Der Brief an Titus (2)
Kapitel 2 – Das, was der gesunden Lehre geziemt

Willem Johannes Ouweneel

© SoundWords, online seit: 28.10.2017

(3) Die Verwirklichung der gesunden Lehre (Tit 2,1-10)

(a) Durch Ältere und Jüngere (Tit 2,1-8)

Tit 2,1.2: Du aber rede, was der gesunden Lehre geziemt: dass die alten Männer nüchtern seien, besonnen, gesund im Glauben, in der Liebe, im Ausharren.

Du aber rede, was der gesunden Lehre geziemt

Im ersten Kapitel hat der Apostel in den ersten Versen den wunderbaren Inhalt der gesunden Lehre erörtert, und danach hat er Titus vorgeschrieben, wie diese gesunde Lehre angewendet werden muss, nämlich indem Älteste anzustellen waren, die die Widersprechenden ermahnen sollten (Tit 1,9), und durch diese auch Betrüger zu bestrafen (Tit 1,13). In dem uns vorliegenden Kapitel sehen wir freilich, dass es nicht nur nötig ist, andere mit der gesunden Lehre zu ermahnen, sondern auch selbst in Übereinstimmung mit dieser gesunden Lehre zu leben. Dies ist übrigens gleichzeitig der beste Schutz vor falscher Lehre: Wenn der Gläubige zeigt, was die gesunde Lehre in seinem eigenen Leben bewirkt, hat er damit gleichzeitig das beste Argument gegen desaströse Auswirkungen böser Lehren gefunden. Darum bekommt Titus nicht nur den Auftrag, die gesunde Lehre zu predigen und anzuwenden und dazu andere anzustellen, sondern bekommt genau wie Timotheus auch den Auftrag, den Gläubigen vorzustellen, dass sie den Dingen nachjagen sollten, die gemäß der gesunden Lehre für ihr praktisches Leben angemessen waren. Hier geht es also nicht um Unterricht wie in Kapitel 1 (es steht hier nicht: „Lehre, was der gesunden Lehre geziemt“), sondern um die herrliche Arbeit, die er unter Gläubigen auf Kreta ausüben musste. Mit „Reden“ (lalo) ist nicht nur das Reden in der Öffentlichkeit gemeint, denn das griechische Wort deutet auch auf das Reden im täglichen Umgang und in persönlichen Gesprächen in den Häusern hin.

Die Bedeutung von Vers 1 ist nicht, dass Titus so reden sollte, dass das, was er sagte, der gesunden Lehre geziemte. Die Ermahnung galt nicht ihm, sondern denen, denen er die hirtendienstliche Fürsorge angedeihen lassen sollte: Er sollte ihnen die Dinge („was“ ist Mehrzahl) vorhalten, die der gesunden Lehre geziemten. Das Nachfolgende macht dies klar, vor allen Dingen Vers 15: „Dies rede und ermahne und überführe mit allem Nachdruck.“ Er sollte die Dinge sagen, die aus einem gesunden christlichen Leben eigentlich von selbst hervorkommen, weil die gesunde Lehre angenommen wurde. Wer diese Lehre anerkennt, muss sich auch benehmen, wie es dieser Lehre geziemt. Das sind zwei verschiedene Sachen.

Was dem einen Gläubigen gemäß der gesunden Lehre geziemt, gilt noch nicht für den anderen. Es gibt ja im Haus Gottes auch verschiedene Gruppen von Gläubigen, zum Beispiel gemäß des Alters, des Geschlechts und der Stellung. Es gibt Ältere und Jüngere, es gibt Männer und Frauen, und es gibt Sklaven und Herren. Für diese gibt es auch unterschiedliche Ermahnungen. Auch in anderen Briefen (Eph; Kol; 1Pet) finden wir separate Ermahnungen für diese unterschiedlichen Gruppen von Gläubigen; es gibt jedoch einen markanten Unterschied: Dort werden die Gläubigen direkt angesprochen, während in Titus nicht direkt zu den Gläubigen geredet wird, sondern der Apostel gibt Anweisungen, wie Titus sie ermahnen soll. Wir haben nicht mit einem gemeindlichen Brief, sondern mit einem persönlichen Brief zu tun. Dies hat einige Konsequenzen: In Epheser, Kolosser und 1. Petrus werden zunächst die sich unterzuordnenden Gruppen (Frauen, Kinder, Sklaven) angesprochen, weil es vor allen Dingen für sie wichtig ist, dass sie ihre richtige, untergeordnete Stellung einnehmen. In Titus werden die Gläubigen jedoch nicht kollektiv angesprochen, sondern Titus soll sie als Aufgabe persönlich ermahnen, und da liegt die Betonung darauf, dass die höher gestellten (Männer, Ältere) ihre Verantwortlichkeit gegenüber den sich Unterordnenden verstehen sollen. Darum wird Titus (der wahrscheinlich noch ziemlich jung ist) selbst zu einem Vorbild für junge Männer aufgefordert (Tit 2,6.7). Bemerkenswert ist, dass Titus nicht den Auftrag bekommt, die jungen Frauen zu ermahnen. Dies wird den älteren Frauen übertragen, da dies nicht angemessen wäre und Anlass zu Geschwätz geben könnte, wenn er dies täte.

Es ist von größter Bedeutung, dass jeder Gläubige in der Praxis den Platz einnimmt, wo Gott ihn oder sie hingestellt hat, in der richtigen Gesinnung, damit niemand höher von sich denkt, als es sich gehört (Röm 12,3), sondern alle einander in der Furcht des Christus untergeordnet sind (Eph 5,21). Alle Beziehungen untereinander im Haus Gottes gründen sich geradewegs auf die gesunde Lehre, und da ist es dann auch nicht verwunderlich, dass das Verwahrlosen oder Stürzen dieser Beziehungen in der Geschichte der Christenheit oft mit dem Loslassen der gesunden Lehre einherging. Das treffendste Beispiel ist die Stellung der Frau. Zu Recht wird oft bezeugt, dass es in Christus weder Mann noch Frau gibt (d.h. keinen Unterschied; Gal 3,28), doch das ist „in Christus“; im öffentlichen Leben gibt es gemäß der Schrift einen klaren Unterschied in der Stellung. Überall, wo es um das Tragen von Verantwortung geht, um das Führen und das Treffen von Entscheidungen tritt die Frau in den Hintergrund. Das gilt sowohl in der Ehe (Eph 5,22; Kol 3,18; 1Pet 3,1), in den Gemeindezusammenkünften (1Kor 11,1-16; 14,34-38) als auch an anderen Stellen, wo das Wort gelehrt wird (1Tim 2,11-15). Hier ist nicht der Platz, um ausführlich darauf einzugehen, doch ist es wohl von Bedeutung, einzusehen, dass, wenn eine Frau geistlich einen höheren Platz als der Mann einnimmt (z.B. in der Familie), selbst wenn die Frau viel geistlicher wäre als der Mann, dies immer zum Schaden für die Familie ist. Selbst in so einem Fall müsste die Frau versuchen, den Mann ohne Worte zu gewinnen (1Pet 3,1). Dieselbe ungesunde Situation könnten wir ausmachen, wenn in einer Gemeinde die jüngeren Brüder (und wenn sie viel geistlicher wären) eine dominierende Stellung gegenüber den Älteren einnehmen würden und den Älteren nicht mehr untergeordnet wären (1Pet 5,5).

Gerade die christlichen Strömungen, die am weitesten von der gesunden Lehre abgewichen sind, sind oft mit den Namen von Frauen verbunden. Denken wir an die Christliche Wissenschaft (Eddy Baker), die Theosophie (Helena Blavatsky und später Annie Besant), die Siebentags-Adventisten (Ellen White), den modernen Spiritismus (Kate Fox), die Pfingstbewegung (mit dem extremen Beispiel von Aimee McPherson), die Sekte „Haus Davids“ (Mary Purnell), die Evangelisch-Johannische Kirche (Gretchen Müller) und andere. Natürlich kommt auch das Umgekehrte vor, nämlich dass nicht die Frau, sondern der Mann sich eine Stellung anmaßt, die ihm nicht zusteht, und im Haus Gottes einen diktatorischen Platz einnimmt. Hier brauchen wir nur das Papsttum zu nennen, aber auch die großen abgefallenen Sekten wie die Mormonen (bis 1970 David O. McKay; seit 2008 Thomas S. Monson), die Zeugen Jehovas (bis 1977 N.H. Knorr; seit 2000 Don A. Adams) und die Neuapostolischen (bis 1975 Walter Schmidt; seit 2013 Jean-Luc Schneider).

Die Gesundheit des Körpers ist von dem korrekten Gleichgewicht zwischen ihren Teilen abhängig. Wenn dieses Gleichgewicht gestört wird, verlässt man das, was der gesunden Lehre geziemt, und der Verfall setzt unmittelbar ein. Man maßt sich das Recht für eine derartige Störung an, indem man sich auf die sogenannte christliche Freiheit beruft, ohne zu verstehen, dass die wahre Freiheit nur angewendet wird, indem die sittliche Ordnung bewahrt wird, die Gott in seinem Wort gegeben hat. So gebraucht man die Freiheit als Anlass für das Fleisch und als Deckmantel für das Böse (Gal 5,13; 1Pet 2,16). Dies kann auf zweierlei Weise, in beide Richtungen, geschehen. Man kann die Freiheit (die die Freiheit des Heiligen Geistes ist! 2Kor 3,17; Röm 8,2.14.15) binden, indem man sich unter das Gesetz begibt (vgl. Röm 7,6), oder indem andere fleischliche Verordnungen eingeführt werden, wie zum Beispiel eine Kirchenordnung oder Liturgie. Das andere Extrem ist, dass man die Freiheit in Zügellosigkeit verändert, indem man die sittliche Ordnung Gottes beiseitesetzt. Im ersten Fall stuft man die, die durch den Herrn als Gaben der Gemeinde gegeben sind, oft herab und stopft ihnen den Mund, während man im zweiten Fall denen, die schweigen sollten, manchmal sogar einen Platz gibt, der nur Christus zusteht. Der schmale Weg irgendwo zwischen diesen Extremen ist „das, was der gesunden Lehre geziemt“.

Dass die alten Männer nüchtern seien

Die erste Gruppe, die genannt wird, umfasst die alten Männer, die im Haus Gottes den wichtigsten Platz einnehmen. Die „alten Männer“ (das ist ein Wort, das man des Weiteren in Lk 1,18 und Phil 9 findet) haben eine ehrwürdige und verantwortliche Position; die jüngeren Männer schauen gern zu ihnen auf und betrachten sie als Vorbilder. Sie erwarten von ihnen aufgrund ihres Alters eine christliche Weisheit und Besonnenheit, die sie selbst oft noch vermissen lassen. Deswegen müssen die Alten zunächst „nüchtern“ sein. Viele dieser hier genannten Eigenschaften sind natürlich Tugenden, die allen Gläubigen gut stehen würden. So werden wir auch alle aufgerufen, nüchtern zu sein (1Thes 5,6.8; 1Pet 1,13; 4,6; 5,8), und auch ein jüngerer Mann wie Timotheus soll nüchtern sein (2Tim 4,5). Doch vor allen Dingen müssen es die sein, auf die am meisten geachtet wird. Deswegen müssen es auch die Aufseher und die Frauen der Diakone es sein (1Tim 3,2.11). Das Wort bedeutet eigentlich „frei von narkotischen Mitteln“, vergleiche mit Titus 2,3 für die alten Frauen. In der Tat steht es einem alten Mann auch in der wörtlichen Bedeutung schlecht zu Gesicht, sich beim Essen und Trinken zu übernehmen, denken wir an Noah (1Mo 9,20.21) und Isaak (1Mo 25,28; 27,4). Die Bedeutung ist jedoch hauptsächlich bildlich: Der alte Mann soll sich nicht durch die Begierden steuern lassen, die die Jugend kennzeichnet (2Tim 2,22), nicht ausschweifend und leidenschaftlich sein, sondern enthaltsam und gemäßigt. Er darf sich nicht durch all das, was den Geist betrüben könnte, leiten lassen, so dass der Wille des Herrn nicht mehr klar unterscheidbar ist (vgl. Eph 5,17.18).

Würdig, besonnen

Er muss auch „würdig“ sein. Er soll jemand sein, zu dem man aufsehen kann, der nicht leichtfertig in den Dingen des Lebens ist, sondern schätzenswert, ohne alberne oder leichtsinnige Rede (Eph 5,3.4). Er soll ein ernsthafter Mann sein, seriös in allen Dingen, ehrwürdig in seiner Haltung und Bekleidung. Dasselbe wird sowohl von den Diakonen und den Frauen verlangt (1Tim 3,8.11) als auch von allen Gläubigen (Phil 4,8). Dass die alten Männer anschließend auch „besonnen“ sein müssen, ist etwas, das für alle Gläubigen von größter Wichtigkeit ist (Tit 2,5.6.12), vor allen Dingen auch für die Aufseher (Tit 1,8). Es ist das Kennzeichen eines ausgewogenen Gemütszustandes, der aus Gemäßigtsein und Selbstbeherrschung hervorkommt.

Gesund im Glauben

Anschließend wird gesagt, dass die alten Männer gesund im Glauben sein sollen, in der Liebe und im Ausharren. Bringen wir das Ausharren in Verbindung mit der Hoffnung (vgl. Röm 5,4; 8,25; 15,4), dann haben wir auch hier die bekannte Dreizahl von Glaube, Hoffnung und Liebe (1Kor 13,13; Gal 5,5.6; Kol 1,4.5; 1Thes 1,3; 1Pet 1,3-9; vgl. 1Tim 6,11; 2Tim 3,10; Off 2,19). „Gesund sein im Glauben“ weist auf eine sittliche Gesundheit im Verstehen der Glaubenswahrheiten hin. „Glaube“ steht hier mit Artikel, es geht also um das, was geglaubt wird. Der ältere Bruder muss sich darin geübt haben, mit einer gewissen Ausgewogenheit die verschiedenen Wahrheiten zu unterscheiden. Er soll nicht eine bestimmte Wahrheit der anderen vorziehen. Der Gläubige muss zum Beispiel sowohl Gott dienen als auch seinen Sohn aus den Himmeln erwarten (1Thes 1,9.10). Wenn er nur dienen würde, könnte das zu den Exzessen in Matthäus 24,48.49 führen, und wenn er nur erwarten würde, verfällt er in den Fehler von 2. Thessalonicher 3,10-12). Auch ist es sehr gefährlich, auf den einen Lehrer lieber zu hören als auf einen anderen. Man läuft dann Gefahr, in die Missstände von 1. Korinther 1,12; 3,4.5 und 2. Timotheus 4,3 zu verfallen. In allem muss das richtige Gleichgewicht bewahrt werden.

In der Liebe, im Ausharren

Dies gilt auch für die Liebe. Auch hier besteht die Gefahr, dass wir den einen Bruder mehr liebhaben als den anderen, weil er uns sympathischer ist. Wir müssen jedoch die ganze Brüderschaft liebhaben (vgl. 1Pet 2,17). Die Thessalonicher hatten alle Brüder lieb, die in ganz Mazedonien waren (1Thes 4,9.10). Gesunde Liebe ist nicht, übertrieben lieb sein, sondern ungeheuchelt sein (Röm 12,9; 1Pet 1,22); nicht mit Worten oder der Zunge, sondern in Tat und Wahrheit (1Joh 3,18). Letzteres zeigt auch, dass gesunde Liebe nie auf Kosten der Wahrheit geschieht, sondern die Gerechtigkeit anwendet (1Kor 13,6; 2Tim 2,22). Das Gesundsein im Glauben und in der Liebe wird sicher Bedrängnis zur Folge haben. Deswegen haben wir auch Ausharren nötig (Röm 5,1-3; 2Kor 1,6; Heb 10,36; Jak 1,3). Auch hierin müssen die alten Männer gesund sein, was wie immer meint: ausgewogen. Ausharren bezieht sich auf die Geduld und Energie, mit der die Prüfungen durchlebt werden, und auf das Verlangen zur Erreichung des Endziels. Wenn der Gläubige die Prüfungen verabscheuen würde und nach dem Kommen des Herrn verlangen würde, um von allem Elend erlöst zu sein, würde er im Ausharren nicht mehr gesund sein. Und genauso wenig würde das der Fall sein, wenn seine Aufmerksamkeit ausschließlich auf das baldige Erwerben der himmlischen Dinge ausgerichtet wäre, so dass er seinen irdischen Wandel verwahrlosen lassen würde. Die gesunde Lehre ist Christus. Tun, was der gesunden Lehre geziemt und gesund sein im Glauben, in der Liebe und im Ausharren bedeutet also, mit Christus zu leben, in Unterordnung unter seinen Willen und leben für Christus, zu seiner Ehre und Verherrlichung.

Tit 2,3-5: … die alten Frauen ebenso in ihrem Betragen, wie es dem heiligen Stand geziemt, nicht verleumderisch, nicht Sklavinnen von vielem Wein, Lehrerinnen des Guten; damit sie die jungen Frauen unterweisen, ihre Männer zu lieben, ihre Kinder zu lieben, besonnen, keusch, mit häuslichen Arbeiten beschäftigt, gütig, sich den eigenen Männern unterzuordnen, damit das Wort Gottes nicht verlästert werde.

Die alten Frauen ebenso

Nach den Ermahnungen für die alten Männer folgen nun selbstverständlich die, die Titus an die alten Frauen richten sollte. Sie sollten „ebenso“, genau wie die alten Männer, ausgewogen und bedachtsam in ihrem Auftreten sein. Das Wort für „alte Frau“ kommt im Neuen Testament nur hier vor. Übrigens ist dieser Vers, was den Grundtext betrifft, ein total besonderer Vers, weil insgesamt vier Worte vorkommen, die wir im Neuen Testament weiterhin nicht finden: „alte Frau“, „Betragen“, „wie es dem heiligen Stand geziemt“ (ein einziges Wort) und „Lehrerinnen des Guten“ (auch ein einziges Wort).

In ihrem Betragen, wie es dem heiligen Stand geziemt

Das Wort für „Betragen“ (katastèma) weist auf alles hin, was mit dem äußerlichen Auftreten und mit der Stellung und Haltung im Leben zu tun hat. Das geht also weiter als nur Bekleidung (katastolé) in 1. Timotheus 2,9, worauf auch in 1. Petrus 3,3.4 abgezielt wird. In ihrem ganzen Auftreten, in ihren Worten, in ihrem Benehmen und Betragen, in Kleidung und Schmuck mussten die alten Frauen sich als passend für den Dienst im Heiligtum offenbaren. Dies ist nämlich der Inhalt des Wortes „wie es dem heiligen Stand geziemt“. Wörtlich bedeutet es: „dem Heiligen geziemend“ (hieroprepès), was uns direkt wieder an Vers 1 erinnert: „was der gesunden Lehre geziemt“ (prepo). Mit „dem heiligen“ ist daher „das Heiligtum“, „die heiligen Dinge“ gemeint oder auch „die, die im Heiligtum Dienst tun“, was demnach die Priester sind (vgl. NBG-Übersetzung). Vergleiche die verwandten Wörter hieron, der Tempelkomplex (nicht das eigentliche Heiligtum, das ist naos), die in den Evangelien, der Apostelgeschichte und des Weiteren in 1. Korinther 9,13 vorkommen, sowie hiereus, das bekannte Wort für Priester. Das adjektivische Nomen ist hieros, „heilig“, das nur in 2. Timotheus 3,15 und 1. Korinther 9,13 vorkommt; letzterer Vers hat diese Bedeutung: „das Heilige“ ist das, was Gott im Tempel geweiht ist (vgl. „heilige Schriften“ in 2Tim 3,15) und was durch die Priester bedient wird. Hier haben wir also ein drittes Wort für heilig, nebst den beiden, die bei der Betrachtung von Titus 1,8 genannt wurden. Man kann diese drei Worte nun wie folgt charakterisieren: hagios: abgesondert für Gott (innerlicher Zustand); hosios: fromm, rechtschaffen; hieros: Gott geweiht/hingegeben (äußerlicher Dienst).

Im Christentum bildet nicht eine bestimmte Familie die Priesterklasse, sondern alle Gläubigen stellen ein heiliges Priestertum dar (hierateuma hagion; 1Pet 2,5), und alle dürfen freimütig in das Heiligtum hineingehen, um ihren Priesterdienst zu erfüllen (Heb 10,19). Alle haben eine Gnadengabe empfangen bzgl. des Dienstes für Gott (Röm 12,6-8; 1Pet 4,10.11). Daher sollen sich die alten Frauen in diesem Dienst für Gott, ja in ihrem ganzen Auftreten, so betragen, dass ihre Haltung mit dem erhabenen Charakter ihrer priesterlichen Aufgabe in Harmonie ist. Frauen laufen eher Gefahr, hierin zu versagen als Männer, da die Gefahr weltlicher Einflüsse in ihrer Kleidung und in ihrem Benehmen für sie einfach größer ist als für Männer. Es sind daher verständlicherweise gerade die Frauen, die im Neuen Testament stets bezüglich ihres äußeren Auftretens ermahnt werden, vor allen Dingen bzgl. der Kleidung (1Tim 2; 1Pet 3), nicht die Männer. Darüber hinaus laufen die alten Frauen hierbei wiederum mehr Gefahr als die jungen Frauen, denn trotz ihrer Lebenserfahrung hat sich ihr Fleisch nicht verbessert, sondern ist noch immer so verdorben wie in ihrer Jugend, während des Weiteren die Auswirkungen dieses Fleisches bei älteren Frauen mehr auffallen und einen größeren Anlass zur Lästerung geben als bei den jungen Frauen.

Nicht verleumderisch

So ist es auch mit Verleumdung. Auch das steht alten Frauen viel hässlicher zu Gesicht als jungen Frauen, während Frauen auch hierin mehr Gefahr laufen als Männer. Calvin schrieb: „Klatsch ist eine Krankheit von Frauen, die im Alter zunimmt.“ Frauen lassen schneller ihren Gefühlen freien Lauf, was sich leider darin äußern kann, dass sie mit ihrer Zunge andere zu schnell verurteilen. Bei Männern liegt die Gefahr nicht so sehr in ihren Gefühlen, jedoch in ihrer Aggressivität; nicht ihre Zunge, sondern ihre Hände. Darum werden sie ermahnt, dass die Hände, die sie zum Gebet erheben, heilig (oder rein) sind, ohne Zorn und Streit, während die Frauen speziell auf ihre Kleidung und die Gefahren der Zunge hingewiesen werden (1Tim 2,8-12). Ein bestimmter Missbrauch der Zunge wird daher auch mit dem Ausdruck „altweibische Fabeln“ bezeichnet (1Tim 4,7). Auch die Frauen der Diakone werden ermahnt, nicht verleumderisch zu sein (1Tim 3,11). Wiewohl Verleumdung vor allen Dingen eine Gefahr für Frauen ist, wird es als ein allgemeines Kennzeichen der Menschen in den letzten Tagen erwähnt (2Tim 3,3). Das Wort „verleumden“ ist bemerkenswert, denn im Grundtext ist dies diabolos, das außer in den drei genannten Stellen sonst überall mit dem (daraus verballhornten) Wort „Teufel“ übersetzt wird. Das Wort drückt also einen Charakterzug Satans aus, was die Wucht der Ermahnung für die alten Frauen hier umso stärker werden lässt. Der Teufel ist der größte „Verleumder“, der Vater der Lüge (Joh 8,44), der Verkläger der Brüder (Off 12,10), der speziell Hiob (Hiob 1,6-11; 2,1-5) und Josua (Sach 3,1-3) bei Gott verleumdete und Gott bei Eva anklagte (1Mo 3,1-5). Es ist also schon ernst, wenn Gläubige andere falsch beschuldigen und belasten, denn sie machen sich dadurch eins mit Satan und gleichen dem einen Menschen, der je Teufel genannt wurde: Judas (Joh 6,70), der schuldloses Blut überliefert hat (Mt 27,4).

Nicht Sklavinnen von vielem Wein

Eine andere Gefahr, die für alte Frauen lauert, ist der Wein. In Titus 1,7 wurden die Aufseher bereits gewarnt, nicht dem Wein ergeben zu sein, doch für die älteren Schwestern sieht der Apostel die Gefahr, dass sie nicht dem Wein ergeben sind, sondern sogar an Wein versklavt sind. Diese Gefahr ist in den Landstrichen, wo Wein angebaut wird, natürlich umso größer. Petrus beschreibt, wie die Nationen in Ausschweifungen, Begierden, Trunkenheit, Schwelgereien, Trinkgelagen und frevelhaftem Götzendienst wandeln (1Pet 4,3). Daneben gibt es aber noch die besondere Gefahr für ältere Menschen, die oft mit einer schwachen Gesundheit und Altersbeschwerden zu kämpfen haben, bei der der Wein eine lindernde und stärkende Wirkung hat. Einem jungen Mann wie Timotheus wird angeraten, ein wenig Wein für seinen Magen und die immer wiederkehrenden Schwachheiten zu gebrauchen (1Tim 5,23). Wie viel mehr alten Menschen, auf die wir das Wort Salomos anwenden können: „Gebt starkes Getränk dem Umkommenden und Wein denen, die betrübter Seele sind“ (Spr 31,6). Dies alles ist in Ordnung: Paulus gibt kein Verbot, Wein zu trinken, wohl aber zu viel Wein zu trinken. Es könnte sein, dass eine alte Frau ihre schwache Gesundheit als Deckmantel gebrauchen könnte, um ihr übermäßiges Verlangen nach Wein zu kaschieren, was ein sehr schlechtes Zeugnis für sie wäre. Weingebrauch ist nicht verkehrt, doch alles, was das Herz nebst der gesunden Lehre in Beschlag nimmt, ist sehr wohl verkehrt und ungeziemend für die, die Vorbilder für Jüngere sein sollten.

Lehrerinnen des Guten

Letzteres bringt uns zum nächsten Punkt: Titus sollte nicht nur negative, sondern auch positive Ermahnungen an die alten Frauen richten. Sie mussten keine Familie mehr versorgen und waren viel weniger durch häusliche Arbeiten beschlagnahmt als junge Frauen, so dass sie Gelegenheit hatten zu der schönen Aufgabe, die für alte Frauen reserviert ist, nämlich das zu unterrichten, was gut ist. Und das auf dem Gebiet, auf dem sich die Aufgabe für alte Frauen befindet, nämlich insbesondere die praktische Unterweisung für die jungen Schwestern. Nicht Titus erhält die Aufgabe, die jungen Frauen zu unterrichten, sondern sie müssen das tun, was sie besser können als er: vertraulich mit jungen Frauen umgehen, ihnen ein praktisches Vorbild sein und ihre Erfahrung auf sie übertragen können.

Das Wort kalodidáskalos bedeutet so viel wie „Lehrer(in) von dem, was gut ist“ und kommt nur hier vor. Didáskalos ist das gewöhnliche Wort für „Lehrer“ (wie z.B. in Joh 3,2.10; 1Kor 12,28.29; Eph 4,11). Das Wörtchen „gut“ (kalos) erfordert unsere Aufmerksamkeit. In Vers 5 finden wir auch „gut“, was aber ágathos ist. Genauso finden wir den Unterschied, wenn über „gute Werke“ geredet wird. In Titus 1,16 heißt es ergon ágathon (Einzahl), genau wie in Titus 3,1, jedoch steht in Titus 2,7.14 und 3,8.14 kalon ergon (2. Fall, Mehrzahl). Wiewohl dieser Unterschied in der Übersetzung schwierig zum Ausdruck zu bringen ist, ist der Unterschied im Grundtext durchaus gewichtig. Das Wort ágathos gibt das wieder, was von der Art und Zusammensetzung her gut ist und dadurch eine positive und wohltätige Auswirkung hat. So sollte der Aufseher das Gute lieben (Tit 1,8), d.h. dem nachjagen, was nützlich und heilsam war, und so sollten auch die Sklaven alle gute Treue erweisen (Tit 2,10), d.h. Treue, die dem Herrn zugutekam. Dagegen deutet kalos auf das hin, was in sich selbst gut und schön ist (siehe z.B. Röm 7,16; 1Tim 4,4); so am Ende von Titus 3,8, das Betreiben guter („schöner“) Werke steht den Menschen gut an (d.h. ist in sich selbst schön und edel) und ist gleichzeitig nützlich für die Menschen. Damit sind kala erga Werke, die sittlich rein, edel und lobenswert in sich selbst sind, während ergon ágathon ein Werk ist, das eine gute, heilsame Auswirkung hat. Es steht in der Einzahl, weil es sich auf konkrete, heilsame Taten bezieht. Die Mehrzahl kala erga weist auf eine ganze Lebenshaltung hin, die sittlich und ethisch hochstehend und beachtenswert sein sollte. Hierdurch wird auch klar, was „das Gute“ war, das die alten Frauen unterrichten sollten. Sie sollten die jungen Frauen einen sittlich guten und geziemenden Wandel vorhalten und vorleben, ein Betragen, das der gesunden Lehre geziemt (Tit 1,1), ja, das eine Spiegelung der im Inneren erlebten gesunden Lehre ist. Auch das Auftreten der alten Frauen selbst sollte in Übereinstimmung mit den heiligen Dingen sein.

Damit sie die jungen Frauen unterweisen

Vers 4 bestätigt, dass der Arbeitsbereich der älteren Frauen auf die jüngeren Frauen beschränkt ist. Natürlich können sie allen Gläubigen zu Diensten sein, wenn es um die materielle Versorgung geht, wie bei einer Martha, einer Dorkas und bei den Frauen von Galiläa (Lk 8,1-3; vgl. 1Tim 5,9.10). Doch wenn es um Unterweisung geht, um „lehren“, dann ist ihr Arbeitsgebiet beschränkter. Wir sehen aus 1. Timotheus 2,11.12, dass es der Frau nicht erlaubt ist, den Mann zu lehren, wodurch sie über ihn herrschen würde. Sie sollte sich selbst belehren lassen und still untergeordnet sein. Wenn dies im Allgemeinen Gültigkeit hat, dann erst recht in den Zusammenkünften der Gemeinde, wovon gesagt wird, dass die Frauen dort schweigen sollen, während die anderen mit einer Lehre aufwarten können (1Kor 14,34.26). Gegenüber den jungen Frauen haben sie allerdings durchaus eine unterweisende Aufgabe. Dazu sind sie in vieler Hinsicht besser befähigt als die Männer, weil diese bei vielen (speziell weiblichen) Probleme nicht mitreden können. Dieser Unterweisung liegt naturgemäß vor allen Dingen auf der praktischen Ebene (wie sich auch aus Vers 4 ergibt), weil die Lehrunterweisung besonders in der Gemeinde stattfindet, und zwar durch die Lehrer, die der Herr der Gemeinde gegeben hat (Eph 4,11-16). Die alten Frauen sollten nicht die gesunde Lehre lehren, sondern das, was der gesunden Lehre geziemt.

Die Unterweisung, die die alten Frauen den jungen Frauen mitgeben sollten, ist ausführlicher als die Ermahnungen, die an die alten Frauen selbst gerichtet waren. Das ist auch verständlich: Die jungen Frauen stehen noch mitten im Leben, haben viel mit ihren Familien und mit ihren täglichen Arbeiten zu tun und haben die Lebenserfahrung der älteren Frauen noch nicht. Allerdings haben sie nicht nur mehr Ermahnungen als die alten Frauen nötig, denn wir können aus dieser Ausführlichkeit doch wohl auch erkennen, was für einen Stellenwert die Familie und die darin enthaltene Rolle der Frau im Wort hat, wie wir es öfter in der Schrift sehen. Sicher ist es nicht umsonst, dass die Aufgabe der jungen Frau hier in sieben Punkten umschrieben wird. Es ist keine minderwertige Aufgabe, sondern eine innerlich vollkommene in den Augen Gottes. In unserer ganzen Gesellschaft sind Ehe und Familie die fast einzigen Einrichtungen, die aus der Zeit vor dem Sündenfall datieren und demnach keine Folgen der Sünde sind. Alle anderen Elemente der gesellschaftlichen Ordnung sind direkt oder indirekt die Folgen der Sünde, wie zum Beispiel die Einteilung in Völker und Sprachen, das Gründen von Städten, die Einrichtung nationaler, regionaler und örtlicher Obrigkeiten usw. Doch die Stellung der Familie und die der Frau haben geradewegs mit der Schöpfungsordnung Gottes zu tun und sind darum über die Sünde erhaben, wiewohl sie davon verdorben sind. Wir sehen daher auch immer, dass, wo diese Themen im Neuen Testament zur Sprache kommen, sie unmittelbar in einen großen Zusammenhang vor dem Hintergrund der Schöpfungsordnung Gottes gestellt werden. So wird die Einrichtung der Ehe aus 1. Mose 2,24 verschiedene Male im Neuen Testament zitiert (Mt 19,5.6; Mk 10,8; 1Kor 6,16; Eph 5,31). Auch eine einfache Sache wie die Kopfbedeckung und das lange Haar der Frau wird direkt mit der Stellung und Schöpfung von Mann und Frau verbunden, mit der Natur, mit den Engeln und mit der Herrlichkeit Gottes (1Kor 11,2-16). Auch an anderen Stellen wird die Stellung der Frau mit der Schöpfung verbunden (1Tim 2,11-15).

Unterweisen (im Niederl.: einschärfen)

Wir sehen also, dass die Rolle der Frau bzgl. des guten Funktionierens von Haushalt und Familie nicht nur eine nebensächliche Sache ist, sondern höchstes Gewicht hat. Die alten Frauen sollten den jüngeren Frauen die entsprechenden Vorschriften daher auch „einschärfen“. Dieses Wort (das nur hier vorkommt) ist im Griechischen von sophron, „besonnen“, abgeleitet, so dass die Grundbedeutung „besonnen sein lassen“, „gesunden Gemütes sein lassen“ ist, daher „an jemandes gesundes Gemüt appellieren“ und daher „gesundes Benehmen und gesundes Beurteilen trainieren“, so dass die jungen Frauen in der Lage sind, den nachfolgenden Ermahnungen nachzukommen. Diese Ermahnungen sind in erster Linie darauf gerichtet, eine Atmosphäre von Liebe in der Familie zu erzeugen, an erster und wesentlichster Stelle zwischen Mann und Frau und anschließend zwischen Eltern (hier Mutter) und Kindern. Wiewohl der christliche Glaube von himmlischen Dingen redet, schaltet er nie die irdischen Dinge aus, die aus der Schöpfungsordnung Gottes hervorkommen. Wir können dies zum Beispiel bei den Vorschriften in Apostelgeschichte 15,20 sehen, es gilt jedoch auch für die natürlichen Neigungen; ja, nachdem die Wahrheit nun offenbart ist, zeigt sich, dass die Liebe zwischen Mann und Frau sogar ein Spiegelbild von der Liebe zwischen Christus und der Gemeinde ist (Eph 5,25-33).

Die himmlischen Dinge überwiegen die irdischen: Wer heiratet, tut gut (denn Gott hat das eingerichtet), doch wer nicht heiratet, tut besser (denn unsere Berufung und Stellung sind himmlisch und im Himmel heiratet man nicht; Lk 20,35; 1Kor 7,38). So bleibt erhalten, was von vor dem Sündenfall war, doch etwas Besseres wird darüber hinaus gegeben, während das Alte selbst auf ein höheres Niveau gehoben wird, indem es mit Christus und seiner Gemeinde verbunden wird.

Ihre Männer zu lieben

In diesem Zusammenhang ist die erste Ermahnung an junge Frauen sehr bemerkenswert. Sie sollen „ihre Männer lieben“ oder eigentlich „männerliebend“ sein (philandros, von phileo, „lieben“, und andres, „Männer“). Wie so viele Worte in diesem Abschnitt kommt dieses besondere Wort nur hier vor. Das Wort phileo ist allgemein bekannt, weil es in vielen fremden Worten wie philosophisch (weisheitsliebend), philanthropisch (menschenliebend) usw. vorkommt. Es ist ein Wort, das meistens für die Liebe von Menschen gebraucht wird und nicht für Gott (außer in Joh 5,20 und in dem Wort „Menschenliebe“ in Tit 3,4). Demgegenüber wird die Liebe von Gott und auch für die durch Gott in dem Menschen erweckte Liebe zu Ihm im Allgemeinen das Wort ágapè (Liebe) und agapáo (lieben) gebraucht. Ersteres (phileo) drückt tiefe Zuneigung zu jemandem aufgrund des Liebenswürdigen aus, das man in dem jemand findet. Agapáo hingegen ist die unselbstsüchtige, dienende Liebe, die sich selbst gibt. Nun ist bemerkenswert, dass im Neuen Testament mehrmals zu den Männern gesagt wird, dass sie ihre Frauen lieben sollen, wobei stets agapáo gebraucht wird (Eph 5,25.28.33; Kol 3,19). Zu den Frauen wird jedoch immer gesagt, dass sie ihren Männern untergeordnet sein sollen (Eph 5,22.24; Kol 3,18; 1Tim 2,11.12; Tit 2,5; 1Pet 3,1), während nur einmal (in unserem Vers) gesagt wird, dass sie ihre Männer lieben sollen, und zwar explizit mit dem Wort phileo. Den Grund hierfür müssen wir in dem suchen, was im vorherigen Absatz gesagt wurde. Das Verhältnis von Mann und Frau ist ein Bild von der Beziehung zwischen Christus und der Gemeinde; ja, vielleicht dürfen wir aus Epheser 5,30-32 sogar schlussfolgern, dass Gott die Ehe gerade im Hinblick auf Christus und die Gemeinde gestiftet hat. Das bedeutet, dass die Liebe des Mannes zu der Frau ein Abbild ist (oder sein sollte) von der dienenden, sich ganz hingebenden Liebe Christi zu seiner Braut, während die Haltung der Frau zu dem Mann dieselbe sein sollte, wie die von der Gemeinde zu Christus, nämlich eine Haltung des Untergeordnetseins und der Hingabe zu Ihm, der alles für sie hingegeben hat. Das Erste ist die himmlische, göttliche Leibe, die ágapè, das Zweite steht in Verbindung mit der menschlichen Liebe (phileo), die nicht auf eine Linie mit der göttlichen Liebe gestellt werden darf. Nicht, dass die Männer mehr oder besser lieben würden als die Frauen, sie haben lediglich ein höheres Vorbild.

Ihre Kinder zu lieben

Genauso müssen die jungen Frauen ihre Kinder lieben. Auch hier steht im Grundtext ein Wort – philoteknos, wörtlich: „kinderliebend“ –, in dem wir phileo erkennen, und des Weiteren das Wort teknon („Kind“). Bei Pergamos wurde ein Grabstein gefunden, auf dem eine Frau gelobt wird, weil sie philandros und philoteknos war. Zu allen Zeiten haben diese Kennzeichen als große Tugenden für eine Frau gegolten. Die besondere Berufung einer jungen Christin und ihr spezielles Terrain liegt in dem Zurweltbringen von Kindern (1Tim 2,15; 5,14) und in der Leitung ihrer Familie (1Tim 5,4.14). Dies ist eine außergewöhnlich schöne und wichtige Aufgabe. Die Mutter hat einen großen Einfluss auf die Kinder, der oft viel größer ist als der des Vaters. Sie ist es insbesondere, die ihrer Familie vorstehen muss in Gottesfurcht (1Tim 5,4). Timotheus war von Kindesbeinen an durch den Unterricht und den Glauben seiner Mutter und Großmutter mit den Schriften vertraut (2Tim 1,5; 3,15). Das wahre Mutterherz zeigt sich in der Liebe, die sie für ihr Kind hat. Dies ist etwas, das auch in der Schrift einige Male bestätigt wird (1Kön 3,16-28; Jer 30,15 usw.).

Besonnen

Erneut wird die Ermahnung wiederholt, „besonnen“ zu sein. Nach den Aufsehern und alten Männern nun also auch für die jungen Frauen. Sie sollten gemäßigt und selbstbeherrscht sein (was das Wort „besonnen“ beinhaltet) und so einem Weg folgen, der zwischen den Extremen einer übertriebenen Begeisterung und einer unangemessenen Sorglosigkeit durch die Mitte führt. Beides ist gefährlich. Man kann eine ungehemmte Energie versprühen, die die Gefahr enthält, wie eine Seifenblase zu zerplatzen, und es besteht die Gefahr, dass die jungen Frauen „in den Häusern umherlaufen; nicht allein aber müßig, sondern auch geschwätzig und vorwitzig, indem sie reden, was sich nicht geziemt“ (1Tim 5,13), so dass sie ihre Familien verwahrlosen lassen. Beides ist ungesund, während Besonnenheit von Ursprung her ja gerade bedeutet, „gesunden Gemütes“ zu sein.

Keusch

Die jungen Frauen sollen auch „keusch“ sein oder, wie das Wort meistens übersetzt wird, „rein“. Oftmals bezieht sich dies auf die Tatsache, dass die Frauen keinen Umgang mit anderen Männern haben sollten, wie sich aus 2. Korinther 11,2 zeigt und vielleicht aus 1. Petrus 3,2 und wie es sich aus der Grundbedeutung des Wortes zeigt (hagnos, verwandt mit hagios, „heilig“; siehe Betrachtung von Tit 1,8 und 2,3), nämlich „rein; unbefleckt; nicht verunreinigt“. Es hat eine ganz andere Bedeutung als katharos (siehe Tit 1,15), das auch mit „rein“ übersetzt wird, was aber mehr „geläutert; gereinigt; unvermischt“ bedeutet. Zum Beispiel sauberes Wasser vermengt mit Wein ist zwar hagnos (nicht verunreinigt), jedoch nicht katharos (unvermischt). Die Bedeutung von hagnos zeigt sich auch aus 1. Timotheus 5,22 (Timotheus sollte kein Teil haben an den Sünden anderer, sondern sich rein erhalten) und aus 1. Johannes 3,3 (sich reinigen, wie Christus rein ist). Diese Reinheit, der die jungen Frauen nachjagen sollten (vgl. Phil 4,8), steht im direkten Widerspruch zu der fleischlichen Unreinheit, die bei den Nationen gefunden wurden, in deren Mitte sie wohnten und worauf Titus 1,12-15 und 3,3 anspielen. Selbst die äußerliche Reinheit der Juden hat nicht mit der Reinheit zu tun, die hier gemeint ist: die wahre Reinheit des Herzens und des Wandels. Die jungen Frauen sollten speziell in ihren Familien durch ihren keuschen Wandel ihren Männern zur Ehre und ihren Kindern zum Vorbild sein (vgl. Spr 31,10-12.28).

Mit häuslichen Arbeiten beschäftigt

Der 27. Vers aus der zuletzt genannten Stelle bringt uns sogleich zur nächsten Ermahnung, nämlich, dass die jungen Frauen „mit häuslichen Arbeiten beschäftigt“ sein sollen. Das ist im Griechischen oikurgos, von oikos, „Haus“, und ergon, „Arbeit“. Beide Teile des Wortes kann man betonen: In erster Linie muss die junge Frau verstehen, dass ihr Arbeitsgebiet zu Hause ist und nicht im öffentlichen Leben (vgl. wieder 1Tim 5,13.14); an zweiter Stelle wird „Arbeit“ betont: Sie soll ihre Zeit zu Hause nicht mit Nichtstun verbringen, sondern die Arbeit tun, die getan werden muss, damit ihre Familie nicht verwahrlost. Manche wichtige Handschriften enthalten nicht oikurgos, sondern oikuros (also ein Buchstabe weniger). Ersteres bedeutet „Arbeiter zu Hause“, und das Zweite ist schwächer und bedeutet „Bewahrer des Hauses“. Vielleicht wird der Gedanke geschürt, dass „Arbeiter zu Hause“ sich nur auf das bezieht, was wir gewöhnlich „Haushaltstätigkeit“ nennen, doch es steckt mehr dahinter. Das „Haus“ ist nicht nur die Wohnung, sondern bedeutet in der Schrift oft Familie. Die Bedeutung ist also, dass die jungen Frauen ihre Verantwortlichkeit empfinden für all das Werk, das zu Hause getan werden muss. Nicht nur die Sorge für die äußerlichen Dinge (Kleidung u.Ä.), sondern auch die geistliche Versorgung der Kinder, indem mit ihnen gebetet wird und sie auf den Herrn Jesus hingewiesen werden. Diese zwei Dinge müssen ausgewogen vorhanden sein. Was nützt es, wenn die Kinder piekfein mitgehen, wenn die Mutter niemals mit ihnen über die geistlichen Dinge redet; aber auch: Was für ein schlechtes Zeugnis, wenn sie zwar viel über diese Dinge spricht, jedoch die übrige Sorge für die Kinder unterbleibt. Man muss das eine tun und das andere nicht lassen.

Gütig

In diesem Zusammenhang steht hier, dass die jungen Frauen „gütig“ sein sollen. Wir haben schon auf dieses Wort bei der Betrachtung des Endes von Vers 3 hingewiesen. Wir sahen dort bereits, dass das Wort ágathos, das hier in Vers 5 gebraucht wird, auf etwas abzielt, das „gut“ ist in seiner Auswirkung auf die Umgebung. Das macht die Bedeutung hier klar. Wie verhält die junge Frau sich zu Hause? Wie macht sie ihre Arbeit? Meckert sie gern und ist sie leicht reizbar? Oder ist sie freundlich, mitleidend, hilfsbereit und fröhlich? Das alles wird durch das kleine Wörtchen „gut“ ausgedrückt. Die Freundlichkeit, die von ihr ausstrahlt, ist für die Atmosphäre in der Familie bestimmend. Was für ein Vorbild für die Kinder, wenn sie auch bei weniger schöner Arbeit ein fröhliches Gesicht zu machen weiß und gegen die Kinder nicht so schnell ausfällig wird (was dies betrifft, machen die Väter sich übrigens öfter schuldig; Eph 6,4; Kol 3,21).

Sich den eigenen Männern unterzuordnen

So wie immer folgt dann die Ermahnung, von der auch viel in der Familie abhängt und die das gegenseitige Verhältnis von Mann und Frau bestimmt. Die sieben Ermahnungen beginnen damit, dass die junge Frau ihren Mann lieben soll, und sie endet damit, dass sie ihm untergeordnet sein soll. Wenn sie ihren Mann liebt und über alles ihren Herrn liebt, wird Letzteres ihr nicht schwerfallen. Und zwar aus vier Gründen. Erstens wird sie es tun, weil sie die Einrichtungen Gottes achtet, so wie Er sie in der Schöpfung niedergelegt hat (1Mo 3,16; 1Kor 11,7-10; Kol 3,18; 1Tim 2,11-15). Der Mann ist das Bild und die Herrlichkeit Gottes, und die Frau ist die Herrlichkeit des Mannes. Denn der Mann ist nicht aus der Frau, sondern die Frau ist aus dem Mann; denn der Mann ist auch nicht wegen der Frau erschaffen worden, sondern die Frau des Mannes wegen. Deswegen geziemt es sich im Herrn, dass die Frau ihrem Mann untergeordnet ist. Denn zuerst wurde Adam gebildet, danach Eva. Und Adam wurde nicht verführt, sondern die Frau wurde verführt und fiel in Übertretung. An zweiter Stelle kann sie Gott nur dann in der rechten Weise untertan sein, wenn sie auch ihrem Mann untergeordnet ist, denn der Mann ist das Haupt der Frau, und Christus ist das Haupt des Mannes, und Gott ist das Haupt Christi (1Kor 11,3). So ist sie also, indem sie dem Mann untergeordnet ist, indirekt Gott untertänig. Wie ein Soldat nicht dem General untergeordnet sein kann, ohne seinem Unteroffizier untergeordnet zu sein, der seine Befehle indirekt vom General empfängt, so auch die Frau dem Mann gegenüber.

Drittens darf die Frau durch ihr Untergeordnetsein gegenüber ihrem Mann zum Ausdruck bringen, was die Haltung der Gemeinde zu Christus sein sollte (Eph 5,22-24.33). Darin hat sie jedoch ein schlechtes Vorbild, weil die Christenheit, als Ganzes gesehen, nicht mehr die reine Braut ist (vgl. 2Kor 11,2), sondern mit einer Hure verglichen werden muss (Off 17 und 18), die also eine Frau ist, die ihren Mann verlassen und sich der Welt verkauft hat. Die junge Frau darf in ihrer Haltung zu ihrem Mann etwas von dem gutmachen, was die Christenheit als Ganzes verdorben hat. Epheser 5 nennt drei interessante Ergänzungen: Sie soll ihrem Mann untergeordnet sein als dem Herrn, sie soll ihn in allem untergeordnet sein. und sie soll Respekt vor ihrem Mann haben, d.h. eigentlich Furcht. Viertens wird die Frau ihrem Mann im Fall seines Ungehorsams dem Wort gegenüber gern untergeordnet sein, weil sie ihren Mann dadurch gewinnen kann (1Pet 3,1-6). In so einem Fall wird sie ihren Mann nicht gewinnen, indem sie ihn mit Worten straft, sondern indem sie ihm durch einen reinen Wandel in Furcht und ohne Worte zum Vorbild ist. Ich hörte von einem gläubigen Ehepaar, bei dem die Frau meinte (völlig zu Unrecht übrigens), dass ihr Mann auf einem verkehrten Weg wäre. Sie sprach ihn darauf in scharfem Ton an, und als er sie freundlich darauf hinwies, was ihre Haltung ihm gegenüber zu sein hatte, platzte sie los: „Das gilt nicht, wenn du auf einem verkehrten Weg bist.“ Dies war ein ernster Irrtum ihrerseits. Selbst wenn die geistlichste Frau mit dem ungeistlichsten Mann verheiratet wäre, müsste sie ihm dennoch untergeordnet sein als dem Herrn und ihm ohne Worte zum Vorbild sein.

Damit das Wort Gottes nicht verlästert werde

Unser Vers fügt folglich hinzu: „damit das Wort Gottes nicht verlästert werde“ (der Codex Ephraemi und einige weniger wichtige Handschriften wie auch eine alte syrische Übersetzung fügen nach „Gott“ ein: „und die Lehre“, wahrscheinlich unter dem Einfluss von 1Tim 6,1). Wenn wir nicht den Platz nach Gottes Gedanken einnehmen, verunehren wir nicht nur Ihn, sondern geben auch den Feinden des Herrn Anlass zur Lästerung (2Sam 12,13.14). So auch, wenn die Frauen über die Männer herrschen würden (egal mit welchen guten Absichten), würde das Anlass dazu geben, dass das, was Gott darüber gesagt hat, gelästert werden würde. Der Schlusssatz von Vers 5 bezieht sich auch auf den Rest von Vers 5, denn auch wenn die jungen Frauen ihre Arbeit in ihren Familien vernachlässigen würden, würden sie den Widersachern Anlass zur Lästerung geben (1Tim 5,14). Es ist immer zum großen Schaden für das christliche Zeugnis, wenn die Gläubigen gelästert werden für das, was sie an Bösem tun (1Pet 4,15.16). Der Feind will immer etwas zu lästern haben, doch lass ihn dann wenigstens über das lästern, was wir Gutes tun, und nicht über das, was wir an Bösem tun (Mt 5,11; Apg 4,21; 1Pet 2,12.15; 3,16). Die Feinde Daniels mussten zugeben, dass sie keine Anklage gegen ihn finden würden, außer in dem Dienst für seinen Gott (Dan 6,6).

Schließlich achten wir auf das Wörtchen „damit“, das dreimal in diesem Abschnitt vorkommt (Tit 2,5.8.10), beim ersten Mal negativ, sodann halb negativ, halb positiv und schließlich positiv. Das ist wichtig. In unserem Lebensziel müssen alle drei Facetten vorgefunden werden. Wir müssen danach jagen, dass bestimmte Dinge verhindert werden (nämlich dass das Wort Gottes verlästert werde), aber auch, dass andere Dinge gerade doch geschehen (nämlich dass die Lehre Gottes in allem geziert wird). Das zweite „damit“ steht dazwischen: Wenn der Widersacher beschämt wird, ist das einerseits ein positives Ergebnis, denn der Mund wird ihm verstopft; doch es ist auch negativ, denn er soll nicht nur mit Lästern aufhören, sondern sich zum Herrn bekehren.

Tit 2,6-8: Die jüngeren Männer ermahne ebenso, besonnen zu sein, indem du in allem dich selbst als ein Vorbild guter Werke darstellst; in der Lehre Unverfälschtheit, würdigen Ernst, gesunde, nicht zu verurteilende Rede, damit der von der Gegenpartei beschämt wird, da er nichts Schlechtes über uns zu sagen hat.

Die jüngeren Männer ermahne ebenso

Die einzigen ausführlichen Ermahnungen, die Titus austeilen sollte, waren eigentlich für die älteren Männer und für die älteren Frauen und später für die Sklaven bestimmt. Allerdings verhält sich die Sache bei seinen Altersgenossen anders. Die jungen Frauen durfte er gar nicht selbst ermahnen, hierzu sollte er die alten Frauen beauftragen. Es wäre nicht angebracht, wenn ein junger Mann Ermahnungen an junge Schwestern austeilt; das gehört mehr in den Bereich der alten Schwestern. Doch bemerkenswert ist, dass Titus auch für die jungen Männer fast keine direkten, mündlichen Ermahnungen erhält, sondern aller Nachdruck wird auf das persönliche, praktische Vorbild gelegt. Jüngere Menschen sind oft mehr als ältere sensibel bei Worten, die nicht durch das praktische Christenleben gedeckt werden. Oft sind sie (zu Recht) etwas missbilligend denen gegenüber, die zwar fromm reden, aber selbst nicht nach ihren eigenen Worten handeln. Vor allen Dingen, wenn einer ihrer Altersgenossen so zu ihnen redet, fordern sie mit Recht von ihm, dass er erst einmal selbst wahr macht, was er sagt (Röm 2,21.22). Die einzige Ermahnung, die Titus an die jungen Männer richten soll, ist, dass sie besonnen sein sollen; danach wird ausführlich beschrieben, wie sein eigenes Benehmen zum Vorbild sein soll, damit seine Ermahnungen mit seinem eigenen Handeln und Wandeln in Übereinstimmung sind.

Das Wort, das wörtlich im Griechischen dort steht, ist „Jüngere“ in der männlichen Form (neoteros); es ist also einfach der Komparativ von „jung“, genau wie presbuteros in Titus 1,5 der Komparativ von „alt“ ist. Beide Worte, Jüngere und Ältere, kommen in 1. Petrus 5,5 vor. Das Wort „Jüngere“ als selbständiges Nomen in der männlichen Form kommt auch vor in Apostelgeschichte 5,6 (nicht in Vers 10, wo neaniskos, „Jüngling“, steht) und in 1. Timotheus 5,1; die weibliche Form kommt als selbständiges Nomen in 1. Timotheus 5,2.11.14 vor. In Titus 2,5 wird das übliche Wort (also die positive Form) selbständig in der weiblichen Beugung gebraucht.

Besonnen zu sein

Die jungen Männer sollten genau wie die Aufseher (Tit 1,8), die älteren Männer (Tit 2,2) und die jungen Frauen (Tit 2,5) besonnen sein (siehe die Erläuterungen bei Tit 1,8). Vor allen Dingen junge Menschen laufen oft Gefahr, unbesonnen und überhastet zu handeln, ihre hemmungslose Begeisterung spielt ihnen oft einen Streich. Dieser Enthusiasmus kann durchaus richtig ausgerichtet sein (auf geistliche Dinge), wird aber oft zu wenig durch Mäßigung und besonnene Überlegung gezügelt. Wir müssen der Tugend (das ist die geistliche Energie) die Erkenntnis hinzufügen, das ist die Einsicht in den Willen und die Gedanken Gottes, wie die Energie zu verwenden ist, und der Kenntnis die Selbstbeherrschung, das ist die Kontrolle über das eigene Handeln, so dass das eine Ziel ununterbrochen im Auge behalten wird (2Pet 1,5.6).

Indem du in allem dich selbst als ein Vorbild darstellst

In allen Dingen sollte Titus sich als Vorbild darstellen. Man kann es vielleicht so auffassen, dass die Ermahnung, „besonnen“ zu sein, eine Zusammenfassung von allen christlichen Eigenschaften ist, die die jungen Männer zeigen sollten. Auf dieses Ganze der christlichen Eigenschaften sollte dann der Ausdruck „in allem“ Bezug nehmen können. In allen Dingen, in denen die jungen Männer sich benehmen sollten, zusammengefasst in dem Wort „besonnen“, sollte Titus, der ihnen selbst diese Ermahnung ausgeteilt hat, ihnen ein praktisches Vorbild sein. Da in den griechischen Handschriften keine Zeichensetzung steht, kann man das Komma in diesem Vers auch umsetzen und folgendermaßen lesen: „Ermahne die jungen [Männer] genauso in allen Dingen, besonnen zu sein, indem du dich selbst ein Vorbild guter Werke darstellst.“

Das Wort „Vorbild“ ist typos, wovon unser Wort „Typus“ abgeleitet ist. Ursprünglich bedeutet es „Schlag“, daher der Abdruck oder die Narbe eines Schlages oder Stiches (Joh 20,25, „Mal“), des Weiteren der Abdruck eines Stempels oder Siegelrings, ein Bild oder „Abbild“ (Apg 7,43). Danach verschiebt sich die Bedeutung weiter, und der Abdruck selbst wird die Form oder Matrize, um einen Gegenabdruck davon zu machen; so müssen wir Römer 6,17 auffassen: Das „Bild der Lehre, dem ihr übergeben worden seid“, ist das Mal oder die Schablone, anhand derer die Gläubigen modelliert werden. So war auch die „Form“ des Briefes in Apostelgeschichte 23,25 nach dem gebräuchlichen Standardschema aufgesetzt worden. Diese Bedeutung von „Modell“ ist die meistgebräuchliche im Neuen Testament, sowohl in der lehrmäßigen Bedeutung in Römer 5,14 als auch im allegorischen Sinn in Apostelgeschichte 7,44 und Hebräer 8,5. In der letzteren Bedeutung reden wir von „Typus“ und „Typologie“, was also unmittelbar von typos abstammt. Schließlich finden wir das Wort „Modell“ oder „Vorbild“ in moralischem Sinn außer in unserem Vers auch noch an folgenden Stellen: 1. Korinther 10,6 (eine Übergangssituation; wir können hier auch noch an „Typus“ denken); Philipper 3,17; 1. Thessalonicher 1,7; 2. Thessalonicher 3,9; 1. Timotheus 4,12 und 1. Petrus 5,3. In allen diesen fünf Stellen geht es um ein gutes christliches Vorbild, das wert ist, nachgeahmt zu werden. In der ersten und dritten Stelle gibt der Apostel das Vorbild, in der zweiten Stelle sind es die Thessalonicher, und die beiden letzten Verse rufen (genau wie unser Vers) dazu auf, ein gutes Vorbild zu sein, und zwar sowohl Timotheus als auch die Ältesten. Sowohl Timotheus als auch Titus werden ermahnt, für die Gläubigen ein Vorbild in Wort und Wandel zu sein. Die Bedeutung dieses Wortes „Vorbild“ ist, dass sie so reden und handeln, dass ihr Leben ein „Modell“ oder eine „Matrize“ ist, anhand dessen die anderen ihr Leben einrichten, und zwar so, dass ihr Leben ein „Abbild“ vom „Vorbild“ ist. Hieran schließt sich das Wort „darstellen“ an, das wörtlich „nah dran halten“ oder „vorhalten“ bedeutet. Titus soll seinen Wandel den anderen als Modell vorhalten. Das Wort „Vor“-Bild ist daher sehr schön, denn es ist das Bild, das man anderen vorhält, so dass sie ein „Abbild“ davon machen können.

Gute Werke

Das Vorbild von Titus sollte aus guten Werken bestehen. Aus dem Ende von Vers 3 hat sich schon gezeigt, dass diese „guten Werke“ etwas ganz anderes sind als „gutes Werk“ in Titus 1,16. Letzteres ist ergon ágathon und bedeutet eine Tat, die den Mitmenschen gegenüber wohltätig und heilsam ist. In unserem Vers geht es allerdings um kala erga, wobei es sich um Werke handelt, die nicht so sehr gut sind in ihrer Auswirkung gegen andere Menschen, sondern die edel und rein in sich selbst und zur Ehre des Herrn sind und geziemend hinsichtlich der gesunden Lehre (siehe Tit 2,1). Dieses Vorbild guter Werke, das Titus den kretischen jungen Gläubigen vorhalten sollte, bildet einen Gegensatz zu der natürlichen Volksart der Kreter, die nicht „gut“ (kalos), sondern „böse“ (kakos) sind (Tit 1,12).

In der Lehre Unverfälschtheit

Woraus diese guten Werke bestehen sollten, führt Paulus nachfolgend weiter aus, wobei vor allen Dingen die Betonung auf dem gesprochenen Wort liegt; nicht so sehr der Inhalt des Wortes als die Art und Weise, wie es gebracht wird. In der Lehre musste Titus Unverfälschtheit und Ehrbarkeit zeigen. Das heißt nicht, dass die Lehre, die er brachte, unverfälscht und ehrbar sein sollte – das ist selbstverständlich! –, sondern dass auch die Art und Weise, wie er sie brachte, rein und würdig sein sollte. Dies sind also keine Kennzeichen der Lehre, sondern mehr des Lehrers selbst. Bei der Besprechung von Titus 1,9 wurde schon erläutert, was das Wort für „Lehre“ (didaskalia), das hier benutzt wird, bedeutet. Meistens hat das Wort einen aktiven Inhalt („das Unterweisen“), manchmal einen passiven („das Unterwiesene“) wie in Titus 1,9; 2,1.10. In unserem Vers scheint es, als ob wir mehr die aktive Bedeutung vor uns haben: Die Absicht ist nicht, dass „das, was unterwiesen wurde“, unverfälscht und ehrbar sein sollte (wiewohl das auch wahr ist), sondern „das Unterweisen“ sollte auf eine unvermischte und seriöse Weise geschehen.

Das Wort für „Unverfälschtheit“ (aphthoria) kommt im Neuen Testament nur hier vor, ist in Form und Bedeutung aber mit „Unvergänglichkeit“ (aphtharsia) in Römer 2,7; 1. Korinther 15,42.50.53.54; Epheser 6,24 und 2. Timotheus 1,10 verwandt. Manche Handschriften (KL u.a.) fügen dieses letzte Wort auch in unserem Vers ein, während sie darüber hinaus ein stärkeres Wort für Unverfälschtheit haben, nämlich adiaphthoria („das Durch-und-durch-unverfälscht-Sein“), und zwar wie folgt: „in der Lehre vollkommene Unverfälschtheit, Ehrbarkeit, Unvergänglichkeit, gesunde …“ usw. Das zuletzt genannte griechische Wort ist die negative Form des Wortes für „Verwesung“ (diaphthoria) in Apostelgeschichte 2,27.31; 13,34-37. Die Bedeutung des Wortes „Unverfälschtheit“ in unserem Vers stimmt am meisten mit „Unverderblichkeit“ in Epheser 6,24 überein, wo geredet wird über „alle, die unseren Herrn Jesus Christus lieben in Unverderblichkeit“, das heißt: lieben mit einer aufrichtigen und bleibenden Liebe. So sagt auch unser Vers, dass Titus seine Unterweisung unvermischt und rein bringen sollte, ohne verkehrte oder unaufrichtige Nebengedanken. In den anderen Textstellen, die genannt wurden, nimmt „Unvergänglichkeit“ immer Bezug auf die Auferstehung (als Gegensatz zur „Verwesung“, die sich immer auf das Grab bezieht).

Wenn es viel Widerstand gegen die Wahrheit gibt, wie leicht werden wir dann auch verführt, die Kraft des Wortes etwas abzuschwächen um des lieben Friedens willen. Doch Kompromisse verfälschen das Wort und berauben es seiner Wirksamkeit. Das Wort muss rein sein, nicht vermischt mit schmeichelnden oder beschönigenden Ausdrücken. Paulus ist hierin unser Vorbild, denn er schämte sich des Evangeliums nicht, weil er wusste, dass es Gottes Kraft ist zum Heil jedem Glaubenden (Röm 1,16). Was für ein Gegensatz zu den Schwätzern und Betrügern aus Titus 1,10.11, die für schändlichen Gewinn ungebührliche Dinge lehrten! Und zu den Kretern im Allgemeinen, die von Natur aus Lügner waren (Tit 1,12), und zu den falschen Brüdern, die bekannten, Gott zu kennen, Ihn jedoch mit Werken verleugneten (Tit 1,16).

Würdiger Ernst

Titus’ Vorbild in der Unterweisung würde auch die jungen Männer anleiten, sich unverfälscht und ehrbar zu verhalten. Dies ist von großer Wichtigkeit. Wenn unsere Worte und unser Verhalten mit verkehrten Elementen vermischt ist und nicht ehrbar (d.h. platt) ist, dann werden die, die auf uns achtgeben, uns entweder abweisen, wodurch sie mit dem Verkehrten auch das Gute verwerfen, oder es annehmen; sie lernen dabei jedoch schädliche Dinge. „Ehrbarkeit“ oder „Würdigkeit“ wird auch in 1. Timotheus 2,2 (allgemein) und in 3,4 (Aufseher) erwähnt; vergleiche das Adjektiv in Titus 2,2 (die alten Männer). Eine ehrbare oder würdige Lehre ist eine Lehre, die weit von dem Evangelium entfernt ist, das wir heutzutage leider oft hören. Man ist der Meinung, dass das Wort Gottes „attraktiv“ gemacht werden muss, indem man allerlei Witze hinnimmt oder durch gefährliche Phantasien und übertriebene Gefühlsregungen. Solche Dinge sprechen das Fleisch zwar an, sind aber nicht in der Lage, das Herz und das Gewissen zu erreichen. Sie ziehen die Lehre herunter bis hin zum Profanen. Ist das ehrbar oder würdig? Ist dies in Übereinstimmung mit dem hochstehenden, ehrwürdigen Charakter des Wortes Gottes? Von welchem Kaliber müssen solche Menschen sein, die durch ein derartiges Wort angesprochen werden? Eine unverfälschte, ehrbare Lehre erzeugt Seelen, die selbst auch unverfälscht (unantastbar für Verderb) und würdig (ernst) sind. Eine unsaubere und unwürdige Unterweisung führt zu oberflächlichen Bekehrungen und oberflächlichen Christen.

Gesunde, nicht zu verurteilende Rede

Von „der Lehre“ wechselt Paulus zu „dem Wort“, also allgemeiner. Jedes Wort, das Titus redete, sollte gesund und unanfechtbar sein. Gesund im Charakter und in der Auswirkung, das heißt rein, ausgewogen in seinen Teilen, hervorkommend aus einem gesunden, besonnenen Gemüt – wohlüberlegte und ausbalancierte Aussagen. Auch gesund, „heilsam“ in der Auswirkung; nicht süßlich oder mit lieblicher Stimme, denn zu viel Süßigkeit ist schlecht für die Gesundheit (vgl. Spr 20,17). Nicht hart oder bitter, denn so ein Wort verbittert auch den Zuhörer (Ps 64,4). Das Salz hingegen darf nicht fehlen (Kol 4,6), während Sauerteig in der Lehre wiederum verwehrt werden muss (Mt 16,12; vgl. 1Kor 5,8; Gal 5,7-9). So ist das Wort wie Nahrung, das auf die richtige Weise zusammengestellt sein muss, um gesund zu sein. Auch muss das Wort unanfechtbar sein oder, wie man auch übersetzen kann „nicht zu verurteilen“. Dieses nur hier erscheinende Wort ist abgeleitet von dem Verb kataginosko, das in Galater 2,11 und 1. Johannes 3,20.21 zu finden ist. Es bedeutet wörtlich „(etwas) wissen gegen“, deswegen „einwenden“ oder „verurteilen“. Titus’ Wort sollte nicht so sein, dass die Widersacher etwas einzuwenden hatten.

Wenn Paulus sagt, dass Titus in der Lehre Unverfälschtheit beweisen sollte, dann bedeutet das, dass es keine Einwände geben können sollte gegen die Art und Weise der Präsentation dieser Lehre. Doch eine nicht zu verurteilende Rede bedeutet, dass auch gegen den Inhalt selbst keine Beschwerde sollte vorgetragen werden können. Dazu sollte das Wort genau und ohne Nachlässigkeit sowie ohne fleischliche Elemente gebracht werden. Allerlei Neuigkeiten und eigene Gedanken in der Rede verhindern die gesunde Auswirkung und lassen Widersacher spotten. Darum hängen „gesund“ und „nicht zu verurteilen“ zusammen: Niemand würde ja eine Medizin verurteilen, die eine heilsame Wirkung hat! Ein derart gesundes Wort ist keine erzwungene Sache, sondern sollte eine natürliche Folge des Wandels in der praktischen Gemeinschaft mit dem Herrn sein. So ist es mit allen diesen Dingen: Das, was der gesunden Lehre geziemt, stimmt exakt mit den praktischen Früchten eines Wandels im Licht überein. In diesem Licht unterscheiden wir automatisch, was nützlich und was heilsam ist. Wir werden gleich sehen, dass alle diese praktischen Ermahnungen nur zu verstehen und durchzuführen sind, wenn wir sie vor dem Hintergrund der Lehre Gottes, unseres Heilandes, des Werkes Christi für und in uns und seiner baldigen Erscheinung sehen.

Damit der von der Gegenpartei beschämt wird

Was ist das Ziel dieser Ermahnungen? Sie sind nötig für das geistliche Leben von Titus und den anderen Jüngeren, vor allen Dingen aber auch, weil der Feind auf der Lauer liegt. Er steht bereit, um zu widersprechen und aufsässig zu prahlen (Tit 1,9.10). Er versucht, die Gläubigen zu verführen (Tit 1,10.11.14), indem er unter anderem denen einen Makel anhängt, die das reine Wort reden. Er ist aus dem gegenüberliegenden Lager, wie es das Griechische meint. Das verwendete Wort bedeutet „anti“, sowohl wörtlich (z.B. Mt 14,24) als auch bildlich, und dann in der Bedeutung von „Feindschaft“; siehe „Feindseliges“ in Apostelgeschichte 26,9 und „gegen“ in Apostelgeschichte 28,17 und in 1. Thessalonicher 2,15, und vergleiche ein verwandtes Wort in Kolosser 2,14 und in Hebräer 10,27. Es drückt also aus, dass jemand einem anderen gegenüber feindlich gesinnt ist – dies im Gegensatz zu dem woanders gebrauchten Wort „Gegenpartei“ (Mt 5,25; Lk 12,58; 18,3; 1Pet 5,8), womit ein Gegner in einer Rechtsangelegenheit gemeint ist. Drittens gibt es an vielen Stellen ein Wort für „Gegner“, das den Sinn von „Auflehnung, Widerstand“ hat (vgl. Gal 5,17; 2Thes 2,4). Alle drei Worte enthalten das Suffix anti, „gegen“. In unserem Vers steht die Konstruktion in der Einzahl, was manche hat vermuten lassen, dass hier auf eine bestimmte Person abgezielt wird.

Der Gegner wird versuchen, in dem Wort von Titus oder anderen Gläubigen Schwachheiten zu finden oder sogar Ungereimtheiten. Und er wird sie angreifen, um das Wort und seine Prediger lächerlich zu machen und zuschanden werden zu lassen. Unsaubere und unwürdige Elemente in der Unterweisung sowie ein ungesundes und anfechtbares Wort veranlassen die Widersacher des Herrn zu lästern. Doch was, wenn Titus den Ermahnungen von Paulus Folge leisten würde? Dann würde der Widersacher nichts beanstanden können, sondern sich im Gegenteil schämen müssen. Wenn er nichts Böses bei uns finden kann, wird er sich schämen müssen, dass er etwas gegen das gesucht hat, was tadellos war. Das ist dann einerseits ein positives Ergebnis, denn oft genug kommt es vor, dass die Widersacher sich nicht schämen, wenn wir Gutes tun, sondern gerade wenn wir Gutes tun, „alles Böse lügnerisch gegen uns reden um Christus willen“ (Mt 5,11). Eine bessere Folge unseres Gutestuns ist es, wenn dadurch die Unwissenheit unverständiger Menschen zum Schweigen gebracht wird (1Pet 2,15). Noch positiver ist es, wenn sie, die unseren guten Wandel in Christus verleumden, zuschanden werden (1Pet 3,16). Das allerbeste Resultat ist, wenn die Nationen aufgrund unserer guten Werke, die sie anschauen, Gott verherrlichen am Tag der Heimsuchung (1Pet 2,12).

Das Wort für „beschämt“ in 1. Petrus 3,16 kommt von dem gebräuchlichen Wort für „Scham“ im Griechischen, allerdings hat das Wort in unserem Vers damit nichts zu tun. Das hier gebrauchte Verb bedeutet in seiner aktiven Form wörtlich „umkehren“ oder „kehren ein“. Dies hat folgende Bedeutung bekommen: „zur Einkehr (im Sinne von schämen) bringen“, siehe 1. Korinther 4,14. Hiermit stimmt die passive Form überein: „zur Einkehr gebracht werden“, „beschämt werden“, wie in unserem Vers und in 2. Thessalonicher 3,14. Daneben kommt eine ganz andere Bedeutung dieses Verbs vor, bei der die Grundbedeutung von „Einkehr“ sich zu „Autorität“ entwickelt hat; siehe Matthäus 21,37; Markus 12,6; Lukas 18,2.4; 20,13 und Hebräer 12,9.

Da er nichts Schlechtes über uns zu sagen hat

Die Ursache der Beschämung desjenigen von der Gegenpartei ist, dass er nichts Schlechtes über uns zu sagen hat. Bemerkenswert, dass dort „uns“ steht! Die Welt generalisiert gern (und wie oft wird dieses Böse auch bei uns gefunden!) – wenn sie ein Makel bei einem Gläubigen findet, schmäht sie gern die ganze Christenheit. Sie sucht etwas gegen alle Christen und findet das Material für ihre Lästerung bei den individuellen Gläubigen. Wie oft haben wir nicht schon gehört, wie Menschen auf Christen geschimpft haben, ja auch auf die Christenheit, weil sie bestimmte Dinge von bestimmten Personen wussten (die dann manchmal nicht einmal mehr als Namenschristen waren). Ein verkehrter Wandel von Titus und der Gläubigen auf Kreta würde die ganze Christenheit in Misskredit bringen. Manche haben gedacht, dass Paulus mit „uns“ hier die Apostel meinte; für diesen Gedanken sehe ich hier jedoch keinen Anhaltspunkt. Würde ein verkehrter Wandel von Titus lediglich dem Zeugnis der Apostel schaden oder nicht doch von allen Gläubigen? Manche Abschreiber haben sogar bewusst oder unbewusst versucht, diesen generalisierenden Effekt des verkehrten Wandels zu umgehen, so dass selbst der wichtige Codex Alexandrinus hier „euch“ anstelle von „uns“ übersetzt. Doch die Bedeutung des Verses und der Vergleich mit anderen Handschriften machen klar, dass dies eine unbegründete Veränderung ist.

Wir müssen uns noch kurz mit dem Wort „Schlechtes“ beschäftigen. Der große Reichtum der griechischen Sprache, die lange nicht immer in unserem armen Niederländisch zum Ausdruck kommen kann, nötigt uns beständig, zu untersuchen, was der Inhalt des griechischen Textes ist. Das Wort für „Schlechtes“ ist hier phaulos. Daneben gibt es ponèros, das in Titus nicht vorkommt, und drittens kakos, das in Titus 1,12 steht, und das dazugehörige selbständige Nomen kakia in Titus 3,3 („Bosheit“). Phaulos wird fast immer selbständig gebraucht, meistens in der Einzahl („das Böse“), nur in Johannes 3,20 und 5,29 in der Mehrzahl („böse Dinge“). Es wird oft im Gegensatz zu ágathos, „gut“, gebraucht, und zwar in Johannes 5,29; Römer 9,11; 2. Korinther 5,10 und eigentlich auch in Jakobus 3,16 (vgl. „gute Früchte“ in Jak 3,17). In unserem Vers steht es in Vers 7 „guten Werken“ gegenüber (also kalos). Die Grundbedeutung des Wortes ist „gering“, „unbedeutend“ und daher: „mäßig“, „schlecht“, im Sinne von wertlos, armselig und verächtlich; etwas, das das Licht nicht ertragen kann (Joh 3,20). Kakos ist das, was in seiner Art böse, verdorben, nutzlos, unfähig ist, während ponéros das, was böse in seiner Auswirkung ist, bedeutet, also verderblich und schädlich.

(b) Durch Sklaven (Tit 2,9.10)

Tit 2,9.10: Die Knechte ermahne, sich ihren eigenen Herren unterzuordnen, in allem wohlgefällig zu sein, nicht widersprechend, nichts unterschlagend, sondern alle gute Treue erweisend, damit sie die Lehre, die unseres Heiland-Gottes ist, zieren in allem.

Sklaven

Als fünfte und letzte Gruppe werden nun Ermahnungen an die Sklaven gerichtet. Diese Gruppe wird direkt mit den jungen [Männern] verbunden, so dass das Verb „ermahne“ nicht wiederholt wird. Wir lesen also: „Ermahne die jungen Männer ebenso besonnen zu sein, … und die Sklaven ihren eigenen Herren untertan zu sein.“ Der Charakter der Ermahnungen ist für alle Gruppen unterschiedlich. Die ausführlichsten sind für die alten Männer und Frauen bestimmt, jedoch soll Titus sehr diskret das, was für sie bestimmt ist, nicht geradewegs als Ermahnung an sie richten, sondern er soll reden, was der gesunden Lehre geziemt. Er soll allgemein aufzeigen, wie Ältere sich zu betragen haben (ja, eigentlich noch schwächer, denn Paulus zeigt nur Titus gegenüber auf, wie Ältere sich zu betragen haben), es gibt jedoch keinen Auftrag, sie direkt zu ermahnen. Titus sollte als junger Mann hierin jede Art von Diskretion, Takt und Bescheidenheit an den Tag legen. Was die jungen Schwestern betrifft, wird die Aufgabe des Ermahnens vollständig in die Hände der alten Frauen gelegt, so dass Titus hier gar nicht aktiv wird. Er konnte die alten Frauen höchstens darauf hinweisen, wie sie die jungen Frauen unterrichten sollten. Demgegenüber sollte Titus die jungen Männer und Sklaven sehr wohl direkt ermahnen; doch auch hier gibt es, was die jungen Männer betrifft, eine Einschränkung, denn das Ermahnen ihnen gegenüber sollte mit wenig Worten und mit viel Taten geschehen. Ausführliche und direkte Ermahnungen gibt es also eigentlich nur den Sklaven gegenüber. Diese haben es vielleicht auch am meisten nötig, und zwar wegen der schwierigen Umstände, in denen sie sich befinden.

Dennoch ist ihre Stellung nicht nur schwierig, sondern auch eine wunderschöne Illustration der Folgen des Werkes Christi in einem Menschenleben. Würde irgendwo mehr Gnade Gottes (Tit 2,11) zur Schau gestellt werden als in einem treuen und gläubigen Sklaven? Es ist nicht umsonst, dass gerade zu ihnen gesagt wird, dass sie die Lehre unseres Heiland-Gottes in allem zieren (Glanz verleihen) sollten. In 1. Timotheus 6,1 steht, dass der Sklave durch sein Benehmen keinen Anlass geben durfte, dass die Lehre verlästert würde, doch das ist negativ. Hier ist es positiv: das Verzieren der Lehre. Es ist nicht so schwer, diese Lehre zu verzieren, wenn man es gut hat und es uns in der Welt prächtig geht. „Denn wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der halte seine Zunge vom Bösen zurück und seine Lippen, dass sie nicht Trug reden“ (1Pet 3,10). Wenn jemand in schwierigen Umständen ist, wenn er unter einem harten Herrn zu leiden hat, wenn er froh und ohne Murren sehr unangenehme Dinge tun muss, dann kann er zeigen, was die Gnade Gottes durch das Werk des Herrn Jesus in einem Herzen und in dem Leben eines Menschen zustande bringen kann. Chrysostomos schrieb, dass die Griechen die Lehre der Christen nicht nach der Lehre selbst beurteilten, sondern nach ihren Handlungen und ihrem Leben. Darum sollte gerade ein Sklave zeigen, was die Gnade Gottes in einem Menschenherz bewirken kann.

Darum wird im Neuen Testament so oft zu Sklaven geredet. In 1. Korinther 7 wird jeder ermahnt, in dem Stand zu bleiben, in dem er berufen worden ist. Der Sklave soll sich nicht um sein Sklavensein Sorgen machen, sondern wenn er die Chance erhält, frei zu werden, soll er sie ergreifen. Er soll bedenken, dass er, wiewohl er ein Sklave ist, gleichzeitig ein aus der Sklaverei erlöster Sünder ist und so, als ein Freigelassener im Herrn, sich offenbaren soll (1Kor 7,20-24). In Epheser 6 wird der Sklave ermahnt, so zu dienen, als würde er Christus selbst dienen, was er auch tatsächlich tut. Selbst wenn er einen ungläubigen Herrn hatte, selbst dann sollte er so arbeiten, als wenn er geradewegs dem Herrn diente (Eph 6,5-8). Darüber hinaus sollte er das gemäß Kolosser 3,22-24 von Herzen tun und in der Furcht des Herrn. Einerseits sollte er also bedenken, dass er nicht nur ein Sklave seines Herrn, sondern auch ein Freigelassener im Herrn war (1Kor), und andererseits, dass er nicht nur ein Sklave seines Meisters, sondern mehr noch ein Sklave Christi war (Eph und Kol). Des Weiteren haben wir in 1. Petrus 2,18 Ermahnungen, die an die Hausknechte gerichtet ist, die damals auch Leibeigene waren. Sie sollten nicht nur den guten und milden Hausherren untertan sein, sondern auch den verkehrten Herren. Demgegenüber lesen wir in 1. Timotheus 6,1.2 gerade über Sklaven, die gläubige Herren hatten, diese aber nicht verachten durften, weil sie als Gläubige Sklaven im Dienst hatten, sondern sie sollten ihnen, weil sie Brüder waren, umso mehr dienen.

In meiner Einteilung habe ich die Sklaven als separate Gruppe genannt, weil sie sich von den anderen stark unterscheidet. In der Schöpfungsordnung Gottes ist es ja eine natürliche Sache, dass es Männer und Frauen gibt, denn so hat Gott die Menschen geschaffen. Auch ist es natürlich, dass es Jüngere und Ältere gibt, denn der eine wird nun einmal eher geboren als der andere. Jeder Mensch ist ein Mann oder eine Frau und ist, grob gesagt, ein Älterer oder ein Jüngerer. Das ist alles sehr natürlich. Doch bei Sklaven verhält sich das alles ganz anders! Sklaverei ist kein Teil der Schöpfungsordnung Gottes, im Gegenteil, es ist eine Folge der Sünde, die in der Welt ist. In seiner Schöpfungsordnung hat Gott den Menschen gerade dazu bestimmt, über die Schöpfung zu herrschen, jedoch nicht, um beherrscht zu werden durch ein Menschengeschöpf. Es ist überhaupt keine natürliche Sache, Sklave zu sein, genauso wenig wie ein Herr zu sein. Wenn jemand ein Sklave ist, ist das im Allgemeinen nicht die Folge seiner eigenen Sünde, allerdings doch die der Sünde, die in der Welt ist. Sklaverei ist eine so unnatürliche und schreckliche Sache, dass die Unterworfenheit des gefallenen Menschen unter die bösen Mächte auch Sklaverei genannt wird. Er ist eine Sklave der Sünde (Röm 6,16-20; Joh 8,34-36; 2Pet 2,19), ein Sklave des Teufels (Apg 26,18; Heb 2,14) und ein Sklave des Todes (Röm 6,9; Heb 2,15). Die Sklaverei war im ersten Jahrhundert ein sehr aktuelles Problem. Es scheint sogar so zu sein, dass es im Römischen Reich damals mehr Sklaven als Freie gab. Viele von ihnen hatten eine hohe Bildung genossen und bekleideten hohe Positionen; nichtsdestoweniger waren sie Leibeigene.

Nun kann man sich fragen: Was ist die Antwort des Christentums auf die Sklaverei? Wenn die Sklaverei eine Folge der Sünde ist, müssen Christen dann nichts dagegen unternehmen? Diese Fragen sind sehr wichtig, denn die Antwort auf diese Fragen ist eine der deutlichsten Illustrationen des wahren Charakters des Christentums. Daher, wie gesagt, wird das Betragen der Sklaven direkt mit der Lehre unseres Heiland-Gottes verbunden, ja, mit der Gnade Gottes gegen alle Menschen, mit den Grundsätzen des christlichen Wandels und mit der Wiederkunft Christi. Es ist bemerkenswert, dass das Wort Gottes oft scheinbar weniger wichtige Themen mit den höchsten Wahrheiten verbindet, wie zum Beispiel Streit unter Gläubigen (1Kor 6) vor dem Hintergrund der Regierung der Heiligen über die Welt und über die Engel gesehen wird. So wie in 1. Korinther 10 und 11 das Essen von Fleisch mit der Ehre Gottes verbunden wird und das Bedecken und Scheren des Kopfes mit der Schöpfungsordnung und den Engeln in Verbindung gebracht wird. Auch in Kolosser 4 wird der Sklavendienst in das Licht unseres Dienstes für Christus und unseres zukünftigen Erbteils gestellt. Diese Verbindung von Lehre und Wandel ist kennzeichnend für den Brief an Titus, genau wie dies die Verbindung von „Wahrheit“ und „Gottesfurcht“ bereits im allerersten Vers andeutet. Aber natürlich nicht nur in diesem Brief, denn immer ist es in der Schrift von größter Wichtigkeit, dass die Wahrheit praktisch ausgelebt wird. Wir brauchen nur auf das treffende Wörtchen „nun“ in Römer 12,1; Epheser 4,1 und Kolosser 3,1 zu achten, das immer den Übergang von der Lehre zu ihrer praktischen Auswirkung markiert. Was nun die Sklaverei betrifft, so haben wir hierzu ein praktisches Beispiel in dem Brief an Philemon. In diesem Brief finden wir keine einzige Entfaltung der Lehre und dennoch ist dieser kleine Brief so enorm wichtig. Denn wo uns die Lehre in anderen Briefen entfaltet wird, sehen wir die praktische Anwendung der Lehre durch den Apostel selbst in seinem Brief an Philemon. Dort sehen wir, was die Lehre wert ist, wenn ihre Grundsätze auf einen entlaufenen Sklaven angewendet werden. Und nirgends bezeugt sich die Kraft des Werkes Christi herrlicher als gerade in so einem Fall! Was für eine Ermutigung und was für ein Trost ist es, wenn wir sehen, was die Gnade unseres Heiland-Gottes in einem diebischen und entlaufenen Sklaven bewirkt, der zu seinem gesetzmäßigen Herrn zurückkehrt.

Unterordnen

Doch was ist denn nun die Antwort, die die Schrift auf das Problem der Sklaverei gibt? Manche haben unter einem christlichen Vorwand die Sklaverei der Schwarzen verteidigt, indem sie behaupteten, dass diese Abkömmlinge von Ham und deswegen verflucht waren. Das ist allerdings ein schwerer Irrtum (nicht Ham, sondern sein Sohn Kanaan wurde verflucht; 1Mo 9,25), der zu groben Schandtaten geführt hat. Andere taten genau das Gegenteil: Unter einer christlichen Flagge der Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit haben sie Aktionen unternommen, um die Sklaverei abzuschaffen, insbesondere indem die Sklaven zu (gewaltlosen und gewalttätigen) Aktionen angetrieben wurden. Doch auch sie haben sich gewaltig geirrt. Denn was sagt das Wort? Möchte das Neue Testament die Sklaverei beenden? Ruft es die Sklaven zu Widerstand gegen ihre Herren auf? Im Gegenteil, sie sollen in dem Stand bleiben, in den sie berufen wurden (wiewohl sie, wenn sie die Möglichkeit erhalten, frei zu werden, diese natürlich ergreifen dürfen), und in diesem Stand zeigen, was das wahre Christentum ist: Sie sollen dem Herrn Jesus von Herzen dienen, das Wohl ihrer Herren suchen und die Lehre unseres Heilandes zieren. Die Christen haben nicht die Berufung, die Welt zu verbessern – die Losung der Jesuiten „Verbessere die Welt und fang bei dir selbst an“ steht im Widerspruch mit der christlichen Lehre –, sondern haben als Erstes anzuerkennen, was Gott von dieser Welt bezeugt hat, nämlich, dass die ganze Welt in dem Bösen liegt (1Joh 5,19) und nur für das Gericht gut ist (Joh 12,31; 2Pet 3,7). Zweitens, dass sie in der Welt Fremdlinge und Beisassen sind (Joh 17,16; 1Pet 2,11) und darin Zeugen Gottes und Sklaven Christi sein sollen.

Die Christen haben also nicht die Berufung, allerlei Missstände in dieser Welt zu verbessern. Sie haben eingesehen, dass sie keine Gerechtigkeit auf der Erde bewirken können, sondern dass erst, wenn die Gerichte Gottes auf der Erde sein werden, die Bewohner der Erde Gerechtigkeit lernen werden (Jes 26,9). Das Evangelium, das sie predigen, dient nicht dazu, die Welt zu verbessern oder sogar Sünder zu verbessern, denn das ist unmöglich. Sie predigen hingegen Buße und Bekehrung, um dem kommenden Gericht zu entfliehen (2Pet 3,7-9). Sie predigen, dass ein Sünder nicht verbessert werden kann, sondern mit Christus gekreuzigt werden muss, um dadurch die Bande mit der unverbesserlichen Welt zu durchtrennen (Gal 6,14). Sie erkennen praktisch an, dass die Welt unverbesserlich ist, und unternehmen daher auch keinen Versuch, um soziale Missstände zu verbessern, indem sie zum Beispiel an einer „christlichen“ Regierung teilnehmen oder indem sie „kirchliche“ Instanzen ins Leben rufen oder wie auch immer. Und selbst wenn sie von dieser Unverbesserlichkeit nicht überzeugt wären, dann würden sie dennoch keinen Versuch der Verbesserung unternehmen, einfach deswegen, weil sie dazu keine Berufung haben. Sie sind Fremdlinge, und Fremdlinge bemühen sich nun einmal nicht um die internen Angelegenheiten des Landes, in dem sie Gast sind. Sie können höchstens von den Tugenden des Fürsten ihres eigenen Landes und von dem Vorrecht, Bürger dieses Landes zu sein, zeugen (1Pet 2,9.10; Phil 3,20). Sie haben verstanden, dass es jetzt nicht die Zeit ist, in dieser Welt zu herrschen. Die Korinther meinten, sich diese erlauben zu können, doch sie waren zu voreilig; später wird für uns die Zeit anbrechen, um über diese Welt zu herrschen, jetzt aber ist die Zeit des Leidens und Ertragens (1Kor 4,8.9; Röm 8,17; 2Tim 2,12).

Um dieses genauer zu verdeutlichen, müssen wir aufzeigen, worauf diese Haltung der Welt gegenüber gegründet ist. Vor dem Kreuz lesen wir nirgends, dass die Welt im Bösen lag. Zwar wird die Bosheit des Menschen bezeugt (1Mo 6,5; Ps 14 usw.), doch die Welt als Ganzes wird noch nicht als vollkommen unverbesserlich und verdorben gesehen. Vor dem Kreuz lesen wir, dass Gott die Welt noch geliebt hat und dass Er seinen Sohn in die Welt gesandt hat, damit die Welt durch Ihn errettet werde (Joh 3,16.17). Gott war in Christus die Welt mit sich selbst versöhnend (2Kor 5,19). Gott sagte sozusagen: „Ich will meinen geliebten Sohn senden; vielleicht werden sie sich vor diesem scheuen“ (Lk 20,30). Als Gott so sein Herz offenbarte, indem Er das Liebste, das Er hatte, gab, zeigte sich zur selben Zeit, dass das Herz des Menschen vollkommen verdorben war und dass die Welt als Ganzes den Herrn Jesus verwarf. Das Kreuz ist die volle Offenbarung des Herzens Gottes und des Herzens des Menschen. Nachdem sie so gezeigt hat, dass der Zustand der Welt hoffnungslos ist, kann Gott über sie nur das Gericht aussprechen. Darum sagt der Herr Jesus: „Jetzt ist das Gericht dieser Welt; jetzt wird der Fürst dieser Welt hinausgeworfen werden“ (Joh 12,31). Das bedeutet, dass die Welt mit ihrer ganzen Politik und ihrem sozialen System für das Gericht verzeichnet ist. Gott hat dieses Gericht noch nicht vollzogen, weil Er langmütig ist, weil Er nicht will, dass jemand verlorengeht, sondern alle zur Bekehrung kommen (2Pet 3,7-9). Jetzt ist Gott nicht mehr damit beschäftigt, die ganze Welt zu erretten, so wie vor dem Kreuz, sondern Er kündigt das Gericht über die Welt und all das, was in ihr ist, an und lässt gleichzeitig die Botschaft zur Bekehrung als einziges Mittel verbreiten, um dem kommenden Gericht zu entfliehen (vgl. Apg 17,30.31).

Wenn wir dies gut begriffen haben, verstehen wir, wie verwerflich es ist, zu meinen, dass es eine christliche Pflicht ist, zum Beispiel gegen die Sklaverei vorzugehen. Erstens wird die Welt dadurch nicht verbessert, zweitens ist es nicht unsere Aufgabe, und drittens ist es noch nicht die Zeit dazu. Das viele aufrichtige Christen dennoch meinen, helfen zu müssen, um allerlei Missstände zu verbessern, kommt aus der weitverbreiteten Ansicht hervor, dass durch die Aktivitäten der Christen (durch Sendung und soziale Hilfe) die Erde voll der Erkenntnis des Herrn werden soll, so dass auf diesem Weg das Königreich Gottes auf der Erde etabliert werden kann. Die Wirklichkeit ist genau anders herum. Die Schrift lehrt gerade, dass die Bosheit der Welt zunehmen wird und dass darüber hinaus die Christenheit schließlich auch vollkommen abfallen und mit der Welt gerichtet werden wird (abgesehen natürlich von der Gemeinde der wahren Gläubigen). Wenn der Sohn des Menschen kommt, wird Er wohl Glauben finden auf der Erde (Lk 18,8)? Nein, die Bosheit der Weltlichen, der aus Israel und der Namenschristen wird dann am Maximum angekommen sein (vgl. 2Thes 2,1-12; Off 17–19). Wird denn kein Friede und keine Gerechtigkeit auf die Erde kommen? Doch sicher, aber nicht durch Evangelisation, sondern durch die Gerichte Gottes, die kurz vor der Wiederkunft Christi ausgeübt werden. Dann und nicht früher werden die Zeiten der Erquickung anbrechen und die Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge (Apg 3,19-21).

Dieser lange Exkurs ist nicht nur nützlich, um den vollen Umfang der Ermahnungen, die hier an die Sklaven gerichtet werden, zu verstehen, sondern er soll auch als Einleitung für die Entfaltung der Lehre von Vers 11-14 dienen. Das Wörtchen „denn“ in Vers 11 deutet ja bereits an, dass die Sklaven ihre Stellung vor dem Hintergrund dessen einordnen sollen, was in den nachfolgenden Versen behandelt wird. Der Sklave muss sein Betragen im Licht der Gnade Gottes, dem gläubigen Wandel in Absonderung von der Welt und der glückseligen Hoffnung, die bevorsteht, bestimmen.

Die Knechte ermahne, sich ihren eigenen Herrn unterzuordnen

Das Wort „Sklave“ (siehe auch Tit 1,1) bedeutet wörtlich „Gebundener“, also jemand, der seinem Meister ganz unterworfen ist. Dieses Unterworfensein ist etwas anderes als untergeordnet zu sein, wie hier ermahnt wird. Die Unterwerfung des Sklaven ist eine formelle Sache; „denn von wem jemand überwältigt ist, diesem ist er auch als Sklave unterworfen“ (2Pet 2,19; vgl. Mal 1,6). Mit dieser formellen Unterwerfung muss die Haltung des Sklaven in Übereinstimmung sein, indem er untergeordnet ist. Unterordnung ist die Haltung, die aus der Anerkennung einer bestimmten Stellung einem anderen gegenüber, der einen höheren Platz einnimmt, hervorgeht. So haben wir in Vers 5 gesehen, dass die Frauen ihren eigenen Männern untergeordnet sein sollen, und in Titus 3,1 steht, dass man den Obrigkeiten und Gewalten untergeordnet sein soll. Dies ist gewiss nicht dasselbe wie gehorsam sein. Gehorsam ist das Einhalten bestimmter Gebote und Vorschriften. Untergeordnet sein ist das Anerkennen von Untergebenheit und das Verhalten demgemäß. Wir lesen nirgends, dass die Frauen ihren Männern gehorchen sollen, also den Befehlen ihres Mannes folgen sollen, sondern sie sollen untergeordnet sein, d.h. die richtige Haltung einnehmen. Natürlich kommt aus einer untergeordneten Haltung normalerweise auch Gehorsamkeit hervor wie gegenüber der Obrigkeit (siehe Tit 3,1), doch es könnte sein, dass die Obrigkeit etwas von uns verlangt, was wir nicht in Übereinstimmung mit unserem Gewissen bringen können. In diesem Fall müssen wir Gott mehr gehorchen als den Menschen (Apg 4,19; 5,29); das ändert allerdings nichts an unserer untergeordneten Haltung der Ehrfurcht vor der Hoheit unserer Obrigkeiten, die über uns gesetzt ist. So ist es auch mit den Sklaven. Normalerweise müssen sie ihren Herren Gehorsam leisten (Eph 6,5; Kol 3,22), und selbst wenn dies für sie manchmal unmöglich ist, müssen sie dennoch zu aller Zeit eine untergeordnete Haltung einnehmen (1Pet 2,18).

Manche setzen das Komma in unserem Vers etwas später und lesen: „… ihren eigenen Herren untergeordnet sein in allem.“ Auch wenn der Meister unmögliche Dinge fordert, auch wenn der Herr ein „verkehrter“ Herr ist: in allem untergeordnet. In 1. Timotheus 6,1 drückt Paulus es so aus: „Die Knechte sollen ihre eigenen Herren aller Ehre würdig achten“, d.h. unter allen Umständen und nach bestem Vermögen. Nicht wegen dem, was der Herr in sich selbst als Mensch ist (vielleicht ist er ein Gottloser), sondern weil er der Herr ist. Und ist das nicht auch für uns wichtig? Wir sind zwar keine Sklaven, viele von uns sind aber Arbeitnehmer, und wir kommen jedenfalls in Berührung mit Instanzen, die über uns gestellt sind. Nehmen wir dann die angemessene Haltung der Unterordnung ein und tun wir unsere Arbeit von Herzen als für den Herrn und nicht für Menschen, in Furcht und Zittern, als Sklaven Christi, die den Willen Gottes von Herzen tun?

Herren

Bleibt uns aus diesem Halbsatz noch das Wort „Herr“. Im Griechischen ist das déspotès, wovon unser Wort „Despot“ abgeleitet ist. Es ist jemand, der die absoluten Eigentumsrechte an jemand hat und souveräne Macht über ihn ausübt. Daher wird das Wort auch gebraucht, um Gott damit anzusprechen, und zwar durch Gläubige der alten Haushaltung (Lk 2,29), durch die der heutigen Haushaltung (Apg 4,24) und durch diejenigen aus der Zeit nach der Aufnahme der Gemeinde (Off 6,10). Auch der Herr Jesus wird déspotès genannt, und zwar als Herr der treuen Gläubigen (2Tim 2,21) und auch der falschen Christen (2Pet 2,1) und in Judas 4 von beiden. Er hat ein spezielles Anrecht an jedem Gläubigen hinsichtlich seiner Hingabe und seines Gehorsams, da Er jedoch den „ganzen Acker gekauft hat“, hat Er in anderer Hinsicht ein Recht an jedem Menschen. Als Herr von Sklaven wird dieses Wort des Weiteren in 1. Timotheus 6,1.2 und 1. Petrus 2,18 gebraucht, mit der Unterscheidung von gläubigen, guten, nachsichtigen und verkehrten Herren. Nicht ohne Betonung reden unser Vers und 1. Timotheus 6,1 über „ihre eigenen Herren“, um auf die Verbindung zwischen Sklave und Herr hinzuweisen und um nebenbei anzudeuten, dass sie diese Verbindung und Verpflichtungen nicht gegenüber anderen Herren haben.

In allem wohlgefällig zu sein

Die zweite Ermahnung an die Sklaven ist, dass sie in allem wohlgefällig sein sollen. Das geht viel weiter, als untergeordnet zu sein. Unterordnung ist die Minimum-Verpflichtung des Sklaven, doch der gläubige Sklave wird sich vor allen Dingen für das Wohl seines Herrn einsetzen, und das nicht nur bei guten, sondern auch bei verkehrten Herren. Das ist Gnade bei Gott, dass untergeordnete Sklaven, die ihre Pflichten tun müssen, darin so vorgehen, dass sie ihren Herren gefallen. Der Herr Jesus selbst hat ja gesagt, dass es der gewöhnliche Lauf der Dinge ist, dass der Herr sich nicht bei seinem Sklaven bedankt, weil er getan hat, was ihm befohlen war. Dieser wird höchstens sagen, dass er ein unnützer Knecht war, der das getan hat, wozu er verpflichtet war (Lk 17,7-10). Hier in unserem Vers wird der Sklave jedoch angespornt, so zu dienen, dass es eine Lust für den Meister ist (vgl. Hiob 19,16). Hierzu haben wir ein herrliches Beispiel in Joseph, der durch seinen treuen Sklavendienst und durch den Segen Jahwes zuerst die Zuneigung von Potiphar und danach die des Obersten des Gefängnisses erwerben konnte. Beide vertrauten Joseph ihre Angelegenheiten völlig an und brauchten sich weiterhin nicht darum zu kümmern, weil Jahwe mit ihm war und alles, was er tat, gelingen ließ (1Mo 39). So auch die Sklavin von Naamans Frau, die nicht nur ihre Pflicht tat, sondern darüber hinaus ihrem Herrn wohlgefällig war, indem sie ihm den Weg der Genesung aufzeigte (2Kön 5).

Was ist der Schlüssel zu diesem wohlgefälligen Dienst der Sklaven? Ist das nicht das Vorbild des wahren Joseph, der sagen konnte: „Ich tue allezeit das ihm Wohlgefällige“ (Joh 8,29)? Die wahre Unterordnung und Wohlgefälligkeit lernen wir bei Ihm, der auf der Erde unser Vorbild war und nun im Himmel uns dazu die Kraft gibt (siehe auch Röm 15,2.3). In Johannes 8 ist es das Wort arestos (von aresko, „gefallen“), das wir auch in 1. Johannes 3,22 von Gläubigen Gott gegenüber finden und des Weiteren im menschlichen Umgang: Apostelgeschichte 6,2 („recht“) und 12,3 („gefiel“). In unserem Vers steht allerdings ein noch stärkeres Wort, nämlich eurestos, das ist also arestos mit eu („wohl“) davor; das erste Wort ist also „gefällig“ und dieses Wort ist „wohlgefällig“. Außer in unserem Vers wird es ansonsten für unser Verhältnis zu Gott gebraucht (Röm 12,1.2; 14,18; 2Kor 5,9; Eph 5,10; Phil 4,18; Kol 3,20; Heb 13,21). Die Ausnahme, die unser Vers bildet, macht sie umso bemerkenswerter. Es bedeutet, dass die Haltung zwischen Sklave und Herr eine genaue Spiegelung von dem Dienst Gottes durch Gläubige sein soll und bestätigt demnach die Worte aus Epheser 6 und Kolosser 3, dass der Sklave seinem Meister gehorsam sein soll wie Christus, als ein Sklave Christi, der den Willen Gottes von Herzen tut und mit Bereitwilligkeit dient als dem Herrn und nicht den Menschen.

Nicht widersprechend

Anschließend sagt Vers 9, dass der Sklave nicht widersprechen soll. Diesem Wort sind wir auch in Titus 1,9 begegnet, wo es sich auf die widerspenstigen Schwätzer und Betrüger bezog, die sich unter die Gläubigen gemischt hatten, um sie durch ihre ungesunden Belehrungen zu verführen. Würde der gläubige Sklave sich auf eine derartige Weise seinem Herrn gegenüber benehmen dürfen? Das würde ein Makel auf die gesunde Lehre werfen, anstatt diese Lehre zu verzieren. Das Nicht-Widersprechen ist eine besondere Form des Unterordnens. Es beinhaltet, dass der Sklave nicht den üblen Mut aufbringt, seine eigene Meinung dem Auftrag seines Herrn gegenüber ins Spiel zu bringen. Die Meinung des Sklaven ist vollkommen unwichtig. Sie wird nicht erbeten und nicht geschätzt. Es ist ein Verkennen seiner Stellung, wenn der Sklave eine Meinung verkündigen würde, die der des Meisters zuwiderläuft, oder wenn er sogar einen Auftrag kritisiert oder ablehnt. Selbst wenn der Herr ihn um etwas bitten würde, das gegen sein Gewissen wäre, muss er den Platz der Unterordnung bewahren und keine Diskussion über den vorliegenden Auftrag eröffnen, sondern in Niedrigkeit seine Verantwortung Gott gegenüber zum Ausdruck bringen. Nur dann wird die Lehre Gottes geziert. Hierin liegen wichtige Lektionen für alle heutigen Arbeitnehmer in Zeiten von Streiks, Mitsprache und Mitbestimmung. Nicht, dass die christliche Haltung leicht wäre, Konflikte können sehr schnell auftreten, sei es durch unmanierliche Eigenschaften des Herrn oder sei es durch einen widerspenstigen Charakter des Sklaven. Unser Charakter darf jedoch nie die Einsetzungen Gottes verändern.

Nichts unterschlagend

Vers 10 setzt fort mit der Aussage, dass der Sklave „nichts unterschlagen“ darf; manche Handschriften sagen „auch nicht entwendend“. Dieses Wort kommt von einem griechischen Verb, das in der aktiven Form „beiseiteschaffen, entfernen“ bedeutet. Hier kommt es in der „vermittelnden“ Verbform vor, die bedeutet: „für sich selbst beiseiteschaffen“, im Sinne von entwenden. Des Weiteren kommt das Wort (in derselben Form) nur noch in Apostelgeschichte 5,2.3 vor, wo wir lesen, dass Ananias und Sapphira etwas „beiseitegeschafft“ hatten von dem Erlös des Landes, das sie verkauft hatten. Sie hatten einen Teil des Erlöses „für sich beiseitegeschafft“. Das macht die Bedeutung klar. Der Sklave durfte nicht etwas, das dem Meister gehörte, wegnehmen, um dies sich selbst anzueignen. Menschlich gesprochen haben wir Verständnis dafür, dass diese Neigung bei den Sklaven vorhanden war. In erster Linie war er selbst ein Bestohlener, sei es, dass sein Meister ihm seiner Freiheit beraubt hatte, sei es, dass es jemand anders war. Zweitens waren die Sklaven völlig mittellos – alles, was sie hatten, gehörte dem Meister, sogar das Leben der Sklaven –, während der Meister hingegen sehr reich sein konnte. Es konnte also sehr leicht bei einem Sklaven die Begierde geweckt werden, sich etwas von dem Reichtum des Herrn zuzueignen. So war auch Onesimus bei seinem Herrn Philemon in Schuld gekommen, als er bei seiner Flucht offensichtlich Dinge gestohlen hatte, die er für seine Reise nötig hatte (Phlm 18.19). Doch wie verständlich es auch ist, es war doch sehr verkehrt, denn es blieb erstens Diebstahl und zweitens verriet dies eine Begierde nach irdischen Dingen. Der gläubige Sklave sollte verstehen, dass, wie arm er auch war, was die irdischen Güter betraf, er doch unendlich reich in dem Herrn geworden war, wohlgemerkt in himmlischen Gütern (vgl. Lk 12,33.34; 16,12; Phil 4,10-20; 2Kor 8,9).

Sondern alle gute Treue erweisend

Wie wir schon oft gesehen haben, besteht das christliche Leben nicht nur aus der Unterlassung einiger negativer Dinge, sondern vor allem aus dem Nachjagen nach allem, was göttlich positiv ist (vgl. Tit 1,7.8; 2,3.4). Deswegen folgt hier, dass die Sklaven alle gute Treue erweisen sollen; nicht manchmal, sondern alle gute Treue, bei jeder möglichen Gelegenheit und in jeder denkbaren Hinsicht. Und das nicht so, dass der Sklave darauf aus, bei seinem Herrn einen Stein im Brett zu haben, also mit falschen Absichten, sondern alle „gute“ Treue, d.h. aufrichtig und ehrlich, mit der Absicht, dem Meister so gut wie möglich zu dienen und sein Wohlsein zu suchen.

Das Wörtchen „treu“ ist sehr besonders. Im Hebräischen gibt es für „Treue“ und „Wahrheit“ ein Wort, während das Griechische ein Wort für „Treue“ und „Glauben“ hat, nämlich pistis. In beiden Fällen ist der Grundgedanke das, was unveränderlich und unerschütterlich ist. Gott bleibt sich selbst immer „treu“, darum ist alles, was Er sagt und tut, absolut „wahrhaftig“; und darum können wir auf das, was Er tut und sagt, absolut „vertrauen“ und es „glauben“. Das Wort pistis hängt mit dem Verb pisteuo zusammen, das „glauben, vertrauen“ bedeutet und mit peitho, „überzeugen“, verwandt ist. Daher hat pistis im Neuen Testament verschiedene Bedeutungen: In den weitaus meisten Fällen bedeutet es „Glaube“, wie in unserem Brief in Titus 1,1.4.13; 2,2; 3,15; dabei ist – wie bei der Betrachtung von Titus 1,1 ausgelegt wurde – der Unterschied zu beachten, ob der Artikel davor steht oder nicht: Ohne Artikel meint es „das Glauben“ und mit Artikel meint es „das Geglaubte“, das, was geglaubt wird. In Titus 1,1.4 und 3,15 steht das Wort ohne und in Titus 1,3 und 2,2 mit Artikel, und ein Vergleich der Stellen macht den Unterschied deutlich klar. In 1. Timotheus 5,12 hat pistis den Sinn von „Gelübde“, und in Apostelgeschichte 17,31 bedeutet es „Versicherung, Beweis“, abgeleitet von der Grundbedeutung „überzeugen“. In den übrigen vier Stellen, wo das Wort vorkommt, bedeutet es „Treue“; das ist außer in unserem Vers in Matthäus 23,23; Römer 3,3 und Galater 5,22 der Fall. Vor allen Dingen Römer 3,3 ist interessant, weil sich dort „Unglaube“ (apistia) und „Treue“ (pistis) gegenüberstehen. Des Weiteren finden wir in Titus die folgenden verwandten Wörter: In Titus 1,3 pisteuo, dort im Sinne von „anvertrauen“ (siehe oben), und in Titus 3,8 in der Bedeutung von „glauben“ (in einem besonderen Sinn; siehe dort). Ferner pistos, das in Titus 1,6 „gläubig“ bedeutet und in Titus 1,9 und 3,8 „vertrauenswürdig“. Bei jedem dieser Wörter finden wir in unserem Brief also sowohl die Grundbedeutung „Glaube“ und „Treue“.

Damit sie die Lehre unseres Heiland-Gottes zieren in allem

Treu sein meint, bestimmte Grundsätze oder eine gewisse Ordnung mit Ausharren festzuhalten. So gab es auch ein bestimmtes Verhältnis zwischen dem Sklaven und seinem Herrn, die der Sklave unter allen Umständen und nach bestem und ehrlichstem Können festhalten sollte. Er sollte nicht nur treu sein, sondern auch Treue „erweisen“, d.h. beständig seine loyale, untergeordnete und hingegebene Haltung dem Meister gegenüber erzeigen. Das Wort enthält in der Tat „zeigen, sehen lassen“, wie auch die Korinther den Beweis ihre Liebe „zeigen“ sollten (2Kor 8,24; dasselbe Wort). Die Hebräer sollten Liebe und Eifer „beweisen“ (Heb 6,10.11) und die Kreter Sanftmut (Tit 3,2; siehe dort). Dieser öffentliche Beweis aller guten Treue durch den Sklaven sollte eine Verzierung der Lehre unseres Heiland-Gottes darstellen. Dies ist das vierte und letzte Mal, dass wir diesem Wort „Lehre/Belehrung“ (didaskalia) in Titus begegnen (siehe Tit 1,9; 2,1.7), außer dem verwandten Wort „Lehren/Lehre“ (didachè) in Titus 1,9. In Titus haben diese Worte „Lehre“ und „Belehrung“ immer eine vor allen Dingen passive Bedeutung („das, was unterwiesen wird“), außer in Titus 2,7, wo es aktiv gebraucht wird („das Unterweisen“). In unserem Vers bedeutet es also: das, was in Bezug auf Gott unterwiesen wird, und zwar Gott in seiner Gestalt als Heiland und Erlöser. Das Wort „zieren“ ist kosmeo, das vom Ursprung her „in Ordnung bringen“ bedeutet (wie in Mt 25,7), welchen Sinn es auch in Matthäus 12,44 und Lukas 11,25 hat. Hiervon ist das Wort kosmos („Welt“) abgeleitet, das also ursprünglich „Ordnung“ bedeutet und daher „ein in sich selbst ruhendes, geordnetes Ganzes“, manchmal aber auch „Verzierung“ (in 1Pet 3,3). Damit hängt kosmios („stimmig“) in 1. Timotheus 2,9 und 3,2 zusammen, während kosmikos, das nur in Titus 2,12 und Hebräer 9,1 vorkommt, „weltlich“ oder „weltförmig“ bedeutet. Das Verb kosmeo wird ferner für das Verzieren von Gräbern (Mt 23,29), von Gebäuden (Lk 21,5; Off 21,19) gebraucht sowie bei Frauen (1Tim 2,9, „schmücken“; 1Pet 3,5; Off 21,2). Von diesem Verb ist auch unser Wort „Kosmetika“ abgeleitet und auch zum Beispiel „Kosmographie“ und „Kosmopolit“.

Es war die Lehre unseres Heiland-Gottes, die die Sklaven zieren mussten. Es steht dort nicht, dass sie die Lehre Christi zieren sollten, im Sinne der moralischen Unterweisung, die Er hier auf der Erde gegeben hat, zum Beispiel in der sogenannten Bergpredigt. Es gibt genügend Menschen in dieser Welt, die diese Lehre zieren möchten; sie nehmen sich vor, als „wahre“ Christen dem Vorbild Christi nachzufolgen, indem sie gut und ehrlich leben. Doch das ist nicht die Lehre unseres Heiland-Gottes! Es ist auch nicht von der Lehre unseres Schöpfer-Gottes die Rede; diese Lehre findet man in Offenbarung 14,7, und es gibt viele in unseren Tagen, die meinen, damit durchzukommen, wenn sie Gott als Schöpfer anerkennen und ehren, sie missachten allerdings Gott als Heiland. Denn dass Gott Heiland ist, unterstellt, dass der Mensch einen Heiland und Erlöser nötig hat und demnach also verloren ist. Für viele ist das aber gerade eine harte Sprache, die sie nicht anerkennen wollen. Sie wollen Christus zwar nachfolgen und Gott als Schöpfer ehren, aber dass sie tot in Übertretungen und Sünden sein sollen, ist für sie ein Ärgernis. Doch gerade diese Lehre, dass Gott sündige Menschen erlösen wollte und sie zu einem Zustand erheben wollte, in dem sie in seiner Kraft fähig wären, gottesfürchtig zu leben, was die Lehre, die die Sklaven zieren sollten. Sie sollten bedenken, was sie, wiewohl sie Sklaven waren, in Christus geworden waren. Ihre christliche Stellung stand zwar in großem Gegensatz zu ihrer Stellung als Sklave, doch durch das Erste sollten sie gerade Kraft empfangen für das Zweite. Wenn sie in allem treu wären, dann sollte in ihnen illustriert werden, was Gott als Heiland im Herzen und Leben eines toten Sünders in der Lage ist zu tun: nicht nur ihn von der Sünde und dem Tod zu erlösen, sondern ihn auch zu unterweisen und fähig zu machen für den Weg, den er gehen muss. Diese wird in den nachfolgenden Versen klar herausgearbeitet. Durch diese Illustration würden sie ein Juwel sein, das der Lehre unseres Heiland-Gottes Glanz verleihen würde, weil sie nicht nur als bloße Theorie erscheinen würde, sondern als eine lebendige und herrliche Wirklichkeit.

Bedeutet die Lehre unseres Heiland-Gottes denn nicht, dass wir Christus nachfolgen sollen? Sicherlich, aber wie? Er war kein gewöhnlicher Mensch wie wir, sondern gleichzeitig Gott der Sohn, der dadurch in der Lage war, ein vollkommenes Leben zu führen. Doch wer sind wir, die wir als natürliche Menschen (d.h. als tote Sünder!) diesem Leben nachfolgen sollten? Wenn wir es wirklich aufrichtig versuchen würden, würde es uns nur unglücklicher machen. Nein, für echte Nachfolge ist es zunächst erforderlich, Gott als Heiland kennenzulernen, aus dem Tod erlöst zu werden und der göttlichen Natur teilhaftig zu werden (2Pet 1,4). Erst dann, wenn wir den Herrn Jesus selbst als das ewige Leben besitzen (1Joh 5,11-13.20), dann wird das, was für Ihn wahr ist, weil es seinem göttlichen Wesen entspricht, auch für uns wahr sein (1Joh 2,8). Wenn wir zum Beispiel lieben, dann nicht mehr, weil das Gesetz uns dies gebietet, sondern weil es eine Eigenschaft der göttlichen Natur ist, der wir teilhaftig geworden sind. So wie Christus ist, sind auch wir in dieser Welt (1Joh 4,17), nicht kraft unserer Nachfolge, sondern durch die göttliche Natur, an der wir kraft unserer Wiedergeburt teilhaben.

Das ist eigentlich das Geheimnis dieses ganzen Abschnitts (Tit 2,1-10). Wir dürfen derlei Ermahnungen wie hier nie auf eine Ebene mit gesetzlichen Geboten stellen. Das Gesetz ist ja für Ungläubige bestimmt (1Tim 1,8.9), um ihnen aufzuzeigen, dass sie sündig sind (Röm 3,20; 7,7). Da die Forderungen dieses Gesetzes immer im Streit mit ihren natürlichen Begierden stehen (Röm 7,8.13.19-23), kann es nur Zorn und Fluch bringen. Mit den Geboten des Herrn ist es jedoch alles anders! Sie bilden ein „Gesetz der Freiheit“ (Jak 1,25), das ist ein Gesetz, dessen „Forderungen“ exakt mit dem Verlangen meiner neuen Natur übereinstimmen. Dieses neue Leben ist zu derart hohen Früchten in der Lage, dass es dafür nicht einmal ein Gesetz gibt (Gal 5,22.23). Denn dieses Leben ist der Herr Jesus selbst. Er ist der Schlüssel zu wahrem christlichen Wandel, nicht nur wegen dem, was Er für uns getan hat, sondern vor allen Dingen auch wegen dem, was Er jetzt in und für uns ist. So sind zum Beispiel alle Ermahnungen in Römer 13 zurückzuführen auf das, was Christus in sich selbst ist, daher der Schlussvers: „Zieht den Herrn Jesus Christus an.“ So ist es auch in 1. Korinther 13. Wie oft wird das Kapitel als moralische Lektion für den natürlichen Menschen missbraucht, während es in Wirklichkeit das beschreibt, was die Kennzeichen der göttlichen Natur sind, zuerst in Christus und jetzt auch in uns. Und so müssen wir alle christlichen Ermahnungen im Neuen Testament verstehen. So ist auch der praktische Wandel in Titus 2 ausschließlich das Resultat von – erstens – Gottes Heilswerk in uns durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist, und zweitens, das Werk von Gottes praktischer Gnade in uns, nun wir Christen geworden sind. Dies beschreiben uns nun die nachfolgenden Verse.

(4) Der Inhalt der gesunden Lehre (Tit 2,11-15)

(a) Für die gegenwärtige Zeit (Tit 2,11.12)

Tit 2,11.12: Denn die Gnade Gottes ist erschienen, heilbringend für alle Menschen, 12 und unterweist uns, damit wir, die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden verleugnend, besonnen und gerecht und gottselig leben in dem jetzigen Zeitlauf …

Diese Verse betrachten wir als Anfang eines neuen Abschnitts, weil er sich charakterlich von den vorherigen Versen völlig unterscheidet. Wir müssen allerdings bedenken, dass das, was hier steht, direkt an Vers 10 anschließt, wie das erste Wort „denn“ bereits andeutet. Die Knechte sollten die Lehre unseres Heiland-Gottes zieren; was diese Lehre beinhaltet, finden wir in den nachfolgenden Versen. Nicht als Theorie, als theologisches Dogma, sondern als lebendige, praktische Wirklichkeit. Deswegen auch keine Auseinandersetzung mit dem Erlösungswerk selbst, sondern die praktische Auswirkung hiervon in unserem täglichen Leben.

Denn die Gnade Gottes ist erschienen

Die Grundlage der gesunden Lehre ist die Gnade Gottes. Es ist die Lehre unseres Heiland-Gottes, das ist Gott als unser Erlöser, und dieser kann Gott nur sein, weil Er der Gott aller Gnade ist (1Pet 5,10). Gerade das ist es ja, was wir in unserem Zustand als verlorene, tote Sünder nötig hatten. Gott konnte von toten Sündern nichts mehr fordern, und Er konnte von elendig verlorenen Sündern keine Kraft mehr zu irgendeinem guten Werk erwarten. Hier konnte nur seine Gnade etwas bewirken, die gibt, wo es nichts mehr zu fordern gibt. Gnade steht immer im Gegensatz zu Werken (Röm 4,4; 11,6). Wenn Gott guter Werke entsprechend gibt, dann gibt Er Lohn nach Verdienst; wenn Er jedoch armen, schuldigen Sündern gibt, dann ist dies Gnade. Das ist natürlich nicht dasselbe wie Liebe. Bei Liebe denken wir vor allen Dingen an unseren elenden Zustand, aus dem Er uns herausgezogen hat. Bei Gnade denken wir an seine Barmherzigkeit gegenüber kraftlosen Schuldigen (vgl. Tit 3,4).

Diese wunderbare Gnade hat Gott uns, die Er vor Grundlegung der Welt auserwählt hat (Eph 1,4), in Christus Jesus bereits vor den Zeitaltern gegeben, doch nun ist diese Gnade Gottes durch die Erscheinung unseres Heilands Jesus Christus offenbart (2Tim 1,9.10). Es ist wunderbar, zu betrachten, dass diese Gnade schon verheißen und in Christus gegeben wurde, bevor die Sünde eintrat und bevor das Gesetz durch Mose gegeben wurde. Das ist die Grundlage des Christentums und entkräftet den Calvinismus. Das Christentum ist nämlich keine Fortsetzung der alttestamentlichen Ordnung und auf neue Leisten geschlagen („die Kirche besteht seit Adam“ – „wir werden in den Bund Abrahams aufgenommen“), sondern es ist die Offenbarung der ewigen Ratschlüsse Gottes (in den vorhergehen Zeitaltern unbekannt!), die weit über die Sünde, das Gesetz, ja alle irdischen Dinge erhaben sind. Sie beinhalten, dass Gott sich in Christus vorgenommen hat, eine große Schar von Menschen mit Christus zu verbinden, indem Er ihnen als ihr Leben gegeben wird, sie alles teilen lässt, was Christus durch sein Werk erworben hat, sie mit allen geistlichen Segnungen des Himmels segnet, sie zu seinen geliebten Kindern macht und sie in sein eigenes Haus einführt. Dass die Sünde dazwischengekommen ist, bedeutet, dass der Mensch zunächst von dieser Sünde erlöst und wiedergeboren werden muss, bevor er die geistlichen, himmlischen Segnungen empfangen kann. Diese Erlösung und Wiedergeburt sind nicht das Ziel Gottes, sondern nur das Mittel, um seine ewigen Ratschlüsse in einem Menschen erfüllen zu können. Hieraus ergeben sich zweierlei Ziele des Kommens Christi: Er kam, um die Folgen der Verantwortlichkeit des ersten Adam zu tragen; Er kam jedoch auch, um die ewigen Ratschlüsse der Gnade zu erfüllen, die von Ewigkeit her vor Adam bestanden.

Erschienen

In Christus ist die Gnade Gottes zu uns gekommen. Als Er auf der Erde erschien, konnte gesagt werden: Die Gnade Gottes ist erschienen (wie unser Vers sagt). Vor allen Dingen das Lukasevangelium zeigt Ihn als denjenigen, der die Gnade Gottes der ganzen Menschheit offenbart hat. Schon zu Beginn seines Dienstes verwunderten sich die Menschen über die Worte der Gnade, die aus seinem Mund hervorgingen (Lk 4,22); wie Psalm 45,3 sagt: „Holdseligkeit [NL-Übersetzung sagt „Gnade“] ist ausgegossen über deine Lippen.“ In Ihm ist die Gnade Gottes und die Gabe in Gnade zu den vielen überströmend geworden (Röm 5,15). Gottes Gnade war auch die Gnade von unserem Herrn Jesus Christus, die darin zum Ausdruck kam, dass Er, obwohl Er reich war, um unsertwillen arm wurde, damit wir durch seine Armut reich würden (2Kor 8,9).

In unserem Vers wird die Gnade personifiziert: die „Gnade“ erscheint in Person. Ebenso wird in Johannes 1 auch das Wort, das Leben und das Licht personifiziert (Joh 1,1-5. 14). All diese Begriffe sind Ausdrücke des wunderbaren Wesens des Herrn. In Christus ist Gottes Gnade erschienen. Die Verbform (aoristus) gibt diesen einmaligen Charakter deutlich an. Das Verb selbst ist epiphaino, eine verstärkte Form von phaino, was „scheinen“ („Licht geben“) bedeutet. Die führende Form dieses Verbs bedeutet „ans Licht gebracht werden“, „klar/deutlich werden“ (vgl. Röm 7,13: „erscheinen“ [NL-Übersetzung hier: sich zeigen / sich erweisen]), „erscheinen“. In dieser letzten Bedeutung kommt phaino viele Male vor, zum Beispiel bzgl. Christus in Matthäus 24,30 und Markus 16,9. Die stärkere Form epiphaino bedeutet auch „leuchten“ (siehe Lk 1,79) und in der führenden Form „erscheinen“ (Apg 27,20, „scheinen“ [NL-Übers hier: „sich erzeigen“]; Tit 2,11; 3,4). „Erscheinung“ in Vers 13 ist das abgeleitete Wort epiphaneia („Epiphanie“). Wir müssen mit dem Wort „erscheinen“ im Neuen Testament schwer aufpassen, denn für dieses Wort kommen außer phaino und epiphaino noch folgende Wörter mit kleinen Unterschieden in der Bedeutung vor: phaneroö (1Pet 5,4; „offenbar geworden ist“), emphanizo (siehe Mt 27,53; Heb 9,24) und optomai (siehe 1Kor 15,5-8; Heb 9,28).

In unserem Abschnitt finden wir zwei Erscheinungen. Die erste in Vers 11, verbunden mit der Gnade. Dies ist das erste Kommen Christi, in Niedrigkeit auf die Erde. Die zweite Erscheinung finden wir in Vers 13. Das ist sein zweites Kommen, verbunden mit Herrlichkeit. Die erste Erscheinung (epiphaneia) finden wir in 2. Timotheus 1,10 und Titus 3,4 wieder, die zweite in 2. Thessalonicher 2,8, 1. Timotheus 6,14 und 2. Timotheus 4,1.8. Erst erscheint der Herr in Gnade, danach in Herrlichkeit. Wäre Er direkt in Herrlichkeit erschienen – „wie der Blitz ausfährt von Osten und leuchtet bis zum Westen … auf den Wolken des Himmels, mit Macht und großer Herrlichkeit“ (Mt 24,27.30) –, dann hätte es für keinen von uns Hoffnung gegeben. Da nun aber das erste Kommen in Gnade war, ist das zweite Kommen gerade unsere Hoffnung geworden (Tit 2,13).

Die Gnade Gottes ist erschienen, nachdem Gott den Menschen auf jede denkbare Weise erprobt und die Ohnmacht und Verlorenheit des Menschen sich vollkommen gezeigt hatte. Vor dieser Zeit handelte Gott natürlich auch in Gnade, doch hier lesen wir, dass die Gnade selbst erschienen ist. Auch im Alten Testament konnte ohne die Gnade Gottes kein Mensch errettet werden. Das zeigt sich vor allen Dingen darin, dass Gott mit dem Gesetz zugleich auch die Priesterschaft gab, als Mittel für das Volk, damit es zu Gott zurückkehren konnte, wenn es das Gesetz übertreten haben würde. Dies ist die Gnade Gottes, die einerseits sagt: „Tut dies und ihr sollt leben“, und die andererseits selbst weiß, was in dem Menschen ist, und deswegen sofort das Mittel gibt, damit er nach einer Übertretung zu Ihm zurückkehren kann. Als das Volk dann endlich nach vierzig Jahren ins Land Kanaan einzieht, geschieht das nicht aufgrund des Gesetzes, sondern aufgrund von Gnade – aufgrund des Zerbruchs der ersten beiden steinernen Tafeln als Bild Christi (2Mo 34,4-10).

Wir müssen allerdings bedenken, dass das Alte Testament nicht durch Gnade gekennzeichnet wurde (wiewohl sie sich zeigte und der einzige Grund für Errettung bildete), sondern durch das Gesetz. Deswegen stehen diese beiden, Gesetz und Gnade, sich gegenüber. „Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben; die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden“ (Joh 1,14-18). Die Gnade wurde nicht durch Christus gegeben, sondern ist durch Ihn geworden; sie wurde nicht nur gebracht, sondern ist in und durch Ihn zustande gebracht, entstanden. Das Gesetz wurde durch Mose gegeben, mittels Engel (Apg 7,53; Gal 3,19; Heb 2,2); Gott wohnte in der Wolke, unsichtbar und unzugänglich; Er wohnte hinter dem Vorhang, in der Finsternis. Nur der Hohepriester durfte dort hineingehen, einmal im Jahr, nicht ohne Blut (Heb 9,7). So hoch strahlte die unerreichbare Herrlichkeit von Gott über dem armen, verdammungswürdigen Volk (vgl. Röm 3,23). Doch jetzt ist die Gnade Gottes erschienen, und nun ist alles anders. Alle werden nun umsonst gerechtfertigt durch die Gnade Gottes, durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist (Röm 3,24). Durch Ihn haben wir auch den Zugang durch den Glauben zu dieser Gnade erhalten, in der wir stehen, und wir rühmen uns in der Hoffnung der Herrlichkeit Gottes (Röm 5,2). Wir sind nicht unter Gesetz, sondern unter Gnade (Röm 6,14.15).

Heilbringend

Das Gesetz, das durch die verdorbene Natur des Menschen nur Zorn und Verdammnis bringen konnte, war glücklicherweise auf ein Volk beschränkt, doch die Gnade ist zu herrlich und zu reich, um auf eine bestimmte Gruppe beschränkt zu werden. Die Gnade Gottes ist für alle Menschen heilbringend, sagt unser Vers. Dies ist das zweite Kennzeichen, das wir hier von der Gnade finden. Das erste Kennzeichen ist, dass es die Gnade Gottes ist, also nicht die des Menschen, sondern für den Menschen. Insofern ist diese Gnade vollkommen. Zweitens bringt diese Gnade Heil; sie fordert nicht, sondern schenkt nur. Drittens kommt diese Gnade zu allen Menschen und ist damit nicht auf ein Volk beschränkt. Viertens lesen wir, dass die Gnade uns unterweist; nur uns, also nicht alle Menschen.

Die Gnade ist heilbringend. Sie ist nicht mit zeitlichen, irdischen Verheißungen und Segnungen verbunden, sondern mit ewigem Heil. Das stimmt mit dem Charakter überein, den Gott hier als „unser Heiland“ hat. Das Wort Heiland ist sotèr und ist von soizo abgeleitet: „erlösen“ oder „erretten“. Heiland bedeutet also Erlöser. Hiervon ist auch das Wort sotèria abgeleitet („Heil“, „Erlösung“), wozu das adj. Nomen sotèrios gehört, das in unserem Vers steht und darüber hinaus im Neuen Testament nicht vorkommt. Es hat also die Bedeutung von „Heil bringen“. Dies erinnert uns sogleich an Apostelgeschichte 15,11 („Wir glauben, durch die Gnade des Herrn Jesus in derselben Weise errettet zu werden wie auch jene“) und Epheser 2,5.8 („Aus Gnade seid ihr errettet, mittels des Glaubens“), wo wir auch soizo, „erretten“, finden, verbunden mit der Gnade. Die Lehre von Gott, unserem Heiland (Erretter), ist also, dass die Gnade erschienen ist, um Errettung zu bringen. Mit einem Buchstaben Unterschied liest der wichtige Codex Sinaiticus hier: „Die Gnade des Heiland-Gottes ist für alle Menschen erschienen.“ „Heilbringend“ wird ersetzt durch „Heiland“.

Die Gnade bringt also Errettung und Befreiung. Die Gnade fordert nicht und erwartet von uns nichts, sondern bringt uns das, was wir in unserem verlorenen Zustand nötig haben, nämlich Erlösung. Die Tatsache, dass wir Gnade nötig haben, zeigt uns, was wir von Natur aus sind: schuldig und gebunden. Hierin hilft die Vergebung allein nicht. Wir haben viel mehr nötig: eine vollkommene Befreiung von allen Mächten, die uns gefangen halten. Erst nach diesem Heil folgt die Unterweisung. Zunächst bringt die Gnade das Heil, und danach unterweist sie uns. Vorher würde das keinen Sinn machen. Erst nachdem wir aus unserer Gebundenheit befreit sind, sind wir fähig gemacht worden, auch aus dieser Gnade heraus zu leben.

Für alle Menschen

Für wen ist diese Gnade bestimmt? Für alle Menschen. Wir können lesen: Die Gnade von Gott ist erschienen, heilbringend für alle Menschen. Wir können jedoch auch übersetzen: Die heilbringende Gnade Gottes ist erschienen für alle Menschen (vgl. die Statenvertaling). In jedem Fall ist klar, dass die Gnade nicht auf ein einziges Volk beschränkt ist (wie das Gesetz), sondern von Gottes wegen her zu allen Menschen gelangt. Er ist nicht nur der Gott der Juden, sondern auch der der Nationen (Röm 3,28-30). Die Gnade weitet sich zu allen Menschen aus. Es ist wichtig, dass wir diesen Ausdruck gut verstehen, weil er zur Verteidigung von zwei sehr gegensätzlichen und auch vollkommen falschen und gefährlichen Lehren genutzt wird. Die erste Lehre (die schlimmste) behauptet, dass schließlich alle Menschen errettet werden. Über die Weise, wie dies geschehen soll, wird unterschiedlich gedacht, doch der Grundgedanke ist stets der der Allversöhnung. Man behauptet völlig zu Unrecht, dass unser Vers diese Irrlehre stützt. Man vergisst dabei, dass dieser Vers nicht sagt, dass die Gnade alle Menschen errettet, sondern dass die Gnade allen Menschen Errettung anbietet, was einen großen Unterschied ausmacht.

Der zweite Irrtum ist genau das Gegenteil. Dieser verwirft nämlich nicht nur (zu Recht) den Gedanken, dass alle Menschen errettet werden, sondern auch den Gedanken, dass die Errettung allen Menschen angeboten wird (was die Bedeutung unseres Verses ist). Wo in diesem Sinn über „alle Menschen“ gesprochen wird (z.B. in 1Tim 2,3.4; 2Pet 3,9), behauptet man, dass das alle Auserwählten bedeutet. Diese Auslegung wird in bestimmten calvinistischen Kreisen gefunden. Auch die Anmerkungen der Statenvertaling behaupten, dass „alle Menschen“ hier bedeutet: „allerlei Menschen“. Dieser Erklärung wird zusätzlich in die Hand gespielt, indem dort „seligmachend“ anstelle von „heilbringend“ übersetzt wird. Das Erste ist viel stärker als das Zweite. Es ist ein Unterschied, ob die Gnade mich selig macht oder mir Heil anbietet. Der Gedanke der Statenvertaling ist also: Die rettende Gnade Gottes ist erschienen für alle möglichen Sorten von Menschen, nämlich für so viele, die dazu zuvorbestimmt waren.

Wie gewöhnlich, so liegt auch hier die Wahrheit in der Mitte. Gott bietet in seiner Gnade allen Menschen das Heil an, doch nur diejenigen empfangen das Heil, die es im Glauben annehmen oder, wenn man es so will, die auserwählt sind. Hier befindet sich ein für den menschlichen Verstand unentrinnbares Paradoxon, das deswegen nicht weniger biblisch ist. Es geht hier um zwei Wahrheiten, die man beide nicht verkürzen darf. Die eine Wahrheit ist die, dass Gott allen Menschen ohne Unterschied die Erlösung anbietet, ohne Ausnahme; ja dass Er sogar gern möchte, dass alle Menschen errettet werden, und sie anfleht, sich mit Ihm versöhnen zu lassen (2Kor 5,20), und es traurig findet, wenn viele diese Barmherzigkeit abweisen. Die andere Wahrheit ist aber auch, dass Gott vor Grundlegung der Welt Menschen auserwählt hat zur Herrlichkeit, so dass die Schrift in der Tat sagen kann, dass „so viele glaubten, wie zum ewigen Leben bestimmt waren“ (Apg 13,48). Wenn man nun eine Wahrheit zu kurz kommen lässt und die andere überakzentuiert, verfällt man entweder in den Irrtum, dass alle Menschen errettet werden, oder in den Arminianismus, der sagt, dass die Auserwählung nicht weiter geht, als dass Gott von vornherein wusste, wer sich bekehren würde; oder man verfällt der anderen Seite dieses Irrtums, dass das Angebot der Errettung nur zu den Auserwählten kommt. Wir gehen nun nicht weiter auf die Auserwählung ein (siehe dazu die Betrachtung von Titus 1,1.2), sondern wir wollen nachvollziehen, wie die Schrift in der Tat an vielen Stellen bestätigt, dass die Gnade Gottes das Heil allen Menschen anbietet. Oder anders gesagt: dass das Werk des Herrn Jesus so reich und so ausgedehnt ist, dass jeder, der will, errettet werden kann.

Bei der Behandlung von Titus 2,9 wurde schon darauf hingewiesen, dass das Wort sagt, dass Gott vor dem Kreuz die Welt geliebt hat und für sie seinen Sohn hingegeben hat, so dass jeder, der glaubt (ausnahmslos) das ewige Leben empfängt (Joh 3,16). Gott sandte seinen Sohn, um die Welt zu erretten (Joh 3,17). Er war in Christus, die Welt mit sich selbst versöhnend (2Kor 5,19). Nachdem die totale Verdorbenheit der Welt am Kreuz vollkommen zum Vorschein gekommen ist, lesen wir nicht mehr, dass Gott sich mit der Welt als Ganzes beschäftigt, sondern dass Er sich an jeden einzelnen Menschen wendet. Diesen Übergang finden wir klar in Johannes 12,31.32: „Jetzt ist das Gericht dieser Welt; jetzt wird der Fürst dieser Welt hinausgeworfen werden. Und ich, wenn ich von der Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen.“ Dies ist der Übergang von „Welt“ zu „alle“. Wir finden nun nicht mehr, dass es der Gedanke Gottes ist, die ganze Welt zu erretten (denn die ganze Welt liegt in dem Bösen [1Joh 5,19]), sondern die Welt ist als Ganzes für das Gericht zubereitet (2Pet 3,5-7). Dass Gott mit diesem Gericht noch wartet, ist, weil Er will, dass alle Menschen errettet werden, und Er nicht will, dass jemand verloren geht, sondern alle zur Bekehrung kommen (1Tim 2,3-6; 2Pet 3,8.9). Dieses Verlangen Gottes geht zu allen Menschen aus, so dass Er nun den Menschen verkündigt, dass sie sich alle überall bekehren müssen (Apg 17,30). Gott bittet alle Menschen, sich mit Ihm versöhnen zu lassen (2Kor 5,20), der Mensch muss allerdings selbst wollen. Wer Durst hat, komme; wer will, nehme das Wasser des Lebens umsonst (Off 22,17; vgl. Lk 13,34; Joh 7,17).

So sehen wir, dass die Gerechtigkeit Gottes zwar zu allen Menschen hingelangt, sie kommt allerdings nur über alle Gläubige. Das Angebot ist für alle, die Gabe jedoch nur für die, die glauben. Alle haben gesündigt und erreichen nicht die Herrlichkeit Gottes. Klar ist, dass hierin kein einziger Mensch eine Ausnahme bildet. Gleichzeitig ist aber auch klar, dass es keinen einzigen Menschen gibt, der nicht umsonst durch Gottes Gnade gerechtfertigt werden könnte, durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist (Röm 3,22-24). So steht dort auch, dass durch eine Übertretung (nämlich der von Adam) die Folgen davon sich zu allen Menschen hin ausgedehnt haben, wie auch durch eine Gerechtigkeit (nämlich der von Christus) die Folgen davon sich ausdehnen zu allen Menschen zur Rechtfertigung des Lebens (Röm 5,18). Wenn es um das Angebot geht, steht dort „alle“; geht es um tatsächliches Teilhaben, steht da „alle, die glauben“ oder „die vielen“, so wie später in Römer 5: „Denn so wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen in die Stellung von Sündern gesetzt worden sind, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen in die Stellung von Gerechten gesetzt werden.“

Denselben Unterschied haben wir in 1. Timotheus 2,6 und Matthäus 20,28. Der erste Text sagt, dass der Herr sich als Lösegeld für alle gegeben hat. Hier bedeutet das Wort „für“ (huper): „zugunsten von“ oder „sich ausstreckend nach“. Im zweiten Text steht jedoch, dass Er sein Leben als Lösegeld für viele geben würde. Dort steht ein ganz anderes Wort „für“, nämlich anti, was bedeutet: „anstelle von“. Der Gedanke ist also, dass die Reichweite seines Werkes sich zu allen Menschen hin ausstreckt. Alle können daran Teil bekommen. Das tatsächliche Lösegeld für Sünden hat Er aber nur bezahlt für die, die an Ihn glauben würden. Er ist für alle gestorben (2Kor 5,14.15; Heb 2,9); wir lesen jedoch nirgends, dass Er die Sünden von einem jeden getragen hat. Er ist für uns zur Sünde gemacht worden, und Er hat unsere Sünden auf dem Holz getragen (2Kor 5,21; 1Pet 2,24).

Es ist deswegen sehr verführerisch, dass viele Übersetzungen den Text von 1. Johannes 2,2 verdrehen: „Er ist die Sühnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die ganze Welt.“ Allerdings ist es vollkommen falsch, zu lesen: „… sondern auch für die der ganzen Welt.“ Der Herr Jesus hat nicht die Sünden der ganzen Welt getragen (denn dann würde niemand wegen seiner Sünde verurteilt werden können; Gott kann Sünden nicht zweimal bestrafen), sondern Er hat nur die Sünden von denen getragen, die an Ihn glauben. Zwar ist Er für die ganze Welt gestorben, und Er ist das Lamm, das die Sünde (nicht die Sünden!!) der Welt wegnimmt (Joh 1,29). Das meint, dass Er alle Dinge reinigen und wieder mit Gott versöhnen wird (Kol 1,19.20; vgl. 2Pet 3,7-13). Was jedoch die Menschenwelt betrifft, so werden nur die, die glauben, mit Gott versöhnt (Kol 1,21.22). Die übrigen müssen selbst die Strafe für ihre Sünden tragen (Off 20,12.13). Die Schlussfolgerung ist also, dass Gott das Heil allen Menschen anbietet und dass das Werk des Herrn Jesus so reich ist, dass alle an den Früchten davon teilhaben könnten. Hiervon dürfen wir nichts wegnehmen. Die andere Seite ist, dass der Herr die Sünden aller getragen hat, die glauben, und dass nur sie auserwählt sind. Auch hiervon dürfen wir nichts wegnehmen.

Und unterweist uns

Vers 12 nennt zu Beginn das vierte Kennzeichen der Gnade: Sie unterweist uns. Der Übergang ist treffend. Erst bringt die Gnade, danach unterweist sie. Erst sorgt die Gnade für das, was der Sünder nötig hat, und bringt ihm Heil, anschließend entwickelt sie das, was in den Sünder eingebracht wurde, indem er weiter unterwiesen wird. Es ist sehr wichtig, zu erkennen, wer durch die Gnade unterwiesen wird. Die Gnade ist heilbringend für alle Menschen, aber sie unterweist nur uns, d.h. die Gläubigen. Es ergibt keinen Sinn, Sünder zu unterweisen, denn sie sind tot in Sünden und zu keinem guten Werk in der Lage. Was der Sünder nötig hat, ist Heil und Erlösung. Alle Menschen haben das nötig. Diejenigen, die dieses Heil durch den Glauben annehmen, werden neue Menschen, die in der Kraft Gottes zu einem gottesfürchtigen Lebenswandel in der Lage sind. Diese neuen Menschen werden durch die Gnade in diesem neuen Wandel unterwiesen.

Lasst uns nicht nur auf die achten, die unterwiesen werden, sondern auch auf denjenigen, der unterweist. Es ist nicht die Weisheit oder die Majestät Gottes, die uns unterweist, sondern die Gnade. Es ist die Gnade, die wir nötig haben, nicht nur, damit wir erlöst werden, sondern auch für unseren christlichen Wandel. „Meine Gnade genügt dir, denn meine Kraft wird in Schwachheit vollbracht“ (2Kor 12,9). Die Grundlage und die Lebensregel für unseren Wandel ist nicht das Gesetz, sondern die Gnade (Röm 6,14.15). Um den Gegensatz zwischen Gesetz und Gnade hier noch klarer zu sehen, ist das griechische Wort „unterweisen“ sehr lehrreich. Es ist nicht das gewöhnliche didasko („lehren“, Tit 1,11; und die abgeleiteten Worte in Tit 1,9; 2,1.3.7.10), sondern paideuo, was von pais („Kind“) abgeleitet ist und eigentlich „(Kinder) erziehen/anleiten“ bedeutet (siehe Apg 7,22; 22,3, „unterweisen“). Deswegen auch „zurechtweisen“ (2Tim 2,25), „züchtigen“ (1Kor 11,32; 2Kor 6,9; 1Tim 1,20; Heb 12,6.7.10; Off 3,19) und sogar „kasteien“ (Lk 23,16.22; vgl. Heb 12,6). Die Bedeutung ist also sehr stark und beinhaltet eigentlich: „unter Zucht gebieten“. Wir könnten also auch lesen, dass die Gnade Gottes uns unter Züchtigung befiehlt, gottesfürchtig zu leben.

Nun ist es interessant, dass dieser Ausdruck auch für das Gesetz gebraucht wird. In Galater 3,24.25 wird das Gesetz unser Zuchtmeister genannt, das ist das griechische Wort paidagogos, wovon unser Wort „Pädagoge“ abgeleitet ist (siehe auch 1Kor 4,15). Dies ist jemand, der die Sorge und die Aufsicht über ein Kind hatte und für sein geistliches und körperliches Wohlsein verantwortlich war (eine Art „Vormund“ sozusagen). Es ist nicht der Erzieher oder Lehrer des Kindes (deswegen ist die Übersetzung in 1. Korinther 4,15 und die Fußnote in Galater 3,24.25 in der Voorhoeve-Übersetzung, 4. Aufl., falsch); diese falsche Auffassung hat schon viel Schaden bei der Auslegung von Galater 3 angerichtet. Worum es uns jetzt geht, ist, dass es vor dem Kreuz das Gesetz war, das Israel unter der Zucht hielt (vgl. Gal 3,19. 23-26), und dass nach dem Kreuz die Gnade Gottes die Gläubigen unter der Zucht hält. Die Zucht des Gesetzes bedeutete für Israel Fluch (Gal 3,10), aber die Zucht der Gnade ist für uns der Beweis der Liebe des Vaters (Heb 12,4-11).

Damit wir

Was ist das Ziel der züchtigenden Unterweisung Gottes? Das Ziel ist zweierlei, negativ und positiv, und wird durch das Wort „damit“ angedeutet. Was nämlich auf „damit“ folgt, ist nicht so sehr der Inhalt als vielmehr das Ziel der Unterweisung. Das Ziel ist zweierlei, und zwar negativ: die Verleugnung der Gottlosigkeit und der weltlichen Lüste; und positiv: sittsam, gerecht und gottesfürchtig leben. Beide gehören unverbrüchlich zueinander: Das eine ist die Absonderung von der Welt und das andere die Absonderung zu Gott. Das eine ist ohne das andere nicht möglich: Nur Absonderung von der Gottlosigkeit und der Welt, ohne die Frage nach einem guten Gewissen vor Gott zu stellen, züchtet Pharisäer (was bedeutet: Getrennte); nur Gott dienen, ohne die weltlichen Begierden zu verleugnen, ist Selbstverführung. Niemand kann zwei Herren dienen (Lk 16,13). Wenn wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit Gott haben, und in der Finsternis wandeln, dann lügen wir und tun nicht die Wahrheit (1Joh 1,6). Wenn jemand die Welt liebt, dann ist die Liebe des Vaters nicht in ihm (1Joh 2,15).

Die Sünde trennt von Gott, die Gnade führt zu Gott. Unsere Ungerechtigkeiten machen eine Trennung zwischen uns und Gott (Jes 59,2), doch bringt die Gnade uns durch die Erlösung in die Gegenwart Gottes (vgl. 1Pet 3,18). Nach der Auferstehung des Herrn Jesus ist sein Gott und Vater nun auch unser Gott und Vater geworden (Joh 20,17). Wir haben jetzt, gerechtfertigt aus Glauben, Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus, durch den wir auch den Zugang durch den Glauben zu der Gnade, in der wir stehen, erhalten haben (Röm 5,1.2). Gott hat uns in Christus mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern gesegnet und uns in Ihm auserwählt vor Grundlegung der Welt, damit wir heilig und tadellos vor Ihm sind in Liebe. Er hat uns zuvor durch Jesus Christus zur Sohnschaft für sich selbst bestimmt, nach dem Wohlgefallen seines Willens, zum Preis der Herrlichkeit seiner Gnade, womit Er uns begnadigt hat in dem Geliebten (Eph 1,3-6). Das ist der überwältigende Reichtum seiner Gnade (Eph 1,7; 2,7), die uns durch das Blut Christi nahe gebracht hat, durch die Juden und Heiden nun beide durch einen Geist Zugang haben zu dem Vater (Eph 2,13.18). So reich und effektiv ist die Gnade. Was für eine totale und einschneidende Wende bringt sie zustande! Vom Tod sind wir zum Leben übergegangen (Joh 5,24), von der Sklaverei in die Freiheit (Joh 8,36; Röm 6,17.18; Gal 5,1; Heb 2,15) und von Verurteilung zu Gerechtigkeit (Röm 6,16-22; 2Kor 5,21). Wir haben eine neue Natur empfangen, die die Gottlosigkeit und die weltlichen Lüste hasst und deren Verlangen nur nach Christus ausgeht (Gal 2,20; Phil 1,21.23; 3,7-14.20).

Dies alles muss auch praktisch verwirklicht werden (und darin unterweist uns die Gnade), indem wir uns praktisch vom Bösen trennen. Wir müssen uns von allem, was unter das Gericht fällt und in der Macht Satans liegt absondern. Das ist das Ziel der Unterweisung, die die Gnade gibt. Diese Unterweisung (mit der dazugehörenden Zucht) gehört zu den Wegen Gottes mit dem Gläubigen. Es gibt auch ein anderes Ziel der Gnade, nämlich die Erfüllung der Ratschlüsse Gottes in uns. Dies ist das „damit“ aus zum Beispiel Epheser 1,4 und Kolosser 1,22. Da geht es nicht um die praktische Verwirklichung (wie in unserem Vers), sondern um das Vornehmen Gottes, was wir schließlich in Vollendung sein werden (vgl. Röm 8,29).

Verleugnend / verleugnet habend

Der Unterricht, den die Gnade gibt, ist dreiteilig: Er bezieht sich auf die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Die Vergangenheit umfasst das, was wir verleugnet haben, die Gegenwart betrifft unseren Wandel im gegenwärtigen Zeitalter, und die Zukunft ist in unserer Erwartung der glückseligen Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit enthalten. Unser christliches Leben spielt sich zwischen der Vergangenheit und der Zukunft ab, zwischen unserer Verleugnung und unserer Erwartung. Das Erste ist, dass wir die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden verleugnet haben. Wegen des Aorists (der auf die Beendigung einer Sache oder dem Einmaligen einer Handlung hinweist) übersetze ich lieber „verleugnet habend“ als „verleugnend“. Das Verb bedeutet im Griechischen zunächst einmal „leugnen“ (abstreiten, siehe z.B. Joh 1,20) anstelle von „verleugnen“ im Sinne von „verkennen“ (z.B. Mt 10,33) oder „nicht erkennen“ (z.B. Apg 3,14) oder im Sinne von „verweigern“ (Heb 11,24) oder „entsagen“, sei es von Gutem (1Tim 5,8; 2Tim 3,5; Off 2,13; 3,8) oder von Bösem (wie in unserem Vers). Hier hat es die Bedeutung von Verurteilung von Bösem mit gleichzeitigem Ablegen. Diese positive Bedeutung finden wir auch in Lukas 9,23: „sich selbst verleugnen“, sich selbst geringachten. Dieselbe Bedeutung haben wir auch in 2. Timotheus 2,13, dann aber im negativen Sinn: seiner eigenen Natur untreu sein. Die Kraft des Wortes liegt in seiner fundamentalen Bedeutung: „nicht kennen“. Wer das Böse verleugnet hat, hat es im Keim verurteilt und will damit nichts mehr zu tun haben. Er kennt es nicht mehr, und es ist ihm fremd geworden.

Die Gottlosigkeit

Das Böse, das wir verleugnet haben, besteht aus zwei Teilen, die hier genauestens durch die Ausdrücke „Gottlosigkeit“ und „weltliche Begierden“ umschrieben werden. Es geht hier nicht um das Böse in uns; hierzu sagt die Schrift, dass die, die des Christus sind, das Fleisch samt den Leidenschaften und Begierden gekreuzigt haben (Gal 5,24). Hier geht es jedoch um das Böse außerhalb von uns. Wir haben um uns her mit zwei Mächten zu tun: auf der einen Seite Gott, auf der anderen Seite die Welt mit Satan als Fürst. Das Böse, das wir taten, war deswegen auch zweierlei: Auf der einen Seite verließen wir das Gute, weil wir uns weigerten, Gott zu dienen und zu verehren (worauf Er Recht hatte); auf der anderen Seite jagten wir dem Bösen nach, indem wir den weltlichen Begierden nachgaben.

Das Wort „Gottlosigkeit“ drückt die Bedeutung des griechischen Wortes eigentlich nur ungenügend aus. Das Wort ist asebeia, das von dem Verb sebomai („Autorität haben über, verehren, dienen“) kommt, mit dem negativen a („nicht“) davor. Das Wort ist also das Gegenteil von eusebeia („Gottesfurcht“) mit dem positiven eu („gut, wohl“) davor, das in Verbindung mit Titus 1,1 behandelt wurde. Das Wort bedeutet also „Nicht-Verehrung“ und das andere „gute Verehrung“. Das Wort Gottesfurcht […] drückt die Bedeutung von eusebeia sehr gut aus, wiewohl wir für asebeia eigentlich kein befriedigendes Wort haben. Es beinhaltet die Bedeutung: „die Weigerung, Gott zu verehren und zu dienen“, wie es Ihm zusteht. Sünde ist nicht nur das Ausüben von Bosheit, sondern auch das Unterlassen des Guten; und was ist besser, als die Ehre Gottes zu suchen? „Wer nun weiß, Gutes zu tun, und tut es nicht, dem ist es Sünde“ (Jak 4,17). Der eigentliche Charakter von Sünde ist, dass sie Gesetzlosigkeit ist (1Joh 3,4). Das bedeutet nicht die Übertretung eines Gesetzes, sondern die vollständige Ablehnung eines Gesetzes über sich. Es bedeutet, dass wir die Rechte, die Gott als Schöpfer und Richter an uns hat, nicht anerkennen oder dass wir nicht mit ihnen rechnen. Darum ist alles Sünde, was nicht aus Glauben ist (d.h. was nicht aus dem Wissen hervorkommt, dass es der Wille Gottes ist, dies oder das zu tun [Röm 14,23]). Dies alles wird durch das Wort „Gottlosigkeit“ (asebeia) ausgedrückt. Wir begegnen dem wieder bei der Besprechung von „gottesfürchtig“ im Verlauf dieses Verses.

Und die weltlichen Begierden

Das zweite Böse, das wir verleugnet haben, ist das Nachjagen von weltlichen Begierden. Das Wort „weltlich“ (kosmikos), das in unserem christlichen Sprachgebrauch vielfach vorkommt, finden wir im Neuen Testament nur zweimal, und zwar nur hier in negativem Sinn und in Hebräer 9,1 in neutralem Sinn. Das Wort „Welt“ (kosmos) kommt allerdings doch häufig vor. In erster Linie als Bezeichnung für das Weltall, dem Ganzen der geschaffenen Dinge; eine Bedeutung, die es auch bei den alten Griechen hatte (siehe z.B. Apg 17,24; Röm 1,20; Heb 4,3); manchmal bezeichnet es nur die Erde (siehe z.B. 1Joh 3,17, „irdisch“; Röm 4,13; 1Tim 6,7). Oft ist die Bedeutung noch beschränkter, so dass das Wort sich hauptsächlich auf die „Menschenwelt“ bezieht (siehe z.B. Mt 5,14; Joh 1,9.10; 3,16.17.19; 4,42 usw., vor allen Dingen in Römer, 1. Korinther und 1. Johannes). Oft hat das Wort eine negative Bedeutung und bezeichnet dann den gegenwärtigen Zustand in der Menschenwelt als verfremdet und feindlich gegenüber Gott (siehe z.B. Joh 7,7; 8,23; 12,31; 16,33; 1Kor 2,12; Gal 4,3; 6,14; Kol 2,8.20; Jak 1,27; 1Joh 2,15-17; 5,19). Mit dieser letzten Bedeutung ist „weltlich“ in unserem Vers verbunden. Es geht hier um Begierden, die ihren Ursprung und ihre Verbreitung in einem gottfeindlichen System haben. Dieses System hat der Herr Jesus überwunden (Joh 16,33), und ich bin aus der Sklaverei unter die Elemente dieser Welt erlöst (Gal 4,3; Kol 2,8.20), indem die Welt für mich gekreuzigt ist und ich der Welt (Gal 6,14).

Natürlich muss dies auch praktisch verwirklicht werden. Wir müssen uns selbst von der Welt unbefleckt erhalten (Jak 1,27) und uns bewusst machen, dass wir, wiewohl wir uns in der Welt befinden, dieser Welt nicht angehören (Joh 17,11.14-16). Wir können es nicht verhindern, dass unser Wandel durch die Welt führt, doch wir müssen uns auf der Erde als Beisassen und Fremdlinge betragen und uns von fleischlichen Begierden enthalten, die gegen die Seele streiten und einen guten Wandel unter den Nationen haben (1Pet 2,11.12). Diese fleischlichen Begierden in dieser Welt sind nach Johannes dreierlei (1Joh 2,16): Erstens, die Lust des Fleisches, das ist die Begierde, die auf unsere Seele einwirkt, dem Sitz der natürlichen Wünsche/Sehnsüchte. Zweitens, die Lust der Augen, das sind die Begierden des Körpers, die das betrachten, was materiell und äußerlich ist. Drittens, der Hochmut des Lebens, was die Begierde des Geistes ist, das Verlangen nach Ansehen und Verstand. Für das persönliche Studium sei empfohlen, zu überdenken, wie sowohl der erste Adam als auch der letzte Adam diesen drei Begierden bloßgestellt waren – der Erste in den herrlichsten Umständen im Paradies und der Letzte in der Wüste, nach vierzig Tagen ohne Essen. Der Teufel präsentierte Eva, dass der Baum gut zur Speise sei (die Begierde des Fleisches) – so wie er den Herrn Jesus trachtete, dazu zu bringen, Steine in Brot zu verwandeln. Er ließ Eva sehen, dass die Frucht des Baumes eine Lust für die Augen war (die Begierden des Auges) – so wie er dem Herrn alle Königreiche der Welt und ihre Herrlichkeit vorstellte. Und er gaukelte Eva vor, dass sie wie Gott sein würde, wenn sie essen würde, und dass der Baum deswegen begehrenswert wäre, weil er verständig machte (der Hochmut des Lebens) – so wie er den Herrn zu verführen suchte, sich gegen Gott zu erheben, indem er Ihn versuchte.

Besonnen (in NL-Übers: ingetogen = „züchtig, sittsam“)

Nach dem Negativen, dem Verleugnen, kommt das Positive, der christliche Wandel; nach der Vergangenheit nun die Gegenwart. Der Aufbau dieser Verse ist sehr harmonisch. So wie das äußerliche Böse in seinen zwei Elementen vorgestellt wird, so wird auch der christliche Wandel in seinen drei charakteristischen Eigenschaften betrachtet. Zunächst unsere Haltung uns selbst gegenüber („besonnen“); zweitens, unsere Haltung zu anderen Menschen („gerecht“); und drittens, unsere Haltung Gott gegenüber („gottesfürchtig“). Der Hintergrund, vor dem unser Wandel betrachtet wird, ist der jetzige Zeitlauf. Zugleich bilden diese drei Elemente eine Zusammenfassung der Ordnung im Haus Gottes, so wie dieser für die verschiedenen Gruppen von Gläubigen in Titus 2,1-10 beschrieben wird.

Das Erste ist, dass wir besonnen leben sollen. Das ist nun schon das fünfte Mal, dass wir diesem Wort hier begegnen (siehe Tit 1,8; 2,2.5.6). In unserem Vers bedeutet dies, dass der Gläubige lernen muss, die Wirkungen des Fleisches zu töten und sich gesund und besonnen zu benehmen. Es ist nicht ausreichend, zu wissen, mit Christus gestorben und auferstanden zu sein. Man muss sich auch praktisch und tatsächlich als tot für die Sünde halten und als lebend für Gott in Christus Jesus (Röm 6,11). Und das soll auch nicht eine einmalige Tat sein, sondern wir müssen immer das Sterben (eig. das Töten) von Jesus im Leib umhertragen, so dass auch das Leben von Jesus in unserem Leib offenbar wird (2Kor 4,10). „Besonnen“ ist ausgewogen und selbstbeherrscht. Es ist das Bändigen des heutigen Lebens von allem, was zum früheren Leben gehört.

Und gerecht

In unserer Haltung anderen gegenüber müssen wir „gerecht“ sein, sei es nun Gläubigen oder Weltmenschen gegenüber. Auch in Titus 1,8 wird „besonnen“ gefolgt von „gerecht“. Genau wie im vorigen Absatz geht es hier auch darum, praktisch zu verwirklichen, was wir in Christus geworden sind. Es ist nicht genug, zu wissen, dass wir aufgrund des Glaubens durch Gott gerechtfertigt worden sind, sondern wir müssen auch, der Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben (1Pet 2,24). Dies nennt die Schrift erst wirklich „gerecht“ (Mt 1,19; Lk 1,6; Röm 1,17; 2,13; 5,7 usw.; vgl. 1Kor 15,34; 1Thes 2,10). Es ist – auch in unserem Sprachgebrauch – vor allen Dingen das Erkennen der Rechte anderer Menschen. „Seid bedacht auf das, was ehrbar ist vor allen Menschen“ (Röm 12,17). Das ist in Wahrheit, „jedem das Seine zu geben“, jedoch nicht aus einem humanistischen Selbstbewusstsein heraus, sondern aus der Kraft des neuen Lebens in uns, das ist Christus. Nicht worauf der Herr abzielt, wenn Er sagt: „Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen“ (Lk 5,32), sondern in dem Sinn, in dem Paulus dies meint: „Alles, was wahr, alles, was würdig, alles, was gerecht …, dies erwägt (Phil 4,8). „Niemand suche das Seine, sondern das des anderen“ (1Kor 10,24; 12,25).

Und gottesfürchtig

Drittens: gottesfürchtig. Das ist das Letzte und gleichzeitig das Höchste, denn es berührt unsere Haltung Gott gegenüber. So wie das Alte Testament es schon ausdrückt: „Den Herrn, deinen Gott, sollst du fürchten und ihm dienen“ (5Mo 6,13; siehe Mt 4,10). So wie wir, indem wir gerecht sind, die Rechte anderer Menschen anerkennen, so anerkennen wir durch ein gottesfürchtiges Leben die Rechte Gottes über uns. Das ist doch das Ziel unserer Bekehrung bezüglich unseres Lebens auf der Erde: dass wir dem lebendigen und wahrhaftigen Gott dienen und seinen Sohn aus den Himmeln erwarten sollten (1Thes 1,9.10). Siehe auch die Betrachtung in Verbindung mit Titus 1,1 und 2,12a. Wir müssen unseren Leib als lebendiges Schlachtopfer darstellen, heilig, für Gott wohlgefällig, was unser vernünftiger Dienst ist (Röm 12,1). Gott hat ein Recht auf uns. Das bedeutet, dass der Herr Jesus, der Gott über alles ist, gepriesen in Ewigkeit (Röm 9,5), ein Recht auf uns hat.

Erstens hat Er als Schöpfer ein Recht auf uns. Er hat alle Dinge für sich selbst geschaffen (Kol 1,16). Zweitens hat Er durch sein Blut die von Ihm entfremdete Schöpfung zurückerworben. Er hat den Acker gekauft (Mt 13,44) und die Menschen gekauft (2Pet 1,1), so dass Er ein Recht auf alle Menschen hat, auch um sie zu verurteilen (Joh 5,22; Apg 17,31). Drittens hat Er uns, die geglaubt haben, durch sein Blut erlöst zu einem unveräußerlichen Eigentum (der Schatz: Mt 13,44; Joh 10,27-29; Röm 14,8.9; 1Kor 3,23; 6,20; 7,22.23; Gal 2,20; Off 5,9 usw.), wodurch Er ein Recht an uns erworben hat nach Seele und Leib durch sein Blut (s. Tit 2,14). Viertens ist Er nicht nur unser Heiland, sondern auch unser Herr, was bedeutet, dass wir Ihm vollkommenen Gehorsam schulden (siehe u.a. Apg 22,10; 2Kor 10,5; Eph 5,17; Kol 1,9.10; 3,17). Das ist Gottesfurcht: das Dienen und Verehren des Herrn. Er ist der Gegenstand unserer Dienstes und unserer Verehrung, Er, den wir als „Gott offenbart im Fleisch“ kennen, gleichzeitig ist Er aber auch als der niedrige Mensch auf der Erde unser Vorbild, was die Grundsätze seines Wandels betrifft („gerechtfertigt im Geist“); und jetzt, als der erhöhte Mensch im Himmel („aufgenommen in Herrlichkeit“) ist Er die Kraft und die Quelle aller wahren Gottesfurcht (vgl. 1Tim 3,16). Seine göttliche Kraft hat uns ja alles geschenkt, was das Leben und die Gottesfurcht betrifft (2Pet 1,3), damit wir uns in der Gottesfurcht üben können, die nützlich für alle Dinge ist, da sie die Verheißung für das jetzige und das zukünftige Leben hat (1Tim 4,7.8). Dass die Ermahnung in unserem Vers, nämlich, dass wir gottesfürchtig leben sollen, nicht gering ist, zeigt sich in 2. Timotheus 3,12, wo derselbe Ausdruck vorkommt: „Alle aber auch, die gottselig leben wollen in Christus Jesus, werden verfolgt werden.“

Leben in dem jetzigen Zeitlauf

Dieses gottesfürchtige Leben wird in dem jetzigen Zeitalter gelebt. Wörtlich steht dort: „in dem Jetzt-Zeitalter“. Dem Wort „Zeitalter“ (aion) sind wir schon in Titus 1,2 begegnet. Meist hat es die Bedeutung von der unendlichen „Ewigkeit“, oft weist es aber auch auf eine endliche Zeitperiode unbestimmter Länge hin. Und manchmal kann der Zeitbegriff sogar ganz fehlen; dann zielt er auf eine bestimmte Ordnung ab, auf einen bestimmten Sachstand, oft in negativem Sinn. Siehe zum Beispiel Epheser 2,2, wo wir lesen, dass wir früher nach „dem Zeitlauf dieser Welt“ gewandelt sind. Hier ist „Zeitgeist“ die Übersetzung von aion. In manchen Übersetzungen ist aion oft mit „Welt“ übersetzt (so auch in der Statenvertaling und der NBG-Übersetzung), was sehr verständlich ist, weil es oft auf die heutige Weltordnung hinweist (siehe vor allen Dingen Heb 1,2; 11,3); es ist aber manchmal verwirrend hinsichtlich von kosmos (dem gewöhnlichen Wort für „Welt“), wie zum Beispiel in unserem Vers, wo das adjektivische Nomen von kosmos und das Wort aion gemeinsam vorkommen. Siehe auch Römer 12,2, wo die Übersetzung „Welt“ den Gedanken gut wiedergibt: so zum Beispiel „leben“ in Matthäus 13,22. In diesen Texten ist aion immer negativ. Der Teufel ist der Gott dieses „Zeitlaufs“ (2Kor 4,3). Demas hat „den jetzigen Zeitlauf“ liebgewonnen (2Tim 4,10). Dies ist die einzige Stelle, wo dieser Ausdruck („der Jetzt-Zeitlauf“) außerdem vorkommt (in Gal 1,4 ist „jetzig“ ein Partizip).

Dieser „Zeitlauf“ steht in zweierlei Relation zu uns: Sie bildet eine weltliche Ordnung, in der wir uns einerseits mittendrin befinden, wovon wir jedoch andrerseits kein Teil mehr ausmachen. In demselben Sinn, wie der Herr sagt: „Sie sind in der Welt, aber nicht von der Welt (kosmos)“ (Joh 17,11-18). Das Erste, nämlich, dass wir im jetzigen Zeitlauf leben, finden wir in unserem Vers. Jedoch wird die andere Seite in Galater 1,4 vorgestellt, wo Paulus sagt, dass Christus sich selbst für unsere Sünden gegeben hat, „damit er uns herausnehme aus der gegenwärtigen bösen Welt“. Hier ist der Gedanke, dass wir erlöst sind aus der Macht des gottlosen, weltlichen Systems, in dem wir uns befinden. Solange wir aber noch auf der Erde sind, haben wir mit diesem System zu tun. Wir kommen täglich damit in Berührung, und die große Frage ist, wie wir uns „in diesem Zeitlauf“ betragen. Wir haben die Gottlosigkeit und die weltlichen Lüste ja verleugnet, und wiewohl wir uns noch im jetzigen Zeitlauf befinden, sind wir Fremdlinge und Beisassen geworden und müssen ein besonnenes, gerechtes und gottesfürchtiges Leben in diesem Zeitlauf führen. Es ist ein System, in dem wir uns mittendrin befinden, mit dem wir aber nichtsdestoweniger nichts mit zu tun haben sollten, es sei denn, um den anderen Menschen in diesem System Christus vorzustellen. Persönlich hat der „gegenwärtige Zeitlauf“ für uns ausgedient, und unser Auge ist auf das „zukünftige Zeitalter“ ausgerichtet (Mk 10,30; Lk 18,30; 20,34; Eph 1,21; Heb 6,5). Hiervon spricht der nachfolgende Vers.

(b) Für die zukünftige Zeit (Tit 2,13-15)

Tit 2,13-15: … indem wir erwarten die glückselige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Heilandes Jesus Christus, der sich selbst für uns gegeben hat, damit er uns von aller Gesetzlosigkeit loskaufte und sich selbst ein Eigentumsvolk reinigte, das eifrig sei in guten Werken.

Die nun folgenden Verse beschließen den Unterricht der Gnade. Nach dem Gestern und Heute wird nun die Aufmerksamkeit auf die Zukunft gerichtet. Die Vergangenheit umfasst das Verleugnen des Bösen, vorgestellt in zwei Charakteren, und das Heute umfasst den christlichen Wandel, dargestellt in drei Aspekten. Nach diesem fünfteiligen Unterricht folgt nun die Zukunftserwartung, in zwei Hinsichten betrachtet („Hoffnung“ und „Erscheinung“). Hiermit ist die siebenfache Unterweisung vollkommen. Die Bedeutung der Zahl Sieben ist zu bekannt, um darauf einzugehen. Auch hier zeigt sich, dass Gott keine halben Sachen an den Gläubigen auf der Erde tut, sondern dass seine Unterweisungen vollkommen und vollständig sind. Er lehrt uns, wie wir zu leben haben und wie wir dabei beständig die Erinnerungen an unsere Erlösung genießen dürfen, und andererseits dürfen wir Ausschau halten nach der Vollendung dieser Erlösung, wenn wir bei Ihm sein werden. So wird unser Leben durch Freude über das Vergangene, dem Eifer heute (Tit 2,14) und dem Ausschauhalten nach der Zukunft.

Indem wir erwarten die glückselige Hoffnung und Erscheinung

Vers 13 redet von unserer Erwartung. Natürlich denken wir hierbei sofort an die Wiederkunft des Herrn, was aber nicht die Bedeutung ist, auf die Paulus hier unmittelbar abzielt, jedenfalls nicht die einzige. Um den Sinn des Verses zu begreifen, müssen wir zunächst entdecken, welches Wort in diesem Vers den Mittelpunkt bildet, das ist nämlich „Herrlichkeit“. Und zwar im Griechischen mit dem Artikel davor, was bedeutet, dass Herrlichkeit nicht nur unsere Hoffnung und Erscheinung charakterisiert, sondern dass es „die“ Herrlichkeit selbst ist, die der Gegenstand unserer Hoffnung ist, und dass „die“ Herrlichkeit selbst erscheinen wird. Es geht also nicht darum, dass der Herr Jesus auf eine herrliche Weise erscheinen wird, sondern darum, dass seine Herrlichkeit selbst gesehen werden wird, sowohl von uns (das ist „die glückselige Hoffnung“) als auch von der Welt (das ist „die Erscheinung“). Um die Struktur dieses Verses zu verstehen, müssen wir also zunächst einsehen, dass die Herrlichkeit Christi hier der Gegenstand ist. Zweitens müssen wir verstehen, dass diese Herrlichkeit sich sowohl auf die Hoffnung als auch auf die Erscheinung bezieht. Das ergibt sich daraus, dass es wohl einen Artikel für „Hoffnung“, nicht jedoch für „Erscheinung“ gibt. Dadurch sind diese beiden Worte stark miteinander zu einer Einheit verbunden: „die Hoffnung und Erscheinung“. Ich möchte sogar behaupten, dass nicht nur der Artikel, sondern auch das Wort „glückselig“ sowohl auf Hoffnung als auch auf Erscheinung Bezug nimmt. Wenn das stimmt, dann steht hier, dass wir die glückselige Hoffnung der Herrlichkeit und die glückselige Erscheinung der Herrlichkeit erwarten, wobei wir beachten, dass diese zwei Ausdrücke in dem Vers untrennbar miteinander verbunden sind.

Die Herrlichkeit

Die Herrlichkeit des Herrn Jesus, so wie Er sie jetzt im Himmel besitzt, ist ein Hauptkennzeichen des Christentums. Wir sind hier auf der Erde mit dem verherrlichten Herrn im Himmel verbunden (siehe z.B. 1Tim 3,16; Heb 2,8.9; Kol 3,1-4). Diese wichtige Tatsache bestimmt unseren Wandel hier. Das Bewusstsein, dass wir noch auf der Erde sind, aber unser Leben mit Christus (verherrlicht zur Rechten Gottes) in Gott verborgen ist (Kol 3,3), und gleichzeitig, dass Christus durch Gott über alle Mächte verherrlicht ist und dass wir in Ihm ebenfalls in die himmlischen Örter versetzt sind (Eph 1,20.21; 2,6), hat große Konsequenzen für unser praktisches Glaubensleben. Doch diese Verbindung mit einem verherrlichten himmlischen Herrn ist für uns im Moment noch eine Sache des Glaubens, nicht des Anschauens (2Kor 5,7). Darüber hinaus ist es eine Verbindung, die nur in Grundsätzen gilt und die erst volle Wirklichkeit entfalten wird, wenn wir bei dem Herrn im Himmel sein werden. Darum ist die Herrlichkeit nicht nur der Gegenstand unseres Glaubens, sondern auch unserer Hoffnung. Wir erwarten nämlich das Anschauen dieser Herrlichkeit! Wir erwarten sogar, dass wir diese Herrlichkeit mit Christus im Himmel teilen werden (unsere „Hoffnung“), und wir erwarten, dass wir in dieser Herrlichkeit mit Christus auf der Erde erscheinen werden (die „Erscheinung“). Das ist eigentlich die kurze Zusammenfassung unseres Verses. Es geht hier nicht nur um die Erwartung seiner Wiederkunft, sondern um die Erwartung der ganzen Ewigkeit für uns: Unsere Hoffnung ist, dass wir ewig die Herrlichkeit Christi anschauen und im Himmel teilen (dies beginnt mit der Aufnahme der Gemeinde), und die Erscheinung ist, dass seine und unsere Herrlichkeit ewig der (gereinigten) Schöpfung präsentiert werden wird (dies beginnt bei der Wiederkunft Christi mit der Gemeinde).

Wir lesen hier, dass es die Herrlichkeit unseres großen Gottes und Heilandes Jesus Christus ist. Er, der der niedrige Mensch auf der Erde war, war gleichzeitig ewig Gott. Und als der ewige Sohn besaß Er eine ewige, göttliche Herrlichkeit bei dem Vater. Doch der, der es für keinen Raub achtete, Gott gleich zu sein, hat sich selbst entäußert und ist den Menschen gleich geworden (Phil 2,6.7). Er ist hier auf die Erde gekommen, um den Namen des Vaters zu verherrlichen (Joh 12,27). Auf dem Kreuz ist Gott in Ihm, dem Sohn des Menschen, auf eine wunderbare und vollkommene Weise verherrlicht worden, so wie Gott noch nie verherrlicht wurde (Joh 13,31). Und darum hat der Vater, als Lohn für dieses Werk der Verherrlichung, Ihn bei sich selbst verherrlicht mit der Herrlichkeit, die Er bei dem Vater hatte, bevor die Welt war (Joh 17,4.5). Gott wird den Sohn des Menschen verherrlichen, indem Er Ihn bei seiner Erscheinung über alle Dinge stellt; Er hat Ihn aber auch direkt verherrlicht, indem Er Ihn aus den Toten auferweckt hat (Joh 12,28; 13,32; Apg 17,31; Röm 6,4). Diese Herrlichkeit, die der Herr Jesus jetzt als Lohn für sein Werk empfangen hat, hat Er uns geschenkt, die wir mit Ihm verbunden sind. Was für eine Gnade! Die Herrlichkeit, die Er als der ewige Sohn besaß, konnte Er mit uns nicht teilen; doch nachdem Er Mensch geworden war und das Werk der Verherrlichung vollbracht hatte, empfing Er als Mensch nun durch Verdienst dieselbe Herrlichkeit, die Er als der ewige Sohn besaß. Und als Er als Mensch diese Herrlichkeit erworben hatte, konnte Er diese als Mensch mit seinen Mitmenschen teilen; und Er hat die Herrlichkeit den Seinen auch gegeben, die der Vater Ihm gegeben hatte (Joh 17,22). Und auch Gott hat uns nicht nur gerufen und gerechtfertigt, sondern dem Grunde nach auch verherrlicht (Röm 8,30).

In der Tat eine Verherrlichung dem Grunde nach und noch nicht volle Wirklichkeit. Denn erstens ist es die Absicht Gottes, uns auch praktisch dieser prinzipiellen Herrlichkeit gleichförmig zu machen, und zweitens wird diese Herrlichkeit erst vollkommen sein, wenn auch unser Leib an dieser Verherrlichung teilhaben wird. Den ersten Grundsatz finden wir in 2. Korinther 3,18; er wird in einem Leben in der Kraft des Heiligen Geistes und in Hingabe an den Herrn verwirklicht: „Wir alle aber, mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauend, werden verwandelt nach demselben Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, als durch den Herrn den Geist.“ Den zweiten Grundsatz finden wir in Philipper 3,20.21; er wird bei der Aufnahme der Gemeinde verwirklicht: „Unser Bürgertum ist in den Himmeln, von woher wir auch den Herrn Jesus Christus als Heiland erwarten, der unseren Leib der Niedrigkeit umgestalten wird zur Gleichförmigkeit mit seinem Leib der Herrlichkeit, nach der wirksamen Kraft, mit der er vermag, auch alle Dinge sich zu unterwerfen.“

Indem wir erwarten

Bis jetzt haben wir lediglich die großen Linien dieses Verses aufgezeigt, um eine Übersicht über die Struktur des Verses zu erhalten. Wir wollen jetzt versuchen, diese Linien etwas genauer auszuarbeiten, um mehr Farbe und Detail in diese Zeichnung zu bekommen. Als Erstes bittet der Inhalt des biblischen Begriffs „erwarten“ um unsere Aufmerksamkeit. Das Wort, das wir hier finden, ist prosdéchomai, was wörtlich „(bei sich) (positiv) empfangen“ bedeutet, wie zum Beispiel in Lukas 15,2; Philipper 2,29 und Hebräer 10,34. Deswegen bedeutet es auch „ausschauen nach“ mit der Bedeutung „das Erwartete positiv aufnehmen“ (siehe Mk 15,43; Lk 2,25.38; 12,36; 23,51; Apg 24,15; Jud 21). Es ist also nicht nur „warten auf“, sondern beinhaltet auch: „mit Freude verlangen nach“. Neben diesem Wort kommt im Neuen Testament auch das verwandte apekdéchomai vor, das auch den Gefühlswert des „sehnlich Erwarteten“ hat. Auch kommen einige Worte mit einer mehr neutralen Bedeutung von „warten auf“ vor, nämlich anaméno (1Thes 1,10) und prosdókao (2Pet 3,12-14).

Die glückselige Hoffnung und Erscheinung

Was ist der Inhalt unserer Erwartung? Wir haben gesehen, dass diese in unserem Vers eigentlich die ganze Zukunft umfasst, die mit der Aufnahme der Gemeinde beginnt und sich bis in Ewigkeit erstreckt. An anderen Stellen im Neuen Testament wird bestimmten Ereignissen der Zukunft mehr Aufmerksamkeit geschenkt, aber doch so, dass alle Schriftstellen gemeinsam uns ein vollständiges Bild von unserer gesamten Zukunft geben. Als Erstes erwarten wir den Sohn Gottes aus den Himmeln, damit Er uns rette („zur Errettung“, Heb 9,28), und zwar (a) vom zukünftigen Zorn [das ist u.a. die große Drangsal; 1Thes 1,10] und (b) als Heiland [Erlöser], damit Er unsere Körper errette (Phil 3,20.21; vgl. Röm 8,23-25). Zweitens erwarten wir die „Offenbarung“, die Wiederkunft Christi aus dem Himmel mit den Seinen; dann nicht neutral (so wie wir sagen: „ich erwarte Besuch“), sondern mit Verlangen, so dass wir seine Erscheinung auch liebhaben (2Tim 4,8). Drittens erwarten wir (und die Erwartung teilen mir mit der ganzen Schöpfung!) die Offenbarung der Söhne Gottes, wenn die Schöpfung von der Sklaverei der Vergänglichkeit freigemacht werden wird zu der Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes (Röm 8,17-25). Das ist der segensreiche Zustand im Tausendjährigen Reich, wenn der Fluch der Schöpfung weggenommen sein wird. Viertens glauben wir, dass auch dieser „Tag des Herrn“ enden wird, und wir erwarten das Anbrechen des Tages Gottes, wenn die Himmel vergehen werden und wir, nach Gottes Verheißung, einen neuen Himmel und eine neue Erde erwarten, wo Gerechtigkeit wohnt (2Pet 3,10-14).

Dies alles ist eigentlich in unserem Vers ausgedrückt: Wir erwarten die Hoffnung, im Himmel seine Herrlichkeit anzuschauen, und die Erscheinung dieser Herrlichkeit für ewig auf der Erde. Das Wort „Erscheinung“ bezieht sich nicht nur auf die Wiederkunft, sondern auf das ewig „erschienen sein“, „sichtbar sein“. Das Erste, das wir erwarten, ist die Hoffnung der Herrlichkeit, denn diese Hoffnung wird beim Kommen des Herrn für die Seinen erfüllt, um die Gemeinde zu sich zu nehmen (Joh 14; 1Thes 4; 1Kor 15). Wir sind nicht „wie die anderen, die keine Hoffnung haben“, sondern ermuntern einander mit der Verheißung des Herrn (1Thes 4,13-18). Es stimmt zwar, dass Christus jetzt schon in uns ist (Gal 2,20; Eph 3,17), doch während Er in uns ist, ist Er gleichzeitig „die Hoffnung der Herrlichkeit“ (Kol 1,27). Denn wir haben nicht nur in diesem Leben unsere Hoffnung auf Christus gesetzt (1Kor 15,19), sondern wir haben auch die feste Hoffnung, als Anker der Seele, dass Jesus als Vorläufer für uns eingegangen ist, damit wir Ihm dorthin folgten, mit einem verherrlichten Leib, seine Herrlichkeit als Sohn des Menschen teilend und seine Herrlichkeit als Sohn des Vaters anschauend (Heb 6,11.18-20).

Es ist eine Hoffnung, die wir brennend erwarten (Apg 24,15; Röm 8,25; Gal 5,5), und darum ist es eine glückselige Hoffnung. Dies hat zwei Bedeutungen: Die Hoffnung ist glückselig, was den Inhalt betrifft (also objektiv gesehen), denn unsere Hoffnung ist auf unser himmlisches Teil gerichtet, also auf die vollkommene Glückseligkeit – in der Herrlichkeit Gottes bleiben und die Herrlichkeit Christi teilen. Doch diese Hoffnung ist auch glückselig, was ihre Auswirkung auf unser praktisches Glaubensleben betrifft (also subjektiv gesehen). Die Hoffnung macht uns jetzt schon glücklich. Sie „schließt jede Furcht für uns aus“, so dass wir voll Vertrauen der Zukunft entgegensehen, auch was die Erde betrifft. Sie ist eine Stütze für uns, damit wir ein Leben seiner Herrlichkeit hingegeben führen, aber vor allen Dingen macht sie uns glücklich im Hinblick auf die froh machende Zukunftsaussicht der vollkommenen Erlösung, dem vollen Segen und der vollen Verherrlichung. Unser Gott und Vater hat uns geliebt und uns ewigen Trost und gute Hoffnung durch Gnade gegeben (2Thes 2,16); so wie unser Abschnitt sagt, dass die glückselige Hoffnung uns durch die Unterweisung der Gnade geschenkt ist. Was die Glückseligkeit betrifft, so können wir noch feststellen, dass diese im Neuen Testament auch als ein Charakterzug Gottes genannt wird (1Tim 1,11; 6,15), was die Glückseligkeit, die wir erwarten, nur noch größer macht: „Wir rühmen uns in der Hoffnung der Herrlichkeit Gottes“ (Röm 5,2), wir, die wir uns früher nicht in der Gegenwart dieser Herrlichkeit aufhalten konnten (Röm 3,23). Auch gibt es eine irdische Glückseligkeit, die das Teil des gläubigen Überrestes sein wird (Mt 5,3-12).

Hoffnung

Unsere Hoffnung nimmt immer Bezug auf dasjenige, was wir noch nicht besitzen. Unser Glaube umarmt das, was Gott uns jetzt schon geschenkt hat („das Heil“, Tit 2,11), doch unsere Hoffnung richtet sich auf das, was Gott uns zusätzlich noch geben wird. Es ist bemerkenswert, wie wir im Neuen Testament sehen können, wie oft diese Hoffnung mit der Herrlichkeit Gottes in Verbindung steht, genau wie in unserem Vers. Und zwar in zweierlei Hinsichten: an erster Stelle bezüglich der Vollendung unserer eigenen Erlösung, das ist also die Hoffnung in Verbindung mit der Herrlichkeit der Auferstehung (Apg 24,15; 1Kor 15,19; 1Thes 4,13; 1Pet 1,3.21); an zweiter Stelle bezüglich unseres Teils im Himmel, das ist also die Hoffnung in Verbindung mit der Herrlichkeit des Himmels (Kol 1,5; 1Pet 1,3.4). In diesem selben Sinn ist auch der Herr Jesus sowohl verherrlicht bei seiner Auferstehung (Joh 12,28; 13,32; Röm 6,4), als auch als Er sich zur Rechten Gottes setzte (Heb 2,9). Im allgemeineren Sinn ist die Hoffnung mit der Herrlichkeit verbunden in Römer 5,2 (unsere zukünftige Anwesenheit in der Herrlichkeit Gottes), Römer 8,21 (die Schöpfung hofft, die Freiheit unserer Herrlichkeit teilen zu dürfen), Epheser 1,18 (die Hoffnung der Berufung, verbunden mit der Herrlichkeit seines Erbes), Kolosser 1,7 (Christus die Hoffnung der Herrlichkeit) und 1. Petrus 1,21 (Gott hat Christus Herrlichkeit verliehen, damit unsere Hoffnung auf Gott sein würde). Um es noch einmal zu betonen: Wir hoffen erstens, einen verherrlichten Leib zu empfangen, gleichförmig dem Leib seiner Herrlichkeit (Phil 3,20.21); wir hoffen zweitens, die Herrlichkeit Christi mit Ihm zu teilen, die Er als Lohn für sein Werk erworben hat (Joh 17,22; Röm 8,17; vgl. 1Pet 5,10); und drittens und als Höchstes hoffen wir, die Herrlichkeit des ewigen Sohnes (die wir nicht mit Ihm teilen können!) bei Ihm im Vaterhaus für ewig anzuschauen (Joh 17,24). Was für eine wunderbare Zukunftsaussicht!

Man könnte entgegnen, dass es hier doch nur um die Herrlichkeit unseres großen Gottes und Heilandes Jesus Christus geht und nicht um unsere Herrlichkeit. Das ist an und für sich richtig, wir müssen aber bedenken, dass unsere zukünftige Herrlichkeit im Wesentlichen nichts anderes ist als die Herrlichkeit Christi. Alle Herrlichkeit, die wir empfangen werden, hat Er für uns erworben und wird Er mit uns teilen, so dass wir sie allein in, mit und durch Ihn besitzen. Alles, was Er erworben hat, wird Er mit uns teilen. Es ist die Herrlichkeit, die Er als der große Gott von Ewigkeit besaß, die Er aber als Mensch (als Heiland) für uns erworben hat und so mit uns teilen konnte.

Erscheinung

Wie schon gesagt, ist diese Hoffnung untrennbar mit der Erscheinung verbunden. Ein Artikel regiert beide Worte. Bei der Erscheinung wird die himmlische Herrlichkeit Christi (welche auch unsere Herrlichkeit ist) für die ganze Schöpfung sichtbar sein, das heißt, nicht seine Herrlichkeit, die Er als der ewige Sohn des Vaters hat. Diese Herrlichkeit werden wir nicht mit Ihm teilen, aber wir (nicht die Engel oder die Gläubigen der anderen Haushaltungen) werden diese anschauen dürfen, weil wir Kinder des Vaters geworden sind und Christus uns seine Brüder nennt. Es ist die Herrlichkeit, die Er als Sohn des Menschen hat, die der ganzen Schöpfung präsentiert werden wird (Ps 8). Und dies ist die Herrlichkeit, die wir mit Ihm als seine Miterben teilen werden. Darum wird bei seiner Wiederkunft sowohl die Herrlichkeit des Herrn als auch unsere Herrlichkeit offenbart werden.

Die Bedeutung des Wortes „Erscheinung“ (epiphaneia) wurde schon bei dem Wort „erscheinen“ in Vers 11 gestreift. Dort ging es um das erste Kommen Christi in Niedrigkeit und Gnade, während hier das zweite Kommen in Herrlichkeit und zum Gericht gemeint ist. In unserem Vers wird die Erwartung mit unserem praktischen Glaubensleben verbunden (Tit 1,12), und auch an anderen Stellen im Neuen Testament steht die „Erscheinung“ in Verbindung mit unserer Verantwortlichkeit. Demgegenüber steht die „Offenbarung“ Christi (ein anderer Ausdruck für die Wiederkunft) mehr in Verbindung mit unseren Vorrechten (siehe 1Kor 1,7; Kol 3,4; 2Thes 1,7; 1Pet 1,5.7.13; 4,13; 1Joh 3,2). Mit der epiphaneia meinten die Griechen oft das Einmischen ihrer Gottheiten in die menschlichen Angelegenheiten (vgl. Apg 14,11). So erscheint hier erst die Gnade Gottes für alle Menschen zum Heil und danach die Herrlichkeit Gottes, um sie zu richten.

Es ist die Erscheinung der Herrlichkeit. Darüber hat der Herr selbst schon viel gesagt: „Denn der Sohn des Menschen wird kommen in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen Engeln, und dann wird er jedem vergelten nach seinem Tun“ (Mt 16,27). In der „Wiedergeburt“ (der Wiederherstellung aller Dinge) wird der Sohn des Menschen auf dem Thron seiner Herrlichkeit sitzen (Mt 19,28), nachdem Er in seiner Herrlichkeit gekommen ist und alle Engel mit Ihm (Mt 25,31). Die Stämme des Landes werden den Sohn des Menschen kommen sehen auf den Wolken des Himmels mit Macht und großer Herrlichkeit (Mt 24,30). Und Petrus schreibt über unsere Freude bei der Offenbarung der Herrlichkeit Christi (1Pet 4,13; vgl. 1Pet 5,1).

Darüber hinaus wird bei der Wiederkunft Christi auch unsere Herrlichkeit offenbart werden. „Wenn Christus, unser Leben, offenbart werden wird, dann werdet auch ihr mit ihm offenbart werden in Herrlichkeit“ (Kol 3,4). „… bei der Offenbarung des Herrn Jesus vom Himmel her, mit den Engeln seiner Macht, … wenn er kommt, um an jenem Tag verherrlicht zu werden in seinen Heiligen und bewundert zu werden in allen denen, die geglaubt haben“ (2Thes 1,7.10). Wir haben gesehen, dass der Sohn uns die Herrlichkeit gegeben hat, die der Vater Ihm als Lohn für sein Werk der Verherrlichung gegeben hatte (Joh 17,4.5.22). Wenn diese Herrlichkeit offenbart werden wird, dann wird die Welt daran erkennen müssen, dass wir eins sind untereinander und mit dem Sohn, der eins mit dem Vater ist (der Sohn in uns und der Vater im Sohn), und aufgrund dessen wird sie erkennen, dass der Vater den Sohn gesandt hat und uns geliebt hat, so wie Er den Sohn geliebt hat (Joh 17,23). Ja, wenn sie sieht, wie groß die Herrlichkeit des Herrn ist, dann wird sie zugeben müssen, dass Er doch der Gesandte des Vaters war. Und wenn sie sieht, dass wir dieselbe Herrlichkeit wie Er besitzen, dann wird sie einsehen müssen, dass der Vater dieselbe Liebe zu uns gehabt hat wie zum Sohn. Was für ein herrlicher Gedanke ist das unterdessen für uns! Jetzt ist dies der Welt noch nicht offenbart, was wir sein werden; aber wir wissen es schon! Wir wissen, dass, wenn Er offenbart sein wird, wir Ihm gleich sein werden; denn wir werden Ihn sehen, wie Er ist (1Joh 3,2).

Dann wird die Haushaltung der Fülle der Zeiten anbrechen, in der Gott alles, was in den Himmeln und was auf der Erde ist, unter ein Haupt zusammenbringen wird in Christus (Eph 1,10). Doch das nicht allein: In Ihm sind wir auch Erben geworden, damit wir zum Lob seiner Herrlichkeit seien (Eph 1,11.12). Da wir nämlich Kinder Gottes geworden sind, sind wir auch Erben: Erben Gottes und Miterben Christi, wenn wir tatsächlich mit Ihm leiden, damit wir auch mit Ihm verherrlicht werden (Röm 8,17). Unsere Verherrlichung bringt also mit sich, dass wir mit Christus auch über alle Dinge regieren werden. Nach der Offenbarung unserer Herrlichkeit sehnt sich die ganze Schöpfung, weil diese Offenbarung für sie das Ende ihres Fluches bedeuten wird (Röm 8,18-21). Bis in Ewigkeit wird die Braut, die Frau des Lammes, das neue Jerusalem, die Herrlichkeit Gottes haben (Off 21,9-11.23).

Bei manchen Lesern kommt vielleicht der Gedanke auf, wie es möglich ist, dass die Gläubigen mit dem Herrn aus dem Himmel wiederkommen werden. Der Gedanke nämlich, dass bei der Wiederkunft des Herrn auch die Gläubigen mit dem Herrn aus dem Himmel herabkommen, ist bei vielen Christen unbekannt. Wir haben aber bereits in verschiedenen Stellen gesehen, dass bei der Wiederkunft sowohl die Herrlichkeit des Herrn als auch unsere Herrlichkeit vom Himmel aus erscheinen wird. Dies wird auch noch durch andere Stellen bekräftigt, wie in 1. Thessalonicher 3,13 („bei der Ankunft unseres Herrn Jesus mit allen seinen Heiligen“). Heilige sind in der Schrift nie Engel (diese werden höchstens heilige Engel genannt), sondern immer Gläubige (vgl. Sach 14,5; Jud 14). Siehe auch 1. Thessalonicher 4,14: „Gott wird auch die durch Jesus Entschlafenen mit sich bringen.“ Ganz deutlich ist auch Offenbarung 19,14 wo der Herr bei seiner Wiederkunft von Heerscharen, die im Himmel sind, begleitet wird, die auf weißen Pferden sitzen, bekleidet mit glänzender, reiner und feiner Leinwand (vgl. Off 2,26.27; 3,21; 4,4; 19,7.8).

An anderen Stellen wird klargemacht, wie es möglich ist, dass der Herr mit den Heiligen wiederkommt. Es ist klar, dass dies nur geht, wenn die Heiligen vor dieser Zeit in den Himmel aufgenommen sind. Dies ist auch so, denn kurz vor der Wiederkunft wird eine große Drangsal auf der Erde sein, vor der die Gläubigen, die zur Gemeinde gehören, bewahrt werden, weil der Herr vor dieser Zeit die Gemeinde zu sich nimmt in Herrlichkeit. Diese Aufnahme vor der großen Drangsal wird unter anderem gelehrt in 1. Thessalonicher 1,10 (Er rettet uns vom kommenden Zorn) und in Offenbarung 3,10 (Er bewahrt uns vor der Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis kommen wird). In 2. Thessalonicher 2 wird sehr klar gelehrt, dass unser „Versammeltwerden“ zu dem Herrn (die Aufnahme der Gemeinde) bzw. das Wegnehmen des „Zurückhalters“ (der Heilige Geist, der in der Gemeinde wohnt) dem Abfall der Christenheit und der Offenbarung des Antichristen, dem Kommen des Tages des Herrn und der Erscheinung des Herrn Jesus (jeweils) vorausgeht. Schließlich finden wir in Offenbarung 19, dass der Wiederkunft des Herrn mit den Heiligen die Gerichte über der Erde vorausgehen (Off 6–18), während ab Kapitel 4 die Gläubigen (vorgestellt als 24 Älteste) in aller Ruhe im Himmel sind (siehe Off 4,4.9-11; 5,6-14). Dass während der großen Drangsal auch noch (andere) Gläubige auf der Erde sein werden (Mt 24; Off 7 usw.), ist eine ganz andere Sache, die wir jetzt nicht weiter ausdehnen.

Wir können also sagen, dass die Wiederkunft des Herrn aus zwei Phasen besteht, zwischen denen etliche Jahre (wahrscheinlich mindestens sieben) liegen werden. Die erste Phase (Joh 14,1-3; 1Kor 15,51-57; Phil 3,20.21; 1Thes 4,13-18 usw.) umfasst die Aufnahme der Gemeinde in den Himmel; die zweite Phase ist die Erscheinung des Herrn mit der Gemeinde auf der Erde. Zuerst kommt Er für die Seinen, danach mit den Seinen. Das erste Mal kommt Er nicht auf die Erde, sondern begegnet den Seinen in der Luft (1Thes 4,17); beim zweiten Mal werden seine Füße auf dem Ölberg stehen (Sach 14,4). Zuerst kommt Er in Liebe, danach in Herrlichkeit; zuerst, um zu erlösen, danach, um zu richten; zuerst ist Er nur für die Seinen sichtbar, danach für die ganze Welt. Und um in den Ausdrücken unseres Verses zu bleiben: zuerst die Einführung der Seinen in seine Herrlichkeit in den Himmel (die Hoffnung), dann die Offenbarung seiner und unserer Herrlichkeit auf der Erde (die Erscheinung).

Die Herrlichkeit unseres großen Gottes und Heilandes Jesus Christus

Es ist die Herrlichkeit unseres großen Gottes und Heilandes Jesus Christus. Manche, die die Gottheit Christi leugnen, übersetzen: „des großen Gottes und von unserem Heiland Jesus Christus“, was aber dem griechischen Text sehr Gewalt antut. Erstens steht vor Gott ein Artikel und vor Heiland nicht, so dass (genau wie bei „Hoffnung und Erscheinung“) „Gott und Heiland“ zusammengehören. Übrigens, dieser Ausdruck kommt zu oft in den pastoralen Briefen vor, um ihn hier einfach zu zerbrechen. „Unseres“ steht in der Tat nicht vor „große“, aber auch nicht vor Heiland, sondern dahinter. Im Griechischen ist dies ganz normal: „der Gott und Heiland unser“ (eig. „von uns“) bedeutet einfach: „unser Gott und Heiland“. Der berühmte Codex Sinaiticus hat hier „Christus Jesus“. Die Statenvertaling hat unsere Lesart, die NBG-Übersetzung die zweite; ich habe die Lesart der meisten Handschriften übernommen. Dadurch liegt die Betonung auf „Jesus“. Dies ist sein Name als niedriger Mensch auf der Erde, der Name wird jedoch gefolgt von „Christus“: Er, der der niedrige Mensch auf der Erde war, wurde durch Gott zum Herrn und zum Christus gemacht (Apg 2,36). Dies wird bei seiner Wiederkunft offenbar werden. Dann wird jedes Knie sich vor Ihm beugen und erkennen müssen, dass Jesus Christus Herr ist (Phil 2,9-11). Doch es gibt mehr! Wenn Er erscheinen wird, wird sich nicht nur zeigen, dass der verachtete Mensch Jesus aller Herr ist, sondern darüber hinaus wird offenbar werden, dass Er „unser großer Gott“ ist. Es ist Jahwe der Heerscharen, der mit den Wolken des Himmels kommen wird und alle Heiligen mit Ihm, um den Überrest Israels zu erlösen und die Völker zu richten (Ps 96,13; 98,9; Jes 24,14; 29,5-8; 31,4.5; Joel 3,12.16; Hab 3,11.12; Zeph 3,8; Sach 14,3-5). Und der, der wiederkommt, ist gleichzeitig der von Gott gesandte Messias (Ps 2,6-9; Jes 49,6; 53,12; Jer 33,15; Dan 7,13.14; Mal 3,1). Er ist Gott und Mensch in einer Person (Ps 45,7.8; Jes 9,5; 40,9-11; Jer 23,5.6; Mich 2,12.13; 5,1.3; Sach 9,9.14).

Auch das Neue Testament ist an dieser Stelle sehr klar. Jesus (das ist „Jah ist Heiland“) wird sein (Jahwes) Volk erlösen von ihren Sünden (Mt 1,21). Er ist das Wort, das Gott war und Fleisch geworden ist (Joh 1,1.14); Gott offenbart im Fleisch (1Tim 3,16). Siehe auch Johannes 5,18; 8,58; 10,30-39; 12,41; 20,28 usw. Christus ist Gott über alles, gesegnet bis in Ewigkeit (Röm 9,5). Er brauchte es nicht für einen Raub zu achten, Gott gleich zu sein (Phil 2,9). Die ganze Fülle der Gottheit wohnte in Ihm leibhaftig (Kol 1,19; 2,9). Er ist wahrhaft Gott und das ewige Leben (1Joh 5,20). Und dieser Gott ist unser Heiland geworden! Jahrhundertelang hatte Er sich als Jahwe angekündigt, der eine Gott, der Heilige Israels, der Heiland seines Volkes (Jes 43,3.11; 45,21; 49,26; Hos 13,4; Sach 9,9). Und als Er endlich als Mensch auf die Erde kam (Lk 2,11) und Israel Ihn verwarf, wurde Er selbst der Heiland der Welt (Joh 4,42), ein Erlöser für alle Nationen (Jes 49,4.7). So wurde der große Gott auch unser Heiland (Lk 1,47). In unserem Vers weist der Ausdruck also auf die Gottheit Christi hin, genau wie der fast identische Ausdruck in 2. Petrus 1,1. Hier ist der Titel „Heiland“ verbunden mit seiner Gottheit, so wie er in Titus 1,4 und 3,6 (im Gegensatz zu Tit 3,4) in Verbindung steht mit seiner Menschheit. Siehe das Ende der Betrachtung von Titus 1,4.

Wenn der Apostel daran denkt, dass der Herr Jesus in seiner Herrlichkeit erscheinen wird als unser großer Gott, dann denkt er auch daran, dass derselbe Gott einmal als niedriger Mensch in Gnaden auf der Erde erschienen ist, um unser Heiland zu sein. Und dies bringt ihn dazu, tiefer auf die Erlösung, die Christus uns als Heiland gebracht hat, einzugehen. Was für eine Gnade, zu bedenken, dass, wenn der Herr als Jahwe wiederkommen wird, um die Nationen zu richten, wir Ihn als unseren Heiland kennen dürfen, der sich für uns gegeben hat. Zweimal erscheint der Herr, und beide Male kommt Er für alle Menschen; das erste Mal kam Er in Gnade, das zweite Mal kommt Er in Herrlichkeit, um das Gericht für alle Menschen zu bringen. So wie es beim ersten Mal wenige gab, die die Gnade annahmen, so wird es beim zweiten Mal wenige geben, die dem Gericht entkommen. Alle diejenigen, die heute die Gnade abgelehnt haben, werden dann unter das Gericht fallen. Der Richter, der dann kommen wird, um dieses Gericht auszuführen, den werden wir jedoch als unseren Heiland kennen. In Vers 11 wird Er „die Gnade Gottes“ genannt, die Heil bringt, und dann wird Er in Vers 13 Heiland genannt. Jetzt, in Vers 14, wird es Zeit, zu erläutern, was der Inhalt dieses Heils (dieser Erlösung) ist und was das Werk dieses Heilands ist.

Der sich selbst für uns gegeben hat

Die Struktur in Vers 14 gleicht der von Vers 12: Wir bekommen zunächst die Erinnerung an das Negative der Vergangenheit (das, von dem wir erlöst sind) und danach den Inhalt und die Auswirkung des Positiven von heute (ein gereinigtes Eigentumsvolk, eifrig in guten Werken). In Vers 14 führt die Auseinandersetzung mit unserer Zukunftserwartung zur frohmachenden Erinnerung an das Gestern und Heute. In Vers 12 werden das Gestern und das Heute im Licht unserer Verantwortlichkeit gesehen, als Folge der Unterweisung durch die Gnade: Wir haben verleugnet, und wir müssen gottselig leben. In Vers 14 werden das Gestern und das Heute im Licht der Liebe Jesu gesehen, als Folge dessen, dass Er sich für uns gegeben hat: Er hat erlöst, Er hat gereinigt, und Er hat uns zu Eiferern gemacht. Hier ist alles Liebe und Barmherzigkeit, ein Reichtum von Gnade, Fülle und Erlösung. Das macht diesen Vers so kostbar. Wenn unsere Verantwortlichkeit beleuchtet wird, gibt es Grund zum Schämen und zur Demut. Wenn allerdings die Liebe des Herrn vorgestellt wird, gibt es Grund zur Dankbarkeit und Anbetung.

Jesus Christus hat sich selbst für uns gegeben! Was für ein tiefer Gedanke, dass Er uns so geliebt hat, dass Er alles verkaufte, was Er hatte, bis hin zu seinem Leben, um uns zu erwerben (Mt 13,44-46). Er wählte die Armut des Todes, um uns reich zu machen in überströmendem Leben (2Kor 8,9; Joh 10,10.11.17). Es ist wahr, wir finden in der Schrift auch den wichtigen Gedanken, dass Gott seinen Sohn gegeben hat. Von dieser Seite besehen, geht die Aktivität von Gott aus. Er hat die Welt so geliebt, dass Er seinen eigenen Sohn gegeben hat (Joh 3,16). Er hat sogar seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern Ihn für uns alle hingegeben (Röm 8,32); Er hat Ihn unserer Übertretungen wegen dahingegeben und unserer Rechtfertigung wegen auferweckt (Röm 4,25). Doch genauso groß ist der Gedanke, dass der Sohn sich selbst gegeben hat. Hier geht die Aktivität vom Sohn aus. Es war der Vater, der Ihn sandte (Joh 3,17; 1Joh 4,9.10), doch der Sohn war darin vollkommen im Willen übereinstimmend mit dem Vater. Der Wille des Vaters kam vollkommen mit seinem eigenen Willen überein. „Darum, als er in die Welt kommt, spricht er: … Siehe, ich komme, um deinen Willen, o Gott, zu tun“ (Heb 10,5-7). Als Gott Ihn hingab, gab der Sohn sich gleichzeitig selbst hin.

Für wen gab Er sich hin? Wir lesen hier: „für uns“, doch das Größte (das wir oft vergessen) ist doch, dass Er sich zur Ehre Gottes hingab. Er hat sich durch den ewigen Geist tadellos Gott geopfert (Heb 9,14). Als der Sklave in 2. Mose 21 sich für immer als Sklave hingibt, sagt er zunächst: Ich liebe meinen Herrn, danach: Ich liebe meine Frau und meine Kinder (2Mo 21,5). Er kam vor allen Dingen, um den Vater zu verherrlichen (Joh 12,27.28; 17,4). Doch danach kommt doch die Wahrheit, dass Er sich auch für uns gegeben hat. Dies finden wir außer in unserem Vers auch in Epheser 5,2, wo darüber hinaus die Triebfeder und das Ziel dieser Hingabe erwähnt wird: „Christus hat uns geliebt und sich selbst für uns hingegeben als Darbringung und Schlachtopfer Gott zu einem duftenden Wohlgeruch.“ Die Triebfeder ist seine Liebe, das Ziel ist die Verherrlichung Gottes! Doch hat Er nicht nur uns geliebt, Er hat auch die ganze Gemeinde (als eins gesehen) geliebt und sich selbst für sie hingegeben (Eph 5,25). Das ist kollektiv: Die Gemeinde und individuell ist da der wunderbare, anbetungswürdige Gedanke: Er hat mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben (Gal 2,20). Warum musste Er sich für uns hingeben? Zumindest schon mal, weil wir gesündigt hatten. Er hat sich selbst für unsere Sünden gegeben (Gal 1,4). Und wie umfangreich war seine Hingabe? Er hat sich selbst als Lösegeld für alle gegeben (1Tim 2,6).

Wie hat Er sich gegeben? Er gab sein Leben. Er hat sein Leben als Lösegeld für viele gegeben (Mt 20,28; Mk 10,45). Der gute Hirte setzt sein Leben für die Schafe ein, ja, Er legt sein Leben für die Schafe ab (Joh 10,11.15). Er hat sein Leben freiwillig gelassen (Joh 10,17.18) und gab seinen Geist freiwillig auf (Joh 19,30). Dadurch ist Er für uns gestorben. Er hat sich für uns hingegeben (Eph 5,2; Tit 2,14), indem Er für uns starb, als wir noch Sünder waren (Röm 5,8). Er hat sich für unsere Sünden gegeben (Gal 1,4), indem Er für unsere Sünden starb, nach den Schriften (1Kor 15,3). Er hat sich selbst als Lösegeld für alle gegeben (1Tim 2,6), indem Er für alle starb (2Kor 5,14.15), damit die, die leben, nicht mehr sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferweckt ist.

Wir haben zwei Begriffe gebraucht: geben und hingeben. Der zweite ist stärker als der erste. Er drückt mehr seine vollkommene Hingabe, sein Sich-selbst-zu-nichts-Machen und die Absolutheit seiner Gabe aus. „Geben“ kommt außer in unserem Vers in demselben Sinn vor in Matthäus 20,28; Markus 10,45; Johannes 3,16; Galater 1,4 und 1. Timotheus 2,6 vor. „Hingeben“ finden wir in Römer 4,25; 8,32; Galater 2,20 und Epheser 5,2.25. Das Wort „für“ in „für uns“ ist huper, „zugunsten, sich ausstreckend zu“. Dieses Wort befindet sich in allen zitierten Stellen, außer in Matthäus 20,28 und Markus 10,45 (anti, „anstelle von“; der Herr gab sich an unserer Stelle). In Römer 4,25 steht, dass Er unserer Übertretungen wegen hingegeben ist; dort ist es die, „wegen, durch“, was auf die moralische Notwendigkeit seine Hingabe hindeutet. In 1. Petrus 3,18 lesen wir: „Denn es hat ja Christus einmal für (peri, „im Hinblick auf“) Sünden gelitten, der Gerechte für (huper) die Ungerechten.“

Für wie lange hat der Herr sich hingegeben? Wir könnten meinen, dass seine Hingabe auf seine Leiden und sein Sterben am Kreuz beschränkt war, und in der Tat „gab Er sein Leben“ und „gab Er seinen Geist auf“ auf dem Kreuz, wie wir bisher gesehen haben. Doch seine Hingabe erstreckt sich viel weiter. Er hat sich selbst nicht nur für unsere Sünden hingegeben (1Kor 15,4; Gal 1,4; 1Pet 3,18), sondern unser Vers zeigt, dass Er sich hingegeben hat, um eine vollkommene Erlösung zu bewerkstelligen, eine vollkommene Reinigung zustande zu bringen und um unseren Eifer aufrechtzuerhalten. In unserem Vers ist es in erster Linie das Werk auf dem Kreuz, doch die praktische Auswirkung hiervon wird erst vollständig sein, wenn unser Leib erlöst ist (und wir damit auch praktisch von aller Gesetzlosigkeit erlöst sind). Dann wird auch die praktische, tägliche Reinigung von Christi Volk vollendet sein, und es endet sein Wandel in guten Werken.

Epheser 5,25-27 macht das noch klarer. Christus hat sich für die Gemeinde hingegeben, nicht nur, um sie zu heiligen, sondern auch um sie fortwährend zu reinigen durch die Waschung mit Wasser durch das Wort, bis zu dem Moment und mit dem Ziel, dass Er sie vor sich stellen wird, herrlich, ohne Flecken und Runzel oder etwas dergleichen, sondern heilig und tadellos. Diese bleibende Übergabe hat in der Schrift den zutreffenden Charakter des Knechtseins. Ich erwähnte bereits den hebräischen Knecht aus 2. Mose 21, der sich für immer hingab, um Knecht zu sein, weil er seinen Herrn, seine Frau und seine Kinder liebte. So hat der Herr sich Gott untadelig geopfert, seine Braut geliebt und jeden einzelnen Gläubigen geliebt und sich für sie hingegeben. Als Erstes kam der Sohn des Menschen auf die Erde, nicht, um bedient zu werden, sondern um als Sklave zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele (Mt 20,28; vgl. Phil 2,6-8). Zweitens ist Er nun im Himmel, wo Er für immer lebt, um für uns einzustehen (Röm 8,34; Heb 7,25) und um als Sklave uns die Füße zu waschen (Joh 13,2-20). Und wenn wir dann heilig und vollkommen bei Ihm im Himmel sind, wird der Sklavendienst dann beendet sein? Nein, dann wird Er sich immer noch bis in Ewigkeit als Sklave umgürten, uns, die wir seine Sklaven sind, zu Tisch liegen lassen, und Er wird hinzutreten, um uns zu bedienen (Lk 12,37)! Was für eine anbetungswürdige Güte, was für eine vollkommene, alles aufopfernde Liebe.

Diese Liebe muss unser Verständnis von Vers 14 beherrschen. Es hat wenig wert, wenn wir nur anerkennen, dass wir erlöst und gereinigt sind. Wenn wir uns bewusst machen, was für eine Liebe den Herrn getrieben hat, sich für uns hinzugeben, sollten wir uns dann nicht aus Wiederliebe zu Ihm beeifern, auch praktisch die Gesetzlosigkeit zu verleugnen, einen reinen Wandel haben und gute Werke tun? Abgesehen von der Tatsache, dass unsere neue Natur nichts anderes will, als Wiederliebe zu geben und Ihm zu dienen, der kam, um uns zu dienen. Wir lieben, weil Er uns zuerst geliebt hat. (1Joh 4,19).

Damit er uns loskaufte

Nun wollen wir, nachdem wir die Triebfeder seiner Hingabe überdacht haben, das Ziel seiner Hingabe besehen. Das erste Ziel ist negativ: uns zu erlösen von aller Gesetzlosigkeit. Das zweite Ziel ist positiv: sich ein Volk zu erwerben, mit drei Kennzeichen – es ist sein eigenes Volk; Er hat es gereinigt; es ist eifrig in guten Werken (das Erste ist Stellung, das Zweite ist Zustand, das Dritte ist Wandel). Die Erlösung, die Er zustande gebracht hat, ist eine vollkommene Erlösung. Uns sind nicht nur die Sünden vergeben, sondern wir sind auch befreit von der Macht der Sünde. Wir wissen, dass die Sünde Gesetzlosigkeit ist (1Joh 3,4); es ist die Macht in uns, die sich Gott widersetzt und die sich seinem Willen nicht unterwerfen will, ja, die keine einzige Autorität über sich anerkennt als nur die des Fleisches und die des Teufels. Dadurch waren wir vollkommen in der Macht der Sünde (Röm 6,15-23; 7,12-26; Eph 2,1-3) und in der Macht des Teufels (Apg 16,18; Heb 2,14.15). Doch Christus hat uns von aller Gesetzlosigkeit erlöst; nicht von allen Gesetzlosigkeiten, wiewohl dies auch wahr ist, sondern von der totalen Macht der Gesetzlosigkeit in ihrer Ganzheit und von jeder Form oder Tat der Gesetzlosigkeit im Besonderen.

Hier wird ein ziemlich seltenes Wort für „erlösen“ gebraucht, nämlich lutroö, das eigentlich „freikaufen, lösen“ bedeutet, loskaufen für ein Lösegeld (lutron; Mt 20,28; Mk 10,45; in 1Tim 2,6 steht antilutron). Dieses Verb kommt in den Briefen weiterhin nur in 1. Petrus 1,18 vor, wo der Apostel sagt, dass wir nicht „erlöst“ sind durch Silber oder Gold, sondern durch das kostbare Blut Christi. Dieser Vers sagt gleichzeitig, was der Grund für unsere Erlösung ist, oder besser: was der Preis ist, mit dem wir freigekauft wurden: Es ist das Blut Christi. Dies sagt auch Hebräer 9,12, die einzige Stelle, in der in den Briefen das von lutroö abgeleitete selbständige Nomen lutrosis („Erlösung“) vorkommt, also in der Bedeutung von „Freikaufen“: Christus ist mit seinem eigenen Blut ein für allemal in das Heiligtum eingegangen, als er eine ewige Erlösung erfunden hatte. Was für ein Preis ist das! Er hat sich selbst gegeben, Er hat sein Leben, sein eigenes Blut gegeben, alles, was Er war und hatte, ja sich selbst, damit wir durch diesen unendlich großen und kostbaren Lospreis für ewig und vollkommen freigekauft werden konnten. Er verkaufte alles, was Er hatte, und kaufte die schöne Perle (Mt 13,45.46). „Ihr seid um einen Preis erkauft worden; verherrlicht nun Gott in eurem Leib“ (1Kor 6,20; 7,23).

Von aller Gesetzlosigkeit

Ist es dann nicht traurig, dass gerade die Gesetzlosigkeit, von der wir erlöst sind, im Neuen Testament so oft mit dem Christentum in Verbindung steht? Im zweiten Brief des Neuen Testaments, der geschrieben wurde, musste der Apostel im Hinblick auf den kommenden Verfall bereits sagen, dass das Geheimnis der Gesetzlosigkeit schon wirksam war (2Thes 2,7), und zwar inmitten der Christen. Im Verborgenen existierte das Ausüben der Gesetzlosigkeit bereits bei denen, die bekannten, gläubig zu sein. Und diese Verborgene würde sich immer weiter offenbaren bis zum Kommen „des Gesetzlosen“, des Antichristen, der mit dem Abfall gepaart gehen würde. In 2. Korinther 6,14 warnt Paulus die Gläubigen, Gemeinschaft mit der Gesetzlosigkeit einzugehen. Ist dies leider nicht doch geschehen, und ist es nicht der Anfang des Verfalls geworden? Jahre später musste Johannes schreiben, dass Antichristen von den Gläubigen ausgegangen waren, die nicht zu ihnen gehörten (1Joh 2,18.19). In Verbindung mit ihren Merkmalen sagt der Apostel dann, dass jeder, der die Sünde tut, auch die Gesetzlosigkeit ausübt, denn Sünde ist Gesetzlosigkeit. Daran sind sie erkennbar (1Joh 3,4-6). Ja, früher stellten wir unsere Glieder der Sklaverei der Unreinheit und Gesetzlosigkeit zur Gesetzlosigkeit zur Verfügung, aber jetzt sollen wir unsere Glieder der Sklaverei der Gerechtigkeit zur Heiligung zur Verfügung stellen (Röm 6,19). Wenn wir nun doch in der Gesetzlosigkeit verharren, zeigen wir damit, dass wir Christus nicht gesehen haben und Ihn nicht kennen (1Joh 3,6). In der Endzeit wird diese Gesetzlosigkeit überhand nehmen, wodurch die Liebe der Vielen erkalten wird von der Masse der christlichen Bekenner (Mt 24,12). Sehen wir das in unserer Zeit nicht schon vor sich gehen? Oft unter christlichem Deckmantel nehmen Anarchie, Autoritätsverlust und Wirren immer mehr zu. Das lässt die Zeit reif werden für den, der sich erheben und über jeden Gott groß machen wird und der auf den Gott seiner Väter nicht achten wird, sondern nach seinem Wohlgefallen handeln wird (Dan 11,36.37).

Wir sind jedoch durch Gnade von aller Gesetzlosigkeit erlöst. Wir haben gesehen, dass das Verb eigentlich „loskaufen“ bedeutet, das ist „befreien, indem ein Lösegeld bezahlt wird“. Doch es beinhaltet mehr. Der Nachdruck liegt nicht nur auf dem bezahlten Preis – dafür existiert im griechischen Neuen Testament das Wort „kaufen“ (1Kor 6,20; 7,23; Off 5,9) und das stärkere „freikaufen“ (Gal 3,13; 4,5) –, sondern vor allen Dingen auch auf der Befreiung, die demjenigen gebracht wird, für den das Lösegeld bezahlt wurde. Das Verb wird für einen Sklaven gebraucht, der für einen Preis freigekauft wird und dadurch in die volle Freiheit entlassen wird. Auf der erworbenen Freiheit liegt die Betonung.

Was bedeutet das für einen Gläubigen? Es enthält, dass er vollkommen aus der Sklaverei der Sünde, des Todes und Satans befreit ist. Er war ein Sklave und ist nun ein freier. „Wenn nun der Sohn euch freimacht, werdet ihr wirklich frei sein“ (Joh 8,36). „Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, wiederum zur Furcht, sondern einen Geist der Sohnschaft habt ihr empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater!“ (Röm 8,15). „Für die Freiheit hat Christus uns freigemacht“ (Gal 5,1). Doch was beinhaltet diese Freiheit? Bedeutet das nun, dass wir tun und lassen, was wir wollen? Es ist wie mit dem schwarzen Jungen, der in Sklaverei war und von einem Weißen freigekauft wurde. Dieser sagte zu dem Jungen: „Ich gebe dir die Freiheit, du kannst hingehen, wohin du willst“, worauf der Junge sich vor ihm niederwarf und sagte: „Du hast mich freigekauft, deswegen will ich dir für immer als Sklave dienen – aus Dankbarkeit.“ Er wählte freiwillig den Sklavendienst, allerdings nicht, um weiterhin unter einem schrecklichen Joch zu arbeiten, sondern als ein Freier und aus Hingabe. So wird der Gläubige, der aus derart schrecklichen Mächten befreit ist, nichts anderes wollen, als seinem Retter ewig hingegeben zu dienen (Eph 6,6).

Und sich selbst ein Eigentumsvolk reinigte

Das ist jedoch nicht das Einzige. Wir dienen Christus nicht nur aus Dankbarkeit, sondern auch aus Gehorsam. Deswegen geht das Bild nicht ganz auf, denn Christus hat nie zu uns gesagt, dass wir von nun an tun und lassen können, was wir selbst wollen. Er hat sich hingegeben, nicht allein, damit Er uns erlöse von aller Gesetzlosigkeit, sondern auch, damit Er sich selbst ein eigenes Volk reinige, eifrig in guten Werken. Er hat uns zum Eigentum erworben. Müssen wir also das Bild von jemand anwenden, der einen Sklaven kauft, nicht, um ihm die Freiheit zu geben, sondern um ihn für sich selbst als Sklaven zu gebrauchen? Auch dieses Bild würde nicht ganz aufgehen, weil es die herrliche Freiheit verkennen würde, die Christus uns erworben hat. Wir sehen also, dass wir mit einer Wahrheit zu tun haben, die zwei Seiten hat. In erster Linie müssen wir gut festhalten, dass wir vollkommen befreit sind von der Sünde und dem Tod und nicht mehr in der Angst der Versklavung verkehren (Röm 8,15; Heb 2,14.15), sondern wirklich vollkommen frei sind und nicht nur Freie, sondern sogar Söhne Gottes sind (Gal 4,1-7.22-31). Genauso wahr ist aber, dass Christus uns für Gott mit seinem Blut erkauft hat (Off 5,9) und sich selbst ein eigenes Volk gereinigt hat. Darum sagt Paulus: „Freigemacht von der Sünde, seid ihr Sklaven der Gerechtigkeit geworden … Jetzt aber, von der Sünde freigemacht und Gott zu Sklaven geworden, habt ihr eure Frucht zur Heiligkeit, als das Ende aber ewiges Leben“ (Röm 6,15-23). Ebenso sind wir Sklaven Christi geworden (1Kor 7,22; Gal 1,10; Eph 6,6).

Auf zwei Weisen kommt diese Dienstbarkeit an Christus in unserem Vers zum Ausdruck. Erstens hat Er für sich selbst ein Volk gereinigt; also nicht ein Volk gereinigt, damit es weiter eigene Wege ziehen würde, sondern Er reinigte es für sich selbst, um es selbst zu besitzen. Zweitens reinigte Er ein eigenes Volk. Dieses Wort „eigen“ ist ein merkwürdiges Wort. Es kommt nur hier vor und ist im Griechischen perioesios, was wörtlich bedeutet: „für (ihn selbst) seiend“. Es ist das Wort, das in der alten griechischen Übersetzung des Alten Testaments (der Septuaginta) gebraucht wird in 2. Mose 19,5; 5. Mose 7,6; 14,2; 26,18 (als selbständiges Nomen in Ps 135,4), wo wir denselben Ausdruck haben wie in unserem Vers: „Dich hat Jahwe dein Gott erwählt, dass du ihm zu einem Volk des Eigentums seiest aus allen Völkern, die auf der Erdboden sind.“  Der Ausdruck „Volk des Eigentums“ ist in der griechischen Übersetzung genau derselbe wie in unserem Vers, und damit ist klar, dass Paulus beim Aufschreiben an diese Worte aus dem Alten Testament gedacht hat. So wie Gott sich im Alten Testament ein „eigenes Volk“ erwählt hatte, dass es Ihm diene, so hat Christus nun auch sich selbst ein eigenes Volk gereinigt, eifrig in guten Werken. Das griechische Wort für „eigen“ deutet auf etwas ganz Besonderes hin, etwas Kostbares, das man absondert und beiseitelegt, um es für sich selbst zu reservieren. Es ist also viel tiefsinniger als das gewöhnliche Wort „eigen“ (idios; siehe z.B. Tit 1,2) im Neuen Testament. In Klammern dazu: In 1. Petrus 2,9 folgt Petrus nicht der Septuaginta, sondern er schreibt: „ein Volk zum Besitztum“, worin „Besitztum/Eigentum“ (peripoièsis) wörtlich „Erhalt“ bedeutet (1Thes 5,9; 2Thes 2,14) oder „erworbener Besitz“ (Eph 1,14).

Volk

Es ist bemerkenswert, dass hier von „dem Volk von Jesus Christus“ die Rede ist. Wir finden verschiedene Ausdrücke für die Gesellschaft derjenigen, die an Christus glauben: die Gemeinde Gottes, das Haus Gottes, der Leib Christi, die Braut des Lammes. Hier wird jedoch über das „Volk“ Christi gesprochen. In Apostelgeschichte 15,14 betrachtet Jakobus die Sache von der Seite Gottes aus, wenn er sagt: „Gott hat zuerst darauf gesehen, aus den Nationen ein Volk zu nehmen für seinen Namen.“ Hier wird die Gemeinde als ein Volk für Gott gesehen, durch den Heiligen Geist aus den Nationen gesammelt. Diejenigen, die sich aus den Nationen zu Gott bekehren, gehören nicht mehr zu den „Nationen“, und die bekehrten Juden gehören nicht mehr zu den Juden, sondern sie beide bilden zusammen eine dritte Gruppe: die Gemeinde Gottes (1Kor 10,32). Vor der Sintflut gab es nur eine Gruppe: „die Menschen“ (1Mo 6,1.5), ohne Einteilung in Nationen. Dies geschah erst nach der Sintflut und nach dem Turmbau zu Babel, als Gott „die Erde (ein)teilte“ (1Mo 10,25), indem Sprachbarrieren zwischen Menschengruppen hervorgerufen wurden und dadurch ihre Macht brachen. Seitdem ist die Rede von „Nationen“ (1Mo 10,32). Aus diesen „Nationen“ erwählt Gott sich dann ein Volk, damit es sein eigenes wäre (5Mo 7,6). Seitdem gibt es im Alten Testament zwei Gruppen auf der Erde: Israeliten und Heiden. Nach Pfingsten kommt dann eine dritte Gruppe hinzu: die Gemeinde Gottes. Global gesehen, gibt es also in den ersten zweitausend Jahren der Menschheitsgeschichte eine Gruppe: Heiden; in der zweiten Periode von zweitausend Jahren zwei Gruppen: „das Volk“ und die Nationen; und in der dritten Periode von zweitausend Jahren sowie im tausendjährigen Friedensreich drei Gruppen: die Nationen, das irdische Volk Gottes und das himmlische Volk Gottes. Im ewigen Zustand wird es zwei Gruppen geben: die Gemeinde Gottes im Himmel und alle übrigen wiedergeborenen Menschen aller Epochen auf der Erde, nicht in Nationen aufgeteilt, sondern gemeinsam das Volk Gottes auf der Erde (Off 21,3).

Die Gemeinde ist nun das himmlische Volk Gottes auf der Erde. Israel ist als Volk für eine Zeit beiseitegesetzt und trägt momentan den Namen Lo-Ammi, „Nicht-mein-Volk“ (Hos 1,9). Seine Stelle als Zeugnis Gottes auf der Erde wird jetzt eingenommen durch die Gemeinde, übrigens ohne die besondere Berufung Israels zunichte zu machen (Röm 11,29). In manchen Texten werden die Prophezeiungen des Alten Testaments über das Volk Gottes in der Gemeinde als geistlich erfüllt angesehen, ohne dass dies von der zukünftigen, wortwörtlichen Erfüllung für Israel etwas wegnimmt (Röm 9,25; Heb 4,9; 1Pet 2,9.10). In Apostelgeschichte 15 sahen wir den Beweis, dass die Gemeinde aus allen Nationen das Volk Gottes ist. In Offenbarung 5,9 wird der Herr Jesus hierin einbezogen: „Du hast für Gott erkauft, durch dein Blut, aus jedem Stamm und Sprache und Volk und Nation.“ Es heißt aber auch wieder „für Gott“. Unser Vers in Titus 2 ist jedoch einzigartig, denn er sagt, dass die Gemeinde auch das „eigene Volk“ Christi ist. Etwas Ähnliches haben wir in Matthäus 16. Immer ist die Rede von „der Gemeinde Gottes“, doch hier redet der Herr in Vers 10 von „meiner Gemeinde“. Und das ist sehr wichtig! Übrigens haben die Israeliten ihre „Gemeinde“ (ekklesia), das ist die Volksversammlung (Apg 7,38), und auch die Heiden kennen ihre „Versammlung“ (Apg 19,32); aber der Herr Jesus will seine eigene Gemeinde besitzen, die Ihm völlig gehört, die auf Ihn gegründet ist, dem Sohn des lebendigen Gottes, und die nicht durch die Pforten des Hades überwältigt werden kann. So ist es auch mit seinem „eigenen Volk“. Die Könige der Erde haben ihre Nationen, der Teufel ist ihr Fürst; Israel war das Volk Gottes, und nun ist es Lo-Ammi. Jetzt will der Herr sein eigenes Volk besitzen. Dazu hat Er sich hingegeben, um uns von aller Gesetzlosigkeit zu erlösen und uns für sich selbst zu reinigen. Nach diesem Volk verlangte sein Herz (vgl. Apg 18,10).

Reinigen

Christus hat uns von den Sünden gereinigt. Er tat dies „für sich selbst“, damit wir, ganz rein geworden, Ihm gehören und Ihm hingegeben leben würden, eifrig in guten Werken. Er reinigte uns, damit wir Ihm zu einem Volk sein würden. So wird Gott auch Israel in der Zukunft „reinigen; und sie werden mein Volk, und ich werde ihr Gott sein“ (Hes 37,23). Um Christus angehören und Ihm dienen zu können, musste Er uns zuerst reinigen von allem, was eine Scheidung machte zwischen uns unserem Gott (vgl. Jes 59,2), weshalb wir Ihm nicht dienen konnten. Erstens gab Er sein Blut, damit wir gereinigt werden würden von aller Sünde (1Joh 1,9) und damit unser Gewissen durch sein Blut gereinigt werden würde von toten Werken, damit wir dem lebendigen Gott dienen (Heb 9,14). Zweitens gab Er sein Wort und wendete dies durch die Kraft des Heiligen Geistes auf unsere Herzen und Gewissen an (Joh 3,5), damit wir uns selbst offenbar werden würden und unser böses Gewissen gereinigt werden würde durch diese Waschung mit dem Wort (Joh 13,10; 15,3; Eph 5,26; Heb 10,22; 1Pet 1,22.23). Letzteres kommt bei Titus 3,5 noch ausführlich zur Sprache. Der Hauptgedanke ist hier, dass Christus sich für uns gegeben hat, um sich selbst ein eigenes Volk zu reinigen, eifrig in guten Werken; ein ähnlicher Gedanke wie in Epheser 5,25-27, wo wir lesen, dass Christus sich für die Gemeinde hingegeben hat, um sie zu heiligen, sie reinigend durch die Waschung des Wassers durch das Wort, damit sie heilig und tadellos sei.

Nur in dem Letzten gibt es einen Unterschied: In unserem Vers ist es praktisch. Es ist das Resultat des Werkes des Herrn in unserem praktischen, täglichen Leben, während Epheser 5,27 auf das abzielt, was wir dem Grunde nach jetzt auch schon sind, was aber praktisch erst Wirklichkeit sein wird, wenn der Herr die Gemeinde vor sich hinstellen wird, herrlich, ohne Flecken oder Runzel oder dergleichen. Dennoch ist dies nicht etwas, auf das wir gelassen warten, sondern wir müssen „eifrig sein in guten Werken“, um jetzt schon in der Praxis unserer prinzipiellen Heiligkeit und Tadellosigkeit zu entsprechen, indem wir nach dem inneren Menschen Tag für Tag erneuert werden (2Kor 4,16), so dass wir, die wir mit unbedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauen, nach demselben Bild verwandelt werden, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, als durch den Herrn, den Geist (2Kor 3,18), und damit wir dadurch dem Bild des Sohnes Gottes praktisch gleichförmig werden (Röm 8,29). Dies kann alles verwirklicht, wenn wir nicht nur wissen, dass wir einmal gereinigt worden sind von den Sünden durch das Blut Christi, sondern indem wir uns selbst auch dauerhaft reinigen von jeder Befleckung des Fleisches und des Geistes (2Kor 7,1). Wir sollen nicht nur um den Tod Christi für uns wissen, sondern auch damit rechnen, dass wir jetzt selbst für die Sünde tot sind (Röm 6,11). Deswegen müssen wir alle Glieder des „Leibes der Sünde“ (Röm 6,6), die noch auf der Erde sind, töten (Kol 3,5), ja, zu aller Zeit das „Sterben“ Jesu im Leib umhertragen, damit auch das Leben Jesu in unserem Leib offenbar wird (2Kor 4,10). Dann werden wir von dem Fleisch nichts mehr erwarten (Röm 7,18), sondern nur aus der Kraft leben, die Gott verleiht (1Pet 4,11), denn die Kraft des Herrn wird nur in unserer Kraftlosigkeit vollbracht (2Kor 12,9).

Eifrig in guten Werken

Daher: Lasst uns dem Ziel entsprechen, zu dem Christus uns für sich selbst gereinigt hat, nämlich um eifrig zu sein in guten Werken. Lasst uns Nachfolger des Guten sein (1Pet 3,13) und in den guten Werken wandeln, die Gott zuvor bereitet hat (Eph 2,10). Lasst uns Werke tun, die der Bekehrung entsprechen (Apg 26,20). Und zwar mit allem „Eifer“. Wörtlich steht dort „ein Eiferer guter Werke“. Das Volk Christi muss ein Eiferer sein. Dieses Wort ist im Griechischen zèlotès, was uns natürlich unmittelbar an Simon den Eiferer denken lässt (Lk 6,15; Apg 1,13), der Mitglied einer extremen pharisäischen Gruppe von „Eiferern“ war, um die Römer zu verjagen. Das Wort wird im Neuen Testament auf zweierlei Weisen gebraucht: erstens in negativem Sinn, als religiöser Eifer, der dem Fleisch gefällt. Paulus nennt sich vor seiner Bekehrung einen Eiferer für Gott (Apg 22,3) und für die Überlieferungen der Väter (Gal 1,14), während die judäischen Christen Eiferer für das Gesetz genannt werden (Apg 21,20), und Paulus nennt sie Ungehorsame (Röm 15,31). Es ist ein Eifer, der den Menschen verherrlicht, Gott aber ungehorsam ist. Vielleicht ist der Eifer so groß, dass der Mensch – was die Gerechtigkeit aus dem Gesetz betrifft – tadellos ist (Phil 3,6); wenn er jedoch Auge in Auge der Herrlichkeit Christi gegenübersteht, wird er klein wie ein nichtiger Wurm (Apg 22,6-11). Gottes Geist sagt von solchen Menschen, dass ihr Eifer verkehrt ist, denn sie befinden sich selbst nicht in der richtigen Gesinnung vor Gott und versuchen, andere davon abzuhalten, damit sie Eifer für sie erbringen (Gal 4,17; vgl. Mt 23,13; Apg 14,2). Der Apostel fügt in Galater 4 zwar hinzu, dass es an sich nicht verkehrt ist, eifrig zu sein, doch dann eifrig in Gutem, und zwar allezeit (vgl. unser Vers). So kommen wir zu der zweiten Bedeutung, in der „eifrig“ im Neuen Testament gebraucht wird, nämlich eifrig nicht in dem, was vom sündigen Fleisch ist, indem wir uns unter Gesetz stellen (das immer Fluch hervorruft, Gal 3,10), sondern eifern in dem, was vom Geist ist, der in uns wohnt und der die führende Kraft für die Ausübung der Gnadengaben ist, die wir empfangen haben (1Kor 12,31; 14,1.12.39; „streben“ ist wörtlich „eifern“).

In Verbindung mit Vers 7 haben wir gesehen, dass „gute Werke“ hier Werke sind, die in sich selbst edel und rein sind und die auf den Dienst und die Verherrlichung des lebendigen und wahren Gott abzielen. Etwas Ähnliches haben wir auch in Titus 3,8, wo die Gläubigen „gute Werke betreiben sollen“. Es ist nicht nur nötig, dass der Herr Jesus unser Gewissen reinigt von toten Werken (das ist negativ), sondern auch, dass wir zu dem Positiven kommen, wozu diese Reinigung stattgefunden hat, nämlich um dem lebendigen Gott zu dienen (Heb 9,14; 1Thes 1,9). Denn wir sind sein Werk (für Ihn geschaffen! Vgl. Kol 1,16), geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor (schon bevor die Welten existierten; Eph 1,4) bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln sollen (Eph 2,10). Und sollten die Gläubigen darin versagt haben, so ruft der Herr ihnen zu: „Sei eifrig und tue Buße … und tue die ersten Werke“ (Off 3,9; 2,5).

Dies rede und ermahne und überführe mit allem Nachdruck. Lass niemand dich verachten.

Am Ende dieses Kapitels kehrt der Apostel zu seinem Anfang zurück, wo er gesagt hat: „Rede, was der gesunden Lehre geziemt.“ Nachdem er ausführlich dargelegt hat, welche Handlungsweise der Gläubigen und jeder einzelnen Gruppe von Gläubigen hinsichtlich des Inhalts der gesunden Lehre geziemt, wiederholt er noch einmal: „Rede diese Dinge“, um sie Titus mit Nachdruck aufs Herz zu legen. Alle drei Verben, die in diesem Vers genannt werden, sind übrigens Wiederholungen von früheren Versen, nämlich „ermahnen“ in Titus 2,6 und „bestrafen“ in Titus 1,13. Das „reden“ ist allgemein: mitteilen, was gesund und geziemend ist für jeden Gläubigen (der Codex Alexandrinus hat hier das Verb „lehren“, wie in Tit 1,11). Das „Ermahnen“ ist dort nötig, wo trotz des „Redens“ (oder „Lehrens“) der Wahrheit durch Titus das Fleisch bei den Gläubigen wirksam ist oder wo der Satan oder die Welt Einfluss genommen hat und die Wahrheit, die gesunde Lehre, eintrübt. Das „Bestrafen“ ist dort nötig, wo öffentlich Widerstand oder Verfall vorhanden ist; wo der Feind öffentlich widersteht, muss das Böse auch öffentlich „an den Pranger gestellt werden“ (wir haben in Titus 1,13 gesehen, dass das die eigentliche Bedeutung dieses Wortes ist).

Mit allem Nachdruck

Titus brauchte sich hierbei nicht gehemmt zu fühlen, sondern konnte mit aller Autorität sprechen, denn er musste sich bewusst sein, der Abgeordnete des Apostels zu sein. Das Wort, das hier durch „Nachdruck [in NL: Autorität]“ übersetzt ist, wird an anderen Stellen immer mit „Befehl“ übersetzt (z.B. Tit 1,3). Es weist also auf die Autorität hin, die er als Befehlsgeber hat. Titus konnte befehlend sprechen, weil er dazu alle Autorität hatte. Gott ist natürlich die Autorität über alles, deswegen kann Er befehlen. Das Neue Testament verbindet dies mit Gottes Berufungen und Offenbarungen (Röm 16,26; 1Tim 1,1; Tit 1,3) und des Weiteren mit apostolischer Autorität wie in unserem Vers (1Kor 7,6.25; 2Kor 8,8). Titus hatte Autorität, weil der Apostel ihn gesandt hatte. Doch der „Apostel“ war selbst ein „Gesandter“ des Herrn, so dass die Autorität, mit der Titus seine Befehle geben konnte, von dem Herrn selbst war. So wie die Gebote von Paulus die Gebote des Herrn waren (1Kor 14,37) und wie der Herr selbst gesagt hat: „Wer aufnimmt, wen irgend ich senden werde, nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat“ (Joh 13,20). So sandte Gott also den Herrn Jesus, der Herr sandte den Apostel Paulus, und Paulus sandte Titus. Wer nun Titus empfangen und ihm gehorchen würde, würde Gott selbst gehorchen. Natürlich durfte ihn diese Autorität nicht zur Selbstüberhebung bringen, sondern er musste diese Autorität in einem Geist der Liebe und der Sanftmut ausüben. Hierin ist der Herr das vollkommene Vorbild, und auch Paulus, zum Beispiel in seiner Haltung den Korinthern gegenüber, war Titus ein Vorbild.

Lass niemand dich verachten

Titus war wahrscheinlich noch jung, als Paulus ihm diese Aufgaben übertrug, genau wie Timotheus es war. Es könnte also möglich sein, dass einige ihn nicht ernst nehmen und ihn verachten würden. Vielleicht würden sie bei seinen Ermahnungen ihre Schultern hochziehen oder versuchen, seine Worte zu verdrehen. Der Apostel nimmt dies sehr übel. „Niemand verachte dich.“ Zu Timotheus sagte er sogar: „Niemand verachte deine Jugend“ (1Tim 4,12). Vergleiche auch 1. Thessalonicher 5,12.13. Die Verben in diesen Versen stehen nicht im Konjunktiv, sondern in der Befehlsform: „Niemand darf dich verachten“; nicht ein Wunsch, sondern ein Befehl. Übrigens ist das Wort „verachten“ in unserem Vers nicht dasselbe wie in 1. Timotheus 4,12. Das Wort in unserem Vers kommt im Neuen Testament nicht weiter vor und bedeutet ursprünglich „Überlegungen haben über etwas“, was bei dem Gebrauch des Wortes immer „verkehrte Gedanken“ bedeutet.

Auch bei anderen jungen Männern in der Bibel kommt die Furcht vor, dass die Älteren geringschätzig über sie sprechen könnten. Zum Beispiel bei Elihu, der sagte: „Ich bin jung an Jahren, und ihr seid Greise; darum habe ich mich gescheut und gefürchtet, euch mein Wissen mitzuteilen“ (Hiob 32,6). Doch David konnte sagen: „Verständiger bin ich als alle meine Lehrer, denn deine Zeugnisse sind mein Sinnen. Mehr Einsicht habe ich als die Alten, denn die Vorschriften habe ich bewahrt“ (Ps 119,99.100). Auch bei Jeremia gab es Furcht: „Ach, Herr, Herr, siehe, ich weiß nicht zu reden, denn ich bin jung.“ Doch der Herr antwortet dann: „Sage nicht: Ich bin jung; denn zu allen, wohin ich dich senden werde, sollst du gehen, und alles, was ich dir gebieten werde, sollst du reden“ (Jer 1,6.7). In demselben Sinn sprach Paulus zu Titus. So kann Gott in Zeiten von Not manchmal einen jungen Mann senden (wie z.B. Sacharja, Sach 2,4), doch dann muss er auch in der Tat einen Auftrag (Tit 1,5) und einen berührten Mund haben (Jes 6,7; Jer 1,9), um mit Autorität von oben reden zu können. Manche fassen unseren Vers so auf: „Bring deine Ermahnungen und betrage dich so, dass du keinen Anlass zur Verachtung gibst. Dein Vorbild und dein Betragen müssen deine Worte bekräftigen, so dass du Respekt und Unterordnung erzwingst.“ Auch dies ist in der Tat eine wichtige Lektion.


De brief van Paulus aan Titus
Uit het Woord der Waarheid, Winschoten, o.J. (ca. 1970)

Übersetzung: Stephan Winterhoff

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