähnt (Kol 4,7-9).

Diese beiden Briefe stehen zusammen mit dem Philipperbrief als die sogenannten „Gefängnisbriefe“ in unseren Bibeln nebeneinander und ergänzen einander, was die Offenbarung der Wahrheit betrifft. Der Epheser- und der Kolosserbrief entfalten die Wahrheit des Geheimnisses unter zwei verschiedenen Aspekten, und im Philipperbrief sehen wir einen Mann (Paulus) im Einklang mit der Wahrheit des Geheimnisses wandeln. Auf diese Weise vermittelt er uns ein Bild von dem Seelenzustand, der jemand kennzeichnen sollte, der diese große Wahrheit erkannt hat. Der Brief an Philemon (ein Gläubiger aus Kolossä) wurde zur gleichen Zeit geschrieben wie der Kolosserbrief und wurde ihm von Onesimus überbracht.

Der Kolosserbrief ist das Gegenstück zum Epheserbrief. Obwohl die beiden Briefe eine bemerkenswerte Ähnlichkeit aufweisen, stehen sie in vielerlei Hinsicht im Gegensatz zueinander und vermitteln die entgegengesetzte (aber ergänzende) Seite der Wahrheit des Geheimnisses. Zum Beispiel:

  • Der Epheserbrief entwickelt die zukünftige Seite des Geheimnisses, d.h. was sichtbar wird, wenn Christus und die Kirche nach Gottes ewigem Vorsatz über das Universum herrschen (Eph 1,8-10). Der Kolosserbrief hingegen betont, dass diese große Wahrheit in der Welt gegenwärtig von den Gläubigen dargestellt wird (Kol 1,27).

  • Im Epheserbrief wird der Gläubige als in den himmlischen Örtern sitzend gesehen, mit der Schöpfung unter ihm (Eph 2,6). Im Kolosserbrief dagegen wird der Gläubige auf der Erde gesehen, mit der Hoffnung, einmal im Himmel zu sein (Kol 1,5).

  • Der Epheserbrief betrachtet die Gläubigen „in Christus“ (Eph 1,3 usw.), während der Kolosserbrief betont, dass Christus in den Gläubigen ist (Kol 1,27: „Christus in euch“).

  • Was die Einheit von Christus und der Gemeinde betrifft, so behandelt der Epheserbrief die Vorrechte des „Leibes“; den Leib Christi finden wir in der Mitte des Briefes (Eph 4,12). Der Kolosserbrief hingegen offenbart die Fülle, die dem „Haupt“ innewohnt; das Haupt finden wir wiederum in der Mitte des Briefes (Kol 2,19).

  • Im Epheserbrief wird die Gemeinde als die „Fülle“ dessen betrachtet, „der alles in allem erfüllt“ (Eph 1,23), während im Kolosserbrief Christus die „Fülle“ der Gottheit ist und unsere Vollendung in Ihm liegt (Kol 2,9).

  • „Der Heilige Geist“ nimmt im Epheserbrief eine herausragende Stellung ein, wenn es darum geht, dass die Wahrheit in Bezug auf den Gläubigen entfaltet wird; dagegen wird „der Geist“ im Kolosserbrief nur ein Mal erwähnt (Kol 1,8).

  • Das „Erbteil“ wird im Epheserbrief als die materielle Schöpfung betrachtet (Eph 1,11.14.18), während das Erbteil im Kolosserbrief unser geistlicher „Anteil“ an den Segnungen in Christus in der Höhe ist (Kol 1,12).

  • Die beiden charakteristischen Eigenschaften Gottes, mit denen der Mensch ursprünglich geschaffen wurde („Bild“ und „Gleichnis“; s. 1Mo 1,26) und die durch den Sündenfall verlorengingen, werden in diesen Briefen als wiederhergestellt in dem neuen Schöpfungsgeschlecht betrachtet. Im Epheserbrief geht es darum, dass der Mensch das Gleichnis Gottes[2] wiedererlangt (Eph 4,21-32); der Kolosserbrief spricht dagegen davon, dass das Bild wiederhergestellt wird (Kol 3,5-14).

  • Im Epheserbrief gibt es keine „Wenn“-Bedingungen, im Kolosserbrief dagegen schon (Kol 1,23 usw.).

  • In Anlehnung an die Typologie der Eroberung Kanaans durch Israel sieht der Epheserbrief den Gläubigen im Besitz des Landes, während der Kolosserbrief den Gläubigen kurz hinter dem Jordan sieht, wie er sich in Gilgal selbst richtet. Er ist also noch nicht im Besitz des Landes.

Die Entwicklung der Wahrheit in den Paulusbriefen

Es ist oft gesagt worden, dass die höchste Wahrheit in der Bibel in den Briefen an die Epheser und Kolosser zu finden ist. In den Paulusbriefen finden wir ein deutliches Fortschreiten der Wahrheit im Zusammenhang mit unserer Identifikation mit Christus. Sie kann wie folgt dargestellt werden:


tot
gekreuzigt
Galater

begraben
tot
gekreuzigt
Römer
auferweckt
lebendig gemacht
begraben
tot
––––––
Kolosser
sitzend
auferweckt
lebendig gemacht
––––––
––––––
––––––
Epheser


Der Kolosserbrief stellt Christus nicht als „gekreuzigt“ dar so wie die Briefe an die Römer und die Galater. Er beginnt damit, die Wahrheit über unsere Identifikation mit Christus zu entwickeln: „tot“, „begraben“, „lebendig“ und „auferweckt“ mit Ihm. Er erreicht jedoch nicht die Höhe des Epheserbriefes, wo der Gläubige in Ihm in den himmlischen Örtern „mitsitzt“ (Eph 2,6). Im Kolosserbrief wird der Gläubige auf der Erde gesehen mit einer Hoffnung, die für ihn im Himmel aufbewahrt ist (Kol 1,5). Die Stellung des Gläubigen im Kolosserbrief gleicht der des Herrn selbst, nachdem Er von den Toten auferstanden, aber noch nicht zu seinem Vater in der Höhe aufgefahren war. J.N. Darby sagt:

Der Kolosserbrief schildert den auferstandenen Menschen noch auf Erden – der Zustand, in dem wir sind –, was sich auf den Himmel bezieht, aber noch nicht dort ist, wie Christus selbst vierzig Tage war – man ist über den Jordan gezogen, aber Kanaan ist noch nicht in Besitz genommen.[3]

Zwei unterschiedliche Betrachtungsweisen des fleischlichen Menschen in den Paulusbriefen

Der gefallene Zustand des Menschen wird in den Paulusbriefen auf zwei verschiedene Arten betrachtet:

  • Im Kolosserbrief und im Epheserbrief wird der Mensch als tot in seinen Sünden gesehen (Eph 2,1-3; Kol 2,13).
  • Im Römerbrief und im Galaterbrief wird der Mensch als lebendig in seinen Sünden gesehen (Röm 1,32; Gal 1,4).

Im Römerbrief wird Christus selbst als der Lebendige auf der Erde betrachtet, der „aus dem Geschlecht Davids gekommen ist dem Fleisch nach und erwiesen ist als Sohn Gottes in Kraft“ (Röm 1,3.4). Im Kolosserbrief und im Epheserbrief hingegen wird Christus als tot betrachtet, und die Macht Gottes ist auf Ihn angewendet worden, indem Gott Ihn aus den Toten auferweckt und zu seiner Rechten gesetzt hat (Eph 1,19-21; Kol 1,18; 2,12).

Das Heilmittel für den Zustand des Menschen, der auf zweierlei Weise gefallen ist, findet sich in Christus in zweierlei Hinsicht: in seinem Tod und in seiner Auferstehung. Der Römerbrief sieht den Menschen anders: Dort lebt er als schuldiger Sünder auf der Erde. Er ist so sehr von der Verderbnis seiner Sünden und der Herrschaft seiner sündigen Natur bedrängt, dass er keine Macht hat, seinen sündigen Lebenswandel zu beenden. Gottes Weg, ihn aus seinem bedauernswerten Zustand zu befreien, besteht darin, ihn in den Tod zu schicken. Dies ist die Linie der Wahrheit, die im Römerbrief entwickelt wird: Der Tod Christi (und die Identifikation des Gläubigen mit Ihm) wird als Heilmittel für diesen Zustand dargestellt. Christus ist gestorben und hat sein Blut vergossen (Röm 3,25; 4,25; 5,6-8), um die Sünden des Gläubigen wegzunehmen, aber auch, um dem Sünder vor Gott richterlich ein Ende zu setzen und so seine Verbindung zu lösen mit dem Zustand, in dem er lebt (Röm 6,1-11; Gal 2,20).

Der Epheserbrief sieht den Menschen jedoch anders: Der Mensch ist tot in Vergehungen und Sünden (Eph 2,1), und das Heilmittel für ihn liegt in der Kraft Gottes, die Christus aus den Toten auferweckt hat und ihn zusammen mit Christus lebendig macht (Eph 2,5). Auf diese Weise wird der Mensch aus dem Zustand des geistlichen Todes befreit, in dem er festgehalten war. Der Brief an die Kolosser enthält sogar beide Aspekte (Kol 2,11-13).

Die Abfassung des Briefes

Paulus war nicht das Werkzeug, durch das die Versammlung in Kolossä gebildet worden war. Viele Gläubige in Kolossä hatten ihn nie gesehen (Kol 2,1). Wie die Versammlung in Rom, so war auch die Versammlung in Kolossä durch die Arbeit anderer Diener des Herrn entstanden. Sie war wahrscheinlich die Frucht der Arbeit von Epaphras (Kol 1,7; 4,12.13), der vielleicht schon früher durch Paulus errettet worden war (Apg 19,10).

Wir erfahren nicht, warum Epaphras mit Paulus in Rom gewesen war. Er könnte dorthin gegangen sein, um Paulus darüber zu informieren, dass es ein Problem mit der neuen, falschen Lehre gab, die in der Gegend von Kolossä im Umlauf war. Vielleicht wollte er Paulus auch um Rat fragen. Wir wissen nur, dass Epaphras irgendwie als Gefangener in Rom landete und ein „Mitgefangener“ von Paulus war (Phlm 23). Das erklärt, warum Tychikus den Brief an die Kolosser überbrachte und nicht Epaphras (Kol 4,7.8). Offenbar schrieb Paulus den Brief als Antwort auf Epaphras’ Bitte um Hilfe. Da Paulus wusste, dass Epaphras in der Wahrheit gegründet war, empfahl er ihn und seinen Dienst den Kolossern von Herzen als etwas, das sie beachten sollten (Kol 1,7).

Wie im Philipperbrief, so gibt es auch in diesem Brief kein Zitat aus dem Alten Testament. Vielleicht vermied Paulus solche Zitate, weil die Gemeinde in Kolossä hauptsächlich aus bekehrten Heiden bestand, die natürlich nicht mit dem Alten Testament vertraut waren. Oder möglicherweise gab es unter den Mystikern, die versuchten, unter den Kolossern Fuß zu fassen, eine starke jüdische Gruppierung, und diese Juden hätten alttestamentliche Zitate so verstehen können, dass Paulus das Halten des Gesetzes befürwortet hätte.


Übersetzt aus The Epistle of Paul to the Colossians. The Mystery – „Christ in You The Hope of Glory“
Hamer Bay, Kanada (Christian Truth Publishing) 2018
E-Book, Juli 2018 (Version 3.2)

Übersetzung: Stephan Isenberg

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Anmerkungen

[1] W. Kelly, Lectures on the Epistle of Paul, the Apostle, to the Ephesians with a new translation, Anmerkungen zu Epheser 1 und 3, S. 25, 114.

[2] Anm. d. Red.: Dass der Mensch nach dem Gleichnis Gottes (s. 1Mo 1,26: „nach unserem Gleichnis“) geschaffen war, bedeutet, dass er Gott ähnlich oder Gott gleich geschaffen worden war, wie das hebräische Wort damah sagt.

[3] J.N. Darby, Betrachtung über das zweite Buch Mose (Synopsis), Fußnote zu 2. Mose 14. Online auf www.bibelkommentare.de.


Hinweis der Redaktion:

Die SoundWords-Redaktion ist für die Veröffentlichung des obenstehenden Artikels verantwortlich. Sie ist dadurch nicht notwendigerweise mit allen geäußerten Gedanken des Autors einverstanden (ausgenommen natürlich Artikel der Redaktion) noch möchte sie auf alle Gedanken und Praktiken verweisen, die der Autor an anderer Stelle vertritt. „Prüft aber alles, das Gute haltet fest“ (1Thes 5,21). – Siehe auch „In eigener Sache ...

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