Gott sein Herz geben – Eine Verdrehung des Evangeliums
Sprüche 23,26

Paul Wilson

© SoundWords, online seit: 30.06.2024, aktualisiert: 11.07.2024

Leitvers: Sprüche 23,26

Spr 23,26: Gib mir, mein Sohn, dein Herz!

Schon oft ist die Geschichte erzählt worden von dem Indianerhäuptling, der errettet werden wollte, indem er Gott zuerst seine Decke und dann sein Gewehr opferte. Doch mit solchen Geschenken könne er sich die Gunst Gottes nicht erkaufen, wurde ihm gesagt; wenn er errettet werden wolle, müsse er Gott sein Herz geben.

Das klingt gut und richtig, aber ich kenne Menschen, die dadurch in Zweifel und Gesetzlichkeit gerieten. Sie sind erweckt worden und wissen, dass sie Sünder sind; sie erkennen, wie wichtig es ist, mit Gott im Reinen zu sein, und knien nieder, um Ihm aufrichtig ihr Herz zu geben und ihr Leben in seinen Dienst zu stellen. Mit einem Gefühl der Erleichterung, dass sie ihr Leben nun Gott „übergeben“ haben, erheben sie sich von ihren Knien und sind entschlossen, in Zukunft ein heiligeres Leben zu führen. Doch schon bald machen sie die bittere Erfahrung, dass sie immer noch sündigen und dass ihr Herz, anstatt vor Liebe zu Gott zu schlagen, genauso böse ist wie zuvor und dass die alten sündigen Gedanken mit überwältigender Macht wieder in ihren Geist eindringen.

Vielleicht denken sie, dass sie sich Gott nicht von ganzem Herzen hingegeben haben, und so knien sie noch einmal nieder und versuchen noch ernsthafter als zuvor, „Gott ihr Herz zu geben“ und Ihn zu bitten, sie anzunehmen. Aber mit welchem Ergebnis? Zunächst fühlen sie sich erleichtert, doch dann müssen sie leider wieder feststellen, dass es ihnen nicht gelingt, heilig zu leben, und dass ihr Herz immer noch so böse ist wie zuvor. So kommen sie bald zu dem Schluss, es hätte keinen Sinn mehr, es noch einmal zu versuchen. Und so werden sie gleichgültig und stumpfen ab, und in der Hoffnung, ihre Enttäuschung zu betäuben, wenden sie sich womöglich den Verlockungen der Welt zu, indem sie sich in den Strudel der Vergnügungen stürzen, die die Welt zu bieten hat.

Gottes Gunst erlangen

Es ist ein großer Irrtum, zu glauben, man müsse Gott sein Herz geben, um seine Gunst und sein Wohlgefallen zu erlangen, und zwar aus drei Gründen:

  1. Man schätzt sein eigenes Herz falsch ein.
  2. Man benutzt die Heilige Schrift auf falsche Weise.
  3. Man hat eine falsche Vorstellung vom Evangelium.

Wer sein Herz im Licht des Wortes der Wahrheit gesehen und beurteilt hat, kommt nie auf den Gedanken, er könne sich auf diese Weise Gottes Gunst und Wohlgefallen sichern. Beachten wir, mit welchen Worten die Bibel das natürliche Herz beschreibt:

  • Jer 17,9: Arglistig ist das Herz, mehr als alles, und verdorben ist es.

  • Mt 15,19: Aus dem Herzen kommen hervor böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Hurerei, Dieberei, falsche Zeugnisse, Lästerungen.

  • 1Mo 6,5: Der HERR sah, dass die Bosheit des Menschen groß war auf der Erde und alles Gebilde der Gedanken seines Herzens nur böse den ganzen Tag.

  • 1Mo 8,21: Das Sinnen des menschlichen Herzens ist böse von seiner Jugend an.

Diese vier Bibelstellen sind klar und eindeutig und müssen nicht weiter ausgelegt werden. Sie lehren zweifelsfrei, dass das menschliche Herz von Natur aus arglistig, unverbesserlich böse und verdorben und die Quelle allen Übels ist, und das nicht nur manchmal, sondern „den ganzen Tag“.

Auf diese Weise beschreibt die Bibel also das menschliche Herz. Vergleichen wir damit den weitverbreiteten Gedanken, man müsse Gott sein Herz geben. Soll ich dem heiligen Gott etwas geben, was Er selbst als „arglistig, mehr als alles, und verdorben“ (Jer 17,9) beschreibt? Wird Er, der „zu rein ist von Augen, um Böses zu sehen“ (Hab 1,13), dann mit Wohlgefallen auf mich blicken? Man muss in der Tat blind sein, um das zu glauben oder nicht zu erkennen, dass man mit solch einem Geschenk sein Wohlgefallen nicht erlangen kann, sondern nur sein heiliges Gericht und seinen Zorn hervorruft.

„Gib mir dein Herz!“

Vielleicht verweist du nun auf Sprüche 23,26 und argumentierst: „Aber sagt die Bibel nicht selbst: ,Gib mir dein Herz!‘?“ Doch ist dir schon einmal aufgefallen, welche bedeutungsvollen Worte dieser Vers noch enthält? „Gib mir, mein Sohn, dein Herz“, heißt es dort. Diese beiden Worte – „mein Sohn“ – zeigen, dass der Angesprochene in einer vertrauten Beziehung zu dem Sprecher steht. Besteht eine solche Beziehung zwischen dir und Gott? Bist du wirklich sein Kind? Und ist Er wirklich dein Vater? Nicht jeder kann diese Frage bejahen. Gott ist der Schöpfer aller Menschen, aber Er ist nur der Vater derer, die zu Ihm gehören, weil sie erlöst sind. Das Neue Testament macht unmissverständlich klar, dass alle, die an den Herrn Jesus Christus glauben, und nur sie, sagen können, dass sie Gottes Kinder sind:

  • Joh 1,12: So viele ihn aber aufnahmen, denen gab er das Recht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben.

  • Gal 3,26: Ihr alle seid Söhne Gottes durch den Glauben an Christus Jesus.

Wenn du von deinen Sünden überführt bist, an den Retter glaubst und deine Sünden vergeben sind, dann bist du wirklich ein Kind Gottes. Nur dir gilt die Aufforderung: „Gib mir dein Herz.“ Du gehörst jetzt nicht mehr dir selbst, sondern Gott, und weil seine Liebe dich überwunden hat, ist es deine größte Freude, Ihm alles zur Verfügung zu stellen, was du hast – mit anderen Worten: Ihm dein Herz zu geben. Er ist es wert!

Aber solange du nicht sagen kannst, dass du durch seine Liebe und Macht von dem schlimmsten Los errettet bist und dass das kostbare Blut Christi dich reingewaschen hat von deinen Sünden, die „rot sind wie Karmesin“ (Jes 1,18), darfst du es nicht wagen, davon zu sprechen, dass du Gott dein Herz gibst. Solange du nicht zum Kreis der Familie gehörst, hast du kein Recht, Familienprivilegien zu beanspruchen. Bibelstellen wie „Gib mir dein Herz“ (Spr 23,26) und „Stellt euch Gott zur Verfügung“ (Röm 6,13) beziehen sich nur auf wahre Gläubige, die durch den Glauben an Christus errettet sind. Wenn man diese Bibelstellen dagegen auf andere anwendet oder als eine Anleitung benutzt, was man zu tun hätte, um von Gott angenommen zu werden, dann benutzt man sie auf falsche Weise. So legt man die Saat für eine traurige Ernte der Enttäuschung und Verzweiflung.

In der Regel werden solche Bibelstellen falsch angewendet, weil man das Evangelium nicht gut genug kennt. Die Leute achten zu wenig darauf, für sich selbst aus dem Wort Gottes zu lernen, auf welche Weise Gott Sünder segnen will.

Das Evangelium gibt

Im Zusammenhang mit der frohen Botschaft müssen wir zwei wichtige Punkte beachten: Erstens offenbart Gott sich im Evangelium als ein gebender Gott. Nicht immer hat Er sich den Menschen gegenüber so gezeigt. Auf dem Berg Sinai sprach Er als ein fordernder Gott, der ein Recht darauf hatte, dass die Menschen Ihn von ganzem Herzen ehrten, liebten und Ihm gehorsam waren; und genau das forderte Er auch: „Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft“ (5Mo 6,5; Mt 22,37.38).

Leider gab es keinen einzigen Menschen, der Gott von ganzem Herzen geliebt hätte. Wenn wir also nur auf diese Weise die Errettung erlangen könnten, würde kein einziger Sünder jemals errettet werden. Doch der Tag des Forderns ist zu Ende gegangen und an seine Stelle ist der Tag des Gebens getreten. Das Gesetz sagt: Du sollst Gott lieben; das Evangelium sagt: Gott liebt dich. Das Gesetz verlangte vom Menschen Liebe und Gehorsam und verfluchte ihn, weil er sie nicht erbrachte. Das Evangelium geht davon aus, dass der Mensch unfähig ist, irgendeine gerechte Forderung Gottes zu erfüllen, und verlangt deshalb nichts, sondern bringt nur Segen. Gott wird nun als der große und gute Geber offenbart.

Die Gabe Gottes

Wie kam es zu dieser großen Veränderung? Solange der Mensch in seiner Beziehung zu Gott auf dem Boden des Gesetzes stand, konnte es für ihn nur Fluch geben. Gott ist ein gerechter Herrscher und kann es deshalb nicht zulassen, dass der Mensch ungestraft gegen sein Gesetz verstößt. Aber Er ist nicht nur ein Gott, dessen Gerechtigkeit unantastbar und vollkommen ist, sondern Er ist auch ein Gott unendlicher Liebe. Er wusste, dass Er den Menschen niemals mit Gnade und Barmherzigkeit begegnen konnte, wenn nicht seine Weisheit einen Plan entworfen und nicht sein Herz ein Opfer gebracht hätte.

Statt also weiterhin zu fordern, gab Er. Und was gab Er? Das Beste, was Er geben konnte: „So hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab“ (Joh 3,16). Zu welchem Zweck? Damit sein Sohn die gerechten Forderungen Gottes so vollkommen erfüllte, dass Gott nichts mehr von dem Menschen zu fordern braucht, sondern dass Er nun alles, was in seinem Herzen ist, völlig frei und umsonst geben kann. Das makellose Schlachtopfer, das „Lamm ohne Fehl und ohne Flecken“ (1Pet 1,19), hat am Kreuz auf Golgatha den Fluch getragen und damit Gott das volle Recht erworben, zu geben, statt zu fordern.

Gott als Gebender

„Geben ist seliger als Nehmen“ (Apg 20,35), sagt der Herr Jesus. Als Ergebnis seines Werkes am Kreuz, mit dem Er Gott verherrlicht hat, kann Gott nun segnen, statt zu nehmen, und wir brauchen nur zu nehmen und zu danken.

Ich will dem Dürstenden aus der Quelle des Wassers des Lebens geben umsonst“ (Off 21,6). Diese wunderbare Botschaft erklingt nun vom Himmel herab in diese finstere Welt der Sünde, und wie um diese Botschaft zu unterstreichen und ihre Anwendung zu erweitern, wird die Aufforderung hinzugefügt: „Wer will, nehme das Wasser des Lebens umsonst“ (Off 22,17). Beachte diese goldenen Worte: „Ich will geben“, und: „Er nehme.“ Nicht der Sünder gibt und Gott nimmt, sondern Gott gibt und der Sünder nimmt.

Lässt der Gedanke daran nicht dein Herz hüpfen vor Dankbarkeit gegenüber dem Geber „jeder guten Gabe“ (Jak 1,17)? Möchtest du Ihm für seine Gnade nicht etwas zurückgeben? Dann sage mit den Worten Davids: „Wie soll ich dem HERRN alle seine Wohltaten an mir vergelten? Den Becher der Rettungen will ich nehmen“ (Ps 116,12.13). Es gibt nichts, was Gott mehr wohlgefallen könnte, und nichts, womit du deine Dankbarkeit besser zeigen könntest, als wenn du einfach annimmst, was Er frei und umsonst gibt. „Ich will geben“, „er soll nehmen“, „ich will nehmen.“ Kostbare Worte!

„Dank sei Gott für seine unaussprechliche Gabe!“ (2Kor 9,15).


Originaltitel: „Giving the Heart to God: A Perversion of the Gospel“
aus The Christian, Jg. 17, September 2021. 
Quelle: https://bibletruthpublishers.com
Mit einigen Ergänzungen aus dem Originalartikel in Christian Truth, Jg. 13.

Übersetzung: Gabriele Naujoks


Hinweis der Redaktion:

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