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Anmerkung der Redaktion
Dieser Artikel stammt aus der Zeit vor dem Jahr 2000. Er spiegelt
nicht zwingend die heutige Meinung des Autors wieder, da der Autor seine
Gedanken in den letzten Jahren auf etlichen Gebieten sehr verändert hat,
siehe dazu auch unsere FAQ.
Dennoch haben wir diesen Artikel aufgenommen, da er sehr wohl die Meinung
der Redaktion wiedergibt.
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Leitverse: Matthäus 28,19; Römer 6,3-4
Mt 28,19: Geht nun hin und macht alle Nationen
zu Jüngern und tauf sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des
Heiligen Geistes.
Röm 6,3-4: Oder wisst ihr nicht, dass wir, so viele auf Christus Jesus
getauft worden sind, auf seinen Tod getauft worden sind? So sind wir nun mit ihm
begraben worden durch die Taufe auf den Tod, damit, so wie Christus aus den
Toten auferweckt worden ist durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir in
Neuheit des Lebens wandeln.
Inhalt
Einleitung
Eingang
in das Reich — durch Taufe oder Neugeburt?
Empfang
des Geistes — vor oder nach der Taufe?
Sich
taufen lassen — ein Akt des Gehorsams?
Die Taufe — ein Zeugnis?
Zehn Jahre —
für die Taufe zu jung?
Wer darf taufen?
Auf
welche Weise hat die Taufe zu geschehen?
Welche
Taufformel muss man benutzen?
ZWEITER BRIEF / Herbst 1974
Lieber Bruder in Christus!
Zu meiner Freude höre ich, dass du dich hast taufen lassen. Das ist eine
gute Nachricht; ich kann nun auch anderen, wenn sie nach dir fragen, von Herzen
bezeugen, dass du ein Christ geworden bist. Das soll natürlich nicht heißen,
dass du keine Fragen mehr über die Taufe hättest. Im Gegenteil, mein letzter
Brief hat bei dir eine Reihe von Fragen aufgeworfen, und das ist ganz
verständlich, weil du dich nur kurz in das Thema vertieft hast und darüber
hinaus umgeben bist von recht vielen Christen, die andere Auffassungen darüber
haben. Ich will versuchen, soweit ich es vermag, auf deine Fragen zu antworten
und dabei immer zuerst deine Fragen zusammenfassen.
Dir ist klar geworden, dass die Taufe die Einführung in das Reich ist und
nichts mit der neuen Geburt zu tun hat. Aber in Johannes 3 liest du, dass das
Eingehen in das Reich doch ganz bestimmt mit der neuen Geburt verbunden wird.
Auch fragst du, was nun eigentlich die normale Reihenfolge ist: ob jemand den
Heiligen Geist vor oder nach der Taufe empfängt.
Die Antwort auf den ersten Teil der Frage ist schon in dem enthalten, was ich
früher dargelegt habe, nämlich dass wir, was das„Königreich“
betrifft (übrigens auch was „das Haus Gottes“ und sogar was den
Begriff „die Versammlung“ betrifft) unterscheiden müssen zwischen dem
göttlichen und dem menschlichen Aspekt. Diese Begriffe werden nun einmal von
der einen und dann wieder von der anderen Seite beleuchtet. Im ersten Fall
umfassen sie nur wahre Gläubige, im zweiten Fall christliche Bekenner. Die „Versammlung“ im Epheserbrief umfasst nur wahre Christen; aber in
Offenbarung 3,15-20 nur Bekenner, vielleicht ohne einen einzigen wirklich
Gläubigen. Das „Haus Gottes“ in Epheser 2,21 ist die wahre
Versammlung; aber in 1. Korinther 3 ist es ein von Menschen gebautes Haus, und
dann kann es Holz, Heu und Stroh enthalten. So ist das „Reich der Himmel“ im Matthäus-Evangelium nahezu immer ein System, das sowohl Gute als
auch Böse umfasst; aber in Johannes 3 ist das „Reich Gottes“ im
allgemeinen Sinn der wahre (wiedergeborene) Teil des Reiches der Himmel in
dieser Zeit und im Besonderen das Reich, wie es für Israel aufgerichtet werden
wird (vgl. den Hinweis auf Hesekiel 36) und in das nur Wiedergeborene eingehen
werden (vgl. Jes 60,21). In dieser Hinsicht ist es also ein engerer Begriff
als das Reich der Himmel in seiner heutigen Form, aber in seinem zeitlichen
Zusammenhang ist es ein umfassenderer Begriff, denn es war in bestimmtem Sinn
schon in den Evangelien auf der Erde gegenwärtig, und zwar in der Person des
Herrn Jesus (s. Lk 17,21).
Der zweite Teil deiner Frage verrät, denke ich, einen falschen
Ausgangspunkt. Viele Christen haben sich den Kopf über die Frage zerbrochen, ob
wir nun in Apostelgeschichte 2 und 8 und 19 oder in Apostelgeschichte 10 die
normale Reihenfolge haben. Angenommen, du hättest schon eine Lösung für diese
Frage, das würde jedoch kein Licht auf die Bedeutung der Taufe werfen. Ich
denke, gerade die Tatsache, dass die Taufe im Prinzip sowohl vor als auch nach
dem Empfangen des Heiligen Geistes stattfinden kann (in jedem Fall stattgefunden
hat), zeigt, dass beide Angelegenheiten einfach nicht mehr miteinander zu tun
haben, als allein dies: Der Heilige Geist ist Gottes Siegel auf den Glauben (Eph 1,13), und die Taufe ist das Einführen in den Bereich, wo der Heilige
Geist wohnt und wirkt (siehe den ersten Brief).
Ich habe in meinem vorigen Brief schon kurz darauf hingewiesen, dass das
Getauftwerden keine Tat des Gehorsams ist, aber du hast mich darauf aufmerksam
gemacht, dass ich diesen Punkt noch nicht näher ausgeführt habe.
In der Tat ist es sehr merkwürdig (obwohl man es tausendfach zu hören
bekommt), dass jemand sich aus Gehorsam gegenüber einem Gebot des Herrn taufen
lassen müsste. Es gibt überhaupt kein Gebot des Herrn, getauft zu werden,
durchsuche einmal daraufhin die Schrift! Wenn du schon von einem Gebot sprechen
willst, dann gibt es lediglich ein Gebot des Herrn an die zwölf Apostel zu
taufen, nicht getauft zu werden (die Zwölf sind selbst nicht einmal getauft
worden). Zudem ist die Taufe gerade die Einführung auf den „christlichen
Boden“; es ist doch undenkbar, dass es ein christliches Gebot für die
geben sollte, die noch „draußen“ sind, die also noch nicht einmal
Christen sind. Der ganze Gedanke, dass die Taufe eine Tat des Gehorsams
gegenüber einem Gebot ist, steht im Widerspruch zu dem Charakter des
Christentums, wenn man das auch nicht begreift. Wenn die Taufe eine Tat des
Gehorsams ist, dann bekommen die Juden in Apostelgeschichte 2 Vergebung aufgrund
ihres eigenen Gehorsams gegenüber einer irdischen Einrichtung! Das ist rein
gesetzlich und unchristlich. Die Gebote des Herrn sind stets sittlicher Art (Joh 14,21; 15,10) und haben niemals Bezug auf äußere irdische
Einrichtungen. Die beiden einzigen Einrichtungen, die der Herr im Christentum
angeordnet hat, sind keine Gebote, sondern Vorrechte, die uns die Früchte des
Todes Christi genießen lassen. „Tut dieses zu meinem Gedächtnis“ —
wie abstoßend ist der Gedanke, dass das ein Gebot wäre, dem Gehorsam geleistet
werden muss. Es ist der Ausdruck des Verlangens des Herrn, der an unsere
Gegenliebe appelliert. Daran teilzunehmen, ist ein Vorrecht, keine Pflicht. Dass
wir dem Herrn antworten: „Dein Wunsch ist mir Befehl“, das ist eine
völlig andere Sache.
So ist auch die Taufe nicht eine Pflicht, sondern ein Vorrecht.
Selbstverständlich ist die Taufe notwendig, wenn man die christliche Stellung
auf der Erde einnehmen will. Aber ist es eine „Pflicht“, ein Christ zu
werden, oder ist es ein Vorrecht, ein Segen? Es gibt zwei Schriftstellen, die
darauf eine deutliche Antwort geben.
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Die erste ist in Apostelgeschichte 8, wo Philippus dem Kämmerer die
Person des Herrn Jesus verkündigt als den, dessen Leben von der Erde
weggenommen wurde (V. 33). Der Kämmerer wird in seinem Gewissen
überzeugt und will die Seite des gestorbenen Jesus wählen. Und was sagt
er? „Ich möchte gern dem Herrn gehorchen und mich taufen lassen“?
Bestimmt nicht. Er sagt: „Was hindert mich, getauft zu werden?“
Welche Gründe könntest du anführen, mir dieses Vorrecht zu verweigern,
fortan auf der Erde zu diesem Jesus zu gehören?, fragt er gleichsam. Hier
spricht kein Mann, der seine Pflicht erfüllen muss, sondern der um ein
Vorrecht bittet.
Welch eine merkwürdige Sache ist es doch eigentlich, dass ich eine Pflicht
haben sollte, die ich selbst nicht einmal erfüllen kann, sondern die ein
anderer an mir erfüllen muss? Ich kann mich selbst ja nicht einmal taufen.
Deshalb wurden die Zwölf nicht getauft, denn dann hätten sie sich selbst
taufen müssen. Sie hatten den Auftrag, andere zu taufen und einzuführen.
Wenn die Taufe ein Bekenntnis von dem ist, was ich geworden bin, warum habe
ich dazu dann einen anderen nötig, der mich tauft? Wie kann die Taufe eine
Tat von mir selbst sein, wenn ich vollkommen passiv und von einem anderen
abhängig bin? Aber das ist nun eben der besondere Charakter der Taufe! Das
Wesentliche ist gerade, dass ich passiv bin, denn es ist nicht meine Tat,
sondern die des Taufenden. Nicht ich, sondern er erfüllt seine Pflicht und
öffnet als jemand, der bereits „drinnen“ ist, für mich die Tür, um auch mich hineinzulassen. Ich kann höchstens dem Taufenden einen
„Hinweis“ geben und ihn, gerade so wie der Kämmerer, fragen, ob
es irgendeinen Hinderungsgrund gibt, dass er mir diesen Dienst nicht
erweist.
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Die zweite Schriftstelle ist in Apostelgeschichte 10. Nachdem der Heilige
Geist auf Kornelius und die Seinen gefallen war, sagte Petrus: „Könnte
wohl jemand das Wasser verwehren, dass diese nicht getauft würden, die den
Heiligen Geist empfangen haben, gleichwie auch wir? Und er befahl, dass sie
getauft würden in dem Namen des Herrn“ (V. 47-48). Hier haben
wir wieder denselben Gedanken. Nicht einen Appell an den Gehorsam des
Täuflings, sondern einen Ausruf, welche Gründe genannt werden könnten,
die es verhindern, dass diesen Heiden, die so deutlich von Gott anerkannt
wurden, nicht das Vorrecht der Taufe geschenkt würde und sie dadurch ins
Reich eingeführt würden. „Könnte wohl jemand das Wasser verwehren?“ Wer hätte gewagt, ihnen das Vorrecht zu verweigern? Der
Täufling musste natürlich seinerseits bereit sein, mitzuwirken. Das
erklärt den scheinbaren „Auftrag“ in Apostelgeschichte 2,38 und
22,16 („Lass dich taufen“), wo Petrus und Ananias nichts anderes
tun, als auf den richtigen Weg hinzuweisen, auf dem der Jude von dem
gottlosen Volk abgesondert und zu Christus hinzugefügt werden konnte, in
einer Weise, wie sie der Herr angeordnet hatte. Eine deutlichere
Übersetzung („werde getauft“) zeigt noch besser, dass es die
Handlung des Taufenden blieb, zu der lediglich die Bereitschaft des
Täuflings erforderlich war, und zwar gerade bei den Juden; in
Apostelgeschichte 8 und 10 geschieht das nicht einmal.
Du hast gut verstanden, dass die Taufe nie und nimmer in der Schrift ein
Zeugnis von etwas ist, was ich getan habe (nämlich geglaubt) oder von etwas,
was ich geworden bin (nämlich ein Gläubiger) noch von dem, was mit mir
geschehen ist (nämlich mit Christus gestorben). Du bemerkst aber, dass die
Taufe doch wohl einen Zeugnischarakter hat und fragst, welcher Art dieses
Zeugnis ist.
Zuvor kurz Folgendes. Wie merkwürdig ist die Auffassung, dass die Taufe ein
Zeugnis davon ist, dass ich mit Christus gestorben und auferweckt bin. In der
ganzen Apostelgeschichte gab es wahrscheinlich keinen einzigen Täufling, der
diese Wahrheit kannte (mit Sicherheit nicht vor der Bekehrung des Saulus), denn
der Herr offenbarte sie erst viel später dem Paulus — wie konnten die
Täuflinge denn dann Zeugnis davon in der Taufe ablegen? Was aber wussten sie
wohl von der Taufe? Das, was die Juden schon Jahrhunderte von der Taufe wussten
und was von den Zwölfen bestätigt wurde: dass sie die Einführung in eine
bestimmte göttliche Ordnung von Dingen ist. In der Zeit des Christentums
bedeutete das, dass jemand auf der Erde zu einem gestorbenen und auferweckten
Christus hinzugefügt wurde — und das verstanden die Juden in Apostelgeschichte
2 (s. V. 23-24), der Kämmerer in Apostelgeschichte 8 (s. V. 33)
und die Heiden in Apostelgeschichte 10 (s. V. 39-40) sehr gut. Aber
das ist doch ganz etwas anderes als die tiefe Wahrheit, dass wir mit Christus
gestorben und auferweckt sind. Darüber hinaus: Wenn die Taufe ein Bekenntnis
des Glaubens ist, warum lassen wir uns dann nicht jede Woche taufen, so wie wir
jede Woche das Abendmahl feiern? Lass die „Baptisten“ sich einmal
fragen, weshalb die christliche Taufe so ausdrücklich nur einmal stattfindet.
Sicherlich ist die Taufe ein Zeugnis. Aber bedenke, was ich gerade gesagt
habe: Die Taufe ist vor allem eine Handlung des Taufenden; für den Täufling
ist das eine passive Sache. Aber wo er weiß, was mit ihm geschieht, wird er von
Herzen dem Zeugnis der Taufe zustimmen. Das Zeugnis ist, dass er ein Sünder
ist; dass er sich in einem Bereich befindet (sei es nun das Heiden oder das
Judentum), über dem drohend das Gericht Gottes hängt; dass er bis hierher in
diesem Bereich ein Leben der Sünde führte; dass er mit diesem Bereich und mit
diesem Leben brechen will; dass er begreift, dass allein der Tod diesen Bruch
zustande bringen kann; dass der einzige Tod, in dem er sicher ist, der Tod
Christi ist; dass er sich deshalb freiwillig, vor den Augen der Welt, lebendig
in diesem Tod Christi begraben lässt; dass er die Seite des verworfenen und
getöteten Christus wählt; dass er fortan auf der Erde unter der Autorität und
in der Kraft eines auferweckten Christus in Neuheit des Lebens wandeln will
(Röm 6), mit Christus bekleidet (Gal 3), mit einem guten Gewissen vor
Gott (1Pet 3). Nebenbei bemerkt: Einige meinen, dass Galater 3,27 („ihr habt Christus
angezogen“) doch wohl eindeutig auf eine
Aktivität des Täuflings hinweist. Das ist aber ein Missverständnis. Paulus
nennt allein das Kennzeichen der Taufe: Das Getauftwerden bedeutet (beinhaltet)
ein Anziehen Christi, ein Unter-seine-Autorität-gestellt-Werden. Wenn ich ins
Wasser falle, werde ich nass. Das Nasswerden ist nicht so sehr eine Aktivität
meinerseits, die ich ausübe, wenn ich ins Wasser falle; das Nasswerden ist
einfach etwas, das dem Ins-Wasser-Fallen selbst eigen ist.
Deine folgende Frage ist sehr interessant. Du sagst, dass du noch ziemliche
Schwierigkeiten hast, alles zu begreifen, was mit der Taufe zu tun hat; und nun
hast du einen zehnjährigen Sohn, der bekennt, dem Herrn Jesus anzugehören und
gerne getauft werden möchte. Nun fragst du, ob es nicht besser ist, noch ein
paar Jahre zu warten, damit er erst begreifen lernt, was die Taufe überhaupt
bedeutet, und du auch sicher weißt, dass er ein Gläubiger ist.
Ja, lieber Bruder, was soll ich darauf sagen? Können wir nur diejenigen als
getauft betrachten, die ein richtiges Verständnis von dem hatten, was mit ihnen
geschah, als sie getauft wurden? Ich selbst war zwölf Jahre alt, als ich
getauft wurde, und ich weiß heute rückblickend, dass ich nichts davon
verstand. Bedeutet das nach deiner Meinung, dass ich eigentlich nicht getauft
bin? Wenn die Taufe ein Bekenntnis von etwas ist, was ich geworden bin, und ich
das noch nicht bin oder das noch nicht begreife, ja, dann hat die Taufe
wirklich keinen Wert. Wenn die Taufe dagegen aber eine Einführung ist — was sie
tatsächlich ist! — auf einen Platz der Segnungen, dann hat die Taufe großen
Wert, auch wenn ich zu der Zeit selbst noch nicht verstehe, wohin die Taufe mich
bringt. Das ist auch kaum nötig, denn die Taufe bringt mich ja dorthin, damit
ich diese Segnungen gerade kennenlerne (oder immer besser kennenlerne). Alle
tiefer gehenden Unterweisungen über die Taufe werden in der Schrift an solche
gerichtet, die bereits getauft sind und nicht an diejenigen, die noch getauft
werden müssen. Nur an Stellen, wo die Aufforderung an einen Juden ergeht („werde
getauft“; Apg 2 u. 22), wird auch etwas über
den Charakter der Taufe hinzugefügt („zur Vergebung oder Abwaschung der
Sünden“).
Noch stärker: Ich finde nirgends in der Schrift eine Art „Verhör“, das der Taufe vorausgeht. Diejenigen, die bekennen, bekehrt
zu sein, werden prompt getauft. Die einzige Ausnahme, die gerne zitiert wird,
ist Apostelgeschichte 8,37, wo Philippus zu dem Kämmerer sagt: „Wenn du
von ganzem Herzen glaubst, so ist es erlaubt“, mit der bekannten Antwort
des Kämmerers. Aber dieser Vers kommt in keiner der wichtigen Handschriften vor
und wird auch in allen neueren Übersetzungen weggelassen oder nur in der
Fußnote erwähnt. Der Vers ist offensichtlich eine Einfügung von jemandem, der
meinte, dass der Taufe eine gründliche Prüfung vorauszugehen hätte.
Nun, warum wartest du denn, deinen Sohn zu taufen? Willst du erst noch
warten, um sicher zu wissen, ob dein Sohn ein Gläubiger ist? Ich kann solch
eine „Prüfperiode“ nirgends in der Schrift finden. Oder nimmst du an,
dass Philippus einem Irrtum erlag, als er Simon, den Zauberer, prompt taufte,
statt abzuwarten, ob Simon wohl ein wahrer Gläubiger war? Ich glaube durchaus
nicht, dass Philippus sich irrte. Aber er war ja auch kein Baptist, der erst
abwartet, ob der bekannte Glaube wohl echt ist. In der Schrift sehe ich, dass
diejenigen, die bekennen, die Seite des Herrn Jesus zu wählen, prompt getauft
werden. Wenn Unterweisung nötig ist, dann folgt sie auf die Taufe, geht ihr
aber nicht voraus. Dein Sohn braucht nichts zu tun und nichts zu ergründen; er
ist der passive Täufling, du bist der aktive Taufende. Ich habe bereits gesagt:
Die Taufe ist nicht eine Tat des Gehorsams des Täuflings gegenüber dem Herrn,
sondern eine Tat der Gnade des Herrn (durch deine Vermittlung) gegenüber dem
Täufling. Wäre übrigens die Taufe doch eine Tat des Gehorsams, dann würdest
du falsch handeln, denn du würdest deinen Sohn, der dem Herrn gehorchen will,
daran hindern.
Wie lange denkst du noch zu warten, bis du absolut sicher weißt, dass dein
Sohn ein Gläubiger ist? Ist das die Hauptfrage, um die es geht? Die Schrift
fordert uns auf, unsere Kinder aufzuerziehen in der Zucht und Ermahnung des
Herrn, also so, als wären sie Christen (Eph 6,4; vgl. V. 1). Du selbst
hast vor kurzem das Vorrecht geschmeckt, durch die Taufe die heidnische Welt, wo
Satan regiert, zu verlassen. Welches Recht hast du, deinen Sohn in dieser Welt
zurückzulassen? Selbst hast du das Vorrecht geschmeckt, durch die Taufe in das
Reich der Himmel eingeführt zu werden. Aber der Herr sagt: „Lasst die Kinder und wehret ihnen nicht, zu mir zu kommen, denn solcher ist das Reich
der Himmel“ (Mt 19,14)! Wenn der Herr also sagt: „Wehret ihnen nicht“, und dein Sohn sagt:
„Was hindert mich, getauft zu werden?“, was wirst du dann antworten? Wirst du deinem Sohn dann das
Vorrecht vorenthalten, das du selbst empfangen hast? Bring dieses Problem vor
den Herrn — ich weiß sicher, dass die Antwort dir dann nicht schwerfallen
wird.
Zum Schluss bemerkst du, dass ich überhaupt noch nichts über die Frage
gesagt habe, wer taufen soll, wie getauft werden muss und mit welcher Formel.
Ich habe darüber absichtlich nichts geschrieben, um dadurch umso mehr den
Nachdruck auf das Bekenntnis der Taufe fallen zu lassen und auf die Tatsache,
dass (und nicht so sehr wie) du getauft werden musst. Ich sage nicht, dass die
Art und Weise zu taufen unwesentlich ist, aber ich verwerfe doch die Einwände
vieler Christen, die ruhig behaupten, dass der oder der nicht getauft ist,
einfach weil es nicht von der richtigen Person, in der richtigen Weise oder mit
der richtigen Formel geschehen ist. Die christliche Taufe ist eine christliche,
nicht eine jüdische Einrichtung. Im Judentum kam es sehr stark darauf an, ob
bestimmte Zeremonien in der genau vorgeschriebenen Weise ausgeführt wurden,
aber im Christentum geht es um den geistlichen Inhalt und nicht um die
äußerliche Form. Ich sehe in der Schrift eine bemerkenswerte Unbestimmtheit
bezüglich dieser drei Probleme, die du nennst, eine Unbestimmtheit, die Gott
ohne Zweifel absichtlich gelassen hat, damit wir uns nicht an Äußerlichem
festbeißen.
Nimm die Frage, wer berechtigt ist zu taufen. Millionen Christen werden mit
Bestimmtheit behaupten, dass nur ein ordinierter Amtsträger die Taufe
ausführen darf. Aber wer ist in diesem Gedankengang ihr Führer? Die
Überlieferung oder die Schrift? Was ich in der Schrift finde, ist, dass der
Herr ausschließlich den zwölf Aposteln den Auftrag gegeben hat zu taufen. Nun
frage ich dich: Haben wir ein konkretes Beispiel in der Schrift, dass einer
dieser Apostel tatsächlich jemals getauft hat? Kein einziges! Das einzige Mal,
wo wir erwarten würden, dass Petrus getauft hätte, überließ er das völlig
unbekannten Personen, offenbar den sechs Brüdern, die ihn begleiteten (Kap.
10,23.48; 11,12). Von den mit Namen genannten Personen, von denen wir
ausdrücklich lesen, dass sie tauften, war Philippus ein gewöhnlicher
Evangelist (Apg 8,12.38; 21,8), Ananias ein gewöhnlicher Jünger (Apg 9,10; 22,16), und Paulus war zwar ein großer Apostel, aber
gerade er sagt, dass er nicht gesandt war zu taufen (1Kor 1,13-17). Die
einzige Schlussfolgerung, die wir also ziehen dürfen, ist die, dass der
Taufende ein Christ sein muss; wer jemand hineinlässt, der „draußen“
ist, muss selbst „drinnen“ sein, weitere Bedingungen nennt die Schrift
nicht.
Dieselbe Unbestimmtheit sehen wir bezüglich der Art und Weise zu taufen. Es
ist kein einziges Beispiel im Neuen Testament anzuführen, aus dem zu ersehen
wäre, wie getauft wurde. Auch das gerne zitierte: „Und sie stiegen beide
in das Wasser hinab“ (Apg 8,38) oder: „… weil viel
Wasser daselbst war“ (Joh 3,23) hat lediglich „Beweiskraft“
für die, die bereits genau (meinen zu) wissen, wie getauft werden muss. Die
Tatsache, dass die Schrift über die Art zu taufen schweigt, verbietet uns schon
im Voraus zu behaupten, dass jemand nicht „getauft“ ist, weil
beispielsweise zu wenig Wasser gebraucht worden wäre oder sein Kopf nicht
unter der Wasseroberfläche gewesen wäre. Wenn wir trotzdem wissen wollen, wie
wir am richtigsten taufen können, dann müssen wir versuchen, das aus der
Bedeutung des griechischen Worte (baptizo) abzuleiten und aus der Bedeutung der
Taufe als solcher.
Man behauptet oft einfach: „Taufen bedeutet untertauchen“, damit
ist die Sache erledigt. Aber so einfach ist das nicht. Die Grundbedeutung von
baptizo ist „untergehen“ und davon finden wir weder etwas in
Lukas 12,50 noch in Markus 10,38-39, wo der Herr Jesus sein bevorstehendes Sterben
eine„Taufe“ nennt. Neben diesen beiden Schriftstellen gibt es noch
viele andere im Neuen Testament, wo baptizo ganz und gar nicht„untertauchen“ bedeutet. In Markus 7,4 weist das Wort auf das
„Waschen“ von Gefäßen und in Lukas 11,38 auf das „Waschen“
der Füße hin. Wenn du dann einwendest, dass baptizo hier nicht eine
zeremonielle Bedeutung hat, dann weise ich auf 1. Korinther 10,2 hin, wo es
ebenso wenig „untertauchen“ bedeutet, und noch mehr auf Hebräer 6,2
und 9,10, wo baptisma auf rituelle „Waschungen“ hinweist, die in dem
Gesetz Moses vorgeschrieben waren. Waren das „Untertauchungen“?
Niemals; es waren immer „Besprengungen“, wie unter anderem auch aus
dem Beispiel ersichtlich ist, das direkt darauf in Hebräer 9,13 genannt wird!
Ich meine damit absolut nicht, dass baptizo „besprengen“ bedeutet,
wohl aber, dass baptizo „reinigen“ durch die Anwendung von Wasser
bedeutet, ob dabei nun viel (z.B. untertauchen) oder wenig Wasser (z.B. besprengen) gebraucht wird. So lesen wir in dem
apokryphen Buch Jesus Sirach
von jemandem, der von einer Leiche „getauft“ (also gereinigt) wurde,
indem das Reinigungswasser auf ihn gesprengt wurde (s. 4Mo 19), wodurch er
seinen Platz im Lager wieder einnehmen konnte.
Selbst die Bedeutung des Wortes kann uns also nicht helfen; auch hier
herrscht eine absichtliche Unbestimmtheit. Man muss mit der Grundbedeutung von
griechischen Wörtern in der Schrift immer vorsichtig sein, weil der Heilige
Geist bestimmten Wörtern aus der griechischen Sprache im biblischen Gebrauch
eines Wortes häufig eine ganz eigene Bedeutung gibt. Der Zusammenhang zwischen
allen Fällen, wo baptizo und baptisma in ritueller Bedeutung gebraucht werden,
weist darauf hin, dass die in der Schrift gebrauchte Grundbedeutung ist: „reinigen“ oder
„beiseitestellen“ (was stark
übereinstimmt), aber durchaus nicht „untertauchen“. „Taufen“ ist eine rituelle Handlung mithilfe von Wasser, durch die
jemand symbolisch gereinigt oder beiseitegestellt (oder zugelassen) wird; das
stimmt auch genau mit den Bedeutungen überein, die wir für die Taufe gefunden
haben. Wie dieses Wasser angewendet werden muss, ist offensichtlich völlig
sekundär; der einzige Hinweis ist, dass die Taufe unter anderem ein Begräbnis
bezeichnet, und es versteht sich von selbst, dass das am deutlichsten durch
Untertauchen illustriert wird. Darum scheint es mir ohne Weiteres das Beste,
dass die baptisma durch Untertauchen stattfindet. Aber die Behauptung, dass,
wenn nicht untergetaucht wurde, die Taufe ungültig ist, ist vollkommen
unbiblisch und ihrem Charakter nach im Widerspruch mit dem Christentum, wo der
Wert einer Sache im geistlichen Inhalt liegt, nicht in der äußeren Form, und
sicher nicht da, wo die äußere Form ganz und gar nicht vorgeschrieben ist wie
bei der Taufe.
Zum Schluss begegnen wir derselben Unbestimmtheit bezüglich der „Taufformel“. Der Punkt ist: Es gibt überhaupt nicht solch eine
Formel; nirgends lehrt die Schrift, dass bei der Taufe bestimmte Worte
ausgesprochen werden müssen. Das ist auch gut so, denn sonst würde unser
Fleisch (das so an Formen und Äußerlichkeiten hängt) auch davon wieder die
Gültigkeit der Taufe abhängig machen. Auch hier gilt, dass es nicht um den
einen oder anderen magischen Zauberspruch geht, sondern um die Absicht, mit der,
und das Ziel, wozu getauft wird. Dass es gut und sinnvoll ist, diese Absicht
während der Taufe auch laut zum Ausdruck zu bringen, ist klar, aber eine
völlig andere Sache. Die Schrift wacht jedoch darüber, dass wir meinen, dabei
an eine bestimmte Wortwahl gebunden zu sein. In Matthäus 28 trägt der Herr
Jesus seinen Aposteln auf, auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des
Heiligen Geistes zu taufen; aber Er sagt überhaupt nicht, dass sie bei der
Taufe diese Worte aussprechen müssten. Noch stärker: In der ganzen
Apostelgeschichte lesen wir nicht ein einziges Mal, dass auf den Namen des
dreieinigen Gottes getauft wurde; immer ist es (soweit etwas mitgeteilt wird)
auf den Namen Jesu. Und um uns auch da vor einer Formel zu bewahren, lautet der
Ausdruck stets ein bisschen anders: „auf den Namen Jesu Christi“
(2,38), „in dem Namen des Herrn (andere Handschriften: Jesu Christi oder
des Herrn Jesus Christus)“ (10,48),„auf den Namen des Herrn Jesus“ (19,5). Vergleiche Römer 6,3 und Galater 3,27:
„auf Christus (Jesus)“. Es wird also aufgetragen, auf den Namen des dreieinigen Gottes zu
taufen, und es wird getauft auf den Namen des Menschen Christus Jesus. Das
hindert uns, eine bestimmte Formel allein gültig zu nennen. Vielleicht ist es
das Einfachste und Schönste, beide Formulierungen zu gebrauchen und zum
Beispiel zu sagen: „Ich taufe dich in dem Namen des Vaters und des Sohnes
und des Heiligen Geistes, auf den Namen des Herrn Jesus Christus“.
Ich hoffe von Herzen, dass meine Bemerkungen dir helfen werden, die Antworten
auf deine Fragen für dich selbst zu finden.
Inzwischen dem Herrn befohlen!
Mit brüderlichen Grüßen in Christus,
W. J. Ouweneel
Erster Brief / Sommer 1974
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