Das Matthäusevangelium (19)
Kapitel 19

William Kelly

© J. Das, online seit: 09.07.2003, aktualisiert: 24.01.2018

Leitverse: Matthäus 19

Kapitel 19 bringt eine andere wichtige Belehrung. Wie erhaben auch immer die Kirche oder das Königreich sein mögen – genau zu der Zeit, als der Herr Seine neue Herrlichkeit in beiden entfaltete, hielt Er die natürliche Sittsamkeit in ihren Rechten unantastbar aufrecht. Es gibt keinen größeren Fehler als die Annahme, dass Gott wegen der reichen Entwicklung Seiner Gnade in den neuen Dingen die natürlichen Beziehungen und ihre Autorität an ihren Plätzen aufgibt oder abschwächt. Das ist, denke ich, eine große Lektion, die zu oft vergessen wird. Beachten wir, dass das Kapitel damit beginnt, die Heiligkeit der Ehe zu verteidigen! Zweifellos ist es ein Band der Natur, das nur für dieses Leben gilt. Nichtsdestoweniger hält der Herr es aufrecht und reinigt es von allen Zusätzen, die hinzugekommen sind und seinen ursprünglichen und besonderen Charakter verdunkeln. So beeinträchtigen die neuen Offenbarungen der Gnade in keinster Weise das, was Gott früher in der Natur eingesetzt hatte. Im Gegenteil, sie verleihen diesen Beziehungen eine neue und größere Bedeutung, indem sie den wahren Wert und die Weisheit der Wege Gottes sogar in diesen geringsten Umständen bestätigen.

Ein ähnlicher Grundsatz wird auch auf die kleinen Kinder, die als Nächstes eingeführt werden, angewandt. Ja, er gilt im Wesentlichen für alle natürlichen oder sittlichen Beziehungen hienieden. Gerade weil die Gnade das ausdrückt, was Gott für eine ruinierte Welt ist, wird den Eltern, den Jüngern und in gleicher Weise den Pharisäern gezeigt, dass die Gnade Kenntnis von dem nimmt, was der Mensch in seiner eingebildeten Würde für völlig bedeutungslos hält. Bei Gott ist nicht nur alles möglich, sondern es wird auch niemand, ob klein oder groß, verachtet. Alles wird an seinem rechten Platz gesehen und dorthin gestellt; und die Gnade, welche den Stolz des Geschöpfes zurechtweist, kann es sich leisten, sowohl mit dem Kleinsten als auch mit dem Größten göttlich zu handeln.

Ein Vorrecht sollte uns ganz besonders offenbar geworden sein, nämlich jenes, welches wir bei und in Jesus gefunden haben. So können wir jetzt sagen: Nichts ist für uns zu groß und nichts für Gott zu klein. Außerdem finden wir dort Raum für die tiefste Selbstverleugnung. Die Gnade formt die Herzen derjenigen, die das verstehen, entsprechend der großen Offenbarung dessen, was Gott und auch was der Mensch ist, wie es sich in der Person Jesu gezeigt hat. Das sehen wir ganz deutlich in der Annahme der kleinen Kinder. In dem Folgenden wird es gewöhnlich nicht so leicht erkannt. Der reiche junge Oberste (Lk 18,18) war nicht bekehrt. Weit davon entfernt, konnte er in der Probe, auf die Christus ihn in Seiner Liebe stellte, nicht bestehen. Zuletzt, wird uns erklärt, „ging er betrübt hinweg“ (Mt 19,22). Er war unwissend über sich selbst, weil er unwissend über Gott war. Er bildete sich ein, dass das Problem nur darin bestände, was der Mensch für Gott Gutes tue. Daran hatte er, wie er sagte, von Jugend an gearbeitet. „Was fehlt mir noch?“ (Mt 19,20). Er hatte das Empfinden, irgendetwas Gutes nicht getan zu haben. Wegen dieses Makels wandte er sich an Jesus, damit ihm abgeholfen werde. Wenn man alles um des himmlischen Schatzes willen aufgibt, um zu dem verachteten Nazarener zu kommen und Ihm nachzufolgen – was ist das im Vergleich zu dem, was Jesus auf die Erde herabführte? Das war jedoch viel zu viel für den jungen Mann. Wir sehen das Geschöpf, wie es sein Bestes tut, aber dabei beweist, dass es das Geschaffene mehr liebt als den Schöpfer. Jesus erkannte nichtsdestoweniger alles Anerkennenswerte in ihm an.

Nach diesem wird in unserem Kapitel aufgezeigt, wie sehr das, was der Mensch gut nennt, ein Hindernis darstellt. „Wahrlich, ich sage euch: Schwerlich wird ein Reicher in das Reich der Himmel eingehen“ (Mt 19,23). Das stellt klar, dass diese Schwierigkeit nur von Gott gelöst werden kann. Dann rühmte sich Petrus, und zwar nicht nur für sich selbst, sondern auch für alle anderen Jünger. Der Herr bestätigte völlig, dass Er nichts vergisst und alles, was durch die Gnade in Petrus oder den anderen hervorgebracht worden war, anerkennt. Er öffnete jedoch dieselbe Tür für einen jeden, der seine eigene Natur um des Herrn willen verleugnet. Schließlich fügte Er die ernsten Worte hinzu: „Aber viele Erste werden Letzte und Letzte Erste sein“ (Mt 19,30). Zum Abschluss des Kapitels erfahren wir also, dass jede Sinnesart und das Maß all dessen, was wir um Seinetwillen aufgeben, seine würdige Belohnung und die entsprechenden Resultate finden wird. Doch der Mensch kann das genauso wenig beurteilen, wie er seine Errettung bewirken kann. Es treten für uns unerklärliche Veränderungen in der Reihenfolge auf: „Viele Erste werden Letzte, und Letzte Erste sein.

Vorheriger Teil Nächster Teil


Aus Lectures Introductory to the Study of the Gospels
Heijkoop, Winschoten, NL, 1970
(im Deutschen herausgegeben und übersetzt von J. Das)


Hinweis der Redaktion:

Die SoundWords-Redaktion ist für die Veröffentlichung des obenstehenden Artikels verantwortlich. Sie ist dadurch nicht notwendigerweise mit allen geäußerten Gedanken des Autors einverstanden (ausgenommen natürlich Artikel der Redaktion) noch möchte sie auf alle Gedanken und Praktiken verweisen, die der Autor an anderer Stelle vertritt. „Prüfet aber alles, das Gute haltet fest“ (1Thes 5,21). – Siehe auch „In eigener Sache ...