Die Verkündigung des Evangeliums ist entweder eine schwache, seltsame und verachtenswerte Sache oder das von Gott gegebene und gesegnete Mittel zur Errettung des Menschen, zur Ehre Gottes. Jesus Christus und Ihn als gekreuzigt zu verkünden [1Kor 2,2], könnte als eine Tätigkeit erscheinen, die des Spottes wohl würdig ist, wäre Christus nicht zugleich „Gottes Kraft“ und „Gottes Weisheit“ (1Kor 1,24). In den Augen der Menschen ist sie töricht, doch sie hat Erfolg, wo die tiefste Weisheit des Menschen gänzlich versagt [vgl. 1Kor 1,25a]: Denn so paradox es auch erscheinen mag, das Wort Gottes verkündet: „Weil ja in der Weisheit Gottes die Welt durch die Weisheit Gott nicht erkannte, so gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt die Glaubenden zu erretten“ (1Kor 1,21).
Die Kraft des Evangelisten
So gesegnet es zweifellos auch ist, die würdige Stellung eines Evangelisten als Botschafter Christi zu betrachten, so liegt dies doch außerhalb meines Anliegens. Fragen wir uns vielmehr: Was ist die Kraft eines Evangelisten? Denn wenn der Diener Gottes in dieser Hinsicht keine göttliche Einsicht besitzt, wird ein Blick auf die feindlichen Kräfte sicherlich entmutigend sein; und wahrscheinlich wird man bald nach unbiblischen Bündnissen suchen, um dem vermeintlichen Bedarf gerecht zu werden.
Steht der natürliche Mensch nicht in direkter Feindschaft zur Wahrheit Gottes? Sie ist für ihn nicht nur Torheit, sondern schürt auch seine gottlosen Leidenschaften, wie es insbesondere gegen unseren Herrn Jesus Christus – die Wahrheit [Joh 14,6] – der Fall war, der zuerst beneidet, gehasst, verachtet und dann gekreuzigt wurde. Doch darüber hinaus findet der Ungläubige in seinem Umgang mit der Welt dort alles, was seinen fleischlichen Begierden dient und dazu neigt, ihn in seiner Entfremdung von Gott zu verfestigen. Zudem steht Satan – der Gott dieser Welt [2Kor 4,4] – dem Herrn Jesus aktiv entgegen und nutzt seine vollendete List, um das Werk des Evangeliums zu behindern und Seelen in die Hölle zu ziehen. Und welche Kraft hat der Evangelist, um den in dem Menschen innewohnenden Widerstand gegen sein Thema zu überwinden, zu dem noch die zerstörerischen Einflüsse der Welt und Satans hinzukommen?
Der Heilige Geist
Wahrlich, aus sich selbst heraus hat der Evangelist keine Kraft; er ist machtlos; doch in der Gnade und Weisheit Gottes führt er diesen Kampf nicht auf eigene Kosten. Der Herr Jesus versprach, bevor Er in leiblicher Gegenwart von den Seinen, die seine Zeugen in der Welt sein sollten, weichen würde, den Geist Gottes zu senden, der in den Gläubigen wohnen und durch seine auserwählten Gefäße wirken sollte. Zu welchem Zweck? Wenn Er kommt, wird Er die Welt von der Sünde, von der Gerechtigkeit und vom Gericht überzeugen (Joh 16,8). „Nicht in überredenden Worten der Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft“ (1Kor 2,4).
Dementsprechend klagt an Pfingsten ein galiläischer Fischer, erfüllt vom Heiligen Geist, die Juden an, Jesus von Nazareth, den von Gott Bestätigten, gekreuzigt zu haben [Apg 2,36]. Das Ergebnis dieses Zeugnisses war die Bekehrung von dreitausend starrköpfigen und hartherzigen Juden [Apg 2,41]. So begann es, und das Zeugnis von Jesus aus dem Mund der Einfachen und Ungebildeten wurde von jüdischen Priestern und römischen Hofbeamten, äthiopischen Kämmerern und entflohenen Sklaven, kaiserlichen Statthaltern und gewöhnlichen Gefängniswärtern als die Kraft Gottes zur Errettung anerkannt. Was war das Geheimnis? Ganz einfach: dass die Menschen durch den Heiligen Geist sprachen, der ihnen gegeben war (Apg 5,32).
Das Wort Gottes
Doch es gibt noch einen weiteren Aspekt. Während der Heilige Geist der große persönliche Zeuge und die Kraft des Zeugnisses für Christus in der Welt ist (Joh 14,26), ist das geschriebene Wort die Offenbarung Gottes an den Menschen, die ihn am letzten Tag richten wird (Joh 12,48). Da es von Gott stammt, ist es von göttlicher Autorität und Kraft erfüllt. Und seine einzigartigen Eigenschaften zu verachten, ist für den Prediger[1] ebenso verhängnisvoll wie für den Zuhörer. „Das Wort Gottes“, so sagt der Geist Gottes, „ist lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und durchdringend bis zur Scheidung von Seele und Geist, sowohl der Gelenke als auch des Markes, und ein Beurteiler der Gedanken und Überlegungen des Herzens“ (Heb 4,12). Diese Kraft ist auch in der heutigen Zeit nicht verlorengegangen. Vielmehr gilt im Gegensatz zu den vergänglichen Dingen um uns herum: „Das Wort des Herrn bleibt in Ewigkeit.“ Und: „Dies aber ist das Wort, das euch verkündigt worden ist“ (1Pet 1,25).
Der Diener Gottes möge also darauf achten, dass er das, was das Schwert des Geistes ist (Eph 6,17) und was allein in den Gläubigen wirksam tätig sein kann (1Thes 2,13), nicht auf die leichte Schulter nimmt.
Der Geist Gottes wirkt durch das Wort Gottes
So ist es offensichtlich, dass die Kraft des Zeugnisses für Christus im Evangelium der Heilige Geist sein muss, der durch das Wort Gottes wirkt. Wahrlich: „Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die Überfülle der Kraft sei Gottes und nicht aus uns“ (2Kor 4,7). Durch das Gebet bekennt der Diener Christi dies und erkennt, dass seine Genügsamkeit von Gott kommt. Lesen wir eine bemerkenswerte Zusammenfassung dieser Punkte in einem beeindruckenden Zeugnis für Gott: „Und als sie gebetet hatten, erbebte die Stätte, wo sie versammelt waren; und sie wurden alle mit dem Heiligen Geist erfüllt und redeten das Wort Gottes mit Freimütigkeit“ (Apg 4,31).
Die Kraft des Evangelisierens muss von Gott ausgehen
Dieser Grundsatz des Evangelisierens – dass seine Kraft stets von Gott kommt und niemals vom Menschen – kann uns gar nicht oft genug vor Augen geführt werden. Denn diese Kraft durch irgendwelche menschlichen Mittel zu ergänzen, die entweder den Elementen der Welt oder dem Verstand oder den Vorlieben des Menschen nachempfunden sind, bedeutet, die Vollkommenheit dieser Kraft anzuzweifeln und die ernste Warnung in 2. Korinther 6,14 gegen die Vermischung von Licht und Finsternis zu missachten.
Dass der große Apostel der Heiden in völliger Abhängigkeit von der Kraft Gottes handelte, geht aus 1. Korinther 2 unmissverständlich hervor. Als Paulus Korinth besuchte, wusste er, dass er es mit Menschen zu tun hatte, die sich leicht durch wohlklingende Sätze oder hinreißende Reden überzeugen ließen, ganz unabhängig davon, ob das Gesagte wahr oder falsch war. Und wenn irgendwelche verworrenen Spekulationen oder subtilen „Gedanken“-Abstraktionen auf philosophische Weise präsentiert würden, würden sich schnell aufmerksame und bewundernde Zuhörer finden. Hier lagen also die Mittel, um die Korinther für seine Predigt zu gewinnen und das Evangelium attraktiv und populär erscheinen zu lassen.
Wie ging der Diener Gottes vor? Er soll selbst sprechen:
- 1Kor 2,1-5: Und ich, als ich zu euch kam, Brüder, kam nicht, um euch das Zeugnis Gottes nach Vortrefflichkeit der Rede oder Weisheit zu verkündigen. Denn ich hielt nicht dafür, etwas unter euch zu wissen als nur Jesus Christus, und ihn als gekreuzigt. Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und in vielem Zittern; und meine Rede und meine Predigt war nicht in überredenden Worten der Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, damit euer Glaube nicht auf Menschenweisheit beruhe, sondern auf Gottes Kraft.
Paulus wusste: Würden sie sich allein durch seine Beredsamkeit oder seine Argumentation, also durch die „Weisheit“ der Welt [1Kor 1,20; 3,19], zu Christus hingezogen fühlen, würden sie auf Sand bauen. Es bedarf göttlichen Wirkens, um göttlichen Glauben hervorzubringen; und deshalb verzichtete der Apostel sorgfältig auf alles, was unter dem Einfluss Satans zu einer falschen Grundlage für ihre Seelen werden könnte.
Wie verkündigen wir heute das Evangelium?
Hat dieser Grundsatz heute keine Gültigkeit mehr? Sollen die Evangelisten angenehme Dinge der Menschen oder Neuheiten der Zeit übernehmen oder sonst etwas tun, um das Evangelium Gottes für die Welt attraktiv zu machen? Das Evangelium wird zwar als kraftvoll bezeichnet – als „Gottes Kraft zum Heil jedem Glaubenden“ (Röm 1,16) –, aber soll es jemals „attraktiv“ gemacht werden?
Das Herz des Menschen, das nicht nur die Worte und Werke Christi, sondern auch die moralische Güte und die göttliche Herrlichkeit in seiner Person ablehnt, ist heute kein bisschen mehr bereit, die Gnade und Wahrheit Gottes in der Botschaft seiner Liebe und seiner Schmach am Kreuz anzunehmen. Die Menschen lauern noch immer in der Finsternis und hassen das Licht. Wie soll die Wahrheit ihnen also „attraktiv“ gemacht werden, ohne dass der Charakter der Wahrheit verfälscht wird? Soll der Prediger an der Wahrheit Gottes in ihrer heiligen Kraft und Einfachheit festhalten, um das Gewissen des Menschen zu wecken? Oder soll er heutzutage Mittel einsetzen, durch die der fleischliche Mensch angezogen, befriedigt, besänftigt, überredet und dazu gebracht wird, das Evangelium anzunehmen?
Gewiss ist ein solcher Kompromiss mit der Wahrheit Gottes eher ein Versuch, den Menschen zu gefallen, als Treue gegenüber Christus und dem Evangelium. Wie kann man es wagen, mit dem Zeugnis so zu handeln, dass man es abschwächt, um es den Vorstellungen der Unbekehrten anzupassen (2Kor 2,17)? Das ist nicht einmal ein ehrlicher Umgang mit den Menschen, zu denen wir sprechen, geschweige denn vor dem Gott, dem wir dienen.
Welche Rolle spielen Lieder und Musik?
Doch während dieser falsche Grundsatz der „attraktiven Predigt“ zugrunde liegt, durchdringt er gleichermaßen auch das, was man als die „attraktiven Begleiterscheinungen“ des Evangeliums bezeichnen könnte. Musik und Gesang haben unbestreitbar einen nicht unerheblichen Einfluss auf sehr viele Menschen. So gut sie an ihrem Platz auch sein mögen, desto größer ist die Notwendigkeit einer biblischen Rechtfertigung für ihren Einsatz. Die Söhne Kains begnügten sich, als Kain aus der Gegenwart Gottes vertrieben wurde, im Land Nod mit Laute und Flöte […] (1Mo 4,21; siehe auch Hiob 21,12).
Man könnte einwenden, dass Musikinstrumente in der Geschichte Israels in religiöser Hinsicht keineswegs eine unwichtige Rolle spielten. Dies war jedoch in der Zeit, als der Mensch im Fleisch dazu aufgefordert war, Gott das Beste zu widmen, wozu er als Mensch fähig war; daher hatten ein schönes Gebäude, schöne Verzierungen, schöne Musik und schöner Gesang ihren Platz. Aber sind diese Dinge nicht, was Gott betrifft, vergangen?
Gehören sie nicht zu den armseligen Elementen der Welt, da sie doch nur Vorbilder und Schatten jenes Urbildes sind, das längst gekommen ist und allein bei uns bleibt? Die Anbetung geschieht nun im Geist und in der Wahrheit [Joh 4,23-24], nicht im Fleisch oder in äußeren Formen. Die Melodie liegt nicht in Blas- oder Saiteninstrumenten, sondern im Herzen: „singend und spielend (psallo) dem Herrn in eurem Herzen“ (Eph 5,19).
Für wen ist der Gesang und die Musik?
Wenn Gläubige in der Gemeinde oder bei Evangelisationsveranstaltungen singen, sind ihre Lieder dann nicht der Ausdruck ihres Herzens gegenüber Gott? Wenn die Gläubigen nicht zu Gott singen, zu wem singen sie dann? Ist es wirklich so gemeint, dass sie singen sollen, um die Unbekehrten anzuziehen? Was bedeutet es, das Lob Gottes herabzuwürdigen, indem man es als Köder benutzt, um weltliche Menschen in Säle oder Versammlungsräume zu locken? Ist das Ehrfurcht und göttliche Furcht? Oder sollen wir uns bemühen, das Lob Gottes mit der Attraktivität menschlicher Anziehungskraft in ein und derselben Handlung zu verbinden? Eine solche Vermischung von Motiven auszusprechen, bedeutet eigentlich, sie zu verurteilen; doch ist es nun so oder nicht? Ist es eine Nachahmung der Apostel und ihrer Mitstreiter? Oder sind Prediger heutzutage weiser?
Nein! Der Grundsatz des Singens ist und muss sein, dass es Gott gilt. Welchen Platz gibt es dann noch für Instrumente und Choreffekte oder gar für Solisten? Überlassen wir das denen, die wenig oder gar keine Wahrheit predigen. Es ist eine Sünde und eine Schande, Elemente der Welt und des Judentums in die Predigt einzubringen, von denen wir durch den Tod Christi befreit worden sind (Kol 2,8).
Ich misstraue dem Nutzenargument, also dem Erfolg in göttlichen Dingen, wenn unsere vorrangige Berufung darin besteht, allein Gott zu gehorchen. Doch wenn Musik und kultivierter Gesang die Gefühle und die Vorstellungskraft vieler Menschen stark ansprechen, wie oft verdrängen sie dann Christus in der Seele! Es gab in vergangenen Zeiten einige, die aus rein natürlicher Gesinnung oder aus Gefühl zum Herrn kamen. Das Wort über sie ist ernst: „Als er aber in Jerusalem war, am Passah, auf dem Fest, glaubten viele an seinen Namen, als sie seine Zeichen sahen, die er tat. Jesus selbst aber vertraute sich ihnen nicht an, weil er alle kannte und nicht nötig hatte, dass jemand Zeugnis gebe von dem Menschen; denn er selbst wusste, was in dem Menschen war“ (Joh 2,23-25).
Heiligt der Zweck die Mittel?
Manche mögen einwenden, dass die Art und Weise oder die Mittel unerheblich seien, da ihr Ziel die Herrlichkeit Gottes in der Errettung der Seelen sei. Ähnelt das nicht allzu sehr der trotzigen Ausrede des Sünders in Römer 3? „Wenn aber die Wahrheit Gottes durch meine Lüge übergeströmt ist zu seiner Herrlichkeit, warum werde ich auch noch als Sünder gerichtet?“ (Röm 3,7). Ist das ein Argument, worauf sich ein sterblicher Mensch stützen sollte? Es ist in der Tat der alte Trugschluss Satans: „Lasst uns das Böse tun, damit das Gute komme“ (Röm 3,8).
Mögen sich also die Diener Gottes hüten, die Kraft des Geistes und des Wortes zu unterschätzen. Und sicherlich wird niemand leugnen, dass es heutzutage vieles gibt, was dazu neigt, den Charakter der Wahrheit Gottes herabzusetzen, so dass wir die Kraft Gottes im Evangelium verachten und vergessen. Das Ansprechen der fleischlichen Natur des Menschen auf verschiedene Weisen führt dazu, dass das Zeugnis des großen Apostels der Heiden unbeachtet bleibt:
„Denn obwohl wir im Fleisch wandeln, kämpfen wir nicht nach dem Fleisch; denn die Waffen unseres Kampfes sind nicht fleischlich, sondern göttlich mächtig zur Zerstörung von Festungen, indem wir Vernunftschlüsse zerstören und jede Höhe, die sich erhebt gegen die Erkenntnis Gottes, und jeden Gedanken gefangen nehmen unter den Gehorsam des Christus“ (2Kor 10,3-5).
Originaltitel: „The Power of Evangelising“
in The Bible Treasury, Jg. 16, 1887.
Quelle: www.stempublishing.com
Übersetzung: Stephan Isenberg
Anmerkungen
[1] Hier geht es ausschließlich um unmittelbare Ergebnisse.


