Pilgerschaft und Ruhe (2)
Johannes 14: Eine dreifache Schnur

Walter Thomas Turpin

© SoundWords, online seit: 24.04.2013, aktualisiert: 24.05.2019

Leitverse: Johannes 14

Vorwort des Autors
Dieser Vortrag ist von einem Zuhörer in Kurzschrift mitgeschrieben worden. Auf dessen Wunsch hin hat der Redner ihn, soweit es möglich war, überarbeitet. Dabei hat er es für gut befunden, weder den Stil noch die Ausdrucksweise dieser wenig strukturierten Ansprache zu ändern, da solche bekanntlich erheblich von einem geschriebenen Text abweichen. Viele Leser werden sich zweifellos fragen, ob der Vortrag jemals in gedruckter Form erscheint. Der Verfasser kann wahrheitsgemäß sagen, dass niemand als er selbst es so gut wissen kann, wie kraftlos die Worte seiner Ansprache sind. Aber die Wahrheiten, die er versucht hat darzulegen und zu vermitteln, verdecken, so hofft er, das bescheidene Instrument, das den Vortrag gehalten hat. Wenn es dem Herrn gefällt, durch denselben den Seinen zu helfen und sie zu ermuntern und uns wieder neu deutlich zu machen, was Er anfangen kann mit törichten, schwachen, elenden und verachtungswürdigen [Menschen], dann soll Ihm alles Lob und alle Ehre zukommen.
W.T.T., Malvern 1875

Das 14. Kapitel des Johannesevangeliums ist uns gut bekannt. Wir alle haben es wiederholt gelesen. Doch ist sein Inhalt immer wieder neu und kostbar für uns, denn das Wort Gottes besitzt eine stets gleiche Frische. Ich werde nicht das ganze Kapitel behandeln, sondern möchte nur drei Punkte – segensreiche Punkte – daraus hervorheben, die der Herr seinen Jüngern zu ihrem Trost vor Augen stellt.

1. Der beste Platz

Der erste Punkt, der schon am Anfang des Kapitels vorkommt, ist der, dass die Erde den Jüngern Jesu – uns, den Seinen – keinen Ruheplatz mehr bietet. Diese Wahrheit ist uns nicht so geläufig, wie sie es sein sollte, zumindest denen unter uns, die durch die Gnade Gottes und die Kraft des Heiligen Geistes etwas von dem verstehen, was Gott in den letzten Zeiten ans Licht gebracht hat.

Ich glaube, mit Recht sagen zu können, dass wir im Allgemeinen viel leichter jene andere Seite der Wahrheit erfassen: dass nämlich der fleischliche Mensch keinen Platz vor Gott hat; dass die Geschichte des ersten Menschen mit dem Kreuz Christi zu Ende gegangen ist. Ich werde das erklären, denn es ist vielleicht nicht gut, Ausdrücke zu gebrauchen, die nicht jeder versteht. Vielleicht gibt es einige, denen die vorhergehende Wahrheit neu und befremdend erscheint. Ich meine also Folgendes: Der Mensch, in seinem natürlichen Zustand vor Gott betrachtet, ist auf verschiedene Weise von Gott selbst auf die Probe gestellt worden. Das Ergebnis dieser Proben war, dass er – was seine Stellung als Nachkomme Adams betrifft – vollkommen beiseitegesetzt worden ist. Er hat folglich als solcher keinen Platz mehr vor Gott. Von dem Augenblick an, da ein Mensch an den Herrn Jesus Christus gläubig wird, betrachtet Gott ihn nicht mehr als einen Menschen, der in Verbindung mit dem ersten Menschen steht, sondern als ein Geschöpf, das in dem von den Toten auferstandenen Christus eine ganz neue Stellung einnimmt.

Durch Gottes Güte ist diese Wahrheit jetzt allgemein bekannt, wie schwach und wenig sichtbar in uns allen ihre Wirkung auch oft sein mag. Es ist eine wundersame Tatsache, dass der fleischliche Mensch vor Gott nicht bestehen kann, sondern dass wir eine vollkommen neue Stellung vor Ihm haben! „Daher, wenn jemand in Christus ist, da ist eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“ (2Kor 5,17). Ja, der Herr gebe, dass wir uns von dieser Wahrheit mehr erfassen lassen! Wenn sie wirklich von der Seele Besitz ergriffen hat, so kann man zu nichts zurückkehren, was vom Fleisch ist, ohne seinem Gewissen und der Wahrheit Gewalt anzutun. In dem Maße, wie man mit einem guten Gewissen vor Gott wandelt, bleibt es in Tätigkeit und macht uns im rechten Augenblick aufmerksam, wo und wie wir vom Weg abgekommen sind.

Man begeht hier häufig einen großen Fehler. Man gibt sich viel Mühe, die eine oder andere Wahrheit zu erfassen, aber man ruht nicht so in der Gegenwart Gottes, dass die Wahrheit von uns Besitz ergreifen kann. Die Wahrheit muss wirken, nicht wir. Das ist natürlich dem Fleisch nicht angenehm; es ist demütigend, weil wir lieber etwas tun möchten. Wir möchten die betreffende Wahrheit zu einem Gegenstand machen, um den wir uns zu mühen haben. Aber Gott nimmt uns und versetzt uns in die Ruhe seiner Gegenwart, damit hier die Wahrheit durch den Geist ihre ganze Wirkung auf unser Gewissen ausübe. Ich möchte dies durch ein Beispiel näher erläutern. Als Mose auf den Berg stieg, um dort die Gesetzestafeln zum zweiten Mal in Empfang zu nehmen, mühte er sich wohl ab, den Glanz der Herrlichkeit auf sein Angesicht zu bringen? Nein, er stand ruhig vor dem HERRN und die Herrlichkeit Gottes beleuchtete ihn und ließ ihren Widerschein auf dem Antlitz Moses zurück. Als er dann vom Berg herunterkam, war er selbst der Einzige, der nicht wahrnahm, wie sein Antlitz strahlte. Alle anderen sahen es – alle sahen, dass Mose in Gottes Gegenwart geweilt hatte, denn sie konnten die Wirkung davon wahrnehmen. Ich glaube, dass gerade in der heutigen Zeit das Ruhen der Seele vor Gott ganz besonders nötig ist, damit die Wahrheit uns formen und nach ihrem Bild gestalten kann. Von dem Augenblick an, da unser Geist sich mit der Wahrheit als einem Gegenstand beschäftigt, den wir durch unser eigenes Mühen und Wirken zu erlangen haben, stellen wir dem Erreichen dieses Zieles eines der größten Hindernisse in den Weg. Anstatt dass wir dem Heiligen Geist erlauben, die betreffende Wahrheit auf unser Gewissen anzuwenden, sind wir mit unserem Verstand beschäftigt, sie uns anzueignen. Während der Zeit hat der Feind Gelegenheit, uns in unerwarteter Weise zu übervorteilen.

Wenn ich meinen wahren Platz anerkenne – nämlich, dass ich nichts mehr mit der Stellung des ersten Menschen, Adam, zu tun habe und dass mein Platz in dem von den Toten auferstandenen Christus ist – und wenn dieser Gedanke in meinem Gewissen verankert ist, muss mein ganzes Tun, Denken und Fühlen mit dieser Stellung übereinstimmen. Es ist etwas anderes, die Wahrheit unseren Umständen anzupassen, als von Gott durch die Wahrheit umgestaltet zu werden, um passend für Ihn zu sein. Gottes Freude ist es, uns passend zu machen für die Stätte, wohin Er uns führt. Das ist nicht unsere Aufgabe; Er bringt uns in diese wunderbare Stellung in seiner Gegenwart, eine Stellung, die sich das menschliche Herz nicht ausmalen kann! Gott sagt: Ich werde dich dafür zubereiten und darum muss ich alles wegnehmen [was nicht dazu passt]. Je mehr mein Herz die Zuneigung Gottes genießt, desto mehr werde ich auch bereit sein, alles andere loszulassen.

2. Die beste Gesellschaft

Der zweite Punkt ist nicht so gut bekannt und auch nicht beliebt, weder von dem Gewissen, noch von der Seele. Es ist die Tatsache, dass der Gläubige nicht nur keinerlei Verbindung mehr hat mit dem ersten Menschen, sondern dass er auch der Erde nicht mehr angehört. Ich weiß, dass viele das nicht gerne hören. Jeder sagt: Ich danke Gott, dass ich nicht zu dem ersten Menschen gehöre; ich habe jetzt einen neuen Platz in dem auferstandenen Herrn; ich gehöre zur Herrlichkeit, zu Christus; ich bin in dem Auferstandenen – doch die große Frage ist: Bist du bereit zu sagen: Ich gehöre nicht mehr dieser Erde an? Ich sage nicht, dass dir die Erde nicht gehört, das meine ich nicht. Gott hat sie dir nie gegeben; aber da ist eine tiefere Wahrheit – der Gläubige ist nicht von dieser Welt. Wir finden diese beiden Wahrheiten, dass ein Gläubiger weder in Adam noch von dieser Erde ist, in Epheser 1 und 2; du kannst sie in Ruhe nachlesen. Natürlich sind wir noch im Leib, ich leugne das nicht, aber es ist etwas Großes, zu wissen, dass wir auf Erden keine Heimstätte haben. Die Erde ist uns verschlossen. Wenn Christus hier keine Stätte hatte, so haben wir auch keine. Welch kostbare und zugleich ernste Tatsache! Sie übt einen großen Einfluss auf ein Herz aus, das seufzend fragt: Wo gehöre ich eigentlich hin? Wo ist mein Platz, meine Heimat? Wo kann ich frei ein- und ausgehen?

Der Anfang unseres Kapitels 14 gibt die kostbare Antwort auf diese Fragen. Jesus sagt hier den Seinen: Ich habe eine Stätte für euch außerhalb dieses Schauplatzes der Sünde und des Elends. „In dem Haus meines Vaters sind viele Wohnungen; wenn es nicht so wäre, hätte ich es euch gesagt; denn ich gehe hin, euch eine Stätte zu bereiten. Und wenn ich hingehe und euch eine Stätte bereite, so komme ich wieder und werde euch zu mir nehmen, damit, wo ich bin, auch ihr seiet“ (Joh 14,2.3). Es liegt etwas ganz Bestimmtes in den Worten „zu mir“. Ebenso ist es im dritten Kapitel des Kolosserbriefes, wo wir lesen: „Wenn ihr nun mit dem Christus auferweckt worden seid, so sucht, was droben ist, wo der Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes“ (Kol 3,1). Gott gibt dem Gläubigen so eine ganz bestimmte Stätte an, damit er weiß, dass sie dort bei Ihm zu finden ist – außerhalb der verdorbenen Welt um uns her. Das ist die erste Wahrheit, von der in Johannes 14 die Rede ist: eine bestimmte Stätte, eine Wohnung.

Beachtet, wie die beiden Wahrheiten in Kolosser 3 und in Johannes 14 sich gleichen. Wenn der Apostel sagt: „Sucht, was droben ist, wo der Christus ist“, so entsprechen die letzten vier Worte nach Kraft und Bedeutung genau jenem kostbaren „wo ich bin“ von Johannes 14. Sie bieten einem Herzen, das nur Jesus zum Gegenstand hat, alles. Ich möchte mich nicht den dichterischen Beschreibungen des Himmels, die ich schon gehört habe, anschließen. Ich glaube nicht daran; im Gegenteil, ich wundere mich, dass die Schrift so wenig über dieses Thema redet, sie erwähnt kaum etwas darüber – während die menschliche Einbildungskraft sich viel mit dem Himmel beschäftigt. Aber das Wort versichert uns, dass wir da sein werden, wo Jesus ist. Der Platz erhält seine Wichtigkeit durch die Person. Die kostbare Tatsache ist eben die, dass der Herr uns bei sich haben will, da, wo Er ist. Es genügt dem Herzen, dessen Gegenstand Christus ist, zu wissen, dass Er dort ist. Seine Gegenwart verleiht dem Ort alles, was ihn für uns wichtig und anziehend macht. Seine Gegenwart entspricht jedem Wunsch und Bedürfnis. Mit Ihm, denn Er ist dort! Überallhin mit Ihm!

Nun möchte ich auf eine andere bedeutende Tatsache hinweisen. Wo Christus ist, da gehören auch wir hin. Die Stellung Christi bestimmt also die unsere. Er will, dass wir immer da sind, wo Er ist. O, wie wundersam ist das! Wir können die Liebe des Herzens Christi nicht erfassen, Er, der sich freut, die Seinen ewig bei sich zu haben. Deshalb kann man zuversichtlich sagen: Sein Herz würde anders nicht befriedigt sein. Daher, wenn wir Christi Stätte gefunden haben, dann haben wir auch die unsere gefunden. „… damit, wo ich bin, auch ihr seiet.“

In Hebräer 13 finden wir eine andere Seite derselben Wahrheit. Sie wird das Prinzip verdeutlichen. „Darum hat auch Jesus, damit er durch sein eigenes Blut das Volk heiligte, außerhalb des Tores gelitten. Deshalb lasst uns zu ihm hinausgehen, außerhalb des Lagers, seine Schmach tragend“ (Heb 13,13). Wie wir eben sahen, hat der Herr für uns eine Stätte, Wohnungen, droben in den Himmeln bereitet, den besten Ort, den man sich nur denken oder wünschen kann. Seine Gegenwart verleiht dieser Stätte Charakter und Auszeichnung. Er will uns dort haben. Wie erfreuen wir uns dieser Perspektive! Aber was denkt Ihr von der Kehrseite in Hebräer 13? „Deshalb lasst uns zu ihm hinausgehen, außerhalb des Lagers, seine Schmach tragend.“ Seht die Weisheit des Geistes Gottes! Wenn wir im Lager bleiben, entgehen wir der Schmach, gehen wir aber hinaus zu Jesus, so ist sie uns sicher. Was kann uns also bewegen hinauszugehen? Die Antwort ist: Nur der Umstand, dass wir zu Ihm hinausgehen! Es ist nicht die Tatsache, dass ich das Lager verlasse und so gegen alles, was innerhalb des Lagers vor sich geht, Einspruch erhebe. Sondern ich gehe hinaus – und das ist überaus wichtig –aus Liebe zu Christus. Gewiss gehe ich auch, weil mein vor Gott geübtes Gewissen es mir nicht gestattet, im Lager zu bleiben. Aber ich verlasse das Lager vor allem, weil ich angezogen werde durch eine lebendige Person, die sich außerhalb des Lagers befindet! Ich blicke zum Himmel empor und frage: Wo ist der Herr Jesus? Die Antwort lautet: Er ist dort droben! – Dort habe auch ich Zutritt. – Und wo auf Erden? – Hier auf der Erde ist Er außerhalb des Lagers! – Der Herr Jesus hat außerhalb des Tores gelitten, und so habe auch ich keine andere Wahl, als hinauszugehen und zwar zu Ihm hin.

Das ist die Geschichte des Gläubigen: Er geht hinein, um die Freuden des Vaterhauses zu genießen; er geht hinaus „seine Schmach tragend“, um mit dem zusammen zu sein, der ihm droben eine Wohnstätte bereitet hat. Geliebte, redet diese Wahrheit zu eurem Gewissen? Ist sie angenehm? Oh, liebe Freunde, sie ist einem scharfen Messer vergleichbar, das tief ins Fleisch schneidet und uns an unserer empfindlichsten Stelle trifft. Davon bin ich überzeugt. Mancher von uns könnte davon erzählen, wie, wann und wo er den scharfen Schnitt gefühlt hat. Aber wo bleibt aller Schmerz, wenn der Heilige Geist uns Jesus zeigt in den Wohnungen, wo unser Platz bereit ist – wenn unser Herz es ernst meint. Wenn der Heilige Geist uns Jesus zeigt in den Wohnungen, die außerhalb dieser verdorbenen Erde liegen, dann sehnt sich unser Herz danach, denn sie stehen dort bereit für uns. Dann sind wir auch fähig, die irdischen Güter aufzugeben. Mag auch der Glutwind des Leides über uns hingehen, mögen die ungestümen Wogen der Prüfung über uns zusammenschlagen, nichts ist imstande, unsern Frieden zu erschüttern, selbst nicht im Angesicht des Todes, der niemand verschont. Es gibt keinen Ort auf Erden, den die Pfeile des Todes nicht erreichen. Der nimmersatte Schütze schießt seine Pfeile überall hin in dieser erbärmlichen Welt. Nichts kann uns vor ihm schützen. Selbst das sonnigste Gebiet wird durch die Todespfeile verwüstet. Aber Jesus ist hinaufgefahren in den Himmel mit den Worten: „Ich gehe hin, euch eine Stätte zu bereiten. Und wenn ich hingehe und euch eine Stätte bereite, so komme ich wieder“ (Joh 14,2.3). Er bewahrt nicht nur die Stätte für uns auf, nein, seine Gegenwart selbst bereitet sie uns (darin liegt die Kraft dieser Stelle); und mehr noch: Er wird wiederkommen, um uns dorthin einzuführen und aufzunehmen.

Ich glaube nicht, dass Jesus droben tätig ist, um die Stätte für uns zu bereiten; seine Gegenwart droben bereitet sie vielmehr für uns, die wir uns noch hier auf der Erde befinden. Es geht nicht um die Stätte, sondern um die Menschen, um die Seinen in der Welt. Er will uns passend erhalten für seine Gegenwart, nachdem wir bereits durch sein Blut dafür zubereitet sind. Sein Blut ist die Grundlage, auf der wir vor Ihm stehen, und seine Gnade ist das Mittel, das uns passend erhält. Es ist seine Gegenwart, die die Stätte für uns bereitet. Jetzt bleibt nur noch eins übrig. Wer wird uns in die bereitliegende Stätte einführen? Derselbe Herr, der hingegangen ist, uns eine Stätte zu bereiten, der uns während der Zeit seiner Abwesenheit erhält und bewahrt, kommt wieder. Und Er wird uns dort als Erster begrüßen. „Und wenn ich hingehe und euch eine Stätte bereite, so komme ich wieder und werde euch zu mir nehmen.“ „Zu mir“, das ist nicht der Himmel, auch nicht die Herrlichkeit, es ist seine Person: „… damit, wo ich bin, auch ihr seiet.“ Welche Freude!

Bevor ich fortfahre, geliebte Freunde, möchte ich euch in Liebe fragen: Welchen Einfluss übt dies alles auf euer Herz aus? Ich glaube, dass wir alle uns zu sehr von dem Zeitgeist beeinflussen lassen. Ich meine damit, dass wir so viel Nutzen wie möglich von Christus ziehen und Ihn dann vergessen! Geht es nicht vielen wie jenem ägyptischen Mann, der mit Joseph im Gefängnis war? Er war froh, Joseph zu haben, weil er durch ihn die Aussicht hatte auf zukünftiges Glück und Wohlergehen. Er vergaß ihn aber, sobald er die ersehnte Befreiung erlangt hatte. Ja, genauso geht es auch uns. Ich werde es euch zeigen. Jeder sehnt sich nach Erleichterung – Ruhe des Gewissens, des Herzens, denn wir sind komplizierte Geschöpfe. Wir haben ein Gewissen, wir haben ein Herz – obwohl es bei manchen den Anschein hat, dass sie keins von beiden haben! Jemand, der nur ein Gewissen, aber kein Herz hat oder umgekehrt, ist im Sinne der Schrift nur ein halber Mensch. In Wahrheit haben wir ein Gewissen, das gereinigt werden muss, und ein Herz, das Befriedigung sucht. Das Blut Christi befreit unser Gewissen, seine Person befriedigt unser Herz. Das meine ich, wenn ich sage, dass wir uns nur an Christus wenden, wenn wir Ihn brauchen und Ihn dann vergessen. Wie oft missbrauchen wir zum Beispiel die kostbare Tatsache, dass Christus eine Stätte für uns außerhalb der Erde bereitet hat, wohin wir flüchten können, wenn der Hauch des Todes über die Dinge hier auf Erden geht! Missbrauchen? Wie ist das möglich? Was tun wir, nachdem der Sturm sich gelegt hat? Ach! Nur zu häufig war diese Stätte nichts anderes für uns als ein kurzfristiger Zufluchtsort im Sturm: Wir verlassen sie wieder, wenn das Unwetter vorüber ist.

Christus redet von einer Wohnung, von einem Heim. Ohne Zweifel ist dieser Ort eine Zufluchtsstätte, ein Obdach, der einzige Schatten vor der versengenden Glut der Wüstenhitze um uns her. Jedoch wenn wir nicht unser Heim darin gefunden haben, d.h. die Freuden, die Segnungen eines Vaterhauses in der Gemeinschaft dessen, der dem Herzen volle Genüge geben kann, dann werden wir diesen Ort wieder verlassen, sobald der Sturm vorüber ist. Die uns umgebende Welt denkt überhaupt nicht an ein Wohnen mit Christus außerhalb dieses irdischen Schauplatzes; ihr erscheint die Erde als ein höchst angenehmer Aufenthaltsort. Bestenfalls lässt man Christus auf die Erde herabsteigen, damit man hier seine Gnade und Liebe, seine Hilfe und Erlösung ohne Sorgen genießen kann. Das, liebe Freunde, ist der vorherrschende Zeitgeist. Gott erwartet etwas ganz anderes. Sein Wille ist es, dass die Erlösung durch Christus, sein Blut und die Gnade, die wir von Ihm empfangen haben, die Loslösung von dieser Erde bewirken, damit wir uns droben fest und sicher einrichten. Wenn wir jenen wunderbaren Ort, in den Christus gegangen ist, zu unserer Wohnstätte machen, denken wir an keine irdische Ruhestätte mehr.

Ich will versuchen, dies an einem Beispiel zu erklären für diejenigen, für die diese Dinge neu sind. Stellen wir uns vor, ein Mensch würde mit einem Mal in eine ganz fremde Gegend versetzt. Hat er nötig, sich hier fremd zu machen, die Gesinnung und Gefühle eines Fremden anzunehmen? Nein, er ist fremd. Die einfache Tatsache, dass er sein Zuhause verlassen hat, macht ihn zu einem Fremden. Zuhause ist er kein Fremder, denn sein Herz ist dort geblieben, seine Interessen und sein ganzer Besitz ebenso. Wenn er plötzlich an einen anderen Ort kommt, dann ist er natürlich dort ein Fremder. Wenden wir das auf uns an, so können wir sagen: Das sicherste Kennzeichen dafür, dass jemand kein Fremdling ist, ist das Bemühen, ein solcher zu werden. Es gibt immer wieder Menschen, die sich bemühen, das zu sein, was sie nicht sind. Wenn jemand aber wirklich ein Fremder ist, bedarf es keines solchen Bemühens. Man erkennt ihn an seinem natürlichen Verhalten. Eine Pflanze bedarf keiner Anstrengung, eine Pflanze zu werden. Alles, was sie benötigt, ist Wärme und Licht, das Licht und die Wärme der Sonne; empfängt sie diese, wächst sie und entwickelt ihre Eigenart. So können auch wir uns niemals die Eigenschaft, Fremdling auf dieser Erde zu sein, erwerben.

Geliebte Freunde, es gibt zwei Dinge, die uns unmöglich sind. Wir können niemals eine Fremdlingschaft erwerben, ebenso wenig wie wir, die wir Sünder sind, uns für Gottes Gegenwart passend machen können. Das eine wie das andere ist völlig unmöglich. Aber von dem Augenblick an, da wir bei Christus zur Ruhe gekommen sind, da wo Er ist, stehen wir außerhalb des irdischen Zeitlaufs. Die Dinge dieser Erde werden uns fremd und hören auf, Gegenstände unseres Interesses und unseres Strebens zu sein.

Doch es gibt nicht einen unter uns, der Gott nicht bekennen müsste – wenn Er uns fragen würde –, dass er sich unbehaglich in dieser Welt fühlt! Wir finden das Leben hier unten nicht unangenehm, wir fühlen uns nicht – sozusagen – fehl am Platz. Wie wenig trauern wir über den Zustand der Dinge um uns her! Wenn wir droben lebten, so würden wir fühlen wie eine Pflanze, die in ein fremdes Klima gebracht wird, dass der irdische Luftkreis unserer Natur nicht entspricht. Aber wir haben uns gewissermaßen akklimatisiert. Wir haben so lange im Geist der uns umgebenden Dinge gelebt, dass wir uns an das irdische Klima gewöhnt haben. Entspricht das nicht den Tatsachen? Wir können in der Welt überleben, weil wir uns nach und nach an ihre Kälte und Finsternis gewöhnt haben und uns darin wohlfühlen. Wir wollen lieber hier unten angesiedelt sein, als uns als Fremde zu fühlen. Oh, möge der Herr uns zu Besuchern auf Erden machen, indem Er uns zu Einwohnern des Himmels macht. Wenn wir im Himmel angesiedelt sind, sind wir nur Besucher auf Erden, doch wenn wir unseren Wohnsitz auf Erden haben, sind wir bestenfalls Besucher droben. Ich fürchte, dass das bei vielen von uns der Fall ist.

Aber, geliebte Freunde, ist es nicht Gottes Absicht, dass wir droben verwurzelt sind, dass wir dieses Heim so anziehend für unsere armen Herzen finden in der Gemeinschaft mit der geliebten Person? Wäre das der Fall, dann würden wir uns auf Erden nur als Besucher fühlen und die Gnade, Vollkommenheit, Milde und Kraft des Herrn Jesus in das Land der Fremdlingschaft mitbringen.

Man findet denselben Geist wieder, wie man den Dingen hier auf Erden zu begegnen sucht. Man sieht die Schwierigkeit voraus, prüft sie, misst sie ab und versucht, sich nach Möglichkeit darauf vorzubereiten. Kommt dann der gefürchtete Augenblick, erfährt man eine bittere Enttäuschung. Warum? Weil Gott neue Kraft immer erst dann darreicht – nach seinem Reichtum in Herrlichkeit –, wenn das Bedürfnis dafür vorliegt. Wir bekommen diese Kraft nicht auf Vorrat. Wir können sie nicht ansammeln. Er gibt uns alles, so wie wir es brauchen. Er weiß sehr wohl, dass wir die dargereichten Vorräte nur dazu benutzen würden, unabhängig zu werden. Aus Gnaden behält Er die Fäden in der Hand. Wir sollen täglich zu Ihm kommen für alle unsere Bedürfnisse. Je näher wir Christus sind in dem Ort, wo Er sich aufhält, desto mehr werden wir die Freuden des Vaterhauses genießen und desto leichter werden wir mit den täglichen Schwierigkeiten fertig werden, ohne uns im Voraus zu stärken. Möchten wir doch so unseren Weg gehen, in der Geduld, der Ruhe und der Freude von Christus! Wenn dann die Engpässe auftreten, werden wir sie überwinden durch seine Gnade und Kraft. In dem Maße, wie wir die Stätte genießen, wo Er sich befindet, werden wir fähig sein, Widerwärtigkeiten zu ertragen und sie zu überwinden. Wir können den Schwierigkeiten nur dann die Stirn bieten, wenn wir an jener Stätte heimisch sind und uns hier unten nur als himmlische Besucher aufhalten. Möchten wir doch mehr in unserer Heimat droben wohnen, damit wir imstande sind, in der Gnade Christi auch die auf uns anstürmenden Schwierigkeiten zu besiegen und so Ihn zu verherrlichen!

Ich möchte jetzt die Aufmerksamkeit auf einen zweiten Punkt in Johannes 14 lenken. Der Herr sagt im Vers 23: „Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten.“ Ich richte die Frage an einen jeden von uns: Sind wir bereit, unsere Liebe zu Christus auf diese Weise zu bezeugen? Der Herr spricht nicht von Werken, die wir tun sollen. Er sagt nicht: „Wenn jemand mich liebt, wird er wirken.“ In unseren Tagen der fieberhaften Tätigkeit, wo selbst das Werk der Evangelisation häufig diesen Charakter annimmt, würde man es ohne Zweifel lieber sehen, wenn Jesus sich so ausgedrückt hätte. Fern sei es von mir, übel zu reden von den Werkzeugen, die Gott in seiner unendlichen Souveränität und Barmherzigkeit zur Ausführung seiner Absichten gebraucht. Aber Zeugnis ablegen ist nicht alles: Wir müssen das Wort Jesu halten. Tun wir das? „Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten.“ Möge der Herr diese Worte in unsere Herzen eingravieren!

Es ist ein ernster Gedanke, dass rastlose Tätigkeit und Eifer, aufopfernde Mühe und Arbeit vorhanden sein können, ohne dass in dem allen eine Spur von wahrer Liebe zu Christus zu finden ist. Manche werden denken, ich übertreibe. Ich werde aber beweisen, dass es so ist. Ihr sollt mir nicht glauben, wenn ich es nicht beweisen kann. Lesen wir doch einmal die Anfangsverse des zweiten Kapitels der Offenbarung. Dort sehen wir Jesus umhergehen inmitten der sieben goldenen Leuchter, mit Augen wie eine Feuerflamme. Er hört alles, sieht alles, durchschaut alles und beurteilt alles. Ihn hören wir sagen: „Dem Engel der Versammlung in Ephesus schreibe …: Ich kenne deine Werke und deine Arbeit und dein Ausharren und weiß, dass du Böse nicht ertragen kannst; und du hast die geprüft, die sich Apostel nennen und es nicht sind, und hast sie als Lügner befunden; und du hast Ausharren und hast getragen um meines Namens willen und bist nicht müde geworden“ [Off 2,2.3]. Wo könnte man heute unter dem alles durchdringenden Auge des Herrn einen besseren Zustand finden? Sucht in der Christenheit, ob ihr so etwas findet! Nein, liebe Freunde, das gibt es nirgendwo.

Der Herr erwähnt all diese Arbeit und erkennt sie an, wie es seine Gewohnheit ist. Aber dann – und nun kommt das große „Aber“ – fügt Er hinzu: „Aber ich habe gegen dich, dass du deine erste Liebe verlassen hast.“ Ich weiß nicht, ob wir der überaus ernsten Möglichkeit genügend Rechnung tragen, dass man Werke tun kann, auch wenn keine Liebe zu Christus vorhanden ist. Habt ihr schon einmal daran gedacht? Es ist klar zu erkennen, dass der Herr die Liebe weit mehr schätzt als die Werke. Doch ist es möglich, dass man eine Arbeit verrichtet, ja, selbst eine vom Herrn anerkannte Arbeit, ohne dass das Herz in Wahrheit und Aufrichtigkeit dabei ist. Hüten wir uns wohl, Werke zu tun, wenn die treibende Kraft der Liebe fehlt!

Der Maßstab für alles, was um uns her vorgeht, ist das einfache Wort des Herrn: „Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten“ [Joh 14,23]. Liebst du Christus? Ich frage dich im Namen des Herrn; ist dein Herz mit Ihm? Hast du deine Liebe zu Ihm unter Beweis gestellt? Kannst du sagen: Ja, ich habe Ihn lieb? Wir leben in einer Zeit, wo jedermann seine Gefühle offen und frei zeigt. Nun, „wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten“. Wenn du sein Wort nicht hältst, wenn du seinem Rat, seinem klar offenbarten Willen nicht folgst, ist es dann nicht falsch, zu sagen, dass du Ihn liebst? Denken wir an Delila. Diese Frau wusste trotz ihrer Erbärmlichkeit und Verdorbenheit doch etwas davon, was aufrichtige Liebe ist. Sie sagte zu Simson: „Wie kannst du sagen: Ich habe dich lieb – und dein Herz ist doch nicht mit mir?“ [Ri 16,15]. „Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten“

Betrachten wir jetzt einen Augenblick die Worte des Herrn an die Versammlung zu Philadelphia in Offenbarung 3. Er sagt zunächst nur, dass Er ihre Werke kennt, nicht ein Wort über die Werke selbst. Der Grund hierfür ist zweifellos der, dass niemand anders sie beachten würde. Die Werke Philadelphias waren so, dass es des Auges Jesu bedurfte, um sie zu entdecken oder doch wenigstens sie zu würdigen. „Ich kenne deine Werke.“ Sie waren zu unbedeutend, den Augen der Welt zu sehr verborgen; sie waren nach Ausführung, Art und Beweggründen zu eigenartig, als dass sie von jemand anders als Jesus geschätzt werden konnten. „Ich kenne deine Werke.“ Was sagt Er sonst noch? „Du hast eine kleine Kraft, und hast mein Wort bewahrt.“ Das ist dasselbe wie „meinen Rat“, es ist identisch mit Johannes 14. „Du hast mein Wort bewahrt und meinen Namen nicht verleugnet.“ Der Unterschied zwischen Philadelphia und der folgenden Gemeinde (die ich aber jetzt nicht behandeln werde) ist der folgende: In der einen ist es die göttliche Kraft, die die menschliche Schwäche beflügelt, während in der anderen es Satan war, der den Menschen angetrieben hat. Welch ein wundersamer Gedanke: Göttliche Kraft beflügelt menschliche Schwäche – doch wie sehr ernst ist es, zu denken, dass Satan in dem Menschen wirksam ist! Dann aber ist es tröstlich, festzustellen, dass beide Gemeinden eine Belohnung bekommen.

Ich möchte einen Augenblick über die Belohnung in Johannes 14,23 sprechen: „Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen.“ Der Sohn Gottes hat dort droben eine Wohnung für mich; das ist wirklich schon wunderbar genug. Aber noch wunderbarer ist der Gedanke, dass Er – bis Er mich droben in die Herrlichkeit einführt – herabsteigen und gemeinsam mit dem Vater in meinem Herzen Wohnung machen will! Er wird sich in seiner unendlichen Gnade so weit herablassen, herabzusteigen und Wohnung in unserem Herz zu nehmen. Wie wenig denkt man daran! Wo sind die Herzen, die seine Gegenwart herbeisehnen, deren tiefste Freude es ist, die Wohnung Jesu zu sein? Der Vater und der Sohn kommen auf die Erde, um Wohnung in ihnen zu nehmen! Wer würde so eine wunderbare Tatsache glauben, wenn Christus es nicht gesagt hätte – unser armes, unbeständiges Herz soll die Wohnung des Vaters und des Sohnes sein!

Liebe Freunde, wie steht ihr zu dieser Sache? Nachdem wir die beste Stätte gefunden haben, wird uns hier – ich sage es mit aller Ehrfurcht – auch die beste Gesellschaft zugesagt! Vater und Sohn! Ist es denkbar, dass wir uns alleine fühlen könnten, wenn wir uns einer solchen Verbindung bewusst sind? Vater und Sohn steigen hernieder, nicht nur um uns einen kurzen Besuch abzustatten, sondern um in Herzen zu wohnen, in denen früher Welt, Fleisch und Teufel geherrscht haben! Der Herr gebe uns durch seinen Geist, liebe Freunde, uns selbst zu prüfen, ob wir wirklich den Wunsch haben, dass sie in unseren Herzen ihre Wohnung aufschlagen.

Haben wir schon einmal ernsthaft darüber nachgedacht, vielleicht in einer schlaflosen Nacht, dass überall Jesu Wort beiseitegesetzt wird? Wir reden viel von unserer Liebe zu Christus und zu seinem Wort; aber haben wir schon ein einziges Mal auf unserm Angesicht gelegen im Gefühl darüber, dass so viele mit Wissen und Willen ihre eigenen Interessen suchen und nicht die Interessen Jesu Christi?

Wir reden, wie gesagt, gern von unserer Liebe, von unserer Zuneigung; aber wie armselig, jämmerlich und selbstsüchtig ist das! Wären unsere Herzen mehr mit der Zuneigung zu Christus beschäftigt, so würden wir uns wahrscheinlich nicht so leicht in den Reihen derer befinden, die seinen Wünschen gegenüber totale Gleichgültigkeit an den Tag legen. Würde es uns nicht tief niederbeugen, zu sehen, wie man so wenig den Wunsch des Herzens Jesu schätzt, für den Er sein Leben gelassen hat? Er bat einst den Vater, die zerstreuten Kinder Gottes in eins zu versammeln [Joh 11,52], und Er möchte, dass „sie alle eins seien, wie du, Vater, in mir und ich in dir, damit auch sie in uns eins seien“ [Joh 17,21]. Kümmert sich die bekennende Kirche irgendwie um diese Absicht, diese Bitte Jesu? „Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten.“

3. Die besten Umstände

Den dritten Punkt, auf den ich noch hinweisen möchte, finden wir in Johannes 14,26-28: die besten Umstände. Wir haben von dem besten Platz und dann von der besten Gesellschaft gesprochen. Reden wir jetzt einen Augenblick von den besten Umständen. Der beste Platz ist im Himmel bei Christus; die beste Gesellschaft ist „außerhalb des Lagers“, indem man Christus und den Vater als solche kennt und besitzt, die Wohnung bei uns machen. Doch was sind die besten Umstände? Zunächst ist es ein zweifacher Friede. Der erste ist der, den Christus durch das Blut seines Kreuzes gemacht hat, und dann der Friede, dessen Er sich erfreute als der gehorsame und abhängige Mensch, als Sohn seines Vaters. Ich meine jetzt nicht Jesus als den Sohn von Ewigkeit her. Ich spreche von dem Gottessohn, der in diese Welt geboren wurde.

Der erste Frieden, den Er uns lässt, wie schon gesagt, ist der Friede, den Er gemacht hat durch das Blut seines Kreuzes. Den zweiten gibt Er uns. Das ist der Friede, den Er selbst hatte, der Friede, der herrührt von der Abhängigkeit, der Unterordnung und dem Gehorsam. Besitzen wir alle diesen doppelten Frieden? Ist es nicht eine niederdrückende Tatsache, dass sich unter denen, die bekennen, das Volk Gottes zu sein, solche finden, die nicht einmal den ersten Frieden besitzen? Sie wissen nicht, dass es für den Gläubigen keine Feinde mehr gibt. Nur wer wirklich erfasst hat, dass alle Feinde besiegt sind, dass keiner mehr sein Haupt erhebt, besitzt den Frieden, den Jesus durch das Blut seines Kreuzes gemacht hat. Denn gibt es noch einen Feind, den Jesus nicht besiegt hätte? Wo ist die Sünde? „Jetzt aber ist er … offenbart worden zur Abschaffung der Sünde durch sein Opfer“ [Heb 9,26]. Wo ist Satan? „… damit er durch den Tod den zunichtemachte, der die Macht des Todes hat, das ist den Teufel“ [Heb 2,14]. Wo der Tod? „Wo ist, o Tod, dein Sieg? Wo ist, o Tod, dein Stachel?“ [1 Kor 15,55]. Es gibt keinen Feind mehr! Wenn also unsere Herzen sich dem unterwerfen, der alles auf dem Kreuz zur Vollendung gebracht hat, wenn wir unser Vertrauen auf Ihn setzen, so besitzen wir diesen Frieden. Kein Feind kann uns noch etwas anhaben!

Der zweite Friede ist die Folge unserer Unterordnung unter Christus. Er geht aus der Abhängigkeit und dem Gehorsam hervor. Diesen Frieden erfahre ich, wenn ich sein Joch auf mich nehme und von Ihm lerne. Im Allgemeinen redet man vom Joch in Verbindung mit Arbeit; das Joch Jesu Christi hingegen nimmt man auf, um Ruhe zu finden. „Nehmt auf euch mein Joch … und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen“ [Mt 11,29]. Der zweite Friede bedeutet: in aller Einfachheit meinen Platz vor Gott einzunehmen, zu erkennen, dass ich vor Gott nicht mehr im Fleisch lebe, sondern dass ich gestorben bin und keinen eigenen Willen mehr habe und mich durch die Kraft des Lebens in Christus für gestorben halte. Was so häufig die Herzen beunruhigt, ist der Umstand, dass man seine Rechnung mit Gott nicht abgeschlossen hat. Man hat durch den Glauben nicht das verwirklicht, was Gott uns in Christus gegeben hat. Wenn wir uns nicht für tot halten, werden wir von unserem Willen beherrscht. Solange dieser Wille nicht unter die Herrschaft Gottes kommt, können wir den besagten zweiten Frieden nicht besitzen. Haben wir uns aber Gott unterworfen, ist der eigene Wille gekreuzigt: Wir genießen dann den zweiten Frieden, den Frieden eines von Gott abhängigen und Ihm ergebenen Menschen. Unser Wille ist es, der unserem Abhängig- und Unterwürfigsein hindernd im Weg steht. Diesen Willen können wir – ich betone es nachdrücklich – unmöglich durch eigene Willenskraft brechen. Kannst du deinen Willen durch eigenes Bemühen brechen? Fürsten danken manchmal aus freien Stücken ab; der Wille hat noch nie abgedankt und wird es auch nie tun. Nie und nimmer! Das Einzige, was unseren Willen beiseitezusetzen vermag, ist das Kreuz! Ich muss meine Rechnung mit Gott in Ordnung bringen; Gott hat meinen alten Menschen mit Christus gekreuzigt. Gott hat allem was ich war, im Tod ein Ende gemacht. Ich habe jetzt nur eines zu tun und das ist: „mich der Sünde für tot zu halten“.

Noch etwas anderes, etwas sehr Kostbares, gibt es in diesem Kapitel des Johannesevangeliums in Verbindung mit den besten Umständen, die wir schon erwähnten. „Wenn ihr mich liebtet, würdet ihr euch freuen, dass ich zum Vater gehe“ [Joh 14,28]. Ich glaube, dass wir im Allgemeinen diesen Gedanken nicht richtig erfassen. Der Herr sagt sozusagen: Ich habe euch so innig mit mir verbunden, euch in mir selbst in eine so außerordentlich gesegnete Stellung versetzt, dass ich darauf vertraue, dass ihr meine Freude mit mir teilen werdet. Ihr werdet mit mir teilhaben an dieser Freude. Was bedeutet das? Die eigene Trauer um meiner Freude willen zu vergessen. „Wenn ihr mich liebtet, würdet ihr euch freuen, dass ich zum Vater gehe.“ Ach, wie wenig sind unsere armen, selbstsüchtigen Herzen fähig, in seine Freude einzugehen, diese Herzen, die sich immer nur in dem engen Kreis des eigenen Ichs bewegen! Wie wenig erleben wir doch diese Freude! Wie wenig sind wir doch ausschließlich mit Christus beschäftigt, wie wenig freuen wir uns an seiner Freude! „Wenn ihr mich liebtet, würdet ihr euch freuen, dass ich zum Vater gehe, denn der Vater ist größer als ich.“

Das sind wichtige Grundwahrheiten, liebe Freunde, die ich nur in Schwachheit erklärt habe. Gott stellt sie vor unser Auge für die Tage unserer Pilgerschaft. Ich weiß wohl, dass es unter den Kindern Gottes genug Energie zum Dienst gibt, aber – findet man bei ihnen genug Ruhe, um Gemeinschaft zu haben? Ich bin überzeugt, dass niemand seinen Platz einnehmen kann in dem Zeugnis, das Gott für diese letzten Tage aufgerichtet hat, wenn er nicht die Ruhe des Herzens kennt, um mit dem Herrn Gemeinschaft zu pflegen. Wenn ich nicht die Ruhe habe, weder des Herzens noch des Gewissens, so bin ich nicht befreit. Ich glaube auch, dass der heutige Zustand vieler Kinder Gottes sie dahin bringt, es mit den tausenderlei Dingen, die sie umgeben, zu versuchen. Sie wollen so, wenn möglich, die Leere ausfüllen, die aus einem Mangel an Ruhe vor Gott entsteht.

Der Herr gebe uns, dass wir in einer Zeit der inneren Schwachheit und des äußeren Verderbens mehr und mehr die wunderbare Stätte kennenlernen, in die Er für uns eingegangen ist, dass unsere Seelen jetzt schon dort wohnen! Möchten wir auch auf dieser Erde seine Gegenwart und seinen Umgang mehr genießen in den Umständen, durch die wir nach seinem Willen zu gehen haben, den Frieden und die Freude, die Er gibt, bis zu dem Augenblick, wo wir seine Stimme hören und Ihm entgegengehen werden, um für immer bei Ihm zu sein!

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Aus Botschafter des Heils in Christo
Aus dem Vortrag „A Threefold Cord“; dritter Vortrag der Reihe Our Pilgrimage and His Rest aus dem Jahr 1875

Bearbeitung: Christel Schmidt


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