Die moralische Herrlichkeit des Herrn Jesus (16)
Wie Er mit dem Kleinglauben und den Untugenden des Menschen umgegangen ist

John Gifford Bellett

© SoundWords, online seit: 07.01.2006, aktualisiert: 25.01.2018

Leitverse: Jesaja 7,10-16; Lukas 11,5.13

Der Herr Jesus wies niemals den schwächsten Glauben von sich ab, wiewohl Er andererseits mit Freuden dem kühnsten Glauben entgegenkam und seine Forderungen beantwortete. Der starke Glaube, der ohne Umschweife und ohne sich zu entschuldigen in voller Zuversicht Ihm nahte, fand stets eine willkommene Aufnahme bei Ihm, während die schüchterne Seele, die Ihm nur ängstlich und verschämt zu nahen wagte, ermuntert und gesegnet wurde. Das Wort, das von den Lippen des Herrn floss, befreite den armen Aussätzigen augenblicklich von der einzigen Sache, die wie eine dunkle Wolke über seinem Herzen hing. „Herr!“, sagt er, „wenn du willst, kannst du mich reinigen.“ – „Ich will, sei gereinigt!“, antwortet Jesus. Doch kurz nachher drücken dieselben Lippen das aus, wovon das Herz Jesu gegenüber dem zuversichtlichen, nicht zweifelnden Glauben des heidnischen Hauptmanns erfüllt war. Ähnliches finden wir, wenn der kühne, ernste Glaube einer Familie in Israel das Dach des Hauses abdeckt, in dem der Herr sich befindet, um ihren Kranken vor seine Füße herabzulassen.

Wenn ein schwacher Glaube sich an den Herrn wandte, so gewährte Er die Segnung, die der schwache Glaube suchte; aber Er tadelte den Menschen, der in dieser Weise zu Ihm kam. Indes ist selbst ein solcher Verweis stets voll von Ermutigung für uns; denn Er scheint uns zu fragen: „Warum machst du keinen ausgedehnteren, freieren und glücklicheren Gebrauch von mir?“ Schätzten wir nur den Geber so hoch wie die Gabe, das Herz Christi so hoch wie seine Hand, so würde uns die Bestrafung des schwachen Glaubens ebenso köstlich sein wie die Antwort, die er hervorlockt. Und wenn der schwache Glaube in dieser Weise durch Ihn getadelt wird, wie willkommen muss dem Herrn dann ein starker Glaube sein!

Wir können daher einigermaßen begreifen, welch ein lieblicher Anblick es für das Auge des Herrn sein musste, als in dem oben erwähnten Fall die vier Träger des Gichtbrüchigen das Dach abdeckten, um in seine Nähe zu kommen. Ja, es muss ein herrliches Schauspiel für unseren hochgelobten und göttlichen Heiland gewesen sein. Diese Handlung erzwang sich den Eingang in sein Herz ebenso sicher wie in das Haus zu Kapernaum. Wahrlich, wir erblicken in der Person unseres Herrn Höhen der Herrlichkeit und Tiefen der Erniedrigung; und wir haben beides nötig. Der, welcher einst am Brunnen zu Sichar saß, ist derselbe, der jetzt in den höchsten Himmeln Platz genommen hat: „Der hinabgestiegen ist, ist derselbe, der auch hinaufgestiegen ist über alle Himmel.“ Hoheit und Niedrigkeit sind sein. Er hat einen Platz zur Rechten Gottes, und dennoch lässt Er sich herab, die Füße seiner Heiligen auf Erden zu waschen. Welch eine Verbindung! Er büßt nichts von seiner Würde und Größe ein, wenn Er sich auch in seiner unendlichen Gnade unserer Armut anpasst; nichts mangelt Ihm, was uns dienlich sein könnte, und doch ist Er herrlich, fleckenlos und vollkommen sich selbst.

Die Selbstsucht wird durch fortgesetztes, unverschämtes Drängen müde gemacht; wie wir lesen: „Ich sage euch, wenn er auch nicht aufstehen und ihm geben wird, weil er sein Freund ist, so wird er wenigstens um seiner Unverschämtheit willen aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf“ (Lk 11,8). Also steht es mit dem Menschen oder mit der Selbstsucht; aber anders steht es mit Gott oder mit der Liebe; denn der Gott in Jesaja 7,10-16 bildet das Gegenteil von dem Menschen in Lukas 11,5-13:

Jes 7,10-16: Und der HERR fuhr fort, zu Ahas zu reden, und sprach: Fordere dir ein Zeichen von dem HERRN, deinem Gott; fordere es in der Tiefe oder oben in der Höhe. Und Ahas sprach: Ich will nicht fordern und will den HERRN nicht versuchen. Da sprach er: Höret doch, Haus David! Ist es euch zu wenig, Menschen zu ermüden, dass ihr auch meinen Gott ermüdet? Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären, und wird seinen Namen Immanuel heißen. Rahm und Honig wird er essen, wenn er weiß, das Böse zu verwerfen und das Gute zu erwählen. Denn ehe der Knabe weiß, das Böse zu verwerfen und das Gute zu erwählen, wird das Land verlassen sein, vor dessen beiden Königen dir graut.

Lk 11,5-13:
Und er sprach zu ihnen: Wer von euch wird einen Freund haben und wird um Mitternacht zu ihm gehen und zu ihm sagen: Freund, leihe mir drei Brote, da mein Freund von der Reise bei mir angelangt ist, und ich nicht habe, was ich ihm vorsetzen soll; – und jener würde von innen antworten und sagen: Mache mir keine Mühe, die Tür ist schon geschlossen, und meine Kinder sind bei mir im Bett; ich kann nicht aufstehen und dir geben? Ich sage euch, wenn er auch nicht aufstehen und ihm geben wird, weil er sein Freund ist, so wird er wenigstens um seiner Unverschämtheit willen aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf. Und ich sage euch: Bittet, und es wird euch gegeben werden; suchet, und ihr werdet finden; klopfet an, und es wird euch aufgetan werden. Denn jeder Bittende empfängt, und der Suchende findet, und dem Anklopfenden wird aufgetan werden. Wer aber ist ein Vater unter euch, den der Sohn um Brot bitten wird, er wird ihm doch nicht einen Stein geben? Oder auch um einen Fisch, er wird ihm statt des Fisches doch nicht eine Schlange geben? Oder auch, wenn er um ein Ei bäte, er wird ihm doch nicht einen Skorpion geben? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisset, wie viel mehr wird der Vater, der vom Himmel ist, den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

Der Unglaube, der sich nicht an Gott wenden will und sich weigert, eine Segnung von Ihm zu erbitten, ist es, der Gott ermüdet; nicht aber „unverschämtes“ Anhalten und Drängen, sondern, wenn ich so sagen darf, gerade wenn es daran fehlt. Und diese göttliche Herrlichkeit und Vortrefflichkeit, die wir in Jesaja 7 bei dem HERRN des Hauses David finden, strahlt bei dem Herrn Jesus von neuem hervor, und das in den verschiedenen Weisen, wie Er den schwachen und den starken Glauben behandelt. Alles zeugt von seiner Vollkommenheit. Aber welch einen kleinen Teil dieser ganzen Herrlichkeit vermögen wir zu ergründen!

Wir wissen, in wie mannigfaltiger Weise unsere Mitpilger uns auf die Probe stellen und in Versuchung bringen, und ohne Zweifel tun wir ihnen gegenüber das auch. Wir sehen oder wir glauben, an ihnen irgendeine Verkehrtheit zu sehen, und es erscheint uns schwer, noch länger Umgang oder Kontakt mit ihnen zu haben. Und doch kann in allem oft die Schuld allein auf unserer Seite liegen, indem wir das, was nicht mit unserem Geschmack und unserem Urteil in Übereinstimmung ist, als etwas Tadelnswertes an ihnen betrachten.

Aber der Herr konnte sich nie so täuschen; und doch ließ Er sich nie „durch das Böse überwinden“, sondern „überwand das Böse mit dem Guten“, d.h. das Böse in dem Menschen mit dem Guten, das in Ihm war. Eitelkeit, böse Laune, Gleichgültigkeit gegen andere, Eigenliebe, Unwissenheit trotz aller Mühe, die Er sich gab, um sie zu belehren – das alles hatte Jesus beständig von Seiten seiner Umgebung zu erdulden. Sein Leben war in einem gewissen Sinn ein Tag der „Erbitterung“, wie es die vierzig Jahre in der Wüste gewesen waren. Israel versuchte sozusagen von neuem den Herrn und erfuhr von neuem, wer Er war. Es ist in der Tat ein lieblicher Gedanke: Sie reizten den Herrn, aber sie stellten dadurch nur ans Licht, wer Er war. Er litt, aber Er ertrug es mit Geduld, und nie gab Er sie auf. Er warnte und belehrte. Er tadelte und verurteilte sie, aber nie wandte Er sich von ihnen ab. Im Gegenteil, am Ende ihrer gemeinschaftlichen Wanderung ist Er ihnen näher als je.

Wie vollkommen und trefflich ist das alles und wie ermunternd für uns! Die Bemühungen des Herrn, unser Gewissen zu erreichen, lassen nie sein Herz erkalten. Wir büßen nichts ein, wenn Er uns tadelt. Und Er, der sein Herz nicht von uns abwendet, wenn Er sich mit unserem Gewissen beschäftigt, ist bereit, unsere Seelen wiederherzustellen, damit das Gewissen, wenn ich mich so ausdrücken darf, bald imstande sei, seine Schule zu verlassen und das Herz die glückselige Freiheit in seiner Gegenwart wiederfinde.

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Aus The Moral Glory of the Lord Jesus Christ


Hinweis der Redaktion:

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