Die Gefahr des Stolzes und die Notwendigkeit der Demut
Ein alter Brief

Alexander Hume Rule

© SoundWords, online seit: 25.09.2012

Ich glaube, dass wir immer den Leib Christi im Auge behalten und danach streben müssen, die Gläubigen – wo immer sie sich auch befinden – aufzuerbauen, einfach weil sie zu dem Leib dazugehören. Wir wissen, wie verstreut die Gläubigen leider sind, doch die Liebe spürt sie auf und strebt danach, ihnen zu dienen, da sie doch Christus angehören. Ich finde es sehr leicht, in eine Art sektiererischen Geist zu verfallen, während man vielleicht zugleich verstandesmäßig an der Grundlage des einen Leibes festhält. Es ist sehr leicht, etwas aufzubauen, was etwas für das menschliche Auge darstellt. Möge der Herr uns davor bewahren, dass wir unsere Herzen auf etwas anderes richten als auf das, was Er liebt: die Gemeinde, für die Er sich selbst gegeben hat.

Es ist wahr: Ohne Ihn können wir nichts tun. Und fehlt es uns nicht an dem Empfinden, dass wir von Ihm abhängig sind? Statt dass wir dem Weg der Niedrigkeit dessen folgen, der sagen konnte: „Ich bin ein Wurm und kein Mann“, haben wir angefangen, etwas auf uns zu halten, und uns selbst erhöht – nur um erniedrigt zu werden. Aber wie viel größer ist die Gnade, dass Er uns nun erniedrigt, anstatt dass Er uns erlaubt, mit einem Herzen voller Stolz weiterzugehen! Er erniedrigt uns, so dass Er uns im Sinne seiner eigenen wunderbaren Gnade wieder erhöhen kann. Ich denke, dass viele von uns den völligen Ruin all dessen, was an die Verantwortung des Menschen gebunden ist, noch nicht ausreichend erkannt haben. Wir haben Vorträge gehalten und Artikel geschrieben über den Verfall der Gemeinde, während wir in unseren Herzen insgeheim stolz darauf sind, dass es wenigstens einen kleinen Kreis gibt, wo alles in Ordnung ist, und dass wir zu diesem Kreis gehören. Es ist eine Art von „Brüderismus“.

Natürlich ändern sich das Wort Gottes und Gottes Wahrheit nicht, und es bleibt immer wahr, dass, wo zwei oder drei zu Christi Namen versammelt sind, Er „in ihrer Mitte“ ist. Die Wahrheit ist so einfach und der Weg ist so klar wie immer, und deshalb gibt es immer eine Hilfsquelle für den Glauben. Doch wenn der Stolz in unseren Herzen lauert, indem wir denken, dass bei uns alles in Ordnung ist und dass die „Brüder“ eine Art Zufluchtsort sind, wo das Volk Gottes versammelt werden soll; wo sie in guten Händen sein dürfen; wo sie umsorgt werden, bis der Herr kommt – dann hat das sicherlich nichts damit zu tun, die Wahrheit von dem Verfall der Gemeinde zu lernen. Und gibt es von dieser Haltung unter uns nicht mehr, als uns vielleicht bewusst ist? Und deshalb lässt Gott es zu, dass wir den Verfall der Gemeinde unter uns selbst erfahren – und ebenso auch unsere Torheit, etwas darstellen zu wollen. Lasst uns diese Lektion gut lernen, damit Christus uns wirklich alles wird; damit Er nicht nur persönlich ein Gegenstand unserer Herzen ist, sondern der Mittelpunkt, zu dem wir uns versammeln, und der Eine, der niemals versagen kann! Trotz des Versagens der Gemeinde und sogar trotz des völligen Abfalls, der alles bedroht, „vermag er uns ohne Straucheln zu bewahren und vor seiner Herrlichkeit untadelig darzustellen mit Frohlocken“ (Jud 24).


Aus einem Brief („A Word in Season: The Danger of Pride and the Need for Lowliness“)
in Selected Ministry of A.H. Rule, 1882, Bd. 2, S. 28-29;
zuerst veröffentlicht in Words of Faith: „A Word in Season“, 1882, S. 54-55

Übersetzung: Ruben Isenberg

Letzte Aktualisierung: 20.07.2017


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