Das Lukasevangelium (6)
Lukas 6

William Kelly

© J. Das, online seit: 14.07.2004, aktualisiert: 09.10.2016

Leitverse: Lukas 6

In Kapitel 6 wird dieser Gedanke weiterverfolgt. Wir sehen den Herrn an dem einen Sabbat die Jünger wegen des Ährenpflückens verteidigen und an dem anderen, nahezu herausfordernd, in der Synagoge die verdorrte Hand heilen. Der Herr hatte die Ähren nicht selbst abgepflückt, aber Er verteidigte die Schuldlosen, und zwar auf sittlicher Grundlage. Wir treffen hier nicht auf die Einzelheiten hinsichtlich der Haushaltung wie im Matthäusevangelium. Obwohl es sich um dasselbe Ereignis handelt, wird es hier anders betrachtet. Bei Matthäus steht der herannahende Wechsel der Haushaltung im Vordergrund, bei Lukas moralische Gesichtspunkte. Dasselbe gilt auch für die Heilung der verdorrten Hand. Der Sabbat oder das Siegel des alten Bundes war keinesfalls von Gott gegeben worden, um Seine Güte gegen die Bedürftigen und Elenden zu hemmen, obwohl der Mensch ihn so missbraucht hat. Der Sohn des Menschen war jedoch Herr des Sabbats; und die Gnade ist frei, um den Menschen zu segnen und Gott zu verherrlichen. Unmittelbar danach sammeln sich dunkle Wolken über dem hingebungsvollen Haupt unseres Herrn. „Sie aber wurden mit Unverstand erfüllt und besprachen sich untereinander, was sie Jesu tun sollten“ (Lk 6,11).

Der Herr zog sich auf einen Berg zurück und verharrte die Nacht im Gebet zu Gott. Am nächsten Tag erwählte Er aus den Jüngern zwölf als Seine Repräsentanten, insbesondere für die Zeit nach Seinem Weggang. Das heißt: Er ernannte die zwölf Apostel. Gleichzeitig hielt Er die sogenannte Bergpredigt. Es gibt indessen eindrückliche Unterschiede in der Art, wie Matthäus (Mt 5–7) bzw. Lukas diese Predigt übermittelt; denn Lukas stellt zwei gegensätzliche Themen vor. Eines davon wurde von Matthäus, zumindest am Anfang seines Evangeliums, zunächst weggelassen. Lukas verbindet die Seligpreisungen mit den Weherufen. Matthäus spart die Weherufe für später auf. Ich möchte damit nicht behaupten, dass der Herr die Weherufe von Matthäus 23 nicht bei einer anderen, späteren Gelegenheit verkündet hat. Wir können jedoch zuverlässig sagen, dass der erste Evangelist keine Weherufe in der Bergpredigt anführt. Lukas dagegen liefert beides, sowohl Weherufe als auch Seligpreisungen. Wer könnte da nicht kennzeichnende Merkmale beider Evangelisten und besondere Absichten Desjenigen, der sie inspirierte, wahrnehmen? Lukas beschränkt sich nicht auf die angenehme Seite, sondern fügt auch die ernste hinzu. Darin liegt eine Warnung für das Gewissen sowie auch Gnade, die das Herz anspricht. Lukas zeigt dies in herrlichster Weise. Aber es gibt noch einen anderen Unterschied. Matthäus stellt uns Christus mehr als den Gesetzgeber vor. Er war ohne Zweifel größer als Mose, denn Er war Jehova, Emmanuel. Darum vertiefte und verbreiterte Er die Grundsätze, die den Vätern mitgeteilt worden waren und führte neue ein, die so unendlich besser sind, dass sie das Alte verdunkeln. Während die Autorität des Gesetzes und der Propheten aufrechterhalten wird, finden wir zudem einen unabsehbaren Wechsel, der alles übertrifft, was früher war. Dieser entsprach der Anwesenheit der Herrlichkeit Dessen, der damals sprach, und der Offenbarung des Vaternamens. Es sollte noch mehr geoffenbart werden; aber das wurde auf die Zeit verschoben, wenn der Heilige Geist in Macht gekommen sein würde, wie in Johannes 16,13 mitgeteilt wird.

Lukas verfolgt einen anderen Weg. Er schildert nicht den Herrn, wie Er Grundsätze festlegt oder die Menschengruppen beschreibt, die am Reich teilhaben werden, als: „Glückselig die Armen“, usw. (Mt 5,3-12). Stattdessen hatte Er jetzt die Jünger vor Augen und sagte zu ihnen als den unmittelbar Betroffenen: „Glückselig ihr Armen, denn euer ist das Reich Gottes.“ Angesichts der gottesfürchtigen Begleiter, die den Herrn damals umgaben, ist alles viel persönlicher. So sagte Er auch: „Glückselig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet gesättigt werden. Glückselig, die ihr jetzt weinet“ usw. (Lk 6,20-23). Zunächst traf sie Kummer und Leiden; denn Derjenige, der die Verheißungen, Psalmen und Propheten erfüllte, wurde verworfen; und das Reich konnte noch nicht in Macht und Herrlichkeit aufgerichtet werden. Vorher musste Er vieles leiden (Mt 16,21). So hören wir im Lukasevangelium nicht einfach eine Beschreibung der Glückseligen, sondern eine direkte Anrede an das Herz. Bei Matthäus war es passenderweise eine allgemeine Predigt. Hingegen wurden die Verse unseres Abschnitts sofort auf die Hörer angewandt. Das heißt, der Herr blickte auf die Menschen vor sich und verkündete über sie bestimmte, persönliche Segnungen.

Aus diesen, aber auch aus anderen Gründen, sprach Er hier nicht von den Leiden um der Gerechtigkeit willen. Im ersten Evangelium haben die Segnungen doppelten Charakter. Glückselig sind die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten – und noch mehr die anderen, welche um Seines Namens willen Verfolgung erfahren. Lukas lässt die Ersterwähnten weg; alle Verfolgungen, die er anführt, geschehen um des Sohnes des Menschen willen. Wie gesegnet, im Lukasevangelium den großen Zeugen der Gnade zu finden, der selbst im Geist dieser Gnade handelt und diesen zum entscheidenden Gesichtspunkt macht! In beiden Fällen sind die Leidenden gewiss glückselig und an ihrem Platz teuer in den Augen Gottes. Dennoch ist das Wort des Herrn im Evangelium dessen, der hauptsächlich uns arme Sünder aus den Nationen vor Augen hat, nämlich Lukas, keineswegs am geringsten einzuschätzen.

Bei Lukas wird der Nachdruck nicht so sehr auf den Gegensatz zum Gesetz gelegt noch auf den Wert einer Gerechtigkeit im Verborgenen, die nur der Vater sieht, oder auf das furchtlose Vertrauen auf Seine liebevolle Fürsorge. Statt dessen sehen wir praktische Gnade in der Liebe zu unseren Feinden, indem wir so barmherzig sind wie unser Vater. Dadurch erweisen wir uns als Kinder des Höchsten und dürfen gewiss sein, dass wir entsprechend belohnt werden. Es folgt das warnende Gleichnis bezüglich der Blindheit der Führer in der religiösen Welt. Wichtig ist ein Leben ohne Heuchelei und im Gehorsam. Das Moralisieren über andere endet im Verderben. Im nächsten Kapitel werden wir den Herrn betrachten, wie Er noch offener beweist, dass die Gnade nicht auf jüdische Grenzen beschränkt sein kann. Er hatte eine Gewalt, die der Nichtjude als über allem stehend anerkannte, sowohl über dem Tod als auch über der Natur.

Doch bevor wir weitergehen, möchte ich noch auf einen anderen Gesichtspunkt aufmerksam machen, der uns im Lukasevangelium ins Auge fällt, indessen jetzt nicht viele Worte erfordert. Anscheinend wurden verschiedene Teile der Bergpredigt zurückgehalten, um sie später hier und da in den Text einzuflechten, wo sie zur Erläuterung von Tatsachen oder des Zusammenhangs wegen am besten hinpassten. Der Grund dafür liegt in jener sittlichen Zusammenstellung der Gespräche, die, wie wir schon gesehen haben, der Methode des Lukas entspricht. Bei ihm finden wir keineswegs dieselbe formale Reihenfolge der Predigt wie bei Matthäus. Ich zweifle nicht, dass während ihres Verlaufs Fragen gestellt wurden; und davon hat uns der Heilige Geist im Lukasevangelium einige Beispiele gewährt. Zu einer anderen Gelegenheit möchte ich zeigen, dass wir diese Zwischenfragen häufig im Mittelteil unseres Evangeliums – und zwar nur bei Lukas – finden. Denn dieser Teil des Textes besteht vor allem aus der Aneinanderreihung von Ereignissen zusammen mit den Bemerkungen, die erstere hervorriefen oder zu ihnen passten. Deshalb fügt Lukas Erklärungen, die eigentlich bei anderen Anlässen gemacht wurden, dort ein.

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Aus Lectures Introductory to the Study of the Gospels, Heijkoop, Winschoten, NL, 1970
(im Deutschen herausgegeben und übersetzt von J. Das)


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