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Anmerkung der Redaktion
Dieser Artikel stammt aus der Zeit vor dem Jahr 2000. Er spiegelt nicht
zwingend die heutige Meinung des Autors wieder, da der Autor seine
Gedanken in den letzten Jahren auf etlichen Gebieten sehr verändert hat,
siehe dazu auch unsere FAQ.
Dennoch haben wir diesen Artikel aufgenommen, da er sehr wohl die Meinung
der Redaktion wiedergibt.
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Inhalt
Einleitung
1. Nicht von eigener Auslegung 2. Bestätigung durch andere Schriftstellen 3. Die Verschiedenheit beachten 4. Schlussfolgerungen können gefährlich sein 5. Es kommt auf das einzelne Wort an 6. Kein Hineinlesen eigener Meinungen 7. Nichts aus dem Zusammenhang reißen Zusammenfassung
Wir haben zu Anfang schon gesehen, dass es außergewöhnlich wichtig ist, von
welchem Ausgangspunkt her wir der Bibel begegnen. Gesundes Bibelstudium ist auf
den Glauben gegründet, dass die Bibel von Anfang bis Ende das wörtlich
inspirierte Wort Gottes ist und dass wir uns deshalb vor der absoluten
Autorität des Wortes Gottes in allen Lebensbereichen zu beugen haben. Manche
mögen es für voreingenommen halten, mit diesem Glauben das Studium der Bibel
zu beginnen; doch das Bewusstsein, dass die Bibel das inspirierte Wort Gottes
ist, das absolute Autorität hat, ist wiederum auch das Ergebnis des
Bibelstudiums und wird in dem Maß immer mehr befestigt, wie wir tiefer in das
Wort eindringen. Von Voreingenommenheit kann also keine Rede sein. Andererseits
hat die positive Haltung gegenüber der Bibel als Wort Gottes eine sehr starke
Auswirkung auf die Weise, wie wir die Bibel studieren. Auch In negativer
Hinsicht: Man wird von diesen Ausgangspunkt her z.B. niemals zu der Schlussfolgerung
kommen, dass ein bestimmter Bericht ein Mythos oder eine Legende oder dass ein
bestimmtes Gebot sinnlos ist, usw.
Wie schon früher gesagt, wird dieses Studium sich in vieler Hinsicht
beträchtlich vom Studium gewöhnlicher Bücher unterscheiden. Das möchte ich
in sieben Punkten näher zeigen.
Wenn die Bibel wirklich ein göttlich vollkommenes Buch ist, dann muss sie
auch selbst alte Regeln für eine richtige Schriftauslegung enthalten, und dann
darf es nicht so sein, dass wir außerbiblische Quellen nötig haben, um die
Bibel studieren zu können. Natürlich müssen wir, wenn wir die Grundsprachen
der Bibel nicht kennen, eine gute Übersetzung haben; wir machen auch Gebrauch
von der Sprachwissenschaft und der sogenannten Textkritik (dem
Handschriftenvergleich), um möglichst genau den richtigen Bibeltext zu
ermitteln. Auch kann uns die Kenntnis der Alten Geschichte, der
Kirchengeschichte und der Geographie, der Flora und der Fauna des Nahen Ostens
zugute kommen. Aber für die eigentliche Auslegung des Bibelwortes haben wir es
mit Kriterien zu tun, die die Bibel selbst uns liefern muss, eingedenk des
Schriftwortes: „indem ihr dies zuerst wisset, dass keine Weissagung der
Schrift [wir können ruhig sagen: keine Schrift] von eigener Auslegung ist. Denn
die Weissagung wurde niemals durch den Willen des Menschen hervorgebracht,
sondern heilige Männer Gottes redeten, getrieben vom Heiligen Geiste“ (2Pet 1,20f). Das ist eine sehr wichtige Schriftstelle. Im weitesten Sinn
können wir daraus ableiten, dass
-
Auslegung nicht „eigenmächtig“ sein darf,
d.h. derart, dass diese Auslegung uns in unsere Vorstellungen passt. Es ist
offensichtlich nicht schwierig, für jede Irrlehre ein paar aus ihrem
Zusammenhang gerissene Stellen zusammenzukitten. Die Bibel ist jedoch nicht
dazu da, um unsere eigenen Glaubenssätze zu beweisen, sondern um ihr unsere
eigenen Glaubenssätze zu unterwerfen und notfalls zu opfern
-
Auslegung nicht „für sich selbst stehen“
darf,
d.h., wir müssen auf den Zusammenhang achten, in dem ein Schriftwort steht,
und die Verbindung mit anderen Schriftstellen berücksichtigen (siehe Punkt
2)
-
Auslegung auch nicht „nach der ersten Bedeutung“
erfolgen darf;
wenn wir Ausdrücke wie „das ewige Leben“, der „erstgeborene Sohn“, „entschlafen“ nach der Bedeutung erklären würden,
die sich uns primär aus den Worten selbst und in Übereinstimmung mit
unserem eigenen Sprachgebrauch aufdrängt (wie es in diesem Fall die Zeugen
Jehovas tun), dann kommen wir nämlich zu völlig falschen Schlussfolgerungen.
Der Heilige Geist gebraucht bestimmte Worte und Ausdrücke manchmal in einer
ganz neuen und besonderen Bedeutung, die wir nur durch gründliches
Untersuchen der Schrift kennenlernen können (vgl. 1Kor 2,13).
Hieran schließt sich unmittelbar die zweite wichtige Regel an. Wenn die
Bibel das Wort Gottes und Gott also der Autor der vielen verschiedenen
Bibelbücher ist, dann muss eine göttliche Einheit zwischen all diesen
Bibelbüchern bestehen, und zwar so vollkommen, dass nur ein Vergleich Schrift
mit Schrift uns die wahre Bedeutung jeder einzelnen Schriftstelle verstehen
lassen kann. Diese Regel, Schrift mit Schrift zu vergleichen und Schriftstellen
nicht aus ihrem Zusammenhang zu reißen, ist eine der Regeln, gegen am meisten
verstoßen wird. Das eine Mal, als Satan einen Bibeltext anführte, machte er
auch sofort (mit Absicht?) diesen „Fehler“ (Mt 4,6). Er zitierte
auffallend unvollständig (denn er ließ Psalm 91,11b aus: „… dich zu bewahren auf allen
deinen Wegen“) und wandte den Text an auf eine Situation, in der Christus
gerade die Wege Gottes hätte verlassen müssen, um Satan zu willfahren.
Das Vergleichen von Schrift mit Schrift muss auch dann sorgfältig geschehen,
wenn ein scheinbarer Widerspruch besteht, beispielsweise zwischen Johannes 10,30
(„Ich und der Vater sind eins“) und 14,28 („Mein Vater ist
größer als ich“). Solche Stellen können nur gut verstanden werden, wenn
die Spannung, die zwischen ihnen besteht, schriftgemäß (d.h. mit Hilfe
anderer Schriftstellen) gelöst wird. (Man entdeckt dann, dass in diesem
Beispiel die erste Stelle auf die Wesenseinheit von Vater und Sohn und die
zweite auf die neue Beziehung, die durch die Menschwerdung Christi zwischen
ihnen entstanden ist, hinweist.) Im Allgemeinen bedeutet die Anwendung dieser
Regel, dass schwierige Textstellen immer im Licht einfacherer Texte erklärt
werden müssen, und nicht umgekehrt. Wenn man beispielsweise das, was das Neue
Testament über das Leben nach dem Tod offenbart hat, aufgrund bestimmter
schwieriger Texte, vor allem aus Prediger, unbekümmert wegargumentiert, dann
ist man auf einem verkehrten Weg; dann lebt man lieber nach den Fragezeichen des
Alten Testaments als nach den Ausrufezeichen des Neuen Testaments. Der
hervorragende Schriftausleger A.J. Pollock hat es so ausgedrückt:
Wenn eine Wahrheit richtig ausgelegt wird, wird jede
Schriftstelle, die von derselben Wahrheit handelt, die Wahrheit immer
bekräftigen und einen Teil des zusammenhängenden und harmonischen Ganzen
ausmachen. Andererseits wird, wenn man die Schrift verkehrt auslegt, jede
Schriftstelle, die von derselben Wahrheit handelt, nur mehr und mehr Verwirrung
zustande bringen, da Schriftstellen verdreht oder sogar negiert werden müssen,
damit sie mit einer unschriftgemäßen Theorie übereinstimmen.
Ebenso sehr wie man die Einheit der Schriften im Auge behalten muss, so muss das
auch im Blick auf die Verschiedenheit der Schriften geschehen. Der göttliche
Autor der Bibel ist wie ein Dirigent mit vielen verschiedenen Instrumenten in
seinem Orchester; und um das Konzert völlig zu begreifen und zu genießen, tut
man gut daran, die unterschiedlichen Möglichkeiten, Klangfarben und Funktionen
der einzelnen Instrumente auseinanderzuhalten (vgl. 1Kor 14,7). Nicht dass sie miteinander in Widerstreit sind, denn ein Dirigent
verschmilzt sie zu einem harmonischen Musikwerk, aber diese Harmonie wird gerade
um so schöner, wenn wir auf die erwähnte Verschiedenheit achten. So ist es
auch in der Schrift. Paulus gibt einen anderen „Klang“ als Johannes,
und dieser wieder einen anderen „Klang“ als Petrus und Jakobus. Paulus
meint mit „ewiges Leben“ nicht genau dasselbe wie Johannes, und
Jakobus meint mit „Rechtfertigung“ wieder etwas anderes als Paulus und
doch ist da kein Widerspruch. Da ist Verschiedenheit und doch eine
wunderschöne Harmonie. Wir haben die Bücher Samuel und Könige genauso nötig
wie die Chronika; selbst wenn wir meinen, manchmal „falsche Noten“
wahrzunehmen, ergibt die Unterschiedlichkeit eine wunderschöne Ergänzung. Wir
können nicht auf Markus verzichten, weil wir Matthäus und Lukas bereits haben;
das wäre eine traurige Verkennung von Markus vollkommen eigenem „Klang“. Wir haben die Verschiedenheit der vier Evangelisten absolut
nötig, um einen vollständigen Eindruck von dem Leben und Werk Christi zu
bekommen. Das ist nun einmal ein typisches Merkmal gesunden Bibelstudiums! Die
ungesunde Art ist die, bei allen Unterschieden immer nur nach einer menschlichen
Erklärung zu suchen (so tun es die „modernen“ Neutestamentler),
während das gesunde Vorgehen sich immer durch diese primäre Frage verrät: „Was hat der Heilige Geist (der diese Unterschiede bewusst in die Bibel
aufgenommen hat) uns mit diesen Unterschieden zu sagen?“ Es gibt natürlich auch
Unterschiede, die durch einen unzulänglichen Grundtext, durch falsche
Obersetzung oder durch ein verkehrtes Textverständnis entstehen.
Sogar in der orthodoxen Auslegung hat diese Frage leider viel zu wenig im
Vordergrund gestanden — zum großen Schaden für die Orthodoxie. (Ein trauriges
Beispiel ist die große Anzahl der „Harmonisierungsversuche“ der vier
(oder der drei synoptischen) Evangelien; wir finden das sogar bei Männern wie
Calvin.)
Eine andere Folge des ständigen Bewusstseins, dass die Bibel Gottes Wort
ist, wird sein, dass wir äußerst vorsichtig sind mit Schlussfolgerungen, die
auf menschliche Logik gegründet sind. An sich ist diese Logik durchaus nicht
falsch; ein klarer Denker wie Paulus appelliert in seinen Ausführungen sehr oft
an die menschliche Logik und sogar an den gesunden Verstand (siehe z.B. 1Kor
11,14f.; 2Kor 11,13-15). Aber wir können das nicht so einfach nachahmen;
auch unsere Denkgesetze und Schlussfolgerungen müssen wir der Schrift
unterwerfen. Die Logik einer bestimmten, auf ein gewisses Schriftwort
gegründeten Schlussfolgerung ist unzureichend; wir können die Schlussfolgerung
erst völlig annehmen, wenn sie durch die Schrift gedeckt wird. So bejahen wir
z.B. nicht die sogenannte Lehre von der „ewigen Verwerfung“ (d.h.
die Lehre, als hätte Gott von Ewigkeit her bestimmte Menschen in seiner
Allmacht für die Hölle bestimmt), weil diese Lehre vielleicht zwar logisch aus
der (vollkommen biblischen) Lehre von der „ewigen Auserwählung“ zu
folgern ist, aber selbst nicht durch die Schrift gedeckt wird — im Gegenteil. So
akzeptieren wir auch nicht, dass man logische, aber unbiblische Schlussfolgerungen
aus der (für uns unergründlichen) Gottheit und Menschheit Christi zieht, der
Ausdruck „Mutter Gottes“ mag vielleicht logisch sein („Maria ist
die Mutter Jesu, und Jesus ist Gott, also ist Maria die Mutter Gottes“)
aber sie ist vollständig unbiblisch, weil die Mutterschaft Marias nichts mit
der Gottheit, sondern nur mit der Menschheit des Herrn Jesus zu tun hat.
Das ist übrigens eine allgemeine Gefahr in der Dogmatik, auch in der
orthodoxen Dogmatik. Theologische Fachausdrücke werden erfunden, um bestimmte
(richtige oder vermeintliche) Wahrheiten zu umschreiben, und manchmal ist das
sehr gut gelungen; denken wir nur an Ausdrücke wie: Dreieinheit Gottes, die
zwei Naturen Christi [und auch des neuen Menschen], Stellvertretung usw.
Andererseits haben solche Ausdrücke gar zu häufig ein Eigenleben geführt und
bekamen dann allmählich (Neben-)Bedeutungen, die kaum noch oder überhaupt
nicht mehr biblisch waren. Die protestantische Dogmatik ist übervoll von
solchen Ausdrücken (wie: allgemeine Gnade, die Ämter Christi, Sakrament,
Erbschuld, die zwei Reiche, Gnadenbund, die Kirche von Adam an,
Mutterverheißung, König der Kirche). Solche Ausdrücke erweisen sich oft als
unbiblisch, oder sie besitzen einen biblischen Kern, aber unbiblische
Nebenbedeutungen. Gesundes Bibelstudium ist sicheres Bibelstudium, und es ist
sicher, wenn es der Schrift so nahe wie möglich bleibt und nur die „Fachausdrücke“ der Schrift verwendet (und so richtig wie möglich
benutzt). Anders ausgedrückt: Wahre Dogmatik darf niemals unabhängig von der
Auslegung der Schrift werden.
Die Bibel ist das wörtlich inspirierte Wort Gottes. Das bedeutet, dass sogar
die einzelnen Wörter der Bibel sehr wichtig sind, ja sogar das Jota und das
Strichlein (Mt 5,18). Es geht nicht nur um die Botschaft, sondern ebenso sehr um
die Worte, die die Botschaft enthalten, „welche wir euch
verkündigen, nicht in Worten, gelehrt durch menschliche Weisheit, sondern in
Worten, gelehrt durch den Geist, mitteilend geistliche Dinge durch geistliche
Mittel“ (1Kor 2,13). Deshalb ist es immer wichtig, sich beim Bibelstudium
zu fragen, weshalb der Heilige Geist ein bestimmtes Wort in einem bestimmten
Zusammenhang gebraucht hat, und dabei auf die kleinsten Einzelheiten zu achten.
So ist es z.B. sehr schön, dass die besten Handschriften in Lukas 10,39 und
in Hebräer 11,11 das einfache Wörtchen „auch“ einfügen, denn das
zeigt uns diese Verse in einem ganz anderen Licht. So muss man auch eine gute,
wörtliche Übersetzung haben, am besten mit erklärenden Fußnoten oder
Randbemerkungen, um die feinen Schattierungen wahrzunehmen. Es ist sehr aufschlussreich,
ob ein Substantiv im Griechischen einen Artikel hat oder nicht (siehe z.B.
zweimal „Glaube“ in 1Tim 1,19), ob ein und demselben Verb z.B.
der 2. oder der 4. Fall folgt (vgl. „hören“ in Apostelgeschichte 9,7 und 22,9
— das
griechische Wort für „hören“ mit dem 4. Fall, wie in Apostelgeschichte 9,4; 22,9 und 26,14, bedeutet, dass derjenige, der die Stimme hört, auch die Worte versteht; mit
dem 2. Fall, wie In Apostelgeschichte 9,7, dass derjenige, der hört, die Stimme nur als
Geräusch hört, ohne die Worte zu verstehen) oder ob ein bestimmtes Wort im
Deutschen möglicherweise verschiedene griechische Grundworte hat (siehe z.B.
zweimal „lieben“ bzw. „lieb haben“ in Johannes 21,15f.). Auch ist
es äußerst nützlich und wichtig, mit Hilfe einer Konkordanz oder eines
erklärenden biblischen Wörterbuches die Bedeutung bestimmter biblischer
Grundbegriffe ausführlich zu studieren, vor allem, indem man überall im Alten
und/oder Neuen Testament untersucht, wo und wie diese Begriffe gebraucht werden.
Kaum etwas ist für den, der beginnt, die Bibel gründlich zu lesen,
nützlicher, als auf diese Weise Begriffe wie „Bekehrung“, „Gerechtigkeit“,
„Rechtfertigung“, „Errettung“, „Versammlung“, „Liebe“ usw. durch die ganze Schrift hin
sorgfältig zu verfolgen.
Wenn die Bibel das Wort Gottes ist, geziemt sich für uns eine Haltung
großer Ehrerbietung und Unterwerfung, so dass wir uns in fortwährender
Selbstdisziplin fragen, ob wir nicht vielleicht irgendwo unsere eigenen Gedanken
in die Schrift hineinlesen und sie vielleicht missbrauchen, um unseren eigenen
Meinungen Nachdruck zu verleihen. Die meisten Christen befinden sich in der
Kirche oder Glaubensgemeinschaft, in der sie von Jugend an aufgewachsen sind,
und das bringt die große Gefahr des Traditionalismus mit sich: die Gefahr, dass
sie bestimmte Auslegungen und Dogmen angenommen haben, möglicherweise nicht
einmal oberflächlich, sondern wirklich in der aufrichtigen Überzeugung, dass
sie schriftgemäß sind, aber ohne sie jemals selbst gründlich untersucht zu
haben. Der Protestantismus hat von jeher mit Recht darauf gedrungen, dass die
Gläubigen so viel wie möglich selbst die Bibel studieren. Natürlich gibt es
biblische Wahrheiten, die von Anfang an von allen orthodoxen Christen anerkannt
worden sind und die allen Angriffen von Irrlehrern standgehalten haben; und doch
haben sie für den Gläubigen heutzutage nur wirklich moralischen Wert, wenn er
selbst diese Wahrheiten aufs Neue schriftgemäß „durchdacht“ hat. Es
hat ja gerade andererseits genauso Lehrsätze gegeben, denen Millionen
angehangen haben und die sie für schriftgemäß gehalten haben (wie z.B. die
Transsubstantiationslehre (Diese Lehre besagt, dass Brot und Wein beim Abendmahl
In Leib und Blut Christi verwandelt werden.), während wir sie aufgrund der
Schrift verwerfen müssen. Die Gefahr des „Hineinlesens“ ist besonders
groß, und wir müssen uns sehr davor hüten. Der Versuch der katholischen
Kirche z.B. die Lehre vom Fegefeuer in 1. Korinther 3,15 „hineinzulesen“, ist ein abschreckendes Beispiel dafür, ebenso wie
der islamische Versuch (wie ich selbst gehört habe), die Lehre, Christus sei
nicht wirklich gestorben, sondern hätte scheintot im Grab gelegen, in Hebräer
5,7 „hineinzulesen“. Doch wir brauchen gar nicht so weit zu gehen. Wir dürfen
nicht:
- eine Aufeinanderfolge von Ältesten, die von der
Versammlung angestellt werden, in 1. Timotheus 3 „hineinlesen“,
- den Gedanken, als gehörten wir zu dem Bündnis Abrahams in Galater
3 „hineinlesen“,
- eine Unterscheidung in drei Arten des Zusammenkommens in
Apostelgeschichte 2,42 „hineinlesen“,
- die Vorstellung, dass jemand durch die Taufe wiedergeboren wird, in
Johannes 3 „hineinlesen“ usw.
Immer muss die Frage sein: Steht da wirklich, ist da wirklich gemeint, was
ich denke? Oder muss ich anerkennen, dass ich (aus Traditionalismus, aus
Ehrsucht oder dergleichen) tatsächlich gerne will, dass dies oder das dort
steht oder gemeint ist? Niemand findet es schön, erkennen zu müssen, dass er
auf dem Holzweg ist — und doch muss mein Gebet fortwährend sein: „Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne meine
Gedanken! Und sieh, ob ein Weg der Mühsal bei mir ist, und leite mich auf dem
ewigen Wege!“ (Ps 139,23f.).
Ehrerbietung vor der Bibel als dem unfehlbaren Wort Gottes wird uns, wenn es
gut um uns steht, immer dahin bringen, genau und sorgfältig zu lesen. Wir
kennen viele Beispiele, wie in bestimmten Kreisen bestimmte Bibelstellen
vollständig aus dem Zusammenhang gerissen und auf höchst sonderbare
Situationen angewendet werden. Nun ist das nicht immer völlig verkehrt zu
nennen; Paulus’ Anführung in Römer 10,18 ist für unser Gefühl auch mehr
eine Anwendung als eine Auslegung von Psalm 19,4. Aber es ist einfach
unstatthaft, wenn man einen Text tatsächlich das Umgekehrte von dem sagen lässt, was er bezweckt. So habe ich eine Sammlung alter Predigten von einem
Prediger aus einem früheren Jahrhundert in einer Neuauflage. Darin steht vorne
gedruckt: „Und niemand will, wenn er alten Wein getrunken hat, alsbald
neuen, denn er spricht: Der alte ist besser“ (Lk 5,39). Der Zweck dieses
Mottos war klar: Es gibt heute so viel phrasenhaftes Gerede von der Kanzel
herunter, dass jemand, der an den alten Predigten Geschmack bekommen hat, nicht
viel Interesse an all den neuen Redeweisen haben wird. Aber in Lukas 5 meint der
Herr Jesus mit diesem Wort genau das Gegenteil! Er sagt es nicht lobend, sondern
gerade missbilligend! Die Schriftgelehrten und Pharisäer nahmen die Lehre
Christi nicht an, weil sie lieber bei dem alten Wein blieben und nichts haben
wollten von diesem neuen, das nicht in ihr System passte. Das Zitieren dieses
Verses ist also ein Beispiel für flüchtiges und also nicht genügend
ehrerbietiges Lesen, und darüber müssen wir wachen.
Zusammenfassend können wir sagen, dass wir, weil die Schrift Gottes Wort
ist, ihr mit der größten Ehrerbietung und Bescheidenheit entgegentreten
müssen, alle außerbiblischen Kriterien zu ihrer Auslegung und alle „logischen“ Argumente, die dazu führen, dass man den Boden der
Schrift verlässt, abweisen müssen, aber uns gleichzeitig Rechenschaft geben
von ihrer göttlichen Einheit und ihrer harmonischen Mannigfaltigkeit und der
Inspiration (also auch Bedeutung) jedes einzelnen Wortes.
Weitere Teile dieser Artikelserie:
Bibelstudium (1) —
Vorwort und Erfordernisse
Bibelstudium
(2) — Beschränkungen
Bibelstudium
(3) — Ziele
Bibelstudium (4) —
Grundregeln
Bibelstudium (5) —
Zusammenhang eines Schriftworts
Bibelstudium (6) —
Reichweite eines Schriftworts
Bibelstudium (7) —
Das Hauptthema
Bibelstudium (8) —
Betrachtungsweisen
Bibelstudium (9) — Hilfsmittel
aus der Monatszeitschrift Hilfe
und Nahrung, Ernst-Paulus-Verlag, 1977
Zwischenüberschriften von SoundWords
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