Das Buch Daniel (9)
Daniel 9

Hamilton Smith

© SoundWords, online seit: 04.02.2012, aktualisiert: 02.06.2020

Leitverse: Daniel 9

Gebet und Schuldbekenntnis

Ebenso wie die anderen Prophezeiungen Daniels nimmt uns Kapitel 9 mit in die Zukunft und bringt uns das Schicksal Jerusalems vor Augen. Aber es tut noch mehr, denn es zeigt uns den Zusammenhang zwischen der Wiederbelebung von Gottes Volk in Daniels Tagen und dem Gericht, das an einem späteren Tag über Jerusalem kommen und die Zeit ihrer Verwüstung und Verlassenheit beenden wird.

Daniel wird belehrt, dass, wenngleich in seinen Tagen ein Überrest aus Gottes Volk wieder in das Land zurückgebracht und der Tempel und die Stadt wieder aufgebaut werden mögen, wie es in den Büchern Esra und Nehemia verzeichnet ist, diese Wiederbelebung dennoch keineswegs die Gefangenschaft Israels beenden und auch Jerusalem nicht aus der heidnischen Unterdrückung befreien wird. Es gibt noch weiteres Leid für Gottes irdisches Volk und Verwüstungen für seine Stadt, bevor das Ende erreicht ist.

Als Prophet hatte Daniel Visionen und Offenbarungen über die Zukunft empfangen; nun sehen wir ihn als Fürsprecher für Gottes Volk und wie er als Antwort auf sein Gebet und seine Bitten eine Unterweisung in die Gedanken Gottes erhält:

  • Der Anlass für das Gebet an (Dan 9,1.2)
  • Daniels Sündenbekenntnis und das Versagen von Gottes Volk (Dan 9,3-6)
  • Daniels Rechtfertigung Gottes in all den von seiner Herrschaft ausgehenden Strafen, die über das Volk gekommen waren (Dan 9,7-15)
  • Daniels Bitten an Gott um Barmherzigkeit für das Volk Gottes (Dan 9,16-19)
  • Gottes gnädige Antwort auf Daniels Gebet, wodurch er in Wort und Vision die Gedanken Gottes zu verstehen bekommt (Dan 9,20-27)

Der Anlass für das Gebet

Verse 1.2

Dan 9,1.2: 1 Im ersten Jahr Darius’, des Sohnes Ahasveros’, aus dem Geschlecht der Meder, der über das Reich der Chaldäer König geworden war, 2 im ersten Jahr seiner Regierung verstand ich, Daniel, in den Schriften die Zahl der Jahre, bezüglich derer das Wort des HERRN an den Propheten Jeremia ergangen war, dass nämlich 70 Jahre für die Verwüstung Jerusalems vollendet werden sollten.

68 Jahre waren vergangen, seit Daniel bei dem Fall Jerusalems gefangen genommen worden war. Daniel hatte den Aufstieg und den Fall Babylons, des ersten großen Weltreiches, miterlebt. Persien, das zweite Weltreich, hatte die Vorherrschaft erlangt. In diesem Reich hatte Daniel eine hohe Autoritätsstellung über die Fürsten des Reiches inne. Doch weder das erhabene Amt, das er bekleidete, noch die Zeit und Kraft beanspruchenden Staatsgeschäfte konnten auch nur für einen Augenblick seine brennende Liebe für Gottes Volk oder seinen Glauben an Gottes Wort in Bezug auf Gottes Volk dämpfen.

Wir haben gesehen, dass Daniel ein Mann des Gebets war; jetzt erfahren wir, dass er auch ein Student der Schrift war. Wenngleich selbst ein Prophet ist er bereit dazu, anderen inspirierten Propheten Gottes zuzuhören und aus den Büchern der Schrift die Gedanken Gottes zu erfahren. So entdeckt er, als er den Propheten Jeremia liest, dass das Land Israel nach dem Fall Jerusalems in den Tagen Jojakims siebzig Jahre lang wüst liegen würde, und am Ende der siebzig Jahre würde der König von Babylon dem Gericht verfallenen und das Land der Chaldäer verwüstet werden (Jer 25,1.11.12). Überdies erfährt Daniel, dass Babylon nicht nur gerichtet werden würde, sondern dass der Herr zu Jeremia gesagt hatte: „Sobald siebzig Jahre für Babel voll sind, werde ich mich euer annehmen und mein gutes Wort an euch erfüllen, euch an diesen Ort zurückzubringen“ (Jer 29,10-14).

Daniel macht diese wichtige Entdeckung im ersten Jahr des Darius. Die tatsächliche Rückkehr fand, wie wir wissen, zwei Jahre später im ersten Jahr des Kyrus statt (Esra 1,1). Zu diesem Zeitpunkt jedoch konnte es im aktuellen Tagesgeschehen nichts geben, was die Hoffnung auf eine Rückkehr rechtfertigt hätte. Dass Gott sein Volk in Gefangenschaft heimsuchen und ihnen einen Weg zur Rückkehr in ihr Land eröffnen würde, entdeckt Daniel „in den Büchern“ und nicht anhand der Verhältnisse in Babylon. Er hat gerade die Vernichtung des Königs von Babylon und den Fall seines Weltreiches miterlebt, aber er spekuliert nicht über die aufwühlenden Ereignisse, die um ihn herum stattfinden, um aus ihnen Schlussfolgerungen zu ziehen, die für Gottes Volk günstig sind. Er wird in seiner Erkenntnis durch Bücher – Gottes Wort – geleitet, ob die Verhältnisse nun die Vorhersagen Gottes zu begünstigen scheinen oder nicht.

Das Wort Gottes ist der wahre Schlüssel zur Prophetie. Wir sind nicht darauf angewiesen, Prophezeiungen durch vergängliche Umstände zu erklären oder auf die Erfüllung von Prophezeiungen zu warten, um sie zu deuten.

Daniels Bekenntnis der Schuld von Gottes Volk

Vers 3

Dan 9,3: Und ich richtete mein Angesicht zu Gott, dem Herrn, um ihn mit Gebet und Flehen zu suchen, in Fasten und Sacktuch und Asche. 

Die Erkenntnis, die Daniel aus dem Wort gewinnt, nämlich dass Gott kurz davor steht, sein Volk heimzusuchen, hat eine unmittelbare Wirkung: Daniel wendet sich an Gott. Er geht nicht mit der frohen Kunde zu seinen Mitgefangenen, sondern er nähert sich Gott. In seinen Worten: „Und ich richtete mein Gesicht zu Gott, dem Herrn, hin.“ Wie jemand [William Kelly] sagte: „Er hat Gemeinschaft mit Gott über das, was er von Gott empfängt.“ Das Ergebnis ist, dass er die wahre Natur des Augenblicks und den moralischen Zustand des Volkes erkennt und in einer der Situation angemessenen Weise handelt.

Gott steht kurz davor, seine strafende Hand ruhen zu lassen und seinem Volk ein wenig Erholung zu gewähren. Dennoch ist Daniel nicht freudig erregt und wendet sich auch nicht mit Jubeln und Gotteslob an das Volk. Im Gegenteil: Er erkennt die wahre Bedeutung des Augenblicks und wendet sich an Gott, „um zu beten und zu flehen unter Fasten und in Sack und Asche“, und bekennt vor dem Herrn, seinem Gott.

Wohl vertraut mit den Schriften schaut Daniel zurück auf über tausend Jahre, seit Gott sein Volk aus der Knechtschaft in Ägypten befreit hat (Dan 9,15). Er sieht, dass diese Zeit eine lange Geschichte des Versagens und der Rebellion war. Er durfte bereits in die Zukunft schauen und sehen, dass noch Versagen und Leid auf das Volk Gottes warten (Dan 7; 8). Er hat auch erfahren, dass es für Gottes Volk erst vollkommene Befreiung geben wird, wenn der Menschensohn kommen und sein Reich errichten wird. Zusammengefasst sieht er, dass die Vergangenheit durch Versagen gekennzeichnet ist, dass die Zukunft durch die Ankündigung noch größeren Leides und größeren Versagens verdunkelt ist und dass es keine Hoffnung auf Errettung für das Volk Gottes als Ganzes gibt, bis der König kommt. Angesichts dieser Wahrheiten war Daniel tief betroffen und beunruhigt; er fiel sogar in Ohnmacht und war einige Tage lang krank (Dan 7,28; 8,27). Doch Daniel machte noch eine weitere Entdeckung. Er erfuhr aus der Schrift, dass Gott trotz alles vergangenen Versagens und alles zukünftigen Unheils vorhergesagt hatte, dass es inmitten dieser Jahre eine kleine Erneuerung geben würde.

In all dem können wir nicht umhin, eine Ähnlichkeit zwischen unseren eigenen Tagen und denen zu Daniels Lebzeiten zu sehen. Wir können auf Jahrhunderte des Versagens der Gemeinde in der Verantwortung zurückblicken. Wir wissen aus der Schrift, dass böse Menschen und Betrüger zu immer Schlimmeren fortschreiten werden (2Tim 3,13), und sehr bald wird das, was den Namen Christi auf Erden bekennt, aus seinem Munde ausgespien werden (s. Off 3,16). Wir wissen auch, dass nichts anderes als das Kommen Christi das Volk Gottes wieder zusammenbringen und die gesamte traurige Geschichte des Versagens beenden wird. Doch wir wissen ebenfalls, dass der Herr mit Bestimmtheit gesagt hat, dass es inmitten all des Versagens eine philadelphische Erneuerung einiger weniger geben wird, die inmitten der Korruption des Christentums aufgefunden werden, wie sie in großer Schwäche versuchen, sein Wort zu halten und seinen Namen nicht zu verleugnen (s. Off 3,8).

Daniel weist in seinem Gebet und Schuldbekenntnis den Geist auf, der diejenigen kennzeichnen sollte, die in seinen oder in unseren eigenen Tagen auf die offene Tür der Errettung, die Gott vor sein Volk setzt, zu antworten wünschen.

Verse 4-6

Dan 9,4-6: 4 Und ich betete zu dem HERRN, meinem Gott, und ich bekannte und sprach: Ach, Herr, du großer und furchtbarer Gott, der den Bund und die Güte denen bewahrt, die ihn lieben und seine Gebote halten! 5 Wir haben gesündigt und verkehrt und gottlos gehandelt, und wir haben uns empört und sind von deinen Geboten und von deinen Rechten abgewichen. 6 Und wir haben nicht auf deine Knechte, die Propheten, gehört, die in deinem Namen zu unseren Königen, unseren Fürsten und unseren Vätern und zu allem Volk des Landes geredet haben.

Indem Daniel sich mit einem Schuldbekenntnis Gott zuwendet, erlangt er ein tiefes Gespür für die Größe, die Heiligkeit und die Treue Gottes. Überdies erkennt er, dass Gott treu zu seinem Wort steht und dass sein Volk, wenn es doch nur seinen Namen in Ehren hält und liebt und sein Wort hält, Gnade finden wird.

Mit einem echten Sinn für die Größe Gottes in seiner Seele erkennt Daniel sofort den moralisch niedrigen Zustand des Volkes (Dan 9,5.6). Gott ist seinem Bund treu geblieben, aber das Volk ist von Gottes Geboten und Rechtsbestimmungen abgewichen. Daniel erkennt, dass diese niedrige moralische Verfassung an der Wurzel all der Teilung und Zerstreuung liegt, die unter das Volk Gottes gekommen sind. Er versucht nicht, die Schuld für die Teilung und die Zerstreuung gewissen Einzelpersonen zuzuschreiben, die in der Tat selbstherrlich gehandelt, die Wahrheit verdreht und viele in die Irre geführt haben mögen. Dies war, wie wir wissen, bei den Königen, den Priestern und falsche Propheten der Fall. Doch Daniel blickt über das Versagen von Einzelpersonen hinaus und sieht das Versagen von Gottes Volk als Ganzem und gesteht es ein. Er sagt: Wir haben gesündigt … unsere Könige, unsere Fürsten, unsere Väter und … alles Volk des Landes. 

Persönlich hatte Daniel keinen direkten Anteil an der Verursachung der Zerstreuung, die beinahe siebzig Jahre zuvor stattgefunden hatte. Er konnte zu der Zeit des Zusammenbruchs Jerusalems höchstens ein Kind gewesen sein, und während seiner Gefangenschaft war wahrscheinlich niemand dem Herrn treuer ergeben gewesen als er selbst. Dennoch führt ihn weder die Abwesenheit von persönlicher Verantwortung noch die vergangene Zeit dazu, die Teilung und die Zerstreuung zu ignorieren oder die Schuld längst verstorbenen Einzelpersonen anzulasten; im Gegenteil: Er identifiziert sich mit dem Volk Gottes und gesteht vor Gott: „Wir haben gesündigt.“

So kann in unseren Tagen die Beschäftigung mit den Werkzeugen, durch die Gottes Volk auseinandergebrochen wird, die Augen für die wirkliche Ursache des Auseinanderbrechens verschließen, nämlich den niedrigen Zustand, der unser hohes Bekenntnis begleitete. Wir mögen keinen konkreten Anteil an der Torheit und der selbstherrlichen Handlungsweise der Wenigen haben, die die Zerstreuung des Volkes Gottes direkt auslösten, aber wir hatten alle unseren Anteil an dem niedrigen Zustand, der das Auseinanderbrechen notwendig machte.

Daniel versucht nicht, ihre Sünde herunterzuspielen, im Gegenteil: Er gesteht ein, dass sie ihre Sünde durch ihre Weigerung, auf die Propheten, die Gott von Zeit zu Zeit gesandt hatte, um sie zu sich zurückzurufen, verschlimmert hatten. Nichts ist auffälliger, als zu sehen, wie hartnäckig das Volk Gottes, in jenen Tagen wie auch in diesen, die Propheten verfolgt hat. Wir mögen es nicht, wenn unser Gewissen dadurch, dass wir von unserem Versagen hören, beunruhigt wird. Zuzugeben, dass wir unrecht haben oder unrecht getan haben, ist für das religiöse Fleisch (außer in höchst vagen und allgemeinen Formulierungen) zu demütigend. Daher ist der Prophet, der versucht, das Gewissen anzurühren – der Gottes Volk an seine Sünden erinnert –, niemals beliebt. Der bloße „Lehrer“ wird mit Beifall empfangen werden, denn der Erwerb von Wissen zu Füßen eines Lehrers ist recht befriedigend für das Fleisch. Einen großen Lehrer inmitten einer Gemeinschaft zu haben, erfüllt uns gewöhnlich mit Stolz; aber wer möchte, dass ein Prophet das Gewissen weckt, indem er uns von unserem Versagen und unseren Sünden erzählt? So kam es, dass Israel sich weigerte, auf die Propheten zu hören.

Daniel rechtfertigt Gott in seinem Herrschaftshandeln 

Vers 7

Dan 9,7: Dein, o Herr, ist die Gerechtigkeit, unser aber die Beschämung des Angesichts, wie es an diesem Tag ist: der Männer von Juda und der Bewohner von Jerusalem, und des ganzen Israel, der Nahen und der Fernen, in allen Ländern, wohin du sie vertrieben hast wegen ihrer Treulosigkeit, die sie gegen dich begangen haben. 

Nachdem er die Sünde von „allem Volk des Landes“ bekannt hat, rechtfertigt Daniel Gott darin, das Volk bestraft zu haben. Er versteht dieses äußerst wichtige Prinzip, dass, wenn Zerteilung und Zerstreuung geschehen sind, diese Übel angenommen werden müssen als von Gott kommend, der in seiner heiligen Zucht [Erziehung, Züchtigung, Disziplin; d.Übs.] handelt, und nicht einfach als durch besondere Taten der Torheit oder Bosheit seitens einzelner Männer herbeigeführt betrachtet werden dürfen. Dies kann man deutlich anhand der großen Zerteilung, die in Israel stattfand, sehen. Vom Werkzeug her gesehen, wurde sie durch die Torheit Rehabeams herbeigeführt, doch Gott sagte: „Von mir aus ist diese Sache geschehen“ (2Chr 11,4). 

450 Jahre später, als das Volk Gottes nicht nur zerteilt, sondern unter die Heidenvölker zerstreut war, erkannte Daniel in aller Deutlichkeit dieses große Prinzip. Er sagt: Du, Herr, bist gerecht, wir aber müssen uns alle schämen, die von Juda und von Jerusalem und vom ganzen Israel, die, die nahe sind, und die zerstreut sind in allen Ländern, wohin du sie verstoßen hast. – Des Weiteren spricht er davon, dass „der Herr, unser Gott, … ein so großes Unglück über uns hat kommen lassen“ und erkennt: „Darum ist der Herr auch bedacht gewesen auf dies Unglück und hat es über uns kommen lassen“ (Dan 9,7.12.14). So verliert Daniel die Torheit und Bosheit einzelner Männer aus den Augen. Er erwähnt keine Namen. Er spricht nicht von Jojakim oder den Gräueln, die er tat (vgl. 2Chr 36,8), auch nicht von Zedekia und seiner Torheit noch bezieht er sich auf die rücksichtslose Gewalt von Nebukadnezar; sondern er sieht, indem er über diese Männer hinausschaut, in der Zerstreuung die Hand eines gerechten Gottes.

So hört auch ein wenig später Sacharja die Worte des Herrn an die Priester und alles Volk des Landes wie folgt: „Und ich stürmte sie weg unter alle Nationen, die sie nicht kannten“ (Sach 7,5.14). Ebenso erinnert sich noch später Nehemia an die Worte des Herrn zu Moses: „Werdet ihr treulos handeln, so werde ich euch unter die Völker zerstreuen“ (Neh 1,8). Diese Männer Gottes versuchen nicht, ihre gewichtigen Aussagen über Gottes disziplinarisches Handeln einzuschränken. Sie sagen noch nicht einmal, dass Gott die Zerstreuung seines Volkes „zugelassen“ oder ihre Vertreibung „erlaubt“ hat; sondern sie sagen deutlich, dass Gott selbst das Volk vertrieben und das Übel über sie gebracht hat.

Verse 8-15

Dan 9,8-15: 8 HERR! Unser ist die Beschämung des Angesichts, unserer Könige, unserer Fürsten und unserer Väter, weil wir gegen dich gesündigt haben. 9 Des Herrn, unseres Gottes, sind die Erbarmungen und die Vergebungen; denn wir haben uns gegen ihn empört, 10 und wir haben der Stimme des HERRN, unseres Gottes, nicht gehorcht, um in seinen Gesetzen zu wandeln, die er uns durch seine Knechte, die Propheten, vorgelegt hat. 11 Und ganz Israel hat dein Gesetz übertreten und ist abgewichen, so dass es deiner Stimme nicht gehorcht hat. Und so hat sich der Fluch und der Schwur über uns ergossen, der im Gesetz Moses, des Knechtes Gottes, geschrieben steht, weil wir gegen ihn gesündigt haben. 12 Und er hat seine Worte erfüllt, die er über uns und über unsere Richter geredet hat, die uns richteten, indem er ein großes Unglück über uns brachte, so dass unter dem ganzen Himmel keines geschehen ist wie dasjenige, das an Jerusalem geschehen ist. 13 So wie es im Gesetz Moses geschrieben steht, ist all dieses Unglück über uns gekommen. Und wir flehten den HERRN, unseren Gott, nicht an, dass wir von unseren Ungerechtigkeiten umgekehrt wären und Einsicht erlangt hätten für deine Wahrheit. 14 Und so hat der HERR über das Unglück gewacht und es über uns kommen lassen. Denn der HERR, unser Gott, ist gerecht in allen seinen Taten, die er getan hat; aber wir haben seiner Stimme nicht gehorcht. 15 Und nun, Herr, unser Gott, der du dein Volk aus dem Land Ägypten mit starker Hand herausgeführt und dir einen Namen gemacht hast, wie es an diesem Tag ist – wir haben gesündigt, wir haben gottlos gehandelt.

Doch weiter: Wenn einerseits bei jedem Stand und jeder Generation Israels von den Vätern an Beschämung des Angesichts ist, so sind andererseits „des Herrn, unseres Gottes, die Erbarmungen und die Vergebungen“ (Dan 9,9). Gott ist nicht nur gerecht, sondern Er ist auch barmherzig und voller Vergebung. Und dennoch hatte das Volk aufbegehrt und seine Schuld wiederum verschlimmert.

So fasst Daniel die Sünde Israels zusammen: 

  • Das Volk hatte der Stimme des Herrn nicht gehorcht; es hatte sein Gesetz gebrochen und die Propheten missachtet (Dan 9,10).
  • Deshalb war der im Gesetz verkündete Fluch über sie hereingebrochen, und Gott hatte seine Worte bekräftigt, die Er gegen das Volk gesprochen hatte, indem Er dieses große Unheil über es gebracht hatte (Dan 9,11.12).
  • Des Weiteren wandten sie, als das Unheil kam, sich nicht im Gebet an Gott. Anscheinend verspürten sie keinen Wunsch, sich von ihrer Schuld abzuwenden und die Wahrheit zu verstehen (Dan 9,13).

Hat dieser ernste Vers dem Volk Gottes in diesen unseren Tagen nichts zu sagen? Das Volk Gottes ist zerstreut und gespalten aufgrund seiner Sünden, doch wie ruhig, ja wie selbstgefällig wird dieser Zustand der Spaltung von dem Volk Gottes betrachtet! Überdies wird nicht nur die Wahrheit Gottes zurzeit wenig verstanden, es ist auch wenig Verlangen danach vorhanden, die Wahrheit zu verstehen. Ach, dass wir über den Zustand von Gottes Volk so betroffen wären, dass wir uns gezwungen fühlten, vor dem Herrn, unserm Gott, zu beten, uns von unseren Sünden abzuwenden und uns darum zu bemühen, die Wahrheit Gottes zu verstehen!

„Und so“, sagt Daniel, „hat der HERR über dem Unglück [bzw. war der Herr auf das Unglück bedacht] gewacht und es über uns kommen lassen“ (Dan 9,14). Der Herr hatte zu Jeremia gesagt: „Ich wache über sie zum Bösen und nicht zum Guten“; und wiederum sagt uns derselbe Prophet, dass der Herr „über sie gewacht habe, um auszureißen und und abzubrechen und zu zerstören und zu verderben“ (Jer 44,27; 31,28). Wie ernst! Wir können besser verstehen, dass der Herr über sein Volk wacht, um es zu beschützen, doch hier stellen wir fest, dass Er zum Unheil über sie wacht, und Daniel rechtfertigt den Herrn dabei: „Der HERR, unser Gott, ist gerecht in allen seinen Taten, die er getan hat; aber wir haben seiner Stimme nicht gehorcht“ (Dan 9,14).

Und es gab noch eine weitere Erschwerung ihrer Schuld, die Daniel bekennt (Dan 9,15). Das Volk, das gesündigt und so böse gehandelt hatte, war von dem Herrn errettet worden – das Volk, das Er mit mächtiger Hand aus Ägypten geführt hatte. Also war es dasselbe Volk, durch das Gott sich einen Namen gemacht hatte, das Ihn nun durch seine Sünde entehrte. Durch Gottes rettende Macht zugunsten Israels war sein Ruhm unter den Völkern verbreitet worden; durch Israels Sünde war sein Name unter den Heiden verlästert worden. Deshalb hatte Gott seine Herrlichkeit rechtfertigt, indem Er Israel wieder in die Knechtschaft getrieben hatte.

Daniels Bittgebet um Barmherzigkeit 

Verse 16-19

Dan 9,16-19: 16 Herr, nach allen deinen Gerechtigkeiten lass doch deinen Zorn und deinen Grimm sich wenden von deiner Stadt Jerusalem, deinem heiligen Berg! Denn wegen unserer Sünden und der Ungerechtigkeiten unserer Väter sind Jerusalem und dein Volk allen denen zum Hohn geworden, die uns umgeben. 17 Und nun höre, unser Gott, auf das Gebet deines Knechtes und auf sein Flehen; und um des Herrn willen lass dein Angesicht leuchten über dein verwüstetes Heiligtum! 18 Neige, mein Gott, dein Ohr und höre! Tu deine Augen auf und sieh unsere Verwüstungen und die Stadt, die nach deinem Namen genannt ist! Denn nicht um unserer Gerechtigkeiten willen legen wir unser Flehen vor dir nieder, sondern um deiner vielen Erbarmungen willen. 19 Herr, höre! Herr, vergib! Herr, merke auf und handle; zögere nicht, um deiner selbst willen, mein Gott! Denn deine Stadt und dein Volk sind nach deinem Namen genannt.

Nachdem er die Sünde und das Versagen von Gottes Volk bekannt und überdies Gott in all seinen Wegen rechtfertigt hat, betet Daniel nun in Form der Bitte. Bemerkenswerterweise, wie wir es finden mögen, ist seine erste Bitte die Gerechtigkeit Gottes und später die „große Barmherzigkeit“ Gottes. Er erkennt, dass Barmherzigkeit auf Gerechtigkeit fußen muss. Er hatte bereits die Gerechtigkeit Gottes darin, all dieses Leid über das Volk zu bringen, anerkannt (Dan 9,14); jetzt bittet er darum, dass Gott in Gerechtigkeit seinen Zorn und Grimm von Jerusalem abwenden möge.

Gegenstand seiner Fürbitte sind die Stadt, der heilige Berg, das Heiligtum und das Volk Gottes. Er bittet nicht für sich selbst, seine persönlichen Belange oder die besonderen Bedürfnisse seiner Gefährten in der Gefangenschaft. Sein ganzes Herz ist auf die Belange Gottes auf Erden bedacht. Ach, dass wir doch mehr von dem Geist Daniels wüssten; dass unsere Herzen so mit dem gefüllt wären, was dem Herzen Christi am nächsten und am liebsten ist, dass wir uns über alle persönlichen und örtlichen Bedürfnisse erheben und zu Gott für seine Gemeinde, seinen Namen, sein Haus und sein Volk schreien könnten und das allgemeine Versagen bekennen und die allgemeine Not fühlen könnten.

Es ist bezeichnend, dass er, als er für die Stadt, den Berg, das Heiligtum und das Volk betet, diese nicht in Bezug auf sich oder sein Volk sieht, sondern als Gottes Eigentum. Er sagt nicht: unsere Stadt, oder: unser Heiligtum, oder: unser Volk, sondern: „deine Stadt“, „dein heiliger Berg“, „dein Heiligtum“, und: „dein Volk“. Indem er sich über alles Versagen erhebt, wendet er sich an Gott und macht geltend: „Wir sind dein.“ Zuerst macht er die Gerechtigkeit Gottes geltend (V. 16). Dann bittet er „um des Herrn willen“ (Dan 9,17). Nachfolgend bittet er um die „vielen Erbarmungen“ Gottes (Dan 9,18). Schließlich macht er den Namen des Herrn geltend (Dan 9,19). Weil er sein Gebet auf solch ein Plädoyer stützt, kann er den Herrn bitten, zu „hören“, zu „vergeben“, zu „handeln“ und „nicht zu zögern“, für Sein Volk tätig zu werden.

Es ist von höchster Wichtigkeit, zu sehen, dass die Grundlage von Daniels Bittgebet die Tatsache, die er in seinem Schuldbekenntnis wieder und wieder betont, ist, dass es Gott selbst war, der das Volk zerschlagen hatte (Dan 9,7.12.14). Bis dieser Tatsache ins Auge gesehen und sie ohne jegliche Einschränkung eingestanden wird, kann es keine Wiederherstellung geben. Sobald man ihr jedoch ins Auge sieht, hat man eine gute Grundlage, auf der man sich an Gott wenden und um wiederherstellende Barmherzigkeit flehen kann; und aus diesem Grund ist Gott der Eine, der nicht nur zerschlagen, sondern auch heilen kann; Gott kann zerstreuen, aber Gott kann auch versammeln (Ps 147,2). Wenn wir uns weigern einzugestehen, dass Gott uns zerschlagen hat, und nur die menschengemachte Torheit sehen, schließen wir alle Hoffnung auf Wiederherstellung für diejenigen, die Gott treu sein wollen, aus. Wenn wir Menschen vor Augen haben, denken wir an diejenigen, die zwar zerschlagen können, aber keine Macht haben, wiederherzustellen; wohingegen Gott sowohl zerschlagen als auch wiederherstellen kann.

Nur Menschen als Verursacher von Spaltungen zu sehen, hat viele aufrichtige Leute zu der falschen Schlussfolgerung geführt, dass, wenn Menschen Spaltungen verursacht haben, Menschen auch die Macht haben, Abhilfe zu schaffen. Daher sind die Bemühungen, die gemacht werden, um das Volk Gottes wieder zusammenzubringen, zum Scheitern verurteilt, ja zu Schlimmerem als Scheitern, denn sie vergrößern nur die Verwirrung unter dem Volk Gottes. Zusammenzubringen übersteigt den menschlichen Verstand; es ist Gottes Werk. Wir können zerstören, wir können zerstreuen, wie können Herzen zerbrechen; aber „der HERR baut Jerusalem, die Vertriebenen Israels sammelt er; der da heilt, die zerbrochenen Herzens sind, und ihre Wunden verbindet“ (Ps 147,2.3).

Hier haben wir in Daniels Gebet den Kurs, der stets Gottes Volk an einem Tag des Zerfalls leiten sollte:

  1. indem man sich Gott zuwendet, ein frisches und vertieftes Gespür zu bekommen für seine Größe, Heiligkeit und Barmherzigkeit denjenigen gegenüber, die bereit sind, sein Wort zu halten
  2. unser Versagen und unsere Sünde zu bekennen und dass die Wurzel aller Zerstreuung ein niedriger moralischer Zustand ist
  3. die gerechte Herrschaft Gottes in all seinem Handeln zur Bestrafung seines Volkes anzuerkennen
  4. auf die Gerechtigkeit Gottes zurückzugreifen, die um seines Namens willen seinem versagenden Volk gegenüber in Barmherzigkeit handeln kann.

Verständnis durch das Wort und die Vision 

Verse 20-23

Dan 9,20-23: Während ich noch redete und betete und meine Sünde und die Sünde meines Volkes Israel bekannte und mein Flehen vor dem HERRN, meinem Gott, für den heiligen Berg meines Gottes niederlegte, 21 während ich noch redete im Gebet, da kam der Mann Gabriel, den ich im Anfang, als ich ganz ermattet war, im Gesicht gesehen hatte, zu mir her zur Zeit des Abendopfers. 22 Und er gab mir Verständnis und redete mit mir und sprach: Daniel, jetzt bin ich ausgegangen, um dich Verständnis zu lehren. 23 Im Anfang deines Flehens ist ein Wort ausgegangen, und ich bin gekommen, um es dir kundzutun; denn du bist ein Vielgeliebter. So höre aufmerksam auf das Wort und verstehe das Gesicht:

Dadurch, dass Daniel sich Gott in Gebet und Schuldbekenntnis zuwendet, empfängt er Licht und Verständnis für die Gedanken Gottes. Es ist bedeutsam, dass er die Antwort auf sein Gebet zur Zeit des Abendopfers erhält, was darauf hindeutet, dass sein Gebet aufgrund der Wirksamkeit des Brandopfers beantwortet wird, das zu Gott von dem Wert des Opfers Christi spricht.

Schon als Daniel anfing zu beten, gab Gott Gabriel den Befehl, zu Daniel zu gehen. Gott wartete nicht auf ein langes Gebet, um alles zu hören, was Daniel sagen würde. Gott kannte das Begehren seines Herzens, und schon ganz am Anfang hörte Er und begann zu handeln. Gabriels Auftrag war es, Daniels Verstand zu öffnen, damit er die Mitteilungen Gottes empfangen konnte; wie er sagt: „um dich Verständnis zu lehren“. Es reichte nicht, dass Daniel Offenbarungen empfing; er musste erst Verständnis gelehrt werden, um von ihnen profitieren zu können. Zu einem späteren Zeitpunkt öffnete der Herr den Jüngern die Schrift und öffnete auch ihren Verstand, damit sie die Schrift verstehen könnten. Auch wir brauchen den geöffneten Verstand ebenso wie die geöffnete Schrift, genau wie der Apostel zu Timotheus sagt, als er ihm die Wahrheit eröffnet: „Bedenke, was ich sage; denn der Herr wird dir Verständnis geben in allen Dingen“ (2Tim 2,7).

Überdies wird Daniel, nachdem er sich mit dem Versagen von Gottes Volk identifiziert und bekannt hat, dass „wir gesündigt haben“, nun versichert, dass er trotz all des Versagens ein „Vielgeliebter“ ist (Dan 9,23).

Vers 24

Dan 9,24: 70 Wochen sind über dein Volk und über deine heilige Stadt bestimmt, um die Übertretung zum Abschluss zu bringen und den Sünden ein Ende zu machen und die Ungerechtigkeit zu sühnen und eine ewige Gerechtigkeit einzuführen und Gesicht und Propheten zu versiegeln und ein Allerheiligstes zu salben. 

Daniel hatte, indem er den Propheten Jeremia las, festgestellt, dass am Ende von 70 Jahren Gott Babylon richten und sein Volk aus der Gefangenschaft befreien würde. Aufgrund dieser Prophezeiung hatte sich Daniel an Gott gewandt und Ihn angefleht, nach seinem Wort zu handeln. Als Antwort auf Daniels Gebet macht Gott ihm eine weitere Offenbarung. Daniel erfährt, dass am Ende von „70 Wochen“ eine viel größere Befreiung/Erlösung für die Juden kommen würde – eine, die endgültig und vollständig sein würde.

Wir dürfen nicht vergessen, dass sich diese Prophezeiung gänzlich auf die Erlösung des jüdischen Volkes und ihrer Stadt bezieht. Der Engel sagt: „70 Wochen sind über dein Volk und über deine heilige Stadt bestimmt“ (Dan 9,24). Daniels Volk sind die Juden, und seine Stadt ist Jerusalem. Der Christ hat keine bleibende Stadt in dieser Welt; er sucht die zukünftige [Heb 13,14]. Alles, was für die Erfüllung dieser Prophezeiungen notwendig ist, ist am Kreuz vollbracht worden. Um diese Segnungen zu erwerben, ist Christus für das Volk gestorben (Joh 11,51). Das Blut ist vergossen, und Sühne ist geleistet worden. Die Aufnahme des Werkes Christi im Glauben, so dass das Volk in die Segnungen eingehen kann, die dieses Werk erworben hat, liegt noch in der Zukunft. Wenn Israel sich dem Herrn zuwendet, dann wird die Übertretung, für die das Volk zerstreut worden ist, beendet sein, seine Sünden werden vergeben und seine Schuld abgetragen sein (Jes 40,2); und Gottes Gerechtigkeit wird aufgerichtet worden sein (Jes 51,4-6). Visionen und Prophezeiungen werden erfüllt sein und in diesem Sinne versiegelt bzw. abgeschlossen. Das Allerheiligste wird als Wohnort Gottes ausgesondert worden sein.

Was nun sollen wir unter „70 Wochen“ verstehen? Sind hier buchstäblich 70 Wochen mit 7 Tagen gemeint, also 490 Tage? Die Verse Daniel 9,25 und 26 verbieten solch einen Gedanken. Der Beginn der siebzig Wochen wird klar bezeichnet, und wir erfahren, dass am Ende von 69 Wochen gewisse Ereignisse eintreten würden, die offensichtlich nicht nach 483 Tagen eingetreten sind. Das Problem ist behoben, wenn wir erkennen, dass das Wort „Wochen“ lediglich „Perioden von 7“ bedeutet. Die Juden rechneten in Perioden von 7 Jahren, bzw. Septenaten, also Jahrsiebten, wie wir in Perioden von 10 Jahren, also Dekaden bzw. Jahrzehnten rechnen. Die 70 Wochen sind also 70 Perioden von 7 Jahren oder 490 Jahre.

Vers 25.26

Dan 9,25.26: 25 So wisse denn und verstehe: Vom Ausgehen des Wortes, Jerusalem wiederherzustellen und zu bauen, bis auf den Messias, den Fürsten, sind 7 Wochen und 62 Wochen. Straßen und Gräben werden wiederhergestellt und gebaut werden, und zwar in Drangsal der Zeiten. 26 Und nach den 62 Wochen wird der Messias weggetan werden und nichts haben. Und das Volk des kommenden Fürsten wird die Stadt und das Heiligtum zerstören, und das Ende davon wird durch die überströmende Flut sein; und bis ans Ende: Krieg, Festbeschlossenes von Verwüstungen. 

Diese Periode von 490 Jahren beginnt beim Ergehen des Befehls, Jerusalem zu bauen und wiederherzustellen (Dan 9,25). Aus Nehemia 2 wissen wir, dass dieser Befehl, Jerusalem wiederaufzubauen, im 20. Jahr des Artaxerxes erging. In der Weltgeschichte wurde das 20. Jahr des Artaxerxes als ungefähr 454 oder 455 v.Chr. errechnet. 490 Jahre nach diesem Ereignis, so lesen wir, solle die Zeit von Israels Leid vorbei und die Segnungen des Reiches errichtet sein.

Nun ist es offensichtlich, dass der vorhergesagte Segen nicht am Ende von 490 Jahren kam, wenn diese Jahre ohne Pause berechnet werden. Aber in diesen Versen sehen wir, dass diese Periode in drei Abschnitte gegliedert ist. Der erste Abschnitt dauert 7 Wochen, also 49 Jahre, an, und währenddessen wird Jerusalem in unruhiger bzw. kummervoller Zeit wieder aufgebaut. Wie unruhig/kummervoll die Zeit war, wissen wir aus dem Bericht im Buch Nehemia. Der zweite Abschnitt von 62 Wochen, also 434 Jahren, reicht von der Fertigstellung der Stadtmauer von Jerusalem bis zum Messias. Das Wort sagt nicht genau, ob damit die Geburt des Messias, sein Auftreten vor dem Volk oder sein Tod gemeint ist. Es bleibt recht allgemein; es wird nur eindeutig festgestellt, dass nach den 62 Wochen der Gesalbte ausgerottet werden und nicht mehr sein/nichts mehr haben wird.

Auf die Prophezeiung über die Ausrottung des Messias folgt eine Aussage über das Volk des Fürsten, der kommen wird (Dan 9,26); darauf wiederum folgen Aussagen in Bezug auf den Fürsten selbst. Es wird festgestellt, dass das Volk die Stadt und das Heiligtum zerstören wird. Dies bezieht sich zweifellos auf das römische Volk – die vierte große heidnischen Macht, die die Erde beherrschte, als der Messias kam und ausgerottet wurde. Daniel erfährt, dass das jüdische Volk, nachdem es seinen Messias abgelehnt hat, dem Gericht verfallen und dass seine Stadt und sein Heiligtum von dem römischen Volk zerstört werden wird, das das Land wie eine Flut überschwemmen und die jüdische Besiedlung beenden wird. Das Volk wird in Gefangenschaft geraten, und das Land wird verwüstet liegen bleiben. Die Juden werden erfahren, dass bis zur Zeit des Endes jedermanns Hand gegen sie erhoben bleibt. Der Herr selbst wiederholt die Vorhersage dieser ernsten Ereignisse, als Er sagt: „Sie [die Juden] werden fallen durch die Schärfe des Schwerts und gefangen weggeführt werden unter alle Nationen; und Jerusalem wird von den Nationen zertreten werden, bis die Zeiten der Nationen erfüllt sind“ (Lk 21,24). Dieser Teil der Prophezeiung wurde ungefähr 70 Jahre nach der Geburt Christi vollkommen erfüllt, als Jerusalem von den Römern unter Titus zerstört wurde.

Vers 27

Dan 9,27: Und er wird einen festen Bund mit den Vielen schließen für eine Woche; und zur Hälfte der Woche wird er Schlachtopfer und Speisopfer aufhören lassen. Und wegen der Beschirmung der Gräuel wird ein Verwüster kommen, und zwar bis Vernichtung und Festbeschlossenes über das Verwüstete ausgegossen werden.

An diesem Punkt geht die Prophezeiungen dazu über, von Ereignissen zu sprechen, die noch in der Zukunft liegen und während der letzten Woche, also 7 Jahre, der Prophezeiung stattfinden werden (Dan 9,27). Als Christus ausgerottet wurde, hatte 69 Wochen ihren Lauf genommen. Es blieb nur 1 Woche – oder 7 Jahre –, bevor sein Reich errichtet werden würde. Doch die Juden lehnten ihrem Messias ab; folglich wurde die Erfüllung der Prophezeiung verschoben. Von dem Zeitpunkt an, als sie ihren Messias verschmähten, erkannte Gott das Volk nicht länger als in Beziehung mit sich selbst an. Während dieser Zeit ist da ein großer Leerraum in der Geschichte von Gottes altem Volk, ein Leerraum, in Bezug auf dessen Länge Gott keine Angaben macht. Während dieser Zeit ist, wie wir aus den Schriften des Neuen Testaments wissen, das Heil durch den Fall Israels zu den Nationen gekommen. Wir wissen auch, dass Gott während dieser Periode sein himmlisches Volk – die Gemeinde [ekklesia = „herausrufen“] – herausruft. Man kann daher sehen, dass es zwischen den Versen 26 und 27 ein riesiges und wichtiges Intervall gibt, über das in der Prophetie keine Einzelheiten angegeben werden. 

Das Herausrufen der Gemeinde ist eine Wahrheit, die für das Kommen des Heiligen Geistes zurückgehalten wird. Wir erfahren mit Bestimmtheit, dass dies eine Wahrheit ist, die „in anderen Geschlechtern den Söhnen der Menschen nicht kundgetan worden ist, wie es jetzt offenbart worden ist seinen heiligen Aposteln und Propheten im Geist“ (Eph 3,4-6; s.a. Röm 16,25.26). Direkte Prophezeiung bezieht sich immer auf die Erde und auf Gottes irdisches Volk. Jegliche Anspielung auf das Herausrufen der Gemeinde wäre Daniel völlig unverständlich gewesen. Wir können daher verstehen, warum dieses riesige Intervall zwischen der 69. und der 70. Woche stillschweigend übergangen wird.

Hier nun werden wir zu Ereignissen mitgenommen, die noch in der Zukunft liegen. Diese Ereignisse beruhen auf den Handlungen, nicht so sehr des römischen Volkes, sondern des Oberhauptes des Reiches, hier der Fürst des Volkes genannt. Von diesem Mann lesen wir: „Und er wird einen festen Bund mit den Vielen schließen für eine Woche“ (Dan 9,27). Dieses Oberhaupt des wiederbelebten Römischen Reiches wird einen Bund eingehen mit der Masse des jüdischen Volkes, die wieder zurück in ihrem Land sein wird, wenngleich sie Christus immer noch als ihrem Messias ablehnen wird. Wahrscheinlich aus Furcht, von einem anderen Feind überwältigt zu werden – von der Macht aus dem Norden, der einherflutenden Geißel [Jes 28,15] –, werden die Juden eine Allianz eingehen mit dem kaiserlichen Oberhaupt des Römischen Reiches.

Dann scheint es, dass derjenige, auf den sich die Juden zum Schutz vor anderen Feinden stützen, selbst zu ihrem großen Feind werden wird. Indem er in der Mitte der Woche, also nach 3½ Jahren, seinen eigenen Bund bricht, „wird er Schlachtopfer und Speisopfer aufhören lassen“. Der nächste Halbsatz scheint auf den Grund für die Abschaffung der Opfer hinzudeuten, denn er spricht vom „Schutz der Gräuel“ (englische Neue Übersetzung) [Luther: „im Heiligtum ein Gräuelbild“; Elberfelder: „auf dem Flügel von Gräueln“; d.Übs.]. Dies ist eindeutig ein Verweis auf das, was in anderen Schriften festgestellt wird, nämlich dass der kommende Antichrist im Allerheiligsten ein Standbild errichten lassen wird, dem alle göttliche Ehren erweisen müssen (s. Mt 24,15; 2Thes 2,4; Off 13,14.15).

Dennoch wird es während dieser letzten halben Woche einen „Verwüster“ geben, eine überflutende Geißel aus dem Norden, von dem keine Allianz mit dem Fürsten des Römischen Reiches helfen wird, die Juden zu schützen. Während dieser Zeit wird das jüdische Volk durch eine große Trübsal gehen. Der Herr sagt ganz eindeutig: „Wenn ihr nun den Gräuel der Verwüstung,von dem durch Daniel, den Propheten, geredet ist, stehen seht an heiligem Ort …, dann wird große Drangsal sein“ (Mt 24,15-21). Während dieser schrecklichen Zeit wird das ungläubige jüdische Volk Gegenstand unaufhörlicher Gerichte sein, bis das Gericht erschöpft ist, weil es in vollem Umfang über die verwüstete Stadt und das verwüstete Volk ausgegossen ist.

Vorheriger Teil Nächster Teil


Aus The Book of Daniel: An Expository Outline, 1936

Übersetzung: S. Bauer


Hinweis der Redaktion:

Die SoundWords-Redaktion ist für die Veröffentlichung des obenstehenden Artikels verantwortlich. Sie ist dadurch nicht notwendigerweise mit allen geäußerten Gedanken des Autors einverstanden (ausgenommen natürlich Artikel der Redaktion) noch möchte sie auf alle Gedanken und Praktiken verweisen, die der Autor an anderer Stelle vertritt. „Prüft aber alles, das Gute haltet fest“ (1Thes 5,21). – Siehe auch „In eigener Sache ...