|
William Kelly wurde im Mai 1821 in Millisle in der Grafschaft Down geboren.
Seine Schul- und Universitätszeit verbrachte er in Downpatrick und an der
Universität Dublin. Dort erwarb er hervorragende Kenntnisse der klassischen
Sprachen Latein, Griechisch und Hebräisch. Er wurde protestantischer
Geistlicher. Kurz nach seiner Abschlussprüfung kam er zur Bekehrung. Aber es
fehlte ihm noch das Bewusstsein der wahren christlichen Befreiung. Bei seinem
Aufenthalt auf der Insel Sark wies ihn dann eine gläubige Dame aus dem Hause
Acland auf Kapitel 5,9-10 des ersten Johannesbriefes hin: "Wenn wir das
Zeugnis der Menschen annehmen, das Zeugnis Gottes ist größer; denn dieses ist
das Zeugnis Gottes, welches er gezeugt hat über seinen Sohn. Wer an den Sohn
Gottes glaubt, hat das Zeugnis in sich selbst". Dadurch gelangte er im
Glauben zu dem festen Bewusstsein der Errettung und des Besitzes des ewigen
Lebens. Noch viele Jahre später erwähnt er in seinem Buch "Exposition of
the Epistles of John" (deutsche Ausgabe: "Was von Anfang war",
Heijkoop-Verlag, Schwelm) diese für ihn so bedeutungsvolle Tatsache. Von dieser
Wahrheit ist er Zeit seines Lebens nie wieder abgewichen.
Im Alter von 24 Jahren traf er zum ersten Mal mit John Nelson Darby zusammen.
Als er die von ihm verkündeten Lehren über die wahre Kirche Gottes und andere
biblische Wahrheiten kennenlernte, begriff er sogleich, dass hier der Heilige
Geist mächtig wirkte. Ausschlaggebend war dabei für ihn die Entdeckung, dass
die Behauptung vieler Theologen, der "Acker" sei die Kirche (vgl. Mt.
13,24.36-38.44), falsch war. Das wurde für ihn der Schlüssel zur Wahrheit
über die Kirche, und er machte sich in der darauffolgenden Zeit daran,
eingehend die Heilige Schrift zu erforschen. Er erkannte im Glauben, dass er
seine außergewöhnlichen Kenntnisse und Fähigkeiten ganz der Sache des Herrn
Jesus Christus weihen sollte.
In den Jahren 1849 bis 1850 war er Herausgeber der Zeitschrift "The
Prospect" (Der Ausblick). Darin veröffentlichte er eine Übersetzung der
Offenbarung aus dem Griechischen, mit Anmerkungen über verschiedene Lesarten
der Handschriften und Bemerkungen von allgemeinem Interesse. Im Juni des Jahres
1856 hatte ein gewisser Professor Wallace die Herausgabe einer Zeitschrift mit
dem Titel "The Bible Treasury" (Schatzkammer der Bibel) begonnen.
William Kelly übernahm die Aufgabe des Herausgebers im Januar 1857 und behielt
diese bis zum Februar 1906, kurz vor seinem Heimgang, bei. Diese Monatsschrift
ist eine wahre Schatzkammer von Auslegungen über alle Bücher der Bibel, von
Beantwortungen biblischer Fragen, von ausführlichen Abhandlungen über
geistliche Themen und von Artikeln ermunternden und ermahnenden Inhalts.
Bekannte Brüder wie J.G. Bellett, J.N. Darby, J.G. Deck, W.W. Fereday, F.W.
Grant, W.J. Hocking, A. Miller, F.G. Patterson, W. Trotter, G.V. Wigram und
viele andere haben daran zum bleibenden Segen mitgewirkt. Ein verhältnismäßig
großer Teil der Beiträge stammt aus der Feder von William Kelly selbst. Viele
seiner Bücher und kleineren Schriften sind Nachdrucke von Artikeln in der
Zeitschrift "The Bible Treasury". Andere Bücher jedoch sind
Mitschriften seiner Vorträge. Dazu gehören zum Beispiel die "Introductory
Lectures" (je drei Bände über das Alte und das Neue Testament), die nicht
in "The Bible Treasury" erschienen sind. William Kelly war ein
begabter Redner, der sich eindrucksvoll und mit großer Leichtigkeit
auszudrücken wusste. Nie kehrte er dabei seine große Gelehrsamkeit heraus, gab
jedoch immer wohlbegründete Unterweisungen. Er hatte eine gewinnende,
freundliche Art, die mit Zuvorkommenheit und einem feinen, reinen Humor
verbunden war.
Es würde zu weit führen, auf die Vielzahl seiner Bücher, die ja fast alle
in englischer Sprache noch erhältlich sind, im Einzelnen einzugehen. Sie sind
von bleibendem Wert für alle, die ein Interesse an der Erforschung des
kostbaren Wortes Gottes haben.
Besondere Hervorhebung verdient jedoch die Tatsache, dass William Kelly die
weitverbreiteten und zum Teil verstreuten Schriften von John Nelson Darby
gesammelt und in 34 Bänden ("The Collected Writings of J.N. Darby")
herausgegeben hat. Diese Aufgabe erforderte mehrjährige, mühevolle Arbeiten
und Nachforschungen. Dadurch hat William Kelly der Versammlung Gottes einen
wichtigen Dienst erwiesen, zu dem wohl wenige so befähigt waren wie er. Auch
die fünf Bände der "Synopsis of the Books of the Bible" von J.N.
Darby hat William Kelly aus dem Französischen ins Englische übersetzt. Er
schätzte die Werke und den Dienst J.N. Darbys sehr hoch und bemühte sich, sie
so weit wie möglich zu verbreiten. Ihrem Autor brachte er die höchste Achtung
entgegen und sprach gerne mit Ehrfurcht und Liebe von ihm, obwohl die
Gemeinschaft mit ihm nach einer herzlichen und glücklichen Zusammenarbeit von
über 35 Jahren durch die entstandenen Verhältnisse unterbrochen wurde. Bis zum
Ende pflegte er jedoch jedem, der sich für die göttliche Wahrheit
interessierte, zu sagen: "Lies Darby!"
William Kelly arbeitete auch mit Eifer am Evangelium, und zwar sowohl
mündlich als auch schriftlich. Viele seiner kurzen evangelistischen
Abhandlungen in "The Bible Treasury" waren Traktate für Ungläubige.
Eine seiner letzten Tätigkeiten war die Auswahl spezieller christlicher
Literatur für China und Japan.
Nach seinem Austritt aus der Staatskirche im Jahre 1841, als er außerhalb
des Lagers ging, um die Schmach Christi zu tragen, wandelte er fest und treu auf
dem Wege der Nachfolge seines Herrn. Er trat unermüdlich für die Einheit des
Leibes, die Einheit des Geistes und die Absonderung zu dem Namen des Herrn Jesus
Christus sowie für die Erwartung Seiner Wiederkunft ein. In allen
Schwierigkeiten, die sich auch unter den Brüdern auf taten, nahm er eine
Stellung ein, in der er klar, logisch und schriftgemäß seinen Standpunkt
verdeutlichte, wobei er immer an den Grundsätzen Gottes festhielt. Er
verurteilte unschriftgemäße Abweichungen bei den Brüdern ebenso scharf wie
bei allen anderen. Er vermochte zu warnen und zu helfen, zu tadeln und zu
ermuntern. Kurz vor seinem Heimgang schrieb er an einen Bekannten: "Wie
geringfügig sind unsere Trübsale - nicht nur im Vergleich zu den Leiden dessen,
der litt wie kein anderer - sondern auch im Vergleich zu denen des Apostels
Paulus, der ein Mensch mit gleichen Gemütsbewegungen war wie wir! Was musste er
erdulden vonseiten der Juden, der Nationen und der Versammlung Gottes!"
Nach dem Tod seiner ersten Gattin im Jahre 1884 heiratete er eine Schwester
Gipps aus Herford, eine sehr geistliche und begabte Frau, die ihrem Gatten bei
seinen besonderen Aufgaben sehr behilflich war. Sie war gleich ihm eine
hervorragende Sprachkennerin mit großem Wissen. Von einer Übersetzung der
Psalmen ins Englische konnte sie fast die Hälfte fertigstellen, den Rest
ergänzte William Kelly selbst.
William Kelly besaß eine Bibliothek von 15 000 Bänden. Sie enthielt die
großen Kodex-Handschriften des Neuen Testaments (manche als
Faksimile-Ausgaben), mehrsprachige Bibelausgaben, die sogenannten Polyglotten,
die Werke der Kirchenväter und der großen Theologen sowie viele Bände über
Wissenschaft, Philosophie und Geschichte, speziell die Kirchengeschichte. Viele
seltene theologische Werke waren in seinem Besitz. William Kelly wollte diese
reichhaltige Büchersammlung gerne anderen am Worte Gottes Interessierten
erhalten wissen und entschied zwei Jahre vor seinem Heimgang, dass sie als
anonyme Spende nach Middlesborough in Yorkshire überbracht werden sollte. Aber
die große Londoner Zeitung "The Times" brachte es fertig, den Namen
des Spenders herauszufinden und kurz nach seinem Tod zu veröffentlichen.
Viel Zeit widmete William Kelly auch dem Briefwechsel mit Menschen hohen und
niedrigen Standes. Mit seiner winzigen, aber gut lesbaren Handschrift erteilte
er klare Belehrungen, zuverlässige Auskünfte und geistlichen Rat und Trost.
Auch auf diesem Gebiet war er bemüht, im Dienst für den Herrn das Beste zu
geben. Viele angesehene Männer seiner Zeit bewunderten und schätzten ihn. Zu
der in den Jahren 1870 bis 1881 erfolgten Revision der bekannten "Authorized
Version" der englischen Bibel versuchte man, William Kelly als gelehrten
Fachmann zur Mitarbeit zu bewegen. Er lehnte diese ehrenvolle Arbeit jedoch ab,
da er mit der Zusammensetzung des Komitees, in dem sich auch liberale Theologen
befanden, nicht einverstanden war. Das Ergebnis der Revision des Neuen
Testamentes hat er ab 1881 in seiner Zeitschrift "The Bible Treasury"
einer kritischen Prüfung unterzogen.
Zeit seines Lebens blieb dieser hochbegabte Mann bescheiden und einfach. Als
einer seiner Professoren in Dublin ihm sagte, er könne als Gelehrter ein
Vermögen machen, stellte er nur die Gegenfrage: "Für welche Welt?"
Und als jemand ihm großzügigerweise anbot, aufgrund seiner Beziehungen etwas
für ihn tun zu wollen, fragte er diesen: "Was könnten Sie mehr für mich
tun, als der Herr Jesus schon für mich getan hat?"
So gingen die Lebensjahre William Kellys in glücklichem, beständigem und
fruchtbarem Dienst dahin, bis er sich auf ärztlichen Rat Anfang des Jahres 1906
nach Exeter zu seinem Freund Dr. Heyman Wreford begab. Dort ging er nach einigen
Wochen, am 27. März 1906 heim. So endete ein Leben einzigartigen Dienstes,
dessen Auswirkungen lange erhalten bleiben werden. Noch kurz vor seinem Heimgang
sagte er zu einem Besucher auf seinem Krankenlager: "Es gibt drei reale
Dinge: das Kreuz, die Feindschaft der Welt und die Liebe Gottes".
Weitere Biographie von
H.W. Pontis (einem langjährigen Freund)
aus "Gedenket eurer Führer"
www.csv-verlag.de
|