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Leitverse: Matthäus 26,6-15; Johannes 6,13
Joh 6,13: Sie sammelten nun und füllten zwölf
Handkörbe mit Brocken von den fünf Gerstenbroten, die denen, die gegessen
hatten, übrig geblieben waren.
„Aufbewahren hat seine Zeit, und Fortwerfen hat seine Zeit“, sagt
der Prediger Salomo (Pred 3,6). Der Herr Jesus wusste zur passenden Zeit
aufzubewahren und zur passenden Zeit fortzuwerfen. Wie freigebig das Herz und die Hand im Dienst Gottes auch sein mögen, es
wird in diesem Dienste doch nie eine Vergeudung oder Verschwendung geben. „Von dir kommt
alles“, sagt David zum Herrn, „und aus deiner Hand
haben wir dir gegeben“ (1Chr 29,14).
Das Vieh auf tausend Bergen ist sein, der Erdkreis und seine Fülle ist sein (Ps 50). Der Pharao aber bezeichnete den Wunsch der Kinder Israel, ihrem Gott zu
opfern, als Trägheit; und die Jünger betrachteten die dreihundert Denare [der Jahreslohn eines
Arbeiters; Anm. d. Red.], die zur Salbung des Leibes Jesu
verwendet wurden, als Verschwendung (Mt 26,6-15; Joh 12,1-8). Aber dem Herrn
das Seinige zu geben: die Ehre oder das Opfer, die Liebe des Herzens, die Arbeit
der Hände oder die Güter des Hauses, das ist weder Trägheit noch
Verschwendung. Die Rückerstattung dieser Dinge an Gott ist unsere erste
Pflicht. Hierbei möchte ich daher noch einen Augenblick verweilen.
Aus Ägypten auszugehen, ist nicht Trägheit, und ein Fläschchen kostbarer
Salbe auf das Haupt Jesu ausschütten, ist nicht Verschwendung. Und dennoch sehen
wir, dass eine gewisse Art zu kalkulieren, die sich unter den Kindern dieser
Welt und leider nur zu oft auch unter den Heiligen Gottes findet, Dinge dieser
Art so nennt. Wenn jemand irdische Vorteile ausschlägt und günstige
Gelegenheiten für sein Fortkommen in dieser Welt versäumt, weil das Herz
verstanden hat, in Gemeinschaft mit einem verworfenen Heiland seinen Weg zu
gehen, dann ist die Zahl derer nicht gering, die das als „Trägheit“
und „Verschwendung“ betrachten. Man hätte, meinen sie, die Vorteile,
die man besaß, festhalten und die günstigen Gelegenheiten ergreifen und
ausnutzen sollen, um sie dann für den Herrn zu verwerten. Doch alle, die eine
solche Sprache führen, befinden sich in einem groben Irrtum. Nach ihrer Meinung
sollte die äußere Stellung sowie der damit verbundene irdische und
menschliche Einfluss als ein Vorrecht betrachtet, ja sogar als eine „Gabe
zum Nutzen, zur Erbauung und zum Segen“ für andere angewendet werden (vgl.
1Kor 12,1ff.; 14,1-5.12ff.). Aber ein von den Menschen verworfener Christus
wird, wenn wir Ihn in geistlicher Weise erkannt haben, uns eine ganz andere
Belehrung geben. Die Stellung in dieser Welt, die weltlichen Vorrechte und die
so sehr empfohlenen günstigen Gelegenheiten bilden jenes Ägypten, das Moses
verließ. „Er weigerte sich, ein Sohn der Tochter Pharaos zu heißen.“
Die Schätze Ägyptens waren nach seinem Urteil kein Reichtum; er konnte im
Dienst des Herrn keinen Gebrauch von ihnen machen. Und so verließ er sie, und
der Herr begegnete ihm und bediente sich seiner später, und zwar nicht, um
Ägypten mit seinen Schätzen in Kredit zu bringen, sondern um sein Volk aus dem
Diensthaus Ägyptens zu befreien.
Diese Verzichtleistung auf alles, wovon Mose uns ein so schönes Beispiel liefert, muss allerdings in der Erkenntnis
eines verworfenen Heilandes und im Glauben an Ihn stattfinden; denn sonst würde
sie ihres eigentümlichen Charakters, ihrer wahren Schönheit und Wirklichkeit
entbehren. Wenn man auf einen bloßen religiösen Grundsatz hin handelt, um sich
eine Gerechtigkeit zu erwirken oder ein Verdienst zu schaffen, so kann man mit
Recht behaupten, dass dies schlechter ist als Trägheit und Verschwendung. In
diesem Fall hat Satan viel eher einen Vorteil über uns erlangt, als dass wir
einen Sieg über die Welt davongetragen hätten. Aber wenn jene Verzichtleistung
im Glauben und aus Liebe zu dem verworfenen Herrn geschieht, in dem Bewusstsein
und der Erkenntnis des Verhältnisses unseres Herrn zu der Welt, dem
gegenwärtigen bösen Zeitlauf, wie es heißt, dann ist es ein angenehmes Opfer
für Gott, ein wahrer Gottesdienst. Den Menschen auf Kosten der Wahrheit und der Grundsätze zu dienen, ist kein
Christentum, wenn auch diejenigen, die so handeln, „Wohltäter“
genannt werden mögen. Wahres Christentum hat ebenso wohl die Ehre Gottes wie
das Glück der Menschen im Auge; und in dem Maße, wie wir dies aus dem Gesicht
verlieren, werden wir bemüht sein, viele Dinge, die wirklich der Ausdruck eines
heiligen, geweihten und verständigen Dienstes für Christus sind, als Trägheit
und Verschwendung zu betrachten. Dass es so ist, zeigt uns die Rechtfertigung,
die der Herr für die Frau hatte, die ihre kostbare Salbe auf sein Haupt
ausschüttete (Mt 26).
Wir haben in all unserem Tun auf die Ehre Gottes
Rücksicht zu nehmen, mögen auch die Menschen ihre Anerkennung allem versagen,
was nicht gerade der guten Ordnung in der Welt dienlich und dem Wohl des
Nächsten förderlich ist. Jesus entsprach in jeder Beziehung den Rechten Gottes
in dieser selbstsüchtigen Welt, wiewohl Er, wie wir wohl wissen, die Ansprüche
des Nächsten an seine Person völlig anerkannte. Er wusste zur passenden Zeit „fortzuwerfen“ und zur passenden Zeit
„aufzubewahren“. „Was machet ihr der Frau Mühe? denn sie hat ein gutes Werk an mir
getan“, sagte Er, als die Frau von den Jüngern getadelt wurde, weil sie
das Fläschchen kostbarer Salbe über Ihn ausgeschüttet hatte; aber nach der
Speisung von Tausenden rief Er denselben Jüngern zu: „Sammelt die übrig
gebliebenen Brocken, damit nichts umkomme“ (Joh 6,12). Das war in
der Tat eine Beobachtung der göttlichen Regel: „Aufbewahren hat seine
Zeit, und Fortwerfen hat seine Zeit.“
Wenn einerseits der freigebige Dienst
des Herzens oder der Hand, der zur Ehre Gottes geschieht, keine Verschwendung
ist, so sind andererseits die Krümchen der Speise des Menschen geheiligt und
dürfen nicht weggeworfen werden. Derselbe Herr, der bei der einen Gelegenheit
den Aufwand von dreihundert Denaren rechtfertigte, erlaubte in dem anderen Falle
nicht, dass die Brocken von fünf Gerstenbroten am Boden liegen bleiben. In seinen Augen waren diese Stücke heilig. Sie waren die Lebensspeise, das Kraut
des Feldes, das Gott dem Menschen zu seinem Unterhalt gegeben hatte; und das
Leben ist eine geheiligte Sache. Gott ist der Gott der Lebendigen. Er hatte
einst zu dem Menschen gesagt: „Ich habe euch gegeben alles samenbringende
Kraut … und jeden Baum, an welchem samenbringende Baumfrucht ist: es soll
euch zur Speise sein“ (1Mo 1,29); und darum wollte Jesus es geheiligt
wissen. Ferner wurde denen, die unter Gesetz waren, das Gebot gegeben: „Wenn du eine Stadt viele Tage belagern wirst, indem du Krieg wider sie
führst, um sie einzunehmen, so sollst du ihre Bäume nicht verderben, indem du
die Axt gegen sie schwingst (denn du kannst davon essen), und sollst sie nicht
abhauen; denn ist der Baum des Feldes ein Mensch, dass er vor dir in Belagerung
kommen sollte? Nur die Bäume, von denen du weißt, dass sie keine Bäume sind,
von denen man isst, die darfst du verderben und abhauen“ (5Mo 20,19.20).
Es würde Verschwendung und Entweihung gewesen sein, wenn mit dem, was Gott zur
Unterhaltung des Lebens gegeben hatte, Missbrauch getrieben worden wäre; darum
wollte Jesus in Reinheit, ja in der vollkommenen Ausführung der Anordnung
Gottes, nicht ein einziges Krümchen am Boden liegen lassen. „Sammelt die übrig
gebliebenen Brocken, damit nichts umkomme.“
Dies sind nur geringfügige Dinge, könnte man einwenden. Aber wir sehen
daraus, dass alle Umstände des menschlichen Lebens, in denen Jesus sich befunden hat, wie flüchtig und unscheinbar sie auch scheinen mögen, durch
einen Strahl jener moralischen Herrlichkeit geschmückt wurden, der stets den
Weg erleuchtete, den seine heiligen Füße betraten. Das menschliche Auge war
unfähig, seine Spuren zu verfolgen; aber alles stieg zu Gott empor als ein
duftender Wohlgeruch, als ein angenehmes Schlachtopfer, ein Opfer der Ruhe, das
Speisopfer des Heiligtums.
aus The Moral Glory of the Lord
Jesus Christ
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