Christsein!
Kolosser 3,20; Galater 2,20

James Butler Stoney

© SoundWords, online seit: 08.04.2003, aktualisiert: 12.01.2018

Leitverse: Kolosser 3,2; Galater 2,20

Kol 3,2: Sinnt auf das, was droben ist, nicht auf das, was auf der Erde ist.

Gal 2,20: Ich bin mit Christus gekreuzigt, und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir.

Es ist bekannt, dass in der Christenheit jeder, der ein christliches Bekenntnis trägt, ein Christ genannt wird. […]

Die Wiedergeburt eines Menschen durch Wasser und Geist bezeugt sich in zwei Merkmalen: erstens durch den Glauben an das Werk der Erlösung am Kreuz und zweitens durch den Glauben an den auferstandenen und erhöhten Christus, der das auf dem Menschen lastende Gericht Gottes getragen hat. Sodann durch das Zeugnis des Heiligen Geistes, der dem Menschen die Annahme Gottes in Christus zusichert [„der Geist zeugt mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind“, Röm 8,16]. Die weitere Wirksamkeit des Geistes erweckt das Bewusstsein, dass der Gläubige sich in Christus befindet, er somit von dem Fleisch, welches Gott nicht gefallen kann, befreit ist. Es gibt viele, die wohl an das Werk Christi glauben und sich in gewissem Maße der Errettung durch Gottes Gnade erfreuen, aber dennoch nicht bewusst wissen, dass sie den Geist Gottes empfangen haben (Röm 5,5). Diese haben, bis sie die zweifache Wirksamkeit des Geistes Gottes in sich selbst erfassen, nur wenig Kraft. Daher haben sie auch kein [oder wenn, nur ein schwaches] Bewusstsein ihrer Verbindung mit der Person Jesu Christi. Jener aber, der diesen Dienst des Geistes kennt, kann in Wahrheit sagen: „Ich bin mit Christus gekreuzigt, und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20). Nur wenn dieses aufgenommen und praktiziert wird, empfängt der Christ eine klare Erkenntnis von Christus, dem Sohn des lebendigen Gottes, sowie für den Weg des Glaubens. Hast du auf diese Weise gelernt, dass Christus dein Leben ist? Denn nur so wird Er deinem Herzen in völlig neuer und besonderer Weise wertvoll werden. Zwar ist Er dir bereits durch sein Werk groß geworden, aber ungleich mehr wird Er es dir jetzt durch sein Leben sein, mit dem du nun durch den Geist Gottes bekannt gemacht worden bist.

Solche Erkenntnis erweckt in dir das Empfinden, dass der, dem du alles verdankst, der alles für dich ist, nicht auf dieser Erde ist. Dadurch lernst du wiederum, diese Erde in einem ganz anderen Licht zu sehen – Dinge dieser Erde werden, so gut sie an sich auch sein mögen, ihren Stellenwert verlieren. Paulus schreibt an die Kolosser nicht umsonst: „Sinnt auf das, was droben ist, nicht auf das, was auf der Erde ist“ (Kol 3,2). Der Herr Jesus ist hier verworfen. Gott aber hat Ihn zu seiner Rechten erhöht. Hast du Ihn als dein Leben angenommen, dann wirst du Ihm dorthin folgen – einst buchstäblich und heute im Geist –, wo Er jetzt ist.

Wir lernen hier also, dass der Mensch im Kreuz sein Ende gefunden hat, dadurch von sich selbst als dem alten Menschen befreit ist und nun in Christus vor Gott steht. Sodann haben wir gesehen, dass mich die Annahme seines Lebens auch mit dem Platz seines Lebens verbindet, weil sein Leben nun das meinige ist. Wenn jeder Gläubige diese beiden Dinge tief in sein Herz gefasst hätte, wie würde sich das in unserem Leben und in unserem Verhalten anderen Menschen gegenüber darstellen? Leider haben viele, die wohl an das Werk Christi glauben, nicht das Bewusstsein der Gabe des Geistes Christi. Sie kennen oft nur wenig von der Wichtigkeit der Kreuzigung des alten Menschen [„ich bin mit Christus gekreuzigt“; Gal, 2,20], sehen als weitere Folge nicht, dass die Erde der Schauplatz der Ablehnung und Verwerfung Christi ist, der Himmel aber sein gegenwärtiger Platz ist. Nur wenn wir bewusst von diesem lebendigen Wasser getrunken haben, werden wir auch die Macht und die Kraft des Geistes kennenlernen – dann werden aus uns selbst Ströme lebendigen Wassers fließen (Joh 7,38) und der Geist würde ungehindert in uns wirken. Wohl mögen solche wissen und mit ziemlicher Gewissheit bezeugen, dass sie allein aufgrund des Werkes Christi vor Gott bestehen, doch sie haben keinen wahren Frieden. Sie haben keinen Begriff davon, dass der Sünder im Kreuz – zur Ehre Gottes – vollständig hinweggetan ist. Sie erfreuen sich nicht der Tatsache, dass der alte Mensch vor dem Angesicht Gottes mit Christus gekreuzigt ist und dass sie nun vor Gott in Liebe stehen, befreit vom alten Menschen, welcher Gott nicht gefallen kann. „Das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat mich freigemacht von dem Gesetz, der Sünde und des Todes.“

Oftmals kann man heute beobachten, dass Christen nun das alte Gesetz zur Richtschnur ihres Lebens machen, weil sie den Herrn nicht wirklich als ihr Leben kennen. So haben denn auch viele kirchliche Organisationen das mosaische Gesetz als Grundlage für das Verhalten des Menschen übernommen. Dies führte dann dazu, dass die Anstrengungen vieler ernsthafter Christen darauf gerichtet wurden, Christus auf dieser Erde aus eigener Kraft heraus zu ehren, statt zu erkennen, was Christus zum einen für uns getan hat und zum anderen, was für eine neue Kraftquelle uns durch sein Leben in der Kraft des Heiligen Geistes zuteilgeworden ist. Zu oft wurde in der Christenheit durch große Kirchen, imposante Gebäude oder gar durch angemaßte Autorität bestimmter Persönlichkeiten mehr die äußerliche Machtentfaltung und Zurschaustellung gesucht, anstatt das neue Leben in der Kraft des Geistes wirken zu lassen. Das Streben nach Macht und Anerkennung ist nie die Gesinnung des Herrn gewesen, sie stimmt jedoch mit der Gesinnung des Antichristen überein.

Es ist fast unbegreiflich, wie gottselige Männer mit der Bibel in der Hand nicht einsehen wollen, dass Christus auf dieser Erde verworfen und als Antwort darauf von Gott mit höchster Ehre im Himmel gekrönt wurde. Die Verleugnung des einen schließt die Verleugnung des anderen ein. Ist Christus nicht verworfen, dann hat jeder Gläubige die Freiheit, für sich Rechte auf dieser Erde zu behaupten. Wir sehen klar, dass nicht allein der Glaube an das Werk Christi zur Errettung der Seele einen Christen ausmacht. Ein Christ ist ein Bestandteil Christi, wie der Zweig ein Teil des Baumes ist. Du bist Christus nicht ebenmäßig als allein in seinem Leben durch die Kraft des Heiligen Geistes. Hast du nicht den Geist Christi, so bist du nicht sein.

Hat ein Gläubiger begriffen, dass Christus sein Leben, aber dieses Leben nicht hier ist, sondern „verborgen mit dem Christus in Gott“, dann sucht er als lebendiger Stein in seine Gemeinde zu kommen, wo er Christus, erhaben über alle Macht des irdischen Bösen, in all seiner göttlichen Größe, dem Allerheiligsten, begegnet. Es ist die Gemeinde, die nach Matthäus 16 Christus baut und nicht der Mensch und die uns nach 1. Petrus als ein „geistliches Haus“ dargestellt wird. Es ist seine Gemeinde, die von allen denen gebildet wird, die der Vater Ihm gegeben hat, die seiner eigenen Natur teilhaftig geworden sind und so im Einklang mit seinen Gedanken stehen. Hier, auf diesem von der Welt abgesonderten Platz, lernt der Christ die alle Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus und seine Interessen verstehen, und wird tüchtig gemacht, in ihrem Wandel „die Tugenden dessen zu verkündigen, der uns berufen hat aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht“.

Ein Gläubiger, der sich wohl der Errettung erfreuen mag, aber über die Erkenntnis des am Kreuz vollbrachten Werkes Christi hinaus nur wenig Fortschritte macht, hat seinen Platz in der Gemeinde Jesu Christi noch nicht wirklich gefunden und infolgedessen auch keine Erkenntnis von Christi gegenwärtigen Gedanken und Interessen auf dieser Erde, sondern er bleibt gebunden an ein äußeres, sichtbares Kirchensystem und ist beschäftigt mit dessen amtlichen Verordnungen und Einrichtungen. Je mehr er sich solchen kirchlichen Gebilden oder anderen ähnlichen religiösen Organisationen hingibt, desto mehr eifert er um die Aufrechterhaltung von äußerlichen Satzungen, die dem Leben des Herrn Jesus völlig fremd sind, denn dort treten Ämter und dergleichen in den Vordergrund, aber nicht Gaben. Letztere kommen allein und direkt vom Haupt durch den Geist und dienen allesamt zur Ehre des Herrn Jesus. […]


Originaltitel: „Ein Christ!“
aus Der Dienst des Wortes, Jg. 8, 1930, S. 33–37


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