Einer – etliche – alle
Johannes 12,3-8

Fritz von Kietzell

© F. v. Kietzell, online seit: 06.03.2001, aktualisiert: 01.08.2016

Leitverse: Johannes 12,3-8

Joh 12,3-8: Da nahm Maria ein Pfund Salböl von echter, sehr kostbarer Narde und salbte die Füße Jesu und trocknete seine Füße mit ihren Haaren. Das Haus aber wurde von dem Geruch des Salböls erfüllt. Es sagt aber Judas, Simons Sohn, der Iskariot, einer von seinen Jüngern, der im Begriff stand, ihn zu überliefern: Warum ist dieses Salböl nicht für dreihundert Denare verkauft und den Armen gegeben worden? Er sagte dies aber, nicht weil er für die Armen besorgt war, sondern weil er ein Dieb war und die Kasse hatte und trug, was eingelegt wurde. Da sprach Jesus: Erlaube ihr, es auf den Tag meines Begräbnisses aufbewahrt zu haben; denn die Armen habt ihr allezeit bei euch, mich aber habt ihr nicht allezeit.

Kaum eine schönere, erhebendere Begebenheit finden wir auf dem irdischen Wege des Herrn als die Geschichte seiner Salbung mit der „echten, sehr kostbaren“ Narde durch Maria in Bethanien. „Das Haus aber wurde von dem Geruch der Salbe erfüllt.“ Eine einzig dastehende, liebliche Erquickung des Herrn am Beginn seines Leidensweges, ein wenig Honigseim, den Er, der wahre Jonathan, im vorüberschreiten bei der letzten, entscheidenden Verfolgung des Erbfeindes zu seinem Munde führte! „Und seine Augen wurden hell“ (1Sam 14,27).

Nicht, dass unser Herr wie jener dies irgendwie bedurft hätte; wir wissen, dass ein Ermatten bei Ihm, dem Sohne Gottes, nicht in Frage kam. Dennoch, welche Freude war es für Ihn! Wie erhellte die ahndende Liebe einer Maria für einige Augenblicke das Dunkel, dass sich über seinem Haupt zusammenzog! Darum trat Er auch für sie ein, darum galt ihr seine freundliche Anerkennung. „Was macht ihr der Frau Mühe? Denn sie hat ein gutes Werk an mir getan“ (Mt 26,10). „Sie hat getan, was sie vermochte … Und wahrlich, ich sage euch: Wo irgend dieses Evangelium gepredigt werden wird in der ganzen Welt, wird auch von dem geredet werden, was diese getan hat, zu ihrem Gedächtnis“ (Mk 14,8.9).

Aber war es denn nötig, für sie einzutreten? War es wirklich möglich, dass irgendjemand der Anwesenden nicht unter dem Eindruck dessen gestanden hätte, was dort geschah? Leider müssen wir diese Frage bejahen. Wo immer ein Licht auf dieser Erde sich zeigt, wird es auch an Schatten nicht fehlen; und so steht auch hier, wie wir ja wissen, der Anerkennung seitens des Herrn einen Tadel seitens des Menschen, seiner gütigen und liebevollen Bewertung und Auslegung dessen, was Maria tat Geringschätzung und mangelndes Verständnis bei anderen gegenüber. Obwohl Maria kein Wort zu ihrer Rechtfertigung sprach, sah der Herr doch, dass ihr Herz beschwert war, dass ihr die Jünger mit ihren Unwillen „Mühe machten“.

Hier ist es nun, wo uns die drei Berichte über unsere Begebenheit, die wir in der Heiligen Schrift finden, offensichtlich drei Stufen einer Entwicklung wiedergeben … einer Entwicklung, wie wir sie im praktischen Leben im Blick auf so manche schmerzliche und tadelnswerte Regung des menschlichen Herzens feststellen müssen.

Im zwölften Kapitel des Evangeliums nach Johannes ist es einer, der gegen die Handlungen der Maria auftritt. „Es sagt nun einer von seinen Jüngern, Judas, Simons Sohn, der Iskariot, der ihn auch überliefern sollte: warum ist diese Salbe nicht … den Armen gegeben worden?“ Auch die Beweggründe werden uns mitgeteilt: „Er sagte dies aber, nicht weil er für die Armen besorgt war, sondern weil er ein Dieb war.“ Es waren traurige Beweggründe, die seinen Worten zugrunde lagen; er war nicht rein.

Umso schmerzlicher und überraschender ist es, aus dem Evangelium nach Markus 14 entnehmen zu müssen, dass „etliche“ der anderen Jünger sich mit seinen Worten einsmachten; er blieb nicht allein. Es waren aber etliche unwillig bei sich selbst und sprachen: Wozu ist dieser Verlust der Salbe geschehen? … Und sie zürnten mit ihr.“ Im Evangelium nach Matthäus (Kap. 26) aber geht der Heilige Geist noch einen Schritt weiter: „Als aber die Jünger es sahen, wurden sie unwillig …“ hier fehlt jede Einschränkung in dem, was uns mitgeteilt wird. Hiernach sind also alle Jünger an dem Unwillen über die Handlung ihrer Mitjüngerin beteiligt gewesen.

Einer … etliche … alle! Nicht als ob ich behaupten wollte, dass diese stufenweise Entwicklung für die bei jener Begebenheit Anwesenden unbedingt erkennbar gewesen wäre … jedenfalls aber hat Gott, der das innere des Menschen sieht (vgl. 1Sam 16,7), uns etwas davon zu unserer Belehrung in seinem Worte aufzeichnen lassen. Der Unwille des einen bleibt nicht auf ihn beschränkt, findet einen Widerhall in den Herzen etlicher, reißt schließlich alle in seinen Bann und mit sich fort: Wie leicht können wir bei uns dasselbe finden!

Gewiss vergesse ich nicht, dass es zweierlei „Unwillen“ gibt; auch vom Herrn lesen wir, dass Er unwillig wurde über seine Jünger, als sie den Müttern wehrten, die ihre Kindlein zu ihnen brachten. Unser Unwille aber kommt nur zu oft aus unseren Bösen, und ungerichteten Herzen hervor und kann so leichter die Wirksamkeit des Heiligen Geistes um uns her stören, „dämpfen“ oder gar „auslöschen“. So auch hier: Während „das Haus von den Geruch der Salbe erfüllt wurde“, wirkte der Unwille, der von dem einen auf etliche und schließlich auf alle Jünger überging, wie der Modergeruch des Todes. Wie wäre Maria wohl davon gegangen, wenn der Herr nicht für sie eingetreten wäre! Ach, möchten wir vorsichtiger und liebevoller sein und uns nicht so schnell von dem Bösen beeinflussen lassen!


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