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Kurzbiographie von
William Kelly
Kapitel 19
Hartherzigkeit
und Schmähung nahmen ihren Lauf, denn seine Stunde war gekommen. Pilatus nahm
Jesus, den Herrn der Herrlichkeit und ließ ihn geißeln; die Soldaten behandelten
ihren sanften Gefangenen mit gefühllosem Spott, der natürlich ist und bei
solchen gegenüber einem, der keinen Widerstand geleistet hat; doch wir müssen
auf die Juden schauen, um den äußersten und unerbittlichsten Haß zu sehen.
Verse 1-6
Dann nahm nun Pilatus Jesum und ließ ihn geißeln.
Und die Kriegsknechte flochten eine Krone aus Dornen und setzten sie auf sein
Haupt und warfen ihm ein Purpurkleid um; und sie kamen zu ihm und sagten: Sei
gegrüßt, König der Juden! und sie gaben ihm Backenstreiche. Und Pilatus ging
wieder hinaus und spricht zu ihnen: Siehe, ich führe ihn zu euch heraus, auf daß
ihr wisset, daß ich keinerlei Schuld an ihm finde. Jesus nun ging hinaus, die
Dornenkrone und das Purpurkleid tragend. Und er spricht zu ihnen: Siehe, der
Mensch! Als ihn nun die Hohenpriester und die Diener sahen, schrieen sie und
sagten: Kreuzige, kreuzige ihn! Pilatus spricht zu ihnen: Nehmet ihr ihn hin und
kreuziget ihn, denn ich finde keine Schuld an ihm.
Der Römer sah
durch die Niederträchtigkeit des Volkes hindurch und durch die List und tödliche
Bosheit der religiösen Führer; und er scheint zu der ungerechten Politik der
Geißelung des Herrn Zuflucht genommen haben, der die erlaubte, wenn auch nicht
vorgeschriebene Verspottung der Soldaten, als ein Mittel, um die Juden zu
befriedigen und Jesus gehen zu lassen. Im Gegensatz zu Wahrheit und
Gerechtigkeit wollte er ihren Gefühlen gegen Jesus entgegenkommen, aber er
wollte einen unschuldigen Menschen retten, wenn möglich ohne Schaden seiner
selbst. So ist der Mensch in Autorität hier unten- wenigsten wo es um Christus
geht oder sogar um die, die Christus angehören. Es war der Ort des Gerichts,
aber Bosheit war da; und es war der Ort der Gerechtigkeit, aber es herrschte
Ungerechtigkeit. Da war nicht ein Funke Gewissen in dem Richter, ebenso wie in
den Anklägern oder in der Menge, die jetzt ganz hingerissen war. Da war der
Mensch, von Satan getäuscht; und Gott hatte in keinem ihrer Gedanken Platz.
Pilatus hoffte wahrscheinlich, daß der Anblick des Ergebenen Erduldens von solch
grausigem Spott und der Geißelung vielleicht die Menge und ihre Führer zum
Mitleid bewegen würde, während die augenscheinliche Nichtigkeit der königlichen
Ansprüche Jesu natürlicherweise ihre Verachtung erwecken würde. Und so hoffte er
auf beide Weisen seinen eigenen Wunsch in Erfüllung zu bringen, den Gefangenen
entlassen zu können, bei dem er eingestandenermaßen keinerlei Schuld nachweisen
konnte. Aber nein! Alles muß in seinen wirklichen Farben hervorkommen, Priester
und Volk, Gelehrte und Ungelehrte, Bürger und Soldaten, Richter und Gefangener.
Es war die Stunde und die Macht der Finsternis. Aber wenn der Mensch und wenn
Satan da war, so war Gott moralisch dabei, sie durch den Einen zu richten, den
sie falsch verurteilten.
Doch in jener
verblendeten und verhärteten Schar leuchtet der Römer, so ungerecht er auch war,
noch hervor im Verhältnis zu den Juden mit all ihren Ränken; und als die
Schwierigkeit entstand, den Schuldlosen von ihrem Willen, der sich auf
Vernichtung gerichtet hatte, zu befreien, sehen wir, wie ein Mensch ohne seinen
eigenen Willen von der unantastbaren Würde dessen beeindruckt wird, der von
seiner Gnade abhängig zu sein schien. Anderswo lesen wir in der Tat von dem
Traum seiner Frau, die zu ihm sandte, um ihn auf dem Richterstuhl zu warnen;
aber hier ist es seine Person mit seinem Schweigen und seinen Worten zugleich,
die das Verlangen vergrößerte, ihn seinen skrupellosen und mörderischen Gegnern
zu entreißen, die Pilatus schon immer verachtet hatte, aber die ihm niemals so
verachtenswert erschienen wie jetzt.
Jedoch war die Anstrengung des Pilatus vergeblich.
„Siehe, der Mensch“ hatte weder Mitleid zur Folge, noch die
beabsichtigte Verachtung, um die Menge von ihrer grausamen Absicht abzulenken,
sondern ihre Wut wurde nur noch vergrößert, indem sie nach dem Tod des Herrn
schrien. In den Wegen Gottes wird er der Ungerechtigkeit nicht erlauben, so zu
blühen, am wenigsten da, wo es um Christus geht. Der ungerechte Richter mochte
den Herrn mißbrauchen und beleidigen, in der Hoffnung, die Juden so weit gütig
zu Stimmen oder sie von einem Ziel abzubringen, vor dem sich sogar sein
finsterer und gefühlloser Geist als ein nutzloses Verbrechen sträubte. Aber
Gott, der die schreckliche Ungerechtigkeit von ihnen allen verabscheute, läßt
sie durch Satan in die Folgen ihres großen Unglaubens und ihres gewöhnlichen
bösen Zustandes einfangen- denn sie waren für jede Warnung taub und waren blind
für das vollste Zeugnis moralischer Güte und göttlicher Herrlichkeit und
vollkommener Gnade in dem heiligen Dulder vor ihnen. So wie der Richter seine
Unschuld bestätigte und doch ihm zuliebe nichts riskieren wollte, so
überantworteten sie sich alle und verurteilten sich selbst zu ihrem eigenen
Verderben, indem sie sich an dem kostbaren Eckstein und an dem sicheren
Fundament als einem Stein, den die Bauleute verworfen haben.
Verse 6-12
Als ihn nun die Hohenpriester und die Diener
sahen, schrieen sie und sagten: Kreuzige, kreuzige ihn! Pilatus spricht zu
ihnen: Nehmet ihr ihn hin und kreuziget ihn, denn ich finde keine Schuld an ihm.
Die Juden antworteten ihm: Wir haben ein Gesetz, und nach [unserem] Gesetz muß
er sterben, weil er sich selbst zu Gottes Sohn gemacht hat. Als nun Pilatus
dieses Wort hörte, fürchtete er sich noch mehr; und er ging wieder hinein in das
Prätorium und spricht zu Jesu: Wo bist du her? Jesus aber gab ihm keine Antwort.
Da spricht Pilatus zu ihm: Redest du nicht mit mir? Weißt du nicht, daß ich
Gewalt habe, dich loszugeben, und Gewalt habe, dich zu kreuzigen? Jesus
antwortete: Du hättest keinerlei Gewalt wider mich, wenn sie dir nicht von oben
gegeben wäre; darum hat der, welcher mich dir überliefert hat, größere Sünde.
Von da an suchte Pilatus ihn loszugeben. Die Juden aber schrieen und sagten:
Wenn du diesen losgibst, bist du des Kaisers Freund nicht; jeder, der sich
selbst zum König macht, spricht wider den Kaiser.
Da das, was sie
dem Herrn zur Last legten, sich als nicht für die weltlichen Mächte als
feindlich erwies, griffen seine Ankläger zu einem noch ernsteren Ruf, er soll
sterben, weil er sich selbst zum Sohn Gottes gemacht habe. Und Pilatus fürchtete
sich noch umso mehr, aber er war nicht mehr bereit, sich ihrem Plan
anzuschließen, obwohl er ein Heide war und sie die Gotteslästerer der Hoffnung
Israels, des Heiligen Gottes, waren! Ja, er geht dahin, zu sterben, aber nicht
aufgrund der Lügen, die einige falsch gegen ihn schworen, sondern wegen der
Wahrheit Gottes, der hauptsächlichen Wahrheit für den Menschen, wegen des
Gegenstandes des Glaubens und der einen Quelle des ewigen Lebens. Er hat sich
selbst entäußert und Er erniedrigte sich selbst; aber er war Sohn Gottes und ist
es von Ewigkeit zu Ewigkeit. Es ist nicht sicherer, daß der Mensch ein Sünder
ist, der für Gott tot ist. Als daß Jesus sein Sohn ist; und ewiges Leben ist in
ihm allein, doch ist es für jede Seele da, die an ihn glaubt. „Wer glaubt, hat
ewiges Leben“. Es ist in keinem anderen das Heil außer in Jesus, denn auch kein
anderer Name ist unter dem Himmel, der unter den Menschen gegeben ist, in
welchen wir errettet werden müssen. Aber diejenigen, die ihn am meisten begrüßt
haben sollten und die am meisten seine Herrlichkeit hervorgehoben haben sollten,
fürchteten sich nicht zu sagen, Nach unserem Gesetz muß er sterben, weil er sich
selbst zu Gottes Sohn gemacht hat. Oh, wie wirklich, wie finster ist die Macht
Satans, als die Juden ihn so kühn lästerten und der heidnische Statthalter sich
vor ihn “fürchtete“!
Furcht ist jedoch
nicht Glaube; und in Pilatus war die Furcht nicht mehr als eine unbestimmte
Angst vor dem geheimnisvollen Mann, den er im Verhör hatte, und ein starkes
Empfinden dafür, daß die Feindschaft gegen Ihn keinerlei Ursache hatte außer
ihrer zügellosen Begierde. So geht er wiederum in das Prätorium hinein und
fragt: Wo bist du her? Durch die Tatsache daß er keine Antwort bekam, gekränkt,
rühmt er sich seiner Autorität, um ihn freizulassen oder zu kreuzigen. Der Herr
antwortet nicht auf die eine Frage, die kein besseres Motiv als Neugierde hatte,
die mit der Furcht Gottes oder Seiner Liebe nichts zu tun hat; aber er
antwortete auf die zweite Frage in solcher Art, wie sie Seiner Person würdig
war, in der Fülle von Gnade und Wahrheit. Es war wirklich die Zeit gekommen, daß
der Sohn des Menschen verherrlicht werden sollte und daß Gott in ihm
verherrlicht werden sollte. Was bedeutete die Autorität eines römischen
Statthalters ohne den Willen Gottes, der sie sanktionieren mußte? Seine Wege,
Seine Natur mußten erfüllt werden; die Worte waren jetzt gerade dabei, in ihren
tiefsten Absichten erfüllt zu werden zu seiner eigenen Ehre in Ewigkeit; und
Jesus beugte sich absolut unter alles.
Doch heiligt das
Erfüllen göttlicher Ratschlüsse in Christus nicht den Willen des Menschen, der
ihn ausstieß und tötete; und Gott ist gerecht, indem daß er das Übel richtet.
„Darum hat der, welcher mich dir überliefert hat, größere Sünde“. Der
Heide war böse, die Juden waren noch böser; wenn Pontius Pilatus unverzeihlich
ungerecht war, wie viel schrecklicher war die Stellung von Kajaphas oder Judas
Iskariot und von all denen, die sie an jenem Tag vertraten! Wenn Gott seinen
Sohn in unendlicher Gnade sandte, unterließ er es nicht, angemessene Beweise
dafür zu bringen, Wer und Was er war, um allen die Möglichkeit zu nehmen, sich
zu entschuldigen dafür, daß sie ihn nicht hörten und aufnahmen. Nicht nur die,
die Gottes äußere Autorität in dieser Welt innehatten, sondern noch mehr die,
die seine lebendigen Weissagungen besaßen, die von seinem Sohn zeugten. Der der
Mittelpunkt und der Gegenstand von diesen allen war. Waren sie nicht Zeugen
solcher Werke und Worte und Wege, wie sie niemals auf Erden bekannt gewesen
waren, was angemessen die Schuld derer bemißt, die nach solcher Gnade einen an
Herrlichen verwarfen?
Verse 12-15
Von da an suchte Pilatus ihn loszugeben. Die
Juden aber schrieen und sagten: Wenn du diesen losgibst, bist du des Kaisers
Freund nicht; jeder, der sich selbst zum König macht, spricht wider den Kaiser.
Als nun Pilatus diese Worte hörte, führte er Jesum hinaus und setzte sich auf
den Richterstuhl an einen Ort, genannt Steinpflaster, auf hebräisch aber
Gabbatha. Es war aber Rüsttag des Passah; es war um die sechste Stunde. Und er
spricht zu den Juden: Siehe, euer König! Sie aber schrieen: Hinweg, hinweg!
kreuzige ihn! Pilatus spricht zu ihnen: Euren König soll ich kreuzigen? Die
Hohenpriester antworteten: Wir haben keinen König, als nur den Kaiser.
Wie machtlos ist
der Kampf, das Richtige zu tun, wo man die Welt liebt, wo die eigene Sünde nicht
gerichtet ist und wo die Gnade unbekannt ist. Die Juden sahen durch Pilatus, wie
er sie durchschaute. Wie schrecklich ist es, wenn man nicht Christus zum ewigen
Leben hat. Pilatus zog die Freundschaft der Welt dem Sohn Gottes vor, so wie die
Juden keine Schönheit in ihm sahen, daß sie seiner begehrt hätten; und beide
Teile spielten ihre Rolle bei seiner Kreuzigung. Pilatus mag suchen, Jesus frei
zu lassen, mag hineingehen und hinausgehen, mag mit Jesus reden, mag die Juden
verachten. Aber das letzte Wort von gotteslästerlichem Unglauben geht über ihre
Lippen und schließt den Mund von Pilatus, der nicht im Verhältnis zu dem Kaiser
hinter den Juden zurückstehen will. Alles ist jetzt vorbei. Der Fürst der Welt
kommt, und wenn er auch nichts in Christus hat, so stirbt Christus als von den
Menschen, als von Gott verlassen, als der Gerechte für unsere Sünden. Niemals
gab es solchen Haß und solche Ungerechtigkeit wie hier auf der Seite der Welt
gegenüber ihm; niemals gab es solch Liebe und Gerechtigkeit wie hier auf der
Seite Gottes gegenüber der Welt durch ihn.
Das Christus
verwerfende Wort war gefallen. Ihre Verbindung zu den Römern war eine Lüge, ihre
irre Schuld, die deutlich das Ziel hatte, den Messias und Gott selbst und all
ihren Glauben und all ihre Hoffnung loszuwerden, Die Juden verabscheuten die
Unterwerfung gegenüber dem Kaiser; sie anerkannten weder sein Recht noch ihre
eigene Sünde, die zu dieser Oberherrschaft geführt hatte. Aber sie verabscheuten
den Messias noch mehr, nicht ihre Idee, sondern die Wirklichkeit entsprechend
Gott. Sie hatten keinen Gedanken und kein Gefühl, kein Wort, keinen Weg und
keine Absicht mit Jesus gemein; und das deshalb, weil er den Menschen in
vollkommener Abhängigkeit und Gehorsam gegenüber Gott offenbarte. Und ihr Wille,
zusammen mit einem schlechten Gewissen, verwarf beides. Deshalb war das Kreuz
für sie am meisten abstoßend. „Wir haben aus dem Gesetz gehört, daß der
Christus bleibe in Ewigkeit, und wie sagst du, daß der Sohn des Menschen erhöht
werden müsse?“ Doch sagte das Gesetz deutlich genug, dass der Messias von
den Menschen verworfen werden sollte, besonders von den Juden, und dass er den
Fluchtod sterben sollte, die schreckliche Sünde des Menschen und doch Gottes
versühnendes Opfer für die Sünde.
Aber der Wille,
den Satan beherrschte, um einen gegenwärtigen Zweck in der Befriedigung der
Lüste und Leidenschaften des Menschen des Menschen zu dienen, verblendete sie
gegen sein Wort und gegen ihre selbstmörderische Bosheit; denn schon bald
sollten sie ihre Rebellion gegenüber dem Kaiser unter Beweis stellen, und die
Römer würden kommen und ihr Land und ihre Nation hinwegnehmen, aber nicht bevor
sie Jerusalem mit dem Schauspiel ihres eigenen Strafgericht es erfüllt hätten,
bis es keinen Platz für noch mehr Kreuze gab und das Holz fehlte, um solche zu
machen: so bei Josephus zu lesen.
Verse 16-22
Dann nun überlieferte er ihn denselben, auf daß
er gekreuzigt würde. Sie aber nahmen Jesum hin und führten ihn fort. Und sein
Kreuz tragend, ging er hinaus nach der Stätte, genannt Schädelstätte, die auf
hebräisch Golgatha heißt, wo sie ihn kreuzigten, und zwei andere mit ihm, auf
dieser und auf jener Seite, Jesum aber in der Mitte. Pilatus schrieb aber auch
eine Überschrift und setzte sie auf das Kreuz. Es war aber geschrieben: Jesus,
der Nazaräer, der König der Juden. Diese Überschrift nun lasen viele von den
Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt; und
es war geschrieben auf hebräisch, griechisch und lateinisch. Die Hohenpriester
der Juden sagten nun zu Pilatus: Schreibe nicht: Der König der Juden, sondern
daß jener gesagt hat: Ich bin König der Juden. Pilatus antwortete: Was ich
geschrieben habe, habe ich geschrieben.
Der Glaube allein
bewahrt vor der Macht und den Tücken des Teufels. Pilatus und die Juden waren in
ihren Gedanken und wünschen völlig entgegengesetzt; aber Gott war weder in den
Gedanken der einen Seite noch in denen der anderen Seite. Sie verfolgten alle
ihren eigenen Weg, aber sie irrten alle; und jetzt beweisen sie sich als offene
Feinde der Gerechtigkeit und der Gnade, als solche, die nicht in der Lage sind,
die klarsten Wege, Zeichen und Beweise Gottes zu erkennen. Der in Liebe den
Menschen nahe kommt, egal, wie weit er sich herab lassen muss. Das Kreuz Christi
macht alles und jeden offenbar. Pilatus überlieferte unter dem Druck von Furcht
für seine eigenen weltlichen Interessen Jesus ihrer Bosheit, obwohl er wusste,
dass er unschuldig war; und er, sein Kreuz tragend, ging hinaus nach der Stätte,
genannt Schädelstätte, Golgatha, auf lateinisch Calvaria. Dort wurde er mit
besonderer Schmach gekreuzigt. Er hatte auch einen Räuber an jeder Seite, so wie
ein Räuber ihm vorgezogen worden war. Doch Gott sorgte dafür, dass sogar da bei
der Aufschrift an dem Kreuz ein passendes Zeugnis gegeben wurde, welches Motiv
auch immer Pilatus dafür gehabt haben mochte; der verachtete Mann von Nazareth
war der Messias. Wo waren die Juden, wenn er ihr König war? Die verbohrtesten
Gegner des wahren Gottes, die blind seine schrecklichen Weissagen über ihren
Unglauben und ihre Bosheit unter einem selbstgefälligen Eifer für seinen Namen
und sein Gesetzt erfüllten. Dort stand sein Anspruch, und viele lasen es, denn
die Stätte war nahe bei der Stadt, und die Aufschrift war nicht nur in der
offiziellen und in der feinen Sprache gehalten, sondern auch in der Sprache der
Juden. Und allen Anstrengungen der Hohenpriester zum Trotz blieb die Aufschrift
an das Kreuz geheftet, wie es der hartnäckige und verärgert Statthalter
angeordnet hatte.
Aber die
Geringsten spielten bei dem Kreuz ebenso wie die Höchsten Rolle, Männer, die mit
Waffen umgingen, nicht weniger als die Diener des Heiligtums; und jede Klasse,
jeder Mensch zeigte dort, was jeder in selbstsüchtiger Gleichgültigkeit
gegenüber der Gnade und Herrlichkeit des Sohnes Gottes war, der es duldete, dass
er selbst unter die Gesetzlosen gerechnet wurde.
Verse 23 u. 24
Die Kriegsknechte nun nahmen, als sie Jesum
gekreuzigt hatten, seine Kleider (und machten vier Teile, einem jeden
Kriegsknecht einen Teil) und den Leibrock. Der Leibrock aber war ohne Naht, von
oben an durchweg gewebt. Da sprachen sie zueinander: Laßt uns ihn nicht
zerreißen, sondern um ihn losen, wessen er sein soll; auf daß die Schrift
erfüllt würde, welche spricht: "Sie haben meine Kleider unter sich verteilt, und
über mein Gewand haben sie das Los geworfen". Die Kriegsknechte nun haben dies
getan.
Die Soldaten, die
die Aufgabe der Exekution halten, dachten wenig über ihre jämmerlichen
Nebeneinkünfte nach. Aber Gottes Auge war wie je zuvor über seinem Sohn, und er
hatte dafür gesorgt, dass dies in seinem Wort vermerkt wurde. Denn in einem der
klarsten messianischen Psalmen (Ps. 22) seht tausend Jahre vorher die genaue
Voraussage geschrieben, , wie die Soldaten sich die Kleider des Heilandes
aneigneten, und zwar in einer solchen Art, die sich unmissverständlich auf ihn
bezieht. Er sit der Gegenstand der Schrift, wenn auch der Unglaube das nicht
sieht, und sich dagegen stemmt, weil seine Person ebenso unbekannt ist wie
unsere eigene Notwendigkeit der göttlichen Gnade am Kreuz. Mit was für einem
Interesse betrachtete der Heilige Geist, wie wir es sollten, jede Einzelheit
seines Leidens und des Verhaltens der Menschen zu jener Stunde. Gott hielt ihn
nicht für weniger würdig, weil er zum Gegenstand solcher Schmähungen wurde.
Diese Dinge vorher kundzutun, war von größter Bedeutung. Die Exaktheit von dem,
was erwähnt wird, ist ein Zeugnis für die genaue Echtheit der Weissagung. Er ist
der offenbarte, wie auch der verworfene Messias. Aufgrund seiner Herrlichkeit
stand es ihm zu, Einzelheiten zu nennen, die auch für die Tiefe seiner Gnade in
der Erniedrigung Zeugnis ablegen, auf dass Gott und der Mensch voll
hervorleuchten und die Worte des Psalmisten sich als sein Wort vor den Augen
jeden Leugners erweisen.
Aber Glaube und
Liebe vereinten um den sterbenden Heiland einige Menschen von sehr verschiedener
Art.
Verse 25-27
Es standen aber bei dem Kreuz Jesus seine Mutter und die Schwester seiner
Mutter, Maria, des Kleopas Weib, und Maria Magdalene. Als nun Jesus die Mutter
sah, und den Jünger, welchen er liebte, dabeistehen, spricht er zu seiner
Mutter: Weib siehe dein Sohn! Dann spricht er zu dem Jünger: Siehe deine Mutter!
Und von jener Stunde an nahm der Jünger sie zu sich .
Das waren
welche von den Frauen, die ihm in seinem Dienst nachgefolgt waren und die Ihm im
Leben gedient hatten. Da standen sie nun bei seiner Verwerfung am Kreuz, wo der
Herr zeigt, wie wenig Askese an die Wahrheit heranreicht. Er hatte sich in das
Werk versenkt, für das er von dem Vater gesandt war; kein Honig war in das Opfer
vermischt und auch kein Sauerteig: Salz fehlte nirgendwo und auch nicht die
Salbung des Heiligen Geistes. Es war alles in der weihenden Macht des Wortes und
Geistes Gottes und zur Ehre Gottes geschehen. Aber da waren auch vollkommene
menschliche Empfindungen, wenn auch das Werk, das er in Gemeinschaft mit dem
Vater übernommen hatte, Herz, Lippen und Hände mit einem höheren Ziel zur Ehre
Gottes erfüllt hatte. Doch heben ewige Interessen, wenn man sie so verfolgt, die
Natur oder ihre verwandtschaftlichen Beziehungen nach Gottes Willen nicht auf,
noch entehren sie diese. Und der Herr macht dies dadurch deutlich, dass er in
der ernstesten und rührendsten Weise Johannes seiner Mutter als Sohn und Maria
Johannes als Mutter zuführt: ein liebevolles Vertrauen, das von der Stunde an
geehrt wurde. Wie herrlich ist es für den Lieblingsjünger, sich daran zu
erinnern und es zu erzählen! Und wie stark ist der Gegensatz sowohl zum
Aberglauben als auch zur Askese! Und was für ein Zeugnis ist es in allem für
seine eigene vollständige Überlegenheit bei überwältigenden äußeren Umständen!
Verse 28-30
Danach, da
Jesus wusste, dass alles schon vollbracht war, spricht er, auf dass die Schrift
erfüllt würde: Mich dürstet! Es stand nun daselbst ein Gefäß voll Essig. Sie
aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und brachten
ihn an seinen Mund. Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist
vollbracht! Und er neigte das Haupt und übergab den Geist.
Er
sorgt nicht nur in jenem erhabenen Augenblick für alle, die er zurückgelassen
hat, in menschlicher Liebe, sondern er denkt auch im Geist an die Schrift und an
noch nicht erfüllte Weissagungen. Ohne Zweifel kommt darin die qualvolle
physische Anstrengung zum Ausdruck von all dem, was Geist und Herz und Leib bis
dahin erduldet hatten; aber seine letzte Bitte ist nicht nur mit seinem
Bedürfnis verbunden, sondern auch mit seinem ungebrochenen Eifer für das Wort,
damit es nur an nichts mangele, um es zu ehren. Jedes Wort, das durch den Mund
Gottes geht, muss erfüllt werden. Und hatte er nicht von dem Messias gesagt:
„Meine Zunge klebt an meinem Gaumen“ und „In meinem Durst tränkten sie
mich Essig“ ? Dann, nachdem der Heiland getrunken hatte, sagte er: „Es
ist vollbracht“ , wie anderswo sein unermessliches Leiden zum Ausdruck
kommt.
Von niemand
anders wird es gesagt oder konnte es gesagt werden, dass er den Geist übergab,
was etwas ganz anderes ist als das „Verscheiden“ von Markus und Lukas, das von
unseren Übersetzern mit dem ersteren verwechselt worden ist. Verscheiden könnte
sich nur auf den Tod irgendeines Menschen beziehen, denn der gelobte Herr war
ebenso wahr Mensch wie irgendein anderer; aber den Geist übergeben, wie Johannes
sagt, drückt seine göttliche Herrlichkeit aus, wenn er auch ein sterbender
Mensch war. Er war der Eine, der das Recht hatte, sein Leben niederzulegen und
es wiederzunehmen. So drückt Matthäus aus, wer der sterbende Messias war, indem
er sagt: „Er gab den Geist auf“. Es kann keine Worte geben, die für Lukas
charakteristischer sind als diese: „Vater, in deine Hände übergebe ich meinen
Geist“. Und für Johannes gibt es keine charakteristischeren Worte als: „Es ist
vollbracht“. Er war Mensch, wenn er auch Gott, wenn er auch Mensch war; beides
in einer Person.
Der Leser wird
bemerken, wie vollkommender Bericht über den Tod des Herrn zu dem allgemeinen
Charakter und der besonderen Linie des Evangeliums Johannes und keines anderen
passt. Hier ist Jesus der bewusste Sohn, die göttliche Person, die alles gemacht
hat, aber die Fleisch wurde, um nicht nur ewiges Leben zu geben, sondern um als
Sühne für unsere Sünden zu sterben. Und hier deshalb, hier allein, sagte er: „Es
ist vollbracht“, und er neigte das Haupt und übergab den Geist. Da sind, wie wir
sehen werden, Zeugen, aber sie sind von Gott, nicht von den Menschen oder von
der Schöpfung, und sie nehmen ihren Ausgang aus seiner eigenen Person. Keine
Finsternis wird erwähnt, kein Schreien, dass sein Gott ihn verlassen habe, kein
Zerreißen des Vorhanges, kein Erdbeben, kein Bekenntnis des Hauptmanns; all das,
was dazu dient, den verworfenen Messias zu verkünden (Matth. 27). So ist es bei
Markus 15 in der Hauptsache, mit Ausnahme des Erdbebens, der Knecht, der Sohn
Gottes, der gehorsam ist bis zum Tode (Luk. 23) fügt das Zeugnis für seine Gnade
bei dem gekreuzigten Räuber, seine Erstlingsfrucht im Paradies, und das
Bekenntnis des Hauptmanns für „Jesus, den Gerechten“ hinzu, nachdem er seinen
Geist in die Hände seines Vaters übergeben hatte. Es war Johannes vorgehalten,
den Tod dessen dazustellen, der Gott nicht weniger sicher als Mensch war und er
als solcher starb.
Der Schöpfer in
Menschengestalt, der von der Erde erhöht war, konnte im Sterben für die Sünde
zur Ehre Gottes sagen: Es ist vollbracht. Das Wort, das unendliche Werk war
geschehen, um die Sünde durch sein Opfer hinwegzutun. Davon hängt nicht nur der
Segen für jede Seele ab, sie durch den Glauben gerechtfertigt werden soll,
sondern auch der Segen des neuen Himmels und der neuen Erde, in denen
Gerechtigkeit wohnt. „Es ist vollbracht“ - im Griechischen ein Wort! Doch was
für ein Wort hat jemals soviel beinhaltet.
Aber kein Heide
konnte verblendeter und verhärteter sein als Gottes eigenes Volk, das gegen
Jesus in einer ungläubigen Religiosität ohne wahre Furcht Gottes Partei ergriff
und das infolge dessen nicht sah, dass sie nur in ihrer schuldigen Verwerfung
seines und ihres Messias sein Wort erfüllten.
Verse 31-37
Die Juden nun baten den Pilatus, damit die Leiber
nicht am Sabbath am Kreuze blieben, weil es Rüsttag war (denn der Tag jenes
Sabbaths war groß), daß ihre Beine gebrochen und sie abgenommen werden möchten.
Da kamen die Kriegsknechte und brachen die Beine des ersten und des anderen, der
mit ihm gekreuzigt war. Als sie aber zu Jesu kamen und sahen, daß er schon
gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht, sondern einer der Kriegsknechte
durchbohrte mit einem Speer seine Seite, und alsbald kam Blut und Wasser heraus.
Und der es gesehen hat, hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahrhaftig; und er
weiß, daß er sagt, was wahr ist, auf daß auch ihr glaubet. Denn dies geschah,
auf daß die Schrift erfüllt würde: "Kein Bein von ihm wird zerbrochen werden".
Und wiederum sagt eine andere Schrift: "Sie werden den anschauen, welchen sie
durchstochen haben".
Der Geist Gottes
hatte in dem Gesetz, in den Psalmen und den Propheten Christus vor sich, und
zwar in seinem Leiden, das ihm widerfahren sollte, ebenso wie auch in den
Herrlichkeiten, die darauf folgen. Aber der fleischliche Sinn neigt dazu, da er
von Leiden zurückschreckt, das Zeugnis zu übersehen und zu übergehen; besonders,
wenn das Leiden die Wirkung und der Beweis des bösen Zustandes des Menschen ist,
denn das ist von allen am unerträglichsten. So war der Jude sehr schwerfällig
dabei, zu sehen, was ihn verdammte und ihn moralisch auf die Stufe jedes anderen
Sünders herabsetzte; und da er die vollsten Beweise und Christi eigene Gegenwart
und göttlicher Gnade und Wahrheit und das Evangelium am Ende verwarf, wurde er
gerichtlich verhärtet, als der Zorn bis zum äußersten über ihn kam. Christus
allein ist der Schlüssel für das Passahlamm, und Christus ist der
Hauptgegenstand in den Psalmen. Keine geistreiche Überlegungen der Skeptiker
oder sogar Theologen können die Wahrheit auslöschen, aber sie zeigen ihren
eigenen Unglauben. Und sicherlich würde das Herz, wenn es durch die Gnade
zurechtgebracht würde, das Verlangen haben, dass das, was die Wahrheit ist, wahr
sei, anstatt sich im Ungehorsam an dem Wort zu stoßen oder es in
Gleichgültigkeit beiseite zu schieben. Deshalb ist es vergeblich, wenn die
Rosenmüllers und ähnliche zweifeln oder ihr Missfallen an dem Bild und der
Anspielung eingestehen. Für den Glauben ist es Speise und Kraft und Freude; denn
wenn Gottes Wort mit seiner Freude an Christus erfüllt ist, der sich hingibt, um
zu sterben, so bringt er auch in jeder Form im voraus zum Ausdruck, dass gerade
die Tatsachen seines Sühnetodes, der große Stein des Anstoßes, das am meisten
unerschütterliche Zeugnis für die Wahrheit und seine Herrlichkeit abgeben, wenn
sie so zur Schande des Menschen und zur ewigen Verachtung hier unten in
Niedrigkeit geoffenbart sind.
Wie wunderbar
begegnen sich am Kreuz Christi die stolze Feindschaft des Juden, die gesetzlose
Hand der Heiden, der bestimmte Ratschluss und das Vorherwissen Gottes, und zwar
in vollkommener Gnade gegenüber dem schuldigsten der Juden und der Heiden. Denn
aus Christi durchbohrter Seite kam Blut und Wasser. Und Johannes war mit der
Aufgabe, die der sterbende Heiland ihm hinsichtlich Maria anvertraut hatte,
nicht so beschäftigt, dass er diesen Anblick nicht bemerkte. In der
entschiedensten Form lässt er uns wissen, dass das, was wir sahen und bezeugen,
keine bloße vorübergehende Tatsache war, sondern dass es für sie Seele etwas
Gegenwärtiges und etwas von bleibendem Interesse und bleibender Wichtigkeit ist.
In seinem ersten Brief (Kap. 5,6) charakterisiert er den Herrn dementsprechend. „Dieser ist es, der gekommen ist durch das Wasser und Blut, Jesus, der
Christus, nicht durch das Wasser allein, sondern durch das Wasser und das Blut.
Und der Geist ist es, der da zeugt, weil der Geist die Wahrheit ist“.
Moralische Reinigung, so notwendig und kostbar sie auch ist, ist nicht genug; es
muß auch die Versöhnung der Sünden geben; und beide finden sich durch den
Glauben in dem Tod Christi und nicht anders oder anderswo. In dem Evangelium ist
die Reihenfolge Blut und Wasser, so wie die Dinge auf uns in dem Brief angewandt
werden, ist es das Wasser und das Blut, und der Geist als ein persönlich
gegebener folgt. Nichts als der Tod kommt dem Menschen von Adam her: Christus,
der zweite Mensch, der für die Sünde und für die Sünder starb, ist gleicherweise
die Quelle der Reinigung und der Versöhnung für den Gläubigen, der beides
braucht und der vor Gott ohne beides tot ist.
Denn wenn er auch
der Sohn Gottes mit dem Leben in sich ist, so steht er doch allein da, bis er
stirbt; und Sterbend bringt er viel Frucht. Er macht lebendig, er reinigt und
versöhnt; und der Heilige Geist, der uns als Folge davon gegeben ist, führt uns
in die Wichtigkeit seines Sterbens und des Segens, der daraus strömt, ein. Denn
an seinem Kreuz ist das Gericht von Gott über das Fleisch ausgesprochen und
ausgeführt worden, aber zu unseren Gunsten, weil das Gericht ihn traf, der ein
Sündopfer war.
Kein Wunder also,
dass Johannes inspiriert war, die Tatsache zu erwähnen, die nicht weniger
wunderbar in sich selbst ist als auch in ihren Folgen, die jetzt dem Gläubigen
kundgetan sind. Die Erlösung musste für den Heiland passend und würdig sein.
Wenn er ewig war, so war auch sie ewig; wenn das göttliche Gericht auf solch ein
Opfer fiel, so war es so, dass, wenn sie an ihn glaubten, sie nicht in das
Gericht kommen sollten, sondern das ewige Leben haben würden, da ihnen alle
Sünden vergeben würden und sie für das Erbteil der Heiligen in dem Licht würdig
gemacht würden. Das ist der verkündete Stand jedes wahren Christen, aber die
Ursache davon ist Christus, der alles in allen ist. Glaubensbekenntnisse und
theologische Systeme schwächen die Freude daran und hemmen sie; aber all dies
und mehr, als was man hier auseinanderlegen kann, wird dem Glauben klar und
eindeutig in der Schrift offenbart, wie es sich wirklich für die Herrlichkeit
Christi in seiner Person ziemt.
Von daher kommt
die Sorgfalt, mit der das Wort Gottes zitiert wird und gezeigt wird, dass es
sich genau erfüllt. “Denn dies geschah, auf dass die Schrift erfüllt würde:
Kein Bein von ihm soll zerbrochen werden. Und wiederum sagt eine andere
Schriftstelle: Sie werden den anscheuen, welchen sie durchstochen haben.“
Die natürlichen Verhältnisse der Kreuzigung, insbesondere da es Freitag war und
da jener Freitag der Vorabend des Sabbat in der Passahwoche war, hätten nach
einem Brechen der Beine als Gnadenakt verlangt. Und so geschah es auch in der
Tat mit den beiden Übeltätern. Aber Jesus, der sich in dem vorhergehenden
Kapitel als der willige Gefangene gezeigt hatte, war jetzt das willige Opfer;
das wurde darin deutlich, dass er so und dann starb, wie er starb. Denn
überraschte nicht nur die Juden und die Soldaten, sondern auch Pilatus, wie wir
anderswo erfahren. Und es machte das Brechen der Beine in seinem Fall unnötig.
Aber es kennzeichnete das besondere Lamm Gottes, den Gerechten, dessen ganze
Gebeine Jehova bewahrt und von denen er nicht eins zerbrechen lässt.
Doch gerade diese
Ausnahme führte zweifelsohne zu der Tat der Soldaten, deren Speer nicht die
Übeltäter durchbohrte, sondern allein den Leib des toten Herrn, wobei sie nicht
ahnten, das das so sein musste, weil Gott es durch seinen Propheten vorhergesagt
hatte. Alles war angeordnet und abgemessen; sogar diese kleinen Unterschiede
wurden vorher offenbart. ; doch die Menschen und Satan nahmen sich frei ihre
Feindschaft gegen den Sohn Gottes heraus. Und angesichts solcher Liebe und
solchen Lichtes verbinden die Menschen ihre Unwissenheit mit ihren Versuchen,
der Wahrheit zugunsten der Finsternis zu entgehen. Aber wir brauchen hier nicht
bei so etwas zu verweilen. Derselbe Geist umgab auch das Kreuz.
„Deine Liebe, die
die Menschen so traurig auf die Probe stellten,
Erwies sich
stärker als das Grab;
Und der Speer,
der deine Seite durchbohrte,
brachte das
rettende Blut hervor“.
Verse 38- 42
Nach diesem aber bat Joseph von Arimathia, der
ein Jünger Jesu war, aber aus Furcht vor den Juden ein verborgener, den Pilatus,
daß er den Leib Jesu abnehmen dürfe. Und Pilatus erlaubte es. Er kam nun und
nahm den Leib Jesu ab. Es kam aber auch Nikodemus, der zuerst bei Nacht zu Jesu
gekommen war, und brachte eine Mischung von Myrrhe und Aloe, bei hundert Pfund.
Sie nahmen nun den Leib Jesu und wickelten ihn in leinene Tücher mit den
Spezereien, wie es bei den Juden Sitte ist, zum Begräbnis zuzubereiten. Es war
aber an dem Orte, wo er gekreuzigt wurde, ein Garten, und in dem Garten eine
neue Gruft, in welche noch nie jemand gelegt worden war. Dorthin nun, wegen des
Rüsttags der Juden, weil die Gruft nahe war, legten sie Jesum.
Gott gebraucht
eine gefährliche Zeit, um Seine verborgenen Jünger hervorzurufen. Joseph von
Arimathia kann in Zukunft kein verborgener Jünger mehr sein. Er war ein reicher
Mann (Matt. 27) und ein ehrbarer Ratsherr (Mark. 15); aber Wohlstand und
Stellung machten das Bekenntnis für Christus nur noch um so schwerer. Die Furcht
vor den Juden hatte bis dahin bei ihm vorgeherrscht. Der Tod Jesu, der anderen
Furcht einflößte machte Joseph mutig. Er hatte wirklich in den Ratschluß und in
den Handel der Juden nicht eingewilligt. Jetzt geht er zu Pilatus und bittet um
den Leib Jesu. Auch war er nicht allein: Nikodemus, den wir schon länger kennen,
der aber am Anfang, was seinen moralischen Mut betrifft, eine wenig glückliche
Figur abgab, wenn er auch später es wagte, gegenüber den hochmütigen und doch
ungerechten Pharisäern Einwände zu machen, beteiligt sich an dem letzten
Liebesdienst mit einer reichlichen Gabe an Myrrhe und Aloe. Das Kreuz Christi,
das für den Unglauben so anstößig ist, stärkt und offenbart seinen Glauben; und
die beiden, die so durch Gnade zunehmen, tun den Dienst, den die Zwölf nicht
taten. Sie nehmen den Leib Jesu und binden ihn in leinene Tücher mit Spezereien,
wie es bei den Juden Sitte war, zum Begräbnis zuzubereiten. Ägypten hatte seinen
Brauch der Einbalsamierung; so hatten es in einer gewissen Weise auch die Juden
in der Hoffnung auf die Auferstehung der Gerechten. Keine Weissagung wird hier
zitiert, aber wer kann die Worte Jesajas vergessen: Man hat sein Grab bei
Gesetzlosen bestimmt, aber bei einem Reichen ist er gewesen in seinem Tod? Man
hatte Ihm sein Grab bei den Gesetzlosen zugedacht, und er war in seinem Tod mit
einem Reichen vereint, i.e. nachdem er getötet worden war: eine seltsame
Verbindung, doch ist sie wahr in ihm und wer könnte sich darüber wundern in
Anbetracht dessen, das er kein Übel getan hat und das kein Unrecht in seinem
Mund war. Und jetzt sehen wir im Garten des Joseph eine neue Gruft, in de noch
nie jemand gelegen hatte. So hatte Gott der Ehre nach für den Leib seines Sohnes
und in eifriger Weisheit für die Wahrheit gesorgt. Das Grab war in den Felsen
gehauen ( wie die anderen Evangelisten uns sagen). Dahinein wurde der Herr schon
einmal gelegt, wobei noch das große Beerdigungszeremoniell folgen würde, wenn
der Sabbat vorüber war. So wenig ahnten die Jünger, was die Herrlichkeit des
Vaters vorhatte, wenn auch der Herr das so oft klar offenbart hatte, bis die
Auferstehung zu ihrer vorausgesagten Zeit zur Tatsache wurde.
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