Das Lukasevangelium (5)
Lukas 5

William Kelly

© J. Das, online seit: 14.07.2004, aktualisiert: 09.10.2016

Leitverse: Lukas 5

Am Anfang von Lukas 5 finden wir ein Ereignis, das völlig außerhalb seines historischen Platzes steht. Es handelt sich um die Berufung der ersten Apostel, insbesondere die des Simon. Dieser wird herausgestellt, ähnlich wie zu anderen Gelegenheiten nur ein einziger Blinder oder Besessener, obwohl es eigentlich mehrere waren. So ist der Sohn Jonas hier der große Gegenstand der Gnade Gottes, obschon auch andere zur selben Zeit berufen wurden. Er hatte Gefährten, als er alles um Christus willen verließ. Aber nur seine Berufung – und nicht ihre – wird ausführlich geschildert. Bei Markus erfahren wir, dass der Ruf an Petrus dem Besuch in seinem Haus und der Heilung seiner Schwiegermutter vorausging. Wir wissen auch, dass Johannes uns den Anlass beschreibt, zu dem Simon zum ersten Mal den Herrn Jesus sah (Joh 1,42). Dagegen schreibt Markus, wann Simon von seinem Schiff und aus seinem Beruf wegberufen wurde (Mk 1,16.17). Lukas nun stellt uns die Gnade des Herrn bei den Menschen und zu ihren Gunsten vor. Er beschreibt Seinen Weg von der Synagoge in Nazareth bis zu Seiner Predigt überall in Galiläa, indem Er unterwegs Dämonen austreibt und Krankheiten heilt. Das ist im Wesentlichen eine Entfaltung der Macht Gottes im Herrn über Satan und all die Nöte der Menschen durch das Wort. Zuerst wird davon ein vollständiges Bild gegeben. Um dieses nicht zu trüben, wird die Berufung Simons zu ihrer Zeit weggelassen. Weil aber die Handlungsweise des Herrn bei jener Gelegenheit von höchstem Wert und großer Bedeutung ist, wurde sie für diese Stelle aufbewahrt. Das veranschaulicht Lukas’ Methode der sittlichen Anordnung der Ereignisse. Anstatt sie einfach in ihrer Reihenfolge zu berichten, ist eine derartige Zusammenstellung für Lukas charakteristisch.

„Es geschah aber, als die Volksmenge auf ihn andrängte, um das Wort Gottes zu hören, dass er an dem See Genezareth stand. Und er sah zwei Schiffe am See stehen; die Fischer aber waren aus denselben getreten und wuschen ihre Netze. Er aber stieg in eines der Schiffe, welches Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Lande hinauszufahren; und er setzte sich und lehrte die Volksmengen vom Schiffe aus. Als er aber aufhörte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus auf die Tiefe und lasset eure Netze zu einem Fange hinab. Und Simon antwortete und sprach zu ihm: Meister, wir haben uns die ganze Nacht hindurch bemüht und nichts gefangen, aber auf dein Wort will ich das Netz hinablassen“ (Lk 5,1-5). Offensichtlich bestand die erste große Probe im Wort Jesu. Simon hatte sich lange abgemüht; doch das Wort Jesu war genug. „Und als sie dies getan hatten, umschlossen sie eine große Menge Fische, und ihr Netz riss. Und sie winkten ihren Genossen in dem anderen Schiffe, dass sie kämen und ihnen hülfen; und sie kamen, und sie füllten beide Schiffe, so dass sie sanken“ (Lk 5,6.7). 

Danach lesen wir von der sittlichen Wirkung. „Als aber Simon Petrus es sah, fiel er zu den Knien Jesu nieder und sprach: Geh von mir hinaus, denn ich bin ein sündiger Mensch, Herr“ (Lk 5,8). Das war die natürlichste Reaktion für eine Seele, die nicht nur durch die mächtige Tat des Herrn getroffen war, sondern vor allem auch durch den Beweis, dass man Seinem Wort unbedingt vertrauen konnte und dass die göttliche Macht das Wort des Menschen Christus Jesus beantwortete. Seine Sündhaftigkeit stand groß vor Simons Gewissen. Christi Wort richtete das Licht Gottes in seine Seele. „Geh von mir hinaus, denn ich bin ein sündiger Mensch.“ Er wusste jetzt, was Sünde ist und bekannte es. Sein Liegen zu den Füßen Jesu zeigte jedoch, dass sein Herz ganz anders fühlte. Der Herr sollte ihn nicht verlassen, obwohl ihm sein Gewissen sagte, dass es eigentlich so sein müsste. Er war von seinem sündigen Zustand tiefer überzeugt als jemals zuvor. Trotzdem verknüpfte ein echtes Band das Herz Simons mit Christus. Er war, soweit wir das beurteilen können, aus Gott geboren und kannte die Stimme Jesu seit einiger Zeit. Er hörte sie nicht zum ersten Mal, wie wir von Johannes erfahren. Jetzt durchdrang ihn das Wort indessen so heftig und erforschend, dass jene Äußerung die Gefühle seiner Seele wiedergab. Dennoch lag zweifellos ein Widerspruch darin, sich den Füßen Jesu zu nahen und dabei zu sagen: „Geh von mir hinaus.“ Dieser Zwiespalt hatte seine Wurzel nicht im Herzen; er lag nur an der Oberfläche seiner Worte. Denn seine innersten Gefühle verlangten nach Jesus und erfreuten sich an Ihm. Er klammerte sich an Ihn mit ganzer Seele und doch in dem festen Bewusstsein, dass er nicht das geringste Recht dazu hatte. Er wusste, dass er sogar in einem gewissen Sinn das Verdammungsurteil über sich aussprechen musste, obwohl das völlig seinen Wünschen widersprach. Je mehr er erkannte, wer Jesus war, desto unwürdiger fühlte er sich für die Gesellschaft einer solchen Person. Die Gnade ruft in ihrer Wirksamkeit dieses Empfinden schon früh in einer Seele hervor. Es ist nach meiner Meinung nicht das erste Ergebnis, wenngleich ein frühes. Wir dürfen nämlich bei den Wegen Gottes in einer Seele nicht zu ungeduldig sein. Petrus wurde durch das Wunder überrascht, darum sprach er diese Worte zum Herrn. Die gnädige Antwort sollte ihn beruhigen. „Fürchte dich nicht“, sagte Christus, „von nun an wirst du Menschen fangen“ (Lk 5,10). Ich beschäftige mich mit diesem Abschnitt ausführlich, um die sittliche Kraft unseres Evangeliums herauszustellen. Eine göttliche Person offenbarte sich in Gnade, indem sie das Wissen und die Macht Gottes enthüllte. Auch wenn sie sich in sittlicher Hinsicht an das Gewissen wandte, trieb sie nichtsdestoweniger die Furcht aus.

Danach folgt die Heilung des Aussätzigen und etwas später die Vergebung der Sünden des Gelähmten. Das war erneut ein Zeichen davon, dass Jehova anwesend war und dem Geist von Psalm 103 entsprechend handelte. Aber Er war auch der Sohn des Menschen. Darin bestand das Geheimnis Seiner Person, während Er in Gnade auf der Erde wandelte und sich gänzlich von Gott abhängig machte. Die Kraft Gottes in Ihm lieferte den Beweis dafür. Zuletzt sehen wir die Berufung des Zöllners Levi. Unser Herr zeigte, wie genau Er die Wirkung auf den Menschen kannte, wenn man unter denen, die das Gesetz gewohnt sind, die Gnade einführt. Wahrhaftig, es ist unmöglich, den neuen Wein der Gnade in die alten Schläuche menschlicher Vorschriften zu füllen! Der Herr fügt hier etwas hinzu, was wir ausschließlich im Lukasevangelium lesen, nämlich dass der Mensch angesichts des Neuen von Seiten Gottes die alten religiösen Gefühle, Gedanken, Wege, Lehren, Gewohnheiten und Sitten vorzieht. „Niemand“, sagt Er, „will, wenn er alten getrunken hat, alsbald neuen, denn er spricht: Der alte ist besser“ (Lk 5,39). Der Mensch bevorzugt die Handlungsweise des Gesetzes mit all seiner Finsternis, Unsicherheit und Gottesferne anstelle der unendlich gesegneteren göttlichen Gnade, die in Christus den Menschen Gott offenbart und ihn durch das Blut Seines Kreuzes zu Gott führt.

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Aus Lectures Introductory to the Study of the Gospels, Heijkoop, Winschoten, NL, 1970
(im Deutschen herausgegeben und übersetzt von J. Das)


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