Geistliches Wachstum (1)
Wie werde ich von einem Baby zu einem Erwachsenen?

Willem Johannes Ouweneel

© SoundWords, online seit: 22.02.2002, aktualisiert: 24.01.2018

Einleitung

Mehrmals habe ich in meinem Leben Einführungen und Bibelvorträge über „Geistliches Wachstum“ gehalten. In den vergangenen Monaten wurde ich plötzlich auffallend oft mit diesem Thema konfrontiert. Unter anderem deswegen habe ich mich auch selbst wieder einmal intensiv damit beschäftigt. Ich betrachte mich selbst bestimmt nicht als einen großen Spezialisten auf diesem Gebiet, oder als „Vater“, der es den „Kindern“ eben mal auslegen kann, wie es damit aussieht (vgl. 1Joh 2,13.14). Zwar kann ich guten Gewissens sagen, dass in den vergangenen zehn Jahren sehr viel mit mir passiert ist, sowohl in meinem persönlichen Leben als auch im Leben der Gemeinden, in denen ich mich bewege. Die Erfahrungen haben sicher zu einem Stück geistlichen Wachstums bei mir selbst beigetragen. Trotzdem bleibt es eine schwierige Aufgabe, etwas Verständliches über geistliches Wachstum zu sagen, weil man niemals darüber sprechen kann wie über einen Prozess, der bei einem selbst inzwischen beendet ist. Ob man nun fünfundzwanzig, fünfzig oder fünfundsiebzig Jahre alt ist, der Prozess des geistlichen Wachstums hört nie auf. Aber das braucht glücklicherweise keine Entmutigung zu sein, um nicht doch auf jeden Fall mit dem geistlichen Wachstum zu beginnen oder zumindest darüber nachzudenken.

Zu jung, um zu wachsen?

Es laufen eine große Anzahl Menschen herum, die sich mit Fragen der Heilsgewissheit herumschlagen. Wie oft geschieht es sogar, dass Menschen erst auf ihrem Sterbebett echten Frieden mit Gott finden. Weil das so oft passiert, hat sich bei manchen nach und nach der Gedanke eingenistet, dass es auch so sein muss. Verhaltensmuster haben die Neigung, zu Gesetzen zu werden. In manchen Kirchen ist es so, dass, wenn man als junger Mann oder junge Frau zu erkennen gibt, dass man bekehrt ist, man zu hören bekommt: Dazu bist du noch viel zu jung, das kann gar nicht sein; dafür hast du noch nicht genug erlebt, hast du zu wenig das Elend kennengelernt, bist du zu wenig durch Tiefen gegangen. Wer tatsächlich der Meinung ist, dass bestenfalls in höherem Lebensalter so etwas wie Glaubensgewissheit zustande kommen kann, ja, der kann vom geistlichen Wachstum eigentlich sehr wenig begreifen. Diese Sorte Menschen ringt, um es einmal so auszudrücken, immer nur mit der Frage: Wie werde ich von einem Embryo zu einem Kind? Die Frage, um die es wirklich geht, nämlich wie man von einem Kind zu einem Erwachsenen werden kann, kommt auf diese Weise niemals an die Reihe. Glaubensgewissheit zu bekommen, ist nicht das große Ziel im Leben; es ist nur ein Mittel, um zum eigentlichen Ziel zu kommen. Es bedeutet einfach, geistlich geboren zu werden oder die Sicherheit zu haben, dass man wiedergeboren ist. „So viele Ihn aber aufnahmen, denen gab er das Recht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben; die … aus Gott geboren sind“ (Joh 1,12.13). „Jeder, der glaubt, dass Jesus der Christus ist, ist aus Gott geboren“ (1Joh 5,1). Wenn man wirklich den Herrn Jesus angenommen hat, darf man es endlich sicher wissen: Ich bin ein Kind Gottes. Und das ist natürlich eine große Freude, vor allem wenn man erst in höherem Lebensalter zu dieser Gewissheit kommt.

Ich habe gemerkt, dass es für viele eine große Überraschung ist, dass es danach auch noch so etwas wie geistliches Wachstum gibt. Sie sind so froh, dass sie das gewaltige Ziel der Glaubensgewissheit erreicht haben, dass nach ihrer Auffassung der Herr Jesus jetzt eigentlich sofort wiederkommen könnte. Den Rest ihres Lebens betrachten sie dann höchstens als eine Art Vorraum des Himmels. Sie verbringen die Zeit des Wartens auf den Himmel tatsächlich sehr nützlich, indem sie z.B. evangelisieren. Aber das Thema „Geistliches Wachstum“ bedeutet sehr wenig für sie, nicht etwa weil sie es nicht wollen, sondern weil sie noch nie sehr viel darüber gehört haben.

Vor nicht so langer Zeit hörte ich einen Prediger, der den Eindruck erweckte, dass man, wenn man seiner Errettung sicher ist, ein erwachsener Gläubiger ist. Ich habe versucht, ihm auszulegen, dass es doch sehr gut sein kann, dass man, wenn man auch seiner Errettung sicher ist, immer noch den Glauben eines kleinen Kindes hat. Danach benötigt man dann einen guten Teil seines Lebens, um durch geistliches Wachstum ein erwachsener Gläubiger zu werden. Niemand, der gerade eben zur Glaubensgewissheit gekommen ist, hat einen erwachsenen Glauben. Der Glaube muss aufgebaut werden. Das ist das Thema dieses Artikels.

Zuerst will ich versuchen, etwas begreiflicher zu machen, was denn eigentlich die Bedeutung des geistlichen Wachstums ist. Ich will das versuchen, indem ich aufzeige, was geschieht, wenn man nicht wächst. Ich beschreibe dir sieben Erkennungszeichen eines unreifen Christen. Geh einmal anhand dieser sieben Punkte für dich selbst der Frage nach, wie es mit deinem geistlichen Wachstum steht.

Der kindische Christ

Paulus macht den Korinthern deutlich, dass sich manche von ihnen noch kindisch verhielten und dass sie das ablegen sollen: „Brüder, werdet nicht Kinder am Verstande, sondern an der Bosheit seid Unmündige, am Verstande aber werdet Erwachsene“ (1Kor 14,20). Wenn jemand sich schon unbedingt wie ein kleines Kind aufführen will, dann soll er ein kleines Kind in der Bosheit sein. Das soll heißen: Er soll ein Einfältiger (Unwissender) sein, wenn es um schlechte Dinge geht. Aber demgegenüber: „Werdet Erwachsene am Verstand“ (andere übersetzen: in euren Überlegungen).

In welchem Zusammenhang steht diese Ermahnung? Es gab Gläubige in Korinth, die die Gabe des Zungenredens hatten. Darüber waren sie kindisch erfreut, so froh, dass, wenn die Gemeinde zusammen war, jeder hören musste, dass sie in Zungen sprechen konnten. Oft verstand niemand das Gesprochene und konnte niemand es übersetzen, aber das machte den Zungenrednern offenbar nichts aus. Sie fanden es schon toll, dass die anderen Gläubigen hören konnten, dass sie diese Gabe besaßen. Paulus nennt ein solches Verhalten „kindisch“, „unreif“. Wir würden sagen: „infantil“ [auf kindlicher Entwicklungsstufe stehen geblieben].

Es geht mir in diesem Augenblick nicht darum, die Gabe des Zungenredens zu besprechen. Es geht mir darum, dass, wenn man etwas vom Herrn empfangen hat, man damit auf eine kindische Weise umgehen kann. Man kann, wie das hier bei den Korinthern der Fall war, zu sehr von sich selbst und seinen Talenten erfüllt sein. Wenn man gerade erst zum Glauben gekommen ist, ist diese Art von Verhalten natürlich nicht so schlimm. Man kann als kleines Kind nun einmal nicht alles sofort begreifen. Es gibt wohl Gläubige, die das denken; sie finden, dass man, wenn man gläubig geworden ist, sofort alles begreifen muss. Das sagen sie nicht laut, aber sie verhalten sich so.

Mir kam eine Begebenheit zu Ohren von einem Ältesten in einer Gemeinde. Dieser sagte zum Prediger, der einen jungen Mann taufen wollte, der erst kürzlich zum Glauben gekommen war: „Du kannst diesen jungen Mann nicht taufen; wenn du ihn doch taufst, gebe ich nicht länger meinen Zehnten ab.“ Der Leiter fragte ihn nach den Gründen. Die Antwort lautete: „Ich habe gestern gesehen, dass er rauchte.“ Da antwortete der Leiter: „Hör mal gut zu, lieber Bruder. Dieser junge Mann ist vor einer Woche zur Bekehrung gekommen. Muss er jetzt schon alles wissen und begreifen?“ Stärker noch: Er machte diesem Ältesten vorsichtig deutlich, dass sein Betragen – das Drohen mit dem Zurückhalten des Zehnten – in gewissem Sinn infantiler war als das des jungen Mannes, eben weil der Älteste eigentlich so viel reifer sein müsste. Es geht mir hier nicht ums Rauchen – obwohl man es tatsächlich besser nicht tun sollte –, sondern um das, was dieser Vorfall illustriert. Dieser Jüngere war erst eine Woche lang ein Kind Gottes, und doch wurde schon von ihm verlangt, dass er sich verhalten sollte wie ein Erwachsener. Ist es denn nicht ein bisschen kindisch, mit dem Einbehalten des Zehnten zu drohen? Wie unbarmherzig können wir doch urteilen über „neugeborene“ Kinder Gottes. Das ist wirklich kindisch. Wir müssen Menschen die Gelegenheit geben, zu wachsen.

Man „darf“ jung sein

Meine Frau und ich haben bis jetzt vier Enkelkinder. Eines von ihnen ist zweieinhalb Jahre alt und kann jetzt alleine essen. Sie ist an sich ziemlich sauber, und man kann sehen, dass sie es selbst auch ärgerlich findet, wenn sie das ganze Essen herunterkleckert. Aber sie kann es einfach noch nicht so gut. Stell dir jetzt einmal vor, ihr Vater würde sie anfahren und zu ihr sagen: Was bist du doch für ein dummes Kind. Du bist nun schon zweieinhalb Jahre auf dieser Erde und kannst noch nicht mal anständig essen. Das wäre natürlich ein ganz dummer Vater. Aber es ist unglaublich, zu sehen, wie oft auf geistlichem Gebiet so zu Gläubigen geredet wird. Ich würde lieber sagen: Wenn du gerade erst bekehrt bist, darfst du dich kindisch betragen! Du brauchst nicht sofort „groß“ zu sein. Aber die andere Seite ist: Wenn du schon zehn Jahre bekehrt bist und du bist immer noch so erfüllt von dir selbst, dann gibt es wohl Grund zur Sorge! Im Weiteren werden wir Beispiele dafür sehen.

Bist du erst gerade bekehrt, dann ist es also wirklich kein Problem, wenn du dich wie ein Kind verhältst, genauso wenig wie man es einem Kind übelnehmen kann, dass es ein Baby ist, wenn es gerade geboren wurde. Wenn du aber nach Jahren immer noch ein Baby bist, läuft etwas ganz verkehrt. Man hört zwar manchmal Mütter über ihre kleinen Kinder sagen: „Wenn er/sie doch immer so bleiben könnte.“ Stell dir mal vor, der Himmel würde dieses „Gebet“ erhören! Nach drei Jahren ist das Kind noch immer ein Krabbelkind und nach sechs Jahren genauso. Das Kind muss in die Schule, die Schulbehörde fragt sich, wo das Kind bleibt, und was zeigt sich? Es ist noch immer ein Krabbelkind. Dann würden wir uns doch große Sorgen machen! Was aber im normalen Leben die gewöhnlichste Sache der Welt ist, nämlich dass Kinder wachsen, ist leider im geistlichen Leben überhaupt nicht so selbstverständlich. Nicht nur Jungbekehrte, sondern auch Gläubige, die schon seit langer Zeit bekehrt sind, zeigen sich immer noch sehr erfüllt von sich selbst so wie die Korinther, die so gerne in Zungen sprachen, obwohl sie niemand verstand. Paulus drängt darauf, dass sie vielmehr die Gaben ausüben sollen, die zur Erbauung der anderen Gläubigen dienen. Ja genau: Auf andere Rücksicht zu nehmen, ist eines von vielen Dingen, die Gläubige lernen müssen.

Beeinflussbare Christen

Neubekehrte sind leicht beeinflussbar. Man kann ihnen alles einreden. Wir lesen in Epheser 4,13.14: „… bis wir alle hingelangen zu der Einheit des Glaubens und zur Erkenntnis des Sohnes Gottes, zu dem erwachsenen Manne, zu dem Maße des vollen Wuchses der Fülle des Christus; auf dass wir nicht mehr Unmündige seien, hin- und hergeworfen und umhergetrieben von jedem Winde der Lehre, durch die Betrügerei der Menschen, durch ihre Verschlagenheit zu listig ersonnenem Irrtum.“ Aus Vers 13 wird deutlich, was das positive Ziel alles geistlichen Wachstums ist: Christus ähnlich zu werden; darauf kommen wir noch ausführlich zurück. Aber das Negative des Mangels an geistlichem Wachstum ist, dass die „Unmündigen“ so empfänglich sind für allerlei Lehren, die eben drohen, sie von Christus wegzuführen. Wie Paulus den Kolossern schreibt: „Sehet nun zu, dass nicht jemand sei, der euch als Beute wegführe durch die Philosophie und durch eitlen Betrug, nach den Elementen der Welt und nicht nach Christus“ (Kol 2,8).

Kleine Kinder haben noch kein Unterscheidungsvermögen, sie wissen noch nicht, was gut und was schlecht für sie ist. Dafür sind sie eben Kinder. Aber wenn Gläubige schon zehn, zwanzig Jahre bekehrt sind und sich noch immer von jedem Wind umdrehen lassen, dann ist das ein deutliches Zeichen der Unreife. Sie sind Kinder im Glauben geblieben, und das kann ihnen auf jeden Fall angelastet werden. Dass Neubekehrte leicht beeinflussbar sind, ist vollkommen begreiflich und kann ihnen nicht übelgenommen werden. Dass lange Bekehrte manchmal auch noch so leicht beeinflussbar sind, ist nicht zu begreifen und muss ihnen wohl übelgenommen werden. Die Christen in Galatien waren aber keine Neubekehrten mehr; darum konnte Paulus zu Recht schreiben: „Ich wundere mich, dass ihr so schnell von dem, der euch in der Gnade des Christus berufen hat, zu einem anderen Evangelium umwendet, welches kein anderes ist“ (Gal 1,6.7). Ein anderes Beispiel finden wir in 2. Petrus 3,17: „Ihr nun, Geliebte, da ihr es vorher wisst, so hütet euch, dass ihr nicht, durch den Irrwahn der Ruchlosen mitfortgerissen, aus eurer eigenen Festigkeit fallt. Wachset aber in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn und Heilands Jesus Christus.“ Was ist das Heilmittel gegen ein Mitgerissenwerden durch allerlei Irrlehren von gottlosen Menschen? Das ist keineswegs zuerst eine intellektuelle Aufgabe, wie es manche wohl denken könnten. Nein, das Heilmittel ist dieses: Wachsen in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn und Heilands Jesus Christus! Je mehr man den Herrn Jesus kennt, je mehr man mit seiner Gnade vertraut ist, desto fester steht man auf seinen Füßen.

Der nicht-unterscheidende Christ

Ein drittes Kennzeichen des unreifen Christen hängt eng mit dem zweiten zusammen: Mangel an Unterscheidungsvermögen. Geistliches Unterscheidungsvermögen ist ein Zeichen des Erwachsenseins, und das nicht nur, wenn es um Irrlehren geht, sondern gerade auch positiv. Es geht um Unterscheidungsvermögen im Allgemeinen: Wie sollen wir leben? Was ist Gott wohlgefällig und was nicht? Was ist das Gute und was das Böse?

In Hebräer 5,11-14 lesen wir: „… weil ihr im Hören träge geworden seid. Denn da ihr der Zeit nach Lehrer sein solltet, bedürfet ihr wiederum, dass man euch lehre, welches die Elemente des Anfangs der Aussprüche Gottes sind; und ihr seid solche geworden, die der Milch bedürfen und nicht der festen Speise. Denn jeder, der noch Milch genießt, ist unerfahren im Worte der Gerechtigkeit, denn er ist ein Unmündiger; die feste Speise aber ist für Erwachsene, welche vermöge der Gewohnheit geübte Sinne haben zur Unterscheidung des Guten sowohl als auch des Bösen.“ Es ist bemerkenswert, zu sehen, wie leicht Kinder das Böse tun. Das ist nicht deshalb, weil sie von sich aus so bösartig sind, denn auch Kinder, die den Herrn Jesus liebhaben, fallen leicht in das Böse. Die Ursache ist einfach, wie der Text sagt, dass sie in ihren „Sinnen“ noch nicht geübt haben, Gutes und Böses zu unterscheiden. Genau das Gleiche sehen wir bei unreifen Gläubigen; sie sind noch nicht geübt. Geistliches Wachstum ist also eine Übung der „Sinne“ – sagen wir: der Einsichtsfähigkeit –, damit der Gläubige unterscheiden lernt zwischen Gut und Böse. Er lernt, den guten Weg zu wählen und den schlechten zu meiden. Später kommen wir ausführlich auf diese Schriftstelle zurück; jetzt geht es nur darum, zu illustrieren, woran man einen unreifen Gläubigen erkennen kann.

Der gesetzliche Christ

Paulus schreibt an die Galater: „Seid ihr so unverständig? Nachdem ihr im Geist angefangen habt, wollt ihr jetzt im Fleisch vollenden [oder: vollendet werden]?“ (Gal 3,3). „Vollendet“ bedeutet hier so viel wie „erwachsen“ (s. Gal 2). Der Vorwurf des Paulus gegen die Galater war es, dass sie versuchten, „im Fleisch“ erwachsen zu werden. Der Apostel vergleicht das mit einem Zustand der „Unmündigkeit“ (Gal 4,1-3). Was war das „Fleischliche“, das „Unmündige“ bei den galatischen Christen? Dass sie zurückfielen auf gesetzliche Regeln und Gebote, die sie halten wollten, um dadurch bei Gott angenehm zu sein. Aber das bedeutet ein Leben durch die Kraft des eigenen sündigen Fleisches, nicht ein Leben durch die wahre Kraft des Heiligen Geistes!

Viele unreife Christen verhalten sich genauso. Gebote, Verbote und Regeln geben ihrem Leben eine gewisse Übersichtlichkeit, und darum haben sie diese so bitter nötig. Das erwachsene Leben eines Christen ist kompliziert, es werden hohe Anforderungen daran gestellt. Es ist viel einfacher, wenn das Leben sich abspielt zwischen den engen Mauern von Gesetzen, Regeln, Geboten und Verboten. Aber in ihrem Wesen ist diese Gesetzlichkeit ein Zeichen des Mangels an geistlichem Wachstum. Es ist ein Zeichen der geistlichen Kindlichkeit, wenn ein Christ sich zu Hause fühlt in einer solchen beschützten Welt von Gesetzen und Verboten. Es ist viel schwieriger, aus der Freiheit des Geistes zu leben (vgl. Gal 2,4; 3,13; 4,5.23.31; 5.1.13); dazu ist ein gehöriges Maß an geistlichem Erwachsensein nötig.

Der unmotivierte Christ

Petrus beschriebt uns ein fünftes Kennzeichen des unreifen Christen: „Wie neugeborene Kindlein seid begierig nach der vernünftigen, unverfälschten Milch, auf dass ihr durch dieselbe wachset zur Errettung, wenn ihr anders geschmeckt habt, dass der Herr gütig ist, zu welchem ihr kommt als zu einem lebendigen Stein, von Menschen zwar verworfen, bei Gott aber auserwählt und kostbar“ (1Pet 2,2-4). Hier wird gesagt, dass wir eine gute Motivation nötig haben, um geistlich zu wachsen. Diese Motivation beinhaltet, dass wir „geschmeckt“ (oder: geprüft) haben, dass der Herr gütig ist. Die Kostbarkeit des Herrn Jesus ist ein gewaltiger Beweggrund für geistliches Wachstum. Man weiß dann doch, dass das geistliche Wachstum einen immer näher zu Ihm bringt.

Aber für viele gibt es das Problem, dass ihnen nichts beigebracht wurde, wenn es um die Erfahrung geht, dass der Herr gütig ist. Sie sind nicht darin geübt, einen Blick zu bekommen für die Güte und Größe des Herrn Jesus. Sie bleiben kindisch, und das äußert sich zum Beispiel darin, dass sie sich viel lieber mit theologischen Problemen und Fragen beschäftigen. Sie interessieren sich für allerlei Nebensächlichkeiten und verschwenden ihre Energie daran. Sie bleiben unreif, indem sie bei all diesen theologischen Debatten nie zum Kern der Sache vordringen: zum Kennenlernen der Größe, der Herrlichkeit, der Schönheit, der Majestät und der Lieblichkeit unseres Herrn Jesus Christus. Ein herrlicheres Motiv für geistliches Wachstum gibt es nicht. Aber diejenigen Gläubigen, die noch lange nach ihrer Bekehrung unreif bleiben, sprechen wenig über den Herrn. Im Diskutieren über theologische Fragen sind sie sehr eifrig, aber wenn es darum geht, was in ihren Herzen lebt, wenn es um den Herrn geht, darum, was Jesus ihnen praktisch bedeutet, ist nicht mehr viel mit ihnen los. Nicht bei allen, aber viele haben dann nicht mehr viel zu erzählen. Was ist hier das Übel? Mangel an geistlichem Wachstum.

Der fleischliche Christ

Das sechste Kennzeichen geistlicher Unreife umschreibt Paulus mit „Fleischlichkeit“: „Und ich, Brüder, konnte nicht zu euch reden als zu Geistlichen, sondern als zu Fleischlichen, als zu Unmündigen in Christo. Ich habe euch Milch zu trinken gegeben, nicht Speise; denn ihr vermochtet es noch nicht; aber ihr vermöget es auch jetzt noch nicht, denn ihr seid noch fleischlich“ (1Kor 3,1-3).

Es ist interessant, dass das griechische Wort für „fleischlich“ in Vers 1 (sarkikos) und in Vers 3 (sarkinos) nicht dasselbe ist. Nur ein Buchstabe ist unterschiedlich, aber im Griechischen ist das trotzdem von Bedeutung. Beim ersten Mal beschreibt Paulus, wie die Korinther waren, als sie zum Glauben kamen. Er konnte damals noch nicht zu ihnen sprechen als zu Geistlichen, sondern als zu Fleischlichen, das bedeutet wörtlich, dass sie damals noch aus „Fleisch“ bestanden. Dasselbe Wort wird mit „fleischern“ übersetzt in 2. Korinther 3,3: „fleischerne [aus Fleisch bestehende] Tafeln des Herzens“. Paulus meint hier nicht unbedingt in einem schlechten Sinn, dass die Korinther damals „fleischerne“ Menschen waren; es ist einfach der Zustand eines Neugeborenen, der noch nicht die Zeit gehabt hat, um zum Herrn hin zu wachsen und sich mit Ihm zu füllen. Sie sind noch von sich selbst erfüllt. Sie preisen Ihn, sie sind dankbar für die Vergebung, aber sie müssen noch alles lernen. Vor allem müssen sie lernen, von sich selbst weg zu sehen und ihr Herz völlig auf Christus zu richten. Den Zustand, in dem sich Neugeborene befinden, kennzeichnet Paulus daher als „Fleisch“. Die neubekehrten Korinther hatten das neue Leben, sie hatten Vergebung, sie hatten Erlösung, aber sie kannten den Herrn noch nicht wirklich. Paulus konnte daher zu ihnen nur sprechen wie zu kleinen Kindern im Glauben.

Aber, sagt er gleichsam, das war damals; als ihr Neubekehrte wart, war es normal, dass ihr Babys wart. Heute aber betragt ihr euch immer noch wie kleine Kinder. Und dann sagt er in Vers 3 noch einmal, das sie „fleischlich“ sind, aber jetzt gebraucht er das etwas andere Wort sarkikos. Das Wort meint nicht den normalen Zustand eines Neugeborenen, sondern einen sündigen Zustand (vergleiche dasselbe Wort in 2Kor 1,12; 10,4; 1Pet 2,11). Die Korinther waren inzwischen schon einige Jahre älter. Sie sollten längst einen bestimmten Zustand des Erwachsenseins erreicht haben. Aber leider ließen sie sich nicht durch den Geist leiten – was eigentlich der Fall sein sollte –, sondern durch das Fleisch. Und woran konnte man das merken? An der Eifersucht, die sie gegeneinander hatten, und an dem Streit, den sie miteinander führten. Das sind Dinge, die man sogar bei Neubekehrten oft nicht antrifft. Aber bei diesen „großen Menschen“, die jedoch nicht erwachsen waren, kamen solche Dinge ans Licht.

Heutzutage gibt es viele Gemeinden, die vergiftet werden durch Eifersucht und Streit. Manchmal ist ein regelrechter Machtkampf zwischen führenden Figuren im Gang, die sich gegenseitig die Leitung über eine Gemeinde oder eine Gruppe von Gemeinden streitig machen. Oder man streitet lautstark über allerlei lehrmäßige oder praktische Nichtigkeiten, nicht etwa weil die Grundlagen des christlichen Glaubens auf dem Spiel ständen, sondern weil man darauf aus ist, selbst Recht zu behalten. Wie kommt das? Solche Menschen sind wohl Gläubige, aber von geistlichem Wachstum haben sie offenbar wenig gehört, auf jeden Fall wissen sie wenig damit anzufangen. Darum ist die Predigt über geistliches Wachstum und über die Mittel, durch die man zur geistlichen Reife gelangen kann, so wichtig. Jeder kann wohl einmal in Eifersucht oder Streit verfallen; das kann dem reifsten Gläubigen noch passieren. Aber wenn die gesamte Lebenshaltung einer solchen Person durch solche Sünden gekennzeichnet wird, ist so jemand ein „fleischlicher“ Gläubiger, der noch wenig von geistlicher Reife begriffen hat.

„Stille Zeit“

Wir werden es noch ausführlicher sehen, dass es für das geistliche Wachstum sehr wichtig ist, dass man sich Zeit nimmt für die geistlichen Dinge Gottes. Ich muss euch bekennen, dass ich zum ersten Mal den Ausdruck „Stille Zeit“ hörte, als ich zum Studium ging. Ich hörte darüber von gläubigen Mitstudenten. In meiner Jugend hatte ich nie etwas darüber vernommen – ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern. Geistliches Wachstum, eine persönliche Beziehung mit dem Herrn aufbauen, stille Zeit haben, ganz allgemein: über das sprechen, was uns innerlich beschäftigt, Zeugnis ablegen von unserer Beziehung zum Herrn und dem, was wir in dieser Beziehung gelernt haben, alle diese Dinge waren wenig Realität für mich. In den Gemeinden, in denen ich mich bewegte, ging es vielmehr um lehrmäßige Fragen; auf Konferenzen konnte man stundenlang darüber diskutieren. Aber es gab nicht so oft jemanden, der einmal wirklich aus seiner eigenen Seele sprach über seine eigenen Schwachheiten und Erfahrungen, um andere zu ermutigen, die mit den selben Dingen zu kämpfen hatten. Es gab wenig Predigten, die uns tief innerlich ansprachen, um unsere persönliche Beziehung zum Herrn zu vertiefen und uns in Ihm geistlich wachsen zu lassen.

Es ist kein Wunder, dass wir auch in der Schrift von verschiedenen Aposteln hören, dass so viel Neid und Streit unter Gläubigen sein kann (vgl. Röm 13,13; 2Kor 12,20; Gal 5,20.21; Jak 3,14-16; 4,1.2). Christen sind getauft, sie haben ein Bekenntnis abgelegt, sie nehmen am Abendmahl teil, und dann denken sie oft halb unbewusst, dass sie „es“ nun wohl erreicht haben. Wenn du nur treu die Zusammenkünfte besuchst und am Abendmahl teilnimmst, wird als selbstverständlich angenommen, dass „es“ bei dir wohl in Ordnung ist. Aber wer hat dich denn einmal gefragt, wie es bei dir innerlich aussieht? Ob du noch Freude im Herrn erlebst? Wie es um deine persönliche Beziehung zu Ihm steht? Welche geistlichen Fortschritte du im vergangenen Jahr gemacht hast?

Leider wird dem viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Und das ist einer der Gründe, warum es vor allem so viel Streit und Missgunst unter Gläubigen gibt. Wir betragen uns geistlich oft noch wie Kinder (ich sage absichtlich „wir“, denn ich will mich in dieser Hinsicht sicher nicht über andere erheben). Wir betragen uns wie Unmündige, wenn wir zulassen, dass ganze Gemeinden durch solche Dinge wie Eifersucht und Zank vergiftet werden.

Der weltliche Christ

Wir kommen zum siebten und letzten Kennzeichen des unreifen Christen: „Und seid (oder: werdet) nicht gleichförmig dieser Welt, sondern werdet verwandelt durch die Erneuerung [eures] Sinnes, dass ihr prüfen möget, was der gute und wohlgefällige und vollkommene Wille Gottes ist“ (Röm 12,2). Aha, denken manche, das ist bekanntes Gebiet; Weltförmigkeit, dagegen sind wir auch. Und dann bekommt man eine ganze lange Liste von allerlei Äußerlichkeiten, die als „weltliche“ Dinge für uns Tabu sein sollten. Aber darum geht es in Römer 12 nun eben überhaupt nicht (in erster Linie). Es geht da um die Weltförmigkeit in unserem Denken, um das, was in unserem Inneren vor sich geht. Es gibt leider ziemlich viele Christen, die äußerlich, in ihrem Benehmen, einen sehr frommen Eindruck machen, und ich meine das bestimmt nicht herabsetzend. Aber informiert sich denn irgendwann einmal jemand über die Einstellung ihres Herzens? Wenn man in ihr Leben hineinsehen könnte, könnte man zum Beispiel bemerken, dass es beim Umgang solcher Christen miteinander nicht geistlicher zugeht als zwischen Menschen aus der Welt. Wenn man ihnen gut zuhören würde, könnte man bemerken, dass ihr gesamtes Denkmuster, ihre Sicht der Dinge, sich nicht sehr unterscheidet von derjenigen der gewöhnlichen Weltmenschen. Sie mögen ihren Sonntagsanzug anhaben, und natürlich: Sie glauben an Gott und sein Wort; aber von innen heraus ist ihre Mentalität, ihre Denkhaltung, ihre Lebenseinstellung nicht viel besser als die der Ungläubigen.

Wie kommt das? Weil sie nicht oder zu wenig den Prozess der „Erneuerung“ in ihrem Leben durchgemacht haben. Mit anderen Worten: Sie haben wenig oder kein geistliches Wachstum erlebt. Sind sie denn keine Gläubigen? Doch, sicher, Paulus schreibt hier an Gläubige, die in ihrem Denken erneuert werden müssen. Denn die Tatsache, dass jemand ein Gläubiger geworden ist, bedeutet noch nicht automatisch, dass seine Denkeinstellung und sein Lebensstil plötzlich insgesamt der von Christus geworden sind. Dazu ist eine echte Metamorphose oder Transformation notwendig; das ist die eigentliche Bedeutung des Wortes „Veränderung“ hier. Wer einen Anfang macht mit wirklichem geistlichen Wachstum, wird schon bald entsetzt sein über das weltförmige Denken in sich selbst und in anderen. So jemand wird immer mehr danach verlangen, dass sein ganzes Denken, sein ganzes inneres Erleben und sein ganzer Lebensstil auf Christus hin ungeformt werden.

Der wachsende Christ

Wir wollen jetzt einmal die positive Seite ansehen: die Kennzeichen des wahren geistlichen Wachstums. Vielleicht ist das Allererste, auf das wir achten müssen, die Frage, was das Endziel des geistlichen Wachstums ist. Gut zu wachsen, bedeutet unter anderem, in die richtige Richtung zu wachsen. Manche Jugendliche wachsen mehr in die Breite als in die Länge, und das ist bestimmt nicht gut. Um beurteilen zu können, ob man auf eine gute Weise wächst, muss man einen Maßstab haben. Das gilt sowohl für das körperliche als auch für das geistliche Wachstum. In Kinderzimmern sieht man oft die Messlatten, an denen das Kind immer ablesen kann, wie viel es nun wieder gewachsen ist. Es wäre schön, wenn wir im geistlichen Sinn auch eine solche „Messlatte“ hätten, an der wir unser geistliches Wachstum ablesen könnten. Es ist wesentlich schwieriger, zu beurteilen, ob man geistlich, als ob man körperlich gewachsen ist. Kurz vor einem Vortrag über geistliches Wachstum fragte ich meine Frau: „Ich muss heute über geistliches Wachstum sprechen; was meinst du, bin ich im vergangenen Jahr noch geistlich gewachsen?“ Nach einigem Nachdenken antwortete sie: „Ein bisschen, glaube ich.“

Und du? Bist du im vergangenen Jahr geistlich gewachsen? Die Frage scheint wichtig genug. Ich meine nicht, gewachsen in Bibelkenntnis, wenn das auch an sich wichtig und nützlich ist. Nein, ich meine: wirklich geistlich erwachsener geworden. Vielleicht sagst du: Ich weiß eigentlich nicht richtig, was ich mir darunter vor stellen soll. Darum ist es so wichtig, dass wir zuerst eine gute Zielsetzung haben, dass wir zuerst sehen, wohin unser geistliches Wachstum führen soll. Zuerst müssen wir einen guten Maßstab haben. Wenn man wächst, aber man nicht weiß, in welche Richtung man eigentlich wachsen soll, könnte es wohl auch einmal die verkehrte Richtung sein. Wir müssen ein Ziel, einen Maßstab haben. Wo soll es hingehen mit unserem Wachstum?

Nächster Teil


Übersetzt aus Op de Hoogte, Vaassen, NL, Jg. 5, Nr. 1, Herbst 1997, S. 10–15

Übersetzung: Frank Schönbach

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