Bibelstudium (7)
Christus: das Hauptthema

Willem Johannes Ouweneel

© EPV, online seit: 03.03.2006, aktualisiert: 10.05.2020

Christus – das Hauptthema

Wir haben bereits gesehen, dass es eins der vornehmsten Ziele eines gesunden Bibelstudiums ist, Christus besser kennenzulernen und Ihm besser zu dienen. Das trifft natürlich nur zu, wenn seine Person und sein Werk auch tatsächlich durch die ganze Schrift hin das Hauptthema bilden. Nach beinahe zwanzig Jahren intensiven Bibelstudiums habe ich die feste Überzeugung gewonnen, dass dies das Hauptthema ist – wie alle orthodoxen Christen bereits seit Jahrhunderten wissen. Im Neuen Testament ist das völlig eindeutig: Die Evangelien beschreiben sein Leben, seinen Dienst, sein Leiden und Sterben, seine Auferstehung und seine Himmelfahrt, die Apostelgeschichte sieht Ihn verherrlicht zur Rechten Gottes und beschreibt die Entstehung und die Ausbreitung seiner Versammlung, die Briefe entfalten die Botschaft seines Evangeliums, und die Offenbarung beschreibt seine Zukunft.

Im Alten Testament ist Christus weniger deutlich zu sehen, weil Er da noch kommen musste. Alle orthodoxen Christen sind jedoch davon überzeugt, dass Er in den Psalmen und in den prophetischen Büchern an zahllosen Stellen angekündigt wird; jedenfalls werden im Neuen Testament viele Zitate aus dem Alten Testament auf den Herrn Jesus angewendet (siehe vor allem in Matthäus). Paulus spricht von dem „Evangelium Gottes (welches er durch seine Propheten in heiligen Schriften zuvor verheißen hat) über seinen Sohn“ (Röm 1,2). Und zu Johannes wird gesagt: „Denn der Geist der Weissagung ist das Zeugnis Jesu“ (Off 19,10); der Geist, der aus dem prophetischen Wort spricht, zeugt von Jesus (vgl. Off 12,17), sowohl von seinen Leiden (1Pet 1,11) als auch von seiner Macht und Ankunft (2Pet 1,16). Doch es sind nicht nur die prophetischen Bücher, die von Ihm zeugen: Es sind die Schriften (des Alten Testaments) im Allgemeinen, die von Ihm zeugen; das sagt der Herr Jesus selbst (Joh 5,39), und in Lukas 24 wendet Er dies ausdrücklich auf die drei verschiedenen Teile des Alten Testaments an: „Und von Mose und von allen Propheten anfangend, erklärte er ihnen in allen Schriften das, was ihn betraf … dass alles erfüllt werden muss, was über mich geschrieben steht in dem Gesetz Moses und den Propheten und Psalmen“ (Lk 24,27.44). Hier liegt die jüdische Einteilung des Alten Testaments zugrunde: (1) die fünf Bücher Moses, (2) die Propheten: die frühen (Josua, Richter, Samuel, Könige) und die späten Propheten (Jesaja bis Maleachi), und (3) die Schriften, nämlich alle übrigen Bücher, häufig nach der ersten Schrift in ihrer Gesamtheit die Psalmen genannt.

Wir würden sicher gerne die Darlegung des Herrn Jesus in Lukas 24,27.45 gehört haben, um zu vernehmen, wie Er die Schriften auf sich selbst anwendete. Doch wir haben diese Darlegung nicht – und das ist nicht ohne Bedeutung. Wir haben jetzt den Heiligen Geist, den die Jünger noch nicht hatten, und dadurch können wir nun verstehen, was sie damals noch nicht verstanden (vgl. Joh 14,26; 16,12.13). Wir dürfen nun auf die Suche gehen nach allem, was wir von dem Herrn Jesus finden, von 1. Mose bis Maleachi, und werden sogleich finden, dass das Neue Testament uns dazu sogar anspornt. Dabei wird sich zeigen, dass das Alte Testament auf zwei Weisen von Christus spricht: (a) in wörtlich-prophetischer Sprache und (b) in symbolisch-typologischer Sprache. Wir wollen nun sehen, welches Licht das Neue Testament hierauf wirft.

1. Prophetie

Man wird im Neuen Testament zahllose Zitate aus dem Alten Testament finden, die direkt oder mehr indirekt auf Christus angewendet werden. Solche Zitate stammen aus dem „Gesetz Moses“ (siehe z.B. Apg 3,22.22; Gal 3,13), aus den „frühen Propheten“ (vgl. Ri 13,5 mit Mt 2,23, 2Sam 7,14 mit Heb 1,5), zahllose aus den „späten Propheten“ (weitaus die meisten aus Jesaja, nämlich 7,14; 8,14.17.18; 9,1.2; 11,1.10; 28,16; 40,3; 42,1-4; 49,6; 55,3; die meisten aus Jesaja 53, z.B. Jesaja 53,1 in Johannes 12,38; Jesaja 53,4 in Matthäus 8,17; Jesaja 53,5 in 1. Petrus 2,24; Jesaja 53,7.8 in Apostelgeschichte 8,32.33; Jesaja 53,9 in 1. Petrus 2,22; Jesaja 53,12 in Markus 15,28) und zahllose aus den Psalmen (vor allem in Hebräer, nämlich Psalm 1,5-7.10-12.13; 2,6-8.12.13; 3,7-11; 5,5.6; 7,17.21; 10,5-7.13; wir finden im Neuen Testament Zitate aus den Psalm 2; 8; 16; 18; 22; 34; 40; 41; 45; 68; 69; 97; 102; 110; 118).

In einigen Fällen werden Zitate auf Christus angewendet, wo wir das wahrscheinlich nicht vermutet hätten, so z.B. Hosea 11,1 in Matthäus 2,15; Psalm 41,9 in Johannes 13,18; 5. Mose 30,12-14 in Römer 10,6.7; Psalm 18,49 in Römer 15,9; Psalm 97,7 in Hebräer 1,6. Vor allem bei den Psalmen ist das offensichtlich der Fall, und das wird uns anspornen, selbst eifrig in den Psalmen nach direkten und indirekten Hinweisen auf Christus zu suchen. In der Tat, direkt oder indirekt, denn nicht alle Zitate sind in gleichem Maß und in gleicher Weise anwendbar. In Matthäus scheint dieser Unterschied auch aus der Art und Weise deutlich zu werden, in der ein Zitat angeführt wird. Gebraucht der Evangelist das Wort „auf dass (erfüllt würde)“ (griechisch hina), dann weist er auf eine direkte und vollständige Erfüllung hin (siehe Mt 1,22; 2,15; 4,15.16; 12,17; 21,4). Gebraucht er das Wort „damit (erfüllt würde)“ (hopoos), dann scheint es um eine indirekte oder teilweise Erfüllung zu gehen (siehe Mt 2,23; 8,17). Sagt er: „da (wurde erfüllt)“ (tote), dann scheint er mehr einen prophetischen Vergleich zu machen (siehe Mt 2,17 und 27,9). Wie dies auch sei, es ist der Mühe wert, auf solche Unterschiede zu achten.

Wenn wir alle Zitate untersuchen, sehen wir wohl, wie sehr Christus das Hauptthema der Prophetie ist, nicht zuletzt seine Ankunft und seine Regierung über die Erde. Das müssen wir gut bedenken, wenn wir die Prophezeiungen studieren. Keine einzige Prophetie ist in ihrem ganzen Umfang bereits vollständig erfüllt (wohl bestimmte Einzelheiten in Verbindung mit dem Leben Christi auf der Erde), wenn es auch bereits einige vorläufige Erfüllungen in den Regierungswegen Gottes gegeben hat. Auch müssen wir uns stets vor Augen halten, dass die christliche Versammlung in den Prophezeiungen des Alten Testaments keinen Platz hat, weil sie

  1. zu der Zeit noch ein Geheimnis war (wie wir gesehen haben) und
  2. ein himmlisches Volk ist (im Gegensatz zu Israel),

während der eigentliche Bereich der Prophetie die Erde und Gottes Regierung über die Erde ist. Im Neuen Testament ist die Versammlung deshalb nur insoweit Gegenstand der Prophetie, wie sie als ein verantwortlicher, irdischer Leib gesehen wird, deshalb finden wir in diesem Fall auch Verfall, Endabfall und Gericht.

Prophetie handelt also von der Erde und den Völkern dieser Erde, und das nicht in einer Art Geheimsprache, sondern sie ist die klare Offenbarung von dem, „was noch nicht geschehen ist“ (Jes 46,10; Am 3,7; Off 4,1; 22,6). Das, was möglicherweise den Propheten selbst verborgen war (1Pet 1,11), ist im Licht des Neuen Testaments nun klar (1Kor 2,9.10; Joh 16,13). Ehrerbietung vor der Inspiration des Strichleins und Jotas in der Schrift nötigt uns daher zum Untersuchen und Erklären der feinen Einzelheiten der Prophetie und verbietet uns, vage und unverbindlich über „Weltmächte“ und dergleichen zu sprechen, als ob die Prophetie eine Art aus grauer Vorzeit stammende Orakelsprache wäre. Die „Vergeistigungstheologen“ handeln, als ob sie das denken. Nein, so konkret wie die erfüllte Prophetie Voraussagen über bestimmte Reiche und Personen (z.B. das Leben Christi) gemacht hat – Voraussagen, die sich dann auch wörtlich erfüllt haben –, so buchstäblich spricht die unerfüllte Prophetie über konkrete Reiche (z.B. Israel) und Personen (z.B. die Regierung Christi über Israel). Wenn die Prophetie über Israel und andere Reiche spricht, wie sie früher bestanden haben, und dabei über das hinausgeht, was früher an ihnen gesehen wurde (besonders, indem sie ihr Schicksal verbindet mit der Wiederkunft Christi!), dann muss dieses „Mehr“ auf dieselben Reiche bezogen werden und darf nicht vernebelt werden zu einer Voraussage über allgemeine „Weltmächte“ oder über die Kirche. Man bedenke, dass das Neue Testament keinen einzigen Hinweis enthält, dass der Schlüssel zum Verständnis unerfüllter Prophezeiungen seit der Verwerfung Israels völlig verändert wäre, im Gegenteil: Es fasst das prophetische Wort buchstäblich auf. Gesundes Bibelstudium nimmt das Wort In seiner ersten Bedeutung und muss schon sehr gewichtige Gründe haben, um die erste Bedeutung zu verwerfen.

2. Typologie

Man wird im Neuen Testament auch zahllose sinnbildliche (allegorische) Erklärungen von Ereignissen, Gegenständen und Personen aus dem Alten Testament finden, vor allem auch wieder in Verbindung mit Christus. Dieses Gebiet der Vorbilder ist so enorm umfangreich, dass ich mich damit begnügen muss, auf einige Grundsätze der Schrift zum weiteren Studium der Vorbilder hinzuweisen. Wir wollen zuerst einmal sehen, wie enorm viele sinnbildliche Anwendungen das Neue Testament macht. Nehmen wir z.B. das erste historische Buch, nämlich 1. Mose, dann finden wir im Neuen Testament u.a. die folgenden vorbildlichen Erklärungen:

  • erster Schöpfungstag (1Mo 1,3): Bekehrung (2Kor 4,6)
  • Sabbath (1Mo 2,1-3): die endgültige Ruhe (Heb 3; 4)
  • Adam: Christus (Röm 5,14; 1Kor 15,45)
  • Baum des Lebens (1Mo 2,9): Christus (Off 2,7; 22,2)
  • Eva: die Versammlung (Eph 5,25-33)
  • Tage vor der Sintflut: die Endzeit (Lk 17,26-30)
  • Noah in der Arche (1Mo 7,13): die Errettung (1Pet 3,20.21)
  • Babel (11,1-9): die falsche Kirche (Off 17; 18)
  • Abraham: die Christen (Röm 4; Gal 3)
  • Melchisedek (1Mo 14,18-20): Christus (Heb 7,3)
  • Hagar und Ismael (1Mo 16; 21): Israel unter dem Gesetz (Gal 4,21-31)
  • Beschneidung (1Mo 17,10-14): Bekehrung (Kol 2,11)
  • Sodom und Gomorra (1Mo 18; 19): die falsche Kirche (2Pet 2,6-9)
  • Joseph: Christus (Apg 7).

Leider muss ich es bei diesem einen Beispiel belassen, weil ich hier nicht die Vorbilder selbst behandle, sondern eine Einleitung zu ihrem Studium gebe. Das Beispiel soll jedoch zeigen, dass, wenn solch ein großer Teil des ersten Buches Mose vorbildlich erklärt wird, es nicht anders sein kann, als dass der Heilige Geist uns ermuntert, das ganze Buch so zu erklären. Nicht, indem wir an der wörtlichen Bedeutung vorbeisehen, sondern indem wir gerade davon ausgehen. (Das Ist übrigens ein fundamentaler Grundsatz In der sinnbildlichen Deutung; sie darf niemals einen Gegensatz bilden zu der primären historischen Auslegung – die buchstäbliche Bedeutung bleibt immer der Maßstab.)

Paulus gibt uns wertvolle Hinweise für eine gesunde Deutung der Vorbilder. In Römer 15,4 sagt er: „Denn alles, was zuvor geschrieben ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben, auf dass wir durch das Ausharren und durch die Ermunterung der Schriften die Hoffnung haben.“ Dass diese „Belehrung“ nicht nur in der wörtlichen, praktischen Bedeutung der Schrift liegt, beweist er in 1. Korinther 10. Dort sagt er nicht nur in Vers 6: „Diese Dinge aber sind als Vorbilder für uns geschehen“, sondern drückt das in Vers 11 noch viel stärker aus: „Alle diese Dinge aber widerfuhren jenen als Vorbilder und sind geschrieben worden zu unserer Ermahnung, auf welche das Ende der Zeitalter gekommen ist.“ Das bedeutet nicht weniger, als dass die Begebenheiten des Alten Testaments (in diesem Fall Israels Wüstenreise) nicht nur nachträglich auf uns anwendbar sind, sondern mit diesem ausdrücklichen Ziel durch den Heiligen Geist aufgeschrieben sind: nicht in erster Linie für Israel, sondern für uns! Und diese Anwendung ist ausdrücklich eine typologische Anwendung. (Es werden in 1. Korinther 10 auch wörtliche Anwendungen gemacht [was Götzendienst, Hurerei, Christus versuchen und Murren anbetrifft], doch die sind der in den Versen 1-6 angedeuteten vorbildlichen Anwendung untergeordnet.)

Israel stellt in 1. Korinther 10 die Christenheit vor, Mose ist ein Vorbild von Christus, der Durchzug durch das Rote Meer deutet im Voraus auf die Taufe hin, „der Fels aber war der Christus“ (1Kor 10,4), das Manna stellt unsere geistliche Nahrung dar (nämlich Christus) usw. Was während der Wüstenreise geschah, geschah für uns und wurde für uns aufgezeichnet, damit wir vorbildliche Belehrungen daraus ziehen (vgl. denselben Grundsatz in 1. Korinther 9,9.10).

Wir wollen das dann auch tun – die Schrift spornt uns dazu an, ja, sie nimmt es uns übel, wenn wir die Vorbilder nicht erkennen. So sagt Paulus ausdrücklich: „Saget mir, die ihr unter Gesetz sein wollt, höret ihr das Gesetz nicht?“, und erklärt dann, dass Ismael und Isaak Vorbilder sind: „Was einen bildlichen Sinn hat“ (wörtlich: „sind allegorisch“) (Gal 4,21-31). Hieraus lernen wir, dass die Auslegung der Vorbilder durchaus keine nachträgliche Erklärung ist, sondern ganz bestimmt eine der Absichten des Textes ist: „was allegorisch ist“, und dass sie verstanden werden können, wenn wir wirklich das Gesetz hören, sagt der Apostel. Wenn wir hören wollen, spricht das Gesetz seine allegorische Sprache deutlich zu uns. Paulus nimmt es den Galatern offensichtlich übel, dass sie diese Sprache des Gesetzes nicht verstanden; sie wollten sich so gern unter das Gesetz stellen, hatten aber nicht einmal die „Sprache“ des Gesetzes verstanden. Nun, wenn Paulus ihnen dieses übel nehmen konnte und die Galater bereits selbst diese allegorischen Erklärungen von 1. Mose 16-21 hätten finden müssen, kann es nicht anders sein, dass wir ermuntert werden, auch die allegorische Erklärung anderer Schriftabschnitte zu suchen. Dadurch wird das manchmal zu hörende Argument widerlegt, dass man nur die Schriftstellen allegorisch deuten darf, die das Neue Testament auf diese Weise erklärt.

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Originaltitel: „Gesundes Bibelstudium“
aus Hilfe und Nahrung, Ernst-Paulus-Verlag, 1977, S. 346–352
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