Gefälligkeiten
Ein Gedanke über den Herrn Jesus

John Gifford Bellett

© SoundWords, online seit: 20.05.2013, aktualisiert: 05.12.2017

Leitverse: Römer 15,2.3

Röm 15,2: Jeder von uns gefalle dem Nächsten zum Guten, zur Erbauung. Denn auch der Christus hat nicht sich selbst gefallen.

Es ist mir aufgefallen, dass wir überall beobachten können, dass der Herr seinen Jünger niemals bloß eine Gefälligkeit erweisen wollte. Der Herr tat das niemals: Im Gegenteil, ich bin sicher, dass Er viele kleine Gelegenheiten, ihnen eine Gefälligkeit zu erweisen oder sich beliebt zu machen oder in Gunst zu versetzen, vorübergehen ließ. Er trachtete nicht danach, zu gefallen, und doch fesselte Er sie aufs Engste an sich. Das hatte gesegnete Folgen. Handelt irgendein Mensch auf diese Weise, ist das immer ein Zeichen von moralischer Stärke.

Man sagt: „Wenn wir danach streben, zu gefallen, wird es uns selten misslingen.“ Das ist ohne Zweifel wahr, aber nichts ist verwerflicher als das. Dadurch machen wir ein Geschöpf – unseresgleichen  zu einem höheren Wesen. Wir verhalten uns so, als ob unser Leben von dessen Wohlwollen abhinge, obwohl doch unser Leben von Gott abhängt und nur von Ihm allein.

Strahlen wir dagegen solche Anziehungskraft aus, dass man volles Vertrauen zu uns hat; schätzen und lieben andere uns, ohne dass das auch nur ein einziger Augenblick unsere Absicht gewesen wäre – das ist wirklich groß. So etwas kann man nur erklären durch das gleichbleibende Ausströmen selbstloser Liebe. Diese Liebe zeigt anderen, dass wir „in Tat und Wahrheit“ ihre Belange, ihr Wohl und ihren Segen im Auge haben und von Herzen suchen. So war der Herr. Nichts, was Er tat, deutete darauf hin, dass Er ihnen gefallen wollte. Jedoch alles, was Er tat, bezeugte, dass Er danach strebte, sie zu segnen.

Ich sage es noch mal: Ich glaube, dass Er viele kleine Gelegenheiten, ihnen eine Gefälligkeit zu erweisen oder sich bei ihnen in Gunst zu versetzen, vorbeigehen ließ. Und doch begegnete Er ihnen in vielen Fällen mit Liebe und Fürsorge, wo wir nicht einverstanden gewesen wären. Beide Haltungen, die eine sowie die andere, entsprangen seiner Ihm eigenen moralischen Vollkommenheit. So wie Selbstgefälligkeit seinem Wesen fremd war, dass Er keinen Beifall suchte, so hatte auch Erbitterung kein Teil in Ihm, dass Er vorschnell jemand verurteilt hätte. Man konnte Ihn weder durch Schmeicheleien dazu bringen, gnädig zu sein, noch Ihn herausfordern, lieblos zu handeln.

Betrachten wir Lukas 22,24-30. Sie hatten gerade ihre anmaßende Natur zur Schau gestellt, indem sie sich um den höchsten Platz im Reich gestritten hatten. Er korrigiert sie wohl, hält sich aber nicht lange dabei auf. Stattdessen lässt Er etwas anderes sein Herz und seine Gedanken bestimmen, indem Er ihnen Achtung zollt: „Ihr aber seid es, die mit mir ausgeharrt haben in meinen Versuchungen“ [Lk 22,28]. War jetzt der geeignete Moment, sie an diese Tatsache zu erinnern? War es der richtige Zeitpunkt, sie in solch ein gutes Licht zu stellen und darin stehend zu betrachten? Nein, das war keine natürliche Vorgehensweise – aber für Jesus war es der richtige Zeitpunkt. Und Er ist unser Vorbild, damit wir seinen Fußstapfen nachfolgen und Teilhaber seiner Gesinnung werden. Diese kleine Begebenheit soll uns als Verhaltensmuster dienen: Die momentane Tat darf unsere Einstellung in Bezug auf den respektvollen Umgang miteinander nicht bestimmen.

Vielleicht spielen in dem, was geschehen ist, Hässliches oder natürliche Regungen mit – so wie in diesem Fall. Es ist aber auch möglich – so wie hier –, dass es die Tat derer ist, in denen viel von der Kostbarkeit des Geistes wohnt. Dieses Wertvolle sollten wir mehr im Auge behalten. Das sollte unsere Gedanken bestimmen, sogar wenn wir Schlechtes sehen! Das mag seltsam erscheinen. Ja, denn die göttliche, uneigennützige Liebe geht seltsame Wege. Das ist unsere Rolle als Pilger und Fremdlinge auf einem Schauplatz, wo Egoismus viele verschiedene Formen annimmt.

Es ist nicht gut, immer verstanden zu werden. Joseph sprach unfreundlich mit seinen Brüdern, als es ihnen schlecht ging. Aber Joseph passte sich nicht den Umständen an, denn er suchte der Brüder Bestes. Er wollte sie segnen und nicht ihnen gefallen. Jesus sagte Thomas gerade in dem Moment, als er seine Reue zeigte, dass es einen noch viel segensreicheren Bereich gäbe, zu dem er keinen Zutritt hatte. Aber Jesus sprach immer die reine Wahrheit; Er ist gegenüber uns allen wahr, Er war sogar zu Thomas wahr – obwohl Er sich [durch dessen Bekenntnis] zu sanften Worten hätte verführen lassen können. So wie Joseph [seinen Brüdern diente], so diente Jesus dem Thomas und nicht dem Augenblick oder der Gelegenheit.

Oh, welche Vollkommenheit! Wie rein war Er in den Wegen seiner Gedanken, wie rein auch sein Wirken in dieser Welt! Oh, die Schönheit all dessen, was die LIEBE tut oder sagt! Wir werden das alles irgendwann verstehen, wenn sich uns Horizonte öffnen, die wir jetzt unfähig sind zu erkennen. Durch unsere Ichbezogenheit missverstehen wir das Handeln der Liebe und erwarten Freuden, die uns nicht geschenkt werden, wenn man uns nicht beachtet. In Wirklichkeit aber nehmen wir einen beachtlichen, bleibenden Gewinn mit – und hatten dabei doch nur ein flüchtiges, angenehmes Erlebnis erhofft!

Oh, besäßen wir mehr von dieser Liebe „in Tat und Wahrheit“, die das bleibende Wohl anderer im Blick hat und die verzichten kann auf Anerkennung zugunsten deren Bereicherung.


Originaltitel: „A thought on the Lord Jesus“
aus The Remembrancer, Bd. 1, 1891, S. 22–26

Übersetzung: Christel Schmidt


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