Ich und Barnabas
1. Korinther 9,6

Jacob Gerrit Fijnvandraat

© EPV, online seit: 28.08.2004, aktualisiert: 27.07.2019

Leitvers: 1. Korinther 9,6

In 1. Korinther 9,6 steht eine Bemerkung des Apostels Paulus, über die wir leicht hinweglesen:

1Kor 9,6: Oder haben allein ich und Barnabas nicht das Recht, nicht zu arbeiten?

Paulus musste sich bei den Korinthern gegen falsche Beschuldigungen verteidigen. Es waren nämlich Prediger nach Korinth gekommen, die sein Apostelamt in Misskredit brachten. Sie hatten etwas auszusetzen an seiner Berufung: Er gehörte nicht zu „den Zwölfen“, die der Herr während Seiner Zeit hier auf der Erde als Apostel erwählt hatte. Er war auch nicht einer, der auf besondere Weise durchs Los bestimmt war wie Matthias. Und was seine Arbeitsweise anging, fiel Paulus dadurch auf, dass er keine Unterstützung annahm, sondern seinen Unterhalt durch seiner Hände Arbeit verdiente.

Was das Erste angeht, kann Paulus sich darauf berufen, den Herrn doch gesehen zu haben. Er ist durch den verherrlichten Herrn berufen worden (vgl. 1Kor 9,1). Was den zweiten Punkt angeht, wirft er die Frage auf, ob er oder Barnabas etwa die Einzigen seien, die kein Recht hätten, nicht zu arbeiten. Er hatte dieses Recht genauso gut wie die anderen, er machte nur keinen Gebrauch davon.

Bis dahin ist die Absicht des Apostels klar. Es steckt aber noch mehr dahinter. Worum es mir geht, ist die Tatsache, dass der Apostel sich hier zusammen mit Barnabas in einem Atemzug nennt – „ich und Barnabas“. Ich erwähne das nicht etwa, weil er sich hier als Ersten nennt, was wir nach unserem Sprachgebrauch als unhöflich empfinden; zu jener Zeit war das durchaus üblich. Nein, es geht darum, dass er außer sich selbst auch Barnabas als Vorbild nennt. Der war aber doch gar nicht mehr bei ihm?! Wir wissen, dass es nach der ersten Missionsreise eine Meinungsverschiedenheit zwischen Paulus und Barnabas gab, ob man Johannes Markus mitnehmen sollte auf eine zweite Reise. Barnabas war dafür und Paulus war dagegen. Das führte zu einer Entfremdung zwischen den beiden Dienern Gottes. Auf die zweite Missionsreise nimmt Paulus Silas mit, und soweit wir wissen, ist Barnabas nie mehr sein Reisegefährte gewesen.

Die Erwähnung von Barnabas ist also merkwürdig, denn Paulus war nicht mit Barnabas in Korinth, sondern zusammen mit Silas. Nun geht es um zweierlei, und zwar:
a) dass Paulus Barnabas erwähnt und
b) warum er Barnabas nennt.

Um mit dem Letzten zu beginnen: Es ist die Frage, ob er Silas als Vorbild hätte nennen können. Wir wissen nämlich nicht, ob dieser auch so wie Paulus und Barnabas für seinen eigenen Unterhalt aufgekommen ist. Es kann sein, dass Paulus mit für ihn gesorgt hat (Apg 20,34). Es kann auch sein, dass Barnabas in Korinth besser bekannt war als Silas und ein Mann war, zu dem man hoch aufsah.

Aber nun zu der Tatsache, dass Paulus seinen früheren Weggefährten erwähnt. Er nennt ihn in seinen Briefen nur zweimal, nämlich hier und in Kolosser 4,10; dort nur indirekt als eine nähere Information im Blick auf Markus. An sich ist schon die indirekte Erwähnung etwas Schönes. Paulus schweigt Barnabas nicht tot! Wir schließen aus dieser Erwähnung und der Tatsache, dass Markus ein Mitarbeiter des Paulus ist, dass das Verhältnis zwischen Paulus und Barnabas wieder in Ordnung gekommen ist, auch wenn jeder fortan seinen eigenen Weg geht. Schließlich muss eine bestimmte Zusammenarbeit nicht für alle Zeit andauern. Aber die Erwähnung in 1. Korinther 9 ist in dieser Hinsicht ebenso wichtig. Paulus hätte nur sich nennen und das Vorbild Barnabas’ verschweigen können. Das tut er aber nicht. Überdies geht aus seiner Bemerkung hervor, dass er Barnabas weiterhin als Diener für den Herrn anerkennt. Es ist schade, dass seinerzeit eine Entfremdung zwischen den beiden Männern eingetreten war. Das zeigt uns, dass auch große Gottesmänner bei gewissen Gelegenheiten versagen können. Andererseits ist es ermutigend und lehrreich, zu erfahren, dass keine „Verbitterung“ zurückgeblieben ist, sondern dass Paulus Barnabas mit als Vorbild nennt und ihn offenbar in seiner Arbeit schätzt. Wir dürfen also nicht zu rasch über 1. Korinther 9,6 hinweglesen.


Originaltitel: „Ich und Barnabas“
aus Hilfe und Nahrung, Ernst-Paulus-Verlag, Jg. 27, 1988, S. 15–18


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