Die moralische Herrlichkeit des Herrn Jesus (8)
Seine Vollkommenheit, sich unterschiedlichen Situationen anzupassen

John Gifford Bellett

© SoundWords, online seit: 07.03.2002, aktualisiert: 21.10.2016

Öfters sehen wir den Herrn Jesus, wie Er auf Besuch an dem Tisch anderer sitzt. Dann dient das dazu, neue Züge seiner Vollkommenheit vor unsere Blicke zu stellen.

Bei den Pharisäern

Am Tisch der Pharisäer, wo wir Ihm manchmal begegnen, betritt Er nicht die vertraute Atmosphäre der Familie. Er handelt dort nach dem Charakter, gemäß dem Er eingeladen worden war, nämlich so wie Er sich bereits in der Öffentlichkeit gezeigt hatte. Er ist nicht einfach ein Gast, dem die besondere Gastfreundschaft des Hausherrn zuteilwird, sondern Er ist in seiner Ihm eigenen Art gekommen, und deshalb kann Er lehren und tadeln. Er ist immer das Licht und handelt als das Licht. Und so macht Er, wie Er es draußen unter dem Volk getan hat, auch im Innern des Hauses, in das Er eingeladen war, die Finsternis offenbar (siehe Lk 7,40-50).

Bei dem Zöllner Levi

Während Er aber so wieder und wieder das Haus der Pharisäer als Lehrer betrat und den moralischen Zustand, wie er sich dort vorfand, verurteilte, so sehen wir Ihn in der Wohnung des Zöllners als Heiland. Levi bereitete Ihm ein Fest in seinem Haus und lud auch Zöllner und Sünder dazu ein. Und als dies – wie es ganz natürlich war – den Ärger der Schriftgelehrten, der religiösen Leiter des Volkes, erregte, offenbarte sich der Herr als Heiland, indem Er zu ihnen sagte: „Die Starken bedürfen nicht eines Arztes, sondern die Kranken. Gehet aber hin und lernet, was es ist: Ich will Barmherzigkeit und nicht Schlachtopfer; denn ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder“ (Mt 9,12). Wie einfach sind diese Worte, aber zugleich wie treffend und bedeutungsvoll! Simon, der Pharisäer, war ärgerlich darüber, dass eine Frau, die als Sünderin bekannt war, in sein Haus kam und zu dem Herrn Jesus ging, während Levi, der Zöllner, gerade Sünder einlud, um die Mitgäste des Herrn Jesus zu sein. Infolgedessen handelt der Herr im Haus des einen wie ein Tadler, während Er sich im Haus des anderen in der großen Gnade eines Erlösers zeigt.

Bei dem Zöllner Zachäus

Doch wir finden den Herrn Jesus noch bei anderen Personen zu Tisch. Folgen wir Ihm doch mal nach Jericho (Lk 19). Zachäus war bis zu jener Stunde ein ganz „normaler“ Sünder, ein Mensch in seinem natürlichen Zustand, der, wie wir wissen, sündig und verderbt ist. Aber er stand in jenem Augenblick unter dem Zug des Vaters zum Sohn (Joh 6,44: „das der Vater … ihn ziehe“) und Jesus wurde sein Anziehungspunkt. Er wollte Ihn sehen und, von diesem brennenden Verlangen getrieben, hatte er sich einen Weg durch die Menge gebahnt und war auf einen Maulbeerfeigenbaum gestiegen, um so, wenn möglich, den vorübergehenden Herrn zu sehen. Der Herr schaute zu ihm auf und lud sich augenblicklich bei ihm ein. Das ist sehr beachtenswert! Jesus ist in dem Haus des Zöllners zu Jericho ein ungenötigter Gast, der sich selbst eingeladen hat.

Die ersten Regungen des geistlichen Lebens in dem Herzen eines Sünders, die durch den Zug des Vaters hervorgebrachten Bedürfnisse, wollten den Herrn Jesus in diesem Haus willkommen heißen. Aber der Herr kommt in einer schönen und bedeutungsvollen Weise diesem inneren Bedürfnis des Zachäus zuvor und tritt in das Haus ein in einem Charakter, der den Bedürfnissen des Augenblicks entsprach. Er wollte das neugeweckte Leben, das den Wunsch hatte, „Jesus zu sehen“ (Lk 19,3), anfachen und befestigen. Das führt dann dazu, dass es direkt etliche gute Früchte hervorbringt: „Siehe, Herr, die Hälfte meiner Güter gebe ich den Armen, und wenn ich von jemandem etwas durch falsche Anklage genommen habe, so erstatte ich es vierfältig“ (Lk 19,8).

Bei den Jüngern in Emmaus

In Emmaus begegnen wir einer anderen Szene. Hier finden wir nicht das Verlangen eines neubekehrten Sünders, sondern den Wunsch von wieder zurückgebrachten Jüngern des Herrn. Die beiden Jünger hatten dem Unglauben Raum gegeben. Sie gingen nach Hause zurück unter dem traurigen Eindruck, dass Jesus sie in ihren Erwartungen getäuscht habe. Der Herr Jesus kritisiert sie, gleich nachdem Er sich auf dem Weg zu ihnen gesellt hat; jedoch ist die Art seiner Unterhaltung so anziehend, dass ihre Herzen zu brennen beginnen (Lk 24,52) und sie Ihn, als sie die Tür ihrer Wohnung erreicht haben und Er weitergehen will, dringend nötigen, bei ihnen einzukehren.

Hier lädt Er sich nicht selbst ein, wie Er es in Jericho getan hatte. Die beiden Jünger waren nicht in dem gleichen Zustand, in dem sich Zachäus befand. Aber sobald sie Ihn einladen, kehrt der Herr ein, und zwar um das Verlangen, welches jene zu seiner Einladung getrieben hatte, weiter zu fördern, ja völlig zufriedenzustellen. Und so geschah es denn auch: Die Freude ihrer Herzen war so groß, dass sie, wie weit auch die Nacht schon vorgerückt sein mochte, noch zu derselben Stunde nach Jerusalem zurückkehrten, um ihren Brüdern diese Dingen zu erzählen.

Sind diese Ereignisse nicht voller Schönheiten? Einmal der Gast des Pharisäers, dann der Gast des Zöllners und dann der Gast der Jünger: Als der geladene und ungeladene Gast sitzt der Herr Jesus stets auf seinem Platz in aller Vollkommenheit und Schönheit.

Bei den Freunden in Bethanien

Es gibt noch andere Fälle, in denen der Herr Jesus als Tischgenosse vor unsere Augen tritt; aber ich beschränke mich darauf, nur noch einen einzigen anzuführen. In Bethanien sehen wir Ihn auf dem, wie wir es weiter oben nannten, vertrauten Boden der Familie. Würde Er die Idee einer christlichen Familie missbilligt haben, so hätte Er nicht gut in Bethanien sein können. Aber wir sehen Ihn dort, und zwar wieder, um einen neuen Zug seiner moralischen Herrlichkeit zu entdecken. Er ist in Bethanien als ein Freund der Familie, indem Er in ihrem Kreis das findet, was wir alle noch heute so hoch schätzen: ein Zuhause. Die Worte „Jesus aber liebte die Martha und ihre Schwester und den Lazarus“ bestätigen dieses zur Genüge. Die Liebe des Herrn zu dieser Familie war nicht die Liebe eines Erlösers oder eines Hirten. Natürlich wissen wir, dass Er beides auch für sie war. 

Aber hier war es mehr. Es war die Liebe eines Familienfreundes. Aber obwohl Er ein Freund, und zwar ein vertrauter Freund war, der, sooft es Ihm beliebte, unter diesem gastfreundlichen Dach herzliche Aufnahme finden konnte, mischte Er sich doch niemals in die Angelegenheiten des Hauses ein. Martha führte den Haushalt, die am meisten beschäftigte Person der Familie, nützlich und wichtig an ihrem Platz. Und Jesus lässt sie da, wo Er sie findet. Es war nicht seine Sache, solche Dinge zu verändern oder zu ordnen. Lazarus konnte Platz nehmen an der Seite seiner Gäste an der Familientafel. Maria konnte sich zurückziehen und sich in ihr eigenes Reich oder, wenn du willst, in das Reich Gottes in ihr, vertiefen. Und Martha konnte beschäftigt sein und ihren häuslichen Pflichten nachgehen. Jesus lässt alles gerade so, wie Er es findet. Er, der nicht ungeladen in das Haus eines anderen eintreten mochte, will, wenn Er bei diesen beiden Schwestern und ihrem Bruder eingekehrt ist, sich nicht in die häusliche Ordnung und deren Angelegenheiten einmischen. Welch eine vollkommene Anständigkeit! Aber wenn eines der Glieder der Familie (wie hier Martha) anstatt den ihm angewiesenen Platz in dem Familienkreis zu bewahren, sich in der Gegenwart Jesu belehrende Anmerkungen erlaubt, dann muss und wird Er seinen höheren Charakter annehmen, um in göttlicher Weise die Dinge zu ordnen, die Er, häuslich betrachtet, nicht berühren und in die Er sich nicht einmischen mochte (Lk 10).

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Aus The Moral Glory of the Lord Jesus Christ


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