Der Brief an die Hebräer (14)
Anhang

David Willoughby Gooding

© CV Dillenburg, online seit: 27.11.2019, aktualisiert: 28.11.2019

Anregungen zum Weiterstudium

1. Die alttestamentlichen Zitate in Hebräer 1

Es erhebt sich zwangsläufig die Frage, ob der Schreiber des Hebräerbriefes seine Zitate aus dem Alten Testament als Beweise oder lediglich als Illustrationen verstanden wissen will. Wenn er beispielsweise die Aussage von 2. Samuel 7,14 zitiert: „Ich will ihm zum Vater und er soll mir zum Sohne sein“, dann wird das dem nichtchristlichen Juden zunächst als eine auf Salomo gemünzte Verheißung erscheinen. Gebraucht unser Schreiber ganz einfach seine Autorität als inspirierter Autor eines neutestamentlichen Buches, um zu erklären, dass diese Verheißung sich auf den Messias bezieht und dass der Messias in einzigartiger Weise der Sohn Gottes sein würde? Oder will er behaupten, dass diese Verheißung einem jeden ehrlich gesinnten Juden, sei er Christ oder nicht, beweise, dass der Messias in einzigartiger Weise der Sohn Gottes ist? Und dann bemerkt er in Hebräer 1,6: „Und wenn er den Erstgeborenen wiederum in den Erdkreis einführt, sagt er: Und alle Engel Gottes sollen ihn anbeten.“ Damit stellt er eine zweifache Behauptung auf: (1) dass mit „ihn“ nicht Gott gemeint ist, wie das auf den ersten Anblick erscheinen möchte, sondern der Messias; und dass (2) dieser Befehl Gottes ergeht, wenn Er den Erstgeborenen, das heißt den Messias, in den Erdkreis einführt. Sollen wir diese beiden Aussagen ganz einfach deshalb akzeptieren, weil sie in der Autorität eines neutestamentlichen Autors an uns gerichtet werden (was natürlich jeder wahre Christ sofort tun wird)? Oder will er sagen, dass eine sorgfältige Untersuchung der Zitate in ihrem alttestamentlichen Textzusammenhang sogar einem nichtchristlichen Juden beweisen würde, dass mit „ihn“ der Messias gemeint ist, und dass der Befehl gemäß dem Alten Testament (und erst recht gemäß dem Neuen) von Gott ausgesprochen wird, da Er den Messias in die Welt einführt?

Folgende Überlegungen können uns helfen, die Fragen zu beantworten:

Beachten wir als Erstes, dass die alttestamentlichen Zitate zum größten Teil Abschnitten entnommen sind, die von Israels König sprechen. Das gilt offenkundig von Psalm 2,7 (siehe vorhergehenden Vers), 2. Samuel 7,14; Psalm 45,6.7 und Psalm 110,1. Die Sprache einiger Abschnitte, die den König erwähnen, ist so erhaben, dass viele Juden, sogar bevor unser Herr kam, davon überzeugt waren, dass sie sich nicht in ihrem ganzen Umfang auf einen gewöhnlichen König aus der Linie Davids beziehen könnten: Ihre volle Bedeutung erschöpfe sich erst in der prophetischen Auslegung auf den Messias. Darin waren (und sind) sich Juden und Christen weitgehend einig.

Aber jetzt weist der Schreiber darauf hin, wie erhaben die Sprache ist. In Psalm 2,7 beispielsweise sagt Gott zum Messias, den Er als König auf Seinem heiligen Berg Zion eingesetzt hat: „Du bist mein Sohn; heute habe ich dich gezeugt.“ Hier ist es sinnlos, zu argumentieren, dass Engel im Alten Testament manchmal „Söhne Gottes“ genannt werden und dass deshalb die Bezeichnung des Messias als Sohn Gottes in keiner Weise mehr Gottheit impliziere, als ob in der gleichen Weise von Engeln die Rede sei. Es ist ganz richtig, dass Engel manchmal als Gruppe „Söhne Gottes“ genannt werden. So in Hiob 1,6. Aber zu welchem einzelnen Engel, fragt unser Schreiber (Heb 1,5), hat Gott je gesagt: „Du bist mein Sohn“? Die Antwort ist: Zu keinem von ihnen. Und wann hat Gott je einem Engel gesagt, Er habe ihn gezeugt? Die Antwort ist: Nie.

Zudem, fährt der Schreiber fort, macht Psalm 45,6 die Sache eindeutig, denn dort bezeichnet Gott den Messias nicht geringer als „Gott“: „Dein Thron, o Gott, ist von Ewigkeit zu Ewigkeit …, du hast Gerechtigkeit geliebt und Gesetzlosigkeit gehasst; darum hat Gott, dein Gott, dich gesalbt mit Freudenöl über deine Genossen …“ (Ps 1,8.9). Und in Psalm 110,1 bittet Gott den Messias, sich auf Seinen Thron zu setzen, indem Er sagt: „Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde lege zum Schemel deiner Füße“ (Heb 1,13). Zu welchem Engel, fragt der Schreiber, hat Gott das je gesagt? Natürlich zu keinem.

So weit ist es also offensichtlich, dass der Schreiber anhand dieser alttestamentlichen Stellen nicht nur erklärt, dass der Messias größer sei als die Engel, sondern er beweist es aus dem Alten Testament.

Es gibt natürlich Leute, die behaupten, die erhabene Sprache der Psalmen sei bei den Thronbesteigungsfeiern jüdischer Könige verwendet worden. Vielleicht. Aber dann dürfen wir wissen, dass in einer so streng monotheistischen Gesellschaft, wie es das alte Israel war, man diese Sprache nur unter ganz bewusster Übertreibung auf Könige anwandte und es nur deshalb tun durfte, weil diese als Davids Nachkommen und als Gesalbte des Herrn „Platzhalter“ waren für Davids größeren Sohn, für den Messias. Wenn Er einst kommen würde, würde die Sprache Ihm gänzlich angemessen sein, ohne die geringste Übertreibung. Denn Er würde der Sohn Gottes im höchsten Sinn des Wortes sein, Gott gleich, und daher berechtigt, mit Gott auf dem gleichen Thron zu sitzen.

Wir wollen uns die drei ersten Zitate etwas näher ansehen. Es ist offensichtlich, dass sie sorgfältig ausgesucht worden sind. Das erste ist eine Verkündigung der Sohn/Vater-Beziehung zwischen dem Messias und Gott: „Vom Beschluss will ich erzählen: Der Herr hat zu mir gesprochen: Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt“ (Ps 2,7). Das zweite nennt die Dauerhaftigkeit dieses Verhältnisses: „Ich werde den Thron seines Königtums befestigen auf ewig. Ich will ihm Vater sein, und er soll mir Sohn sein“ (2Sam 7,13.14). Das dritte zeigt uns die Anerkennung dieses Verhältnisses durch alle Engel Gottes: „Und alle Engel Gottes sollen ihn anbeten.“ Und wenn wir einen Augenblick innehalten und uns fragen, was die ersten Christen als die zeitliche Abfolge der Erfüllung dieser alten Verheißungen angesehen hätten, werden wir sofort erkennen, dass hierin eine weitere Logik in der Reihenfolge dieser drei Zitate liegt. Wenn wir die Verwendung von Psalm durch die Christen in Apostelgeschichte 4,24-28 untersuchen, stellen wir sogleich fest, dass sie die Verkündigung des Beschlusses in der Auferstehung und Erhöhung des Herrn Jesus erfüllt sahen. (Vgl.: „Als Sohn Gottes deklariert durch Totenauferstehung“, Röm 1,4; engl. Übers.) Die Verheißung der Dauerhaftigkeit des Verhältnisses und des Thrones des Messias folgen dem ganz organisch; und die Anerkennung des Verhältnisses wird dann erfolgen, wie uns der Schreiber darlegt, wenn Gott den Erstgeborenen wiederum in den Erdkreis einführt, das heißt beim zweiten Kommen Christi.[1]

Wir wollen uns nun dem zweiten Zitat zuwenden. Es ist einer ausführlichen Verheißung entnommen, die Gott dem David gab, als Er ihm versprach, der Thron und die Nachkommenschaft Davids würden von Dauer sein: „Und der HERR tut dir kund, dass der HERR dir ein Haus machen wird. Wenn deine Tage voll sein werden und du bei deinen Vätern liegen wirst, so werde ich deinen Samen nach dir erwecken, der aus deinem Leibe kommen soll, und werde sein Königtum befestigen. Der wird meinem Namen ein Haus bauen; und ich werde den Thron seines Königtums befestigen auf ewig. Ich will ihm Vater sein, und er soll mir Sohn sein, so dass, wenn er verkehrt handelt, ich ihn züchtigen werde mit einer Menschenrute und mit Schlägen der Menschenkinder; aber meine Güte soll nicht von ihm weichen, wie ich sie von Saul weichen ließ, den ich vor dir weggetan habe. Und dein Haus und dein Königtum sollen vor dir beständig sein auf ewig, dein Thron soll fest sein auf ewig“ (2Sam 7,11-16).

Natürlich bezog sich diese Verheißung in erster Linie auf Davids ersten Nachfolger, auf Salomo; denn hätte Gott ihm das Königtum entrissen, wie Er es Saul entrissen hatte, um es einer ganz anderen Familie zu geben, dann wäre Davids königliche Dynastie schon bei der Geburt untergegangen. Wir sollten daher die primäre Anwendung des Abschnittes nicht unterschätzen: die besondere Beziehung zwischen Vater und Sohn samt dazugehöriger Zucht, die Gott zwischen sich selbst und Salomo ankündigte. Aber wir müssen natürlich fragen, ob diese verheißene Beziehung und die Verheißung eines dauerhaften Thrones und einer Dynastie nie mehr besagen wollten, als was mit Salomo und seinen Nachfolgern geschah. Denn wo sind sie heute? Und wo ist der verheißene Thron mitsamt Dynastie all die Jahrhunderte geblieben, wenn die Erfüllung der Verheißung sich auf Davids menschliche Nachkommen beschränken muss? Es geht hier nicht um einen herzlosen Angriff von Christen auf Juden. Der vorchristliche Autor von Psalm 89 stellt selbst die gleiche ernste Frage. Er zitiert ausführlich die Verheißung, den Schwur und den Bund, den Gott mit David und seinem Samen machte, als Er ihm einen ewigen Thron zusagte (Ps 89,19-37). Aber dann gibt er offen zu, dass zur Zeit der Niederschrift seines Psalms Gott „verworfen und verstoßen hat und sehr zornig gewesen gegen seinen Gesalbten … verworfen den Bund seines Knechtes … zu Boden entweiht seine Krone!“ (Ps 89,38.39). Wie er das bedenkt, wird er in seiner Trauer und Verwirrung gedrängt zu fragen: „Wo sind, o Herr, deine früheren Gütigkeiten, die du David zugeschworen hast in deiner Treue?“ (Ps 89,49).

Der Jude, der glaubt, dass das Alte Testament Gottes inspiriertes Wort ist, sieht sich mit einer gewaltigen Schwierigkeit konfrontiert, wenn er keine Antwort auf das Problem findet, warum bezüglich der menschlichen Nachkommen Davids die Verheißungen an David offenkundig unerfüllt geblieben sind. Dem ist natürlich nicht so. Es gibt eine Antwort auf das Problem. Die Antwort ist nicht, dass die ursprüngliche Verheißung eine morgenländische Übertreibung war, die, wenn überhaupt, sich nur in einem sehr viel bescheideneren und nur zeitlichen Rahmen erfüllte. Die Antwort ist, dass die Verheißung auf eine Erfüllung im höchst möglichen Sinn abzielte, dass nämlich im königlichen Hause Davids der Messias geboren werden sollte, der im absoluten Sinn Sohn Gottes sein sollte.

Der Schreiber des Hebräerbriefes beweist also, dass mit dem Ausdruck Sohn Gottes schon im Alten Testament mehr gemeint sein muss, dass der Messias höher ist als die Engel, dass Er nämlich Sohn Gottes in einem unendlichen höheren Sinn sein muss als bloß ein Nachkomme Davids. Natürlich hat die Auferstehung Jesu für den Schreiber die ganze Sache über jeden Zweifel hinausgehoben und gleichzeitig demonstriert, dass Jesus der Messias ist, von dem David vorhersah, dass Er in Erfüllung der göttlichen Verheißung eines Tages sich auf den Thron Davids setzen würde (Apg 2,29-36).

Wir kommen nun zum dritten Zitat, das die endgültige Anerkennung der Gottheit des Messias durch die Engel beinhaltet: „Alle Engel Gottes sollen ihn anbeten.“ Unsere erste Aufgabe besteht darin, die Herkunft des Zitates zu bestimmen. Der griechische Satz ist in seinem exakten Wortlaut einem Satz aus 5. Mose 32,43 in der Septuaginta ähnlicher als dem Satz der Septuaginta in Psalm 97,7. Viele sagen deshalb, der Schreiber zitiere hier nicht aus den Psalmen, sondern aus dem fünften Mosebuch. Nun hat aber F.M. Cross (The Ancient Library of Qumran, London 1959, S. 135–136) darauf hingewiesen, dass der Satz in 5. Mose in der Septuaginta ein Zusatz zum masoretischen hebräischen Text ist. Er basiert auf einem anderen hebräischen Text, der diesen zusätzlichen Satz aus Psalm 97,7 übernommen hat. Es stammt also der Satz aus Hebräer 1,6 doch aus dem Psalmbuch, auch wenn dessen Wortlaut genau mit 5. Mose in der Septuaginta übereinstimmt. Zudem behandeln die letzten Verse von 5. Mose 32 ohnehin das gleiche Geschehen wie die Psalmen 96 und 97: das Kommen des Herrn, um Sein Volk zu rächen.

Unser Schreiber zitiert also Psalm 97,7 und folgert daraus zwei Dinge. Erstens, dass mit „ihn“ in der Aussage: „Alle Engel Gottes sollen ihn anbeten“ der Messias gemeint ist; und zweitens, dass der Befehl Gottes an die Engel dann ergehen wird, wenn Er Seinen Erstgeborenen bei dessen zweitem Kommen wiederum in den Erdkreis einführt. Worauf baut der Schreiber in den Psalmen auf, um diese Aussagen vorzubringen?

Der Psalm 97 gehört in eine Reihe von Psalmen, die freudig und zuversichtlich die kommende weltweite Herrschaft Gottes über der Erde ankündigen. „Der Herr regiert!“, heißt es in Vers 1 (so auch in Ps 93,1; 96,10; 99,1). Man beachte insbesondere, was dieser Ausdruck bedeutet. Diese Psalmen sprechen nicht von Gottes gegenwärtiger Regierung über die Welt. In diesem Punkt glaubten die Psalmisten das Gleiche wie wir. Sondern der Psalm 94 spricht von einem fast unlösbaren Problem der Verfolgten: Da ist ein Gott im Himmel, der von sich sagt, Er wache über dem Recht, und doch lügen, betrügen, bedrücken, morden die Gottlosen ungestraft weiter und Gott greift nicht ein. „Erhebe dich, Richter der Erde, vergilt den Hoffärtigen ihr Tun!“, schreit der Psalmist. „Bis wann werden die Gesetzlosen, HERR, bis wann werden die Gesetzlosen frohlocken?“ (Ps 94,2.3). Gleichsam als Antwort auf dieses Rufen bezeugen Psalm 96,10; 97,1 und 99,1, dass Gott eines Tages eingreifen und Sein Reich auf dieser Erde aufrichten wird. Ja, das ist so gewiss, dass der Psalmist das prophetische Präsens gebraucht, als ob es eben eingetreten wäre: „Der HERR regiert.“ Gemeint ist: „Hat Seine Herrschaft angetreten.“ Sie meinen das Gleiche wie Offenbarung 11,17.18: „Wir danken dir, Herr, Gott, Allmächtiger, dass du angenommen hast deine große Macht und angetreten deine Herrschaft. Die Nationen sind zornig gewesen, und dein Zorn ist gekommen und die Zeit der Toten, um gerichtet zu werden und den Lohn zu geben deinen Knechten, den Propheten, und den Heiligen und denen, die deinen Namen fürchten, den Kleinen und den Großen, und die zu verderben, welche die Erde verderben.“ Dieser neutestamentliche Abschnitt bezieht sich auf die gleichen Ereignisse wie die genannten Psalmen, nämlich auf das Kommen des Herrn: „Dann werden jubeln alle Bäume des Waldes vor dem HERRN, denn er kommt, denn er kommt, die Erde zu richten: Er wird den Erdkreis richten in Gerechtigkeit und die Völker in seiner Treue“ (Ps 96,12.13). Psalm 98 wiederholt die Verheißung. Er spricht von dem Tag, an dem Gott Seine Gerechtigkeit allen Nationen offenbaren wird (Ps 98,2), und fordert Israel auf, vor dem Herrn, dem König zu frohlocken, denn Er kommt, um die Erde zu richten, um die Welt zu richten in Gerechtigkeit und die Völkerschaften in Geradheit (Ps 98,6.8).

Wie und in welchem Sinn, so müssen wir uns jetzt fragen, wird der Herr kommen? In welcher Form wird der unsichtbare Herr, den kein Mensch je gesehen hat noch sehen kann, Sein Kommen, Seine Gegenwart und Sein Gericht sichtbar machen, so dass alle Nationen es sehen werden? Das Alte Testament selbst nötigt uns diese Frage auf. Und die Antwort, die uns das Alte wie das Neue Testament geben wird, ist gewiss, dass der Herr in der Person Seines Sohnes sichtbar kommen wird. Der Messias wird Gott sein. Unser Schreiber des Hebräerbriefes bekommt mit seiner Behauptung (1) vollkommen recht, dass Psalm 97,7 mit seiner Aufforderung an alle Engel Gottes, Ihn anzubeten (d.h. den Herrn, der Seine große Macht angenommen und Seine Herrschaft angetreten hat), dazu auffordert, den menschgewordenen Herrn anzubeten; und (2) dass dieser Befehl ergehen wird, wenn Gott den Erstgeborenen, das heißt den Messias, zum zweiten Mal in den Erdkreis einführt. (Zum Gebrauch des Terminus „Erstgeborener“ siehe die Prophetie in Psalm 89,27.)

Die folgenden zwei Zitate über den Sohn unterstreichen erneut den Unterschied zu Engeln. Gott macht Seine Engel zu Winden und zu Feuerflammen – mächtige Gewalten, die aber eines Tages nicht mehr sind. Aber Psalm 45 sagt ausdrücklich, dass der Messias Gott ist und dass deshalb Sein Thron ewig sein wird. Erneut sagt der Schreiber nicht in eigener Autorität, dass der Messias Gott in Menschengestalt ist, sondern er beweist es aus dem Alten Testament.

Fragen ergeben sich allerdings zum zitierten Psalm 102,25-27. Auf den ersten Anblick scheinen die Worte: „Du Herr, hast im Anfang die Erde gegründet …“ vom Psalmisten an Gott gerichtet zu sein. Unser Schreiber des Hebräerbriefes aber fasst sie so auf, dass Gott zum Messias spricht, wie uns der Aufbau des Abschnittes ganz deutlich macht (Ps 102,7); von den Engeln sagt Er: „Der seine Engel zu Winden macht und seine Diener zu einer Feuerflamme“ (Ps 102,8); in Bezug auf den Sohn aber sagt Er die Worte von Psalm 45 und die Worte von Psalm 102,25-27. Zuerst wollen wir beachten, dass lange bevor es überhaupt Christen gab, die alten jüdischen Übersetzer der Septuaginta, der Psalmen, den gleichen Standpunkt einnahmen wie der Schreiber des Hebräerbriefes. Sie übersetzten den Abschnitt wie folgt: Psalm 102,23: Er (Gott) antwortete ihm (dem Bittenden, wahrscheinlich dem Messias) vermöge Seiner Stärke: „Tue mir kund die Kürze meiner Tage: Führe mich nicht herauf in der Hälfte meiner Tage. Deine Jahre sind durch alle Geschlechter hindurch. Du, Herr, hast im Anfang die Erde gegründet …“ Es ist nicht schwer, zu erraten, wie die alten Juden zu ihrer Auslegung kamen. Sie werden Sprüche 8 gelesen haben, wo die Weisheit, in der Gott die Welt schuf, personifiziert wird als „Schoßkind bei Gott“ (Spr 8,30). Von hier aus war es kein großer Schritt, zu erkennen, dass der Messias bei Seinem Kommen sich als die präexistente Weisheit Gottes darstellen würde, der im Fleische erschienen ist und der schließlich die Schöpfung selbst, die Er einst erschaffen hatte, überdauern würde (Ps 102,25-27).

Es waren also nicht die Christen, die den Gedanken in die Welt setzten, dass Gott in Psalm 102,25-27 zum Messias spricht und Ihn tröstet.

Lasst uns jetzt die Einzelheiten des Psalms betrachten. Die Verse Psalm 102,15-26 blicken in die Zukunft: „Und die Nationen werden den Namen des Herrn fürchten, und alle Könige der Erde deine Herrlichkeit; denn der Herr wird Zion aufbauen, wird erscheinen in seiner Herrlichkeit.“

Diese Verse sprechen gleich den Psalmen, die wir bereits vor uns hatten, von der Zeit der Wiederherstellung aller Dinge, damit auch Jerusalems. Sie geben alle zur gleichen Frage Anlas: Wie, in welcher Form wird der Herr in Seiner Herrlichkeit erscheinen (Ps 102,15) und Zion wieder aufbauen (Ps 102,16), so dass alle Könige der Erde, die Nationen (Ps 102,15), die Völker und die Reiche sich versammeln werden, um den Namen des Herrn in Zion zu verkündigen und Sein Lob in Jerusalem (Ps 102,21.22)? Die Antwort ist, dass der unsichtbare Gott in der Person des Messias erscheinen wird, von dem Gott in Psalm 45 selbst gesagt hat, Er sei Gott. Wenn nun der Messias Gott ist, dann wird der „Herr, der erscheint“, selbst der Schöpfer sein und hat daher Anspruch auf den göttlichen Titel „Derselbe“ (Ps 102,27; vgl. Heb 13,8).

Ein erster Teil unserer Frage ist befriedigend beantwortet: Wenn es der Messias ist, der in den Versen Psalm 102,25-27 (anfangend von 24b an: „Von Geschlecht zu Geschlecht sind deine Jahre“) angesprochen wird, dann brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn Er als Schöpfer angesprochen wird.

Es stellt sich aber eine weitere Frage: Wenn der in den Versen Psalm 102,24-27 Angesprochene der Messias ist und Er als Schöpfer angesprochen wird, wie konnte Er dann in den Versen Psalm 102,23.24 dargestellt werden als jemand, der in großer Not zu Gott betet und von Ihm getröstet wird? Die alten jüdischen Übersetzer der Septuaginta mögen keine Antwort auf die Frage gehabt haben, aber die christliche Antwort wird uns in den bekannten Versen von Hebräer 5,7-9 gegeben: „Der in den Tagen seines Fleisches, da er sowohl Bitten als Flehen dem, der ihn aus dem Tode zu erretten vermochte, mit starkem Geschrei und Tränen dargebracht hat (und um seiner Frömmigkeit willen erhört worden ist), obwohl er Sohn war, an dem, was er litt, den Gehorsam lernte, und vollendet worden ist er allen, die ihm gehorchen, der Urheber ewigen Heils geworden.“

Wenn wir diese Worte so auffassen, leuchtet auch der Aufbau des ganzen Psalms sofort ein: Die Verse Psalm 102,1-12 beschreiben das Gebet des Psalmisten in seiner Bedrängnis. Die Verse Psalm 102,13-22 führen weiter zu etwas weit Größerem: Jerusalems Bedrängnis (Ps 102,14) und ihre herrliche Wiederherstellung beim Kommen des Herrn, des Messias. Und schließlich kehren die Verse Psalm 102,23-28 nicht zurück zur Bedrängnis des Psalmisten. Vielmehr sprechen sie von den Leiden, der Fürbitte und dem Gehorsam des Messias, der eines Tages dem Psalmisten, Jerusalem und dem ganzen Volk Gottes das Heil und die Wiederherstellung erwirken würde.

Das letzte Zitat (Ps 110,1) bedarf keines Kommentars. Es wird offensichtlich als Beweis angeführt, dass schon das Alte Testament verkündigte, dass der Messias Gott gleich sein werde, der Sohn Gottes im höchst denkbaren Sinn des Wortes. Daher schließe ich, dass der Schreiber in all den Zitaten von Hebräer 1 nicht einfach die Gottheit des Messias verkündigt. Er zeigt vielmehr, dass das Alte Testament selbst sie beweist.

2. Der geistliche Zustand der Israeliten, die sich weigern, in das Land der Verheißung einzugehen

In Kapitel 4 wurde argumentiert, dass die Israeliten, die sich weigerten, in das verheißene Land einzuziehen, ungehorsame Ungläubige waren, die dem Evangelium nie wirklich geglaubt hatten. Eine Bestätigung dieser Auslegung finden wir in 4. Mose 14. Dort gibt uns Gott eine Beschreibung ihrer geistlichen Erfahrung. „Wie lange will mich diese Volk verachten?, und wie lange wollen sie mir nicht glauben bei all den Zeichen, die ich in ihrer Mitte getan habe!“ (4Mo 14,11).

Gott beklagt sich nicht darüber, dass sie zuerst eine geraume Zeit geglaubt, dann aber ihren Glauben und damit ihr Heil verloren hätten. Vielmehr klagt Er sie an, bis zu diesem Zeitpunkt nie geglaubt zu haben: Wie lange wollt ihr nicht an mich glauben allen Zeichen, die ihr gesehen habt, zum Trotz?

Der Vers in 4. Mose 14,22 spricht das gleiche Urteil aus. Sie haben Gottes Herrlichkeit, sowohl anfänglich in Ägypten als auch die ganze Zeit der Wüsten Wanderung hindurch, gesehen und haben dennoch beständig (zehnmal) Gott versucht und nicht auf Seine Stimme gehört.

Die gesamten vier Kapitel 4. Mose 11; 12; 13; 14 sollten in diesem Zusammenhang studiert werden. Sie bieten uns ein Bild bewusster, beständiger und verbissener Ungläubiger und nicht ehemals echter Gläubiger, die später ihren Glauben verloren.

3. Die Bedeutung des Begriffs „Vollkommenheit“ und „vollkommen gemacht“ in Hebräer 6; 7; 9; 10

Wenn wir folgende Abschnitte sorgfältig untersuchen: Hebräer 6,1; 7,11.19; 9,9.11.24; 10,1.2.14, stellen wir fest, dass der Schreiber nicht Böses mit Gutem vergleicht noch ein frühes Stadium des Christseins mit dem Stadium des gereiften Christseins vergleicht. Er vergleicht vielmehr das Judentum mit dem ausgewachsenen Christentum.

Wie wichtig es ist, das richtig zu verstehen, zeigt sich, wenn wir zum Ausdruck „dem Gewissen nach vollkommen machen“ kommen. Wenn der Schreiber sagt, dass alttestamentlichen Opfer „dem Gewissen nach den nicht vollkommen machen können, der den Gottesdienst übt“ (Heb 9,9; 10,1), wollte er nicht sagen, dass den alten Israeliten beim Opfern die Sünden nicht vergeben wurden. Denn 3. Mose 5,10.13; 6,7 sagen, dass sie vergeben wurden. Was der Schreiber sagen will, ist, dass für die Israeliten die Frage der Schuld und der Strafe der Sünde nie endgültig geregelt wurde. Wenn ihnen in einem Jahr Vergebung zugesprochen worden war, mussten sie sich im kommenden Jahr erneut mit der Frage der Schuld und Strafe für Sünde auseinandersetzen, und so Jahr für Jahr bis an ihr Lebensende. Ihr Gewissen wurde nie ein für alle Mal vollkommen gemacht. Beständig blieb ihnen das Bewusstsein, dass sie weiterhin Opfer darbringen mussten, um weiterhin Vergebung zu erlangen. Das ist natürlich die Art Vergebung, die in Sakraments-Kirchen angeboten wird; solches entspricht natürlich dem wahren Christentum nicht. Es ist vielmehr alttestamentliches Judentum. Das Judentum war gut zu seiner Zeit. Wer aber wirklich an den Herrn Jesus Christus glaubt, ist aufgerufen, all diese Formen judaisierten Christentums hinter sich zu lassen, um fortzufahren zum vollen Wuchse (oder zur Vollkommenheit), will sagen, zum voll ausgewachsenen Christentum.

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Anmerkungen

[1] Man kann den griechischen Text zwar wie folgt übersetzen: „Und wiederum, wenn er den Erstgeborenen in den Erdkreis einführt“, wie das die Elberf. Hausbibel tut, wobei das „wiederum“ dann einfach bedeutet, dass der Schreiber ein weiteres Zitat anfügt. Die Wortfolge im Griechischen ist aber: „Und wenn er wiederum einführt …“, so dass es am naheliegendsten ist, das „wiederum“ auf das Einführen zu beziehen, d.h., dass der Schreiber sich auf das zweite Kommen Christi bezieht. Wir werden gleich feststellen, dass der Psalm, aus dem das Zitat genommen ist, ebenfalls vom zweiten Kommen spricht.


Aus dem Buch Ein unerschütterliches Reich,
Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg, 1987


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