Das Buch Daniel (5)
Kapitel 5

Hamilton Smith

© SoundWords, online seit: 31.05.2011, aktualisiert: 17.10.2016

Leitverse: Daniel 5

Gottlosigkeit

Wir haben gesehen, dass Gottlosigkeit ein hervorstechendes Merkmal der großen Weltreiche ist, denen die Herrschaft während der Zeiten der Nationen übergeben worden ist. Des Weiteren haben wir gesehen, dass diese Gottlosigkeit über die Rechte Gottes hinweggeht und auf dem Gewissen der Menschen herumtrampelt (Dan 3). Ein zweites Kennzeichen ist die Selbsterhöhung beziehungsweise der Stolz, mit dem diese weltumspannenden Reiche die Macht zu ihrer eigenen Ehre anstatt zur Ehre Gottes nutzen (Dan 4). Aus Daniel 5 lernen wir, dass ein drittes Kennzeichen die Gottlosigkeit ist, die nicht nur die Rechte Gottes antastet, sondern Gott öffentlich herausfordert.

Verse 1-4

Dan 5,1-4: 1 Der König Belsazar machte seinen tausend Gewaltigen ein großes Festmahl, und er trank Wein vor den Tausend. 2 Belsazar befahl, als der Wein ihm schmeckte, dass man die goldenen und die silbernen Gefäße herbeibrächte, die sein Vater Nebukadnezar aus dem Tempel in Jerusalem weggenommen hatte, damit der König und seine Gewaltigen, seine Frauen und seine Nebenfrauen daraus tränken. 3 Dann brachte man die goldenen Gefäße, die man aus dem Tempel des Hauses Gottes in Jerusalem weggenommen hatte; und der König und seine Gewaltigen, seine Frauen und seine Nebenfrauen tranken daraus. 4 Sie tranken Wein und rühmten die Götter aus Gold und Silber, aus Kupfer, Eisen, Holz und Stein. 

Der Anlass, der dieses ernste Merkmal der Zeiten der Nationen ans Licht bringt, ist ein großes Fest, das Belsazar, der König von Babylon, für seine Mächtigen gibt. Dieses Fest war durch einen Ausbruch der Gottlosigkeit gekennzeichnet, anscheinend entfesselt durch den Einfluss des Alkohols auf den König. Es war nämlich, „als er betrunken war“, dass er den Befehl gab, die goldenen Gefäße aus dem Tempel Gottes zu dem Gelage bringen zu lassen. In gewissem Ausmaß kann der Mensch die bösen Leidenschaften seines Herzens zügeln; aber wenn er durch irgendeinen schlechten Einfluss die Kontrolle über sich verliert, dann kommt die ganze Schlechtigkeit seines Herzens ans Licht. Gott hatte zugelassen, dass sein Volk gefangen genommen, dass sein Tempel zerstört und die heiligen Gefäße nach Babylon gebracht und in den Tempel des chaldäischen Götzen getan wurden (Dan 1,2). Die babylonischen Könige, die die strafende Hand Gottes auf seinem Volk nicht sahen, betrachteten diesen Sieg über Israel als den Triumph ihrer Götter über den Gott Israels (Hab 1,11-17). [In der englischen King-James-Übersetzung entspricht Vers 11 der Übersetzung von Martin Luther aus dem Jahre 1545: „Alsdann werden sie einen neuen Mut nehmen, werden fortfahren und sich versündigen; dann muss ihr Sieg ihres Gottes sein“; Anm. d. Übers.] Dementsprechend ergreift Belsazar die Gelegenheit dieses großen Festes, um dem, was er für den Triumph seiner falschen Götter hält, öffentlich Ausdruck zu verleihen. Der König und seine Mächtigen entweihen nicht nur die heiligen Gefäße, die ausschließlich für Jahwe bestimmt waren, indem sie sie bei ihrem betrunkenen Gelage verwenden, sondern sie preisen auch ihre heidnischen Götzen aus jedem erdenklichen Material. Dies war eine dreiste und offene Herausforderung Gottes.

Verse 5-12

Dan 5,5-12: 5 In demselben Augenblick kamen Finger einer Menschenhand hervor und schrieben, dem Leuchter gegenüber, auf den Kalk der Wand des königlichen Palastes; und der König sah die Hand, die schrieb. 6 Da veränderte sich die Gesichtsfarbe des Königs, und seine Gedanken ängstigten ihn; und die Bänder seiner Hüften lösten sich, und seine Knie schlugen aneinander. 7 Der König rief mit Macht, dass man die Sterndeuter, die Chaldäer und die Wahrsager hereinbringe; und der König hob an und sprach zu den Weisen von Babel: Jeder, der diese Schrift lesen und ihre Deutung mir anzeigen wird, der soll mit Purpur bekleidet werden, mit einer goldenen Kette um seinen Hals, und er soll als Dritter im Königreich herrschen. 8 Dann kamen alle Weisen des Königs herbei; aber sie vermochten nicht, die Schrift zu lesen und dem König ihre Deutung kundzutun. 9 Da geriet der König Belsazar in große Angst, und seine Gesichtsfarbe veränderte sich an ihm; und seine Gewaltigen wurden bestürzt. 10 Infolge der Worte des Königs und seiner Gewaltigen trat die Königin in das Haus des Gelages. Die Königin hob an und sprach: O König, lebe ewig! Lass deine Gedanken dich nicht ängstigen und deine Gesichtsfarbe sich nicht verändern! 11 Es ist ein Mann in deinem Königreich, in dem der Geist der heiligen Götter ist. Und in den Tagen deines Vaters wurden Erleuchtung und Verstand und Weisheit wie die Weisheit der Götter bei ihm gefunden; und der König Nebukadnezar, dein Vater, hat ihn zum Obersten der Wahrsagepriester, der Sterndeuter, der Chaldäer und der Wahrsager erhoben ? dein Vater, o König ?, 12 weil ein außergewöhnlicher Geist und Kenntnis und Verstand, ein Geist der Traumdeutung und der Rätselerklärung und der Knotenlösung bei ihm gefunden wurde, bei Daniel, dem der König den Namen Beltsazar gegeben hat. So werde nun Daniel gerufen, und er wird die Deutung anzeigen.

Solche Gottlosigkeit muss das Gericht Gottes herabrufen. Sofort nimmt Gott die Herausforderung an. Still und leise, ohne Stimme oder Vision, macht Gott seine Gegenwart unzweifelhaft spürbar. Die Finger einer Menschenhand schreiben lautlos den Urteilsspruch an die Wand des königlichen Palastes; und obwohl der König betrunken ist, ist sein Gewissen sofort ergriffen. Sein Gesichtsausdruck verrät seinen Schrecken; seine Gedanken beunruhigen ihn, und er zittert am ganzen Körper. In seiner Furcht wendet er sich an die Weisen Babylons. Er bietet große Belohnungen für die Deutung der Worte an, doch vergebens. Dass seine Weisen ihn im Stich lassen, stürzt den unglücklichen König in noch tiefere Furcht. Die Königin, die davon hört, kommt zu dem Fest (Dan 5,10). Anscheinend war sie an dem gottlosen Gelage nicht beteiligt. Es wird vermutet, dass sie keine Ehefrau des Königs war, da seine Ehefrauen bei dem Fest anwesend waren (Dan 5,2.3). Vermutlich war sie die Königinwitwe. Offensichtlich waren ihr Daniel und die großen Ereignisse, die in den Tagen Nebukadnezars stattgefunden hatten, wohlbekannt. Sie kann den König darüber informieren, dass Daniel sich in seinem Reich aufhält.

Verse 13-16

Dan 5,13-16: 13 Darauf wurde Daniel vor den König geführt. Der König hob an und sprach zu Daniel: Bist du Daniel, einer der Weggeführten von Juda, die der König, mein Vater, aus Juda hergebracht hat? 14 Und ich habe von dir gehört, dass der Geist der Götter in dir ist und dass Erleuchtung und Verstand und außergewöhnliche Weisheit bei dir gefunden werden. 15 Und nun sind die Weisen, die Sterndeuter, vor mich geführt worden, damit sie diese Schrift läsen und mir ihre Deutung kundtäten; aber sie vermögen nicht, die Deutung der Sache anzuzeigen. 16 Ich habe aber von dir gehört, dass du Deutungen zu geben und Knoten zu lösen vermagst. Nun, wenn du diese Schrift zu lesen und mir ihre Deutung kundzutun vermagst, so sollst du mit Purpur bekleidet werden, mit einer goldenen Kette um deinen Hals, und du sollst als Dritter im Königreich herrschen.

Daraufhin wird Daniel vor den König gebracht. Der König hatte von Daniels Weisheit bei der Deutung von Träumen in den Tagen Nebukadnezars gehört, aber anscheinend hatte er kein Interesse an einer persönlichen Bekanntschaft mit diesem gefangenen Juden. Jedoch in den Wegen Gottes demütigt Er die Weisen dieser Welt und erhöht den verachteten Gefangen. Weisheit wird bei Gottes Volk gefunden, selbst in Gefangenschaft.

Verse 17-24

Dan 5,17-24: 17 Da antwortete Daniel und sprach vor dem König: Deine Gaben mögen dir verbleiben, und deine Geschenke gib einem anderen; jedoch werde ich dem König die Schrift lesen und ihm die Deutung kundtun. 18 Du, o König ? der höchste Gott hatte Nebukadnezar, deinem Vater, das Königtum und die Größe und die Ehre und die Herrlichkeit verliehen; 19 und wegen der Größe, die er ihm verliehen hatte, bebten und fürchteten sich alle Völker, Völkerschaften und Sprachen vor ihm. Wen er wollte, tötete er, und wen er wollte, ließ er leben; und wen er wollte, erhob er, und wen er wollte, erniedrigte er. 20 Als aber sein Herz sich erhob und sein Geist sich bis zur Vermessenheit verstockte, wurde er vom Thron seines Königtums gestürzt, und man nahm ihm seine Würde. 21 Und er wurde von den Menschenkindern ausgestoßen, und sein Herz wurde wie das der Tiere, und seine Wohnung war bei den Wildeseln; man gab ihm Kraut zu essen wie den Rindern, und sein Leib wurde vom Tau des Himmels benetzt ? bis er erkannte, dass der höchste Gott über das Königtum der Menschen herrscht und darüber bestellt, wen er will. 22 Und du, Belsazar, sein Sohn, hast dein Herz nicht gedemütigt, obwohl du dies alles gewusst hast. 23 Und du hast dich über den Herrn des Himmels erhoben; und man hat die Gefäße seines Hauses vor dich gebracht, und du und deine Gewaltigen, deine Frauen und deine Nebenfrauen, ihr habt Wein daraus getrunken. Und du hast die Götter aus Silber und Gold, aus Kupfer, Eisen, Holz und Stein gerühmt, die nicht sehen und nicht hören und nicht wahrnehmen; aber den Gott, in dessen Hand dein Odem ist und bei dem alle deine Wege sind, hast du nicht geehrt. 24 Da wurde von ihm diese Hand gesandt und diese Schrift gezeichnet. 

Mit ruhiger Würde sagt Daniel dem König, er möge seine Gaben und Belohnungen einem anderen geben. Ungeachtet jeglicher Belohnungen wird er das Geschriebene lesen. Bevor er dies jedoch tut, tadelt er den König, indem er ihn an Gottes Handeln mit Nebukadnezar erinnert. Der höchste Gott hatte Nebukadnezar ein weltumspannendes Königreich mit absoluter Macht gegeben. Aber Nebukadnezar hatte es zu seiner eigenen Ehre verwendet, und Gott hatte ihn für seinen Stolz gedemütigt. All dies wusste Belsazar sehr wohl, und doch hatte er trotz dieser Warnung sein Herz nicht gedemütigt.

Dann klagt Daniel den König seiner eigenen Schuld an (Dan 5,23.24). Nebukadnezar hatte Gottes Volk verfolgt, aber Belsazar hatte sich „über den Herrn des Himmels erhoben“. Diese Gottlosigkeit stürzte ihn ins Verderben und brachte das erste Weltreich zu seinem Ende. Im Zusammenhang mit diesem Akt der Gottlosigkeit war die Schrift an der Wand geschrieben worden. So klagt Daniel den König seiner eigenen Schuld an, bevor er das Geschriebene liest, das seinen Untergang verkündet.

Verse 25-28

Dan 5,25-28: 25 Und dies ist die Schrift, die gezeichnet worden ist: Mene, mene, tekel upharsin. 26 Dies ist die Deutung der Sache: Mene? Gott hat dein Königtum gezählt und macht ihm ein Ende. 27 Tekel? du bist auf der Waage gewogen und zu leicht befunden worden. 28 Peres? dein Königreich wird zerteilt und den Medern und Persern gegeben. 

Es gab keine Schwierigkeit, die Bedeutung der Wörter zu verstehen. Wörtlich übersetzt bedeuten sie „gezählt“, „gewogen“ und „zerteilt“. Die Schwierigkeit lag darin, dass sie als bloße isolierte Wörter ohne eine von Gott gegebene Deutung keinen Sinn vermittelten. Was war nun die Botschaft von Gott, die sie übermitteln sollten?

Daniel, der Prophet Gottes, erklärt, was diese Wörter zum Ausdruck bringen sollen. „Dies“, so sagt er, „ist die Deutung der Sache.“ Der König erfährt, dass mene (auf Deutsch „gezählt“; Dan 5,26) bedeutet, dass Gott sein Königtum gezählt und beendet hatte. Viele Jahre zuvor hatte Daniel Nebukadnezar gesagt, Gott habe ihm „das Königtum und die Macht und die Gewalt und die Ehre gegeben“ (Dan 2,37). Aber Er hatte ihn auch gewarnt, dass nach seinem Königreich ein anderes aufkommen würde. 68 Jahre lang hatten die Könige von Babylon souveräne Macht über die gesamte bewohnbare Welt ausgeübt. Nun war das Ende des Babylonischen Weltreiches gekommen. Seine Tage waren gezählt und seine weltumspannende Herrschaft war beendet.

Das nächste Wort, tekel (Dan 5,27), das „gewogen“ bedeutet, sagt diesem gottlosen König, warum sein Weltreich zu seinem Ende gekommen war: Der Herrscher des Reiches ist gewogen worden und wurde für zu leicht, also minderwertig, befunden. Nebukadnezar und seine Nachfolger hatten in ihrer Verantwortung, die Welt in der Furcht Gottes zu beherrschen, gänzlich versagt. Unter der strafenden Hand Gottes hatte Nebukadnezar zwar Buße getan; aber Belsazar, der letzte Herrscher, hatte, obwohl ihm Gottes gesamtes Handeln mit Nebukadnezar wohl bewusst war, noch schrecklicher als seine Vorgänger gesündigt. Offen und respektlos hatte er Gott herausgefordert. Seine Taten waren auf der unfehlbaren Waage Gottes gewogen und für zu leicht befunden worden.

Das dritte Wort, peres (eine andere Verbform von upharsin; Dan 5,8) bedeutet „zerteilt“. Die Folge der Gottlosigkeit des Königs war, sofortiges Gericht über ihn hereinbrechen zu lassen. Daniel sagt es ihm in deutlichen Worten: „Dein Reich ist zerteilt und den Medern und Persern gegeben.“

Verse 29.30

Dan 5,29.30: 29 Darauf befahl Belsazar, und man bekleidete Daniel mit Purpur, mit einer goldenen Kette um seinen Hals; und man rief über ihn aus, dass er der dritte Herrscher im Königreich sein solle. 30 In derselben Nacht wurde Belsazar, der König der Chaldäer, getötet.

Der König macht ein großes Aufhebens um den Boten, schenkt aber der Botschaft offenbar wenig Beachtung. Dessen ungeachtet wird das Urteil noch in derselben Nacht vollstreckt. Belsazar wird getötet, und der Meder Darius übernimmt die Königsherrschaft. So endet das Babylonische Weltreich, und die zweite große Weltmacht, die medo-persische, beginnt ihren Lauf.

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Aus The Book of Daniel: An Expository Outline, 1936

Übersetzung: S. Bauer


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