Das Buch Daniel (1)
Kapitel 1

Hamilton Smith

© SoundWords, online seit: 15.01.2011, aktualisiert: 11.11.2018

Leitverse: Daniel 1

Der getreue Überrest

Im Eröffnungskapitel des Buches Daniel wird uns ein Einblick in den Charakter der Männer gestattet, denen Gott den Lauf der Zeiten der Nationen vorhersagt und denen Er Verständnis in Bezug auf seine Absichten für sein Volk während der Zeiten seiner Not und Gefangenschaft gibt.

Verse 1.2

Dan 1,1.2: 1 Im dritten Jahr der Regierung Jojakims, des Königs von Juda, kam Nebukadnezar, der König von Babel, nach Jerusalem und belagerte es. 2 Und der Herr gab Jojakim, den König von Juda, in seine Hand, und einen Teil der Geräte des Hauses Gottes; und er brachte sie in das Land Sinear, in das Haus seines Gottes: Die Geräte brachte er in das Schatzhaus seines Gottes.

Als Einleitung in das Buch deuten die ersten beiden Verse kurz den Untergang Israels und die darauf folgende Übertragung der Herrschaft über die Erde – repräsentiert durch die königliche Macht – von dem König von Juda auf den König von Babylon an. Dieser ernste Akt wird ausdrücklich als das Tun des Herrn beschrieben, denn wir lesen: „Der Herr gab Jojakim, den König von Juda, in seine [= Nebukadnezars] Hand.“

Es wird nicht nur der König von Juda in die Sklaverei gegeben, sondern Gott verlässt Jerusalem als Sitz seiner Herrschaft und Verehrung so völlig, dass sogar die Geräte, die zu seiner Verehrung verwendet wurden, in die Hände dieses heidnischen Königs gegeben werden. Sogleich wird uns Einblick in den Charakter dieses heidnischen Königs gewährt, denn wir lesen: „Die Geräte brachte er in das Schatzhaus seines Gottes.“ Er hat keine echte Erkenntnis Gottes oder Gottesfurcht und keinen wirklichen Sinn für die heilige Natur dieser Geräte: ein Vorzeichen für das gottlose Wesen der heidnischen Herrscher während der Zeiten der Nationen.

Das Volk Israel und die Könige von Juda waren wieder und wieder gewarnt worden, dass ihre bösen und götzendienerischen Wege die züchtigende Hand Gottes über sie bringen würden. Unbeachtete Warnungen wurden gefolgt von der definitiven Verkündigung des Propheten Jesaja, dass die Strafe kommen würde. So lautet die Botschaft an König Hiskia: „Siehe, es kommen Tage, da alles, was in deinem Haus ist und was deine Väter aufgehäuft haben bis auf diesen Tag, nach Babel weggebracht werden wird; es wird nichts übrig bleiben, spricht der HERR“ (Jes 39,6). Ungeachtet dieser Botschaft nahm das Böse zu und erreichte seinen Höhepunkt während der Regierungszeit von Hiskias Sohn, dem gottlosen Manasse, der das Volk verführte, „mehr Böses zu tun als die Nationen, die der HERR vor den Kindern Israel vertilgt hatte“ (2Kön 21,9). Schließlich erfüllten sich die Worte Gottes durch Jesaja während der Regierungszeit von Jojakim. Die Herrschaftsgewalt ging von den Juden auf die Nationen über, und von da an werden die Juden den Nationen unterworfen sein, bis die Zeiten der Nationen durch die Einführung der Herrschaft Christi beendet werden.

Dennoch erfahren wir aus diesem Kapitel, dass – wenngleich das Volk Israel den Nationen unterworfen wird – Gott sich doch einen gottesfürchtigen Überrest bewahrt, der Gott treu ist und von Gott erhalten wird. Die gnädigen Wege Gottes mit diesem Überrest beweisen deutlich: Gleichgültig wie sehr Gott sein Volk aufgrund dessen Untreue strafen muss – es bleibt dennoch Gegenstand seiner Fürsorge, selbst wenn es nicht länger Werkzeug seiner direkten Herrschaft über die Welt ist.

Darüber hinaus findet sich ein Verständnis der Wege Gottes in diesem gottesfürchtigen Überrest; und Gott benutzt sie als einzelne Zeugen für sich, obwohl das Volk als Ganzes als Zeuge für Gott völlig versagt hat. Des Weiteren sehen wir anhand dieses Überrestes, dass Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes und Absonderung von dem beschmutzenden Einfluss Babylons die moralischen Vorbedingungen dafür sind, Botschaften von dem Herrn zu empfangen und zu verstehen, die Unterstützung des Herrn zu genießen und in irgendeinem Maße als Zeuge für den Herrn gebraucht zu werden.

Verse 3-7

Dan 1,3-7: 3 Und der König befahl Aschpenas, dem Obersten seiner Hofbeamten, dass er von den Kindern Israel, sowohl vom königlichen Geschlecht als auch von den Vornehmen, Jünglinge brächte, 4 an denen keinerlei Fehl wäre und die schön von Aussehen und unterwiesen in aller Weisheit und kenntnisreich und mit Einsicht begabt und tüchtig wären, im Palast des Königs zu stehen, und dass man sie die Schriften und die Sprache der Chaldäer lehre. 5 Und der König bestimmte ihnen für jeden Tag eine Tagesration von der Tafelkost des Königs und von dem Wein, den er trank, und dass man sie drei Jahre lang erzöge; und an deren Ende sollten sie vor dem König stehen. 6 Und unter ihnen waren von den Kindern Juda: Daniel, Hananja, Misael und Asarja. 7 Und der Oberste der Hofbeamten gab ihnen Namen; und er nannte Daniel Beltsazar, und Hananja Sadrach, und Misael Mesach, und Asarja Abednego. 

Auf diesen gottesfürchtigen Überrest werden wir aufmerksam gemacht durch die Bemühungen des Königs von Babylon, das Volk Gottes für seine eigenen Zwecke zu gebrauchen. Er möchte seinen Hof mit den Anführern von Gottes Volk schmücken: Israeliten von königlichem Geschlecht und edler Herkunft sowie junge Männer, die keine Gebrechen haben, sondern schön, begabt, weise, klug und gebildet sind. Doch während die religiöse Welt das Volk Gottes zu ihrer eigenen Ehre benutzen möchte, kann sie weder seinen Gott ertragen noch Gehorsam gegenüber seinem Wort noch Absonderung von ihren eigenen Bosheiten. Daher würde die Welt gern alle Hinweise auf ihre Verbindung mit dem wahren Gott auslöschen. Zu diesem Zweck müssen die Kinder Gottes, wenn sie ihren Platz am Hofe einnehmen sollen, in der Weisheit der Welt unterrichtet werden, an den Leckereien der Welt teilhaben und Titel der Welt tragen. 

Auch heutzutage ist es nicht anders. Diejenigen, die für einen Platz als religiöse Führer in der babylonischen Korruption des Christentums ausersehen sind, müssen in den religiösen Schulen dieser Welt ausgebildet werden, müssen sozusagen in Schrift und Sprache der Chaldäer unterrichtet werden. Sie müssen von den Ressourcen, die von der Welt zur Verfügung gestellt werden, profitieren – ihre tägliche Versorgung „von der Tafelkost des Königs“ –; und schließlich müssen sie solche Titel und Ränge annehmen, wie die Welt sie geben kann.

Im Zusammenhang mit dem Plan des Königs werden vier Männer aus den Kindern Judas besonders erwähnt. Die Namen, die ihnen gegeben werden, haben vermutlich mit den Göttern Babylons zu tun (s. Dan 4,5). Um sie der Welt, in der sie leben, anzupassen, soll der Verstand dieser Männer im Wissen der Chaldäer geschult werden, sollen ihre Zungen die Sprache der Chaldäer sprechen, ihre Körper mit den Speisen des Königs ernährt werden und ihre Namen durch Namen heidnischer Gottheiten ersetzt werden. Für den Verlust ihrer Nationalität wird diesen Gefangenen eine höchst verführerische Zukunftsaussicht in einem fremden Land geboten: Sie sollen umsonst die beste Bildung im Land erhalten, ihre täglichen Bedürfnisse sollen durch die köstlichste Verpflegung auf Kosten des Königs gedeckt werden, und schließlich sollen sie eine erhabene Stellung im Palast des Königs erhalten.

Verse 8.9

Dan 1,8.9: 8 Und Daniel nahm sich in seinem Herzen vor, sich nicht mit der Tafelkost des Königs und mit dem Wein, den er trank, zu verunreinigen; und er erbat sich vom Obersten der Hofbeamten, dass er sich nicht verunreinigen müsse. 9 Und Gott gab Daniel Gnade und Barmherzigkeit vor dem Obersten der Hofbeamten. 

Der Plan des Königs beinhaltet jedoch ernsthafte Schwierigkeiten für gottesfürchtige Männer. Den Plan des Königs auszuführen, so wie dieser ihn sich gedacht hat, würde Ungehorsam gegenüber dem Wort Gottes bedeuten. Die Speisen des Königs zu sich zu nehmen, würde bedeuten, Dinge zu essen, die einem Israeliten durch das Gesetz verboten waren. Daher wird aus den verführerischen Zukunftsaussichten eine schwere Prüfung ihres Glaubens. Diese lautet: Werden sie Gottes direkte Anweisungen um des weltlichen Aufstiegs willen übertreten, oder werden sie dem Wort Gottes ungeachtet der Konsequenzen treu bleiben?

Viele plausible Argumente könnten zugunsten einer bedingungslosen Unterwerfung unter den Vorschlag des Königs vorgebracht werden: Das Zweckdenken würde vorbringen, dass das Erheben eines Einwandes gegen den Vorschlag wahrscheinlich alle Ihre Zukunftsaussichten zunichtemachen würde. Es würde nicht nur ihre Karriere der Nützlichkeit für ihre Brüder beenden, sondern könnte den anderen richtiggehend schaden und die Schwierigkeiten der Gefangenen vergrößern. Die Vernunft würde argumentieren, da sie schließlich durch einen Akt des Herrn in die Hand des Königs von Babylon gegeben worden waren, dass die einzig richtige Verhaltensweise wäre, sich gänzlich dem König zu unterwerfen, da sie sonst womöglich gegen das rebellieren würden, was der Herr erlaubt hatte. Der Kompromiss würde vorschlagen, dass sie, solange sie ihre Konfession oder ihren Gott nicht aufgäben, die Anweisungen, bestimmte Nahrungsmittel nicht zu essen, unter den gegebenen Umständen außer Acht lassen könnten. Solche Anweisungen würden sich doch sicherlich an ein freies Volk in seinem eigenen Land richten; doch nun, da sie Sklaven in einem fremden Land waren, wäre es dann nicht bloß ein Skrupel, auf dem strikten Einhalten des Buchstabens des Gesetzes zu bestehen?

Wenn solche Argumente tatsächlich vorgebracht wurden, maßen diese gottesfürchtigen Männer ihnen kein Gewicht bei. Die Prüfung machte nur ihr treues Wesen offenbar. Sie weigerten sich, sich von bloßem Zweckdenken oder von dem Diktat der menschlichen Vernunft führen zu lassen, und würden keinen Kompromiss eingehen. Sie vergaßen nicht, dass sie trotz des Versagens Israels und obwohl sie die Strafe Gottes erlitten, immer noch das Volk des wahren Gottes waren, dem sie von ganzem Herzen Treue schuldeten. Sie waren zu Recht bereit, sich dem heidnischen König zu unterwerfen, aber sie würden dem Wort ihres Gottes nicht ungehorsam sein.

Das Geheimnis von Daniels Kraft lag darin, dass sein Herz vor Gott rechtschaffen war, denn wir lesen: „Daniel nahm sich in seinem Herzen vor, sich nicht mit der Tafelkost des Königs und mit dem Wein, den er trank, zu verunreinigen.“ Er handelt jedoch mit viel Taktgefühl, denn er bittet den obersten Kämmerer, „dass er sich nicht verunreinigen müsse“, ohne diesen zu reizen oder gegen sich aufzubringen, indem er ihm sagt, dass er bereits beschlossen habe, sich nicht zu verunreinigen. 

Verse 10-17

Dan 1,10-17: 10 Und der Oberste der Hofbeamten sprach zu Daniel: Ich fürchte meinen Herrn, den König, der eure Speise und euer Getränk bestimmt hat; denn warum sollte er sehen, dass eure Angesichter verfallener wären als die der Jünglinge eures Alters, so dass ihr meinen Kopf beim König verwirktet? 11 Und Daniel sprach zu dem Aufseher, den der Oberste der Hofbeamten über Daniel, Hananja, Misael und Asarja bestellt hatte: 12 Versuche es doch mit deinen Knechten zehn Tage, und man gebe uns Gemüse zu essen und Wasser zu trinken; 13 und dann mögen unser Aussehen und das Aussehen der Jünglinge, die die Tafelkost des Königs essen, von dir geprüft werden; und tu mit deinen Knechten nach dem, was du sehen wirst. 14 Und er hörte auf sie in dieser Sache und versuchte es zehn Tage mit ihnen. 15 Und am Ende der zehn Tage zeigte sich ihr Aussehen besser und völliger an Fleisch als das aller Jünglinge, die die Tafelkost des Königs aßen. 16 Da tat der Aufseher ihre Tafelkost und den Wein, den sie trinken sollten, weg und gab ihnen Gemüse. 17 Und diesen vier Jünglingen, ihnen gab Gott Kenntnis und Einsicht in aller Schrift und Weisheit; und Daniel hatte Verständnis für alle Gesichte und Träume. 

Der Kämmerer erklärt ihm die Schwierigkeit, ja die Gefahr, die darin liegt, Daniels Bitte zu entsprechen. Sofort schlägt Daniel eine zehntägige Probezeit für eine Diät nach Israels Gesetz vor. Dieser Vorschlag ist ein schlagender Beweis von Daniels Glauben an den lebendigen Gott. Die Folge beweist, dass sein Glaube nicht vergeblich war. Weil sie dem Wort Gottes gehorsam waren, werden diese gottesfürchtigen Männer am Ende der Probezeit in besserer körperlicher Verfassung angetroffen als die Männer, die vom Fleisch des Königs gegessen hatten. Also wird Daniels Bitte erfüllt.

Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes, Glaube an den lebendigen Gott und Absonderung von der Beschmutzung Babylons sind die hervorstechenden Merkmale dieser gottesfürchtigen Männer. Solche Leute verstehen die Gedanken Gottes, denn wir lesen: „Und diesen vier Jünglingen, ihnen gab Gott Kenntnis und Einsicht in aller Schrift und Weisheit; und Daniel hatte Verständnis für alle Gesichte und Träume“ (Dan 1,17). Zwar hatte der Herr die Israeliten in die Hände des Königs von Babylon gegeben, aber dies hinderte Ihn nicht daran, denjenigen, die Ihm treu waren, Verständnis seiner Gedanken und Absichten zu geben.

Verse 18-21

Dan 1,18-21: 18 Und am Ende der Tage, nach denen der König sie zu bringen befohlen hatte, brachte sie der Oberste der Hofbeamten vor Nebukadnezar. 19 Und der König redete mit ihnen; und unter ihnen allen wurde keiner gefunden wie Daniel, Hananja, Misael und Asarja; und sie standen vor dem König. 20 Und in allen Sachen einsichtsvoller Weisheit, die der König von ihnen erfragte, fand er sie zehnmal allen Wahrsagepriestern und Sterndeutern überlegen, die in seinem ganzen Königreich waren. 21 Und Daniel blieb bis zum ersten Jahr des Königs Kores. 

Als Folge davon wurden diese treuen Männer Zeugen für Gott, denn wir lesen, dass sie vor den König traten. Gott war seinem eigenen Wort treu, nämlich: „Die mich ehren, werde ich ehren“ (1Sam 2,30). So kam es, dass der König diese treuen Männer in jeder Sache von Weisheit des Verständnisses zehnmal besser fand als alle Männer der Welt (vgl. Dan 1,20).

Diese Dinge sind sicherlich zu unserer Unterweisung und Ermutigung aufgezeichnet. Egal wie sehr die Haushaltungen (Dispensationen) wechseln und die Umstände sich ändern mögen: Die großen moralischen Prinzipien Gottes für die Führung seines Volkes bleiben doch dieselben. Wie das damalige Israel, so hat auch die Gemeinde/Kirche [im Englischen dasselbe Wort; Anm. d. Üb.] als Zeuge für Gott während der Abwesenheit Christi völlig versagt. Als Folge dieses Versagens ist die sich als solche bezeichnende Gemeinde/Kirche eine Gefangene der religiösen Korruption geworden, die Gott mit Babylon vergleicht.

Aber wieder gibt uns das Wort klar zu verstehen, dass, gleichgültig wie groß das Versagen ist, Gott treue Einzelpersonen haben wird, Überwinder, deren Glaube wieder und wieder hart geprüft wird. Wenn sie sich jedoch in ihrem Herzen vornehmen, dem Wort Gottes zu gehorchen und im Glauben an Gott zu wandeln, abgesondert von den Beschmutzungen der Korruptionen ringsherum, dann werden sie die Gedanken Gottes verstehen und von Gott geehrt werden, indem Er sie zu Zeugen für sich macht.

Könnte es ein größeres Vorrecht geben, als die Gedanken Gottes zu denken und in irgendeinem Maße ein Zeuge Gottes zu sein inmitten einer korrupten Christenheit, deren Himmel sich mit dem Zeichen des kommenden Gerichtes schwarz färbt?

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Aus The Book of Daniel: An Expository Outline, 1936


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