Praktische Lehren aus dem Buch Hiob (2)
Regierungswege Gottes

© CSV, online seit: 24.10.2005, aktualisiert: 18.12.2018

Die Freunde Hiobs konnten sich das Leiden nur als Vergeltung vorstellen. Sie vermochten Gott, der das Leiden schickte, nur als Richter zu sehen. Wir haben das schon früher bemerkt. Jetzt wollen wir diesen Fehler jedoch noch von einer anderen Seite betrachten. Und dann können wir sagen: Sie glaubten, die Welt, so wie sie sich ihren Blicken darbot, müsse stets ein Bild der Gedanken Gottes über den Menschen geben. Gottes Urteil über die Wege eines Menschen war nach ihrer Meinung deutlich aus dessen irdischen Umständen abzuleiten. Alles was auf Erden zugelassen wurde, musste ein getreues Spiegelbild der Gedanken Gottes im Himmel über diese Sache sein. Daher kam es, dass sie Hiob, als nun ein so furchtbares „Gericht“ über ihn kam – gerade im Gegensatz zu seinem früheren Leben –, wohl großer Heuchelei verdächtigen mussten.

Die Wahrheit aber, die uns das Leben unter Gottes Zulassung zu sehen gibt, ist ganz anders. Haben die Gerechten in dieser Welt nie zu leiden gehabt? Sind ihre Feinde nie stärker gewesen als sie? Wir wissen wohl, dass es sich anders verhält. Sollten wir aber schon geneigt sein, denselben Fehler zu machen, welch eine reiche und deutliche Lehre erteilt uns dann das Buch Hiob! Derselbe Gott, der im Himmel Zeugnis über den gerechten Wandel Hiobs ablegt (Hiob 1), sendet ihm zu gleicher Zeit die allerschwerste Prüfung. Einen größeren Gegensatz kann man sich wohl nicht denken.

Wer hier Willkür sieht – so wie Hiob es tat –, verkennt Gottes Absicht vollkommen. Der Gedanke aus Hebräer 12, dass Er züchtigt, den Er lieb hat, ist hier am rechten Ort. Das Buch Hiob ist sozusagen eine großartige alttestamentliche Darstellung dieses Gedankens in dramatischer Form. Aber wenn dies sich so verhält, dann ist es auch alles Gnade von Ihm, der das Böse zum Guten wenden will für die, die Er lieb hat. Und dann war also auch die Vorstellung der Freunde, die anstelle von Willkür nur die strengste Gerechtigkeit geltend machen wollten, durchaus fehl am Platze.

In jener Zeit konnte dies noch nicht völlig verstanden werden. Christus und auch die Gnade waren noch nicht offenbart. Aber Gott ist immer sich selbst gleich gewesen und wollte auch damals schon von den Seinen als der Gott der Gnade gekannt werden. Von dem ersten Anfang der Geschichte der Menschheit an, unmittelbar nach dem Sündenfall, hatte Er sich so zu erkennen gegeben. Der Same der Frau, der der Schlange den Kopf zermalmen sollte, war die erste Verheißunng dieser Gnade gewese (1Mo 3,15; 2Tim 1,9). Der Sohn des Menschen, der dort als Erlöser angekündigt wurde, würde den Sieg über den Bösen davontragen; aber nicht anders als durch Leiden. Als ein Geschlagener würde Er Satan schlagen. Die Schlange würde Seiner nicht schonen. Wenn ihr auch der Kopf zermalmt werden würde, so würde sie dem Sohne des Menschen, dem Samen des Weibes, die Ferse zermalmen. Das sind Gottes Wege mit Seinem geliebten Sohn. Wer kann Jesus nur einer einzigen Sünde zeihen? Und doch war Sein Weg zur Überwindung ein einziger Leidensweg. Sollte es dann mit dem Menschen, der doch nicht um seiner selbst willen, sondern um Christi willen ein Geliebter ist, anders sein? Wenn der Sohn, der vollkommen Gehorsame, schon all dieses erleiden musste, um in Seine Herrlichkeit einzugehen (Lk 24,26; siehe auch Hiob 2,10), wie viel mehr ist es dann nötig, dass der schwache Gläubige unter der züchtigenden Vaterhand die herrlichen Dinge verstehen lernt, die ihm von Gott geschenkt sind.

Es ist bemerkenswert, dass in den Herzen der drei Freunde der Gedanke an diese liebreiche Leitung, an das Eingehen durch Leiden zur Herrlichkeit, nicht einen Augenblick aufkommt. Doch dürfen wir annehmen – wenn wir es auch nicht genau wissen, da sie außerhalb der den Vätern geschenkten Offenbarung lebten –, dass ihnen die erste Verkündigung der göttlichen Gnade in 1. Mose 3 nicht unbekannt war. In ihrem System der Gerechtigkeit fand sie jedoch keinen Raum. Und an diesem System hielten sie – wir sahen es bereits – unerschütterlich fest.

Ganz anders war es mit Hiob. Mochte er auch in Augenblicken der Auflehnung Gott Willkür zuschreiben, sein Herz hatte dabei keinen Frieden. Und so sehen wir in dem Teil, der ab Kapitel 15 folgt, dass bei Hiob wohl Raum war für den Gedanken an Gnade, an Heil und Erlösung. Es ist einer der Höhepunkte des Buches, als bei ihm das Licht die Dunkelheit durchbricht und sein Glaube sich auf herrliche Weise äußert (Hiob 19).

Und doch – die Wahrheit hat stets mehr als eine Seite – müssen wir auch darauf hinweisen, dass die Lektion des Buches Hiob uns verlorenginge, wenn wir in den drei Freunden nichts als Selbstgerechtigkeit sehen würden. Verkehrte Gesinnung wurde bei ihnen verstärkt durch verkehrte Einsicht. Ist es nicht häufig noch so? Wie schwierig kann es doch sein, in einem bestimmten Falle zu sagen, ob es sich um Irrtum oder Widerspenstigkeit handelt. Nicht nur sündige und feindliche Gedanken, sondern auch Unwissenheit in Bezug auf Gottes Wege brachte die Freunde zu ihrer lieblosen Haltung.

Ungläubige und Unbekehrte werden durch ihren Eigenwillen und durch die Lügen Satans von Gott abgezogen. Mit den Gottesfürchtigen ist es anders. Auch sie können auf traurige Weise irregeführt werden. Aber meist ist es dann eine oberflächliche Kenntnis von Gott oder vom Menschen, die auf einen Irrweg führt. Die halbe Wahrheit ist äußerst gefährlich. Eine einseitige Betrachtungsweise kann sehr verderblich sein. Wenn relative und nur für sich geltende Wahrheiten zu absoluten Grundsätzen gemacht werden und eine verstandesmäßige Auslegung daraus überdies noch die schärfsten Schlüsse zieht, wie viel Missverständnis und ungeistliche Dogmatik ergibt sich dann!

Wir haben soeben angedeutet, dass das Leiden der Gläubigen oft nicht mit dem Wohlgefallen, das Gott an ihrem Wandel hat, in Übereinstimmung ist. Aber andererseits ist es nicht wahr, dass die Sünde mit dem Leiden des Menschen in dieser Welt nichts zu tun hat. Wenn keine Sünde da wäre, würde es nie Leiden gegeben haben. Gnade wird schon im Paradies offenbart, aber ebenso das Gericht. Die Erde sollte nach dem Sündenfall ein Schauplatz des Fluches und der Prüfung sein, mit Dornen und Disteln bedeckt, mit Tod und Leiden überall. Und wenn wir den Menschen in diesem Leben betrachten, wer er auch sei: Wenn er in der Sünde lebt, hat er dann nicht zu leiden? Ohne Zweifel! Es ist eine feststehende Regel der Regierungswege Gottes, dass niemand sich der Sünde hingeben kann, ohne als Folge ernste Vergeltung von der Hand Gottes zu erfahren, obschon für das Wirken der Gnade immer eine Möglichkeit bleibt. Es gilt nicht allein für die Zukunft, sondern auch für dieses Leben, dass man erntet, was man gesät hat.

Aber ist dies die einzige und die ganze Wahrheit? Ist Gott beschränkt in Seinem Tun und Lassen? Gewiss nicht! Hier zeigt sich, was wir bereits früher bemerkten, dass wir es nicht nur mit Gott, sondern auch mit Satan zu tun haben. Er weiß nur zu gut, auf welche Weise er eine besondere Seite der Wahrheit in den Vordergrund stellen muss, um dadurch die Gläubigen irrezuführen. Er ist nicht nur unser Verkläger vor Gott (Off 12,10), sondern auch der Betrüger, der Lügner von Anfang, der Vater der Lüge (Joh 8,44). So wie er der Wolf in Schafskleidern ist, der Fürst der Finsternis, der als Engel des Lichts zu uns kommt, so ist er auch der Lügner in dem Kleide der (halben) Wahrheit (1Mo 3,5). Lasst uns vor ihm auf der Hut sein! Wir sind nicht zu entschuldigen, wenn wir durch ihn betrogen werden. Hiobs Freunde waren es nicht. Wie viel weniger wir, die wir das Buch Hiob und außerdem noch so viel anderes zur Warnung besitzen. Die ganze Heilige Schrift ist ja unser Besitz. Und noch mehr: Christus selbst, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, kennen wir als unseren Herrn. Wie groß ist dann unsere Verantwortlichkeit, nach dem Lichte zu wandeln, das Gott uns in Ihm geschenkt hat!

Mit Menschenkennerblick ist das Seelenleben des Gläubigen, auch in seiner Schwachheit, geprüft und gezeichnet. Gott, der Herzenskenner, will uns helfen, uns selbst zu entdecken. Er selbst weist uns darauf hin, dass, wo Hiob und seine Freunde nicht zu entschuldigen waren, unsere Verantwortlichkeit in dieser Zeit der Gnade noch viel größer ist.

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Originaltitel: „Praktische Lehren aus dem Buch Hiob. (2) Regierungswege Gottes“
aus Ermunterung und Ermahnung, 1992, S. 213ff.


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