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Leitvers: Epheser 4,11
Eph 4,11: Und er hat die einen gegeben als Apostel und andere als
Propheten und andere als Evangelisten und andere als Hirten und Lehrer.
Christentum besteht nicht darin, dass man ein gewisses Glaubensbekenntnis
oder besondere Wahrheiten übernimmt. Es ist ein Leben, das einem Menschen
mitgeteilt wird und von ewiger Dauer ist, aktiv in seinem Charakter, göttlich
in seinem Ursprung; sein Inhalt und Ziel ist die Verherrlichung Gottes und das
Heil unsterblicher Seelen.
Ein Christ kann seinen Wirkungskreis außerhalb der Kirche (Versammlung) als
Evangelist haben oder innerhalb als Lehrer. Der Evangelist bringt durch die
Predigt der Frohen Botschaft Seelen aus der Welt zu der einen Herde oder Kirche;
der Lehrer führt die Seelen innerhalb der Herde tiefer in die Wahrheiten des
Wortes Gottes ein. Seine Aufgabe ist es zu lehren, was Gott offenbart hat, nicht
etwa neue Wahrheiten mitzuteilen. Wo unbekehrte Seelen sind, da ist das
Arbeitsfeld des Evangelisten; wo Kinder Gottes gefunden werden, da ist ein
Wirkungskreis für den Lehrer. Wie sehr hat man diese Wahrheit durch die vielen
Benennungen innerhalb des Leibes Christi aus dem Auge verloren! Christen von
verschiedenen kirchlichen Benennungen mögen wohl gemeinsam einen Evangelisten
anerkennen als eine Gabe, die in der Welt wirkt. Wie wenige aber sind bereit
anzuerkennen, dass Gott in der einen Kirche Lehrer gegeben hat zur Unterweisung
und Hilfe für alle, die an den Herrn Jesus Christus glauben. Wie erfrischend
ist es, sich von der sektiererischen Gesinnung, die man in unseren Tagen so oft
antrifft, wegzuwenden und den feurigen, allumfassenden Geist zu betrachten, der
einen Lehrer beseelt, wie Gottes Wort ihn beschreibt.
Paulus war ein Evangelist und er predigte dieses Evangelium, das jedem
Geschöpf, das unter dem Himmel ist, kundgemacht werden sollte. Aber er war auch
ein Lehrer, dem Gott einen Platz in Seiner Versammlung gegeben hat, um jeden
Menschen zu ermahnen und zu lehren, um jeden Menschen vollkommen in Christus
darzustellen. Er hatte die Gläubigen in Kolossä niemals gesehen; aber weil sie
Gläubige waren, lagen sie ihm am Herzen. Für sie litt er in Rom und freute
sich noch dabei, obwohl er nie in ihrer Mitte gewesen war; er ergänzte in
seinem Fleisch, was noch rückständig war von den Drangsalen des Christus für
Seinen Leib, das ist die Versammlung (Kol 1, 24). „… in Leiden für euch
…“ schreibt er, weil sie einen Teil der Versammlung bildeten.
Paulus hatte einen ganz besonderen Dienst empfangen, nämlich das Wort Gottes
zu vollenden (auf sein Vollmaß zu bringen), das Geheimnis, das einst verborgen
war, das aber jetzt Seinen Heiligen offenbart ist: „Christus in euch, die
Hoffnung der Herrlichkeit“. Dieser Dienst war ihm anvertraut, und so
betrachtete er seine Aufgabe nicht als erledigt, als er das Wort Gottes dadurch
vollendete, dass er als Erstes das Geheimnis verkündigte. Gott wollte, dass die
Gläubigen dieses Geheimnis kennenlernen sollten. Durch Paulus, den Apostel, den
Diener nach Gottes Wahl, wurde das Wort Gottes vollendet. Durch Paulus, den
Lehrer, wurde das Geheimnis und der Reichtum Seiner Herrlichkeit weit und breit
verkündet. Welch ein wunderbares Thema war das: „Christus in euch, die
Hoffnung der Herrlichkeit“! Das betraf die Gläubigen allgemein und jeden
persönlich. Bald wird sich „die Herrlichkeit des HERRN offenbaren, und alles
Fleisch miteinander wird sie sehen“. Diese Kolosser aber erwarteten nicht nur,
die Herrlichkeit zu sehen, sondern in der Herrlichkeit zu sein. Wenn diese
Herrlichkeit offenbart wird, dann werden die Nationen auf der Erde eine
niedrigere Stellung als die Juden einnehmen. Für die, denen Paulus schrieb,
hatten solche nationalen Unterschiede keinerlei Bedeutung mehr, wiewohl sie
ihrer Abstammung nach ja zu den Nationen (Nichtjuden) gehörten (Kol 3,11). Ihr
Platz war in der Herrlichkeit und Christus in ihnen, der Reichtum der
Herrlichkeit dieses Geheimnisses — die Hoffnung der Herrlichkeit.
Ihn verkündigte er, indem er jeden Menschen ermahnte und jeden Menschen
lehrte, um jeden Menschen vollkommen in Christus darzustellen.
Paulus arbeitete als Apostel der Nationen hart und machte weite Reisen; er
war sogar bereit, nach Spanien zu reisen, um das Werk seines Meisters zu tun.
Und doch vergaß er darüber nie seine eigenen Landsleute. Nachdem er gerade in
Rom angekommen war, predigt er ihnen vom Morgen bis zum Abend. Das spezielle
Arbeitsfeld, das der Herr ihm angewiesen hatte, ließ ihn in seinen Interessen
nicht einseitig werden oder einen sektiererischen Geist hegen. Er konnte
schreiben: „… indem wir jeden Menschen ermahnen und jeden Menschen lehren in
aller Weisheit“, und das unter viel Arbeit und Mühe für ihn selbst (Kol
1,29).
Aber das war nicht alles. Er tat dieses Werk mit seinem ganzen Herzen, weil
Christus den ersten Platz in seinen Zuneigungen hatte. Er hatte ein
Herzensinteresse für diese Heiligen, die so weit von ihm entfernt waren, weil
sie Glieder am Leibe Christi waren. Er belehrte sie unter großem persönlichen
Einsatz und Gebetskampf (Kol 1,29; 2,1–2). Er nahm alle auf, die zu ihm nach
Rom kamen, indem er das Reich Gottes predigte und die Dinge, die den Herrn Jesus
Christus betreffen. Er trug diese Heiligen in Kolossä, Laodizea und alle, die
ihn persönlich noch nie gesehen hatten, mit Gebet vor Gott. Epaphras rang für
sie allezeit in den Gebeten (Kol 4,12); er war ja einer von ihnen und so konnte
jeder begreifen, dass er ein tiefes Interesse für sie hatte, nachdem er ihnen
die Wahrheit Gottes mitgeteilt hatte. Paulus aber lagen sie so sehr am Herzen,
dass auch er für sie im Gebet kämpfte. Und was war sein Wunsch? Wollte er,
dass sie sich auf seine Seite stellten und ihm halfen im Widerstand gegen die
judaisierenden Lehrer, die seine Autorität in den Versammlungen der Nicht-Juden
untergraben wollten? Es ging ihm nicht um seine eigene Ehre und Wertschätzung,
sondern um das Wohl der Heiligen: „… auf dass ihre Herzen getröstet sein
mögen, vereinigt in Liebe und zu allem Reichtum der vollen Gewissheit des
Verständnisses, zur Erkenntnis des Geheimnisses Gottes, in welchem verborgen
sind alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis.“ Hier dürfen wir in das
Herz eines wahren Lehrers sehen. Er war nicht damit zufrieden, dass sie
oberflächlich mit der Wahrheit bekannt wurden. Er wünschte, dass ihre Herzen
ermuntert und alle in Liebe vereinigt werden möchten.
Er wünschte Liebe, den Ausdruck der göttlichen Natur, unter ihnen zu sehen,
aber auch Erkenntnis „zu allem Reichtum der vollen Gewissheit des
Verständnisses, zur vollen Erkenntnis des Geheimnisses Gottes“. Und warum
dieser dringende Wunsch für die, denen er persönlich unbekannt war? Weil das,
was er zum Ausdruck gebracht hatte, der einzige Schutz für ihre Seelen war:
„… in welchem verborgen sind alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis.“
Er fürchtete, dass sie durch schön klingende Worte verführt werden könnten.
Ihre Ordnung und die Festigkeit ihres Glaubens an Christus sah er und er freute
sich darüber; aber er wünschte, bei ihnen auch die volle Erkenntnis des
Geheimnisses Gottes zu sehen.
Rom war weit von Kolossä entfernt, aber das scharfe Auge des Lehrers
entdeckte ein Übel, das ihnen selbst vielleicht gar nicht bewusst war. Glauben
an den Herrn Jesus hatten sie; auch die Liebe zeigte sich bei ihnen, die alle
Heiligen umfasst. Das Wort der Wahrheit des Evangelium war zu ihnen gekommen
(Kol 1,5). Sie hatten es aufgenommen, und es hatte in ihnen Frucht gebracht;
aber das galt nicht nur für die Vergangenheit: „… fruchtbringend und
wachsend in der ganzen Welt, wie auch unter euch, von dem Tage an, da ihr es
gehört und die Gnade Gottes in Wahrheit erkannt habt.“ Epaphras hatte ihm
ihre Liebe im Geiste kundgetan. Was fehlte ihnen noch? Was hätte man ihnen noch
wünschen können? Der Apostel fasst seinen Wunsch in Kapitel 1,9–12 kurz
zusammen. Offenbar fehlte ihnen der klare Blick für die Gefahren, denen sie
ausgesetzt waren (Kol 2,8–23) und für den Weg, wie sie diesen Gefahren
begegnen konnten.
Hätten sie erleuchtete Augen gehabt, um die Gefahren, die ihnen drohten, zu
erkennen, so wäre es nicht nötig gewesen, sie darauf aufmerksam zu machen.
Wären sie wachsam und mit dem rechten Heilmittel vertraut gewesen, so hätte er
es ihnen nicht zu nennen brauchen. Aber es gehört zum Wesen eines Lehrers, dass
er die Richtung einer geistlichen Strömung erkennt und die für den
vorliegenden Fall notwendigen Belehrungen gibt. Als Lehrer sah er, wohin die
Kolosser geraten würden, wenn sie ohne Warnung blieben; er selbst war von Gott
gelehrt und berufen, andere zu belehren, und so zeigte er ihnen, was sie zu tun
hatten: „Wie ihr nun den Christus Jesus, den Herrn, empfangen habt, so wandelt
in ihm, gewurzelt und auferbaut in ihm und befestigt in dem Glauben, so wie ihr
gelehrt worden seid, überströmend in demselben mit Danksagung“ (Kol 2,6–7).
Das sind seine Anweisungen. Würden sie befolgt, so würden sie allem
begegnen, was die Kolosser vom rechten Wege abbringen wollte. Er stellt ihnen
„Christus Jesus, den Herrn“ vor die Augen, und er erinnert sie daran, wie Er
ihnen offenbart worden war, wie sie Ihn empfangen hatten. Sie sollten nichts
Neues aufnehmen, sondern nur festhalten und in die Praxis umsetzen, was Epaphras
ihnen mitgeteilt hatte. Und das ist sehr wichtig in unserer Zeit. Denn was
Epaphras, ein Diener Christi, sie gelehrt hatte, war alles, was sie nötig
hatten. Jeder von ihnen musste nun die Fülle dessen, was ihnen anvertraut
worden war, für sich selbst lernen. Was ihnen offenbart worden war, umfasste
die volle Wahrheit: „… wie ihr empfangen habt“, konnte er sagen, und:
„… wie ihr gelehrt worden seid.“ Paulus erinnert sie an das, was sie
gelehrt worden waren. Die Wahrheiten, die durch ihn und andere der Versammlung
mitgeteilt worden waren, hatte Epaphras ihnen vorgestellt, und Paulus, der das
Wort Gottes vollendete, hatte ihnen nichts bekannt zumachen, was darüber
hinausging. Er sagt kein Wort über neue Wahrheiten, die den Herrn Jesus
betreffen und die bis jetzt nicht offenbart waren, kein Wort über die
Entwicklung in späteren Jahrhunderten. Was sie hatten, sollten sie festhalten,
und wie sie Christus Jesus, den Herrn empfangen hatten, so sollten sie nun in
Ihm wandeln, gewurzelt und auferbaut in Ihm. Der Apostel ist ganz entschieden
gegen alle Dinge, die sie neben Christus oder außer Christus noch haben
könnten. Als Lehrer entfaltet er vor ihnen den Reichtum der Herrlichkeit des
Geheimnisses: Christus in ihnen! Er zeigte ihnen, dass es für ihre Seelen
nichts Wertvolles, nichts Nützliches gibt außer Christus! Philosophie, eitler
Betrug, die Behauptung, besondere Kenntnisse zu besitzen, die anderen verborgen
bleiben, der Zwang, jüdische Gebräuche zu beobachten, alle derartigen
Belehrungen, von wem sie auch kommen mochten, würden sie nur von Christus,
ihrem Haupt, abwenden, „aus welchem der ganze Leib, durch die Gelenke und
Bande Darreichung empfangend und zusammengefügt, das Wachstum Gottes wächst“
(Kol 2,19).
Wie Paulus schreibt: „… wie ihr empfangen habt“, so ermahnt Johannes
die Kindlein: „Ihr, was ihr von Anfang gehört habt, bleibe in euch“ (1Joh
2,24). Obwohl der eine (Paulus) das Wort Gottes vollendete und der andere
(Johannes) die Offenbarung Jesu Christi niederschrieb, die Gott Ihm gab, um
Seinen Knechten zu zeigen, was bald geschehen muss, so richten doch diese beiden
Lehrer und Apostel das Augenmerk der Gläubigen auf das, was Gott über Christus
offenbart hatte; das war alles, was sie nötig hatten und alles, was Gott geben
wollte. Auch heute hat sich der Lehrer zu dem zu wenden, was in den Tagen des
Epaphras bekannt war, zu dem, was von Anfang gehört worden war, um so die
Seelen aus dem Wort in der Wahrheit aufzuerbauen.
Ein rechter Lehrer hatte ursprünglich die Versammlung als sein Arbeitsfeld
und das Wort Gottes als seine Schatzkammer; dabei lernte er, das Wort der
Wahrheit recht zu teilen und so zu den Seelen zu reden, wie sie es zu hören
vermochten. Für die Notwendigkeit der ersten dieser beiden Fähigkeiten spricht
mit inspirierter Autorität 2. Timotheus 2,15, die zweite wichtige Eigenschaft
finden wir im Beispiel des Meisters Selbst illustriert (Mk 4,33).
Petrus teilte am Pfingsttag das Wort der Wahrheit recht, als er es
unterließ, von der Prophezeiung Joels zu sagen: „Dieser Tag ist heute
erfüllt“, und als er in der Mitte des letzten Verses aufhörte (Joel 3,5). Er
folgte darin dem Beispiel des großen Lehrers, der in der Synagoge zu Nazareth
Jesaja 61 zitierte, aber nur bis zur Mitte von Vers 2 (Lk 4,19). Auch Paulus
wusste auf diese Weise zu lehren. So erklärte er im Römerbrief (Kap. 7,4): „Also
seid auch ihr, meine Brüder, dem Gesetz getötet worden durch den Leib des
Christus“; dem Timotheus dagegen schreibt er: „Wir wissen aber, dass das
Gesetz gut ist, wenn jemand es gesetzmäßig gebraucht.“ Auch Jakobus gibt ein
Beispiel dafür, wenn er von demselben Gesetz spricht als dem Gesetz der
Freiheit, dem Ausdruck des Willens Gottes für Seine Geschöpfe; für den neuen
Menschen bedeutet dieser Wille Gottes vollkommene Freiheit.
Das andere Kennzeichen dieser ersten neutestamentlichen Lehrer war, dass sie
so redeten, wie die Seelen es zu hören vermochten. Die Jünger bezeugen das vom
Herrn der Volksmenge, aber auch ihnen selbst gegenüber (Joh 16,12). Paulus
handelte auf diese Weise mit den Korinthern und den Hebräern (1Kor 3,2; Heb
5,11–12). Aber wir sehen dabei doch einen Unterschied. Der Herr tadelte weder
die Volksmenge noch die Jünger, als sie nicht hören und verstehen konnten, was
Er ihnen zu sagen hatte. Paulus dagegen tadelt die Korinther und die Hebräer,
und das mit vollem Recht. Denn zu dieser Zeit war ja der Heilige Geist schon auf
der Erde, wohnte in der Versammlung und leitete die Gläubigen in die ganze
Wahrheit. Alles, was Paulus ihnen als Lehrer mitteilen konnte, wäre für sie
Wahrheit zur rechten Zeit gewesen, aber wegen ihres geistlichen Zustandes doch
nicht passend für sie. Bei den Korinthern war es die fleischliche Gesinnung,
bei den Hebräern das Kindesstadium, was den Apostel daran hinderte, auf die
Wahrheiten einzugehen, die das Christentum eigentlich kennzeichnen. Es gibt
Stufen im geistlichen Wachstum: Väter, Jünglinge und Kindlein in Christus.
Gläubige, ja sogar ganze Versammlungen, können sich in besonderen Umständen
befinden, die auf der Seite des Lehrers geistliches Unterscheidungsvermögen und
göttliche Leitung erfordern, damit er erkennt, wie er sich verhalten muss, um
auf die bestmögliche Weise aufzuerbauen und zu helfen.
Tychikus war der Überbringer zweier Briefe des Apostels aus dem Gefängnis
in Rom. Der eine, bekannt als Epheserbrief, war ein Rundbrief, wenn wir der
Lesart der beiden ältesten Handschriften folgen dürfen, wo es in Kapitel 1,1
heißt: „Paulus, Apostel Jesu Christi durch Gottes Willen, den Heiligen, die
auch treu sind in Christus Jesus: Gnade euch …“
Dieser Brief sollte also in verschiedenen Versammlungen gelesen werden. Der
andere Brief war speziell an die Kolosser gerichtet und enthielt die Wahrheiten,
die gerade sie nötig hatten; er sollte aber auch in der Versammlung in Laodizea
gelesen werden.
Aber auch wenn wir einmal ganz von dem geistlichen Aufnahmevermögen der
Seelen absehen, dann können doch gewisse Umstände vorliegen, die eine ganz
besondere Linie in der Belehrung erforderlich machen. Im Judasbrief haben wir
ein Beispiel dafür. Judas hatte über das gemeinsame Heil der Gläubigen
schreiben wollen. Weil er aber durch Gott unterwiesen und dadurch fähig war,
die Dinge so zu beurteilen, wie sie wirklich waren, nicht wie sie dem
gewöhnlichen Beobachter erscheinen mochten, so sah er, dass es nötig war,
ihnen zu schreiben und sie zu ermahnen, mit allem Ernst für den einmal den
Heiligen überlieferten Glauben zu kämpfen. Er sah, wie das Böse, das
schließlich im offenen Abfall der Christenheit gipfeln wird, schon damals in
der Mitte der Gläubigen Eingang gefunden hatte, und zwar dadurch, dass sich
gewisse Menschen unbemerkt eingeschlichen hatten und mit dem Volke Gottes
Festessen hielten. Über diese Leute nun schreibt er, um die Heiligen vor ihnen
zu warnen. Was geschah, geschah nicht, ohne dass Gott es hatte voraussagen
lassen. Henoch hatte schon vor der Flut Prophezeiungen über diese Menschen
ausgesprochen, und die Apostel unseres Herrn Jesus Christus hatten von Spöttern
geredet, die in den letzten Tagen kommen würden. Deshalb schrieb Judas also
nicht über etwas, was unbekannt war, nein, er schrieb ihnen, um sie an das zu
erinnern, was Gott vorausgesagt hatte, und um ihnen zu zeigen, dass diese
göttlichen Aussprüche schon begannen, in Erfüllung zu gehen. Seinem Verlangen
hätte es entsprochen, über das gemeinsame Heil zu schreiben, aber für diese
Gläubigen war es nötig, daran erinnert zu werden, für den einmal den Heiligen
überlieferten Glauben zu kämpfen.
Und hier sehen wir ein anderes Kennzeichen der damaligen Lehrer. Sie waren
unermüdlich im Belehren und scheuten sich nicht, wenn es nötig war, immer
wieder dieselben Wahrheiten zu betonen. So schreibt Paulus den Philippern (Phil
3,1): „Euch dasselbe zu schreiben, ist mir nicht verdrießlich (lästig), für
euch aber ist es sicher.“ Judaisierende Irrlehren wurden fast überall
verbreitet. Oft war der Apostel dagegen aufgetreten, und so oft es nötig war,
wollte er das auch weiter tun. „… für euch aber ist es sicher.“ Er dachte
dabei nicht an sich selbst, sondern nur an das Wohl der anderen.
Petrus handelt in ähnlichen Geist: „Deshalb will ich Sorge tragen, euch
immer an diese Dinge zu erinnern, wiewohl ihr sie wisset und in der
gegenwärtigen Wahrheit befestigt seid. Ich halte es aber für recht, solange
ich in dieser Hütte bin, euch durch Erinnerung aufzuwecken“ (2Pet 1,12–13).
Das geistliche Wohl der Heiligen erforderte solche unermüdliche Wachsamkeit,
und so wollte er es daran auch nicht fehlen lassen. Er kannte die Trägheit der
Herzen und opferte gerne Zeit und Kraft, um immer wieder, so oft es nötig war,
an diese Dinge zu erinnern. „Solange ich in dieser Hütte bin“, schreibt er.
Er ließ sich die Mühe und die Zeit nicht verdrießen, sie an die „von den
heiligen Propheten zuvor gesprochenen Worte“ zu erinnern und an das „Gebot
des Herrn und Heilandes durch eure Apostel“.
Er wollte sie immer wieder mit dem geschriebenen Wort in Berührung bringen,
mit den Propheten des Alten Bundes. Aber auch die Gebote der Apostel unseres
Herrn und Heilandes wollte er ihnen stets vor Augen halten. Ist das nicht die
wahre Gesinnung eines Lehrers, der sich in die Gedanken seines Schülers
hineinversetzt, sieht, wo sein Schüler steht und sich beständig bemüht, ihn
weiterzubringen? Der sich selbst vergisst und dasselbe, wenn es auch für einen
natürlichen Menschen noch so verdrießlich sein sollte, so lange wiederholt,
bis die Lektion gelernt ist oder seine Arbeit durch den Tod unterbrochen wird?
Zeigten die Apostel darin nicht etwas von dem Geiste des Herrn? Ich denke an
Johannes 14,10–11. Philippus hatte gesagt: „Herr, zeige uns den Vater, und
es genügt uns.“ Der Herr hatte in Johannes 10,38 darauf hingewiesen, wie sie
erkennen konnten, dass der Vater in Ihm war und Er in dem Vater. „Glaubet den
Werken …, auf dass ihr erkennet und glaubet, dass der Vater in mir ist und ich
in ihm.“ Auf die Frage des Philippus antwortet der Herr in Gnaden, indem Er
wiederholt: „Glaubst du nicht, dass ich in dem Vater bin und der Vater in mir
ist? Die Worte, die ich zu euch rede, rede ich nicht von mir selbst; der Vater
aber, der in mir bleibt, er tut die Werke. Glaubet mir, dass ich in dem Vater
bin und der Vater in mir ist; wenn aber nicht, so glaubet mir um der Werke
selbst willen.“
Doch die Apostel blieben nicht bei den Bedürfnissen des Augenblicks stehen;
ihre Sorge für die Heiligen ließ sie an die Zukunft denken. Auch darin folgten
sie dem Beispiel ihres Herrn. Petrus schreibt: „Ich will mich aber
befleißigen, dass ihr auch zu jeder Zeit nach meinem Abschiede imstande seid,
euch diese Dinge ins Gedächtnis zu rufen“ (2Pet 1,15). Paulus warnte die
Ältesten von Ephesus vor den verderblichen Wölfen, die hereinkommen würden,
und vor den bösen Dingen, die nach seinem Abschied aus ihrer Mitte hervorgehen
würden. Den Thessalonichern schreibt er über den Antichrist, der aufstehen
würde. Dem Timotheus beschreibt er den Abfall in den letzten Zeiten und die
Bosheit der letzten Tage (1Tim 4; 2Tim 3). Diese Lehrer verrichteten ihren
Dienst nicht unwillig. Sie waren mit ihrem ganzen Herzen dabei. Gnade hatte sie
zu willigen Dienern Gottes gemacht; Liebe machte sie zu hingebungsvollen
Arbeitern für die Heiligen. Wenn sie auch Geld oder anderen Beistand von den
Gläubigen annahmen, so war ihr Lohn doch nicht auf der Erde; ihre Hoffnung,
ihre Freude, ihre Ruhmeskrone waren die, die durch sie bekehrt wurden. Bei der
Ankunft des Herrn Jesus würde das sichtbar werden.
Paulus dachte nicht nur an die Zukunft, sondern er ermahnte auch Timotheus,
das, was er von ihm in Gegenwart vieler Zeugen gehört hatte, treuen Männern
anzuvertrauen, die tüchtig sein würden, auch andere zu lehren (2Tim 2,2). In
den Briefen an seine beiden Kinder im Glauben weist er darauf hin, welche
Eigenschaften Lehrer haben sollten, die weder Apostel noch Propheten sind (denen
Offenbarungen zuteilwurden), und die Kenntnis dieser Eigenschaften ist für uns
heute doch gewiss von großem Wert.
Nur noch einige kurze Worte zu unserem Thema. Schon damals gab es Männer,
welche die Gottseligkeit als ein Mittel zum Gewinn betrachteten, die um
schändlichen Gewinnes willen lehrten, was sich nicht geziemt (1Tim 6; Tit 1).
Der Mensch Gottes muss solche Dinge fliehen. Für die Gläubigen hat er ein
Vorbild zu sein; Ungläubigen oder Widersachern gegenüber hat er sich so zu
verhalten, dass sie nichts Schlechtes über ihn zu sagen haben (1Tim 4,12; 2Tim
2,24; Tit 2,7–8). Im Blick auf die Lehre hat sich ein Lehrer in jeder Hinsicht
dem Wort Gottes zu unterwerfen. Es existiert nicht die geringste Andeutung auf
irgendwelche zukünftigen Offenbarungen, welche die Belehrungen des Apostels
irgendwie abändern könnten. Es gibt kein einziges Wort, das auch nur irgendwie
darauf hindeutet, dass die Schrift nicht vollauf genügt oder nicht absolut
vertrauenswürdig wäre. „Alle Schrift ist von Gott eingegeben“, heißt es,
„auf dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werke völlig
geschickt.“ Das ist der Stempel unveränderlicher, göttlicher Autorität, der
dem Wort aufgeprägt ist. Da ist jede Notwendigkeit ausgeschlossen, sich für
die Dinge, die der Gläubige nötig hat, anderswohin zu wenden. Timotheus hatte
das Bild gesunder Worte, die er von Paulus gehört hatte, festzuhalten. Was der
Geist ausdrücklich sagte, das sollte er den Brüdern vorstellen (1Tim 4). Im
Hinblick auf die gefahrvollen Zeiten, die kommen würden, sollte Timotheus in
dem bleiben, was er gelernt hatte; er sollte das Wort predigen (nicht seine
eigenen Gedanken oder Vorstellungen), indem er alle Gelegenheiten, die sich ihm
boten, ausnutzte.
Welche Vorrangstellung wird dem geschriebenen Wort gegeben, und welch ein
Wert wird ihm beigemessen! Wie verschiedenartig die Werkzeuge, die Gott
benutzte, auch sein mochten, die Worte, in die Gott Seine Gedanken gekleidet
hat, sind nicht Worte, gelehrt durch menschliche Weisheit, sondern Worte,
gelehrt durch den Geist (1Kor 2,13). Das war das Schwert, das in der Anfangszeit
des Christentums gebraucht wurde; es ist die einzige Waffe, mit der auch wir
heute zu kämpfen haben.
aus der Monatszeitschrift Hilfe
und Nahrung, 1970, S. 22-32
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