Die Geburt des Herrn (1)
Lukas 2

Willem Johannes Ouweneel

© SoundWords, online seit: 20.12.2000, aktualisiert: 07.12.2017

Leitverse: Lukas 2

Das erste Kapitel endete mit dem Lobpreis und der Weissagung des Zacharias. Wir wissen, dass sich diese Weissagung bis auf die wunderbare Zeit des Tausendjährigen Reiches bezieht, wo das Volk dann endgültig von den Hassern und Feinden befreit sein wird und wo sie dann in Frömmigkeit und Gerechtigkeit vor Gott alle Tage dienen können.

Verordnung vom Kaiser Augustus

Aber nun beginnt das zweite Kapitel und wir sind wieder in der Gegenwart und sehen das Volk inmitten seiner Feinde. Vielleicht dachte man, dass mit der Befreiung des Volkes aus der Babylonischen Gefangenschaft nun das Volk wirklich frei sei. Aber nein. Schon lange nach der Beendigung der Gefangenschaft in Babel lesen wir bei Nehemia: „Siehe, wir sind heute Knechte; und das Land, welches du unseren Vätern gegeben hast, um seine Früchte und seine Güter zu genießen – siehe, wir sind Knechte in demselben! Und seinen Ertrag mehrt es für die Könige, die du um unserer Sünden willen über uns gesetzt hast; und sie schalten über unsere Leiber und über unser Vieh nach ihrem Wohlgefallen, und wir sind in großer Bedrängnis“ (Neh 9,36-38). Keinen Augenblick waren sie frei.

Und so war es bis zu diesem Punkt, wo jetzt auch unser zweites Kapitel beginnt. Der Kaiser Augustus herrscht in Palästina. Er ist der Repräsentant des vierten Weltreiches. Drei Weltreiche beherrschten schon das Volk. Selbst die Zustimmung zum Bau des Tempels musste von einem weltlichen Herrscher – einem Feind – eingeholt werden. Nun war das vierte, das römische Weltreich an der Macht. Kaiser Augustus ist der Herrscher, er, der Römer; und Joseph, der aus dem Stamm David, ist armer Zimmermann und Knecht. Augustus befiehlt und Joseph muss von Nazareth nach Bethlehem gehen. Und wenn der Heilige Geist uns das so mitteilt, dann ist das doch wichtig. Denn schon hier wird uns gezeigt, in welch einer Niedrigkeit der Herr Jesus geboren wird. Nicht Joseph aus der königlichen Familie mit seiner anvertrauten Frau Maria beschließt zu gehen, nein, Augustus befiehlt. Aber in Wirklichkeit muss auch Augustus so handeln, wie Gott es will. Denn letztendlich hält Er doch die Fäden in seiner Hand, wenn wir das mit Ehrfurcht einmal so sagen dürfen. Es ist nicht der Kaiser, der Joseph befiehlt, sondern Gott, der dem Kaiser befiehlt. Das wird übrigens gerade in dem Vers 2 deutlich. Gott hatte dem Kaiser den Gedanken gegeben, eine Einschreibung durchzuführen. Aber Gott führte es auch so, dass die eigentliche Einschreibung erst zu einem späteren Zeitpunkt durchgeführt wurde – erst, als Kyrenius Landpfleger von Syrien war, nein, erst als der Herr Jesus geboren werden sollte. Ganz klar zeigt uns dies, dass in Wirklichkeit der Kaiser nur Spielball in der Hand Gottes war. Und wie hier noch vor der Geburt des Herrn, so zeigt es sich auch am Ende seines Lebens hier auf dieser Erde, als der Herr Jesus zu Pilatus sagt: „Du hast keine Gewalt wider mich, wenn sie dir nicht von oben gegeben wäre.“

Joseph und Maria auf dem Weg nach Bethlehem

So gehen nun Joseph und Maria von Nazareth nach Bethlehem. Ja, Bethlehem, weil geschrieben steht: „Und du, Bethlehem-Ephrata, zu klein, um unter Tausenden von Juda zu sein, aus dir wird mir hervorkommen, der Herrscher über Israel sein soll.“ Das ist der Herr Jesus, der in Bethlehem geboren werden sollte. Gott bestimmt den großen, mächtigen Kaiser, um das ganze Römische Weltreich in Bewegung zu bringen. Das ganze Römische Reich, dieses riesige Reich mit den unzähligen Menschen musste in Bewegung gebracht werden. Warum macht Gott das? Um Joseph mit seiner angetrauten Frau von Nazareth nach Bethlehem zu bringen. Gott sorgt dafür, dass Joseph mit Maria nach Bethlehem kommen. Ach, wie schön ist es zu wissen, dass unsere Zeiten in Gottes Hand sind. Wir lesen: „… wurden ihre Tage erfüllt …“ Ihre Tage waren noch nicht erfüllt, als Augustus die Gedanken zur Einschreibung hatte. Nein, Gott hatte keine Eile. Erst später, als Joseph mit Maria in Bethlehem ankamen, „wurden ihre Tage erfüllt“. Es war die Zeit, wo der Herr Jesus geboren werden sollte.

Der erstgeborene Sohn

„Und sie gebar ihren erstgeborenen Sohn.“ Im Alten Testament heißt es: „Ein Sohn ist uns gegeben – ein Kind ist uns geboren.“ Gott gab uns seinen Sohn als unaussprechliche Gabe. Aber ein Kind ist uns geboren, und der Heilige, der geboren wurde, sollte Sohn Gottes genannt werden. Das ist der Herr Jesus, der Sohn als Mensch. Dazu musste der göttliche Same in Maria hineingelegt werden, damit Gott als Mensch geoffenbart werden könnte. Und doch war dieser Mensch gleichzeitig Gott, der Sohn, den der Vater gab. Der Sohn ist uns gegeben. Der ewige Sohn ist uns von Gott gegeben. Wie? Indem Er als ein Kind geboren wurde. Das ist ein köstlicher Gedanke und ebenso wie in Jesaja 9 entfaltet uns der Heilige Geist diesen Gedanken ganz sorgfältig und behutsam auch in Micha 5,1: In Bethlehem sollte der Herr Jesus geboren werden. Hier sollte Er als Mensch zur Welt kommen. Aber gleichzeitig wird uns gesagt, dass seine Ausgänge von der Urzeit, von den Tagen der Ewigkeit her sind. Wahrer Mensch und wahrer Gott! So sorgfältig schreibt der Heilige Geist, wachend über die Heiligkeit der Person unseres Herrn Jesus.

Er war wahrhaftiger Mensch: „Und sie gebar ihren erstgeborenen Sohn“, so wie jede Mutter ihr Kind gebiert, so wie jedes Kind, das friert und weint und hungrig ist: „… und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe.“ Das ist Lukas. So entfaltet sich die ganze Barmherzigkeit Gottes. Gottes Gnade ist so reich, dass Er selbst gekommen ist, um unter uns zu wohnen in der geringsten Stadt, an dem geringsten Platz, den wir uns nur denken können. Was für ein Kontrast zum Matthäusevangelium! Matthäus berichtet uns nicht in dieser Weise von der Barmherzigkeit Gottes. Matthäus schreibt uns nicht von der Armut von Joseph und Maria. Er berichtet uns nicht von der Krippe. Er erzählt uns nicht, dass kein Raum in der Herberge war. Aber Matthäus berichtet uns von dem großen König der Juden. Da wird auch von einem Zeichen gesprochen. Matthäus spricht zu uns von dem Stern, dem Zeichen der glorreichen Herrlichkeit. Und bei Matthäus kommen die Weisen, die Hohen, um sich vor dem Herrn niederzubeugen. Nichts davon lesen wir bei Lukas. Da gibt es keine Weisen. Hier haben wir die Hirten mit ihren Herden. Das sind die Letzten, die Geringsten des Volkes. Aber bei ihnen war Raum in ihren Herzen für Ihn, der da so arm in einer Krippe lag.

Das Zeichen

Nein, hier bei Lukas sehen wir nicht den Stern als ein glorreiches Zeichen von Herrlichkeit und Macht und Majestät. Hier finden wir ein anderes Zeichen: „Und dies sei euch das Zeichen: Ihr werdet ein Kind finden, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend“ (Lk 2,12) Dass Gott sich so niedergebeugt hat, dass Gott sich so erniedrigt hat, dass Gott so klein geworden ist wie ein Kind in Windeln gewickelt; dass Er wirklich Mensch geworden ist, als Baby abhängig von seiner Mutter, die Ihn füttern und bekleiden und trösten musste; und dass Er doch zur gleichen Zeit ewiger Gott ist, wie Hebräer 1,3 sagt: „Er trägt alle Dinge durch das Wort seiner Macht“, so dass Er seiner Mutter die Kraft geben musste, um Ihn festzuhalten – das alles ist so wunderbar, dass es zu hoch ist für unseren Verstand, für unsere Logik. Gibt es überhaupt etwas Gegensätzlicheres – dieser ewige Gott in Macht und Stärke und gleichzeitig dieses Baby, hilflos in der Krippe liegend? Und doch ist es so vollkommen wahr in dem Herrn Jesus. Es ist so vollkommen wahr, dass Er Mensch war hier als Baby in Windeln gewickelt und abhängig von der Hilfe seiner Mutter. Aber es ist auch genauso vollkommen wahr, dass Er zur gleichen Zeit „Horn des Heils“, Heiland und Herr ist. Das ist das Wunder bei der Geburt dort in Bethlehem. Das ist seine Geringheit und seine Größe.

Kein Raum in der Herberge

Für solche Dinge gibt es keinen Platz in der Welt: Es war kein Raum in der Herberge“. In der „Herberge“ der Welt wohnen nicht die Kleinen, die Geringen, die Abhängigen. Dort wohnen die Großen, die Unabhängigen, die Gewaltigen. In den Herbergen dieser Welt ist für den Herrn Jesus kein Platz. Denn dort, wo die Fetten der Erde sind, dort ist für Gott, der in Geringheit kommt, kein Platz.

Es ist so treffend, dass wir das Wort „Herberge“ in zwei Bedeutungen im Neuen Testament finden. Eine Herberge ist ein Gastzimmer, ein einfaches Zimmer mit Platz für die Gäste. Der Herr Jesus benutzt das gleiche Wort „Herberge“ in jener Situation, als Er seine Jünger ausschickt, das Passah vorzubereiten (Mk 14,14): „Wo ist mein Gastzimmer?“ Gastzimmer – das ist das gleiche Wort wie Herberge. Und der Herr Jesus sagt: „Wo ist mein Gastzimmer?“ In der Herberge dieser Welt ist für den Herrn Jesus kein Platz. In der Herberge dieser Welt ist auch für den Gläubigen kein Platz. Für die Unabhängigen, für die Gewaltigen, für die Mächtigen und Reichen, von denen zu Maria gesagt wird, dass solche von den Thronen hinabgestoßen und leer fortgeschickt werden, für solche ist Platz in der Herberge. Aber für die Geringen, für die Schwachen, für solche, wie die Frauen Maria und Elisabeth, die da in dem Gebirge waren, für solche gibt es einen anderen Platz. „Mein Gastzimmer“, sagt der Herr Jesus, das ist der Obersaal, enthoben von dieser Welt. Das ist sein Gastzimmer und hier will Er die Seinen bei sich haben. Hier sollen wir bei Ihm sein, damit Er uns bewirten kann, damit wir sein Mahl mit Ihm feiern und wo Er uns einführen kann in die reichen Segnungen. Für Ihn ist kein Platz in der Herberge dieser Welt. Aber Er hat seine eigene Herberge, um uns, die Gläubigen, einzuladen, bei Ihm zu sein.

So arm ist unser Herr geworden, als Er hier auf diese Erde kam. Und seine Armut hat sich am deutlichsten dann dort am Kreuz gezeigt. So arm ist Er geworden, dass Er sagte: „Die Vögel haben Nester und die Füchse haben Höhlen, aber der Sohn des Menschen hat keinen Platz, um sich niederzulegen.“ Nur einen Platz gab es auf dieser Erde, wo Er sein Haupt niederlegte. Es ist das gleiche Wort! „Und er neigte sein Haupt und übergab den Geist“ – dort am Kreuz. Das war der einzige Platz auf dieser Erde, wo Er sein Haupt niederlegen konnte; dort am Kreuz, als Er starb und dann das Grab. Sonst war kein Platz für Ihn, nur der Platz des Todes. Ist das nicht ergreifend?

Die Hirten auf dem Feld

Hier im Lukasevangelium sind es nicht die Weisen, die zu dem Herrn kommen. Es sind nicht die Großen und Gewaltigen. Es sind keine Nimrods, keine gewaltigen Jäger, welche Tiere oder gar Menschen jagen. Nein, solche Menschen kann Gott nicht gebrauchen. Sondern Hirten – wie Abel, Mose und David. Hirten sind Menschen, die ein Herz für andere haben, die ihr Herz öffnen können für Hilflose, die ein Herz haben, für das Baby in Bethlehem. Sie hatten Nachtdienst dort auf dem Feld bei ihren Herden. Und dann stand der Engel des Herrn bei ihnen. Nun lesen wir etwas Eigenartiges. Der Engel des Herrn stand bei ihnen, aber noch etwas war dabei. Nicht der Engel mit der Herrlichkeit eines Engels stand bei ihnen. Es war der Engel und die Herrlichkeit des Herrn. Der Herr selbst manifestiert sich hier mit seiner Herrlichkeit. Das ist etwas anderes als die Begebenheit, wo der Engel zu Zacharias oder zu Maria kam. Hier ist die Herrlichkeit des Herrn selbst dabei. Das ist die Herrlichkeit in der Wolke aus dem Alten Testament. Damals war die Herrlichkeit Gottes inmitten seines Volkes in der Wolke bedeckt. Gott umgab sich selbst mit dieser Wolke und niemand als nur der Hohepriester einmal im Jahr konnte zu dieser Herrlichkeit kommen. Aber nun scheint plötzlich diese Herrlichkeit ungetrübt in diese Finsternis – die Herrlichkeit des Herrn.

Wie konnte dies sein? Ach, viel später haben die Apostel das verstanden: „Und wir haben seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als eines Eingeborenen vom Vater voller Gnade und Wahrheit“ (Joh 1,14). Zuvor heißt es an dieser Stelle: „Er wohnte unter uns“, das bedeutet „tabernakelt“, das heißt, Er wohnte in einem Zelt. Niemand konnte Gott zuvor nahen. Niemand hat Gott gesehen und lebt! Gott wohnt in einem unzugänglichen Licht. Und doch ist Gott in seiner Herrlichkeit zu uns gekommen als Mensch. So fern und doch so nah. Er wohnte unter uns – in einem Zelt. Dieser Leib des Herrn war die Hülle, in welcher die Herrlichkeit Gottes eingeschlossen war. Es war so, dass viele aus Israel gesagt haben: Wir haben nichts Besonderes an Ihm gesehen. Aber die Hirten hatten geöffnete Augen, um die Herrlichkeit des Herrn zu sehen. Die Herrlichkeit des Herrn ist zu den Menschen gekommen.

Freude statt Furcht

Die Hirten fürchten sich mit großer Furcht. Natürlich! Kann denn ein Mensch die Herrlichkeit Gottes sehen und leben? „Fürchtet euch nicht“, sagt deshalb der Engel, „denn siehe, ich verkündige euch große Freude.“ Nicht Furcht, sondern Freude! Denn Gott kam nicht in seiner richterlichen Herrlichkeit, sondern in Gnade und Barmherzigkeit zu den Menschen. Ob sie Ihn annehmen würden, ist eine andere Seite. Aber es war eine „große Freude, die für das ganze Volk sein wird“.

Der Retter – Christus der Herr

Denn euch ist heute, in Davids Stadt, ein Erretter (ein Heiland) geboren, welcher ist Christus, der Herr. Der Heiland war geboren – das Horn des Heils – der Heilbringende. Und dieser Heiland ist der Christus, der Messias, der von Gott Verheißene, und dieser Herr ist der Herr, Jahwe, Gott mit uns, Immanuel. Gott ist unter uns geoffenbart. Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, in einem Zelt hat Gott hier seine Herrlichkeit eingeschlossen. Hast du seine Herrlichkeit gesehen? In dem kindlichen Körper, mit Ehrfurcht gesprochen, in dem Kind in der Krippe, dort hat sich die göttliche Herrlichkeit verhüllt. Er ist unter uns gekommen, „zeltend“ – das soll unser Zeichen sein. Das ist ein Zeichen! Nicht das Zeichen eines Blitzes, der von Osten bis Westen scheint (Mt 24), denn solch ein Zeichen hätte Gericht und Urteil über das Volk bedeutet. Ein Zeichen sollte es sein von der Barmherzigkeit und Gnade Gottes. Und wenn wir das Zeichen hier in Bethlehem sehen, dann ist es ein Kind, in Windeln gewickelt; ein Kind nicht in dem besten Hotel von Bethlehem, sondern in einer Krippe, in einem Futtertrog der Tiere. Wir finden es an dem niedrigsten Platz von Bethlehem. Das ist ein Zeichen Gottes an sein Volk. Ein Zeichen – da liegt eine Botschaft darin! So ist es in der ganzen Schrift. Wenn Gott ein Zeichen gibt, dann verbindet Er damit eine Botschaft. Und so müssen wir als Jünger gut aufpassen. Und was ist das für ein Zeichen, was ist die Botschaft? Dass Jesus Christus nicht als Urteiler, als Richter kommt, sondern als Heilland – als Retter. Und das sehen die Hirten hier in Bethlehem, wenn sie das Kind anschauen, dort an dem niedrigsten Platz, der nur denkbar ist. Das hilflose Baby in der Krippe liegend. Ein Kind in Windeln gewickelt.

Nächster Teil

Weitere Artikel aus der Reihe Die Geburt des Herrn (2)

Weitere Artikel des Autors Willem Johannes Ouweneel (62)


Hinweis der Redaktion:

Die SoundWords-Redaktion ist für die Veröffentlichung des obenstehenden Artikels verantwortlich. Sie ist dadurch nicht notwendigerweise mit allen geäußerten Gedanken des Autors einverstanden (ausgenommen natürlich Artikel der Redaktion) noch möchte sie auf alle Gedanken und Praktiken verweisen, die der Autor an anderer Stelle vertritt. „Prüfet aber alles, das Gute haltet fest“ (1Thes 5,21). – Siehe auch „In eigener Sache ...