Praktische Lehren aus dem Buch Hiob (12)
Ein Leben in der Gunst Gottes

© CSV, online seit: 26.12.2005, aktualisiert: 18.12.2018

Leitverse: Hiob 42

Das große Ringen der Seele, an dem das Buch Hiob uns hat teilnehmen lassen, eilt dem Ende zu. Die Lösung so zahlreicher und tief in das Leben jedes Menschen eingreifender Fragen war gegeben, nicht in Worten, nicht in treffend bewiesenen Lehrsätzen, sondern in dem gedemütigten Herzen des Leidenden und sich Auflehnenden selbst.

Bekenntnis und Wiederherstellung Hiobs

Hiob antwortete und sprach: „Ich weiß, dass du alles vermagst und kein Vorhaben dir verwehrt werden kann“ (Hiob 42,2). Wie wohl tun diese einfachen, klaren Worte nach so viel anderen Äußerungen aus demselben Mund! Wir fühlen heraus: Sein Herz ist zur Ruhe gekommen. Hingabe an Gott klingt uns entgegen, ein Stillesein unter der Hand des Herrn, worin seine Seele zur Ruhe kommt. Rührend ist es, wie er sich beeifert, Gott jetzt vollkommen Recht zu geben. Früher rechtfertigte er sich selbst, sogar auf Kosten der Gerechtigkeit Gottes; jetzt rechtfertigt er Gott, wenn er damit auch seine eigene Unwürdigkeit bekennen muss. Er wählt dazu die gleichen Worte, mit denen Gott ihn zur Verantwortung rief. „Wer ist es, der den Rat verhüllt ohne Erkenntnis?“ Fast die gleichen Worte hatte Gott ihm zugerufen (Hiob 38,2).

Und seine Antwort lautet jetzt: Das habe ich getan: „So habe ich denn beurteilt, was ich nicht verstand, Dinge, zu wunderbar für mich, die ich nicht kannte“ (Hiob 42,3).

Wie gut hat Hiob den Zweck der Aufforderung Gottes verstanden (Hiob 38,3): „Ich will dich fragen, und du belehre mich.“ Er richtet jetzt die gleiche Bitte an Gott: „Ich will dich fragen, und du belehre mich“ (Hiob 42, 4). Er kehrt zurück zu dem Platz, der sich für ihn geziemt, und erkennt damit an, dass er sich in dem Hochmut seines Herzens über Gott erhoben hatte. 

Aber zugleich wird jetzt deutlich, wie in der Demütigung sein Herz nahe zu Gott gebracht ist: Früher kannte er Ihn vom Hörensagen, jetzt schaut er Gott. „Mit dem Gehör des Ohres hatte ich von dir gehört, aber nun hat mein Auge dich gesehen“ (Hiob 42,5). Auf diese Weise seinen Gott innerlich anschauend, erfüllt mit den rechten Gedanken in Bezug auf Ihn, sieht er zugleich auch sich selbst im rechten Licht, und, im Gedenken an alles, was er gegen Gott geredet hat, verabscheut er nun sich selbst und hat wirkliche Reue. „Darum verabscheue ich mich und bereue in Staub und Asche“ (Hiob 42,6). Er verabscheut also sich selbst und tut sozusagen auf den Knien Buße. Wenn der Mensch es von Angesicht zu Angesicht mit Gott zu tun bekommt, hört alles Rühmen auf, und er wird in seiner Nacktheit und Schande offenbar. Und dann verabscheut er nicht allein das, was er gesagt hat, sondern er verabscheut sich selbst, das böse, trotzige „Ich“.

Sobald der Mensch – selbst der beste unter ihnen – zur Erkenntnis seiner Unglaubwürdigkeit kommt, neigt Gott sich herab, richtet Er auf und schenkt Er Segen und Erhöhung.

Die Sünde der Freunde Hiobs

Aber es ist merkwürdig, dass zunächst von den Freunden und danach erst von dem Segen und der Erhöhung gesprochen wird, die Gott Hiob nach seiner Wiederherstellung schenkte. Lange haben wir nichts mehr von ihnen gehört. Während Hiobs letzter langer Rede, unter den Ermahnungen Elihus, bei den mächtigen Worten des Schöpfers haben sie still geschwiegen. Ist auch in ihrem Herzen etwas gebrochen? Finden wir auch bei ihnen Demütigung? Bestimmt nicht, denn das Erste, was Gott zu ihnen sagt, ist: „Mein Zorn ist entbrannt wider euch.“ Möglicherweise hatten sie, insbesondere in den Worten des Herrn an Hiob, eine Bestätigung ihrer eigenen Theorie über Hiobs Sünden gesehen. Zum Teil und oberflächlich gesehen stimmten Gottes Worte auch mit ihren Vorwürfen gegen Hiob überein. Und nun hören sie hier – Gott wendet sich an Eliphas, als den Ältesten –: „Nicht geziemend habt ihr von mir geredet wie mein Knecht Hiob“ (Hiob 42,7). Unwillkürlich fragt man sich, worin Hiob denn geziemend von Gott gesprochen habe. Denn oberflächlich gesehen könnte man mit Recht denken, Hiob habe ebenso viel Unrechtes über Gott gesagt wie die anderen, ja, man könnte sogar sagen, er habe noch übereilter gesprochen als Eliphas und seine Freunde.

In der Tat dürfen wir die Fehler, die Hiob machte, nicht übersehen. Aber wir wiederholen: Es ist ein himmelweiter Unterschied, ob man sich in einer so entsetzlichen Prüfung befindet wie Hiob oder nicht. Für die, die selbst nicht leiden, ist es sehr leicht, in den erbitterten Worten des Niedergedrückten Fehler zu entdecken. Gott aber trägt in Seiner Gnade den Umständen, unter denen gesprochen wird, viel mehr Rechnung, als wir vielleicht meinen. Lasst uns nicht vergessen, dass das Sündige in Hiobs Worten von Gott getadelt, von Hiob erkannt und bekannt und infolgedessen von Gott vergeben war. Darum ist jetzt für Gott der Augenblick gekommen, sich zu erinnern, wie viel Gutes Hiob in seinem Elend gesagt, wie viel Glauben er selbst in jenen Augenblicken gezeigt hatte, wie er – in Widerspruch mit sich selbst – jenen Gott im Glauben als Erlöser ergriffen hatte, der ihm im nächsten Augenblick ein Feind zu sein schien.

Gott ist nicht jemand, der solche Dinge vergisst. Aber ernst bewertete Er die Verfehlung von Männern, die in dem Wahn, recht zu sprechen, in der Beurteilung eines bestimmten Falles nach Gottes Gedanken völlig versagt hatten. Sie kannten diese Gedanken doch, soweit Gott sie in jener Zeit offenbart hatte, aber sie irrten ernstlich in deren Anwendung. Darum ist das, was sie sagen, einerseits so wahr und andererseits so verkehrt. Abstrakte Wahrheiten ohne durch den Heiligen Geist geleitetes geistliches Leben sind immer eine Gefahr für die Gläubigen. Es wird manchmal mehr Schaden angerichtet durch eine verkehrt angewandte Wahrheit als durch eine Unrichtigkeit. Denn verkehrt angewandte Wahrheit gibt einem Irrtum einen gewissen Schein göttlicher Autorität. Wenn eine Torheit gelehrt wird oder etwas, das augenscheinlich falsch ist, wendet man sich ab, aber von der Wahrheit Gottes wird jeder Gläubige beeindruckt. Wird die Wahrheit also verkehrt gebraucht – so wie hier, um jemand, der solch ein besonderer Gegenstand des Interesses Gottes war, moralisch zu vernichten –, dann ist das etwas Schreckliches in Seinen Augen. Und dieser Sünde hatten die drei Freunde sich schuldig gemacht. Ohne Zweifel würde Gott sie hierin nicht mit Hiob verglichen haben, ehe dieser sich nicht gedemütigt hatte; aber nun dies geschehen ist, nun Hiob auch darin recht von Gott gesprochen, seine früheren Fehler erkannt und Vergebung erlangt hat, nun erinnert Gott sich des vielen Guten, das in der Prüfung noch in seinem Herzen gefunden wurde, und stellt dies alles der Scheinfrömmigkeit der drei Freunde gegenüber.

Die Frucht wahrer Demütigung

Wie völlig Hiob in Gottes Gemeinschaft wiederhergestellt ist, zeigt sich wohl am deutlichsten darin, dass Eliphas für sich und seine Freunde sieben Farren und sieben Widder als ein Brandopfer für sie opfern und dass Hiob für sie bitten muss.

Es ist auch für uns lehrreich, diese Frucht einer wahren Demütigung zu sehen. Gläubige, die gesündigt haben, zeigen oft nach Bekenntnis und Rückkehr eine Zeit lang eine gewisse Scheu, eine Zurückhaltung, den Platz wieder einzunehmen, den sie zuvor unter anderen Gläubigen hatten. Wir sind überzeugt, dass eine solche Einstellung gut ist und von einem aufrichtigen Gewissen zeugt. Aber auf der anderen Seite dürfen wir doch auch vermerken, wie vollkommen Gott die Sünde vergibt. Wir sollten solchen verschämten Gläubigen vielmehr mit Liebe und Ermunterung entgegenkommen als mit Misstrauen und fortdauernder Verurteilung. Lasst uns an das Verhalten des Vaters gegenüber dem verlorenen Sohn denken, wie er seine Arme, sein Herz, sein Haus weit öffnete, um den Zurückgekehrten zu empfangen. Gewiss wird der Sohn voller Scheu und Scham an jenem Festtisch gesessen haben, aber scharf zu verurteilen war sein Bruder, der Vergeltung anstelle von Gnade forderte.

Es ist auch bemerkenswert, dass die Freunde ein Brandopfer bringen mussten. Wir würden in diesem Fall eher an ein Sündopfer denken. Vielleicht dürfen wir auch hieraus den Schluss ableiten, dass die Geschichte Hiobs vor der Gesetzgebung stattfand. Dort werden die genauen Vorschriften in Verbindung mit den für begangene Sünden darzubringenden Opfern gegeben. Vorher ist nur von Brandopfern die Rede, so bei Noah (1Mo 8,20), so bei Abraham (1Mo 22,2), so bei Hiob. Die Art und Weise, wie Gott dieses Brandopfer vorschreibt, weist aber darauf hin, dass es einem feierlichen Sündenbekenntnis Ausdruck geben soll: „… damit ich nicht an euch tue nach eurer Torheit; denn nicht geziemend habt ihr von mir geredet wie mein Knecht Hiob“ (Hiob 42,8).

Das „Ende des Herrn“ mit Hiob

Wie schön ist, was dann folgt! „Der HERR wendete die Gefangenschaft Hiobs, als er für seine Freunde betete“ (Hiob 42,10). Er wendet nicht allein die Strafe für die Freunde auf Hiobs Gebet hin ab, sondern erlöst auch Hiob selbst. Dieser hatte sich die ganze Zeit seiner Prüfung hindurch als ein Gefangener gefühlt und diese Empfindung wie folgt ausgesprochen: „Meine Füße legst du in den Stock“ (Hiob13,27). „Gott hat mich umstellt mit seinem Netze“ (Hiob 19,6). Später wird er eingesehen haben, dass nicht Gott ihn gefangen hielt, sondern dass er in seinen eigenen verkehrten Gedanken verstrickt war.

Nun hatte Gott ihm Gnade erwiesen, und dass sein Herz völlig davon erfüllt war, zeigt sich darin, dass er selbst sofort bereit war, Gnade zu erzeigen, indem er für seine Freunde betete, für sie, die ihn am schmerzlichsten verwundet hatten.

In diesem herrlichen Augenblick voller Gnade, während der Rauch des Opfers aufsteigt zusammen mit den Gebeten eines Menschen, der sich völlig in Gottes Gemeinschaft befindet, wendet Gott für Hiob alles zum Guten. Er empfängt das Doppelte von allem, was er früher besaß. Gott wollte dadurch für ihn wie für alle Gläubigen dem Bedürfnis Seines Herzens Ausdruck geben, uns auch äußerlich zu segnen. Sind unsere Sünden vergeben, dann gedenkt Er des Guten, das wir getan haben, und belohnt es.

So gedachte Gott jetzt daran, dass Hiob an Ihm festgehalten hatte, als die ärgste Prüfung über ihn kam, so dass selbst Satan beschämt wurde. Zwar musste Hiob danach noch sich selber kennenlernen, aber sein gläubiges Annehmen alles Leides aus der Hand Gottes behielt für Gott seinen Wert. Auch dies war ohne Zweifel Gnade von Gott. Dass Hiob an Gott festhielt, geschah, weil Gott Hiob nicht losließ. Wenn wir gerecht sind und trotz allem auch bleiben, so ist das auch Gnade, die uns dazu befähigt. Wir wissen das und erkennen es gern an. Nichtsdestoweniger bleibt es für uns eine herrliche Ermunterung in unserem geistlichen Leben, dass Gott unsere guten Werke belohnen will und sie nicht vergessen wird, wenn wir nur immer im Auge behalten, dass der Glaube den Werken vorangeht. Unsere Werke können uns nicht erretten, nicht erlösen, keine einzige Sünde hinwegnehmen. Aber ist dies alles aufgrund der Gnade geschehen und im Glauben angenommen, dann fordert Gott gute Werke von uns, damit dem Glauben Ausdruck und Bestätigung gegeben werde. Und mit diesen Werken verbindet Er Seine herrlichen Verheißungen für dieses und für das zukünftige Leben.

Die Prüfung wird Hiob wohl unerträglich lang erschienen sein, als er sie durchmachte. Aber wie kurz muss sie in seiner Erinnerung gewesen sein, als er nun Gottes Hand in den Leiden erkennt und in dem langen Leben, das für ihn noch folgt, daran zurückdenkt. Ein Leben ungestörter Gemeinschaft mit seinem Gott, voller Segnungen, in dem alles wieder zu ihm zurückkehrte, was er früher verloren hatte, in dem seine irdischen Besitztümer verdoppelt wurden und in dem er oft den ermunternden Gedanken des Psalmisten in seinem Herzen gehabt haben mag: „Ein Augenblick ist in seinem Zorn, ein Leben in seiner Gunst“ (Ps 30,5).

Vorheriger Teil


Originaltitel: „Praktische Lehren aus dem Buch Hiob. (13) Ein Leben in der Gunst Gottes“
aus Ermunterung und Ermahnung, 1995, S. 198ff.


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