Geistliches Wachstum (2)
Geistliches Erwachsensein

Willem Johannes Ouweneel

© Bode, online seit: 28.02.2002, aktualisiert: 08.10.2016

Geistliches Erwachsensein

In welche Richtung geht das geistliche Wachstum? Was ist das Endziel des Erwachsenwerdens? Dazu wollen wir einmal das Wort „erwachsen“ im NT ansehen. Es ist die Übersetzung des griechischen Wortes teleios, das auch oft mit „vollkommen“ übersetzt wird. Das Wort ist abgeleitet von einem Zeitwort, das u.a. so viel bedeutet wie: „vollenden“, „zu Ende führen“, „ans Ziel bringen“. Wer „erwachsen“ oder „vollkommen“ ist, hat ein bestimmtes Ziel (gr.: telos) erreicht. Das Ziel muss nicht immer mit geistlichem Wachstum zusammenhängen; tatsächlich wird teleios für drei ganz verschiedene Dinge gebraucht, und nur eines davon ist geistliches Wachstum. Darum sehen wir zuerst auf die beiden anderen Bedeutungen.

In Hebräer 10,14 lesen wir: „Denn durch ein Opfer hat er für immer die vollkommen gemacht, die geheiligt werden.“ Dieser Vers steht im Gegensatz zu Hebräer 9,9, wo die Rede ist von „Gaben und Schlachtopfern“, „die dem Gewissen nach den nicht vollkommen machen können, der den Gottesdienst übt“, und zu Hebräer 10,1, wo von dem Gesetz gesagt wird, dass es „mit denselben Schlachtopfern … die Hinzunahenden niemals vollkommen machen kann“. Dies ist eine Form der „Vollkommenheit“, die nichts mit geistlichem Wachstum zu tun hat. Im Gegenteil: In dem Augenblick, dass jemand zum Glauben kommt, ist er bereits „vollkommen“ in dieser Bedeutung: Ein für alle Mal sind seine Sünden vergeben, er wird niemals ins Gericht kommen, denn das Gericht wurde durch Christus getragen. Der Gläubige ist ein Kind Gottes geworden, er ist vom ersten Augenblick seines Glaubenslebens an passend für den Himmel (vgl. Kol 1,12). Wenn er auch sein Leben lang ein Baby im Glauben bleiben würde, dann wäre das wohl tief bedauerlich, aber wenn er wirklich ein Kind Gottes ist, ist er trotzdem für ewig gerettet. Dies ist also eine Vollkommenheit, der nichts hinzuzufügen bleibt. Wer wiedergeboren ist, ist unmittelbar passend für den Himmel.

Das ist die erste Bedeutung von teleios. Wir überspringen eben die zweite und kommen zur dritten Bedeutung. Das ist die „Vollkommenheit“, die wir erst erreichen werden, wenn wir bei Christus in der Herrlichkeit sind. Davon sagt Paulus: „Nicht dass ich es schon ergriffen habe oder schon vollendet sei; ich jage ihm aber nach, ob ich es auch ergreifen möge … Ich jage zu dem Kampfpreis der Berufung Gottes nach oben in Christus Jesus.“ Aber er sagt dann direkt dahinter: „So viele nun vollkommen sind, lasst uns also gesinnt sein; und wenn ihr etwas anders gesinnt seid, so wird euch Gott auch dieses offenbaren“ (Phil 3,12-15). Hier gebraucht er das Wort teleios innerhalb weniger Verse in zwei verschiedenen Bedeutungen: zuerst im Sinn der Vollkommenheit, die wir erst erreichen, wenn wir „das Ziel der himmlischen Berufung Gottes“ erreicht haben, dann aber im Sinn von geistlich erwachsen! Die erste der zwei Bedeutungen kommt im NT nicht so oft vor. Wohl finden wir in Hebräer 11,40 und 12,23 noch den Begriff „Vollkommenheit“, der dort auf die Auferstehung hinzuweisen scheint. Diese Bedeutung des Begriffes „vollkommen“ ist nicht schwer zu verstehen. Wir werden erst wirklich vollkommen sein, wenn wir die ewige Glückseligkeit erreicht haben. Dann werden wir das Fleisch nicht mehr an uns tragen, das uns hier auf der Erde noch immer zur Sünde verleiten kann. Und wir werden dann auch den vollkommenen Auferstehungsleib besitzen und daher befreit sein von allen leiblichen Beschwerden durch Schmerzen und Altwerden.

Insgesamt finden wir also drei Bedeutungen des Begriffes „vollkommen“. Zum Ersten sind wir vollkommen, das heißt erlöst von Sünden und passend für den Himmel, vom Augenblick unserer Bekehrung an. Als Zweites – und darum geht es uns jetzt – bedeutet „vollkommen“ auch das Endziel unseres geistlichen Wachstums. Drittens werden wir vollkommen sein im Himmel, das heißt erlöst von unserer alten Natur und vom sterblichen Leib. Wenn teleios diese Bedeutung hat, können wir es auch mit dem Wort „erwachsen“ wiedergeben.

Seid vollkommen

Wir wollen jetzt zuerst fünf Schriftstellen ansehen, wo teleios zwar in Verbindung steht mit „Erwachsensein“, aber wo die Botschaft des geistlichen Wachstums weniger im Vordergrund steht. In anderen Texten ist das viel deutlicher; die werden wird anschließend besprechen. Der erste von diesen Texten ist Matthäus 5,48: „Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.“ Das ist ein Auftrag des Herrn Jesus an seine Jünger. Wenn es um die beiden anderen Bedeutungen von teleios geht, kann niemals von einem Auftrag die Rede sein. Einerseits ist jeder Wiedergeborene schon „vollkommen“ im Sinn von „geeignet für den Himmel“; das braucht man ihm also nicht mehr aufzutragen. Andererseits wird der Wiedergeborene auf der Erde niemals „vollkommen“ werden im Sinn von „befreit von der sündigen Natur und dem sterblichen Leib“; das braucht man ihm also auch nicht aufzutragen. Nein, es gibt nur eine Bedeutung von teleios, die einen Auftrag beinhaltet: „Werdet geistlich erwachsen!“ Unser himmlischer Vater ist vollkommen in seinem Wesen. Dieses vollkommene Wesen soll im Leben des Jüngers widergespiegelt werden. Das geht nicht von selbst, denn sonst brauchte es dem Jünger nicht aufgetragen werden. Nein, er soll wirklich danach streben, dieses Bild von Gott widerzuspiegeln. Er soll „vollkommen“ im Sinn von „erwachsen“ werden, und daher soll er nach geistlichem Wachstum jagen.

Zu dem reichen jungen Mann sagte der Herr Jesus: „Wenn du vollkommen sein willst, so gehe hin, verkaufe deine Habe und gib den Armen, und du wirst eine Schatz im Himmel haben; und komm, folge mir nach“ (Mt 19,21). Tatsächlich war dieser junge Mann, so müssen wir annehmen, noch nicht einmal wiedergeboren. Doch deutet der Herr ihm gegenüber an, was echte Jüngerschaft beinhaltet. Wahrer Gottesdienst ist nicht nur ein (äußeres) Einhalten einer Anzahl von Geboten (Mt 19,20). Worum es geht, ist Vollkommenheit, das ist vollkommen wahre, völlige Hingabe an Gott und seinen Christus, von innen aus dem Herzen heraus, die sich dann auswirkt in allen unseren Worten und unserem Verhalten. Auch der frisch Bekehrte muss dabei noch viel lernen. Was das betrifft, beinhaltet diese „vollkommene“ Jüngerschaft doch auch wieder ein Element des geistlichen Wachstums. „Jünger“ bedeutet nämlich „Lehrling“.

In Galater 3,3 sagt Paulus: „Seid ihr so unverständig? Nachdem ihr im Geiste angefangen habt, wollt ihr jetzt im Fleisch vollenden [andere übersetzen: vollkommen werden]?“ Es kann sein, dass „vollkommen werden“ hier im Gegensatz zu „anfangen“ steht und deshalb einfach „beenden“ bedeutet. Aber es scheint mehr auf der Hand zu liegen, an die stärkere Bedeutung „vollkommen (gemacht) werden“ zu denken. Paulus meint das natürlich in einem ironischen Sinn, mit Anspielung auf die Irrlehrer, die den Galatern weismachten, dass sie einen „vollkommeneren“ Weg als den, den Paulus sie gelehrt hatte, kennenlernen würden, wenn sie sich unter die Autorität des Gesetzes stellen würden. Wie viel „vollkommener“ wird das Christenleben, wenn man neben allem typisch Christlichen auch noch die jüdischen Speisevorschriften, die reichen jüdischen Festtage, die jüdischen Riten und Zeremonien kennenlernt … Hier geht es also um ein falsches Bild des geistlichen Erwachsenseins: Der judaistische Christ soll angeblich „vollkommener“ sein als der nicht-jüdisch beeinflusste Christ.

In Kolosser 4,12 sagt Paulus: „Es grüßt euch Epaphras, … der allezeit für euch ringt in den Gebeten, auf dass ihr stehet vollkommen und völlig überzeugt in allem Willen Gottes.“ Etwas Ähnliches finden wir in Jakobus 1,4: „Das Ausharren habe ein vollkommenes Werk, auf dass ihr vollkommen und vollendet seid.“ Wie in Matthäus 5,48 geht es hier um den Wunsch oder Befehl, dass die Gläubigen „vollkommen“ sein sollen. Das bedeutet also so viel wie einen Auftrag, „geistlich“ zu sein oder „heilig“ zu sein in ganz praktischem Sinn oder das Bild von Gottes Wesen darzustellen usw. Das alles sind Dinge, die geistliches Wachstum erfordern. In allen diesen Fällen könnte man den Wunsch oder Auftrag wiedergeben mit: „Wachse!“, so wie in 2. Petrus 3,18: „Wachset in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus.“ – „Seid vollkommen“ bedeutet: „Seid (oder: werdet) erwachsen.“

Werdet erwachsen

Das führt uns zu Schriftstellen, in denen die Botschaft des geistlichen Wachstums deutlicher im Vordergrund steht. So sagt Paulus in 1. Korinther 14,20: „Brüder, werdet nicht Kinder am Verstande, sondern an der Bosheit seid Unmündige, am Verstande aber werdet Erwachsene.“ Paulus stellt hier die „Erwachsenen“ den „(kleinen) Kindern“ gegenüber. Gläubige müssen es sich abgewöhnen, auf Dauer wie kleine Kinder zu denken, wie es Paulus kurz vorher in 1. Korinther 13,11 sagt: „Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind, urteilte wie ein Kind; als ich ein Mann wurde, tat ich weg, was kindisch war.“ Dort soll es hingehen! Wenn jemand gerade zum Glauben gekommen ist, ist er noch ein Baby, und es ist nicht schlimm, wenn er sich noch wie ein Baby im Glauben verhält. Aber das kann nicht immer so weitergehen. Das Baby soll ein Krabbelkind, das Krabbelkind ein Jugendlicher, der Jugendliche ein junger Mann, der junge Mann ein Erwachsener werden. Gläubige können und dürfen nicht immer weiter so denken wie frisch Bekehrte; sie sollen in ihren Überlegungen erwachsen werden. In 1. Korinther 14 sagt Paulus dies in Bezug auf den Gebrauch, den die Korinther von der Zungenrede machten. Sie gingen mit der Gabe auf eine kindliche, um nicht zu sagen kindische Weise um. Paulus sagt dazu gleichsam: Denkt doch nach! Hört doch mal auf, wie Kinder zu denken! Ihr sollt in eurem Denken erwachsen werden!

Schon früher in seinem ersten Brief an die Korinther hatte Paulus etwas Ähnliches gesagt, nämlich in 1. Korinther 2,6: „Wir reden aber Weisheit unter den Vollkommenen“, oder, wie man es auch übersetzen kann: „unter den Erwachsenen“. In einem bestimmten Sinn ist die Weisheit, über die er hier spricht und über die wir schon früher sprachen, natürlich für alle Gläubigen gedacht. Aber in der Praxis steht man für diese Weisheit umso mehr offen, je mehr man geistlich erwachsen ist. Dass das hier offensichtlich der Sinn ist, zeigt sich aus 1. Korinther 3,1.3: „Und ich, Brüder, konnte nicht zu euch reden als zu Geistlichen, sondern als zu Fleischlichen, als zu Unmündigen in Christus. Ich habe euch Milch zu trinken gegeben, nicht Speise; denn ihr vermochtet es noch nicht, aber ihr vermöget es auch jetzt noch nicht, denn ihr seid noch fleischlich.“ Paulus nimmt es hier den Korinthern übel, dass sie sich noch immer wie kleine Kinder verhielten, die noch keine feste Nahrung vertragen können. Darum standen sie auch nicht völlig offen für die „Weisheit“, über die Paulus hier spricht. Es gibt Nahrung für Babys im Glauben, aber es gibt auch Nahrung für die geistlich Erwachsenen, eine Nahrung, an der die Babys noch kein Interesse haben, oder die sie noch nicht vertragen können.

Es war natürlich der große Wunsch des Apostels, dass die Gläubigen erwachsen würden, damit sie diese bessere Nahrung auch zu sich nehmen könnten! Die Nahrung hat doch zu tun mit „dem Herrn der Herrlichkeit“ (1Kor 2,7). Ein Zeichen des geistlichen Erwachsenseins ist, dass erwachsene Christen erfüllt sind von Christus und sein Bild in dieser Welt darstellen. Sie stellen nicht mehr sich selbst dar, wie es fleischliche Gläubige gern tun oder wie die Korinther es taten, die mit ihrer Zungenrede prahlten. Das ist jedenfalls ein Zeichen geistlicher Unreife. Wer erwachsen ist, ist nur noch voll von Christus, und an dem Erwachsenen ist nur noch Christus zu sehen. Darauf war der Dienst von Paulus gerichtet: „… Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit. Ihn verkündigen wir, indem wir jeden Menschen ermahnen und jeden Menschen lehren in aller Weisheit, auf dass wir jeden Menschen vollkommen in Christus darstellen“ (Kol 1,27.28).

Mit anderen Worten: Paulus verkündigte Christus, nicht allein an Ungläubige, sondern auch an Gläubige, damit diese erwachsen würden in Ihm. Sieh einmal auf das strahlende Bild, das Paulus von seinem Herrn zeichnet im ganzen Kapitel Kolosser 1! Wie viel „Geschmack“ hat der Gläubige für dieses Bild entwickelt? Wie viele Christen gibt es doch, die ausschließlich auf ihre irdischen Segnungen gerichtet sind, auf ihre Gaben und Talente, auf ihre eigenen Aktivitäten für den Herrn, und so wenig auf den Herrn selbst. Das ist geistlich unreif. Der ausgewachsene Christ ist nicht mehr auf sich selbst gerichtet, sondern auf Christus gerichtet; das ist es, was Paulus in 1. Korinther 3,1-3 „fleischlich“ bzw. „geistlich“ nennt.

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Übersetzt aus Bode van het heil in Christus, Vaassen, NL, Jg. 140, Nr. 7/8, Juli/August 1997, S. 150–154

Übersetzung: Frank Schönbach

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