Das „Christkind“ steht vor der Tür – Weihnachten aus der Sicht Josephs
Matthäus 1–2; Lukas 1–2

Rainer Imming

© R. Imming, online seit: 01.12.2008, aktualisiert: 27.12.2017

Leitverse: Matthäus 1–2; Lukas 1–2

Einleitung

In schier unendlichen Variationen werden wir es wieder hören in der Adventszeit bis einschließlich Heiligabend: Das „Christkind“ steht vor der Tür. Was in dieser Form eher fremd und süßlich klingt – in Verbindung mit der hemmungslosen Vermarktung gar abstoßend –, haben wir in modernerer Form vielleicht schon selber mal gehört oder anderen gesagt: Christ werden heißt, Christus in das eigene Leben hineinzulassen. Aber was passiert eigentlich, wenn Christus (plötzlich) in unser Leben hineinkommt? Ein romantischer Abend, eine Überschüttung mit Geschenken, ein frommes Schaudern? – Jemand, der dies wie kaum ein anderer Mensch ganz konkret erlebt hat, ist Joseph, der Verlobte und Mann der Maria, von der bekanntlich Jesus Christus geboren wurde. Im Folgenden möchte ich versuchen, Weihnachten aus seiner Sicht zu sehen. Die zugrunde liegenden Texte der Bibel finden wir vor allem im Matthäusevangelium Kapitel 1 und 2 und im Lukasevangelium Kapitel 1 und 2.

Verliebt, verlobt, …

Irgendwann waren sie sich begegnet. Vielleicht hatten die Elternhäuser nach damaliger Sitte auch daran mitgewirkt. Nun waren sie verlobt, Joseph der Zimmermann und Maria. Sie waren beide noch jung (damals waren Eheleute meist noch keine zwanzig Jahre alt), er vermutlich etwas älter als sie. Die weitere Geschichte zeigt, dass sie sich auch echt lieb hatten. Und wie alle Verliebte zu allen Zeiten der Menschheit werden sie ihre Träume und Pläne für das gemeinsame Leben gehabt haben.

Außer ihrer Liebe verband sie noch anderes: Sie stammten beide aus demselben Volksteil Israels, aus dem Stamm Juda, und waren sogar beide Nachkommen des großen Königs David. Dieses „Goldene Zeitalter“, als David und dann sein Sohn Salomo über ein reiches mächtiges Königreich regierten, war aber leider schon fast tausend Jahre vorbei. Jetzt lebte Joseph als eher armer Handwerker in Nazareth, im Norden des Landes, fast ein wenig in der Fremde. Aber die gemeinsame Erinnerung an diese „gute alte Zeit“ wird die Verlobten nicht unberührt gelassen haben. Hatte Gott nicht gesagt, dass es dem David nie an einem Thronfolger fehlen sollte (1Kön 2,4)? – Aber jetzt herrschten mächtige Fremde: Herodes und die Römer.

Doch in Israel gab es seit einiger Zeit eine Bewegung von Menschen, die glaubten, dass der verheißene König, der „Messias“ (oder griechisch „Christus“), bald kommen sollte. Die Fremdherrschaft sei die Folge davon, dass Israel sich nicht an Gottes Gebote gehalten habe. Man solle umkehren, Gott und seine Gebote ernst nehmen, um für den Messias vorbereitet zu sein. Joseph und Maria scheinen mit dieser Bewegung sympathisiert zu haben. Die Sehnsucht vieler auf eine Wende in Israel verband sich mit dem Hoffen und Träumen der verliebten Verlobten.

Ein Kind!

In ihrer Verlobungszeit erfuhr Maria, dass eine Verwandte im vorgerückten Alter ein Kind bekam. Joseph war einverstanden, dass seine Verlobte sie besuchte. Für die mehrtägige Reise von hundert Kilometer oder mehr wird sich Maria vermutlich einer Reisegruppe angeschlossen haben. Sie blieb drei Monate dort und kam dann nach Nazareth zurück. Joseph wird auf die Neuigkeiten aus der Heimat sehr gespannt gewesen sein, mehr noch aber sich auf das Wiedersehen mit seiner Verlobten gefreut haben. Vielleicht hatte er in der Zwischenzeit weitere Vorbereitungen für die baldige Hochzeit treffen können? Doch irgendwann wurde etwas offensichtlich, was alle Pläne über den Haufen warf: Maria war schwanger.

Aus den biblischen Berichten ist nicht zu entnehmen, wann Joseph von seiner Verlobten erfuhr, dass sie ein Kind erwartete, wann sie ihm von der Botschaft des Engels Gabriel berichtete und sicher mit äußerster Intensität betonte, mit keinem Mann zusammen gewesen zu sein. Joseph – wie hat er darauf reagiert? Weise, moderne Menschen spätestens seit der Zeit der Aufklärung im 18. Jahrhundert erklären uns, wie absurd die Jungfrauengeburt sei. Aber liebe Leute, für wie dumm haltet ihr eigentlich Joseph und seine Zeitgenossen? Joseph wusste genauso gut wie wir, dass zum Kinderzeugen zwei gehören. Und darum bricht für ihn nun eine Welt zusammen. Alle Träume, alle Pläne sind zunichte.

Der gerechte Joseph

In dieser Situation beweist Joseph, dass er seine Verlobte wirklich liebt. „Joseph aber, ihr Mann, indem er gerecht war, und sie nicht öffentlich zur Schau stellen wollte, gedachte sie heimlich zu entlassen.“ Joseph kannte zweifellos das mosaische Gesetz genügend genau. Nach 5. Mose 22,23.24 drohte Maria die Steinigung. Nach dem Augenschein war die Situation auch „eindeutig“ genug. Im Prinzip eröffnete 5. Mose 22,25-27 zwar einen Ausweg für Maria: Wenn sie vergewaltigt worden wäre und keine Hilfe in der Nähe war, konnte sie freigesprochen werden. Doch dies hätte eine ausführliche gerichtliche Untersuchung erfordert. Es ist kaum anzunehmen, dass Marias Geschichte von der Verkündigung des Engels bei einem Richter irgendwie entlastend aufgenommen worden wäre.

Doch die Gerechtigkeit Josephs erschöpfte sich nicht in einer mechanischen Anwendung des Gesetzes. Vielleicht hatte er auch wenig Vertrauen in die Gerechtigkeit der Richter seiner Zeit. Andere Texte der Evangelien bezeugen, dass man oft sehr selbstgerecht andere an den Pranger stellte (z.B. Joh 8,2ff.). So suchte er einen Weg, auf dem Maria ihre Aussage über die Botschaft des Engels und ihre Treue zu ihm, dem Verlobten, beweisen konnte. Er gibt ihr eine Chance, will sich dabei aber selber zurückziehen, die Verlobung auflösen. Die Entscheidung fiel ihm nicht leicht. Aber zu unglaublich ist das, was seine geliebte Verlobte ihm erzählte. Zu groß ist die Enttäuschung.

Mehr als ein Traum

In einer dieser Nächte, in der Joseph noch mit sich rang, hatte er einen Traum. Auch zu ihm spricht ein Engel und sagt: „Joseph, Sohn Davids, fürchte dich nicht Maria, deine Frau zu dir zu nehmen.“ Der Engel bestätigt dann den Bericht der Maria und fordert Joseph auf, das Kind „Jesus“ zu nennen, das heißt „Gott ist Rettung“. – Joseph erwacht und tut, was der Engel gesagt hat. Joseph, ein Träumer, einer, der auf nächtliche Einbildungen und Fantastereien sein Leben baut? Eben stand er doch noch mit beiden Beinen auf der Erde. Was hat ihn überzeugt? Was hat ihn bewogen, einer „unglaublichen“ Botschaft Glauben zu schenken?

Es war mehr als ein Traum, wie ihn Joseph und alle anderen Menschen immer mal träumen. Joseph spürte, dass Gott durch den Engel zu ihm geredet hat. Und diese persönliche Botschaft Gottes stand in Übereinstimmung mit dem geschriebenen Wort Gottes, der Bibel, hier einer Prophezeiung des Jesaja. Und die Mitteilung stand auch in Übereinstimmung mit dem, was seine Verlobte Maria erlebt hatte. Diese Übereinstimmungen bewirkten bei Joseph den Glauben und den Mut, die schwangere Maria nicht zu entlassen, sondern sie und vor allem das Kind in sein Leben hineinzulassen.

In der Krippe

Inzwischen war es wohl für alle Bewohner in Nazareth unübersehbar: Maria ist schwanger und zwar so weit fortgeschritten, dass die Ursache vor der Hochzeit liegen muss. Allein das ist ein Skandal! Aber noch skandalöser ist die Behauptung der beiden, sie seien noch nicht zusammengekommen. Jeder Weg in der kleinen Stadt wurde zum Spießrutenlauf. Da war der Befehl, wegen der Volkszählung in die Heimatstadt Bethlehem zu reisen, für Joseph und die hochschwangere Maria fast willkommen. Gemeinsamen machen sie sich auf den Weg und treffen nach einer sicherlich beschwerlichen Reise dort an. Nachdem Joseph das Kind in sein Leben aufgenommen hat, ist der nun beginnende gemeinsame Lebensweg alles andere als ein beschaulicher Sonntagsspaziergang.

In Bethlehem finden sie keine geeignete Unterkunft und müssen schließlich außerhalb der Herberge übernachten. Dort bringt Maria das Kind zur Welt – mangels Hebamme wird Joseph dabei geholfen haben. Maria legt es in Windeln gewickelt in eine Krippe. Diese hat Joseph wohl vorher noch rasch einigermaßen gereinigt und mit irgendwelchem weichen Material ausgelegt. Das Kind schreit wie jedes Kind nach der Geburt. Es sieht aus wie jedes Kind. Und doch ist es ein ganz besonderes Kind. Maria weiß es und Joseph glaubt ihr und den Worten Gottes. Joseph blickt das Kind an, das er bereit war und ist, in sein Leben aufzunehmen, das sein Leben schon jetzt völlig umgekrempelt hat.

Als sie noch verlobt waren, hatte er vielleicht mal davon geträumt, wie das sein wird, wenn er seinen erstgeborenen Sohn im Arm hält. Jetzt liegt das Kind vor ihm … aber es ist nicht sein Kind. Joseph blickt auf Maria, im Raum herum - was ist aus seinen Plänen geworden! Hier im Stall!! Worauf hat er sich nur eingelassen … Plötzlich kommen Leute in den Stall herein. Hirten, das erkennt Joseph sofort. Was wollen sie hier? Ihre Schafe hineintreiben? Nein, sie suchen ein Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend. Joseph fragt, woher sie das wissen. Da berichten sie von den Engeln und dass sie hier den lang ersehnten Retter finden sollen. Jesus – Gott ist Rettung!

Ja, sie haben noch nicht einmal Platz in der Herberge gefunden, aber sie sind doch in der Stadt Davids. Dort sollte nach dem Propheten Micha der Messias geboren werden (Mich 5,1). Nicht nur die Hirten preisen Gott, auch Joseph dankt Gott, dass Er ihn hier im Stall nicht allein gelassen hat, sondern diese Hirten schickt, um seinen Glauben erneut zu festigen. Als sie einige Zeit später nach der damaligen Sitte mit dem Kind nach dem nahe gelegenen Jerusalem in den Tempel gehen, wird Gott ihn weitere Menschen begegnen lassen, die Joseph bestätigen, dass dieses Kind ein besonderes Kind ist. Joseph hat es in sein Leben gelassen. Zuerst, als er seine Verlobte nicht wegsandte, jetzt am „Heiligen Abend“, als es vor ihm liegt. Alles ist anders geworden als jemals geplant. Aber Gott ist bei ihm.

Auf der Flucht

Einige Zeit später, Joseph befindet sich mit Maria und dem Kind in einem Haus in Bethlehem, bekommen sie erneut Besuch. Weise aus dem Morgenland haben einen Stern entdeckt und wollen den König der Juden sehen. Vor dem Kind fallen sie nieder und bringen ihm Geschenke. Joseph ist glücklich und voller Hoffnung. Bricht jetzt bald eine neue Zeit an, in der wieder ein König aus dem Haus Juda über Israel regiert, so wie es in den Schriften verheißen ist? Wie sehr sehnt sich Joseph danach.

Da redet in einem Traum erneut ein Engel zu ihm: Statt Krönungsvorbereitungen für das Kind droht diesem die Ermordung durch Herodes. Joseph soll mit seiner Familie nach Ägypten fliehen. Joseph macht sich noch in derselben Nacht auf die über dreihundert Kilometer weite Reise. Um des Kindes willen wird er zum Flüchtling. Die Ablehnung der Mehrheit und die Verfolgung durch die Herrschenden übertragen sich von dem Kind auf Joseph und Maria. Josephs Leben hat den Radius eines normalen Zimmermannsleben längst verlassen. Das aufgenommene Kind bestimmt sein Leben.

Rückkehr

Auch in Ägypten lässt Gott ihn nicht allein. Eines Tages sagt ihm ein Engel, Herodes sei tot und er könne mit dem Kind und Maria zurückkehren. Joseph glaubt auch diesem Wort Gottes, hat aber auch Angst. Darum kehrt er nicht nach Bethlehem zurück, sondern in das von Jerusalem abgelegenere Nazareth. Er kehrte damit auch dorthin zurück, wo für ihn alles begann, wo er auf Gottes Wort hin bereit war, Jesus, das inzwischen schon etwas herangewachsene Kind, in sein Leben aufzunehmen. Wie würde es weitergehen? Joseph stand zu seinem Entschluss, er hatte Gottes Hilfe ja oft erfahren, aber er hatte auch Angst, denn er ahnte, dass seine Mitmenschen diesem Jesus gegenüber nicht neutral bleiben konnten. Entweder priesen sie Gott für Jesus oder sie lehnten ihn auf das Entschiedenste hab.

In Nazareth werden sie ansässig. Irgendwann bekommen Joseph und Maria auch gemeinsame Kinder (Mt 13,55.56). Es wurde etwas ruhiger um die Familie, wenngleich auch noch genügend Leute lebten, die offen oder hinter ihren Rücken auf Jesus, den Ältesten der Kinder, zeigten und zu wissen meinten, dass damals doch irgendetwas nicht ganz koscher gewesen war. Joseph nahm diesen Spott, der sich auch auf ihn und Maria übertrug, in Kauf, auch wenn es sicher oft wehtat. Den künftigen König in der Familie zu haben, hatte er sich vermutlich anders vorgestellt.

Gesucht und gefunden

Entsprechend ihrer Überzeugung, Gott ernst zu nehmen, zogen Joseph und Maria regelmäßig zu den Festen hinauf nach Jerusalem. Als Jesus zwölf Jahre alt war, nahmen sie ihn mit. Auf der Rückreise vermissten sie ihn und fanden ihn nach längerer Suche schließlich im Tempel im Gespräch mit den Schriftgelehrten. In den Worten Marias: „Kind, warum hast du uns so getan? Siehe dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht“, liegt die ganze Angst, aber auch Erleichterung, die Eltern empfinden, wenn sie in einer großen Stadt ein Kind verloren und wiedergefunden haben. Sie haben dieses Kind, das ihr ganzes Leben völlig veränderte, von ganzem Herzen liebgewonnen. Sie sehen es als ihr Kind an, Joseph als seinen Vater. So vollständig hat Joseph die Aufgabe des Pflegevaters für Jesus übernommen. Mit seiner Antwort bringt Jesus Maria und Joseph in Verwunderung. Ohne Zweifel wusste Joseph immer noch, dass er nicht der wirkliche Vater war. Aber Jesu Worte verstand er trotzdem nicht so richtig.

Das gemeinsame Leben geht weiter. Jesus kehrt mit Joseph und Maria nach Nazareth zurück. Die biblischen Berichte setzen dann erst ca. achtzehn Jahre später fort und dann wird Joseph nicht mehr erwähnt. Die einleuchtendste Erklärung ist, dass er zwischenzeitlich verstorben ist. Joseph hatte wie kein anderer Gottes Mensch gewordenen Sohn, Jesus, aufgenommen. Nun hat Gott ihn zu sich aufgenommen, weil seine Aufgabe als Pflegevater erfüllt ist. Joseph hatte alles miterlebt, was Jesus von Geburt an widerfuhr: Desinteresse, Ablehnung, Spott, Verfolgung, aber auch Lob, Dank und Anbetung. Er hatte vieles noch nicht verstehen können. Er hatte manchmal Angst. Aber er hat seinen Entschluss nie rückgängig gemacht. Joseph ist der einzige Mensch, außer Jesus selbst, der im Neuen Testament mit dem Ehrentitel „Sohn Davids“ angesprochen wird. Er ist einer der ganz großen Gläubigen der Bibel.

Jenseits von Kitsch und Kommerz zeigt uns Josephs Leben Aspekte, an die wir vielleicht selten denken, die aber auch eine Bedeutung für unser Leben haben können, wenn wir Jesus Christus, dessen Geburt man zu Weihnachten gedenkt, in unser Leben hineinlassen. Unser Leben verläuft dann vielleicht nicht in den üblichen Bahnen, aber es führt zum ewigen Leben hin. Darum wünsche ich uns den Glaubensmut des Joseph.

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