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Leitverse: Matthäus 28
Am Abend vorher kamen Frauen, um sich den Ort anzusehen, wo Jesus begraben
lag. An jenem Morgen, sehr früh noch, als dort nur die Wächter waren, stieg
ein Engel des Herrn hernieder. Es wird uns nicht gesagt, dass unser Herr zu
jener Zeit auferstand. Noch weniger wird gesagt, dass der Engel des Herrn den
Stein für Ihn wegrollte. Er, der durch Türen gehen konnte, die aus Furcht vor
den Juden verschlossen waren, konnte genauso leicht durch den versiegelten Stein
gehen, trotz aller Söldner des Römischen Reiches. Wir wissen, dass sich der
Engel, nachdem er den großen Stein, der die Grabstätte verschloss, weggerollt
hatte, auf diesen setzte. Obwohl nämlich unser Herr von den Menschen verachtet
und verworfen war, erfüllte Er doch die Prophezeiung Jesajas, indem Er Sein
Grab bei einem Reichen fand (Jes 53). Unser Herr erhielt noch ein weiteres
Zeugnis, indem sogar die Hüter, verhärtet und kühn wie diese normalerweise
sind, zitterten und wie Tote wurden. Die Frauen wurden jedoch vom Engel
aufgefordert, sich nicht zu fürchten; denn dieser Jesus, der Gekreuzigte, „ist
nicht hier, denn er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommet her, sehet die
Stätte, wo der Herr gelegen hat, und gehet eilends hin und saget seinen
Jüngern: … Siehe, er geht vor euch hin nach Galiläa“ (V. 6.7).
Letzteres ist ein wichtiger Punkt, um das Thema Seiner Verwerfung, bzw. ihrer
Folgen in Seiner Auferstehung, zu vervollständigen. Deshalb weist Matthäus
sorgfältig darauf hin, obwohl auch Markus für seinen Zweck davon berichtet.
Matthäus spricht nämlich nicht von den verschiedenen Erscheinungen des
Herrn in Jerusalem nach Seiner Auferstehung. Aber er besteht ganz besonders, und
natürlich aus einem guten Grund, darauf, dass der Herr nach Seiner Auferstehung
an dem Ort festhielt, wohin Ihn der Zustand der Juden gewöhnlich geführt hatte
und wo Er Sein Licht nach der Prophetie hatte ausstrahlen lassen. Der Herr nahm
in Galiläa Seine Beziehungen zum Überrest, der durch die Jünger verkörpert
wurde, nach Seiner Auferstehung von den Toten wieder auf. Es war der Platz der
Verachtung seitens der Juden. Dort wohnten die unwissenden Armen der Herde, die
von den stolzen Schriftgelehrten und Führern aus Jerusalem vernachlässigt
wurden. Es gefiel dem auferstandenen Herrn, vor Seinen Knechten her dorthin zu
gehen, um ihnen daselbst zu begegnen.
Als die Frauen aus Galiläa mit dieser Botschaft den Engel verließen, traf
sie der Herr. „Sie aber traten herzu, umfassten seine Füße und huldigten
ihm“ (V. 9). Bemerkenswerterweise wird ihnen dies in unserem Evangelium
erlaubt. Als Maria Magdalene in ihrem Wunsch, Ihm die gewohnte Ehrerbietung zu
erweisen, möglicherweise ähnlich handeln wollte, lehnte Er das entschieden ab.
Das wird jedoch im Johannesevangelium erwähnt (Kap. 20). Wie kommt es, dass die
beiden apostolischen Berichte uns zeigen, wie zum einen die Huldigung der Frauen
angenommen und zum anderen die der Maria Magdalene abgelehnt wurde? Und das
geschah an demselben Tag und vielleicht zu derselben Stunde. Die Handlung selbst
ist in beiden Berichten bedeutungsvoll. Ich nehme an, der Grund liegt darin, dass
Matthäus uns nicht nur vorstellt, wie der verworfene Messias auch als
Auferstandener Seine Beziehungen zu Seinen Jüngern in jenem verachteten Teil
des Landes wieder aufnahm. Er gab auch durch die Entgegennahme der Huldigung
seitens der Töchter Galiläas ein Pfand Seiner besonderen Verbindung zu den
Juden in den letzten Tagen. Denn gerade das werden die Juden von dem Herrn
erwarten. Das heißt, ein Jude rechnet mit der körperlichen Anwesenheit des
Herrn. Im Johannesevangelium ist es genau umgekehrt; denn hier wird das Muster
eines gläubigen Juden aus seinen jüdischen Beziehungen herausgenommen und in
Verbindung mit Ihm gebracht, der im Begriff stand, in den Himmel aufzufahren. Im
Matthäusevangelium wurde Er angerührt. Sie durften ohne Einwände Seine Füße
umfassen und huldigten Ihm in körperlicher Gegenwart. Im Johannesevangelium
sagt Er: „Rühre mich nicht an“ — und aus welchem Grund? — „denn
ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern
und sprich zu ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, und zu
meinem Gott und eurem Gott“ (Joh 20,17). Hinfort sollte Ihm droben die
Anbetung dargebracht werden. Er ist jetzt unsichtbar, doch dem Glauben dort
bekannt. Bei den Frauen im Matthäusevangelium stellte Er sich hienieden der
Anbetung dar. Die Frau im Johannesevangelium sollte Ihn jetzt nur noch als den
Himmlischen kennen. Die körperliche Gegenwart war bedeutungslos; denn der Herr
fuhr in den Himmel auf und verkündigte von dorther unsere neuen Beziehungen zu
Seinem Vater und Gott. So sehen wir in dem einen Fall, wie die jüdischen
Hoffnungen auf Seine Gegenwart auf der Erde als Voraussetzung für die Huldigung
Israels anerkannt werden. Im anderen Evangelium führte Seine persönliche
Abwesenheit und Himmelfahrt die Seelen in eine höhere und passendere Verbindung
mit Ihm sowie auch mit Gott. Selbst solche, die Juden gewesen waren, wurden aus
ihrer alten Stellung herausgenommen, um den Herrn nicht mehr nach dem Fleisch zu
kennen (2Kor 5,16).
In völliger Übereinstimmung damit finden wir in diesem Evangelium nicht die
Himmelfahrt. Wenn wir nur das Matthäusevangelium besäßen, wüssten wir nichts
von diesem wunderbaren Geschehen. Die Weglassung ist so auffällig, dass ein gut
bekannter Kommentar (die erste Auflage von Alford) die vorschnelle und
unehrerbietige Hypothese vorbringt, dass unser Matthäusevangelium eine
unvollständige griechische Version eines hebräischen Originals sei, weil
dieser Bericht fehlt. Denn es war nach Ansicht jenes Schreibers unmöglich, dass
ein Apostel die Schilderung dieses Ereignisses weglassen konnte. Es ist aber so,
dass jede Hinzufügung der Himmelfahrt zum Matthäusevangelium dasselbe
überladen und verdorben hätte. Das schöne Ende des Matthäusevangeliums liegt
gerade darin, dass unser Herr entsprechend der Verabredung Seine Jünger auf
einem Berg in Galiläa traf, während die Hohenpriester und Ältesten
ratschlagten, wie sie ihre Bosheit mit Falschheit und Bestechung verbergen
konnten — und ihre Lüge „ist bei den Juden ruchbar geworden bis auf den
heutigen Tag“ (V. 15). Der Herr sandte Seine Jünger aus, um alle Nationen
zu Jüngern zu machen. Wie groß der Wechsel der Haushaltung ist, sehen wir bei
einem Vergleich mit Seinem früheren Auftrag an dieselben Männer in Matthäus
10. Jetzt sollten sie die Nationen auf den Namen des Vaters usw. taufen. Er
sprach nicht von Gott dem Allmächtigen der Erzväter oder vom Jehova-Gott
Israels. Der Name des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes kennzeichnet
das Christentum. Erlaubt mir zu sagen, dass dies die wahre Formel der
christlichen Taufe ist. Jedes Weglassen dieses Bildes gesunder Worte scheint mir
so verderblich für die Gültigkeit der Taufe zu sein wie jede Änderung in
anderer Hinsicht, auf die man sonst noch hinweisen könnte. Alles Jüdische ist
verdrängt worden. Anstatt einfach das Überbleibsel einer älteren Haushaltung,
die verändert oder vielmehr beiseitegesetzt worden ist, zu sein, sehen wir im
Gegenteil die volle Offenbarung des Namens Gottes, wie er erst jetzt, und nicht
früher, bekannt gemacht worden ist. Dieser konnte frühestens nach dem Tod und
der Auferstehung Christi offenbart werden. Die jüdische Umzäunung, in die Er
während der Tage Seines Fleisches eingetreten war, gab es nicht mehr. Der
Wechsel der Haushaltung dämmerte herauf. Wir sehen, wie streng der Geist Gottes
vom Anfang bis zum Ende an Seinem Thema festhält.
Folglich schließt der Herr dann mit den Worten: „Siehe, ich bin bei
euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters“ (V. 20). Wie sehr wäre
die Form der Wahrheit abgeschwächt, wenn nicht sogar zerstört worden, wenn wir
jetzt noch von Seiner Himmelfahrt läsen! Es ist klar ersichtlich, wie sehr die
sittliche Kraft dieser Worte in dem Zusammenhang, in dem sie hier stehen,
bewahrt wird. Er beauftragte Seine Jünger und sandte sie auf ihre weltweite
Mission mit den Worten: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage.“ Dadurch,
dass wir danach nichts mehr hören und sehen, wird die Kraft dieser Worte unermesslich
groß. Er verhieß ihnen Seine Gegenwart bis zur Vollendung des Zeitalters; und
danach fiel der Vorhang. Wir hören und sehen mit den Augen des Glaubens, wie Er
für immer bei den Seinen auf der Erde ist, während sie auf ihren kostbaren,
aber auch gefährlichen Botengang hinausgehen. Mögen wir aus all dem, was Er
uns gegeben hat, wahren Nutzen ziehen!
Aus Lectures Introductory to the
Study of the Gospels
Heijkoop, Winschoten, NL, 1970
(im Deutschen herausgegeben und übersetzt von J. Das)
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