Zwischenmenschliche Beziehungen
Wir sind aufgefordert, einander zu lieben, zu vergeben und zu dienen

Philip Nunn

© SoundWords, online seit: 10.01.2009, aktualisiert: 12.12.2017

Es gibt eine Anzahl von Dingen, die du nicht alleine machen kannst. Die Flitterwochen sind eins von diesen Dingen. Auch kannst du weder ein Fußballteam sein noch eine Familie. Das gilt ebenfalls für Gottes Familie, die Gemeinde. Es war nie Gottes Absicht, dass irgendjemand sein Christenleben alleine leben sollte. Stattdessen sind wir da, um zusammen als Teil der Familie Gottes zu leben. Einige neutestamentliche Stellen beziehen sich auf diese Beziehungen in der Gemeinde und können anhand eines griechischen Wortes identifiziert werden, das meistens mit „einander“ übersetzt wird. Dieses Wort taucht über 70-mal auf. Es richtet sich an Christen und motiviert sie, ihre Gemeinschaft auf sehr praktische Art und Weise auszudrücken. Jeder Christ ist aufgerufen, diese „einander“-Verse auszuleben. In der Folge wollen wir uns drei dieser Aufrufe anschauen:

1. Berufen, einander zu lieben

Es war die Szene des letzten Abendmahls. Nachdem der Herr Jesus seinen Jüngern gesagt hatte, dass Er bald zu seinem Vater zurückkehren würde, gab Er ihnen ein neues Gebot: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander liebet, damit, wie ich euch geliebt habe, auch ihr einander liebet.“ Dann ergänzte Er: „Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid“ (Joh 13,34.35).

Beachte, der Herr unterbreitet ihnen keinen „neuen Vorschlag“ oder erzählt ihnen von einer „guten Idee“. Es ist ein neues Gebot, keine neue Möglichkeit. Aber was ist neu an diesem Gebot? Damals hatten die Israeliten das klare Gebot bekommen, „ihren Nächsten zu lieben“ (3Mo 19,18). Aber das Gebot des Herrn an seine Jünger beinhaltet einen neuen Maßstab – nicht: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, sondern: „Liebt, wie ich euch geliebt habe.“ Stell dir das nur einmal vor! Unser neues Vorbild ist die Liebe von Christus selbst!

Der Herr benutzt diese Qualität der Liebe als Test vor „allen Menschen“, ob wir seine Jünger sind oder nicht. Wir denken vielleicht, dass wir unsere Hingabe durch interessante und verschiedene Gemeindeprogramme beweisen können oder mit enthusiastischem Lob, mit lehrmäßig korrekten Auslegungen oder vielleicht mit Verbindungen zu irgendwelchen historischen Führern oder Bewegungen.

Ohne die Wichtigkeit aufrichtiger Anbetung oder des Festhaltens an der offenbarten Wahrheit zu mindern, muss die Kraft der Aussage Christi akzeptiert werden: „Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“ Liebe ich meine Brüder und Schwestern in Christus? Lebe ich dieses Kennzeichen der wahren Nachfolge? Unglücklicherweise passiert es schon mal, dass wir einander kritisieren – die Art, wie sie sich kleidet, die Art, wie er sich ausdrückt, wie sie singt, die Art, wie er predigt … Oder wir verbreiten unbestätigte Gerüchte, die andere schlechtmachen. Paulus warnte die Christen in Galatien: „Wenn ihr aber einander beißt und fresst, so seht zu, dass ihr nicht voneinander verzehrt werdet“ (Gal 5,15). In einer Zeit, die durch Individualismus und Gleichgültigkeit gekennzeichnet ist, beruft Gott uns einander zu lieben, mit bedingungsloser Liebe. Was sind die Charaktereigenschaften einer solchen Liebe?

Nachsicht

Paulus drängte die Christen in Ephesus, „mit aller Demut und Sanftmut, mit Langmut, einander ertragend in Liebe“ (Eph 4,2). Warum werden wir aufgerufen, einander zu ertragen? Ganz einfach, weil es nötig ist. Es wäre wunderbar, wenn wir alle reife, einsichtige, demütige, rücksichtsvolle und liebenswürdige Menschen wären. Aber manchmal sind wir müde, eigensinnig, rücksichtslos oder kindisch. Deswegen fordert die Liebe, dass wir nachsichtig im Umgang miteinander sind, nicht weil wir uns nicht um Sünde oder Wahrheit kümmern, sondern um das Gebot des Herrn zu befolgen.

Respekt

Manchmal sagen wir als Christen ziemlich dumme Dinge und machen sogar noch schlechtere Dinge. Wir alle sind Menschen und neigen dazu, nach dem Fleisch zu handeln. Jedoch lehrt uns die Schrift, sogar unter diesen Umständen einander Respekt entgegenzubringen: „Seid einander untergeordnet in der Furcht Christi“ (Eph 5,21). Wir sollen einander lieben und respektieren aus Ehrfurcht vor unserem geliebten Erlöser.

Fürsorge

Paulus vergleicht die Gemeinde mit einem Körper und schließt daraus: „… sondern [dass] die Glieder dieselbe Sorge füreinander hätten. Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit“ (1Kor 12,25.26). Wahre christliche Liebe kann nicht anders, als sich durch echte Sorge auszudrücken. Bin ich wirklich (mit) betroffen, wenn ein Bruder seine Arbeitsstelle verliert? Wenn eine Schwester erkrankt? Wenn jemand Neues in deine Nachbarschaft kommt oder deine Gemeinde besucht?

2. Aufgerufen, einander zu vergeben

In einem Computerhandbuch nimmt das Kapitel über die Fehlerbehebung oft einen großen Raum ein – wie identifiziere und behebe ich einen Fehler oder eine Funktionsstörung? Menschliche Beziehungen sind viel komplexer und sensibler als ein Computer. Es kann so viel mehr schiefgehen. Wir haben verschiedene Geschmäcker, Gewohnheiten und Überzeugungen. Dazu kommt, dass wir auch mal müde und wenig geduldig sind. Deswegen werden wir aufgefordert, einander zu vergeben. Groll gegen Mitchristen zu hegen, egal wer die Schuld trägt, ist Sünde.

Epheser 4,31.32 sagt: „Alle Bitterkeit und Wut und Zorn … sei von euch weggetan, samt aller Bosheit. Seid aber zueinander gütig, mitleidig, einander vergebend, wie auch Gott in Christus euch vergeben hat.“

Was sollen wir denn dann tun, wenn wir gegeneinander gesündigt haben? Einfach vergeben und vergessen? Fördert das nicht Ungerechtigkeiten? In manchen Gebieten wie zum Beispiel in unserem Gedankenleben sündigen wir nur gegen Gott allein. Ein anderes Mal müssen wir wie der verlorene Sohn bekennen, dass wir gegen den Himmel und gegen eine Person gesündigt haben (Lk 15,21). In solchen Fällen müssen wir die Dinge mit Gott und dieser Person in Ordnung bringen. Wenn ein Bruder gegen mich sündigt und es so aussieht, als ob es ihn nicht interessiert, muss ich vergeben, nicht weil er es verdient, sondern weil ich dazu aufgefordert bin. [Anmerkung der Redaktion: Hier ist wohl eine vergebende Haltung gemeint. Vergeben, so wie Gott uns vergeben hat, ist nur möglich nach Bekenntnis.] Es erleichtert mein Herz und macht mich frei, um anzubeten und zu dienen. Wenn der Andere nicht bereut, ist das eine Sache zwischen ihm und dem Herrn.

Matthäus 18 erklärt, wie wir in der örtlichen Gemeinde beim Aufrechterhalten von Gerechtigkeit in der Praxis vorgehen sollen. Zuerst sollten wir den Bruder allein besuchen. Wenn er nicht hören will, ziehen wir ein oder zwei Brüder hinzu. Wenn er dann immer noch abweisend ist, bringen wir den Sachverhalt vor die Gemeinde. Ist er weiterhin ablehnend, sollte die örtliche Gemeinde handeln. Beachte, dass mein erster Schritt war, den falsch handelnden Bruder zu besuchen und privat mit ihm zu sprechen. Viele Probleme können auf so einem einfachen, sauberen Weg geklärt werden, wenn wir einfach die Belehrungen Christi über diesen Punkt beachten. Meine persönliche Verantwortung ist es, zu vergeben: „… einander ertragend und euch gegenseitig vergebend, wenn einer Klage hat gegen den anderen; wie auch der Christus euch vergeben hat, so auch ihr“ (Kol 3,13). In Tagen, die durch Konflikte und zwischenmenschliche Probleme gekennzeichnet sind, ruft Gott uns auf, nach Harmonie zu eifern, indem wir einander vergeben – wie Christus uns vergeben hat.

3. Berufen, einander zu dienen

„Denn auch der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen“ (Mk 10,45). In der gleichen Nacht, in der Christus verraten und überliefert wurde, um gekreuzigt zu werden, beschloss Er, den Jüngern eine unvergessliche Lektion über das Dienen zu erteilen. Er „legt die Oberkleider ab; und er nahm ein leinenes Tuch und umgürtete sich. Dann gießt er Wasser in das Waschbecken und fing an, den Jüngern die Füße zu waschen und mit dem leinenen Tuch abzutrocknen“ (Joh 13,4.5). Wir können uns vorstellen, wie sich die Jünger gefühlt haben müssen. Vielleicht warteten sie darauf, dass einer der weniger einflussreichen Jünger, diesen Job tun würde. Vielleicht dachte Petrus: Ich habe die Schlüssel des Reiches Gottes bekommen; sicher sollte sich jemand anderes freiwillig melden, um uns die Füße zu waschen.

Bevor wir Petrus kritisieren, wollen wir unsere eigenen unwürdigen Gedanken erwägen: Ich bin seit mehr als zehn Jahren in dieser Gemeinde; lasst einen von den Newcomern diesen ermüdenden Job machen. Ich hab das so oft gemacht und nie hab ich je einen Dank gehört. Ich werde mich zurückziehen und auf einen anderen Freiwilligen warten. – Aber wie beendet der Herr Jesus diese praktische Lektion? „Wenn nun ich, der Herr und der Lehrer, euch die Füße gewaschen habe, so seid auch ihr schuldig, einander die Füße zu waschen“ (Joh 13,14). Genauso betont der Apostel Paulus in Galater 5,13 diesen Punkt: „Denn ihr seid zur Freiheit berufen worden, Brüder; nur gebraucht nicht die Freiheit zu einem Anlass für das Fleisch, sondern durch die Liebe dient einander.“

Um einander zu dienen, müssen wir die Augen offen halten, um die Nöte anderer um uns herum zu sehen. Wir müssen echte Sorge entwickeln. Wir müssen bereit sein, mit einem Wort der Ermutigung zu dienen, einen freundlichen Besuch zu machen, ein Telefonat zu führen oder einen Brief zu schreiben. Da es so leicht ist, dass wir selbst entmutigt sind, fordert die Schrift uns auf, einander zu ermuntern (1Thes 4,18). In Tagen, die durch Gleichgültigkeit und Egoismus gekennzeichnet sind, ruft Gott uns auf, einander zu dienen.

Zusammenfassung

Der Apostel Johannes war ein alter Mann, als er die letzten drei Briefe schrieb, die seinen Namen tragen. Seine Briefe zeigen etwas von seiner persönlichen Erfahrungen aus dem ersten halben Jahrhundert der Kirchengeschichte – Zeiten der glücklichen Ausbreitung des Evangeliums, der Verfolgung, der internen Probleme und Unstimmigkeiten, der Heuchelei von einigen, der langen Debatten über Fragen der Lehre, der vielen Predigten … Wir können ihn fast mit einem nachdenklichem Gesichtsausdruck sagen hören: „Kinder, lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern in Tat und Wahrheit“ (1Joh 3,18).

Wie echt sind unsere zwischenmenschlichen Beziehungen? Als Christen sollten unsere Beziehungen unsere Berufung widerspiegeln – und wir sind dazu berufen, einander zu lieben, zu vergeben und einander zu dienen. Lasst uns dies tun „in Tat und Wahrheit“.

Philip Nunn
London, England
1994


Originaltitel: „Interpersonal Relationships“
Quelle: www.philipnunn.com

Übersetzung: Ruben Isenberg


Hinweis der Redaktion:

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