Die Klagelieder Jeremias (1)
Kapitel 1

Willem Johannes Ouweneel

© SoundWords, online seit: 20.04.2011, aktualisiert: 25.01.2018

Leitverse: Klagelieder 1

Das erste Kapitel teilt sich in genau zwei Teile: Die Verse 1 bis 11 und dann die Verse 12 bis 22. Das ist nicht immer so, aber hier in diesem ersten Kapitel. In den Versen 1 bis 11 haben wir eine allgemeine Beschreibung der Zerstörung oder besser gesagt – und das gilt für das ganze Kapitel –, es ist eine Beschreibung des elenden Zustandes nach der Zerstörung. Es beschreibt das Leben im Land, nachdem die Zerstörung stattgefunden hatte. Eine gewisse längere Zeit nach dieser Zerstörung. Darum haben manche daran gezweifelt, ob Jeremia wohl der Verfasser sein kann – Jeremia ist ziemlich bald nach der Zerstörung mit einer großen Volksmenge nach Ägypten gezogen. Aber gut, das schließt die Möglichkeit nicht ganz aus. Es ist der Zustand jener wenigen unter dem Volk, die zurückgeblieben sind. Die große Masse wurde nach Babylonien geführt, eine andere Masse der Übrig gebliebenen ging dann nach Ägypten. Ganz wenige blieben übrig. Und diese wenigen werden hier in diesem Kapitel beschrieben.

Verse 1.2

Klgl 1,1.2: 1 Wie sitzt einsam die volkreiche Stadt, ist einer Witwe gleich geworden die Große unter den Nationen! Die Fürstin unter den Landschaften ist fronpflichtig geworden. 2 Bitterlich weint sie bei Nacht, und ihre Tränen sind auf ihren Wangen; sie hat keinen Tröster unter allen, die sie liebten; alle ihre Freunde haben treulos an ihr gehandelt, sind ihr zu Feinden geworden.

Zuerst wird diese volkreiche Stadt in Vers 1 beschrieben als eine Witwe. Prophetisch von größter Bedeutung: Eine Witwe hat ihren Mann verloren, und deshalb greift Gott dieses Bild auf, um später zu Jerusalem zu sagen: Du wirst keine Witwe mehr sein. Jesaja 54 ist ein schönes Beispiel, wenn Gott sich wieder um diese Stadt kümmert, und das alte Band, das Er mit ihr hatte, wieder anknüpft, so dass sie keine Witwe mehr ist. Hier sitzt sie, alleine, ohne ihren Mann, ohne ihren Gott. Die Große unter den Nationen, die Fürstin unter den Landschaften ist zinsbar geworden! Ist unterworfen, ist anderen Mächten unterwürfig geworden, heißt das. Bitterlich weint sie des Nachts, und ihre Tränen sind auf ihren Wangen; sie hat keinen Tröster unter allen, die sie liebten.

Wohl viermal haben wir diesen Gedanken in diesem Kapitel, dass sie ohne Tröster ist. Das Schwierigste bei klagenden Menschen ist, Trostworte zu finden. Und sie findet sie nicht, ganz besonders nicht von ihren früheren Liebhabern. Das waren gerade die heidnischen Völker mit ihren Götzen. Hesekiel 23 ist wohl das eindrucksvollste Kapitel unter den prophetischen Büchern, wo wir diesen Zustand finden, dass das Volk leidet, nein, wo das Volk durch ihre Sünde, durch ihre sündigen Verknüpfungen, Verbindungen mit ihren Buhlern, leiden muss, letztendlich unter dem Gericht Gottes. Sie benimmt sich wie eine Hure. Das sind ihre Liebhaber, diese heidnischen Völker mit ihren Götzen. Alle ihre Freunde haben treulos an ihr gehandelt, sind ihr zu Feinden geworden.

Vers 3

Klgl 1,3: Juda ist ausgewandert vor Elend und vor schwerer Dienstbarkeit; es wohnt unter den Nationen, hat keine Ruhe gefunden; seine Verfolger haben es in der Bedrängnis ergriffen.

Juda ist ausgewandert vor Elend. Das ist also, nachdem die große Masse weggezogen war nach Babel. Und vor schwerer Dienstbarkeit; es wohnt unter den Nationen, hat keine Ruhe gefunden; seine Verfolger haben es in der Bedrängnis ergriffen.

Vers 4

Klgl 1,4: Die Wege Zions trauern, weil niemand zum Fest kommt; alle ihre Tore sind öde; ihre Priester seufzen; ihre Jungfrauen sind betrübt, und ihr selbst ist es bitter.

Das können wir uns kaum vorstellen. Das ganze Land war fast leer; nur Einzelne waren noch da. Die Wege werden hier als Menschen dargestellt, die trauern. Diese Wege hatten die großen Volksmengen gekannt, die dreimal im Jahr nach Jerusalem hinaufzogen zu den Festzeiten des Herrn. Und jetzt trauern diese Wege, weil niemand zum Fest kommt. Es gibt nichts mehr zu feiern – der Tempel ist zerstört. Umso schöner ist, dass Zephanja 3 uns mitteilt, dass die, die wegen der Festversammlung trauern, nämlich weil diese Feste ausgefallen sind, einmal wieder ihre Festzeiten erleben werden in dem aufgebauten Jerusalem der Zukunft. Alle ihre Tore sind wüst, ihre Priester seufzen; ihre Jungfrauen sind betrübt, und ihr selbst ist es bitter.

Vers 5

Klgl 1,5: Ihre Bedränger sind zum Haupt geworden, ihre Feinde sind sorglos; denn der HERR hat sie betrübt wegen der Menge ihrer Übertretungen; vor dem Bedränger her sind ihre Kinder in Gefangenschaft gezogen.

Hier haben wir die erste gläubige Aussage aus dem Mund des Dichters hier, noch nicht aus dem Mund der Stadt selbst, aus dem Mund des Dichters: dass das Gericht Gottes über Jerusalem gekommen ist wegen ihrer Übertretungen. Vor dem Bedränger her sind ihre Kinder in Gefangenschaft gezogen. Sehr viel wird in diesem Buch über die Kinder, über die Säuglinge, über die Jünglinge gesprochen. Und unter schwierigen Umständen, da gehen unsere Herzen als Erstes zu unseren Kindern und unserer Jugend hinaus, die ganz besonders solchen Umständen zum Opfer fallen. Wir werden noch Gelegenheit haben, darauf zurückzukommen.

Vers 6

Klgl 1,6: Und von der Tochter Zion ist all ihre Pracht gewichen; ihre Fürsten sind wie Hirsche geworden, die keine Weide finden, und kraftlos gingen sie vor dem Verfolger her.

Und von der Tochter Zion ist all ihre Pracht gewichen; ihre Fürsten – denken wir an Zedekia, wie gestern Abend – sind wie Hirsche geworden, die keine Weide finden, und kraftlos gingen sie vor dem Verfolger einher. Wir haben es gesehen, wie Zedekia mit seinen Fürsten geflohen war und dann doch noch erwischt, gefangen genommen und geblendet wurde.

Verse 7.8

Klgl 1,7.8: 7 In den Tagen ihres Elends und ihres Umherirrens erinnert Jerusalem sich an alle ihre Kostbarkeiten, die seit den Tagen der Vorzeit waren, da nun ihr Volk durch die Hand des Bedrängers gefallen ist und sie keinen Helfer hat; die Bedränger sehen sie an, spotten über ihren Untergang. 8 Jerusalem hat schwer gesündigt, darum ist sie wie eine Unreine geworden; alle, die sie ehrten, verachten sie, weil sie ihre Blöße gesehen haben; auch sie selbst seufzt und wendet sich ab.

Jerusalem hat schwer gesündigt, darum ist sie wie eine Unreine {eig. zu einer Unreinheit; so auch Klgl 1,17} geworden; alle, die sie ehrten, verachten sie, weil sie ihre Blöße gesehen haben. Das ist wohl das fürchterlichste Bild, das man sich fast vorstellen kann. Die Stadt wird hier immer als eine Frau gesehen. Sie ist eine Witwe (Klgl 1,1). Hier wird sie gesehen als eine Frau in ihrer monatlichen Unreinheit. Und nicht nur das. Das ist tatsächlich schon unrein, aber sie wird hier auch als nackt gesehen, als eine entblößte Frau in ihrer monatlichen Unreinheit, so dass alle, die sie sehen, sich umwenden mit Verachtung. Und:

Vers 9

Klgl 1,9: Ihre Unreinheit ist an ihren Säumen, sie hat ihr Ende nicht bedacht und ist erstaunlich gefallen: Da ist niemand, der sie tröstet. Sieh, HERR, mein Elend, denn der Feind hat großgetan!

Sie hat nicht daran gedacht, was ihr Ende sein würde. Und durch die Wunderwerke Gottes, das ist nicht nur günstig, das kann auch ganz ungünstig sein. In der ungünstigen Bedeutung des Wortes ist sie durch die Wunderwerke Gottes so weit gekommen wie jetzt. Da ist niemand, lesen wir zum zweiten Mal, der sie tröste. Und dann zum ersten Mal hören wir das Wörtchen „ich“ oder in diesem Fall „mein“. Hier spricht der Dichter. Sieh, HERR, mein Elend, denn der Feind hat großgetan! Aber der Dichter macht sich hier in diesem Fall eins mit der Stadt.

Wir haben immer sehr genau zu unterscheiden in diesem Buch, was mit dem Wörtchen „ich“ oder „mein“ gemeint ist: Hier ist es die Stadt, die spricht. Der Dichter legt diese Worte in den Mund der Stadt. Und sie sagt: Sieh, HERR, mein Elend, denn der Feind hat großgetan! Drei Mal in diesem Kapitel lesen wir diese Worte: Sieh HERR! Und es ist eine gewisse Steigerung darin, denn hier ist es noch ganz niedrig, eigentlich: Sieh HERR, was die Feinde machen! Sieh doch, wie sie sich groß vortun, wie stolz und übermütig sie sind, weil es ihnen gelungen ist, Jerusalem zu zerstören.

Vers 10

Klgl 1,10: Der Bedränger hat seine Hand ausgebreitet über alle ihre Kostbarkeiten; denn sie hat gesehen, dass Nationen in ihr Heiligtum gekommen sind, von denen du geboten hast, dass sie nicht in deine Versammlung kommen sollen!

Hier wird wieder über die Stadt gesprochen. Denn sie hat gesehen, dass Nationen in ihr Heiligtum gekommen sind. Unerträglich für einen Juden, einen gläubigen Juden, für den das Heiligtum so rein und heilig war wie Gott selbst! In Hesekiel macht Er seinem Volk noch Vorwürfe, dass sie es erlaubt haben, dass Fremdlinge in das Heiligtum gekommen sind. Nun, hier kommen sie nicht durch Zulassung der Juden, sondern hier kommen die Fremdlinge als Feinde über die Stadt, über den Tempel, dringen in das Heiligtum hinein, entweihen es. Es ist hier die Klage von Psalm 79: Oh Gott, Nationen sind in dein Erbteil hineingedrungen, sie haben dein Heiligtum entehrt, zerstört! Von diesem Heiligtum spricht er, von dem du geboten hast. Da spricht er zu dem Herrn: Sie sollen nicht in deine Versammlung kommen.

Vers 11

Klgl 1,11: All ihr Volk seufzt, sucht nach Brot; sie geben ihre Kostbarkeiten für Speise hin, um sich zu erquicken. Sieh, HERR, und schau, dass ich verachtet bin!

Das ist also nicht während der Belagerung. Das werden wir später finden. Hier ist es der elende Zustand nach der Zerstörung. Wir haben gestern über Gedalja gesprochen, der von Nebukadnezar bestellt worden war über das Volk als Statthalter, um über die zu herrschen, die im Land zurückgeblieben waren. Gedalja war ein vernünftiger Mann, ein treuer Mann. Und als Erstes hat er sich darum gekümmert, dass Nahrung unter dem Volk vorhanden sein würde. Er hat sofort Auftrag gegeben, alles zusammenzulesen, was noch an Früchten zu finden wäre. Und wir haben es gesehen, wie Ismael ihn grausam getötet hat und dadurch die Verwirrung noch viel größer wurde. Viele zogen ab nach Ägypten; da blieben noch viel weniger übrig, und da wurde die Hungersnot noch viel größer. Wir sehen, wie diese elenden Menschen, wie sie herumsuchen im Land, um noch irgendwelche Nahrung zu finden. Sie geben ihre Kostbarkeiten, was sie alles noch besitzen, weg, um sich mal Speise beschaffen zu können, um sich zu erquicken. Und dann zum zweiten Mal: Sieh, HERR, und schaue, dass ich verachtet bin! Also schon zweimal – in Klagelieder 1,9 und 11 – am Ende hören wir dieses „ich“. Hier spricht die Stadt.

Und das ist auch der Fall in den Versen Klagelieder 1,12-22 der zweiten Hälfte dieses Kapitels. Hier spricht die Stadt in ihrem Elend. Sie wird hier personifiziert. Also, da ist eine Person dargestellt als eine Frau, die spricht. Ich sage das mal, so heißt es auch: … mir, die der Herr betrübt hat, Vers 12 richtig übersetzt, weil diese Verse oft vorgelesen werden in der Anbetungsstunde und auf den Herrn Jesus bezogen werden. Das ist durchaus berechtigt. Er hat sich im Geist einsgemacht mit seinem Volk. Und so hören wir hier auch seine Klage, Er hat es sagen können:

Vers 12

Klgl 1,12: Merkt ihr es nicht, alle, die ihr des Weges zieht? Schaut und seht, ob ein Schmerz ist wie mein Schmerz, der mir angetan wurde, mir, die der HERR betrübt hat am Tag seiner Zornglut.

Auf ihn kam der Zorn Gottes. Nicht wegen seiner Sünden, sondern wegen unserer Sünden. Und so klingt hier seine Stimme mit. Aber es ist eine Frau, die spricht: … mir, die der Herr betrübt hat. Es ist die Stadt, die Stadt ruft es hier aus. Ein Schmerz wie mein Schmerz.

Verse 13.14

Klgl 1,13.14: 13 Aus der Höhe hat er ein Feuer in meine Gebeine gesandt, dass es sie überwältigte; ein Netz hat er meinen Füßen ausgebreitet, hat mich zurückgewendet; er hat mich zur Wüste gemacht, krank den ganzen Tag. 14 Angeschirrt durch seine Hand ist das Joch meiner Übertretungen; sie haben sich verflochten, sind auf meinen Hals gekommen; er hat meine Kraft gebrochen. Der Herr hat mich in Hände gegeben, vor denen ich nicht bestehen kann.

Und dann dieses merkwürdige Wort: Angeschirrt durch seine Hand ist das Joch meiner Übertretungen; sie haben sich verflochten. All diese Übertretungen haben sich gleichsam zusammengeflochten zu einem einzigen Joch. Auf der einen Seite hat die Stadt selbst sich dieses Joch auf den Hals gelegt. Aber gleichzeitig ist es angeschirrt durch seine Hand. Gott hat es alles zugelassen und die Folgen ihrer Übertretungen auf die Stadt gelegt. Sind auf meinen Hals gekommen, diese Übertretungen. Er hat meine Kraft gebrochen. Der Herr hat mich in Hände gegeben, dass ich mich nicht aufrichten kann. Oder wie die Anmerkung sagt: In Händen, vor welchen ich nicht bestehen kann. Das sind die Hände der Bedränger.

Vers 15

Klgl 1,15: Der Herr hat alle meine Starken weggerafft in meiner Mitte; er hat ein Fest gegen mich ausgerufen, um meine Jünglinge zu zerschmettern; der Herr hat der Jungfrau, der Tochter Juda, die Kelter getreten.

Die Feste verschwanden, nachdem der Tempel zerstört worden war. Hier handelt es sich um ein anderes Fest: eine Festversammlung all dieser Feinde, die von allen Seiten gekommen sind und die Stadt belagert und zerstört haben. Eine schreckliche Festversammlung, nämlich der Feinde, wie die Anmerkung sagt. Ein Fest, um meine Jünglinge zu zerschmettern; der Herr hat der Jungfrau, der Tochter Juda, die Kelter getreten.

Vers 16

Klgl 1,16: Darüber weine ich, rinnt mein Auge, mein Auge von Wasser; denn fern von mir ist ein Tröster, der meine Seele erquicken könnte; meine Kinder sind vernichtet, denn der Feind hat gesiegt.

Zum dritten Mal hören wir über die Abwesenheit eines Trösters. Und dann auch wieder ganz besonders die Kinder. Meine Kinder, sagt die Stadt, sind vernichtet {eig. verwüstet}, denn der Feind hat gesiegt. Hier wird die Stimme der Stadt unterbrochen; in einem Vers – Vers 17 – hören wir jetzt die Stimme des Dichters:

Vers 17

Klgl 1,17: Zion breitet ihre Hände aus: Da ist niemand, der sie tröstet. Der HERR hat seine Bedränger ringsum gegen Jakob aufgeboten; wie eine Unreine ist Jerusalem unter ihnen geworden.

Er ist ein Zuschauer, er sieht gleichsam, wie die Stadt flieht und betet zu Gott. Da ist: Zion breitet ihre Hände aus, ist sein Kommentar, wenn er sie so sieht. Sie breitet ihre Hände aus, sie ruft zu Gott. Aber aus dem Himmel kommt keine Antwort. Ganz merkwürdig in diesem Buch, dass Gott nie ans Wort kommt, kein Wort des Trostes von ihm zu hören ist. Das ist die tiefste Klage. Am Ende des Buches Hiob kommt Gott ans Wort und tröstet. Hier schweigt der Himmel. Der HERR hat seine Bedränger ringsum gegen Jakob entboten. Seine Bedränger, also die von Ihm gesandten und benutzten Bedränger, hat Er gegen Jakob entboten wie eine Unreine; wir haben den Gedanken schon in Klagelieder 1,8 gehabt. Wie eine unreine Frau ist Jerusalem unter ihnen, unter diesen Bedrängern, geworden.

Vers 18

Klgl 1,18: Der HERR ist gerecht, denn ich bin widerspenstig gegen seinen Mund gewesen. Hört doch, ihr Völker alle, und seht meinen Schmerz! Meine Jungfrauen und meine Jünglinge sind in die Gefangenschaft gezogen.

Und dann spricht wieder die Stadt. Ich habe gesagt: Wir müssen ganz genau aufpassen, wer das Wort führt. Es ist natürlich der Dichter, der diese Worte in den Mund der Stadt legt. Der Herr ist gerecht, sagt sie. Und wenn ich sage „die Stadt“ – ich muss das noch sagen, ich wiederhole das –, dann ist es immer der gläubige Überrest; wir dürfen das nie vergessen. Das ist nicht das sündige Volk. Das würde die Faust zu dem Himmel erhoben haben. Es sind immer solche, die gläubig und deshalb eigentlich unschuldig sind und das Gericht nicht verdient haben, die aber gläubig mitleiden mit dem ganzen Volk und sich beugen unter dem Gericht. Das ist, was wir hier haben.

Und heute ist es genauso. Bald wird das Gericht über die Christenheit kommen. Aber wer beugt sich darunter? Wer ist darüber betrübt, wer klagt darüber? Das sind nur die Treuen, die das vor sich sehen, dass bald dieses Gericht kommen muss; die sich beugen unter diesem Gericht und nicht sagen: Das Gericht muss bald kommen, weil die anderen so gesündigt haben. Sondern sie machen sich eins mit dem Ganzen und sagen vor Gott: Wir haben gesündigt. Eine ganz merkwürdige Tatsache. Solche, die es wirklich getan haben, sagen nichts. Solche, die eigentlich unschuldig sind, weil sie Buße getan haben und sich vor Gott gedemütigt haben, sie gerade sind es – wie in Daniel 9 –, die vor Gott sagen: Wir haben gesündigt. Das haben wir hier. Sehr wichtig. So wie letztendlich der Herr Jesus das vollkommen am Kreuz getan hat und gesagt hat: Meine Sünden, meine Übertretungen, wie in Psalm 40 und woanders, wo Er seine, unsere Sünden zu seinen Sünden gemacht hat, sich so mit uns einsgemacht hat.

Aber so macht der Überrest das auch bezüglich des ganzen Volkes. Der Herr ist gerecht, sagt die Stadt, denn ich bin widerspenstig gegen seinen Mund gewesen. Hört doch, ihr Völker alle, und seht meinen Schmerz! Meine Jungfrauen und meine Jünglinge sind in die Gefangenschaft gezogen. Es sind solche, die hier reden, die zurückgeblieben sind im Land, aber sie sehen, wie die große Masse ihres Volkes in Gefangenschaft nach Babel gezogen ist.

Vers 19

Klgl 1,19: Ich rief meinen Liebhabern, sie aber betrogen mich; meine Priester und meine Ältesten sind in der Stadt verschieden, als sie für sich Speise suchten, um ihre Seele zu erquicken.

Ich rief meinen Liebhabern – wir haben sie schon kennengelernt, die Götzendiener unter den Nationen sind es –, sie aber betrogen mich; meine Priester und meine Ältesten sind in der Stadt verschieden, als sie für sich Speise suchten, damit sie ihre Seele erquicken möchten. Sie haben Speise gesucht und sie nicht gefunden und sind vor Hunger umgekommen.

Vers 20

Klgl 1,20: Sieh, HERR, wie mir angst ist! Meine Eingeweide wallen, mein Herz wendet sich um in meinem Innern, denn ich bin sehr widerspenstig gewesen. Draußen hat mich das Schwert der Kinder beraubt, drinnen ist es wie der Tod.

Aufs Neue hören wir dieses Wort: Sieh, HERR, wie mir angst ist! Wir haben es dreimal gefunden, in Vers 9 am Ende: Sieh, HERR, mein Elend, denn der Feind hat großgetan! Da redet die Stadt noch über den Stolz des Feindes. Und dann in Vers 11 am Ende: Sieh, HERR, und schaue, dass ich verachtet bin (Klgl 1,11)! Da weist das Volk auf sich selbst hin, in welch einem elenden, verächtlichen Zustand es ist. Aber hier kommen wir zum Höhepunkt hier in Vers 20: Sieh, HERR, wie mir angst ist! Meine Eingeweide wallen {eig. gären; so auch Klgl 2,11}, mein Herz wendet sich um in meinem Innern; denn – und dann ist es nicht mehr der stolze Feind –, ich bin sehr widerspenstig gewesen. Das ist der wahre Grund des Elends. Draußen hat mich das Schwert der Kinder beraubt, drinnen ist es wie der Tod.

Vers 21

Klgl 1,21: Sie haben gehört, dass ich seufzte: Ich habe niemand, der mich tröstet! Alle meine Feinde haben mein Unglück gehört, haben sich gefreut, dass du es getan hast. Führst du den Tag herbei, den du verkündigt hast, so werden sie sein wie ich.

Ich habe niemand, der mich tröstet! Zum vierten Mal dieser Gedanke. Alle meine Feinde haben mein Unglück gehört, haben sich gefreut, dass du es getan hast. Merkwürdiger Gedanke. So haben die Feinde tatsächlich gesprochen. Einige Seiten früher, in Jeremia 50,7, da wird es ganz deutlich ausgesprochen, da heißt es: Alle, die sie fanden, fraßen sie; und ihre Feinde {o. Bedränger} sprachen: Wir verschulden uns nicht, weil sie – das ist die Stadt Jerusalem oder die Einwohner Jerusalems oder Judas – gegen den HERRN gesündigt haben. Sie haben gegen den HERRN gesündigt, die Wohnung der Gerechtigkeit und gegen den HERRN, die Erwartung ihrer Väter. Also, die Feinde haben gesagt: Wir haben nichts getan; sie sind schuld. Wenn wir diese Stadt zerstören, dann verschulden wir uns nicht, denn dann sind wir nur Werkzeuge in der Hand Gottes. Also nicht nur Gott bezeugt das, sondern auch diese Feinde selbst, sie sagen: Wir stehen auf der Seite Gottes.

Wie haben das bereits bei Pharao Neko gesehen, der Eljakims Namen veränderte in Jojakim und damit sagte: Der Herr steht auf meiner Seite. In gewisser Hinsicht war das auch so. Das Volk gibt es hier zu: Du hast es getan. Und gleichzeitig haben die Feinde ihre Arbeit so böse getan, dass sie auch selbst unter das Gericht kommen müssen. Es ist wie bei Jehu, der ein Werkzeug in der Hand Gottes war, aber dabei so weit darüber hinausgegangen ist, dass Hosea 1 über die Blutschuld Jisreels spricht. Das war die Schuld Jehus.

Man kann Werkzeug in der Hand Gottes sein, aber dabei so weit über die Aufgabe hinausgehen, dass man sich genauso verschuldet wie die, über die man als Werkzeug das Gericht bringen muss. Und so ist es bei diesen Feinden. Aber es bleibt wahr: Du hast es getan. Führst du aber – das folgt sofort –, führst du den Tag herbei, den du verkündigt hast, so werden sie sein wie ich. So wird das Gericht an jenem Tag auch über meine Feinde kommen. Diese Feinde haben Recht; ich wiederhole das, weil es so wichtig ist. Diese Feinde haben Recht: Du hast es getan. Wir haben das Gericht über uns aus deiner Hand anzunehmen. Aber das ändert nichts daran, dass sie genauso schuldig sind. Wir verschulden nichts, so hat Jeremia sie in Kapitel 50 zitiert, aber sie haben sich auch verschuldet. Es stimmte nicht. Sie waren zwar Werkzeuge, haben sich aber trotzdem verschuldet und müssen deshalb dem Gericht hier verfallen. Und deshalb spricht er über diesen Tag, da werden sie sein wie ich.

Vers 22

Klgl 1,22: Lass all ihre Bosheit vor dein Angesicht kommen und tu ihnen, wie du mir getan hast wegen aller meiner Übertretungen; denn zahlreich sind meine Seufzer, und mein Herz ist krank.

Das gibt er zu, er sagt nicht: Ich bin unschuldig von denen verklagt worden, strafe sie deshalb. Nein, er sagt: Was sie getan haben, habe ich verdient, aber strafe sie, nichtsdestoweniger, wegen der Art und Weise, wie sie es getan haben. Und das ist wirklich ganz wichtig.

Werkzeug zu sein in der Hand Gottes für andere oder sogar gegen andere, kann gut und nötig sein, aber die Art und Weise, wie wir es tun, dafür bleiben wir selbst verantwortlich. Und darüber wird uns Gott auch zur Verantwortung rufen können. Das sehen wir hier ganz klar.

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Nach einem Vortrag aus dem Jahr 1991.

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