Der Brief an die Hebräer (7)
Kapitel 7

David Willoughby Gooding

© CV Dillenburg, online seit: 09.08.2019

Melchisedek und ein besserer Bund (1)

In dieser Betrachtung wollen wir zwei Kapitel durchnehmen, in denen wir freilich durch ruhigere Wasser segeln. Die langen Abschnitte mit Warnungen liegen jetzt hinter uns, und wir werden erst nach etlichen Kapiteln wieder auf eine Warnung stoßen. Wir können ruhig und getrost vorangehen und uns ganz auf den Herrn Jesus in der Herrlichkeit Seines Priestertums konzentrieren.

Wenn wir jetzt die Aussagen über das Priestertum des HERRN durchgehen, wollen wir das natürlich mit den Augen der Hebräerchristen tun. Wir müssen uns in eine andere Situation hineinzuversetzen suchen, da wir als Heidenchristen nie unter einem Priestertum standen, das einst von Gott selbst eingesetzt worden war. Die Hebräer hingegen hatten jahrhundertelang die Vorzüge des aaronitischen Priestertums genossen, eines Priestertums, das einst von Gott verordnet worden war, jetzt aber daran war, zu veralten. Aber auch als Nichtjuden werden wir vieles finden, das uns erbauen und erfreuen wird, und das, je mehr wir uns die bisher dargelegten Dinge vergegenwärtigen.

In den Warnungen von Kapitel 6 ging es hauptsächlich um Folgendes: Gott erwartet von jedem, der seinen Glauben an den Herrn Jesus bekennt, Beweise für die Echtheit des Bekenntnisses. Und weil Gott in Werk und Wandel diesen Beweis fordert, ist es ernst, wenn gar keine einschlägigen Beweise vorliegen oder – schlimmer noch – wenn die äußeren Anzeichen dem Bekenntnis widersprechen. Egal, wer wir sind, wenn wir einen Wandel an den Tag legen, der unser Bekenntnis leugnet, dann ist das äußerst ernst, und zwar nicht, weil sich unsere Geschwister entsprechend Gedanken machen werden, sondern weil Gott selbst uns beobachtet und die von uns gebotenen Beweise bewertet.

Und natürlich ist unser Weg durch die Wüste nicht ein einziger Triumphzug. Auch wir verfallen nur zu oft inkonsequentem Tun, wie es ein Petrus tat, als er den HERRN leugnete. Wir wissen natürlich, dass er in seinem Herzen ein echter Gläubiger war; dennoch widersprachen Worte und Taten seinem Bekenntnis diametral. Und wie oft leugnet unser Tun die Echtheit all der Dinge, die wir zu glauben behaupten!

Ein Wort des Trostes

Als wir Kapitel 6 lasen, wurden wir dennoch getröstet, weil uns erstens in Erinnerung gerufen wurde, dass Gott nicht ungerecht ist, frühere Beweise zu vergessen. Als der Schreiber sich auf die früheren Tage der geistlichen Geschichte dieser Leute besann und an jene wunderbaren von ihnen erbrachten Beweise eines echten Bekenntnisses dachte und sie mit ihrem mangelhaften gegenwärtigen Wandel verglich, tröstete ihn das Wissen um eine Tatsache: „Gott ist nicht ungerecht, eure Bemühungen in der Vergangenheit zu vergessen.“ Wenn Gott Beweise sucht, dann erinnert Er sich an jeden einzelnen je erbrachten echten Beweis des Glaubens. Er wird auch nicht ein Zeugnis vergessen. Ich habe gehört und gelesen, dass ein Gläubiger, der sein Leben lang würdig wandelt und würdig kämpft, am Ende aber einen unglücklichen Fehltritt begeht, durch dieses einmalige Straucheln unwiderrufbar alles verliere. Eine solche Aussage ist eine Beleidigung und Verleumdung der Gerechtigkeit Gottes. Es verhält sich keineswegs so. Gott ist nicht ungerecht, die Beweise zu vergessen, die uns als echt ausgewiesen haben. Aber zu alledem hat jeder Gläubige, der durch die Wüste zum Ziel unterwegs ist, einen Hohenpriester, der ihm seiner einzigartigen Qualitäten und Seines gewaltigen Wirkens wegen vielem Straucheln zum Trotz ewige Errettung garantieren kann ...

Wir wollen uns jetzt Kapitel 7 zuwenden und das Werk und die Würde dieses großen Hohenpriesters betrachten. Wir wollen uns auch erneut in Erinnerung rufen, wie nötig wir Ihn haben. Wir brauchen einen Hohenpriester, der treu ist in den Sachen mit Gott: Wir brauchen einen Hohenpriester, der uns allezeit zu stärken und zu helfen vermag, damit wir mit Ausharren den vor uns liegenden Lauf auch laufen können.

Wer war Melchisedek?

Verse 1-3

Heb 7,1-3: Denn dieser Melchisedek, König von Salem, Priester Gottes, des Höchsten, der Abraham entgegenging, als er von der Schlacht der Könige zurückkehrte, und ihn segnete, dem auch Abraham den Zehnten von allem zuteilte; der erstens übersetzt König der Gerechtigkeit heißt, dann aber auch König von Salem, das ist König des Friedens, ohne Vater, ohne Mutter, ohne Geschlechtsregister, weder Anfang der Tage noch Ende des Lebens habend, aber dem Sohn Gottes verglichen, bleibt Priester auf immerdar.

Ihr müsst zuerst daran denken, beginnt der Schreiber, dass euer Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks ist. Dieser Melchisedek, der Abraham segnete und dem Abraham den Zehnten von allem gab, trägt bedeutende Namen. Er ist König der Gerechtigkeit; Melchisedek ist Hebräisch für König der Gerechtigkeit. Sodann ist er König von Salem, und Salem bedeutet auf hebräisch Frieden. Man beachte die Reihenfolge: Zuerst muss Gerechtigkeit sein, ansonsten ist Friede ausgeschlossen.

Das galt für uns alle, bevor wir zum Heiland kamen. Wir warten noch immer in unseren Sünden, wir konnten uns keinerlei Hoffnungen auf Frieden machen, sei es mit Gott oder in uns selbst. Gott war keinesfalls gewillt, vor unseren Sünden die Augen zu verschließen. Es musste ein gerechter Weg zur Beseitigung unserer Sünden gefunden werden, bevor wir Frieden mit Gott haben konnten. Das gilt auch für uns als Gläubige. Obwohl wir dem HERRN gehören, zürnt Gott unseren Sünden genauso wie den Sünden anderer.

Nur weil wir einen Priester haben, der selbst gerecht ist und vor Gott eine gerechte Antwort für jede unserer Sünden hat, nur weil wir einen Priester haben, der König der Gerechtigkeit ist, können wir weiterhin Frieden mit Gott genießen. Wir wollen uns die Tatsachen, die über diese historische Persönlichkeit gesagt werden, etwas näher ansehen. Er taucht unangekündigt auf den Seiten der Bibel auf. Viele Persönlichkeiten des ersten Mosebuches werden uns mit ihren Geschlechtsregistern vorgestellt; von Melchisedek wird uns aber nichts über seine Eltern gesagt. Was den Bericht in 1. Mose anlangt, war er ohne Vater, ohne Mutter, ohne Geschlechtsregister.

Man beachte an dieser Stelle, wie exakt der Heilige Geist sich in der Schrift ausdrückt. Natürlich hatte Melchisedek Eltern. Aber die Tatsache, dass der Heilige Geist uns in einem Buch, in dem Eltern so wichtig sind, nichts über dessen Eltern sagt, ist hochbedeutend. Auch das Schweigen der Schrift birgt Lektionen für uns. Wir wollen hierdurch lernen, die Heiligen Schriften hoch zu achten. Viele haben diese Geschichten unglücklicherweise als Mythen und Legenden abgeschrieben. Der Heilige Geist will, dass wir diese Geschichten achten und dass wir aufpassen, wie sorgfältig Er sie hat schreiben lassen. Nicht nur, was gesagt wird, sondern auch, was verschwiegen wird, ist wichtig. Das sei nur nebenbei vermerkt.

Im ersten Mosebuch hat dieser Priester kein Geschlechtsregister, kein Ende des Lebens; er verlässt den Schauplatz des Geschehens, und wir hören nie etwas von seinem Tod. Darum ist er im erstenh Mosebuch ohne Anfang und ohne Ende und wirft damit ein passendes Bild auf unseren Herrn Jesus Christus. In jenem Buch ist er dem Sohne Gottes verglichen, in welchem all diese Andeutungen Wirklichkeit sind: Er hat buchstäblich keinen Anfang, und Sein Leben kennt kein Ende.

Das sind also die Fakten, die wir uns für das nächste Mal, wenn wir 1. Mose 14 lesen, merken sollten.

Größer als Abraham

Verse 4-10

Heb 7,4-10: Schaut aber, wie groß dieser war, dem selbst Abraham, der Patriarch, den Zehnten von der Beute gab. Und zwar haben die von den Söhnen Levis, die das Priestertum empfangen, ein Gebot, den Zehnten von dem Volk zu nehmen nach dem Gesetz, das ist von ihren Brüdern, obwohl sie aus den Lenden Abrahams gekommen sind. Er aber, der sein Geschlecht nicht von ihnen ableitete, hat den Zehnten von Abraham genommen und den gesegnet, der die Verheißungen hatte. Ohne allen Widerspruch aber wird das Geringere von dem Besseren gesegnet. Und hier zwar empfangen Menschen, die sterben, die Zehnten, dort aber einer, von dem bezeugt wird, dass er lebe; und sozusagen ist durch Abraham auch Levi, der die Zehnten empfängt, gezehntet worden, denn er war noch in den Lenden des Vaters, als Melchisedek ihm entgegenging.

Der Schreiber unseres Briefes macht jetzt einige Beobachtungen und zieht einige Schlüsse aus denselben. Die erste Beobachtung folgt im mit Vers 4 beginnenden Abschnitt. Beachte, wie groß Melchisedek war. Der Schreiber zeigt das auf ganz einfache Art. Wir lesen in 1. Mose 14, dass Melchisedek Abraham entgegenging, als dieser von der Schlacht zurückkehrte, dass er ihn segnete und dass Abraham ihm den Zehnten gab. Jetzt seht, was das bedeutet, sagt der Schreiber. Melchisedek segnete Abraham und nicht umgekehrt. Und ohne allen Widerspruch wird immer das Geringere vom Besseren gesegnet. Da nun Abraham von Melchisedek gesegnet wurde, war Melchisedek größer und besser als Abraham. Und doch war Abraham der Vater Aarons und damit Vater des Priestertums.

Zudem gab Abraham Melchisedek den Zehnten. Und jetzt passt auf, sagt der Schreiber. Gewöhnliche Juden, obwohl sie alle Söhne Abrahams sind, geben den Söhnen Aarons den Zehnten. Damit erkennen die Kinder Israel den Vorzug jenes Stammes an. Und dennoch gab Abraham Melchisedek den Zehnten; damit erkannte Abraham an, dass Melchisedek größer war als er.

Und jetzt wird es spannend: Wenn ich so sagen darf – fährt der Schreiber fort –: als Abraham dem Melchisedek den Zehnten gab, da gab damit auch Levi den Zehnten; denn Levi war noch in den Lenden des Vaters, als Abraham Melchisedek entgegenging. Levi war also dabei, als Abraham den Zehnten gab. Hier bezeugt die heilige Geschichte auf den Seiten des Alten Testaments, dass das Priestertum Melchisedeks bereits in jenen Tagen dem Priestertum Aarons überlegen war. Das ist ein wichtiger Punkt. Melchisedeks Priestertum war besser als das Aarons; und das ist deshalb wichtig, weil das Priestertum des Herrn Jesus nach der Ordnung Melchisedeks ist.

Ein jüdischer Bekehrter konnte jetzt argumentieren: Ja, vielleicht ist es besser. Aber heißt das notwendigerweise, dass wir das Priestertum Aarons verlassen sollten? Wenn man ein neues Auto kauft, muss man ja nicht unbedingt das alte wegwerfen. Du kannst das, musst aber nicht. Und warum sollte ein Jude sich nicht sagen: Das Priestertum Christi ist wohl besser, aber wir halten uns immer noch an Aarons Priestertum. Warum können wir nicht beides haben: das Priestertum Christi im Himmel, und das Priestertum Aarons auf der Erde? Denkt ein wenig nach, sagt der Schreiber, das ist unmöglich. Manch ein jüdischer Bekehrter mag gewünscht haben, dass es doch irgendwie möglich wäre. Für einige von ihnen wäre das Leben ein bisschen erträglicher geworden, der Bruch wäre nicht so ernst gewesen und die Schmach nicht so drückend. Aber es war nicht möglich.

Größer als Aaron

Verse 11-19

Heb 7,11-19:  Wenn nun die Vollkommenheit durch das levitische Priestertum wäre (denn in Verbindung damit hat das Volk das Gesetz empfangen), welches Bedürfnis wäre noch vorhanden, dass ein anderer Priester nach der Ordnung Melchisedeks aufsteht und nicht nach der Ordnung Aarons genannt wird? Denn wenn das Priestertum geändert wird, so findet notwendigerweise auch eine Änderung des Gesetzes statt. Denn der, von dem dies gesagt wird, gehört zu einem anderen Stamm, aus dem niemand am Altar gedient hat. Denn es ist offenbar, dass unser Herr aus Juda entsprossen ist, einem Stamm, über den Mose in Bezug auf Priester nichts geredet hat. Und es ist noch weit augenscheinlicher, wenn, nach der Gleichheit Melchisedeks, ein anderer Priester aufsteht, der es nicht nach dem Gesetz eines fleischlichen Gebots geworden ist, sondern nach der Kraft eines unauflöslichen Lebens. Denn ihm wird bezeugt: „Du bist Priester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks.“ Denn da ist eine Abschaffung des vorhergehenden Gebots seiner Schwachheit und Nutzlosigkeit wegen (denn das Gesetz hat nichts zur Vollendung gebracht) und die Einführung einer besseren Hoffnung, durch die wir Gott nahen.

Seht ihr, fährt der Schreiber fort, wenn das levitische Priestertum vollkommen gewesen wäre, hätte Gott doch nie mehr von einem anderen Priestertum gesprochen. Allein schon die Tatsache, dass Gott im Psalmenbuch von einem Priester nach der Ordnung Melchisedeks spricht, zeigt, dass Gott selbst das Priestertum Levis als unvollkommen und unzulänglich ansah. Darum musste Gott ein anderes Priestertum mit einem anderen Priester einführen. Wenn aber, sagt Vers 12, das Priestertum verändert wird, findet notwendigerweise eine Veränderung des Gesetzes statt. Wenn du nämlich die ersten fünf Bücher der Bibel liest, besonders 2. und 3. und 4. Mose, dann findest du dort das von Gott verordnete Gesetz des Priestertums Aarons, und Gott duldete niemand, der sich anmaßte, an Seinen Ordnungen zu rütteln. Er sagte: Ich habe Aaron zum Hohenpriester bestimmt. Aaron und seine Söhne, sonst niemand, dürfen Priester sein. Wir haben schon bemerkt, wie Gott beim Versuch Korahs, Dathans und Abirams, das Priestertum an sich zu reißen, sein Missfallen an diesem Bruch des Gesetzes zeigte, indem Er die Erde öffnete und sie lebendigen Leibes verschlingen ließ. Und dann verordnete Gott, dass die Räuchergefäße, die diese Rebellen verwendet hatten, zu Blech geklopft und am Altar befestigt werden sollten zur bleibenden Warnung, sich nie mehr gegen Gottes das Priestertum betreffende Verordnungen aufzulehnen. Jetzt aber beginnt Gott, von einem anderen Priestertum nach der Ordnung Melchisedeks zu sprechen. Das muss Folgen haben. Man kann nicht am alten Gesetz festhalten, wenn ein neues eingeführt worden ist; denn die beiden werden einander widersprechen. Wenn die alte Ordnung noch besteht, ist der Priester nach der Ordnung Melchisedeks ein Übertreter. Wenn darum ein neuer Priester sein soll, dann muss das Gesetz geändert werden, und das wird es auch. Das neue Priestertum beruht nicht mehr auf einem fleischlichen Gebot. Der neue Priester ist nicht nach den alten, schriftlich festgehaltenen Bedingungen Priester geworden; er ist es nach der Kraft eines unauflöslichen Lebens.

Wir halten einen Augenblick inne und fragen den Schreiber, wie er denn das wissen konnte und woher er die Information hatte. Ihr wisst doch, was im Psalm steht? Der Psalm, der den Messias mit den Worten begrüßt Du bist Priester nach der Ordnung Melchisedeks nennt uns die Bedingungen seiner Einsetzung: Du bist Priester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks.

Er hat dieses Amt nicht wie Aaron inne, der es nach einem Gesetz empfangen hatte, das einst aufgehoben werden sollte. Der Herr Jesus hat Sein Amt als Hoherpriester nach der Kraft eines unauflöslichen Lebens. Er ist Priester in Ewigkeit; und solange Er lebt, wird Er nie ersetzt werden. Diese Ordnung wird nie verändert werden; Er wird Sein Priestertum so lange unangefochten und unveränderlich innehaben, wie Er lebt.

Das Ende des levitischen Priestertums

Dieser Tatsachen wegen ist nun das alte Gebot aufgehoben, und alles, was ihr darüber im Alten Testament lest, könnt ihr abschreiben, sagt der Schreiber; es ist vorbei, veraltet, für immer abgeschafft.

Uns ist das seit Jahren bekannt, weshalb wir auch nicht nachempfinden können, was es für einen Juden bedeuten mussste, der mit dem Wissen aufgewachsen war, das Hohepriestertum Aarons, von Gott selbst einst vermittelt, gehöre zu den geheiligsten Besitztümern des Lebens. Ja, sagt der Schreiber, aber beachtet bitte, dass es nicht Christen waren, die irgendwelche neuen Vorstellungen in die Welt setzten und am Priestertum Aarons herumzukritisieren begannen. Gott selbst, der das Gesetz verordnet und das Priestertum Aarons bestimmt hatte, Gott selbst hat das Ganze abgeschrieben. Es ist veraltet, aufgehoben, unvollkommen, nutzlos, auf ewig beiseitegesetzt.

Darum zählt nicht, was die Rabbis sagen; Gott selbst hat diesbezüglich gesprochen. Und zudem ist es gar kein so  schlechter Tausch;  denn das Alte wurde seiner Schwachheit und Nutzlosigkeit wegen aufgehoben, wie wir in Vers 18 lesen. Trotz all ihrer guten Absichten vermochten Aaron und seine Söhne doch nie zu erfüllen, was wir von einem Priester erwarten: Sie brachten niemand Gott nahe. Sie konnten das gar nicht. Die Israeliten standen immer von Ferne und schauten zu: Sie durften sich Gott nie nahen. Darum wird eine bessere Hoffnung eingeführt, durch die wir Gott nahen können. Wiederum vermögen wir kaum nachzuempfinden, was das für einen Juden bedeutet haben muss. Als Gott auf den Höhen des Sinai Sein Gesetz gab, wurde dem gemeinen Juden unter Androhung der Höchststrafe geboten, fernzubleiben. Wenn ein Tier den Berg berührte, musste es von einem Geschoss durchbohrt werden. Auch am großen Versöhnungstag, als das Volk sich um das Zelt der Zusammenkunft scharte, geschah das mit großer Angst; sie blieben draußen. Obwohl sie einen Hohenpriester hatten, konnte und wagte dieser nicht, sie in die Gegenwart Gottes zu führen. Wie viel größer ist doch unsere Hoffnung, die uns einen großen Hohenpriester gegeben hat, durch den wir Gott nahen.

Verse 20-22

Heb 7,20-22: Und inwiefern dies nicht ohne Eidschwur geschah (denn jene sind ohne Eidschwur Priester geworden, dieser aber mit Eidschwur durch den, der zu ihm sprach: „Der Herr hat geschworen, und es wird ihn nicht gereuen: Du bist Priester in Ewigkeit [nach der Ordnung Melchisedeks]“, insofern ist Jesus auch Bürge eines besseren Bundes geworden.

Und beachte als Nächstes, wie viel wichtiger und erhabener Sein Priestertum ist als das Priestertum Aarons in folgender Hinsicht: Als Aaron als Priester eingeführt wurde, geschah das ohne Eid; als aber der Herr Jesus zum Hohenpriester eingesetzt wurde, legte Gott einen Eid ab: Der HERR hat geschworen und es wird ihn nicht gereuen: Du bist Priester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks. Der Eid gab dem Amt nicht nur Würde und Gewicht, sondern machte auch Christus zum Garanten für die Erfüllung aller Verheißungen des Neuen Bundes.

Ein ewiges Priestertum

Verse 23-25

Heb 7,23-25: Und von jenen sind mehrere Priester geworden, weil sie durch den Tod verhindert waren zu bleiben; dieser aber, weil er in Ewigkeit bleibt, hat ein unveränderliches Priestertum. Daher vermag er diejenigen auch völlig zu erretten, die durch ihn Gott nahen, indem er allezeit lebt, um sich für sie zu verwenden.

Ferner ist das Priestertum Christi darum überlegen, weil Er ewig lebt. Unter Aarons Ordnung starben die Priester, und deshalb lag der Priesterdienst immer in anderer Hand. Du wärest als Jude eines Tages auf deiner Pilgerreise nach Jerusalem gekommen, um die Hilfe des Priesters aufzusuchen; du vertrautest dich ihm an, bekanntest ihm deine Sünden und Schwierigkeiten; er gab dir seinen geistlichen Rat, leitete dich beim Opfern, sprach dir die Vergebung zu und segnete dich im Namen des HERRN. Und dann kamst du das darauffolgende Jahr wieder und musstest feststellen, dass der Priester nicht mehr da war; er war gestorben, und du musstest dich einem Fremden anvertrauen, der dir vielleicht helfen konnte, aber vielleicht auch nicht, einem Priester, der dich und deine Umstände überhaupt nicht kannte. Du konntest nie sicher sein, es gab keine Beständigkeit. Es war eine nutzlose, schwache Sache.

Wie anders ist doch das Priestertum Christi! Er lebt immerdar. Er hat ein Priestertum, das Er nie an einen anderen abgeben muss. Es werden nie Neulinge in Seinem Priestertum tätig sein; es wird immer in den erfahrenen Händen des Herrn Jesus Christus selbst sein. Er lebt immerdar. Auf dieser gewaltigen Tatsache beruht die wunderbare Folgerung: „Daher vermag er auch völlig zu erretten, die durch ihn Gott nahen, indem er immerdar lebt, um sich für sie zu verwenden.“

Lasst uns über diese Worte nachdenken. Jede Seele, die wahrhaftig an den Herrn Jesus gläubig geworden ist, darf ruhig und gewiss sein, dass sie bis zum Äußersten gerettet werden wird. Aber hatten wir nicht eben festgestellt, dass Gott auch Beweise dafür sehen will, dass wir echt sind, und dass es eine ernste Sache ist, wenn unser Tun sich nicht mit unserem Bekenntnis deckt und unsere Echtheit zu leugnen scheint? Und doch behauptest du jetzt, dass wir trotz unserer Schwachheiten und trotz unserer zeitweiligen Inkonsequenz ruhig und gewiss bleiben dürfen, da wir wissen können, dass Er uns völlig zu erretten vermag. Wie sollen wir das verstehen? Ist die Errettung automatisch?

Nein, alles andere als das. Wir werden deshalb völlig errettet werden, weil Christus immerdar lebt und sich für uns fürbittend verwendet. Könnte Er sterben, könnte Seine Fürbitte aufhören, dann würden wir Gott unserer Sünden wegen entfremdet werden und wir würden gleich den Israeliten in der Wüste fallen. Wie sollten wir Gott danken für einen Hohenpriester, der immerdar lebt und sich für uns verwendet. Weil Er das tut, dürfen wir gewiss sein, dass Er uns völlig erretten wird.

Der vollkommene Priester

Verse 26-28

Heb 7,26-28: 26 Denn ein solcher Hoherpriester geziemte uns auch: heilig, unschuldig, unbefleckt, abgesondert von den Sündern und höher als die Himmel geworden, 27 der nicht Tag für Tag nötig hat, wie die Hohenpriester, zuerst für die eigenen Sünden Schlachtopfer darzubringen, dann für die des Volkes; denn dies hat er ein für alle Mal getan, als er sich selbst geopfert hat. 28 Denn das Gesetz bestellt Menschen zu Hohenpriestern, die Schwachheit haben; das Wort des Eidschwurs aber, der nach dem Gesetz gekommen ist, einen Sohn, vollendet in Ewigkeit.

Und schließlich ist ein solcher Priester der Einzige, der Menschen unseres Schlages genügen kann. Wären wir vollkommen und sündlos, würde der erstbeste Priester genügen; aber für Sünder, wie wir es sind, ist nur ein Hoherpriester geziemend, der heilig, unschuldig, unbefleckt und gänzlich sündlos ist wie unser Herr Jesus Christus. Er wird nie versuchen, uns durch eine Lüge zu schützen. Er ist durch und durch gerecht. Darum wird Er alles sagen und nichts verdecken, wenn Er als Hoherpriester unser Tun vor Gott ausbreiten muss. Nichts wird Er verschweigen, nichts wird Er beschönigen, nichts zu entschuldigen trachten. In vollkommener Treue vertritt Er uns dort, wo letztlich alles entschieden wird, und dabei ist Er heilig, unschuldig, unbefleckt, abgesondert von den Sündern und höher als die Himmel geworden.

Er muss nicht, wie andere Priester, täglich zuerst für sich selbst Sündopfer darbringen und dann für das Volk. Wie schwach war doch die Ordnung mit dem alten Priester: Du kamst mit deinen dringenden Bedürfnissen; aber zuerst musste der Priester sich selbst mit Gott in Ordnung bringen. Unser Hoherpriester muss sich nicht zuerst selbst vor Gott in Ordnung bringen. Er muss nicht einmal ein Opfer finden, um uns vor Gott freizusprechen. Unsere Sünden sind bereits getilgt worden. Es ist ein für alle Mal geschehen. Er hat ein Opfer gebracht, das unsere Gemeinschaft mit Gott sicherstellt. So hat er sich des Problems unserer Sünden angenommen, lange bevor wir zu Ihm kommen.

Andere Priester haben Schwachheiten. Als unser HERR in den Tagen Seines Fleisches auf der Erde war, da kannte Er Schwachheit, wie sie dem menschlichen Fleisch eigen ist; in Seinem Hohenpriestertum aber kennt Er keine Schwachheit. Seine Augen schlummern nie, Er ermüdet in Seiner Fürbitte nicht. Er tut in gleichbleibender Kraft und Lebendigkeit Seinen Dienst. Denn das Wort des Eidschwurs macht den zum Priester, der ja Sohn Gottes ist, vollendet in Ewigkeit.

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Aus dem Buch Ein unerschütterliches Reich, S. 105–115
Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg, 1987

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