Der Brief an die Hebräer (2)
Kapitel 2

David Willoughby Gooding

© CV Dillenburg, online seit: 25.05.2006, aktualisiert: 30.07.2019

Die Menschheit Jesu Christi

Das zweite Kapitel des Hebräerbriefes behandelt die Menschheit Jesu Christi in der gleichen Gründlichkeit wie Hebräer 1 Seine Gottheit. In unserer letzten Betrachtung entdeckten wir, wie wichtig es für die Hebräer war, dass ihr Glaube an die Gottheit Jesu Christi gefestigt wurde. Die Gottheit Christi war die zentrale Frage, an der sich die Geister zwischen Gläubigen und Ungläubigen schieden. Die Juden hatten Ihn öffentlich und hochoffiziell hinrichten lassen, weil Er sich Gott gleichgemacht hatte.

Daher konnte der Schreiber nichts Besseres tun, als zuerst das Problem der Gottheit Jesu Christi behandeln und sie anhand der alttestamentlichen Schriften beweisen. Jetzt aber wendet er sich der Frage der wahren Menschheit des Retters zu. Doch auch hier ist sein Auge auf die Bedürfnisse der Seelen gerichtet, an die er schreibt; denn dieses Kapitel spricht nicht nur von der Menschheit des Herrn Jesus, sondern insbesondere von den Leiden, die Seine Menschwerdung mit sich brachten.

Es war selbst für Seine engsten Nachfolger ein schwerer Schlag und wider alle ihre Erwartungen, als Er ihnen eröffnete, dass die Nation Ihn verwerfen und Er deshalb vieles erleiden müsse. Ihr wisst, wie Petrus Ihn daraufhin beiseitenahm und Ihn rügte (Mt 16,22). Ihr Vertrauen war im Innersten erschüttert, wie die zwei Emmaus-Jünger bekannten: „Wir aber hofften, dass er der sei, der Israel erlösen solle; und jetzt haben unsere Obersten ihn genommen und ihn gekreuzigt“ (Lk 24,21).

Als der Herr Jesus aus den Toten auferstand und in den Himmel auffuhr und der Heilige Geist ausgegossen wurde, da zeigte es sich, dass die Nation sich geirrt hatte, als man Ihn kreuzigte. Viele bekehrten sich in der Folge zu Ihm, obwohl Er an einem Kreuz hingerichtet worden war. Die Predigten jener ersten Tage hoben hervor, dass Er der Messias sei, obschon Er den schmachvollen Kreuzestod erlitten hatte. Wohl hatten die religiösen Führer Ihn verurteilt, Gott aber hatte Ihn aus den Toten auferweckt und Ihn zum HERRN und Heiland gemacht. Zudem fanden sie im Alten Testament bestätigt, dass der Messias verworfen werden und leiden müsse. So konnte Petrus den Obersten vorhalten, sie hätten unwissend die Schriften erfüllt, als sie den Herrn Jesus zum Tod verurteilten (Apg 3,18).

Inzwischen waren Jahre vergangen; eine Generation war bereits beim HERRN. Diese Juden, die ihren Glauben an den Herrn Jesus bekannt hatten, obwohl man Ihn gekreuzigt hatte, waren für ihren Glauben an einen leidenden Messias eingestanden, weil sie auch glaubten, dass Er wieder auferweckt worden sei und sehr bald in Macht und großer Herrlichkeit wiederkommen würde.

Doch jetzt wurden sie unsicher, da die Jahre langsam verstrichen und Er immer noch nicht gekommen war, da die Schmach des Christseins nicht geringer, sondern im Gegenteil immer unerträglicher, und da ihr Leiden bitterer und die Verfolgung heftiger wurde. So fühlt sich der Schreiber gedrängt, nicht nur ihren Glauben an die Gottheit des Herrn Jesus zu festigen, sondern auch über Seine Menschheit und Seine Leiden zu sprechen. Er will ihnen klarmachen, dass der Herr Jesus nicht auch trotz Seiner Leiden der Messias ist, sondern dass Er Ziel und Sinn der Messianität gerade durch Sein Leiden erreicht. Er zeigt ihnen, dass die Leiden Christi nicht ein peinliches Hindernis auf Seinem Weg waren, die man am besten möglichst bald wieder vergessen sollte, sondern vielmehr der zuvor festgelegte Pfad, ja der einzige Pfad, auf dem der Messias in Seine Herrlichkeit eingehen und die vielen, die Gott zu dieser Herrlichkeit zuvorbestimmt hatte, mitnehmen konnte.

Wie musste dieses Wissen die Herzen jener hartgeprüften ersten Christen trösten. Ihre Leiden und die Leiden des Anführers ihrer Errettung waren nicht ein peinliches Hindernis, das sie nach Leibeskräften zu vergessen trachten sollten, sondern im Gegenteil der goldene Pfad, der sie bewusst und wohlkalkuliert ihrer zuvorbestimmten Herrlichkeit zuführte.

Eine Warnung

Verse 1-4

Heb 2,1-4: Deswegen sollen wir umso mehr auf das achten, was wir gehört haben, damit wir nicht etwa abgleiten. Denn wenn das durch Engel geredete Wort fest war und jede Übertretung und jeder Ungehorsam gerechte Vergeltung empfing, wie werden wir entfliehen, wenn wir eine so große Errettung vernachlässigen? – welche den Anfang ihrer Verkündigung durch den Herrn empfangen hat und uns von denen bestätigt worden ist, die es gehört haben, indem Gott außerdem mitzeugte, sowohl durch Zeichen als durch Wunder und mancherlei Wunderwerke und Austeilungen des Heiligen Geistes nach seinem Willen.

Wir wollen uns jetzt der Einzelheiten dieses Kapitels annehmen und sie gemeinsam der Reihe nach durchgehen. Zunächst merken wir, dass der Schreiber zwischen seine Ausführungen über die Gottheit des Herrn Jesus und über die Menschheit des Herrn Jesus eine Warnung einschiebt: „Darum sollen wir umso mehr auf das achten, was wir gehört haben, damit wir nicht etwa abgleiten.“ Er hat soeben seine herzerhebende Darstellung über die Herrlichkeiten des Herrn Jesus abgeschlossen, wie Gott am Ende dieser Tage zu uns geredet hat nicht in irgendeinem Menschen oder durch irgendeinen Propheten, sondern in dem Einem, der Sohn Gottes ist. Er argumentiert dabei wie folgt: Wenn Gott im Alten Testament durch Propheten und in Sonderheit Mose und Israel durch die Vermittlung von Engeln das Gesetz gab, dann musste jede Übertretung und jeder Ungehorsam ihre schwere und unmittelbar verhängte Strafe nach sich ziehen. Wenn nun die durch Engel vermittelte Botschaft von solch ernsten Sanktionen begleitet war, wie viel mehr eine Botschaft, die von niemand anders gesprochen wurde als von Gott selbst!

Es war im Alten Testament eine todernste Angelegenheit, Gottes Gesetz zu brechen. Ihr wisst, wie kurz nach der Gabe des Gesetzes ein Mann beim Holzsammeln am Sabbat ertappt wurde. Der Mann kannte das Gesetz. Es war soeben gegeben worden und da wagte einer, es kühn zu missachten. Dabei handelte es sich um eine an sich relativ geringfügige Tat, Holz sammeln. Damit trotzte der Mann aber in Gottes Angesicht Seinem erst kürzlich durch Engel und durch Mose gegebenen Gesetz. Man legte den Mann in Gewahrsam und befragte Gott, was mit ihm zu geschehen habe. Die unerbittliche Antwort war, dass man ihn vor das Lager führen und zu Tode steinigen müsse (4Mo 15,32-36). Man durfte Gottes Reden durch Engel nicht auf die leichte Schulter nehmen. Wie viel weniger, wenn Gott in der zweiten Person der Trinität gesprochen hat!

Wir stehen in Gefahr, uns an Sachen zu gewöhnen und dadurch unmerklich von ihnen abzugleiten. Wie leicht können wir uns so an die gewaltigen Wahrheiten des Neuen Testaments gewöhnen, dass wir ihren Ernst und ihr Gewicht – die sie um deswillen haben, der sie uns offenbarte – vergessen!

Wenn wir nun wissen, dass es um eine so große Errettung geht, dass sie zuerst vom Herrn selbst verkündigt wurde und uns bestätigt wurde durch die, die Ihn hörten, und wenn wir zudem wissen, dass Gott selbst sich die Mühe nahm, diese Botschaft durch Zeichen, Wunder und Austeilungen des Heiligen Geistes zu bekräftigen, wie wollen wir dann entfliehen, wenn wir eine so große Errettung vernachlässigen? So steht die Warnung da, und ich habe nicht die geringste Absicht, sie irgendwie abzuschwächen.

Wenn auch eine frohmachende Sache, wie ernst ist zugleich die Verkündigung des Evangeliums! Und welche unsagbare Würde ist damit verbunden! Vergesst nie, wie erhaben und wie herrlich die aller unscheinbarsten und schlichtesten Wahrheiten des Evangeliums sind. Sie empfingen den Anfang ihrer Verkündigung durch den Herrn Selbst. Wie gewichtig müssen sie sein, wenn ihr Vernachlässigen solch ernste Folgen hat! Und dennoch – obwohl ich den Ernst dieser Warnung in keiner Weise mindern will – müssen wir uns davor hüten, sie in die falsche Richtung anzuwenden. Wie sollen wir entfliehen, wenn wir eine so große Errettung vernachlässigen? Es gibt solche, die behaupten, das beziehe sich nicht auf unbekehrte Leute, sondern auf Gläubige. „Wie werden wir entfliehen, wenn wir eine so große Errettung vernachlässigen?“ – „Bitte“, sagen sie, „die Betonung liegt auf dem Wir.“

Sicher liegt die Betonung auf dem „Wir“. Wer aber sind diese „Wir“? Um die Frage zu beantworten, möchte ich wieder die Worte der Schrift anführen. Wir werden uns im Rahmen dieses Briefes wiederholt mit dieser Frage auseinanderzusetzen haben. Darf ich an dieser Stelle einen bereits von mir zitierten Abschnitt anführen? Der Schreiber beteuert im Blick auf diese Leute: „Was euch angeht, bin ich von besseren Dingen überzeugt, nämlich von Dingen, die mit Errettung zu tun haben, obgleich ich so rede. In meinem Innersten denke ich besser von euch, als ich eben geredet habe. Denn ich meine, an euch Beweise eurer Errettung zu erkennen. Ich sehe die Früchte der Errettung in eurem Leben, wenn ich auch so ernst rede, wenn ich auch schreibe, als ob ich euch für ungerettet hielte.“

Wir sollten nichts als erwiesen annehmen. Kein Verkündiger sollte das. Wenn jemand wirklich an den Herrn Jesus glaubt, dann kannst du dem Betreffenden mit der uneingeschränkten Autorität des Wortes Gottes zusagen, dass er ewig gerettet ist und nie verlorengehen wird. Glaubt er aber wirklich? Das kannst du niemand sagen; das magst du allenfalls anhand der äußeren Beweise beurteilen, sofern du das überhaupt kannst. Wo die äußeren Anzeichen zweifelhaft sind, muss man auch das Bekenntnis anzweifeln. Als der Schreiber nun das Benehmen dieser Hebräer betrachtete, erschien ihm einiges zweifelhaft, weshalb er an ihrer tatsächlichen Errettung zweifeln musste. Er wollte daher nichts riskieren; wenn er auch in seinem Innersten meinte, dass sie gerettet wären, wollte er nicht auf eine ernste Warnung verzichten. Wenn sie nicht wahrhaft gerettet sein sollten, dann wäre die Gefahr riesengroß, dass sie all das Genannte wohl wissen, aber dennoch abgleiten und ewig verlorengehen würden.

Wie entfliehen?

Wir wollen diese Dinge sorgfältig und ernsthaft durchdenken: Man kann alles wissen und mit den Lippen bezeugen und doch nur wie ein Schiff an der Hafenmauer neben der Wahrheit anlegen, ohne sie in lebendigem Glauben zu ergreifen und zu seinem Eigentum zu machen, so dass man nach einer Zeit abgetrieben und schließlich in den Strudel der Hölle selbst hineingezogen wird. Wie werden wir entfliehen, wenn wir vernachlässigen? An dieser Stelle können wir nur eines tun, nämlich dem Herrn bekennen: „HERR, du weißt alles. HERR, ich glaube; hilf du meinem Unglauben!“ (Mk 9,24). Und wo wahrer Glaube ist, wird der Hohepriester durch seine Gebete diesen Glauben nähren und stützen und dafür sorgen, dass er beständig erhalten bleibt.

Am Schluss seiner Warnung erinnert der Schreiber die Empfänger daran, dass Gott das Evangelium damals, als sie es zum ersten Mal hörten, durch Zeichen und Wunder und Austeilungen Seines Heiligen Geistes bestätigt hatte. Wie das geschah, beschreibt uns die Apostelgeschichte. Und was für Unruhe lösten diese Geschehnisse aus! Die hartnäckigsten Leugner wurden überführt, als die Kranken gesund wurden, die Lahmen wandelten. Sogar Petrus’ Schatten fiel auf einige, und sie wurden sofort wiederhergestellt. Übernatürliche Gaben traten auf: Gaben der Sprachen und der Heilung und der Weissagung. Es war eine Zeitlang wie der Himmel auf Erden, als ob jenes goldene Zeitalter eingeläutet worden sei, welches das Alte Testament dem Israeliten als die große Hoffnung vor Augen geführt hatte; als ob jene Tage schon angebrochen wären, da Gott alle Tränen abwischen würde, da kein Tod, keine Trauer, kein Geschrei mehr sein würde. Tote wurden auferweckt und Kranke geheilt. Die Blinden sahen wieder. War das denn nicht der Anbruch des goldenen Zeitalters des Messias?

Der Schreiber erinnert also an jene Tage und sagt: „Nun, jenes Zeitalter ist zwar noch nicht angebrochen, aber es ist der Gegenstand der Errettung, von der wir reden. Ich möchte zu euch über dieses kommende Zeitalter reden. Die Errettung ist ja genau das: Nicht nur, dass uns die Sünden vergeben worden sind; nicht nur, dass wir in die Familie Gottes aufgenommen worden sind; nein, zur Errettung gehört auch, dass wir von dieser in die zukünftige Welt geführt werden, in eine kommende Welt unbeschreiblicher Glückseligkeit.“ Wie groß ist das Heil für alle, die sich dem großen Retter anvertraut haben!

Der Mensch Christus Jesus

Verse 5-8

Heb 2,5-8: Denn nicht Engeln hat er unterworfen den zukünftigen Erdkreis, von welchem wir reden; es hat aber irgendwo jemand bezeugt und gesagt: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, oder des Menschen Sohn, dass du auf ihn siehst? Du hast ihn ein wenig unter die Engel erniedrigt; mit Herrlichkeit und Ehre hast du ihn gekrönt [und ihn gesetzt über die Werke deiner Hände]; du hast alles seinen Füßen unterworfen.“ Denn indem er ihm alles unterworfen, hat er nichts gelassen, das ihm nicht unterworfen wäre; jetzt aber sehen wir ihm noch nicht alles unterworfen.

„Und bitte“, fährt der Schreiber fort, „der zukünftige Erdkreis, von dem wir reden, ist nicht Engeln unterworfen worden, sondern dem Menschen. Nimmst du Anstoß an der Menschheit Jesu Christi? Reden eure religiösen Führer von Ihm herablassend als von ,jenem jungen Propheten aus Galiläa? Was will Er uns schon sagen, der doch nie studiert hat. Was will Er schon wissen, der ja in einer Schreinerwerkstatt aufgewachsen ist?‘ Reden sie verächtlich über Seine Menschheit, Seine Demut, Seine bescheidene Herkunft? Ziehen sie die starre Majestät des Gesetzes vor, das auf Sinais Höhen unter Gedröhn und Gedonner einem zitternden Volk von einem erhabenen Gott gegeben wurde? Ist es das, wonach sie trachten? Rühmen sie sich der Tatsache, dass ihr Gesetz ihnen durch Vermittlung von Engeln gegeben wurde und nicht durch einen Zimmermann in einer erbärmlichen Fischerhütte?

Dann könnt ihr ihnen sagen, dass die zukünftige Welt, auf die sie so sehnsüchtig warten, nicht Engeln unterworfen sein wird. Sie sollen nur ihren Engeln nachfolgen, aber so werden sie ihre Bestimmung nie erreichen. Denn das zukünftige Zeitalter, von dem wir reden, ist nicht Engeln unterworfen worden, sondern es hat jemand irgendwo bezeugt und gesagt: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?“ Lest noch einmal euer Altes Testament, ihr gläubigen Hebräer, und ihr werdet sehen, wie Gottes Absichten dort schon vor langer Zeit ausgesprochen wurden. Es war nie Seine Absicht, dass der zukünftige Erdkreis von Engeln regiert werden sollte. Es war von jeher Gottes Absicht, dass alles dem Menschen zu Füßen gelegt werden sollte.“

Wir wissen, wie Gott den Mann und die Frau schuf und sie beide in den Garten setzte, so dass sie einander in jener gewaltigen Aufgabe, die Erde für Gott zu verwalten, beistehen konnten. Gott hatte sie gesegnet und zu ihnen gesagt: „Seid fruchtbar und mehret euch und machet euch die ganze Schöpfung untertan“ (1Mo 1,28). Es war von Anbeginn Gottes Gedanke gewesen, dass der Mensch und nicht Engel über die Welt herrschen sollte. Wie herrlich, wie erhaben war die Absicht Gottes mit dem Menschen, als Er ihn schuf. Er machte ihn wohl ein wenig niedriger als die Engel, denn: Engel sind Geister; der Mensch aber ist geistig und leiblich. Dennoch krönte Gott den Menschen mit großer Ehre und legte ihm alles zu Füßen. Nicht nur die Tiere, die ihn auf dem Festland umgaben, sondern auch die Fische im Meer und die Vögel des Himmels, alles wurde der Herrschaft des Menschen unterstellt.

Alles Christus untertan

Wenn also Psalm 8 sagt: „Alles hast du seinen Füßen unterworfen“, dann ist dem buchstäblich so, stellt der Schreiber fest; denn indem Er ihm alles unterworfen hat, hat Er nichts gelassen, das ihm nicht unterworfen ist. Das war Gottes ursprünglicher Plan. Man muss kaum noch darauf hinweisen, dass mit diesem Plan irgendetwas in die Brüche gegangen ist; oder versuche es mit dem nächsten Löwen, dem du begegnest, ob er dir gehorcht! Wir sind heute in einer Welt, die hart und grausam ist, die allen wissenschaftlichen Fortschritten zum Trotz den Menschen hoffnungslos überfordert. Der Mensch ist ein Sklave des Erdbodens, gezwungen, sich im Schweiße seines Angesichts abzumühen, diesen Boden von Unkraut und Dornen freizuhalten; ganz gelingt ihm dies nie, beständig steht er in dieser Abwehrschlacht, oft dazu durch Krankheit und Seuche gehindert. Wie wenig ist ihm von der einst vom Schöpfer verliehenen Herrlichkeit geblieben! Das Universum ist kalt und grausam, das Leben kurz, Seuchen wüten, der Tod herrscht. Wir sehen Ihm noch nicht alles unterworfen.

Verse 9.10

Heb 2,9.10: Wir sehen aber Jesus, der ein wenig unter die Engel wegen des Leidens des Todes erniedrigt war, mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt –, so dass er durch Gottes Gnade für alles den Tod schmeckte. Denn es geziemte ihm, um deswillen alle Dinge und durch den alle Dinge sind, indem er viele Söhne zur Herrlichkeit brachte, den Urheber ihrer Errettung durch Leiden vollkommen zu machen.

Hat Gott denn Seine ursprünglichen Absichten aufgegeben, weil die Sünde eingebrochen ist und der Mensch durch Torheit und Sünde sich seine Herrschaft verscherzt hat? Nein, Gott hat Seine Ratschlüsse gewiss nicht zurückgenommen. Weit gefehlt! Wer Augen hat zu sehen, erkennt, dass Gott auf die Erfüllung Seiner Ratschlüsse zielstrebig zugeht und dieser Erfüllung schon sehr nahe ist. Er hat ein Wesen gewollt, dass ein wenig niedriger sein sollte als die Engel. Vielleicht, weil einst ein schrecklicher Aufstand in der Geisteswelt stattgefunden hatte, ich weiß nicht. Gott aber hat beschlossen, dass die Welt einst einem neuartigen Geschöpf untertan sein solle … dem MENSCHEN. Und wir wissen um Einen, der vor verhältnismäßig kurzer Zeit ein wenig niedriger gemacht wurde als Engel aus dem einfachen Grund, dass Er Fleisch und Blut annahm und das wurde, was Engel nie waren und nie sein werden: Mensch. Betrachtet Ihn, wie Er geboren wurde und in Bethlehem in eine Krippe gelegt wurde, wie Er, aus der unsichtbaren Welt kommend, die Welt der Geister, zu der die Engel gehören, ausließ, um sich eine Stufe tiefer zu begeben, um eben Mensch zu werden. Betrachtet Ihn, Jesus ist Sein Name, Sein menschlicher Name. Wir werden hier nicht aufgefordert, den Sohn Gottes zu betrachten, sondern den, der Mensch wurde und einen irdischen Namen einer irdischen Sprache bekam. Ein hebräischer Name, von menschlichen Eltern durch Anweisung eines Engels gegeben. Betrachtet Ihn: Jesus.

Leiden, dann Herrlichkeit

Die erste Phase ist bereits abgeschlossen. Aber betrachtet Ihn jetzt. Er ist gekrönt mit Ehre und Herrlichkeit. Die zweite Phase ist ebenfalls schon abgeschlossen. Und schon höre ich die Hebräerchristen seufzen. Ja, es stimmt. Obwohl Er litt, verworfen und mit tiefster Verachtung behandelt wurde, ist es wahr: Er ist gekrönt mit Ehre und Herrlichkeit.

„Kopf hoch!“, ruft ihnen der Schreiber zu, „fanz so verhält es sich nicht. Nein, sondern gerade weil Er den Tod schmeckte, ist Er jetzt mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt. Versteht ihr denn nicht? Da der Mensch sich die Herrschaft verscherzte, seine Herrlichkeit durch Sünde verloren hat, blieb nur dieser Weg: Er kann die Herrlichkeit nur durch Leiden erreichen. Und so ist das Kreuz alles andere als ein Fehler, Sein Leiden alles andere als ein unglückliches Missgeschick; es war unter Gottes Hand und nach Gottes Willen der Weg, den Messias selbst zur Krönung mit Ehre und Herrlichkeit zu führen. Wegen des Leidens des Todes mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt. Kopf hoch, meine Lieben! Wir wollen uns Seiner Leiden rühmen. Sie sind der Ausdruck göttlicher Weisheit.“

Und nicht nur ist Er des Leidens des Todes wegen mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt, sondern Sein Tod ist durch Gottes Gnade die Grundlage zur Erlösung aller Dinge. Als Er in den Tod ging und dessen bittere Wasser schmeckte, schmeckte Er den Tod für alles. Und deswegen wird jener Tag noch kommen, von dem der Apostel im Kolosserbrief spricht, an dem alles, die Dinge im Himmel und die Dinge auf der Erde, mit Gott versöhnt sein werden. Gott wird ein von Sünde gereinigtes Universum dargebracht werden, gereinigt und versöhnt in allen Bereichen, Gott zur Ehre und dem Menschen zur Freude. All das wird nur deshalb möglich sein, weil Er litt und für alles den Tod schmeckte.

Warum musste Christus leiden?

„Ich weiß“, sagt der Schreiber, „ihr empfindet es als eine drückende Bürde, mit Christus zu leiden. Ich weiß, dass ihr euch eines Messias schämt, der gekreuzigt wurde. Welch anderen Weg hätte Gott denn beschreiten können? Was wäre denn sonst passend gewesen, um viele Söhne zur Herrlichkeit zu bringen?“

„Also bitte“, antwortet jemand, „ist Gott denn nicht allmächtig? Er hätte doch dieses Kreuz umgehen können, jene zwölf Legionen Engel senden und mit Gewalt Seinen Sohn, Petrus und all die andern befreien und auf der Stelle verherrlichen und zu sich nehmen können!“

Gewiss wäre Gott mächtig genug, solches zu tun. Hätte das aber zu Ihm gepasst? Nein! Viele Söhne zur Herrlichkeit zu bringen, ist eine so große, eine so gewaltige Sache, dass Gott es auf eine Ihm würdige Weise tun muss, eine Weise, die Seiner Majestät, Seiner Heiligkeit und Seiner Liebe genügt. Man kann nicht Leute wie dich und mich, gefallen und sündig wie wir sind, einfach in die himmlische Herrlichkeit versetzen; wir wären ganz und gar unpassend für eine solche Stellung. Dazu müssen wir zuerst einem Prozess der Veränderung unterworfen werden, sei dieser Prozess lang oder kurz. Wir müssen für jene herrliche Umgebung passend gemacht werden, und das können wir nur durch Leiden. Wir stellen Gottes Wege nicht in Frage, wir beobachten nur. Und doch erklärt sich ein Großteil des Leidens, das die Kinder Gottes durchmachen müssen, von daher: Leiden ist die einzige Zucht, die uns für unsere herrliche Bestimmung passend machen kann. Und wie könnte Gott sie zur Herrlichkeit führen, wenn Er ihnen nicht einen Anführer ihrer Errettung gäbe, jemand, der erstens selbst die Errettung bewirken und zweitens sie den ganzen Weg nach Hause führen würde? Aber was würde ihnen ein Anführer nützen, der selbst keine Erfahrungen mit Leiden gemacht hätte? Was hätte ein Mose den Israeliten in der Wüste genützt, wie hätte er sie je durch alle Versuchungen der Wüste hindurch in das verheißene Land führen können, wäre er nicht selbst zuerst in der harten Schule des Leidens und der Entbehrungen in der Wüste gewesen? Leute wie dich und mich hätte der Herr nicht zur Herrlichkeit führen können, wäre Er nicht selbst zuerst durch Leiden gegangen.

Wenn wir innehalten und über Gott nachdenken, wer Er ist und wie Er ist, wird alles in ein anderes Licht gerückt: Wir erkennen, wie passend Gottes Weg ist, dass Er uns einen Heiland gibt, der durch Seine eigenen Leiden qualifiziert ist, unser Anführer zu sein. Darum schämt euch nicht der Leiden eures Herrn, ihr jüdischen Christen. Versucht nicht, Seine Leiden zu relativieren und schon gar nicht zu entschuldigen. Gott selbst rühmt sich dieser Leiden; sie geziemen Ihm, sie ehren Ihn, durch den und für den alle Dinge sind. Ihm mangelt es nicht an Macht; aber Macht hätte sich hier nicht geziemt. Ein Weg des Leidens ist der einzige Gott mögliche Weg.

Eins mit uns

Verse 11-13

Heb 2,11-13: Denn sowohl der, welcher heiligt, als auch die, welche geheiligt werden, sind alle von einem; um welcher Ursache willen er sich nicht schämt, sie Brüder zu nennen, indem er spricht: „Ich will deinen Namen kundtun meinen Brüdern; inmitten der Versammlung will ich dir lobsingen.“ Und wiederum: „Ich will mein Vertrauen auf ihn setzen.“ Und wiederum: „Siehe, ich und die Kinder, die Gott mir gegeben hat.“

Da ist noch ein Punkt: Nicht nur ist dieser Anführer selbst durch Leiden gegangen, um so ein passender Führer für euch zu sein, sondern Er ist zudem einer von euch. Er ist Mensch geworden, und so wie wir Seine Gottheit betonen – denn Er ist wahrer Gott –, müssen wir auch Seine Menschheit betonen. Darin nimmt Er Seinen Platz unter uns ein. Und sowohl der, welcher heiligt, das ist der Herr Jesus, als auch die, welche geheiligt werden, sind alle von einem, weshalb Er sich nicht schämt, uns Brüder zu nennen.

Ist euch dieses Wort „schämt“ aufgefallen? Ich muss das Geschick dieses Schreibers bewundern. Wenn du seinen Gedanken sorgfältig folgst und ihm gut zuhörst, merkst du, dass er oft von Schämen spricht. Denn Scham war eine der Zutaten – eine gewichtige Zutat – jenes Kelches, den die Hebräer zu trinken hatten. Vielleicht versammelten sie sich nicht mehr, weil sie sich schämten. Sie begannen sich all dieser Dinge zu schämen; sie schämten sich des Herrn Jesus. Wir kennen das aus eigener Erfahrung, oder nicht? Wie, wenn man das Ganze einmal umkehren würde? Was wäre, wenn Er sich unser schämte? Wenn wir bedenken, wer Er ist – wahrer Gott vom wahren Gott. Und wir schämen uns Seiner? Der Gedanke verläuft aber in umgekehrter Richtung: ER schämt sich nicht, uns Brüder zu nennen. Das ist Gnade. Wie hat Er sich erniedrigt, wie nahe ist Er uns gekommen, dass Er uns, die wir bloß Menschen sind, Brüder nennen kann.

Wiederum haben wir also Grund, uns Seiner Erniedrigung zu rühmen; denn wieso sollten wir uns schämen? Wo findet man einen Heiland wie Ihn, der ist, was Er ist, und dennoch bereit ist zu werden, was Er wurde? In welcher Religion, in welcher dazugehörigen Literatur, begegnest du einem Heiland, der so unvergleichlich groß und herrlich ist, dass Er bereit war, sich bis auf die Ebene Seines Volkes herabzulassen und sie Seine Brüder zu nennen? Dessen darf der Christ sich rühmen. Und wir sind tatsächlich Seine Brüder; Er selbst ist der Erste, der das anerkennt: „Sowohl der, welcher heiligt, als auch die, welche geheiligt werden, sind alle von Einem“ (Heb 2,11). Beachte, wie das Alte Testament das bereits angekündigt hatte:

Die Leiden Davids und Christi

David schrieb im 22. Psalm: „Ich will deinen Namen kundtun meinen Brüdern, inmitten der Versammlung will ich dir lobsingen.“ David schrieb diese Worte, aber sie gingen weit über seine eigenen Erfahrungen hinaus. Wie leidvoll und bitter auch die Erfahrungen gewesen sein mögen, die David veranlassten, diese Worte zu schreiben, so geht die Sprache doch weit über das hinaus, was ihn eigentlich betraf. Das Alte Testament sah in der Zukunft einen größeren Leidenden, der noch kommen sollte. Sein Leben war heilig, durch und durch rein – Israels Leben indessen verdreht und verkehrt; und doch: Als sie riefen, wurden sie erhört – und als Er rief, wurde Er nicht erhört. Der Psalm blickte in die Zukunft und sah den, der am Kreuz ausrufen würde: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ In Seinem Innersten muss Er es gewusst haben. Er wurde verlassen, weil Er Seinen Platz neben Seinen Brüdern einnehmen wollte; weil Er sich weigerte, sich von Ihnen zu trennen, trotz ihrer Sünde, trotz ihrer Schwachheiten und obwohl sie durch eigenes Verschulden, durch mutwilliges Sündigen sich ihre Herrlichkeit verscherzt hatten. Er wollte sie Seine Brüder nennen und deshalb ihre Sünde auf sich nehmen. Er wusste, warum Er diesen Ruf ausstoßen musste: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Und als Er aus jener dunklen Nacht des Leidens heraus zur Herrlichkeit jener Erlösung auferstand, die Er für sie gewirkt hatte, sagte Er liebevoll von ihnen: „Ich will deinen Namen kundtun meinen Brüdern.“

Man sagt mir, dass ein Vater sein Kind liebe, aber dass die Liebe der Mutter, die für jenes Kind gelitten hat, höher ist. Er war ihnen schon vor Seinem schweren Gang nahe; aber wer kann ermessen, wie nahe Er ihnen jetzt sein muss, nachdem Er durch diese Todesleiden hindurchgegangen ist? „Ich will deinen Namen kundtun meinen Brüdern.

Jesaja

Hatte nicht auch der Prophet alles schon vorgeschaltet? Doch, der Prophet hatte diese enge Beziehung zwischen Christus und den Seinigen vorgeschattet. Wie David ging auch der Prophet durch schwere Zeiten, Zeiten nationaler Katastrophen, Zeiten der Dunkelheit und Trübheit, in der alle das Königtum betreffenden Weissagungen zerschlagen schienen: Ussia, der König, fand als Aussätziger im Siechenhaus sein Ende, und seit vielen Jahren war kein König in Juda mehr eines natürlichen Todes gestorben; etliche waren ermordet worden. Es waren schwere Zeiten, in denen Jesaja lebte. Aber inmitten von drohendem Unwetter und Finsternis sah der Prophet einen hellen Silberstreifen.

„Schaut“, sagte er, „schaut mich an, und die Kinder, die Gott mir gegeben hat, hier im Land der Verheißung. Ich sehe das als ein Zeichen dafür an, dass Gott über kurz oder lang diese Nation wiederherstellen und ihrer Bestimmung zuführen wird.“

Wie der Prophet inmitten dieser Schwierigkeiten, von seinen Kindern umringt, dastand, bezeugte er seinen festen Glauben an Gott. „Ich will mein Vertrauen auf ihn setzen“, sagte er. Trotz der gegenwärtigen Schwierigkeiten will ich Ihm vertrauen, dass Er uns hindurchbringt, mich und meine Kinder. Er redete von Größerem, als er wusste. Diese Worte fanden ihre Erfüllung im Herrn Jesus. „Ich will mein Vertrauen auf ihn setzen.“ Er spricht an dieser Stelle als der wahre Mensch, der ein Leben des Glaubens führte, das Seinesgleichen nie gekannt hat und nie kennen wird. „Ich will mein Vertrauen auf Gott setzen, aber nicht nur für mich selbst. Schau die Kinder, die Gott mir gegeben hat. Ich weiß, dass die Nation mich verworfen hat, ich weiß, dass ich ein Ausgestoßener bin. Ich habe diesen Kindern gesagt, dass sie in der Welt Drangsal haben würden. Aber mein Vertrauen ist fest, und Gott wird uns durchtragen, mich und die Kinder, die Er mir gegeben hat, bis jene Tage der Herrlichkeit und des Segens anbrechen, auf die wir harren.“

Und so nennt Er uns Kinder. Wir rühmen uns eines Heilandes, der nicht nur Leiden zu unserem Erziehungsweg zur Herrlichkeit macht, sondern der bereit ist, uns so nahe zu kommen, dass auch Er in diese Leiden hineingezogen wird.

Seine menschliche Natur

Verse 14.15

Heb 2,14.15: Weil nun die Kinder Blutes und Fleisches teilhaftig sind, hat auch er in gleicher Weise an denselben teilgenommen, auf dass er durch den Tod den zunichtemachte, der die Macht des Todes hat, das ist den Teufel, und alle die befreite, welche durch Todesfurcht das ganze Leben hindurch der Knechtschaft unterworfen waren.

Dann stellen wir fest: „Weil nun die Kinder des Fleisches und Blutes teilhaftig sind, hat auch er in gleicher Weise an denselben teilgenommen, auf dass er durch den Tod den zunichtemachte, der die Macht des Todes hat, das ist der Teufel und alle die befreien möchte, die ihr Leben lang durch Todesfurcht der Knechtschaft unterworfen waren“ (Heb 2,14.15). Wir haben über Seine Leiden nachgedacht; beachtet jetzt die göttliche Weisheit dahinter. Er liebte uns, die wir Gottes Kinder waren. Aber wir hatten Fleisch und Blut. Fleisch und Blut ist der natürliche Zustand der menschlichen Rasse, die aber seit dem Sündenfall dem Fluch der Angst unterworfen ist. Denn das Ende unseres Lebens ist der Tod. Wir mögen reden, wie wir wollen: Wir haben Angst vor dem Tod. Es geht wohl irgendwie gegen unsere Natur, zu sterben. Allerlei Fragen erheben sich dazu. Warum leben, wenn es so elend endet? Wir schrecken davor zurück, ganz zu schweigen von den Schmerzen und der Trauer, die mit dem Tod einhergehen. Er sah uns in unserer Not.

Er sah auch einen anderen: unseren Erbfeind, der in seiner Bosheit aus unserer Zwangslage Kapital schlägt und Männer und Frauen ihr Leben lang durch Todesfurcht in Knechtschaft hält. Nicht nur, dass sie sterben müssen, so schlimm das ist, aber das Wissen um den Tod verdirbt ihnen alle Freude am Leben. Ihr ganzes Leben sind sie der Knechtschaft unterworfen, weil jenes Schreckgespenst der Zukunft sie verfolgt.

Du fragst: „Was wäre, wenn Adam nie gesündigt hätte? Hätte er ewig auf dieser Erde gelebt?“ Ich weiß es nicht. Gott hat es uns nicht gesagt. Aber was ich weiß ist, dass Adam zwar gesündigt hat und dass damit der Tod in die Welt gekommen ist, dass aber für solche, die an den Retter-Heiland glauben, der Tod seinen Schrecken verloren hat. Er hat seinen Schmerz, seine Trauer noch nicht verloren. Wir trauern noch immer, freilich nicht so wie Menschen ohne Hoffnung. Dennoch wird der Tod seine letzte Bitterkeit erst an jenem herrlichen Tag verlieren. Aber der Tod hat jetzt schon den Schrecken, den Stachel verloren, denn Christus ist Mensch geworden. Er nahm für eine Zeit Fleisch und Blut an, trat dem Feind auf unserer Ebene entgegen, stieg in den Rachen des Todes hinab mit allem, was das mit sich brachte, und machte dadurch den zunichte, der die Macht des Todes hat, das ist der Teufel.

Der Tod für einen Christen? Ja, er ist immer noch eine Sache der Trauer, des Schmerzes und der Pein. Aber schaut, der Schrecken ist weg; denn Christus ist durch den Tod gegangen und hat unseren Feind besiegt, der die ganze Menschheit ins Verderben reißen und die Herrlichkeit weltweiter Herrschaft für sich gewinnen wollte. Er hat den Feind zunichtegemacht, und der Tod ist jetzt für den Gläubigen das Tor zu jener herrlichen Welt, die Gott seit je für den Menschen gewollt hat.

Betrachtet den Herrn Jesus, wie Er auf dem Berg der Verklärung umgestaltet wurde. Er war noch immer Mensch. Aber dort geschah etwas mit Ihm: Ohne Seine Menschheit abzulegen, wurde Er verherrlicht. Das wird auch mit uns geschehen. Wir werden immer Menschen bleiben. Aber sei es, dass wir durch das Tor des Todes gehen oder sei es, dass wir beim Kommen des Herrn umgestaltet werden, wir werden Seinem Herrlichkeitsleib gleichgestaltet werden. Welch wunderbares Ziel für den wahren Christen!

Christus wurde Mensch

Verse 16-18

Heb 2,16-18: Denn er nimmt sich fürwahr nicht der Engel an, sondern des Samens Abrahams nimmt er sich an. Daher musste er in allem den Brüdern gleich werden, auf dass er in den Sachen mit Gott ein barmherziger und treuer Hoherpriester werden möchte, um die Sünden des Volkes zu sühnen; denn worin er selbst gelitten hat, als er versucht wurde, vermag er denen zu helfen, die versucht werden.

Und als ob er nicht schon genug gesagt hätte, um unsere Herzen zu schmelzen und in Liebe zum Herrn und Retter übergehen zu lassen, fügt er noch ein Letztes hinzu: Weil Er sich des Samens Abrahams annahm, um ihnen zu helfen, musste Er in allem den Brüdern gleichgemacht werden. Können wir dem Gedanken folgen?

  1. Er litt, und Sein Leiden war der zuvorbestimmte Weg, um Ihn zur Herrlichkeit zu führen.
  2. Er litt, um dadurch für Seine Aufgabe, viele Söhne zur Herrlichkeit zu bringen, qualifiziert zu sein.
  3. Er litt, um unserem Feind entgegenzutreten. Wir konnten ihm nicht entgegentreten. Daher wurde ein anderer Mensch und nahm den Kampf mit ihm auf.

Aber beachtet, was der Vers sagt: „Er musste in allem den Brüdern gleich werden.“ Warum? Er nahm sich fürwahr nicht der Engel an; Er versuchte nicht gefallenen Engeln zu helfen, obwohl sie weit erhabenere Geschöpfe waren als die Menschen. Er nahm sich der Menschen, des Samens Abrahams an, um ihnen zu helfen. Niemand zwang Ihn dazu. Er war nicht verpflichtet, irgendjemand zu retten. Er kam aus eigenem Antrieb, um das zu tun. Aber als Er sich einmal der Menschen angenommen hatte, da musste Er in allem den Brüdern gleichgemacht werden. Wenn man nämlich den Menschen in diesem Sinn helfen will, dann muss man ein sowohl barmherziger als auch treuer Hoherpriester werden. Denn es braucht eine Menge, um sie zur Herrlichkeit zu bringen. Sie sind eine gefallene Schar. Die allerbesten sogar sind schwach und sündig. Sie brauchen so viel Hilfe, dass es eines Hohenpriesters bedarf, der sowohl barmherzig als auch treu ist. Als darum der Herr Jesus aus eigenem Antrieb kam, um uns bei der Hand zu nehmen und zu helfen, da musste Er den ganzen Weg gehen. Er konnte nicht auf halbem Wege stehen bleiben, sondern Er musste in allem den Brüdern gleichgemacht werden, damit Er in den Sachen mit Gott ein barmherziger und treuer Hoherpriester werden möchte (Heb 2,17).

Als ich eine kürzlich veröffentlichte Lebensgeschichte von Robert Cleaver Chapman las, wurde mein Herz berührt, als ich erfuhr, dass ein Mann seines gesellschaftlichen Ranges in ein armes, bescheidenes Haus zog, um das Werk Gottes tun zu können. Er wollte in einem solch einfachen Haus leben, um allen Geliebten Gottes zugänglich zu sein, denn manch einer hätte sich in seiner Nähe alles andere als wohl gefühlt, hätte er in einem vornehmeren Haus gewohnt. Aber was ist das verglichen mit der Gnade dieses Einen? Der ewige Gott, der Er war, wohl wissend, was das Ende des einmal eingeschlagenen Weges sein würde, nahm Er uns bei der Hand, um sich unser anzunehmen, wurde uns in allem gleich. Er kam und lebte in äußerster Armut und arbeitete in jenen engen, düsteren Gassen orientalischer Städte. Seine Jünger lebten besser als Er; sie hatten ihre Häuser, Er aber hatte nicht, wo Er Sein Haupt hinlegen konnte. Uns allen, ohne Ausnahme, geht es weit besser, als es dem HERRN oft ging. Wir werden heute ziemlich sicher alle unser warmes Bett haben. Er übernachtete oft unter den Sternen, nahm Entbehrungen auf Sich, kannte Hunger und Durst, um so Mitleid haben zu können mit all den Seinigen, um auch dem Ärmsten zugänglich zu sein. Können wir uns noch der anbetenden Bewunderung eines solchen Heilandes enthalten? Uns Seiner Leiden schämen? Seine Leiden sind Seine Herrlichkeit; und es ist auch unsere Herrlichkeit, einen Retter wie diesen zu haben, von dem wir wissen, dass Er sich in diesem Augenblick fürbittend für uns verwendet; denn Er selbst ist auf Seinem Erdenweg versucht worden. Er hat den Druck der Versuchung mehr empfunden als irgendein anderer, da Er nie nachgab. Daher vermag Er den Seinen beizustehen, wenn sie versucht werden. Er wird bezüglich unserer Sünden uns und Gott gegenüber immer treu sein; aber Seiner eigenen Erfahrungen wegen wird Er stets barmherzig sein, und auf der Grundlage Seines Opfers und durch Seine beständige Fürbitte wird Er uns ewig in der Gunst Seines Gottes bewahren.

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Aus dem Buch Ein unerschütterliches Reich,
Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg, 1987


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