Der Brief an die Hebräer (3)
Kapitel 3

David Willoughby Gooding

© CV Dillenburg, online seit: 25.05.2006, aktualisiert: 30.07.2019

Unsere Ruhe (1)

Wir müssen jetzt versuchen, den Inhalt der Kapitel 3 und 4 durchzugehen. Ich darf noch einmal daran erinnern, was wir im Verlauf unserer Betrachtungen beabsichtigen. Wir beabsichtigen nicht, Predigten zu halten; das wäre eine schier endlose Aufgabe, da man fast aus jedem Vers eine nützliche Predigt aufbauen könnte. Vielmehr versuchen wir, dem Gedankengang und damit der Absicht der vom Heiligen Geist inspirierten Worte zu folgen. Hätte jetzt der Heilige Geist Sein Wort in fein säuberlich geschiedene Abschnitte und Unterabschnitte unterteilt, wäre unsere Aufgabe vielleicht etwas einfacher zu lösen, einfacher auch zu behalten. Aber Er hat es nicht so getan. Er hat Sein Wort so schreiben lassen, wie wir es in unserer Bibel vor uns finden. Es ist daher unsere Aufgabe und unsere Freude, in Ehrfurcht zu untersuchen, was Er geschrieben hat und einander zu helfen, Sinn und Gedankengang zu folgen.

Diese Kapitel gehören zusammen, enthalten sie doch eine jener ernsten Warnungen, für die dieser Brief berühmt ist. Sie enthalten gar die längste all dieser Warnungen. Daher ist es umso wichtiger, dass wir ruhig und aufmerksam zu verstehen suchen, welches die vom Heiligen Geist verwendeten Begriffe sind, damit wir es nicht versäumen, vorliegenden Abschnitt in seinem ganzen Ernst auf uns anzuwenden, andererseits aber auch davor bewahrt werden, ihn in die falsche Richtung anzuwenden.

Eine Warnung

Ich möchte als Erstes auf den Zusammenhang aufmerksam machen, in den diese Warnung eingefügt ist: Unmittelbar bevor sie anfängt, spricht der Heilige Geist zu uns vom Hohenpriestertum des Herrn Jesus Christus. Und dann erinnert uns am Schluss der Warnung der Heilige Geist erneut daran, dass wir einen großen Hohenpriester haben, der Mitleid zu haben vermag mit unseren Schwachheiten (Heb 4,14-16). Bei der Betrachtung vorliegender Warnung sollen wir also unseren barmherzigen und treuen Hohenpriester nicht aus den Augen verlieren. Lasst uns an Seiner Seite stehen und diese Worte aus Seinem Mund hören. Er wird uns sagen, was wir tun und was wir lassen sollen. Und nachdem wir die Warnung gehört haben, wollen wir uns durch eben diese Warnung erneut zu Ihm treiben lassen. So sehr wir unsere Schwachheiten empfinden werden, wollen wir uns gerade wegen unserer Schwachheiten auf den werfen, der Mitleid zu haben vermag mit unseren Schwachheiten und bereit ist, uns Barmherzigkeit und Gnade zur rechtzeitigen Hilfe darzureichen.

Verse 1-5

Heb 3,1-5: Daher, heilige Brüder, Genossen der himmlischen Berufung, betrachtet den Apostel und Hohenpriester unseres Bekenntnisses, Jesus, der treu ist dem, der ihn bestellt hat, wie es auch Moses war in seinem ganzen Hause. Denn dieser ist größerer Herrlichkeit würdig geachtet worden als Moses, insofern größere Ehre als das Haus der hat, der es bereitet hat. Denn jedes Haus wird von jemand bereitet; der aber alles bereitet hat, ist Gott. Und Moses zwar war treu in seinem ganzen Hause als Diener, zum Zeugnis von dem, was hernach geredet werden sollte;

Am Schluss der vorhergehenden Betrachtung beschäftigen wir uns mit dem Herrn Jesus und mit Seiner Menschheit. Dabei stellten wir fest, dass Er unter anderem deshalb Mensch wurde, um ein treuer und barmherziger Hoherpriester in den Sachen mit Gott zu werden. In den einleitenden Versen dieses dritten Kapitels werden wir aufgefordert, innezuhalten und uns zu besinnen. Bibelstudium erfordert immer diese beiden Geisteshaltungen: Zum einen studieren wir sorgfältig, was da steht, und zum andern nehmen wir uns Zeit, über das Gesagte nachzudenken. Wir haben gemeinsam die Gottheit des Herrn Jesus, den göttlichen Verkündiger der göttlichen Botschaft betrachtet. Dann haben wir Seine andere Seite betrachtet, Seine Menschheit, die Ihn zu unserem himmlischen Hohenpriester werden lässt. „Daher, heilige Brüder, Genossen der himmlischen Berufung, betrachtet den Apostel [den göttlichen Boten, der Gottes endgültige Botschaft verkündete] und Hohenpriester unseres Bekenntnisses“ (der sich für uns, die wir diesen Apostel als Sohn Gottes bekennen, verwendet; Heb 3,1).

Wie sollen wir von Ihm denken? Betrachtet den, sagt der Schreiber, der treu war, dem, der Ihn gesetzt hat, wie auch Mose treu war in seinem ganzen Hause. Die Übersetzung ist ganz gut, aber es besteht kein Grund, warum man nicht aussagekräftiger übersetzen sollte: „Betrachtet den, der treu ist.“ Ich denke, dass es sogar korrekter wäre, den Satz so zu übersetzen: Betrachtet nicht nur den, der einst treu war, als Er als Gottes Apostel die Botschaft Gottes überbrachte und treu verkündigte, sondern betrachtet den, der noch immer als unser Hoherpriester treu ist. Betrachtet den, der Seinem Gott, der Ihn in Seinem Haus einsetzte, treu ist.

Wir fragen uns gewiss, warum der Heilige Geist an dieser Stelle den Hinweis auf Mose eingefügt hat. Unsere Neugierde wird gestillt, wenn wir 4. Mose 12 aufschlagen.

Mose

Wir lesen 4. Mose 12,1-8: „Und Miriam und Aaron redeten gegen Mose wegen der kuschitischen Frau, die er genommen hatte; denn er hatte eine kuschitische Frau genommen. Und sie sprachen: Hat der HERR nur mit Mose allein geredet? Hat er nicht auch mit uns geredet? Und der HERR hörte es. Der Mann Mose aber war sehr sanftmütig, mehr als alle Menschen, die auf dem Erdboden waren. Das sprach der HERR plötzlich zu Mose und zu Aaron und zu Mirjam: Geht hinaus, ihr drei, zum Zelt der Zusammenkunft!! Und die drei gingen hinaus. Und der HERR kam in der Wolkensäule herab und stand am Eingang des Zeltes: und er rief Aaron und Miriam, und die beiden traten hinaus. Und er sprach: Hört denn meine Worte! Wenn ein Prophet unter euch ist, dem will ich , der HERR, mich in einem Gesicht kundtun, in einem Traum will ich mit ihm reden. Nicht so mein Knecht Mose. Er ist treu in meinem ganzen Haus; mit ihm rede ich von Mund zu Mund, und deutlich und nicht in Rätseln, und das Bild des HERRN schaut er. Und warum habt ihr euch nicht gefürchtet, gegen meinen Knecht, gegen Mose, zu reden?“

Wir stellen fest, dass diese Wendung „Mose, der treu war in seinem Haus“ in einen Zusammenhang gehört, in dem sich Miriam und Aaron denen angeschlossen hatten, die ständig gegen Mose murrten. Um einen Anlass, gegen Mose zu murren, waren sie offensichtlich nie verlegen: Ihr Essen und ihr Wasser und sogar seine ganz privaten Angelegenheiten wie seine Ehe, nahmen sie zum Anlass, gegen den zu murren, der damals der Anführer ihrer Errettung war. Das ging wieder einmal entschieden zu weit, so dass Gott Aaron und Miriam zur Rechenschaft rief. Aber während der ganzen Zeit leuchtet Moses sanftmütiges Wesen auf. Ich frage mich, wie der Mann es schaffte, ruhig Blut zu wahren. Er hatte sein Leben für diese Nation eingesetzt und dabei hätte er sich ebenso gut auf den üppigen Polstern des ägyptischen Königspalastes räkeln können. Er hätte Kronprinz sein können, und da stand er jetzt, umgeben von einem Volk von Sklaven, hölzernen Gesellen ohne Manieren. Er gab sein Höchstes und Bestes für sie und erntete doch nichts als ständiges Nörgeln und Murren von allen Seiten.

Was ließ diesen Mann so treu bleiben? Es war seine Treue Gott gegenüber, der ihn über dieses Haus gesetzt hatte. Mose war gesetzt, dem Volk Gottes Anführer ihrer Errettung zu sein. Allem Murren, allen Fehltritten und allen persönlichen Angriffen zum Trotz blieb Mose der ihm von Gott gegebenen Aufgabe treu. „Betrachtet, heilige Brüder“, sagt der Schreiber, „Teilhaber der himmlischen Berufung [denn unsere Berufung führt uns aus dieser Welt durch eine Wüste in die himmlische Herrlichkeit], betrachtet während eurer Pilgerreise den Anführer eurer Errettung. Wie oft haben wir gemurrt und geklagt; aber betrachtet den, der trotz allem beständig und fortwährend treu ist; und wisst, Er wird den ganzen Weg, bis wir zu Hause sind, der Treue bleiben.“

Mose wurde es am Ende doch einmal zu viel, trotz all seiner Treue. Eines Tages machten ihn die Israeliten durch ihre unerträgliche Torheit so wütend, dass er sagte: „Hört, ihr Widerspenstigen …“, und Mose ging seiner Ungeduld wegen des gelobten Landes verlustig. Das scheint uns Mose gegenüber recht hart; jene Israeliten hätten eher noch größere Strafen verdient. Aber Gott hatte Mose eingesetzt, um nach ihnen zu schauen, und wenn Mose das nicht in der angemessenen Gemütsverfassung tun konnte, ohne die Geduld zu verlieren, dann musste er beiseitegesetzt werden. Jetzt hat Gott für uns einen Anführer unserer Errettung eingesetzt, und Er hat Ihm den Auftrag gegeben, uns den ganzen Weg durch die Welt bis heim in die Herrlichkeit zu führen. Gott sei gelobt, wir können Ihn in Seiner unfehlbaren Treue betrachten und dürfen wissen, dass Er nie versagen, unseretwegen nie die Geduld verlieren, sondern Seine gottgegebene Aufgabe bis zum herrlichen Ende ausführen wird. Er wird alle, die durch Ihn auf ihrem Weg zu Gott sind, bis zum Äußersten retten.

Und dann fährt der Schreiber mit einem Vergleich zwischen den Herrlichkeiten eines Mose und den Herrlichkeiten des Herrn Jesus Christus fort. Er sagt uns, dass Mose nur ein Diener in der Stiftshütte vor alters war; Christus aber ist Sohn, Sohn des Erbauers selbst. Aber die Zeit erlaubt uns nicht, jenen Einzelheiten nachzugehen.

Verse 6-14

Heb 3,6-14: Christus aber als Sohn über sein Haus, dessen Haus wir sind, wenn wir anders die Freimütigkeit und den Ruhm der Hoffnung bis zum Ende standhaft festhalten. Deshalb, wie der Heilige Geist spricht: „Heute, wenn ihr seine Stimme höret, verhärtet eure Herzen nicht, wie in der Erbitterung, an dem Tage der Versuchung in der Wüste, wo eure Väter mich versuchten, indem sie mich prüften, und sie sahen doch meine Werke vierzig Jahre. Deshalb zürnte ich diesem Geschlecht und sprach: Allezeit gehen sie irre mit dem Herzen; aber sie haben meine Wege nicht erkannt. So schwur ich in meinem Zorn: Wenn sie in meine Ruhe eingehen werden!“ Sehet zu, Brüder, dass nicht etwa in jemand von euch ein böses Herz des Unglaubens sei in dem Abfallen vom lebendigen Gott, sondern ermuntert euch selbst jeden Tag, solange es „heute“ heißt, auf dass niemand von euch verhärtet werde durch Betrug der Sünde. Denn wir sind Genossen des Christus geworden, wenn wir anders den Anfang der Zuversicht bis zum Ende standhaft festhalten,

Jetzt folgt die Warnung. Die von Mose errichtete Stiftshütte war aus Holz, Gold, Leinen gebaut; das Haus Christi hingegen besteht aus Menschen: „dessen Haus wir sind, wenn …“ Hier stoßen wir in diesem Abschnitt erstmals auf dieses ominöse „wenn“. Lasst uns deshalb zunächst über die Zweifel nachdenken, die der Schreiber in den vorliegenden zwei Kapiteln zum Ausdruck bringt. Wir sind Sein Haus, wenn wir die Freimütigkeit und den Ruhm der Hoffnung bis zum Ende standhaft festhalten. Oder wiederum in Vers 14: „Wir sind Genossen des Christus geworden, wennwenn wir den Anfang unserer Zuversicht bis zum Ende standhaft festhalten.“

Wenn …

Zwei starke Aussagen des Zweifels. Ich möchte unsere Aufmerksamkeit zuerst auf die zweite der beiden richten. Das wird uns helfen, das Ganze zu verstehen.

Wir sind Genossen oder Teilhaber des Christus geworden …, wenn wir den Anfang unserer Zuversicht bis zum Ende standhaft festhalten. Ich weiß nicht, ob euch auffällt, dass dieser Satz ein wenig sonderbar ist. Er scheint geradezu unlogisch zu sein. Wir sind geworden, schon geworden, nämlich Teilhaber Christi. Das ist die schlichte Feststellung einer Tatsache. Aber dann folgt die Bedingung: „wenn wir bis zum Ende standhaft festhalten“. Wie können wir ein vergangenes Geschehen abhängig machen von einer zukünftigen Sache, die unsicher ist? Wie können wir die Tatsache, dass wir Teilhaber Christi geworden sind, vom Festhalten der Hoffnung in der Zukunft abhängig machen? Und doch sagt der Vers genau das. Wir sind Teilhaber Christi geworden, also ein in der Vergangenheit abgeschlossenes Geschehen, wenn wir den Anfang der Zuversicht bis zum Ende standhaft festhalten. Dass klingt etwas sonderbar, bezeichnet aber absolut treffend die ganze Situation der Empfänger dieses Briefes. Es ist so: Jeder Gläubige ist ein Teilhaber Christi geworden. Aber wie kann man wissen, ob jemand ein Gläubiger ist oder nicht? Das erkennst du daran, ob jemand den Anfang der Zuversicht standhaft bis zum Ende festhält oder nicht.

In gleicher Weise wird nun gesagt, dass wir nicht nur in der Vergangenheit Teilhaber Christi geworden sind, sondern dass wir auch jetzt das Haus Christi sind, wenn … wir die Freimütigkeit und den Ruhm der Hoffnung bis zum Ende standhaft festhalten. Aber was geschieht, wenn jemand diese Zuversicht nicht bis zum Ende standhaft bewahrt? Bedeutet das, dass er aufhört ein Christ zu sein oder dass er nie einer war? Wir brauchen nicht zu raten. Der Heilige Geist bietet uns glücklicherweise ein perfektes Beispiel. Wir kommen also jetzt zum Beispiel jener schrecklichen Erfahrung, einem Beispiel, das uns in den historischen Büchern des Alten Testaments geschildert und später in Psalm 95 kommentiert wird:

Heute, wenn ihr seine Stimme höret, verhärtet eure Herzen nicht, wie in der Erbitterung, an dem Tage der Versuchung in der Wüste, wo mich eure Väter versuchten, indem sie mich prüften, und sie sahen doch meine Werke vierzig Jahre. Deshalb zürnte ich diesem Geschlecht und sprach: Allezeit gehen sie irre mit dem Herzen; aber sie haben meine Wege nicht erkannt. So schwur ich in meinem Zorn: Sie werden nicht in meine Ruhe eingehen!

Der Schreiber wendet sich an Hebräer, die bekannt haben, an den Herrn Jesus Christus als Messias, Sohn Gottes und Retter zu glauben. Angesichts ihres gegenwärtigen Benehmens sieht er sich gedrängt, an die Erfahrungen der Väter in den Tagen des Alten Testaments zu erinnern. Ihr wisst alle, fährt er fort, dass unsere Väter aus Ägypten erlöst wurden, unter dem Schutz des Blutes standen, auf Mose getauft wurden in der Wolke und im Meer, dass sie also einen Anfang gemacht hatten, Richtung verheißenes Land der Ruhe, aber dass nur sehr wenige auch dort ankamen. Sie erbitterten den HERRN dergestalt, dass Er ihnen in Seinem Zorn schwur, sie würden nie in Seine Ruhe eingehen; und sie gingen auch nie in die Ruhe ein. Weil nun solche Dinge in der Vergangenheit geschehen sind, müssen wir auf der Hut sein, dass es sich nicht wiederholt.

„Was war denn schiefgegangen?“, fragst du.

Wenn wir uns nun fragen, was der Heilige Geist zu jenen Ereignissen zu sagen hat, dann wollen wir beachten, dass Er Seine Warnung auf folgender einfacher Grundlage formuliert: Das Ganze ist schon einmal passiert; es kann wieder passieren. Ein Volk machte einen Anfang, legte ein Bekenntnis ab, wurde getauft und schien auf dem besten Weg ins Land der verheißenen Ruhe zu sein, aber kam dort nie an. Sehet zu Brüder, dass nicht etwa in jemand von euch ein böses Herz des Unglaubens sei in dem Abfallen vom lebendigen Gott (Heb 3,12).

Oder Hebräer 3,13: auf dass niemand von euch verhärtet werde durch Betrug der Sünde.

Oder Hebräer 4,1: Fürchten wir uns nun, dass nicht etwa, da eine Verheißung in seine Ruhe einzugehen, hinterlassen ist, jemand von euch scheine zurückgeblieben zu sein.

Und schließlich Hebräer 4,11: Lasst uns nun Fleiß anwenden, in jene Ruhe einzugehen, auf dass nicht jemand nach dem selben Beispiel des Ungehorsams falle.

Diese Dinge sind so ernst, dass wir nichts anderes wagen, als uns um völlige Gewissheit zu bemühen, was der Heilige Geist uns sagt. Erstens beachten wir, dass es um ein böses Herz des Unglaubens geht. Ihr merkt, dass die Warnung sich nicht gegen Weltlichkeit richtet. Es heißt nicht, „auf dass niemand durch die Verlockungen der Welt falle oder durch Unmoral überwältigt werde“. Vielmehr heißt es: „dass nicht etwa in jemandem von euch ein böses Herz des Unglaubens sei“. Wir wollen das Wort zum vollen Nennwert nehmen.

„Ja“, fragst du weiter, „kann man das möglicherweise auf Christen anwenden? Wir Christen erliegen doch auch immer wieder dem Unglauben. Manchmal glauben wir nicht von ganzem Herzen an die Verheißungen des HERRN. Und dann heißt es doch: „… auf dass niemand von euch verhärtet werde durch Betrug der Sünde.“ – „Und schließlich“, fährst du fort, „ist es bei jedem Gläubigen denkbar, dass er in Sünde fällt. Und wenn Gläubige in der Sünde verharren und ihr Gewissen verhärtet wird … ja, dann können sie doch dadurch jedem Betrug verfallen.“

Und wenn wir schließlich zu Hebräer 4 kommen, geht es doch um Ungehorsam, wie du bemerkt hast, denn das ist die korrekte Übersetzung des Wortes: „… auf dass nicht jemand nach dem selben Vorbild des Ungehorsams falle.“ Daraus folgerst du also, dass es sich auf Gläubige beziehen muss, weil wir alle zu Ungehorsam neigen.

Also meint der ganze Abschnitt, dass wir als Gläubige, wenn wir es versäumen, an alle Verheißungen zu glauben, und wenn wir sündigen und ungehorsam sind, nie in die von Gott verheißene kommende Ruhe eingehen werden. Wenn ich das meinte, dann wäre ich an der Antwort auf folgende Frage äußerst interessiert: Wie viele Verheißungen muss man versäumen zu glauben, wie viele Sünden muss man begehen, wie oft muss man ungehorsam sein, bis man der verheißenen Ruhe verlustig geht? Das hätte ich zu gern gewusst; denn offenkundig werden einige Christen in jene Ruhe eingehen; aber genauso offenkundig haben alle jene, die die Verheißungen erlangen, das eine oder andere Mal nach ihrer Bekehrung gesündigt oder sind ungehorsam gewesen. Wenn dann aber andere wahre Gläubige durch ihr Benehmen der kommenden Ruhe verlustig gehen können, dann wüsste ich nur zu gern, wie oft man dem Unglauben oder dem Ungehorsam verfallen muss, bis man jene Ruhe endgültig verliert.

Ein Herz des Unglaubens

Aber diese Fragen werde ich nicht stellen, weil ich nicht denke, dass der Abschnitt das meint. Wir wollen deshalb die hier verwendeten Kernbegriffe im Lichte ihres Gebrauchs in der Bibel untersuchen.

„Dass nicht etwa in jemandem von euch ein böses Herz des Unglaubens sei …“ (Heb 3,12) ist der erste Kernbegriff. Wenn jemand ein böses Herz des Unglaubens hat, dann ist er ein böser Mensch und ist ein Ungläubiger.

Dann: „… auf dass niemand von euch verhärtet werde durch Betrug der Sünde“ (Heb 3,13). Was ist Sünde? Die Bibel definiert es. Der Herr Jesus sagte, dass der Heilige Geist bei Seinem Kommen „die Welt überführen würde von Sünde und von Gerechtigkeit und von Gericht. Von Sünde aber, weil sie nicht an mich glauben“ (Joh 16,8). Das Kommen des Heiligen Geistes besiegelte die Frage, ob Jesus der Sohn Gottes war oder nicht. Die Juden hatten Ihn gekreuzigt, weil sie behaupteten, Er sei nicht der Sohn Gottes. Sie glaubten nicht an Ihn, obwohl Er mehr Zeichen unter ihnen tat, als je einer getan hatte. Darum hatten sie keinen Vorwand für ihre Sünde, wie der HERR selbst feststellte. Allen Wundern zum Trotz wollten sie nicht glauben. Aber, so sagte Er, ich gehe von euch und der Heilige Geist wird kommen. Und wenn dieser gekommen ist, wird Seine bloße Gegenwart den letzten Beweis liefern. Sie werden mich kreuzigen, und ich werde begraben werden. Aber ich werde mich als Gottes Sohn durch die Auferstehung aus den Toten, durch die Himmelfahrt und durch die Sendung des Heiligen Geistes erweisen. Und das Kommen des Sachwalters in meinem Namen wird die mutwillige Sünde derer beweisen, die sich den eindeutigen Kennzeichen zum Trotz weigerten, an mich zu glauben.

Hebräer 2 ruft uns in Erinnerung, dass der Heilige Geist kam. Die große Errettung, die im Anfang vom Herrn selbst verkündigt worden war, wurde uns durch die bestätigt, die Ihn gehört hatten, wozu Gott außerdem Zeugnis gab durch Austeilungen des Heiligen Geistes, durch Wunder und geistliche Machterweise. Der Nation fehlte es nicht an Beweisen, dass Jesus der Sohn Gottes war. Aber trotz der umfassenden, sicheren Kennzeichen von Pfingsten nicht an Ihn zu glauben, war nichts als der Widerspruch eines bösen Herzens voll mutwilligen Unglaubens, jener Wurzel aller Sünde.

Ungehorsam

Es wird nun jemand einwenden: „Aber wie kommst du an der Tatsache vorbei, dass es weiter unten heißt, dass wir durch das gleiche Beispiel des Ungehorsams fallen können. Willst du denn behaupten, es sei einem Gläubigen nicht möglich, ungehorsam zu sein?“ Das will ich keineswegs behaupten. Auch Gläubige können ungehorsam sein. Aber ich behaupte tatsächlich, dass der Ungehorsam sich hier nicht auf Gläubige bezieht. Lasst uns Apostelgeschichte 14,2 aufschlagen:

Die ungehorsamen Juden[1] reizten und erbitterten die Seelen derer aus den Nationen wider die Brüder.

Es werden uns hier drei Klassen von Menschen genannt: Juden, Heiden und die Brüder, die wir als wahre Gläubige ansehen. Die Heiden waren noch unbekehrt. Wer aber waren diese ungehorsamen Juden? Waren das jüdische Gläubige, die sich ein wenig unpassend benahmen? Natürlich nicht. Es waren eben solche Juden, die die Botschaft hörten, sich aber weigerten, an sie zu glauben. Wie ihr wisst, wird ja das Evangelium nicht nur verkündigt, um Glauben und Glaubensgehorsam zu wecken. Wir haben hier Juden vor uns, die sich allen eindeutigen Beweisen zum Trotz weigern, sich der Botschaft des Evangeliums zu beugen. Das ist nicht die einzige derartige Stelle. Lasst uns Apostelgeschichte 19,9 aufschlagen:

Als aber etliche sich verhärteten und nicht gehorchten[2] und von der Menge übel redeten von dem Wege, trennte er sich von ihnen und sonderte die Jünger ab, indem er sich täglich in der Schule des Tyrannus unterredete.

Hier stoßen wir erneut auf dieses Wort „ungehorsam“. Es ist in diesem Zusammenhang ein Ausdruck, der in der Sprache des Neuen Testaments solche bezeichnet, die das Evangelium gehört haben und sich weigern, diesem zu gehorchen. Weil der Ausdruck so wichtig ist, möchte ich noch eine letzte Stelle zitieren, um damit den Beweis in aller wünschenswerten Deutlichkeit geliefert zu haben. Der Vers ist uns allen wohlbekannt, so dass er vielleicht etwas fremd klingen mag, wenn ich ihn so zitiere, wie er eigentlich lauten sollte:

Wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben; wer aber dem Sohne nicht gehorcht, wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm (Joh 3,36).

Hier werden die Bedingungen, gerettet oder verloren zu werden, genannt: Wer gerettet werden will, muss glauben; wer verlorengehen will, muss dem Sohn ungehorsam bleiben.

Zwei griechische Wörter

Ich darf an dieser Stelle eine kleine Griechischlektion anfügen. Das Neue Testament verwendet zwei griechische Wörter für Ungehorsam. Das eine ist recht häufig und bedeutet wörtlich „an jemandem entlanghören“. Sein Gegenteil, also gehorchen, heißt wörtlich „unter jemandem hören“. Du kommst zu jemand und nimmst deine ihm untergeordnete Stellung ein und hörst auf ihn; und weil du ihm untergeordnet bist, tust du, was er sagt. Das hierzu gehörige Oppositum für „ungehorsam sein“ bedeutet wie gesagt eigentlich „an jemandem entlang“ oder „neben jemandem her hören“. Du stellst dich also neben jemand, als ob du seinesgleichen wärest, und du hörst dir einmal an, was er dir zu sagen hat. Dann entscheidest du, ob du auf das Gesagte eingehen willst oder nicht. Wir Christen sind oft in dieser Weise ungehorsam: Wir stellen uns neben den HERRN, als ob wir vor Ihm ein Recht auf Privatmeinungen hätten. Wir hören uns an, was Er uns zu sagen hat, um dann nach Gutdünken darauf einzugehen oder nicht. Wir sollten uns schämen.

Aber das Wort für Ungehorsam, das wir in der Apostelgeschichte, im Johannesevangelium und im Hebräerbrief gelesen haben, ist ein anderes, und es bedeutet etwas anderes: Du hörst die Botschaft, die rechtmäßigen Ansprüche des Herrn Jesus, du spürst das Wirken des Heiligen Geistes mit all Seiner Kraft der Überführung, aber du lässt dich nicht überzeugen, du lässt dich nicht durch Sein Reden gewinnen, und daher drehst du allem den Rücken; du bleibst ungehorsam. Denn, wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben, wer aber die Botschaft gehört hat und sich nicht überzeugen lässt, wird das Leben nie sehen. Jene Priester in der Apostelgeschichte hörten das Wort, aber weigerten sich, sich überzeugen zu lassen; sie waren ungehorsam. Soweit wir das beurteilen können, gingen sie verloren. Darum, sagt der Schreiber unseres Briefes, lasst uns Fleiß anwenden, in jene Ruhe einzugehen, auf dass nicht jemand nach demselben Beispiel des Ungehorsams falle. Er spricht nicht von Ungehorsam im Leben des Gläubigen. Er spricht vielmehr von jener grundlegenden Tatsache: Entweder du nimmst den Sohn Gottes auf, so wie Er sich selbst vorstellt, oder aber du weigerst dich, dich überzeugen zu lassen, und gehst verloren.

Israel in der Wüste

Verse 15-19

Heb 3,15-19: … indem gesagt wird: „Heute, wenn ihr seine Stimme höret, verhärtet eure Herzen nicht, wie in der Erbitterung“. (Denn welche, als sie gehört hatten, haben ihn erbittert? Waren es aber nicht alle, die durch Moses von Ägypten ausgezogen waren? Welchen aber zürnte er vierzig Jahre? Nicht denen, welche gesündigt hatten, deren Leiber in der Wüste fielen? Welchen aber schwur er, dass sie nicht in seine Ruhe eingehen sollten, als nur denen, die ungehorsam gewesen waren? Und wir sehen, dass sie nicht eingehen konnten wegen des Unglaubens.)

Wir wollen unsere bisherige Interpretation prüfen, indem wir genannte Episode aus der Geschichte des Volkes Israel untersuchen und auf den Kommentar hören, den der Heilige Geist Selbst dazu gibt. Ihr wisst um die Situation: Die Israeliten zogen unter der Führung Moses aus Ägypten heraus, wurden auf ihn getauft und machten sich auf den Weg in das Land Kanaan, das Land der verheißenen Ruhe. Dann ging etwas schief. Sie kamen im Land nicht an. Sie missfielen Gott derart, dass Er selbst dafür sorgte, dass sie nie in die Ruhe eingingen. Ihre Leichname fielen in der Wüste. Nicht wenige meinen, man müsse das wie folgt auf uns anwenden: Ein Gläubiger kommt durch seinen Glauben sozusagen zunächst unter das Blut des Passahlammes, und dann lässt er sich im Namen des Herrn Jesus taufen, so wie die Israeliten im Roten Meer auf Mose getauft wurden. Darauf tritt er seine Heimreise Richtung Himmel an, wobei er zusammen mit den anderen Gläubigen das Haus Gottes bildet, so wie die Stiftshütte in der Wüste das Haus Gottes bildete. Wenn er aber den HERRN reizt, wird er das Ziel nie erreichen.

Nur ist das nicht die Lehre, die der Heilige Geist selbst aus der Episode zieht. Er sagt nämlich: Bitte beachtet, was wirklich geschah: Denn welche, als sie gehört hatten, haben ihn erbittert? (Heb 3,16). Ja, wer war es, der den HERRN erbitterte? Die traurige Antwort ist: Waren es nicht alle, die durch Mose von Ägypten ausgezogen waren? Ja, alle, außer zweien. Wer erbitterte den HERRN, wessen Leichname fielen in der Wüste, wie viele erbitterten den HERRN? Nicht alle, die durch Mose von Ägypten ausgezogen waren? Doch, alle mündigen Israeliten, außer zweien. Nur Kaleb und Josua erreichten das Land; die übrigen kamen vorher um. Das war eine vollständige Katastrophe. Willst du nun behaupten, dass in unserer Heilszeit etwas Ähnliches geschehen werde, dass also von all denen, die an Christus gläubig geworden sind, lediglich zwei in die ewige Ruhe eingehen werden? Das wäre geradezu lächerlich.

Also wollen wir die Interpretation des Heiligen Geistes weiterverfolgen: Wem zürnte Er vierzig Jahre? Nicht denen, deren Leiber in der Wüste fielen? Ja, so war es. Welches war nun der Anlass zu genannter Erbitterung? Folgendes: Als sie schließlich an der Grenze des gelobten Landes standen, sandten sie Kundschafter aus.

Diese kamen mit böser Nachricht zurück: Sie entmutigten das Volk, und das Volk weigerte sich, einzugehen.
„Aber“, protestierten Josua, Kaleb und Mose, „es wird alles gut gehen; Gott hat uns das Land verheißen, Er hat Sein Wort gegeben, Er wird uns auch hineinbringen.“
„Das könnt ihr anderen erzählen“, entgegneten sie, „Er wird uns nicht hineinbringen.“
„Aber schaut doch, Er hat es verheißen!“
„Aber schaut, die Feinde! Wir werden diese Feinde nie überwältigen können.“
„Aber, Leute“, insistierten Josua und Kaleb, „es liegt doch nicht an unserer Leistung; Gott gibt uns das Land.“
„Diese Geschichte könnt ihr andern verkaufen“, sagten sie und weigerten sich, sich überzeugen zu lassen. Und schon redeten sie davon, sich einen Führer zu wählen, der sie nach Ägypten zurückführen sollte.

Was bedeutete das alles? Dass sie wahre Gläubige waren, die einen momentanen Rückfall erlitten? Ich befürchte, nein. Es war viel ernster. So ernst, dass ich es nicht zu sagen gewagt hätte, hätte es der Heilige Geist nicht selbst gesagt. Sie konnten nicht in das Land eingehen, weil sie ungehorsam waren, weil sie sich nicht überzeugen ließen. Sie verscherzten sich das Land durch Unglauben. Sie waren keine Gläubigen. Hier kam schließlich heraus, was sie waren: Ungläubige.

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Anmerkungen

[1] Die Fußnote der Elberfelder Bibel (Edition CSV Hückeswagen) vermerkt, dass anstatt „die ungläubigen Juden“ wie im Text auch die „ungehorsamen“ stehen könnte. Das ist zu schwach formuliert. Der griechische Ausdruck apeithäsantes ist ein Partizip des Verbums apeitheo = ungehorsam sein (der Übers.).

[2] Wiederum vermerkt die Elberfelder Bibel, dass man statt „nicht glaubt“ uach „nicht gehorcht“ sehen könnte. Das Verb ist wiederum apeitheo, wie in den bereits zitierten Stellen. Die rev. Elbf., die Zürcher und die Menge folgen der oben vorgeschlagenen (und sprachlich besser begrundeten) Wiedergabe (der Übers.).


Aus dem Buch Ein unerschütterliches Reich,
Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg, 1987


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