Das Matthäusevangelium (20)
Kapitel 20

William Kelly

© J. Das, online seit: 09.07.2003, aktualisiert: 24.01.2018

Leitverse: Matthäus 20

Erste werden Letzte sein …

Am Anfang des nächsten Abschnitts (Mt 20,1-28) steht nicht der Lohn im Vordergrund, sondern das Recht und der Anspruch Gottes, nach Seiner Güte zu handeln. Er ist nicht bereit, Sich zu einem menschlichen Maßstab herabzulassen. Der Richter der ganzen Erde wird recht handeln (vgl. 1Mo 18,25). Aber wie wird Er handeln, der doch der Geber alles Guten ist?

Der Herr behauptet Sein souveränes Recht, Gutes zu tun und mit Seinem Eigentum zu verfahren, wie Er es will. Die erste dieser Lektionen besteht darin: „Viele Erste werden Letzte, und Letzte Erste sein“ (Mt 19,30). Damit wird eindeutig auf ein Versagen der menschlichen Natur angespielt, das zur Umkehrung dessen führt, was man erwarten konnte. Die zweite Lektion ist: „Also werden die Letzten Erste, und die Ersten Letzte sein; denn viele sind Berufene, wenige aber Auserwählte“ (Mt 20,16). Das ist die Macht der Gnade. Gott erfreut Sich daran, die Letzten für den ersten Platz auszuwählen, um die Ersten nach der eigenen Kraft herabzusetzen.

Der Ehrgeiz der Söhne des Zebedäus

Zuletzt tadelte der Herr den Ehrgeiz der Söhne des Zebedäus und damit in Wirklichkeit auch den der Zwölf; denn warum sonst entstand eine solch lebhafte Entrüstung gegen die beiden Brüder? Warum nicht Kummer und Scham darüber, dass sie so wenig die Empfindungen ihres Lehrers kannten? Wie oft verrät sich das Herz nicht nur durch das, was wir erbitten, sondern auch durch unsere unpassenden Gefühle gegen andere Leute und ihre Fehler! Tatsächlich richten wir uns selbst, wenn wir andere richten.

Hier schließe ich heute Abend. Ich komme jetzt zur endgültigen Krise, das ist die letzte Vorstellung unseres Herrn an Jerusalem. Ich habe, wenn auch nur flüchtig – und, wie ich fühle, sehr unvollkommen – versucht, die Beschreibung des Heilandes zu erläutern, zu welcher der Heilige Geist Matthäus befähigt hat. Im nächsten Vortrag hoffe ich den Rest seines Evangeliums zu behandeln.

Die Heilung eines Blinden

In Matthäus 20,29-34 wird uns von der letzten Präsentation des Herrn an Jerusalem berichtet. Sie begann bei der Stadt Jericho, der einstigen Festung der Macht der Kanaaniter. Der Herr Jesus offenbarte Sich in Gnade und besiegelte nicht den Fluch, der über sie ausgesprochen worden war (Jos 6,26). Im Gegenteil, Er machte sie zu einem Zeugen Seiner Barmherzigkeit gegen jene, die in Israel glaubten. Dort saßen zwei Blinde (denn Matthäus zeigt, wie wir gesehen haben, häufig diese doppelten Erweise von der Gnade des Herrn) am Wegrand und riefen der Situation angemessen aus: „Erbarme dich unser, Herr, Sohn Davids!“ (Mt 20,30). Sie waren von Gott angeleitet und belehrt. Es ging hier nicht um das Gesetz, sondern um Seine Fähigkeit als Messias. Ihr Appell stimmte völlig mit der Szene überein. Sie fühlten, dass die Nation kein Empfinden für ihre eigene Blindheit hatte und wandten sich folglich an den Herrn, der Sich an dem Ort vorstellte, wo in alten Tagen die Macht Gottes gewirkt hatte. Es ist auffallend, dass trotz der in Israel von Zeit zu Zeit geschehenen Zeichen und Wunder, in denen Kranke geheilt und sogar Tote auferweckt und Aussätzige gereinigt wurden, wir niemals vor dem Auftreten des Messias davon hören, dass Blinde das Sehvermögen geschenkt bekamen. Die Rabbiner sind der Auffassung, dass dies dem Messias vorbehalten sei; und ich weiß von keinem Fall, der ihrer Ansicht widerspricht. Sie scheinen ihre Meinung auf die bemerkenswerte Prophezeiung Jesajas (Jes 35,6) zu gründen. Ich möchte nicht bestätigen, dass diese Prophezeiung einen Grund liefert, diese Art des Wunders von den übrigen abzusondern. Aber es ist ganz offensichtlich, dass der Geist Gottes nachdrücklich die Öffnung von blinden Augen mit dem Sohn Davids verbindet als Teil des Segens, den Er ausgießen wird, wenn Er kommt, um über die Erde zu herrschen.

Hier fällt auch auf, dass Jesus die Segnung nicht bis zur Zeit Seiner Herrschaft zurückhält. Zweifellos gab der Herr in jenen Tagen Zeichen und Wunder der zukünftigen Welt (Heb 6,5); und Seine Knechte setzten später dieses Werk fort, wie wir am Ende des Markusevangeliums, in der Apostelgeschichte, usw. sehen. Die Wunderkräfte, die Er ausübte, waren Muster von der Macht, welche die Erde mit der Herrlichkeit des HERRN erfüllen, den Feind austreiben und die Spuren Seiner Macht auslöschen wird, um die Erde zum Schauplatz der Offenbarung Seines Königreichs hienieden zu machen. So bewies unser Herr, dass die Macht in Ihm schon anwesend war und dass die Bedürftigen dadurch, dass das Reich im vollsten Sinn des Wortes noch nicht gekommen war, keinen Mangel leiden mussten; denn das Reich war in Seiner Person gewissermaßen schon da, wie es von Matthäus (Mt 12,28) und auch Lukas (Lk 17,21) gesagt wird. Auch wurde der Segen für die Söhne der Menschen nicht zurückgehalten. Von Seiner königlichen Berührung ging Kraft aus. Diese war auf jeden Fall nicht von der Anerkennung Seiner Rechte seitens Seines Volkes abhängig. Er führte jenes Zeichen der messianischen Gnade – das Öffnen der blinden Augen – aus. Es war in sich selbst kein geringes Zeichen von dem wahren Zustand der Juden, wenn sie es nur gefühlt und anerkannt hätten! Ach, sie fragten nicht nach Barmherzigkeit und Heilung von Seiner Hand! Aber wenn in Jericho irgendjemand war, der Ihn anrief, dann wollte der Herr hören. Hier antwortete der Messias also auf den Ruf des Glaubens dieser beiden Blinden. Als die Volksmenge sie bedrohte, damit sie schwiegen, schrien sie um so mehr. Schwierigkeiten, die dem Glauben gemacht werden, lassen die Stärke seines Verlangens nur noch mehr anwachsen. Und so riefen sie: „Erbarme dich unser, Herr, Sohn Davids!“ (Mt 20,31). Jesus blieb stehen, rief die Blinden und fragte: „Was wollt ihr, dass ich euch tun soll?“ – „Herr, dass unsere Augen aufgetan werden“ (Mt 20,32.33). Und es geschah so nach ihrem Glauben. Darüber hinaus wird angemerkt, dass sie Ihm folgten.

Das ist ein Unterpfand von dem, was geschehen wird, wenn das Volk einst seine Blindheit anerkennt und sich an Ihn wendet, um Augenlicht von dem wahren Sohn Davids zu empfangen, um Ihn am Tag Seiner irdischen Herrlichkeit sehen zu können.

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Aus Lectures Introductory to the Study of the Gospels
Heijkoop, Winschoten, NL, 1970
(im Deutschen herausgegeben und übersetzt von J. Das)
Die Zwischenüberschriften stammen von SoundWords


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